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Jazzmin Tutum: Share the Flame

Jazzmin Tutum

Dub Poetry ist ein paradoxer Hybrid aus zwei gegensätzlichen Bestandteilen. Erstens Dub: Eine Instrumentalmusik, welche die Aufmerksamkeit der Zuhörer ganz auf Rhythmus und Sound konzentriert. Zweitens Poetry: Gesprochene Gedichte, eine anspruchsvolle Textform also, die vom Zuhörer höchste Aufmerksamkeit fordert. Dub und Poetry – eigentlich können die beiden Konkurrenten um das Ohr der Zuhörer nicht zusammen passen. Und da wäre noch ein Problem: Dub ist ebenfalls anspruchsvoll, und nicht zuletzt deshalb very special interest. Gleiches gilt für Poesie. Auch sie ist kein Bestseller. Minus und minus ergibt in diesem Fall nicht plus, sondern minus zwei, was – poetisch gesprochen – die perfekte Erklärung für die beinahe Nichtexistenz des Genres Dub Poetry ist. Umso erstaunlicher, dass nun, gefühlte 200 Jahre nach dem Wirken eines Linton Kwesi Johnson und 300 Jahre nach dem eines Mutabaruka, tatsächlich, wahrhaftig und wirklich ein neues Dub-Poetry-Album erscheint: „Share the Flame“ (Universal Egg) von Jazzmin Tutum. Es klingt ganz so, als würde die in Japan als Kind einer jamaikanischen Mutter und eines gabunesischen Vaters geborene, in Jamaika aufgewachsene und nun in Freiburg lebende Poetin ein Genre, das trotz (oder gerade wegen) seiner impliziten Widersprüche so faszinierend ist, im Alleingang reanimieren. Na gut, „Alleingang“ stimmt nicht ganz, denn sie hat sich, mit überaus sicherer Hand, die exakt richtigen Partner für ihr Projekt ausgewählt: Neil Perch (auch ausführender Produzent), Ralf Freudenberger (Jazzmins langjähriger, musikalischer Kollaborateur), Madtone, Brain Damage und – kongenialer geht es nicht – Hey-O-Hansen! Fünf unterschiedliche Styles – zusammen gehalten von Jazzmins eindringlicher Sprechstimme und ihren cleveren, engagierten, manchmal rätselhaften aber stets assoziationsstarken Lyrics. Wie zur Bestätigung meiner oben erwähnten These, dass Dub und Poetry um die Aufmerksamkeit der Zuhörer konkurrieren, trägt dabei mal der Dub und mal die Poetry den Sieg davon. Bei den drei Hey-O-Hansen-Stücken – die definitiv meine Favoriten sind – ist es der Dub: der schräge Tirol-Dub-Sound der beiden Exil-Österreicher ist so eigenwillig, dass Jazzmins Stimme sich zwangsläufig ins Gesamtkunstwerk einfügen muss. Das von ihr in steter Wiederholung rezitierte deutsche Volkslied „Hejo, spann den Wagen an“ wird so zu einem teils surrealen, teils magisch-mystischen, auf jeden Fall aber grandios einzigartigen Hörerlebnis. Bei den anderen Produktionen müssen die Dubs der charismatischen Poetin den Vortritt lassen. Z. B. bei dem beeindruckenden, von Madtone & Neil Perch aufgenommenen, „Dis Ya Time“ – einer sehr viel einfacheren aber musikalisch wie textlich äußerst faszinierenden Produktion, der eine eigentümlich fatalistisch-aggressive Stimmung innewohnt. Auch Braind Damages orientalisch anmutender Titel „New World Order“ mit einer, für Jazzmins Verhältnisse, geradezu explizit und im Klartext formulierten, politischen Anklage, zählt zu meinen Lieblingsstücken des Albums. Selbst Jazzmins Rezitationen ohne Musikbegleitung sind, dank ihrer eindringlichen Intonation, faszinierend und spannend. Wer Lust verspürt, sich mal wieder so richtig in ein Album zu vertiefen, jeder Note und jedem Wort genau zuzuhören, wird mit „Share the Flame“ reich beschenkt.

Hörprobe bei iTunes

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