Dub Me Crazy: The United Nations Of Dub Weekender 2013

Iration Steppas auf dem UNOD-Weekender 2013

Eine Reise in die physische Natur des Bass: nach Nord Wales zum United Nations Of Dub Weekender, dem größtem Dub-Event aller Zeiten.
Text: René Wynands, Fotos: Giulia Mameli

Wir stehen im Zentrum eines jener in den Nachkriegsjahren gebauten Feriencamps der britischen Westküste; in Nord-Wales, um genau zu sein. Schmelzwasser tropft durch die Decke. Eimer, Schüsseln und Kanister sind strategisch im Raum verteilt und fangen das ungebetene Nass auf. Draußen geht die Welt in einem Schneesturm unter. Auch drinnen ist es ungemütlich kühl. Unser Blick schweift durch die gleichermaßen große, wie hässliche Mehrzweckhalle. Marilyn Monroe als billige „Warhol“-Kopie blickt auf uns herab. Im kalten Putzlicht lässt der öde Raum nicht erahnen, dass sich hier in wenigen Stunden der spirituelle Zauber einer Musik entfalten wird, der alle Anwesenden im großen Vibe des Bass selig vereint. Noch ist es still. Ein paar zu früh erschienene Gäste lümmeln sich auf der Tribüne, trinken vorsorglich ein Red Stripe und schauen dabei der kleinen Gruppe graubärtiger Männer zu, die sich mit großen Kisten und schweren Lasten abmühen. Mit routinierter Gelassenheit wuchten sie Lautsprecherboxen aufeinander, ziehen Kabel quer durch die Halle und errichten das Kontrollzentrum ihres Bosses und heutigen Zeremonienmeisters: Jah Shaka. Der Mann, der unbeirrt am Roots Reggae fest hielt und seinem kompromisslosen „Warrior Style“ treu blieb, als sich der Mainstream-Reggae längst Dancehall und Sleng Teng zugewandt hatte. Er war es, der die Entwicklung des Steppers-Sounds nahezu im Alleingang voran trieb und die kreativsten seiner Jünger dazu inspirierte, ihren eigenen „Warrior Style“ zu produzieren und in den 1990er Jahren das Genre des UK-Dub aus der Taufe zu heben.

Um Mitternacht ist es so weit: Shaka legte die erste Platte auf: Johnny Osbourne. Das knisternde Vinyl drehte sich auf einem steinzeitlichen Plattenspieler, hoch über dem Kontrollstand postiert. Dann folgt Burning Spear. Kein Übergang, geschweige denn geschicktes Ineinandermixen. Nadel hoch, Platte runter, neue Platte drauf, Nadel runter – kein Stress, kein Juggeling. Schließlich haben wir es hier nicht mit einem Soundtrack zu tun. Jeder Song bekommt die Aufmerksamkeit, die er verdient, von der ersten Note bis zur letzten. Die Pause, die beim Plattenwechsel entsteht, dient der Besinnung, ist Zeugnis der Wertschätzung des nächsten Songs, ein Moment von Vorfreude beseelter Stille. Eine halbe Stunde widmet Shaka dem Roots-Erbe der 70er, dann ist Steppers-Time und die versammelten Dub-Gläubigen geraten in Bewegung. Mit kleinen, wiegenden Mooves schwingen die Körper im Takt der Basswellen. So langsam beginnt sich die für Shaka-Dances typische, meditative, ja spirituelle Atmosphäre im Raum zu verbreiten. Vergessen ist die ans Absurde grenzende Hässlichkeit der Location, das winterliche Nord-Wales – die ganze Welt schrumpft zusammen auf das hier und jetzt, auf den Dub-Sound, der in Geist und Körper fährt und uns zu ekstatischen Teilnehmern eins Gottesdienstes im Namen des Dub werden lässt.

Es ist der erste Abend des dreitägigen „United Nations Of Dub Weekenders“ – des größten Dub-Events, das es je gegeben hat. Veranstalter I-mitri und sein Kumpel Fedi haben es auf die Beine gestellt: rund 50 Dub-Artists stehen auf dem Programm, darunter die acht wichtigsten Dub-Soundsystems des UK: Iration Steppas, King Earthquake, Young Warrior, Kibir La Amlak, Aba Shanti-I, Channel One, Jah Tubby’s und natürlich Jah Shaka. Sie bespielen die große „Sound System Arena“ mit ihren eigenen, bassgewaltigen Anlagen. In der etwas kleineren Nachbarhalle, der „UNOD-Arena“ spielen zeitgleich Artists wie Alpha & Omega, Nucleus Roots, Dub Terror, Manasseh, Roots Garden, Mungo‘s Hi-Fi, Vibronics und Bush Chemists – um nur die bekanntesten zu nennen. Allerdings müssen sie hier mit einer fest installierten PA vorlieb nehmen. In einem kleinen Raum im ersten Stock befindet sich zudem die „Selector’s Arena“, die den Dub-Selectors aus aller Welt vorbehalten ist und fast schon die Atmosphäre einer Privatparty verbreitet. Wem der Sinn mehr nach Bildern und Worten, statt nach Dub steht, hat zudem die Möglichkeit, in einem frostigen (da ungeheizten) Reggae-Cinema, Filme aus Jamaika anzuschauen oder tagsüber ein Seminar-Gespräch mit Dub-Artists und Soundmen zu besuchen.

Samstagabend, der zweite Tag des Weekenders. Drei mächtige Soundsystems stehen sich, flankiert von ihren gewaltigen Boxentürmen gegenüber: Iration Steppas, King Earthquake und Kibir La Amlak. Alle drei Vertreter eines kompromisslosen UK-Steppers-Sounds. Jedes Soundsystem spielt drei Stücke, zuzüglich Rewinds und Versions, bevor der Staffelstab weitergereicht wird. Bei jeder Übergabe drehen wir uns mit den rund anderen 1000 Gästen in einer synchronen Bewegung um 90 Grad. Jeder, der schon einmal ein britisches Dub-Soundsystem live erlebt hat, wird wissen, dass die Musik hier – trotz aller Spiritualität – zu einer durch und durch körperlichen Angelegenheit wird. Die Bass-Druckwellen, die sich von den ca. vier Meter hohen Lautsprechertürmen lösen, sind so gewaltig, dass sie nicht nur die Hosenbeine flattern lassen und die Lungenflügel in Schwingungen versetzen, sondern buchstäblich jeden Hohlraum des Körpers wie einen Resonanzkörper zum vibrieren bringen (ich habe zum ersten Mal in meinem Leben meine Nasennebenhöhlen wahrgenommen – nicht schön, aber eindrucksvoll). Mit unvorstellbarer Wucht stampfen die Steppers-Beats durch den Raum – ohrenbetäubend laut, gewaltig und hypnotisch. Wird das erste Drittel eines Tracks mit weitgehend ausgewogenem Frequenzverhältnis gespielt, so gehört es zum Soundsystem-Ritual, dass unweigerlich der Punkt kommt, an dem der Soundman die Bassfrequenz zu hundert Prozent aufdreht und den Tänzern damit geradezu körperlich einen Tritt in den Hintern verpasst. Selbst die coolsten Dreadlocks können dann nicht mehr ruhig stehen.

Während die Bass-Druckwellen auf unsere Körper einschlagen, fällt es mir wie Schuppen von den Ohren: Die Dubs, die hier im Soundsystem perfekt funktionieren, sind genau jene Produktionen, die ich in meiner Riddim-Dub-Kolumne oft als wenig innovativ, ja manchmal gar als langweilig abqualifiziere. Doch hier im Soundsystem gilt: in der Einfachheit liegt die Kraft. Der von mir verehrte Nick Manasseh muss deshalb eine unangenehme Erfahrung machen. Als er in der UNOD-Arena seine aktuellen, wunderbar ausgetüftelten und vielschichtigen Produktionen für Roots Garden auflegt, läuft ihm das Publikum davon. Viel zu kompliziert. Das einzige, was hier funktioniert ist Steppers. Wie ein Fels in der Brandung widersteht der ebenso schlichte, wie machtvolle Steppers-Sound seit nunmehr fast drei Jahrzehnten aller Dynamik einer fortschreitenden Dub-Evolution. Während sich innovative und zeitgemäße Dub-Produktionen dem Einfluss anderer Genres öffnen, mit Rhythmen und Klang experimentieren und in ihrer Einfachheit faszinierend komplex wirkende Klangbilder entwerfen, bildet der Steppers-Sound unbeirrt den orthodoxen Gegenpol dazu. Er ist ein seit Jahren perfekt ausgereiftes Produkt: Seine Aufführungspraxis und seine Wirkung auf die Zuhörer sind exakt aufeinander abgestimmt, passen ineinander wie Schloss und Schlüssel, bilden eine untrennbare, wirkmächtige Einheit. Steppers ist zu 100 Prozent Körpermusik und gehört genau hier hin, ins Soundsystem.

Also geben wir uns ihm voller Lust und Begeisterung hin. Drei Nächte lang. Lassen uns von ihm ganz und gar einnehmen, hypnotisieren, in Trance versetzen. Der Rhythmus bewegt unsere Körper, unsere Körper sind der Rhythmus – wir und die Musik sind eins. Wenig innovativ, ja fast langweilig, aber uns kümmert es nicht.

Interview mit I-mitri, dem Veranstalter des UNOD-Weekenders.

What was your motivation to call the Dub-Weekender to life?
The motivation came from seeing more and more big festivals supporting and promoting our sound system scene all over europe and still not having a proper event showcasing our amazing music scene and country to those from near and far! Additionally its an opportunity for those that are not into camping and the mud to attend a 3 day festival where they can stay dry, sleep well and have access to their own kitchen and supplies not just expensive food stalls like at most festivals!
The line up, the sheer amount of sound systems and artists and the indoor aspect set it apart from all other festivals! There has never been a dub/sound system event of this size before! Ever!

Are you satisfied with the result?
The event played host during the day time to a series of seminars/talks by the artists/soundmen involved discussing careers, studio works and record business as well as a cinema with rare films around the subject from all over the world and Jamaica. There was also a pool party during the day on Saturday and Sunday!

We were very happy with the event! We had a amazing group of dedicated reggae/dub/sound system followers from all over the world! Great vibes and as an event in terms of organization it run super smooth! We did of course learn much this year and hope to take it to the next level next year.

How many guests have come?
All together including acts and stuff we were somewhere in the region of a little under 1500.

From which countries did audiences come to the event?
We had people reach from: Angola, South Africa, Japan, Mexico, Brazil, San Francisco, Colorado, Lithuania, Germany, Italy, France, Spain, Greece, Romania, Poland, Sweden, The Netherlands, Belgium, Switzerland, Portugal, the UK of course and I am sure I am forgetting a couple more! Interestingly demographic wise: most of the ticket buyers were from abroad! Very few from the UK!

Was it the biggest dub event in Europe?
Certainly YES. Historical business!

What is – in your oppinion – the current health status of Dub?
I think mainly due to the sound system culture rise in Europe there is a strong yet underground scene in ever country with places like France leading the way in terms of popularity of the scene.

Is dubstep responsible for the new interest in dub?
Perhaps, certainly the switch back to bass heavy, dubplate culture music has helped a whole new generation link with the history of bass music more and thus inevitably come across dub. I don’t think however, that it was a conscious thing of the dubstep scene! I think they came across the same values, sub music, bassline, dubplates, vinyl etc. by chance and by the simple fact they grew up in the melting pot that is London and the UK in general! But then after arriving they started finding all the links to the past. A bit like how jungle once also went around the world.

Where today do the most interesting dub productions from?
The beauty of this scene is although based on and inspired by Jamaica, it grew and matured and evolved in the UK but then spread everywhere! There are great dub productions coming from everywhere! UK to Brazil, Japan to France and now even back again in Jamaica with the son of Augustus Pablo, Addis Pablo, picking up the ‚rockers‘ rains.

Who are the most innovative producers in your view?
I am a big fan of Vibronics (who I work with closely so fully biased), Iration Steppas, Manasseh, Bush Chemists, the classics basically but also as a radio dj weekly get to spin tough dubs from labels all over the world with new sounds and attempts at fusing new musics whilst retaining the authentic dub sound.

What exactly is their innovation?
As well as innovations in technics and compositional approaches the thing I see more and more is the local music of each outernational producer affecting more and more the music they make, adding so much more depth and variety to our music!

Is the development of dub completed?
Definitely not. It is forever changing as it is being absorbed by the different cultures around the world. Especially together with the Sound System culture which also has evolved in many places like Italy to a much more communal, coming-together-of-people type of affair much more so then the original highly militant and competitive nature of early sounds in JA and the UK.

Where will the development lead to?
No one knows. But surely a much more organic and people-orientated way of organizing dances! The message also is very important! Conscious and positive!!!

What makes a good dub?
The tune itself obviously… The bassline and beat, the performance of the vocalist… But then its all about the deconstruction of that song structure into a more abstract world of sound and space that is dub. The technic of the producer to pick out parts of the song, to extenuate, to remix. All those things that are actually at the heart of all dance music, which is common knowledge, owes so much to the early dub producers like King Tubby, Lee Perry and Scientist.

And what is the main ingredient of a dub?
I would say in one word: „Space“.

Do you make a distinction between dub for Sound Systems and the rest of the genre?
No, not really although that is where one can experience the fullness of the tune the way it was meant to sound. We got used to a certain „armchair“ attitude to tough dubs like those of King Tubby here in Europe at first. A sort of lounge style music when it was always intended to be played through a custom bass heavy sound system and it was always intended as dance music. Without the weight and bass of the sound the music loses it‘s energy and becomes „chill-out“. That‘s why as performers and producers we are always dubious of club PAs. They are not the right equipment for the music.

More Info: UNOD-Weekender on Facebook

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