Dub ist das einzige Musikgenre, das gleichzeitig Stil und Methode ist – und genau darin liegt eine Möglichkeit, die mich immer wieder fasziniert: Dub kann auf jeden Musikstil angewendet werden, ohne dass das Ergebnis auch nur eine Sekunde lang nach Reggae klingen muss. Wenn Afrobeat die Dub-Behandlung bekommt, bleibt Afrobeat Afrobeat – wird aber räumlicher, tiefer, analytisch zerlegt und am Mischpult neu zusammengesetzt. Das ist kein stilistisches Kostüm, das man einem Song überwirft. Es ist ein Produktionsprinzip, das in die Musik eingreift, sie von innen her umbaut. Und genau das ist es, was Captain Yossarian auf Fela Kuti in Dub (Agogo Records) mit vier Klassikern des nigerianischen Großmeisters anstellt.
Wer ist eigentlich Captain Yossarian? Hinter dem Namen – entlehnt aus Joseph Hellers absurdem Kriegsroman „Catch-22″ – steckt Manuel da Coll, Schlagzeuger, Produzent und Dub-Enthusiast aus München. Sein Studio Katzlbaum liegt im Arbeiterviertel Untergiesing und ist, wie es dem Standort angemessen scheint, ein lebendiger Kreuzungspunkt: Krautrock-Pioniere wie Embryo arbeiten hier, Poets-of-Rhythm-Mastermind Jan Weissenfeldt hat hier sein Quartier, Franz Ferdinands Gitarrist Nick McCarthy trifft sich hier mit lokalen Blaskapellen, durchreisende Bands spielen spontane Konzerte und schlafen auf dem Sofa. Kein steriler Produktionsort, sondern ein kleiner Mikrokosmos der Musikgeschichte. Live spielt da Coll Schlagzeug bei LaBrassBanda, FEH und Pollyester; dazu betreibt er den Dubtrain.one, ein selbstgebautes batteriebetriebenes mobiles Soundsystem. Dub ist bei ihm keine Nische, sondern Lebenshaltung.
Im Dub-Umfeld bekannt wurde Captain Yossarian durch „Bob Marley in Dub“ (2021, Echo Beach), das Don Letts seinerzeit auf BBC 6 Music vorstellte. „Fela Kuti in Dub“ ist das logische Folgewerk – mit einer noch größeren konzeptuellen Kühnheit.
Denn was da Coll hier in Angriff nimmt, ist alles andere als naheliegend. Fela Kutis Musik ist das genaue Gegenteil jener minimalistischen, auf wenigen Elementen basierenden Struktur, aus der der klassische Dub seine Kraft bezieht. Kutis Afrobeat – den er in den frühen Siebzigern gemeinsam mit dem Schlagzeuger Tony Allen entwickelte – ist polyphon, vielschichtig, von einer großen Band getragen, rhythmisch akribisch verzahnt. Gerade diese Komplexität macht das Experiment so reizvoll: Kann man Musik, die von zwanzig Musikerinnen und Musikern gleichzeitig in dichte Schichten organisiert wird, analytisch zerlegen, neu zusammensetzen, in den Dub-Raum katapultieren – ohne dass das Gewebe reißt?
Die Antwort, die „Fela Kuti in Dub“ gibt, ist ein überzeugtes Ja. Aber man muss genau hören, wie da Coll das anstellt. Es wäre zu wenig, einfach Hall und Echo über Kutis Tracks zu legen. Was Captain Yossarian betreibt, ist echte Dekonstruktion: Er reißt die Vielschichtigkeit auf, lässt Schichten verschwinden und wieder auftauchen, arbeitet mit den Lücken, die entstehen, wenn ein Bläsersatz plötzlich aus dem Mix gedubbt wird. Das Konzept orientiert sich am jamaikanischen Discomix – dem Format, das einen Song als Instrumental beginnt und ihn in eine vollständige Dub-Version überführt.
Das funktioniert auch deshalb so gut, weil Afrobeat und Dub gar keine so ungleichen Geschwister sind, wie es zunächst scheint. Die repetitive, pattern-basierte Struktur von Kutis Musik ist ein Vorläufer moderner Produktionstechniken wie Techno und House – genau jener hypnotische, zyklische Zug, der beiden Stilen gemeinsam ist, gibt „Fela Kuti in Dub“ seine innere Kohärenz.
Besonders klar wird das in den konkreten Klangentscheidungen, die Captain Yossarian für die vier Kuti-Klassiker getroffen hat. Auf „Water No Get Enemy“ imitieren donnernde Federhall-Einheiten und Percussion den strömenden Regen – der Songtitel wird zur Klangskulptur. „Zombie“ bekommt marschierende Soldaten und schrotflintartige Halleinbrüche: Kutis politische Botschaft bleibt hörbar auch dort, wo kein Wort mehr gesungen wird. „Expensive Shit“ enthält eine Registrierkasse, ein kluges dramaturgisches Mittel, das den satirischen Gehalt des Originals ohne Text weiterträgt. Und „Everything Scatter“ schickt live auf einem Korg MS10 gespielte Dub-Sirenen durch den Mix. Diese Detailarbeit macht deutlich: Hier setzt jemand nicht bloß Effekte ein, sondern er denkt Musik.
Dass ausschließlich analoge Instrumente, Sounds und Effekte zum Einsatz kamen, merkt man dem Album an, ohne dass man es erklären müsste. Mix und Live-Dubbing übernahmen Captain Yossarian und Ingenieur Seb-I (Sebastian Kellig) in den Sausage Studios in London: alles in Echtzeit, Fader und Effekte live in der Hand. Das ist Dub in seiner reinsten Form.
Die Besetzung, die da Coll für die Aufnahmen zusammengestellt hat, ist konsequent. Prince Tempopolice – ein überzeugter Afrobeat-Fan, der die Welt mit Highlife-Legenden wie Ebo Taylor und Pat Thomas sowie zuletzt mit Ghanas Santrofi bereist hat – spielt auf „Zombie in Dub“ Schlagzeug. Jan Weissenfeldt, bekannt durch Poets of Rhythm und die Whitefield Brothers, ist auf „Water No Get Enemy“ zu hören. Und Jimi Tenor, der gemeinsam mit Tony Allen – also mit Fela Kutis Schlagzeuger – das Album „Inspiration, Information“ eingespielt hat, liefert auf „Expensive Shit in Dub“ sein Saxofon. Das ist keine beliebig zusammengewürfelte Besetzung, sondern biographische Konsequenz.
Ein letzter, kaum zu übertreffender Zug in der Entstehungsgeschichte: Für das Premaster bat Captain Yossarian Sodi Marciszewer vom Zarma Studio in Paris – der unter anderem Fela Kuti, Femi Kuti, Seun Kuti und Damian Marley produziert hat –, den Mix auf eben jenem originalen Decca-Mischpult abzunehmen, auf dem Fela Kuti in Lagos gearbeitet hatte. Ein Mischpult als historischer Zeuge, als physischer Kontaktpunkt zwischen dem Erbe und seiner Neuerfindung. Das ist entweder sehr romantischer Fetischismus oder sehr ernster Respekt. Ich neige dazu, es für beides zu halten.
„Fela Kuti in Dub“ ist das, was solche Begegnungen im besten Fall sein können: keine Reverenz, kein Remix, keine Bearbeitung im trivialen Sinne – sondern ein eigenständiges Werk, das aus zwei starken musikalischen Traditionen eine dritte Sprache destilliert.

2 Antworten auf „Captain Yossarian: Fela Kuti in Dub“
Und um den fehlenden halben Punkt zu einer 5/5 Sterne zu ergänzen: Das Cover ist schlicht gehalten in einer bedruckten DJ Hülle und das Vinyl bezahlbar mit unter 20€.
Ich bin begeistert von den vier jeweils 7-8 Minuten langen Tracks.
„Bob Marley In Dub“
Ich dachte zunächst, fast schon ein wenig in Panik, “ da habe ich wohl was ganz wichtiges verpasst“. Ok, schön, dass ich hier nochmal nachlesen konnte, dass mir das Album bekannt ist aber ich empfinde bei dem Album nach wie vor nicht wirklich viel, außer dass mich sowas wie ein kalter Schauer überströmt. Klingt fast so, als ob die „Dubs“ für den Fernsehgarten produziert wurden, um Dub auch in der Schagerszene zu „verankern“. Nee, das ist ganz und gar nicht meins. Außer „Stir it up“ brauche ich das nicht. Ja, ich befürchte, dass ich mich jetzt mal wieder als Banause oute aber so gut wie ich afrikanische Musik auch sehr oft finde, mit Fela Kuti konnte ich bis jetzt noch nicht so viel anfangen. Wobei ich auch keinesfalls wegrennen muss aber es klingt mir oft zu kompliziert. Und dann kann ich mir die Frage nicht verkneifen, warum der „Captain“ denn bisher so wenig Dub produziert, bzw. veröffentlicht hat, wenn es doch eigentlich sowas wie seine „Lebenshaltung“ ist. Naja, wahrscheinlich habe ich das falsch verstanden, weil ich es eventuell auch gar nicht richtig verstehen will. Eigentlich will ich das nicht schreiben aber ich mag Blasmusik einfach nicht und La Brass Banda blasen mir mein Resthirn aus dem Schädel. Ich kann damit nix anfangen.
Ich weiß nicht ob ein anderer DubWizard, der Dub nicht nur „hält“ sondern lebt und sowohl ein – als auch ausatmet, mehr – für mich – aus den Instrumentals von Fela Kuti herausgeholt hätte. Ich bezweifele, dass Dub wirklich sein Ding ist. Sonst hätte er mehr gemacht. Aber ich mache ja auch keine Dubs und trotzdem ist Dub voll mein Ding.
Ich habe schon vor ein paar Tagen in „Fela Kuti In Dub“ reingehört und dachte,ok, für diese Musik brauche ich eine sehr gute Tagesform, die ich an dem Tag wohl nicht hatte. Auch heute scheint meine Tagesform eher schlecht zu sein, denn ich kann hier nicht in „Dubextase“ fallen, weil es mir einfach hier und da zu sperrig ist.
Aber – ich gebs zu – ich würde am liebsten nix dazu schreiben, denn ich höre hier sehr gute Musik. Leider kann ich es nicht so gut fühlen. Im Kopf kommt sie gut an aber noch nicht so gut, im Bauch.
Ohne Sacksophon würde ich voll auf „Expensive Shit In Dub“ abfahren. Aber keineswegs wegen den DubEffekten sondern weil mir das Drumming und die Percussions sowie das Bassgezupfe durch Mark und Bein gehen. Ich muss ehrlich gestehen, ich habe bei der EP nicht das geringste Gefühl, welches ich als DubFeeling bezeichnen könnte.
Wenn jemand meint, ich habe keine Ahnung von Fela Kuti und mich aufklären möchte, dann haut gern mal ein paar Links hier rein. Ich bin nicht fasziniert genug von dem was ich von ihm kenne und somit habe ich überhaupt gar keinen Bock, mich da selbst schlauer zu machen. Aber Tunes mit „Sacksophon“ könnt ihr von vorn herein weglassen.
Vieln Dank schonmal oder auch nicht ……………… lemmi