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Dub Dub (R)evolution

Dub Revolution, Mai 2006

Es ist erstaunlich, dass Dub in letzter Zeit auch das Interesse von Jazz-Musikern weckt, sollte man doch meinen, dass sich diese ungern in das für Dub typische enge Rhythmus-Korsett pressen lassen. Andererseits bietet Dub Gelegenheit zu ausschweifenden Sound-Experimenten und ist zudem ein für Jazzer noch weitgehend unerforschtes Gebiet. Für das Genre sind die Jazz-Musiker jedenfalls eine Bereicherung, erschließen sie ihm doch eine gänzlich neue Soundsphäre, in der die Dub-typischen, fett-stoischen Beats von handgespielte Instrumenten und experimentellen Sounds kontrastiert werden und so einen rauen und lebendig-direkten Charme entwickeln. Die drei Schweizer Adrian Pflugshaupt, Christian Niederer und Marcel Stalder beherrschen diesen Sound perfekt. Unter dem Namen Dub Spencer and Trance Hill liefern sie mit ihrem Debutalbum „Nitro“ (Echo Beach/Indigo) ein äußerst gelungenes Beispiel für die Fusion von Jazz und Dub. Ihr psychedelischer Dub-Sound, der auch gerne mal von Western-Gitarren Riffs oder auch regelrechten Rock-Soli bereichert wird, hält genau die Waage zwischen groovender Bauchmusik und für bewusstes Zuhören geschaffene Kopfmusik. Repetetive Beats und weitgehend live gespielte „Mix-Exkursionen“ – die hier die Funktion der Soli im Jazz übernehmen – wechseln sich in perfektem Timing ab und sorgen dafür, dass das Album über seine gesamte Länge interessant und spannend bleibt. Wer sich unter dieser sehr theoretischen Beschreibung nicht viel vorstellen kann, der denke an eine (rein hypothetische) Zusammenarbeit von Adrian Sherwood und Bill Laswell für das Brooklyner Word Sound-Label; jetzt das Ganze noch als Live-Konzert-Mitschnitt vorstellen – und schon dürfte der verquere und doch eingängige Sound von Dub Spencer und Trance Hill vor dem inneren Ohr erstehen. Und wahrscheinlich auch der Wunsch, dort einmal im Real-Live reinzuhören.

Pionier der Fusion von Dub und Jazz dürfte – abgesehen von einigen Sherwood-Produktionen in den 1980er Jahren – Burnt Friedman sein, der zwischen 2000 und 2004 mehrere Dub-Alben auf seinem Nonplace-Label veröffentlichte. Ziel seines vollständig durchprogrammierten Sounds war es, dem Klang handgespielter Instrumente so nah wie möglich zu kommen. Nun hat das Jazz-Quartett Root 70 (Nils Wogram, Jochen Rueckert, Matt Penman und Hayden Chrisholm) diesen nahezu perfekten Fake mit Hilfe von Posaune, Saxophon, Schlagzeug und Kontrabass in ein tatsächlich handgespieltes „Original“ verwandelt, indem es sieben Friedman-Kompositionen und drei Stücke von Flanger neu – und vollkommen akustisch – vertont hat. Das Ergebnis ist das Album „Heaps Dub“ (Nonplace/Groove Attack) – faszinierend und sehr, sehr schön. Denn obwohl Root 70 angeblich auf Free-Jazz spezialisiert sind, klingt hier alles wohlgeordnet und harmonisch arrangiert – ja es ist sogar weniger experimentell als Dub Spencer und Trance Hill. Zugleich ist die Nähe zum Jazz aufgrund der akustischen Instrumentierung größer. Die Bläser und das Fehlen der Gitarre ergeben ein ganz anderes, weniger raues, äußerst harmonisches Klangbild. (Wahrscheinlich werden die Free-Jazzer entsetzt sein, dies zu lesen …)

Bleiben wir noch ein wenig bei handgespielter Musik. Vom Dub Trio war vor zwei Jahren schon die Rede, damals hatte die Minimal-Band ihr Debut-Album „Exploring the Dangers Of“ vorgelegt. Nun kommt das neue Werk „New Heavy“ (Roir/Cargo) – und der Name trifft es ziemlich genau, denn während das Debut-Album ein Reggae-Dub-Album mit gewissen Rock-Einflüssen war, macht „New Heavy“ einen großen Schritt in Richtung Metall. Ja, richtig gelesen: Metall. Das verrückte ist aber: es funktioniert ziemlich gut – und viel besser als bei den Bad Brains, denn das Dub Trio hat einen ziemlich groovenden Reggae-Beat drauf. Sobald sich der Hörer in diesen Beat fallen lassen will, getragen werden möchte vom tiefen Bass und maßvoll voranschreitendem Schlagzeug, bricht ein Gitarren-Gewitter los, das schlagartig Adrenalin in alle Ecken des Körpers pumpt. Kurz bevor der Stresspegel zu hoch steigt, verhallen die Gitarren und der Reggae-Groove übernimmt wieder die Regie. Zwischen diesen beiden Extremen befindet sich allerdings ein weites Feld von ausgeklügelten und clever arrangierten Dub-Effekten, die aus dem Album ein vielschichtiges musikalisches Erlebnis werden lassen.

Das komplette Gegenteil ist das Projekt der beiden Engländer Garry Hughes und Andrew T. MacKay, das sie unter dem Pseudonym „Bombay Dub Orchestra“ (Exil/Indigo) realisiert haben. Statt kreischender Gitarren gibt es hier Ruhe und Besinnung. In Indien haben Hughes und MacKay ein 28-köpfiges Streichorchester für sich spielen lassen und die Aufnahmen im britischen Heimstudio dann schichtweise übereinander getürmt, bis sie den gewünschten „cinematografisch-symphonischen Panoramaklang“ der Superlative auf Band hatten. Dazu noch schnell ein paar Sitar-, Sarangi-, Tabla- und Bansuri-Solisten und fertig war das musikalische Ambient-Triphop-Dub-Curry. Für uns ist vor allem die Bonus-CD mit den Dub-Mixen interessant. Doch obwohl hier eigentlich alle Ingredenzien stimmen, entwickelt das Curry nicht die nötige Schärfe. Man schafft es maximal fünf Minuten lang konzentriert hinzuhören, dann sind die Gedanken schon woanders und die Musik nur noch Background-Muzak. Schade.

Ganz anders bei Stefan Schneider und Bernd Jestram, die sich mit ihrem Projekt Mapstation auf einem schmalen Grad zwischen Minimal Techno a lá Kompakt, Minimal Dub a lá Rhythm & Sound und Minimal E-Musik a lá Steve Reich bewegen. Ruhige, kurze, repetitive Beats, ein warmer, bassgetriebener, komplett synthetischer Sound und versteckt angedeutete Melodien kennzeichnen die facettenreichen Produktionen der beiden Berliner. Ihr neues Album „Distance Told Me Things to Be Said“ (scape/Indigo) ist vielleicht das empfehlenswerteste Album dieser Kolumne – auch wenn es nicht leicht fällt, es widerspruchslos in der Kategorie „Dub“ unterzubringen. Doch wie es für Dub typisch ist, so geht von dieser Musik eine starke hypnotisierende Wirkung aus. Die synkopierten Beats tragen das Bewusstsein davon, wie das Klackern der Gleisschwellen bei einer nächtlichen Zugfahrt. In diesen Dämmerzustand mischen sich Geräusche der realen Welt: Irgendwo spielt ein Kind, ein offenes Fenster, ein Auto fährt vorbei. Dann  befindet sich der Hörer unvermittelt in Afrika und wird schließlich von den warmen Melodien einer Posaune ins Hier und Jetzt zurückgeholt – nur um mit dem nächsten Track auf eine neue Reise zu starten. Grandios!

Zum Abschluss noch zwei ganz handfeste Dub-Alben: Die drei Stuttgarter Musiker Wolfram Göz, Michael Friedler und Gabriel Schütz legen unter dem Bandnamen Tokyo Tower ihr Debutalbum „The Meaning“ (www.mutan.de) vor. Es ist ein ruhiges, verhalten experimentelles Dub-Album, das sich deutlich am Sound von Leftfield, Dreadzone und Terranova orientiert. Es steckt voller interessanter Ideen wie etwa der musikalischen Umsetzung der Rede Charlie Chaplins in „Der große Diktator“. Doch, obwohl alle Songs schön entwickelt und detailbewusst umgesetzt sind, fehlt es an der einen oder anderen Stelle noch etwas am Timing und die Rhythms grooven nicht so wie sie könnten. Der unangefochtene Meister des Grooves, Sly Dunbar, ist auf „Skin Flesh & Bones meet The Revolutionaries: Fighting Dub 1975-1979“ (Hot Pot/Indigo) mit seinem „Frühwerk“ zu hören, denn hinter beiden Namen verbergen sich in etwa die gleichen Studiomusiker, vornehmlich Sly & Robbie, die hier 18 Tracks für Lloyd „Spiderman“ Campbell eingespielt haben. Wer genau hinhört, kann in diesen Aufnahmen bereits die Blaupause für Sly Dunbars so typischen „Rockers-Style“ hören, den er später im Channel One Studio zur Perfektion brachte. Die hier versammelten Dubs gehören zwar nicht zu den aufregendsten Produktionen der 1970er Jahre, sind aber trotzdem schön anzuhören – vor allem, wenn Rhythms wie „My Conversation“ oder „Be My Puppet“ erklingen.

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