Kategorien
Five Star Review

The Mighty Diamonds: Deeper Roots (Back to the Channel)

Nichts Brandaktuelles aber „Back to the Roots“:
Eines der schönsten und besten Dub-Alben aus der Blütezeit des Reggae wurde vor über 40 Jahren als Bonus-LP dem originären Vocal-Album beigelegt – Roots Reggae und Dubs par excellence. Zu hören auf: The Mighty Diamonds: „Deeper Roots“ [Back to the Channel] (Virgin Records). Warum Back to the Channel? Die Mighty Diamonds waren seit ihrem brillanten „Right Time” (aka Need a Roof) aus 1976 fast untrennbar mit Channel One und den vier Hookim Brüdern verbandelt. Nach dem Tod von Paul Hookim, der 1977 Opfer eines Raubüberfalls wurde, zogen sich die restlichen drei Hookims (Joseph „Jojo“, Ernest und Kenneth) aus dem Musikgeschäft zurück und verlegten ihren Lebensmittelpunkt nach Amerika. Einige Monate später kehrten sie wieder nach Jamaika zurück, vergrößerten das Studio in der Maxfield Avenue und brachten es soundtechnisch auf den Stand der Zeit.
Der blutigste Wahlkampf mit über 800 Toten war gerade vorüber und langsam kehrte auf Jamaika so etwas wie „Normalität“ ein.
Die Mighty Diamonds waren, nachdem sie woanders ein paar schwächere Alben eingespielt hatten, auch wieder zur Stelle und lieferten im Channel One Studio ein Album mit z.T. ans Herz gehenden Lyrics ab. Nie waren die Mighty Diamonds militanter. Die Texte spiegeln alles wider, was damals guten Suffarah Roots Reggae ausmachte. Für mich ist „Deeper Roots“ auch heute noch eines der schönsten Alben aus dieser glorreichen Ära. Die Riddims sind immer noch eine echte Offenbarung – Rockers in full Flight. Carlton „Santa“ Davis‘ „beckenlastige“ Beats und George „Fully“ Fullwoods pulsierende Basslines legen das Fundament dieser genialen Riddims. Earl „Chinna“ Smith glänzt mit straffen Gitarrenriffs und Winston „Jelly Belly“ Wright liefert funkige Klavier- und Orgelpassagen. Nicht zu vergessen die Hornsection, die wunderschön satte Beiträge abliefert, als wolle sie die Mauern von Jericho einfach wegblasen. Egal wie straff die Arrangements auch waren, Jojo „The Genius“ Hookim an den Reglern bereicherte sie alle mit wunderschönen Melodien, die tatsächlich allesamt aus der Rocksteady Ära stammen.
Kurz: Auf „Deeper Roots“ passt von vorn bis hinten wirklich alles, das gesamte Opus war und ist immer noch ein Meisterwerk und eine Sternstunde des Reggae. Es hat locker den Test der Zeit bestanden. Der bereits leider verstorbene Jojo „The Genius“ Hookim an den Reglern lieferte einen außergewöhnlich warmen, locker flockigen Dub-Mix, der mich auch heute noch jedesmal in echte Begeisterung versetzt. Deeper Roots (Back to the Channel) ist eines der Alben, die endgültig mein Faible für Reggae und Dub zementierten.

Bewertung: 5 von 5.
Kategorien
Review

Jäh Division: Dub Will Tear Us Apart… Again

Wieder einmal kein klassisches Dub Album im Reggae Offbeat. Also auch nicht unbedingt etwas für Dub-Puristen. Trotzdem ist es doch immer wieder verblüffend, zu hören, welche akustischen Blüten unser kleines aber feines Genre Dub so treibt.
Aus einer Schnapslaune heraus entwickelten die beiden amerikanischen Musiker Brad Truax (Bass) und Barry London (Keyboards) die Idee, Tracks der britischen Post-Punk-Band Joy Division im Dub-Kontext einzuspielen. Um das Projekt in die Tat umzusetzen, wurden der Oneida Perkussionist John Colpitts (aka Kid Millions), Chris Millstein an den Drums und ein paar zusätzliche Musikerkollegen der Bands „Oneida“ und „Home“ mit ins Studio geholt. Die Aufnahmen waren innerhalb eines Tages im Kasten. Das war 2004 und Jäh Division verkaufte die mit vier Titeln und in einer Miniauflage von 800 Stück gepresste EP ausschließlich bei ihren Live-Konzerten. 15 Jahre später wird ein um fünf Tracks angereichertes Reissue Jäh Division: „Dub Will Tear Us Apart… Again“ (Ernest Jenning Record Co.) erneut der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Zu den vier bereits veröffentlichen Joy Division Covers gesellen sich bei der Neuauflage zwei Aufnahmen aus der Original-Session plus drei eines verworfenen Albums. Dem „Isolation Dub“, ein weiteres Joy Division Cover, folgen zwei Eigenkompositionen (die fast 10-minütige Bandimprovisation „Paramount Lobby“ und „Sloppy Homework“) sowie ein Desmond Dekker („Fu Manchu Dub“) und ein Jackie Mittoo („Champion Of The Arena Dub“) Cover.

Die im Schatten der New Yorker Williamsburg Bridge entstandenen psychedelischen Dub-Interpretationen spannen gekonnt einen Bogen vom englischen Manchester über die uns bekannten jamaikanischen Mixing Desk Wizards bis New York.
Jäh Division bleibt lediglich beim Titeltrack relativ nahe am Original. Die Melodie von „Love Will Tear Us Apart“ ist so markant, dass sie selbst denen vertraut sein könnte, die Joy Division nur flüchtig kennen. Meines Erachtens muss man aber nicht zwingend mit der Post-Punk-Band Joy Division vertraut sein, um „Dub Will Tear Us Apart…Again“ schätzen zu können. Die restlichen Tracks offenbaren eher einen dekonstruktivistischeren Ansatz im Dub-Gewand. Töne werden bis zum Äußersten gedehnt, um den Songs einen fast elastischen, pulsierenden Klang zu verleihen. Das Album ist tatsächlich vielmehr als eine eigenständige Einheit zu sehen, welches die Musik der Joy Division Klassiker als Ausgangspunkt nimmt, um sie genüsslich durch den Dub-Wolf zu drehen. Jäh Division schien vielmehr auch die Idee zu gefallen, alle Möglichkeiten zu erkunden, was Dub zu bieten hat. Das Ausloten, was das analoge Equipment und das Studio „dubtechnisch“ so hergeben, hat Jäh Division und Barry London „at the controls“ hörbar Spaß gemacht.
Spätere Elaborate der Easy Star All-Stars wie „Radiodread“ und „Dub Side Of The Moon“ oder auch DubXanne: „Police In Dub“ sind da wesentlich näher am Original geblieben. Dennoch oder gerade deshalb ist und bleibt „Dub Will Tear Us Apart… Again“ ein faszinierendes Beispiel gediegener Dub-Kunst.

Trivia: Jäh Division musste die „Umlautversion“ wählen, weil es bereits eine polnische Band namens Jah Division gab.

Bewertung: 4.5 von 5.
Kategorien
Review

Flying Vipers: Cuttings

Sly Dunbar und Robbie Shakespeare oder Carlie und Aston Barrett sind die Rhythm Twins aus Jamaika. Aber aus Waltham, Massachusetts kommen die wahren Rhythm Twins, die Zwillingsbrüder Mark und John Beaudette von den Flying Vipers.
Die Flying Vipers sind eine Dub-Reggae-Band, bestehend aus John und Marc Beaudette (Destroy Babylon, The Macrotones) und Zack Brines (Pressure Cooker, Kings of Nuthin‘), welche ursprünglich als Nebenprojekt von Destroy Babylon gegründet wurde, um ihr Faible für klassischen Dub und Reggae ausleben zu können. Als Mann an den analogen Kontrollknöpfen und Reglern sitzt von Anfang an Jay Champany (10 Ft. Ganja Plant), der auch die ersten beiden Veröffentlichungen der Gruppe produzierte.
Cuttings“ das erste Album der Flying Vipers in voller Länge ist gerade erschienen und knüpft genau da an, wo die beiden hervorragenden Vorgänger-EPs „The Green Tape“ & „Copper Tape“ endeten. Der Sound klingt wieder wie aus einer anderen Zeit, als jamaikanische Sound-Engineers dazu übergingen, ihre Mischpulte als Hauptinstrument zu nutzen und den Grundstein für das Dub-Genre legten. Wie beinahe zu erwarten, liefern die Vipers erneut süchtig machende Dub-Reggae-Instrumentals, die sowohl an die großartigen Produktionen der alten Engineers wie King Tubby, Sylvan Morris und Lee Scratch Perry, als auch an die jüngeren Dubhelden wie Dennis Bovell, Adrian Sherwood und Daniel Boyle erinnern. Die fantastisch gute Rhythm-Section von Marc und John Beaudette setzt das perfekte Fundament, über das der Keyboarder Zack Brines unter anderem seine schönen, frei fließenden Rhodes-Klavier-Passagen legt. Für die packende Horn-Section wurden zusätzlich noch ein paar Gastmusiker engagiert, die mit ihrer Virtuosität den Sound der Vipers enorm bereichern. Unbedingt positiv hervorzuheben ist auch der vierte Mann im Bunde, Jay Champany. Während heute viele Engineers die digitale Technologie nutzen, bevorzugt er immer noch die analoge Technik. Mit einem ziemlich alten Mischpult, Tapco-Hall, Mutron Phasor II etc. mischt Champany die Songs manuell, während die Band sie mit einem Tascam 488 MK II direkt auf Kassette aufzeichnet. Es entsteht ein sauberer, kohärenter, klassischer Sound und gleichzeitig eine eigene originelle Variante der bewährten Dub-Formel.

Bewertung: 4 von 5.
Kategorien
Review

Tu Shung Peng: Dub Of Light

Auf dem Track „Pass The Kushumpeng“ (=Tu-Shung-Peng) sang Frankie Paul 1980:
„I don’t smoke cigarettes ‚cause it will stop I breath; I man don’t sniff coke ‚cause it will make I choke; All I smoke is the real tu-sheng-peng.“
Ergo, es geht um das heilige „Rastakraut“. Das Original-Instrumental „Darker Shade of Black“ stammt übrigens von Jackie Mittoo und wurde bereits in den Spät-Sechzigern komponiert.
Mitte des Monats veröffentlichte nun das französische Dub-Label ODGProd.com das Album einer nach dem heiligen „Rastakraut“ benannten Band, Tu Shung Peng: „Dub Of Light„. Schon fast traditionsgemäß, ist auch diesmal das über 40-minütige Opus wieder als kostenloser Download zu haben.
Über Tu Shung Peng ist bisher leider noch nicht viel Information zu finden. Das wird sich bei der Qualität der Band aber hoffentlich bald ändern. Nur soviel, es handelt sich um sieben Musiker, die bereits als Backing Band viele jamaikanische Künstler wie: Ken Boothe, Michael Rose, U Roy, Derrick Harriott, Clinton Fearon, Justin Hinds und viele andere auf ihrer Tour durch Frankreich begleiteten. Obwohl viele ODGProd-Künstler sich eher dem französischen Steppers verschrieben haben, verwöhnt uns Tu Shung Peng mit Old School-Riddims, dem wahren Sound des klassischen Roots-Reggaes. Alles gutes Handwerk mit einer bestens aufgelegten Blechbläsersektion und Arrangements die teilweise soulig-jazzige-Einflüsse offenbaren. „Listen To Your Dub“ ist ein schönes Beispiel für gelungene Gitarrenlicks, sattem Gebläse und magischen Nyahbinghi-Drummings. Die Qualität des Albums ist umwerfend gut und es schießen einem beim Hören unwillkürlich Erinnerungen an die frühen Arbeiten von Prince Jammy und Scientist in den Kopf. Da kann man doch wirklich nicht meckern.

Bewertung: 4 von 5.
Kategorien
Review

Nat Birchall meets Al Breadwinner: Tradition Disc in Dub

Der britische Saxophonist/Flötist Nat Birchall feierte bereits 2019 sein zwanzigjähriges Bestehen als Bandleader. Sein Spezialgebiet ist eigentlich zeitgenössischer, spiritueller Jazz im Stile von John Coltrane. Bevor Nat Birchall zum Jazz wechselte, war Reggae seine große Leidenschaft und ist es gewissermaßen auch heute noch. Er wuchs in den 1970ern auf, Reggaes Belle Epoque, als der Stil den Ton angab, der als „Roots-Reggae“ in die Musikgeschichte eingehen sollte. Birchall unternahm fast wöchentlich Einkaufstouren von seiner ländlichen Heimat Lancashire im Norden Englands in das nahe gelegene Liverpool, um die neuesten Jamaika Importe in den Fachgeschäften der Stadt zu kaufen. In einem Interview berichtete Nat Birchall: „Ich habe mein ganzes Geld für diese Platten ausgegeben und die meisten Leute in meinem Dorf kommentierten meinen Musikgeschmack mit: „Was zum Teufel ist das denn? Du bist aber schräg drauf!“
Für Birchalls musikalische Entwicklung ebenso prägend war Count Ossie (Oswald Williams), der Mann, der den typischen Nyahbinghi-Percussionsstil entwickelte, den Rastas bei ihren tagelangen Grounations spielen. Ein wesentliches und exemplarisches Beispiel dieser fabelhaften Grounations, in Rockfort nahe Wareika Hill im Osten Kingstons, ist die in nur drei aufeinanderfolgenden nächtlichen Sessions eingespielte „(Count Ossie &) The Mystic Revelation Of Rastafari – Grounation“ (Ashanti, 1973). Diese Triple-LP genießt einen sehr hohen Stellenwert in Birchalls Plattensammlung als auch seiner Musikwelt. Bei den meisten dieser legendären Aufnahmen war Cedric „IM“ Brooks sowohl Arrangeur als auch am Tenorsaxophon zu hören. Auf dem Meilenstein „Grounation“, der in keiner seriösen Sammlung fehlen sollte, ist der Jazz-Einfluss offenkundig und sprudelt aus jeder Rille – außer bei den Narrations. Die führenden Saxophonisten dieser Ära: Cedric „IM“ Brooks, Tommy McCook, Roland Alphonso weckten Nat Birchalls Interesse für dieses Instrument und beeinflussten ihn stark in seinem Entschluss, Saxophon zu spielen.
Im Jahr 2018 gründete dann Nat Birchall zusammen mit dem in Manchester ansässigen Dub-Produzenten Al Breadwinner „Tradition Disc“. Das Label veröffentlichte bisher die beiden, nicht nur in Fachkreisen hochgelobten, Alben Nat Birchall meets Al Breadwinner feat. Vin Gordon: „Sounds Almighty“ und Vin Gordon: „African Shores”.
Nun folgt der dritte Streich: Nat Birchall meets Al Breadwinner: „Tradition Disc in Dub” (Tradition Disc). Was wir diesmal serviert bekommen, ist ein richtig relaxtes Dub-Album mit schönen Nyahbinghi-Percussions à la Mystic Revelation Of Rastafari und klassischen Dub à la King Tubby. Wie nicht anders zu erwarten, ist „Tradition Disc in Dub” wieder ein sehr schönes, qualitativ hochwertiges Album geworden, das sicherlich auch all denen gefallen wird, die bereits „Soul Almighty” und „African Shores” zu schätzen wissen/wussten.
„Tradition Disc in Dub” wurde wieder mit Tape und analogem Equipment eingespielt. So wie wir das schon seit einigen Jahre von Al Breadwinner gewohnt sind. An der Besetzung wurde nichts Wesentliches verändert: Nat Birchall und Al Breadwinner spielen sämtliche Instrumente, außer Posaune (Vin Gordon) oder Trompete (David Fullwood von den Crispy Horns). Das neue Werk wird meines Erachtens eine ähnliche Begeisterung hervorrufen wie seine Vorgänger, die ich allen nur ans Herz legen kann. Herrlich rootsige Riddims, schöne Horn-Sections, schwere Bass-Lines, Nyahbinghi-Percussions und wie in einer Schlangengrube zischelnde Drums im klassischen flying Cymbals-Style ziehen in ihren Bann. Wie auf dem Album-Cover bereits zu erwarten, hören wir eine Hommage an die guten alten King Tubby/Bunny Lee/Augustus Pablo/Aggrovators Zeiten. Es herrscht eine milde, schon beinahe sanftmütige, magische Stimmung. Auf jeden Fall machen diese Dubs im klassischen Stil immer noch richtig Laune und sind so hinreißend, dass sie selbst einer Steinkopfstatue auf den Osterinseln ein Lächeln auf das Gesicht zaubern könnten.

Bewertung: 4 von 5.

Kategorien
Five Star Review

The Higher Notes: Double Salute

Nein, das ist beim besten Willen kein Dubalbum, aber gleich vorweg eines der besten Instrumentalalben, die ich in letzter Zeit zu hören bekam. Das Album von The Higher Notes: „Double Salute“ (Roots Unity Music) wächst mit jedem Hören und ist wortwörtlich ein „Double Salute“, eine ganz tiefe Verbeugung und Ehrenbezeugung an die Anfänge und die Helden unserer Lieblingsmusik. Was The Higher Notes im Amsterdamer Earth Works Studio geschaffen haben, wird sowohl unsere alten, bereits verstorbenen Helden Tommy McCook, Roland Alphonso, Jackie Mittoo als auch die Produzenten dieser Ära Coxsone Dodd, Duke Reid, Leslei Kong und Prince Buster im Jenseits in Verzückung versetzen – falls dies möglich ist. Der Gedanke gefällt mir jedenfalls. Die insgesamt elf Ska- und Rocksteady-Tunes, von denen nur zwei Coverversionen (Smoke Rings; Solitude) sind, strotzen nur so vor Musikalität und Hooklines, denen sich eigentlich nur ein Gehörloser entziehen kann. Was die Earth Works Posse um Jan „King“ Cooper, Ras P (Peter Klaasen), Uta J. Maruanaya unter Beihilfe von Richard „High Notes“ De Ruige und Milan Van Wingerden hier abliefern, ist aller Ehren wert. Darüber hinaus ist „Double Salute“ eine wunderbare Hommage an den herrlich warmen, sorgfältig arrangierten und orchestrierten Bigband-Sound der 1950er Jahre, der von Vertretern wie Duke Ellington, Benny Goodman, Count Basie, Glen Miller und Eric Dean gespielt wurde, um nur ein paar Größen zu nennen. Jan „King“ Cooper, Ras P (Peter Klaasen), Uta J. Maruanaya haben so viel Zeit, Perfektion und Herzblut in das Projekt „Double Salute“ gesteckt, dass es eine wahre Freude ist, dem Werk zu lauschen. Nichts wurde dem Zufall überlassen, Band und Produzent haben mit größter Sorgfalt die passenden Instrumente, analogen Verstärker und Mikrofone ausgewählt. Selbst auf die Mikrofonplatzierung wurde großes Augenmerk gelegt, um einen möglichst authentischen Klang zu erzeugen. Meines Erachtens ist das perfekt gelungen. Für mich passt auf diesem Meisterwerk jeder kleinste Ton.

Bewertung: 5 von 5.
Kategorien
Review

Destroy Babylon: Dub of Ages Vol. 2: DB Meets Prince Polo

Wenn sich eine Band nach einem Bad Brains Track benennt, kann man im Grunde schon mit ziemlicher Sicherheit voraussagen, woher der Wind weht. Destroy Babylon sind fünf Freunde aus Boston, Massachusetts, die sowohl im Reggae/Dub-, Hip-Hop- und Post-Punk-Ethos ihre musikalischen Wurzeln haben. Das Album „Dub of Ages Vol. 2: DB Meets Prince Polo“ ist zwar bereits 2010 entstanden, was dem Ganzen aber keinen Abbruch tut.
Alleine das geniale Cover erinnert mich an die fantastische Cover-Gestaltung eines Tony McDermott, mit der er viele Scientist Alben aus dessen Anfangsphase unverkennbar machte. Billy Szeflinski alias Prince Polo, ist ein in Brooklyn, NY ansässiger Dub-Produzent, Musiker und Sound-Engineer. Er ist schon seit den späten 90ern unter anderem im Reggae aktiv und hat als Toningenieur in den Kennel Studios schon eine beachtliche Anzahl von Werken einiger Reggae-Künstler abgemischt. Die Liste reicht von: Eek A Mouse, Lee Perry, I Wayne, Rebelution und andere. Selbst Clive Chin von VP Records hat eine große Anzahl von Originalbändern, die über 30 Jahre im Studio in Jamaika verstaubten, zur Restaurierung in Prince Polos Obhut übergeben, was auch den Stellenwert Prince Polos unter amerikanischen Sound-Engineers zeigt. Da lag es doch für Destroy Babylon nahe, den Sound-Wizard aus Brooklyn auch einmal einige Tracks ihres Repertoires veredeln zu lassen. Prinz Polos große Stärke liegt in seinen Fertigkeiten am Mischpult. Als Engineer ist er in Bestform, wenn er die Freiräume voll ausnutzt, um elektrisierende Soundtopografien zu erschaffen. Im Gegensatz zu vielen anderen Dub-Produzenten nutzt Prince Polo seine besonderen Fähigkeiten, um die Mixing-Techniken auch auf andere Genres (z. B. Cumbia) als Dub/Reggae anzuwenden. Somit ist er auch hier mehr als prädestiniert, die etwas punkigen Rhythmen der Destroy Babylon zu einer punky-dubby-Party zu verknüpfen.
„Don’t Use Your Mind on Me“, „Old Version Way“ und „Angry People“ sind im Ursprung Originale von Keith Hudson, einem sträflich unterschätzten Produzenten aus den frühen Tagen des Reggaes, wie ich meine. Keith Hudson war übrigens der Erste, der ein Reggae-Konzeptalbum auf den Markt brachte. „In Your Easy Chair (Mr. President)“ haben Lee Perry und The Heptones komponiert und „Journey Of Dub“ stammt aus der Feder der Pianistin/Harfenistin Alice Coltrane. Somit ist auch klar, dass wir ein im Reggae relativ seltenes Instrument zu hören bekommen, die Harfe. Sie ist auch in „Blue Eyes Vulture“ zu hören. Trotz vieler Cover-Versions bekommen wir keinen schalen Aufguss alter, reichlich bekannter Tracks geboten, sondern ein richtig schönes, abwechslungsreiches Dub-Album. Mir taugt’s richtig!

Bewertung: 4 von 5.
Kategorien
Review

Tommy Guerrero feat. Chuck Treece: Dub Session

Ein weiterer Paradiesvogel gefällig? Es gibt Menschen, die leben ihr Leben und machen einfach alles aus Spaß an der Freud’. Tommy Guerrero, ein waschechter Straßenkünstler aus der Bay Area, ist so einer. Der in San Francisco geborene, charismatische Skater tauchte Ende der 1980er in der Szene als jüngstes Mitglied des legendären Skateboardteams „Bones Brigade” in Frisco auf. Als Street-Skater ist Tommy Guerrero in der Skateboard-Welt hochgeschätzt, aber auch als Designer (Levi’s; Vans; Converse) ist er enorm erfolgreich. Einige Jahre später startete er dann mit der Veröffentlichung seines Debütalbums „Loose Grooves & Bastard Blues“ (1998) seine Karriere als Musiker. Das Album verkaufte sich enorm gut und etablierte nun auch seine außerordentliche Stellung in der Musikszene. Guerrero gilt mittlerweile als versierter Bassist und Gitarrist mit extrem unterschiedlichen musikalischen Einflüssen wie John Coltrane, Joy Division, Bad Brains, Gabor Szabo, Augustus Pablo, King Tubby und viele andere.
2019 hat es Tommy Guerrero zusammen mit Chuck Treece, seinem Kumpel aus alten Skatertagen, gewagt, etwas völlig anderes als „das Herkömmliche” auszuprobieren. In einem Interview äußerte er sich auf die Frage, warum er jetzt ein Album wie „Dub Session” gemacht habe: „Ich bin es leid, jedes Mal das Gleiche zu tun. Ich habe es satt, Gitarre zu spielen und all das, was ich sonst so tue. Manchmal bin ich einfach müde von mir selbst und kann meine eigene Stimme nicht mehr hören.” Darum hat er seinem alten Freund und Weggefährten Chuck Treece vorgeschlagen: „Let’s make a dub album.” Und schwups, zogen sie sich für zwei Tage ins Studio zurück und werkelten daran. Chuck Treece übernahm Schlagzeug sowie Percussions und Tommy Guerrero spielte die Basslines, Gitarren und sämtliche Keyboards. „Um geistig fit zu bleiben, müssen wir immer kreativ sein. Dazu müssen wir uns stetig verändern, um nicht müde von uns selbst zu werden… Natürlich ist es immer schwierig, seine Komfortzone zu verlassen. Viele Menschen, die an die üblichen Klänge gewöhnt sind, werden immer kritisieren. Aber das ist mir egal.” Bei mir läuft Tommy Guerrero mit dieser – schon beinahe – sturen Haltung offene Türen ein. Er überschreitet damit weiterhin alle Grenzen und bewahrt gleichzeitig das Hippie-Erbe in und aus der San Francisco Bay.

Übrigens: Chuck Treece kennen wir Dubheads bereits vom hier besprochenen Album “Ras Asana“.

Bewertung: 3.5 von 5.
Kategorien
Review

Shaolin Dub: Warrior Way

Der in London lebende Dominic Giam ist ein erfahrener Musiker, DJ und Produzent, der seit 1997 sowohl unter seinem Pseudonym „Shaolin Dub“ als auch seit vielen Jahren unter einer weiteren Inkarnation „Ketsa“ auftritt. Eigentlich ein echter Veteran der Londoner Independent- und Underground-Musikszene, der mir bisher völlig unbekannt war. Als „Ketsa“ ist er ein verdammt produktiver Künstler, der in den letzten 15 Jahren weit über 500 Tracks mit abwechslungsreichem Downtempo, Trip-Hop, Ambient und/oder elektronischer Musik veröffentlicht hat. Viele seiner Musikstücke sind melancholischer Natur und sein Sound passt offenbar perfekt als Untermalung bewegter Bilder. So wurde seine Musik für unzählige Werbeclips von Greenpeace, National Geographic, Vereinte Nationen bis deutscher und schwedischer Automobilhersteller verwendet, um nur ein paar zu nennen.
Das bereits 2019 erschienene Album „Warrior Way“ ist sein drittes und wie ich finde bestes. Es erschien unter seinem zweiten Alter Ego „Shaolin Dub“ mit dem er bereits vier Alben veröffentlichte. Auf 14 Tracks mit beinahe einer Stunde Spieldauer werden die unterschiedlichsten Sound-Ideen geboten. Die Musik des Albums bewegt sich im Reggae-Offbeat zwischen allen Fronten. Wir bekommen ein buntes, schwungvolles Potpourri zu Gehör, das von fernöstlichen bis südamerikanischen Klanglandschaften, jazzigen Einsprengseln, verspielter Keyboard- bzw. Klavierarbeit, knackigen Horn-Sätzen, asiatisch angehauchten Flöten- und melodischen Melodica-Parts sowie polyrhythmischen Drum-Patterns reicht. Mal klingt der Gesang etwas acid-jazzig nach De-Phazz, mal trip-hoppig nach Beth Gibbons von Portishead. „Warrior Way“ gefällt mir ausgesprochen gut und ist eine spannende, vor allem abwechslungsreiche Sammlung moderner Dub- und Reggae-Tracks, die King Tubby’s Dub-Ideen weiterentwickelt. Das Einzige, was mich bei einigen Tracks ein bisschen stört, sind die (zu) vielen, etwas schmalzigen „Aaaaahs“, „Ooooohs“ und „Uuuuuhs“ bei den Backing-Vocals und deshalb gibt es auch ein halbes Pünktchen Abzug.

Bewertung: 3.5 von 5.

Kategorien
Review

Dubment: Dubment & Showcase Dub Fugues

Es gibt sehr wenige Bands, die es sich leisten können, ein Album zu veröffentlichen, auf dessen Cover weder Band noch Albumtitel stehen. Spontan fallen mir nur Pink Floyd ein: auf den Original-LPs „Atom Heart Mother“, „Meddle“, „Dark Side Of The Moon“, „The Wall“ finden sich null Hinweise, um welche Band es sich handelt.

Die Schweizer Band Dubment leistet sich diesen Luxus bereits auf ihrem gleichnamigen Debütalbum „Dubment“ (Echo Beach). Auf dem Cover springt uns lediglich ein Popcorn – meine ich zu sehen – entgegen. Dubment sind ein sehr kreatives, experimentelles Trio aus Zug (Innerschweiz). Vor circa zwei Jahren war das Trio auch für ein paar Gigs mit DUB SPENCER & TRANCE HILL auf Tour in Deutschland (Danke für den Tipp, Masi!). Es ist wirklich sehr spannend, was uns da von den drei Jungs: Dominik Zäch (git), Balz Muheim (dr), Linus Meier (bg) geboten wird. Auch wenn kleinere Querverweise an das Dub Trio, die Revolutionary Dub Warriors oder natürlich auch DUB SPENCER & TRANCE HILL auszumachen sind, haben es Dubment geschafft, sich ihren ganz eigenen Dub-Kosmos zu erschaffen. Bei Dub geht es doch generell darum, Raum zu schaffen, während es beim Rock zu einem gewissen Grad darum geht, ihn zu füllen. Diesen Balanceakt meistern Dubment virtuos mit eleganter Leichtigkeit. Der Sound der (nur) fünf Songs wechselt hier zwischen etwas härteren Rockpassagen, jazzigen Gitarrenläufen und super relaxten Dub-Passagen. Die experimentierfreudige Dub-Band hat sich an der Jazz-Hochschule Luzern gefunden. Den jungen, talentierten Musikern war beim Jammen ziemlich schnell klar geworden, dass ihre gemeinsame Passion für jamaikanische/karibische Musik in Kombination mit der Grenzenlosigkeit des Jazz der ideale Nährboden für ihren in alle Richtungen ausufernden Dub ist. Auch wenn auf dem Album nur Bass, Drums und Gitarre zu hören sind, hat man trotzdem keine Sekunde das Gefühl, dass dem komplexen Sound irgendetwas fehlt. An den Contols saß Etienne Schorro, der den schönen Mix des bandeigenen Tontechnikers und Produzenten Joschka Weiss masterte. Sämtliche Titel wurden live im Studio eingespielt. Dubment werfen im Grunde alle klassischen Reggaeprinzipien über Bord. Trotzdem schafft es das Trio, mit spannenden Arrangements, spacigen Dub-Effekten, schönen Grooves und geschickt gesetzten Spannungsbögen, neue Dub-Sphären zu erschließen. (Soweit meine Rezension vom 26.04.2020).
Am 05.06. veröffentlichte nun Echo Beach eine Extended Version des Originals. Nikolai Beverungen, der „Chief“ bei Echo Beach, hat die Aufnahmen in die Hände von Dubvisionist gegeben, der die Originale nochmals überarbeitete. Herausgekommen sind ein paar zusätzliche, kurze „Dub-Fugen“, die es meines Erachtens nicht zwingend gebraucht hätte, um das Opus noch attraktiver zu machen. Soll heißen: Die zusätzlichen Dubs sind solide, aber kein Dub-Feuerwerk. Bei diesem hervorragenden Ausgangsmaterial hätte ich doch etwas mehr erwartet.
Übrigens, live sollen Dubment, wie Hazer Baba auch, ein beeindruckendes Konzerterlebnis sein. Dass die Tracks des Albums live genauso klingen werden wie hier, ist fraglich, denn das Motto des Trios ist und bleibt: Transformation und Improvisation.

Bewertung: 4.5 von 5.