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Lee Scratch Perry & Subatomic Sound System: Super Ape Returns to Conquer

Erst war ich skeptisch, sehr skeptisch. Warum ein Meisterwerk nachspielen? Was bringt ein Remake, wenn das Original so leicht verfügbar ist? Lee Perrys „Super Ape“-Album, mit dem er 1976 via Island Records der Welt das definitive Manifest des Dub offenbarte, wurde wahrscheinlich Millionen Male verkauft, steht im Plattenregal eines jeden Reggae-Fans und Spotify & Co. streamen es täglich hinaus in den digitalen Äther. Warum also jetzt Lee Scratch Perry and Subatomic Sound System: „Super Ape Returns to Conquer“ (Echo Beach)? Eine sehr theoretische Frage, wie ich mir beim ersten Hören des Albums eingestehen musste. Doch bevor ich sie ausführlich beantworte, schauen wir uns erst einmal das Projekt und seine Protagonisten genauer an. Im Zentrum steht vermeintlich ein Mann: Lee Perry. Doch der Schein trügt (auch, wenn die PR-Kampagne, wie schon so oft, auf das alleinige Genie von Perry abhebt). Der Mann im Zentrum des Geschehens ist tatsächlich John Emch, der auch hinter dem New Yorker Subatomic Sound System steht, das sich seit seiner Gründung im Jahr 1999 in einer ganzen Reihe elektronischer Musikgenres getummelt hat. Bereits 2001 begann das Sound System mit Perry durch die Welt zu touren und Live-Instrumente mit elektronischen Beats zu kombinieren. Sieben Jahre später fusionierte John Emch klassische Perry-Stücke mit Dubstep und veröffentlichte 2014 mit „Black Ark Vampires“ einen sehr erfolgreichen Song für Perry, der von heftigem Sub-Bass und elektronischen Drums geprägt war – und trotzdem irgendwie nach Black Ark klang. Das Konzept war damit definiert: Wir katapultieren Perrys Black Ark-Sound in die Gegenwart, indem wir ihn mit ordentlich Wumms untenrum ausstatten. Oder – mit John Emchs Worten: „It sounds like the classic Black Ark vibes in the high frequencies but in the low end, it has the weight and punch of electronic music, dubstep and hip hop, that gets people moving“. Keine Ahnung wie Emch das gemacht hat, ob er ein Champion-Soundengineer ist, ein begnadeter Musiker oder einfach Sample-Wizzard: Der Black Ark-Sound stimmt zu hundert Prozent. Wer das Remake nebenbei hört, könnte glauben, der DJ spiele das Original. Doch ein direkter Vergleich offenbart den Unterschied: Das glorreiche Original von 1976 klingt erstaunlich schlapp. Das hatte ich noch nie so wahrgenommen, aber „Super Ape“ ist ganz schön schwach auf der Brust. Vor allem auch am Arsch, da wo der Bass sitzt, fehlt dem Original Substanz. Und genau hier fährt das Remake schweres Geschütz auf – aber ohne es zu übertreiben. Eigentlich klingt der „Return“ genau so, wie ich den „Super Ape“ mental abgespeichert hatte – obwohl die Unterschiede bei genauem Hinhören eklatant sind. Was jetzt allerdings eine Frage von philosophischer Dimension aufwirft: Kann ein relativ unkreatives Remake besser sein als ein genial innovatives Original von vor 40 Jahren? Wer das Remake des Films „Ghost in the Shell“ gesehen hat, weiß wovon ich rede. Visuell fantastisch, kopiert es das Original fast in jeder Szene (und vereinfacht zudem noch die Story). Die Kritiker waren sich einig und haben das Remake abgestraft. Fans hingegen waren von der visuellen Opulenz schwer beeindruckt. Wie lässt sich das Dilemma lösen? Gar nicht. Es muss eine klare Entscheidung für eine der beiden Seiten her. Deshalb würde ich jetzt mal ganz selbstverleugnend behaupten: Die Aura des Originals ist unantastbar. Wer käme auf die Idee, Rembrandts „Nachtwache“ durch eine neu gemalte Kopie zu ersetzen, weil die Farben des Originals nicht mehr die volle Leuchtkraft haben? Das Original ist ein historisches Dokument von großem kulturellen Wert – auch, wenn wir heute lieber Fernsehserien in 4K-HD anschauen, statt patinaverdunkelte Ölgemälde in Museen. Also ist auch Perrys original „Super Ape“ unantastbar und für immer ein Meisterwerk – auch, wenn wir heute lieber Dub mit heftigem Sub-Bass anhören. Daraus folgt: „Super Ape Returns to Conquer“ ist ein Sakrileg von Teufelshand. Lasst die Finger davon! Verzichtet auf das sinnliche Vergnügen von Black Ark-Magie in Bass-Wonderland! Entbehrt der Sinneslust an großartigen Mixen und crispen Sounds. Und vor allem: Wagt nicht, es auf einem echten Sound System zu hören, euch lustvoll in den Bass-Wellen zu suhlen und lasziv dazu zu bewegen! Jah sieht alles.

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Mad Professor Meets Jah9: In the Midst of the Storm

Der verrückte Professor ist doch immer noch für eine Überraschung gut. In den letzten Jahren hatte ich schon die Hoffnung aufgegeben, dass er zu alter Größe zurück finden würde. Von wenigen Ausnahmen abgesehen (z. B. „Black Ark Classics in Dub“), sind seine jüngeren Dub-Werke eher uninspiriert heruntergemixte Alben, basierend auf oft mäßigem Ausgangsmaterial. Doch nun hat er meinen vollen Respekt mit einem Schlag zurück erobert. Mit „Mad Professor Meets Jah9 In the Midst of the Storm“ (VP) liefert er sein amtliches Alterswerk ab – auf dem Niveau von (ja, sagen wir es ruhig) „Massive Attack vs. Mad Professor: No Protection“. Hier schließt sich der Kreis, Neil Fraser könnte jetzt guten Gewissens in Rente gehen – ungeschlagen und auf der Höhe seiner Kunst. Schon die Ausgangslage ist perfekt: Jah9 trifft auf Mad Professor. Da würde man selbst nicht drauf kommen, obwohl die Kombination schlicht genial ist. Zwei Nonkonformisten, beide ein wenig verrückt, Fanatiker leicht schräger Sounds jenseits des Mainstreams und besessen von maximalem Qualitätsanspruch machen gemeinsame Sache. War es die Meistersängerin mit den eigentümlichen Melodien, die auf die Idee kam? Jedenfalls hätte Neil Fraser kein besseres musikalisches Material bekommen können, als die kunstvoll-komplexen Produktionen von Jah9. Wie großartig diese sind, war auf ihrem Album „9“ gar nicht so offensichtlich. Vielleicht, weil sie von ihrem Gesang überstrahlt wurden. Erst jetzt, in der Dub-Interpretation von Mad Professor werden ihre Komplexität, ihre fragil-spröde, wunderschöne Konstruktion und ihr akustischer Reichtum so richtig deutlich. Ein musikalischer Schatz, den Neil Fraser mit Ehrfurcht zu würdigen wusste. Deshalb hat er ihn nicht einfach „dekonstruiert“, ihm Effekte verabreicht und Bass rein gedreht. Ganz im Gegenteil. Vielmehr legte er den tieferen musikalischen Kern eines jeden Stückes ganz sensibel offen, indem er es entschlackte, mit kongenialem Sound-Gespür einzelne Aspekte herausgriff und betonte und ihm schließlich eine spannende, kontrastreiche und höchst kunstvolle neue Dramaturgie verlieh. Das Ergebnis ist ein Dub-Album für den Kopf und für Kopfhörer, das im Sound System zweifellos sofort den Saal leer spielen würde, denn das natürliche Habitat dieser Dub-Kunst liegt zwischen den Ohren, nicht im Bauch.

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Riddim Research Lab: Research Programm #1

Ich liebe diese schrägen Dub-Produktionen von Genre-Außenseitern. Sei es, dass sie mit den Dub- und Reggae-Konventionen nicht vertraut sind, sei es, dass sie sie absichtlich ignorieren oder sei es, dass sie lediglich ihren eigenen Konventionen treu bleiben, das Ergebnis ihres eklektizistischen Tuns ist genau und gerade deshalb sehr oft faszinierend. Hier haben wir wieder so einen Fall: Riddim Research Lab, „Research Lab #1“ (Gamm). Das Research Lab ist das Projekt der beiden Londoner Gordon Brown Jr. und DJ Neeet, das wahrscheinlich niemals an die Wahrnehmungsschwelle des Underground gelangt wäre, hätte der angesagte russische House-DJ Lay-Far nicht eines Tages im Londoner Reckless Record Store beim Stöbern in der Dub-Sektion einen Typen getroffen, der ebenfalls dort nach schwarzen Dub-Perlen suchte. Gleich zwei Typen in der ansonsten eher verwaisten Ecke des Plattenladens? Da kommt man ins Gespräch und schließlich drückte der Brite dem Russen eine CD-ROM mit den Worten in die Hand: „Some dub-influenced beats I’m working on with my friend. If you like King Tubby and house – you may enjoy it“. Erst ein Jahr später purzelte die längst vergessene CD zufällig aus Lay-Fars Plattenkoffer und entpuppte sich beim Anhören als wahrer Schatz. Schräge Dub-Sounds, vertrackt und doch unglaublich groovy, mit Ecken und Kanten und doch absolut rund. Wer hören will, kann hören, wer lieber tanzt, der tanzt – beides geht gleichermaßen gut. Manche Rhythms gerieren sich gelegentlich leicht funky, bleiben aber dank Hall und Echo doch stets Dub-kompatibel. Sind die Ohren vom Steppers-Bass verklebt, dann hilft es, sie sich vom Research Lab frei blasen zu lassen.

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Riddimentary: Suns of Dub Selects Greensleeves

Seit Greensleeves zu VP gehört, wird der Back-Katalog ausgeschlachtet. Und seit K7 Mitte der 1990er Jahre die DJ-Kicks-Reihe etablierte, gelten von Artists kuratierte Sampler als probates Mittel, alte Stücke mit Hilfe aktuell angesagter Namen zu vermarkten. Also dürfen als innovativ geltende Artists nun auch im Greensleeves-Archiv wühlen. Den Anfang machte Diplo, gefolgt von den Suns of Dub (Ras Jammy, Jah Bami und Addis Pablo) mit: „Riddimentary: Suns of Dub Selects Greensleeves“ (VP). Natürlich starten die beiden ihre Selection mit einem Augustus Pablo-Stück, pflügen danach allerdings etwas wahllos kreuz und quer durchs Archiv. Mit viel gutem Willen ließe sich behaupten, dass die ausgewählten Stücke von z. B. Eek-A-Mouse, Sugar Minott, Dillinger, Linval Thompson, John Wayne, Tenor Saw, Sister Nancy oder Yellowman einen latenten, ganz und gar dezenten Dub-Appeal haben. Warum sich die selbsternannten New Age-Dubber allerdings nicht an dem richtigen, gigantischen Dub-Konvolut von Greensleeves vergriffen haben, bleibt ihr Geheimnis.

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Sonoro Dub: Sonoro Dub

„Sonoro Dub ist ein Artist, der beständig auf der Suche nach neuen Wegen ist, die Verbindung zwischen seinen Hörern und der Intention seiner Musik herzustellen, dies zu einer einzigartigen Erfahrung zu machen und das Ziel zu erreichen, den Klang des Universums zu vermitteln.“ Hä? Ist der Mann Politiker, oder was soll diese Sonntagsrede? Dubben kann er jedenfalls besser als Texten, wie sein Album „Sonoro Dub“ (Pipa Music) beweist. Schöne, moderne Dub-Sounds, echte Instrumente – vor allem immer wieder mal großartige Bläser – und absolut tighte Rhythms. Das Ganze in intensiver Dub-Atmosphäre, auch wenn gelegentlich Vokalisten ihren Senf dazu geben. Herausragende Stücke sucht man allerdings ebenso vergeblich, wie Nieten. Deshalb: Give it a try.

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Dennis Capra Meets Dub Tree: 4 x 4 in Dub

Es gibt ihn noch, den ganz „normalen“ Dub: Dennis Capra Meets Dub Tree, „4×4 in Dub“ (Kapra Dubplates). Musik, die kein Statement sein, keine Grenzen überschreiten will, sich aber auch nicht in gefälligem Retro-Style ergeht. Ein bisschen Steppers, ein bisschen Soundsystem-Look & Feel, ein paar Vocals und ansonsten unaufgeregtes Dub-Mixing. 4 x 4 = 16 Tracks, auf der Basis von 4 Rhythms, bietet uns das Album der beiden Italiener, die hier ihre Kräfte bündeln. Mir gefällt der solide, angenehm warme Sound der beiden. Varianten eines Rhythms besitzen sowieso ihren eigenen Reiz, lediglich auf den nicht immer stilsicheren Gesang hätte ich verzichten können.

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King Tubby & The Aggrovators: Dubbing in the Backyard

In schöner Regelmäßigkeit meldet sich Pressure Sounds zu Wort. Ganz leise und bescheiden befördert das Label Reggae-Geschichte in die Gegenwart. Zuletzt geschehen mit „Go Away Dream“ von Delroy Wilson (ein ziemlich schnulziges Album, übrigens) und King Tubby & The Aggrovators, „Dubbing in the Backyard“ (Pressure Sounds). Beide wurden 1982 von den Aggrovators eingespielt, die hier ihr Bestes gaben, möglichst so zu klingen, wie die Roots Radics – was übrigens gerade den Reiz des Dub-Albums ausmacht, denn ich bin der Meinung, dass sich kein Reggae-Stil besser zum Dubben eignet, als der ultra langsame Rub-a-Dub der frühen 1980er Jahre. Gemixt wurden die Dubs vom jungen Prince Jammy in King Tubbys Studio. Die wieder veröffentlichte Viny-LP enthält genau die zehn Tracks des Originals, der digitale Release zusätzlich drei Bonus Tracks und der CD wird das oben erwähnte Delroy Wilson-Album gratis bei gepackt (und kostet übrigens genau so viel wie die LP). „An excellent package“, wie Pressure Sounds meint.

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Danman: Chant Down Babylon

Und noch ein fettes, fettes Showcase-Album: Danman, „Chant Down Babylon“ (Dubquake). Produziert von O.B.F.-Soundsystem, ist es wahrscheinlich das mächtigste Steppers-Album, das mir in letzter Zeit untergekommen ist. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, je ein Studio-Album gehört zu haben, das den Vibe einer Dub-Soundsystem-Session besser vermittelt hätte, als „Chant Down Babylon“. Heavy duty indeed – der Bass wiegt Tonnen schwer und die Drums stampfen stoisch durch den Echo-Dschungel, als gäbe es kein Morgen. Beim erste Track „Be Wise“, wurde mir die tiefere Wahrheit des Spruchs „Glück ist, wenn der Bass einsetzt“ gewahr. Was würde ich darum geben, dieses Album in maximaler Lautstärke zu hören. Leider erlaubt es der Statiker nicht, das zuhause auszuprobieren. Danman feiert übrigens bald vierzigjähriges Berufsjubiläum. In den letzten Jahren hat der MC das Iration Steppas-Soundsystem am Mikrophon begleitet. Nun bekommt er seine erste eigene Veröffentlichung, sechs Vocals und sechs Dubs, schön im Wechsel. Inhaltlich bleibt er auf dem Teppich, seine Kunst, den Rhythm zu reiten, ist jedoch überirdisch. Genug geschwärmt: Selber hören.

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Dub Sheperds: Time to Reap

Showcase-Alben sind offenbar wieder en vogue. Und wenn’s kein astreiner Showcase-Style ist (Vocal gefolgt von Dub), dann gibt es mindestens eine fette Ladung Dub als Bonus Tracks. Schöne Entwicklung. Wurde auch Zeit, dass Dub in der Reggae-Szene wieder zu Aufmerksamkeit und Wertschätzung gelangt. Doch: Hat ein Showcase-Album ein Anrecht auf einen Platz im Dubblog? Gute Frage. Ich würde mal sagen: kommt drauf an. Und zwar darauf, ob die Dub-Versions a) zahlreich und b) von so herausragender Qualität sind, dass sie den Kauf des Albums rechtfertigen (denn aus unserer Sicht, liebe Leser, sind die Vocals die Bonus-Tracks, gell?!). Da hätte ich ein Album, das diese Kriterien erfüllt: Dub Sheperds: „Time to Reap“ (odgprod). Die Dub Sheperds sind zwei junge Dubheads aus Frankreich: Doctor Carty und Jolly Joseph, die vor vier Jahren damit begannen, ihr eigenes Material zu produzieren. Ihre Methode: Komponieren eines Riddims, Probe, Einspielen und Mixing – alles findet in einem Zug statt, denn es gilt, den unwiederbringlichen Vibe der ersten Session einzufangen. Der Dub-Mix wird übrigens auch „live“ produziert, direkt vom Mischpult auf Band. Kein langes Rumgefrickel. Daher besitzen die Vocal-Versionen ein wunderbares Live-Flair, während die Dubs Old School in Reinform sind. Wäre Tubby ein Franzose gewesen: seine Dubs hätten wahrscheinlich so geklungen. Also: Daumen rauf für die Dub Sheperds: Die Dubs lohnen den Kauf des Albums – was allerdings gar nicht nötig ist, denn „Time to Reap“ gibt’s kostenlos: odgprod.com.

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Kingston All-Stars: Dubwise

Nach Inna de Yard sind die Kingston All-Stars der neuste jamaikanische Retro-Hype. Ein Club alter Herren, allesamt Veteranen des analogen Zeitalters, virtuose Handwerker und überhaupt, Protagonisten einer besseren Zeit. Da schwingt Reggae-Romantik mit. Mich erinnert es fatal an den Buena Vista Social Club der 1990er Jahre. Aber egal, wenn die Musik stimmt, kann auch das Marketing nicht böse sein. Deshalb danken wir dem kanadischen Musiker, Toningenieur und Produzenten Moss Raxlen, der das Projekt auf die Beine gestellt hat und von dem gesagt wird, er sei auch die treibende Kraft hinter dem Film „Rocksteady: The Roots Of Reggae“ gewesen, einer sehr schönen Hi-Fidelity-Filmdokumentation über die letzten lebenden Helden des Rocksteady (auch hier drängt sich eine Erinnerung an Wim Wenders Buena Vista Social Club-Film auf). Wie für „Rocksteady“ hat Raxlen auch für die Kingston All-Stars ein kleines, feines Who is Who der besten Musiker der 1970er Jahre zusammen getrommelt: Sly Dunbar, Mikey „Boo“ Richards, Jackie Jackson, Robbie Lynn, Ansel Collins, Mikey „Mao“ Chung und andere mehr. Vokalisten waren auch mit von der Partie: u. a. Stranger Cole, Cedric Myton und Prince Allah. Im April erschien dann das wirklich großartige Album „Presenting Kingston All-Stars“, von dem nun – auch das ist wunderbar Old School – die Dub-Version vorliegt: „Kingston All-Stars Dubwise“ (Roots & Wire). Dub-Version? Moment mal, da kann ich mir die Ohren wund hören, aber einige der Tracks lassen sich keinem Original zuordnen. Sehr schön, „dubwise“ ist hier offensichtlich musikalisches Konzept und nicht Zweitverwertung. Aber so sehr ich Dub liebe – ich muss gestehen, dass ich das Original-Album „Presenting Kingston All-Stars“ lieber mag als „Dubwise“. Und das keineswegs, weil die Dub-Versions schlecht wären. Im Gegenteil: Kebra Dub gefällt mir z. B. besser als das Original-Istrumental „Tribute to Kebra Hi-Fi“. Der Grund für die Überlegenheit von „Presenting“ besteht darin, dass dieses Album schlichtweg die besseren Stücke abbekommen hat – mehr von dem A-Material, während „Dubwise“ mit dem B-Material vorlieb nehmen musste. So fantastische Instrumentals wie z. B. „Swing Back“ oder „Eastern Ska“ von „Presenting“ sucht man auf „Dubwise“ vergeblich – was aber auch daran liegen könnte, dass einige der Stücke so sehr von ihrer fantastischen Instrumentierung und wunderschönen Lead-Melodien leben, von der Energie und Spielfreude der Musiker, dass ihnen eine Dub-Dekonstruktion einfach nicht bekommen ist, da sie genau das verloren haben, was ihren ursprünglichen Reiz ausgemacht hat. Okay, lange Rede, kurzer Sinn: Wer kann, hört einfach beide Alben.