
Wie oft hatte ich schon die Aufgabe, ein neues Album von Lee Perry zu rezensieren? Ich habe aufgehört zu zählen. Dabei hatten meine Artikel eigentlich immer den gleichen Inhalt. Hier die Kurzversion: Wichtiger Produzent, interessante Backings und je weniger von Perry zu hören ist, desto besser. Es ist ja auch irgendwie tragisch. Lee Perry, genialer Produzent der 1970er Jahre, innovativ durch und durch, schon immer ein wenig verrückt, aber gerade deshalb auch genial. Zu Recht ein Held der Musikgeschichte. Doch statt seine Reputation still zu genießen, hat er beschlossen, nach der eigenhändigen Zerstörung seines legendären Black Ark Studios, unzählige weitere Alben zu veröffentlichen – eines schlechter als das andere. Nichtsdestotrotz überstrahlt der Mythos „Lee Scratch Perry“ alle Unzulänglichkeiten seiner Musik diesseits der 1970er Jahre. Immer wieder boten ihm (nicht selten recht prominente) Produzenten unterschiedlichster Musikgenres aufsehenerregende Kooperationen an. Und diese liefen stets nach dem gleichen Schema ab: Die Produzenten legten sich ins Zeug und überboten sich entweder darin, den magischen Black Ark-Sound möglichst zu reproduzieren, oder sie kreierten Crossover-Tracks zwischen ihrem jeweiligen Genre und Dub, über die Perry dann, äh, „singen“ konnte. Allerdings verzichtete Perry dabei konsequent auf Melodie und Inhalte. Mit etwas Zynismus ließe sich behaupten, dass die Dub-Versions immer das Beste an diesen Alben waren.
Nun haben wir es wieder mit einem neuen Perry-Werk zu tun. Der wichtige Produzent ist dieses Mal der vielleicht nicht weniger legendäre Adrian Sherwood. Er hat eine herausragende Stellung, denn er war es, der Perry 1987, rund zehn Jahre nach dem Black Ark-Niedergang, sein einzig wirklich gutes Album „Time Boom X De Devil Dead“ abrang. Auch danach fanden die beiden immer mal wieder zusammen, so wie auch jetzt. Das neue Werk, „Rainford“ (On-U sound), entstand in den letzten beiden Jahren an verschiedenen Orten der Welt und wird als das „persönlichste“ Werk des 83-jährigen vermarktet. Betitelt nach seinem Geburtsnamen, erzählt Rainford Hugh Perry darauf angeblich aus seinem Leben. Mir gelingt es allerdings kaum, seine genuschelten Lyrics zu verstehen. Das Album erscheint jedoch auch in Form aufwändiger Editionen – eine gar auf goldenem Vinyl gepresst –, denen die Lyrics als Booklet beiliegen. Viel Spaß beim Lesen.
Versteht mich nicht falsch. Ich habe großen Respekt vor Perrys Beitrag zur Reggae- und Musikgeschichte und zudem bewundere ich sehr seine Energie, in dem hohen Alter noch in den Studios und auf den Bühnen der Welt unterwegs zu sein. Perry ist wirklich einzigartig. Aber leider, leider sind seine Qualitäten als Songwriter und Sänger im Post-Black Ark-Zeitalter überaus beschränkt und ich muss ehrlich bekennen: Die Produktionen können noch so gut sein, sobald Perry seinen Senf dazu gibt, bin ich nur noch genervt. Das ist bei „Rainford“ nicht anders. Vielleicht sogar noch etwas schlimmer: Sherwood versucht dem kratzbürstigen Toasting/Gesang Perrys musikalisch zu begegnen und lässt seine Backings oft nicht weniger ruppig klingen. Ein cleveres Konzept, das wirklich hoch spannende Musik hervor bringt. Aber in Kombination mit Perrys Vocals klingt es oft einfach nur noch chaotisch. Kurz: Ich freue mich auf das Album „Rainford in Dub“.








