Stand High Patrol aus Rennes gehören seit über zwanzig Jahren zu den verlässlichsten Kräften der französischen Dub-Szene. Die selbsternannten „Dubadub Musketeerz“ – Rootystep, Mac Gyver, MC Pupajim und Trompeter Merry – haben mit ihrem eigenen Label Stand High Records und einer konsequenten Verweigerung gegenüber Schubladen eine eigenständige Ästhetik entwickelt, die sie als eine der interessantesten Crews Europas ausweist. Mit Skanking & Jacking legen sie nun ihr bislang vielleicht ambitioniertestes Album vor.
Das Konzept ist so einfach wie es weit greift: Dub und House Music. Zwei Ästhetiken, die scheinbar weit auseinanderliegen – und doch dieselbe Geschichte teilen. Stand High Patrol machen diesen Zusammenhang hörbar, und sie begründen ihn überzeugend: Von den Dancehall-Sessions Jamaikas der späten Sechziger bis zu Chicagos Warehouse und dem frühen New Yorker House der Achtziger zieht sich ein roter Faden aus Widerstand, Gemeinschaft, Sound Systems und der unmittelbaren Verbindung von Studio und Tanzfläche. Beide Genres wurden am Rand der Gesellschaft geboren, beide kreisten um Tanz und Minderheiten, beide lebten von kollektivem Handeln und dem Mut zur Unabhängigkeit. Das ist keine akademische These. Es klingt auf diesem Album so, als hätte es nie anders sein können.
„Skanking & Jacking“ geht über das Minimal-Schema des Dub weit hinaus. Statt mit Studioeffekten aufgemotzen Standard-Rhythmns haben wir es hier mit regelrechten Dub-Songs zu tun – vielschichtig komponiert, sehr inspiriert arrangiert, komplex strukturiert. Zwölf ausgedehnte Tracks, gebaut auf immersiven Loops und durchzogen von Mikrovariationen, die dem Ganzen eine organische Textur geben. Die Musik entsteht – wie Stand High Patrol selbst formulieren – „aus der Interaktion zwischen Mensch und Maschine“. Ob die Franzosen hier andeuten, Ihre Tracks mit einer KI als Sparringspartner erarbeitet zu haben? Wahrscheinlicher sind aber Drum Machines und House-Synthis gemeint, ganz gewiss „Maschinen“, die zu dem House-Sound des Albums beitragen. Doch auch der Reggae-Offbeat sitzt Tight. Er ist eingebettet in Strukturen, die House-Loops, dichte melodische Schichten und dub-typische Raumtiefe vereinen. Das klingt nicht nach einem Experiment, das ausprobiert, ob zwei Genres zusammenpassen. Es klingt aber nach einer Musik, die genau weiß, woher sie kommt.
Die internationale Besetzung ist die umfangreichste, die Stand High Patrol je auf einem Album versammelt hat. Joe Yorke aus England schreibt auf „Too Much Noise“ eine der stärksten Vokalnummern des Albums. Der leider viel zu früh verstorbene Nazamba aus der Schweiz tritt gleich zweimal auf – auf „Dem Try“ und „This is Music“ –, wobei jeder Auftritt die Konturen des Projekts anders akzentuiert. Marina P verleiht „In & Out“ eine leichtfüßige Eleganz. Und dann ist da „LSD Explosion“ mit dem jamaikanischen Deejay-Veteran Jah Thomas – einem Mann, dessen Stimme wir von den Shout Outs des Revolutionaries-Albums „Black Ash Dub“ gut kennen und der hier fast eine wörtlichen Kopie dieser darbietet. „Waterhouse Club“ und „Shaka“ – zwei Tracks ohne Gäste – verweisen im Titel auf Kingston und auf den britischen Sound-System-Vorväter Jah Shaka. Auch das sind keine zufälligen Setzungen.
Dass am Ende Mad Professor eben diesen Track „LSD Explosion“ noch einmal als Dub-Mix neu interpretiert, ist mehr als ein Remix: Es ist ein historischer Kreisbogen von King Tubbys Erbe bis in die Gegenwart. Dazu kommen Reinterpretationen von Jeanville und Androo, die das Album in seiner letzten Bewegung öffnen, anstatt es zu schließen. „Never fixed, always in motion“ – wie Stand High Patrol selbst über das Album schreiben. Das stimmt.
Diese Besetzung wirf unweigerlich die Frage auf: Ist das überhaupt noch Dub, wenn auf fast jedem Track eine Stimme zu hören ist? Die Antwort ist eindeutig: ja – weil die Stimmen hier kaum die Funktion übernehmen, die sie in klassischen Songs haben (von Joe Yorke und Marina P einmal begesehen). Sie werden eher spärlich eingesetzt, tauchen auf und verschwinden wieder, integrieren sich klanglich in die Musik, statt über ihr zu thronen. Insbesondere Nazamba und Jah Thomas fungieren hier weniger als Sänger im herkömmlichen Sinne, sondern eher wie Instrumente im Mix – Klangschichten, die kommen und gehen wie Echo-Effekte, wie ein Bläsersatz, der ins Delay läuft. Der Gesang unterstreicht hier das Dub-Prinzip mehr, als es zu unterlaufen.
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Stand High Patrol: Skanking & Jacking
