
Wieder mal so ein legendäres, ikonisches, ja heiliges Album der Reggae-Geschichte, dem man mit einer kleinen Rezension niemals gerecht werden kann. Zu sehr hat sich die Aura eines Meisterwerkes dieses Albums bemächtigt, als dass noch ein unvoreingenommener, vielleicht sogar kritischer, Blick darauf möglich wäre. Also versuche ich es erst gar nicht. Hier ist Rico Rodriguez’ Meisterwerk „Man from Wareika“ (Island) als hochwertige Wiederveröffentlichung, mit vielen Bonus-Tracks (zum Teil sogar bisher unveröffentlicht) und vor allem mit einem ganz besonderen Schmankerl: Der Dub-Version „Wareika Dub“, die 1977 in kleiner Stückzahl als White-Label erstmals das Licht der Welt erblickte. Also eine fette Doppelpackung, die dazu Anlass gibt, dieses – wahrscheinlich etwas in Vergessenheit geratene – Werk neu zu hören. Ich hab’s gemacht und war einigermaßen verblüfft. Ich hatte nicht erinnert, dass es von solch unfassbarem Jazz-Appeal beseelt ist. Zudem schwingen da noch eine Menge Ska-Anklänge mit (vor allem beim Titelstück). Jetzt verstehe ich auch, warum zeitgenössische Medien davon sprachen, Rico hätte ein neues Genre erfunden: Jamaican Jazz. So ganz abwegig ist diese Sicht nicht – zumal der trockene Sound der Aufnahmen auch Jazz-typisch ist. Rico – ein Absolvent der Alpha Boys School – war auf „Easy Snapping“, 1958 von Theophilius Beckford im Studio One aufgenommen, zum ersten Mal auf Platte zu hören. Noch bevor seine Karriere so richtig in Fahrt kam, emigrierte er 1961 nach England und begleitete die musikalische Revolution, die sich in den Folgejahren in seiner Heimat vollzog, vom Exil aus. 1976 nahm er dann ein Demo-Instrumental für Island Records auf: „Africa“, was ihm umgehend den Vertrag für ein ganzes Album einbrachte. War „Afrika“ noch in England produziert worden, so nutzte er jetzt die Gelegenheit, nach Jamaika zurück zu kehren und dort, bei Randy’s und Joe Gibbs mit den angesagten Studiomusikern der Zeit (u. a. Sly & Robbie, Ansel Collins, Lloyd Parks, Junior Marvin, Scully Simms) das komplette Album einzuspielen. Weil das Album so enorm erfolgreich war, wurde alsbald die Dub-Version bei Errol Thompson und Karl Pitterson in Auftrag gegeben. Eine Dub-Version? Es klingt zunächst nach einer ziemlich verrückten Idee, Ricos Posaunenspiel stummzuschalten, denn dass würde bei einem Dub-Mix unweigerlich über weite Teile der Fall sein. Und – was soll ich sagen – es war und ist in der Tat eine verrückte Idee. Ricos Posaune weicht Drum & Bass, auch wenn sie an entscheidenden Stellen immer mal wieder kurz zum Vorschein kommt. Aber merkwürdig: Die Abwesenheit des Lead-Instruments erzeugt eine eigentümliche Spannung, die gar nicht unattraktiv ist. Daher stelle ich mal die gewagte These auf, dass speziell dieses Dub-Album seine volle Stärke erst in der Kombination mit dem Instrumental-Album ausspielt. So gesehen ist diese Doppel-CD also das historisch ideale Format für Ricos Musik. Und dann wären da ja noch die 15 (!) Bonus-Tracks, die zwar ein wenig den Konzept-Ansatz des Doppelalbums verwässern, aber dennoch einen ordentlichen Mehrwert bieten. Mein Favorit findet sich übrigens auch unter dem Bonus-Material: „Take Five“, Ricos grandiose Interpretation von Dave Brubecks Jazz-Klassiker, als 12“-Showcase-Mix.
