Unglaublich, aber der Hit Tune „Watch What You Put Inna“ des Overproof-Soundsystems aus Birmingham ist inzwischen zehn (!) Jahre alt. Das dazugehörige erste Album neun Jahre! So gesehen wurde es Zeit, ein neues Werk nachzuschieben. Trotz der großen zeitlichen Distanz, schließt „Pull It Up“ nahtlos an das Debut an – wurde es doch erneut im Elephant House Studio unter dem wachsamen Auge der Groove Corporation produziert. Eine bunte Mischung aus 16 Stücken ist daraus hervorgegangen, von denen die meisten allerdings normale Songs sind, unter die sich ein paar wenige Dubs bzw. Instrumentals gemischt haben. Es mag ja eine reine Geschmacksfrage sein, aber ich bin der Meinung, dass die Sänger Messenger Douglas und Juggla es einfach nicht richtig drauf haben, jedenfalls erinnert mich der Gesang der beiden zu sehr an Fußball-Chöre (jetzt mal etwas übertrieben gesagt) und die Melodien ihrer Songs sind mir auch zu simpel. Das ist umso ärgerlicher, als ich die Dubs und Instrumentals (fantastisch: „War Must Cease“) richtig gut finde. Okay, vor allem in der zweiten Hälfte des Albums werden die Songs besser, wie z. B. „Unity“ oder „No Matter“. Da ich aber grundsätzlich keine einzelnen Songs höre, sondern jedes Album (selbst Sampler) als unteilbare Einheit begreife, zerstören mir mehr gerufene als gesungene Songs wie „Jump Up“ oder „Fire“ das Gesamterlebnis zu sehr.
Autor: René Wynands
Aldubb: Welcome To Bassland
Ein Tintenfisch ziert das Cover des neuen Albums von Aldubb und macht unmissverständlich klar, dass die Sounds darauf aus „tiefen Regionen“ kommen. Und wer die visuelle Botschaft nicht von sich aus versteht, bekommt ein Intro um die Ohren geschlagen (oder besser: in die Magengrube), das keinen Zweifel zulässt: Wir sind im Bassland und Aldubb ist unser Tauchguide. Er führt uns hinab in dunkle Tiefen, in denen uns das Grollen gewaltiger Wogen und der Widerhall tektonischer Plattenverschiebungen in die Ohren dringt. 15 Dubs präsentiert er hier unten, jeder ein faszinierendes Objekt der Tiefe, mal bunt schillernd, mal düster glimmend – aber immer beseelt von magischen Melodien und großartigen Basslines zwischen Reggae und Dubstep. Es sind wirklich schöne Kompositionen, die uns der Berliner Produzent und Dubhead hier präsentiert, Kompositionen, die vor Ideen nur so strotzen und das gesamte Spektrum zwischen purem Sound und klassischem Roots-Song ausloten. Ein Stück, das diese Bandbreite komplett in sich vereint (und mich völlig für sich eingenommen hat) trägt den Titel „Der Traum ist aus“. Es beginnt mit dem Offbeat der Rhythmusgitarre und dem Gesang von Manja, die hier eine betörende Ohrwurm-Melodie intoniert, gefolgt von der Detonation einer gewaltig grollende Dubstep-Bassline, über der noch zwei weitere Minuten Manjas Gesang schwebt, bis der Bass schließlich seinen rechtmäßigen Platz im Zentrum des Stückes einnimmt und wir ein regelrechtes „Dub-Solo“ präsentiert bekommen, das sich nach sechs Minuten Laufzeit wieder zu einem Song formt und uns in einen Tiefenrausch aus Hall und Echo entlässt. Das gefällt mir so sehr an Aldubbs Musik: sie beschränkt sich nicht auf Rhythm & Sound. Es sind nicht nur „Dubs“, was da in seinem Planet Earth-Studio entsteht, es sind vielmehr richtige „Dub-Songs“, also voll durchkomponierte, inspiriert arrangierte und höchst melodiöse Instrumentalstücke (mit gelegentlichem Gesang) und zudem virtuos gemischt. Danach wird man sehr schnell süchtig und braucht ihn dann immer wieder: den Rausch der Tiefe.
Hollie Cook: In Dub
Hier beweist der Brite Mike Pelanconi aka Prince Fatty, dass er nicht nur produziert und mixt wie seine jamaikanischen Vorbilder Prince Jammy und King Tubby, sondern dass er ihnen auch hinsichtlich ihrer ökonomischen Effizienz in nichts nachsteht: „Hollie Cook In Dub“ (Mr. Bongo) ist nun – nach den „Instrumentals“ – die dritte Reinkarnation des Hollie Cook-Debuts aus dem letzten Jahr. Tja, was soll ich sagen? Mir gefällt diese „In Dub“-Version am besten – und das, obwohl ich das Original und die Instrumentals auch schon über den Klee gelobt hatte. Zwar gilt es bei „In Dub“ weitgehend auf Cooks sanften, melodischen Gesang zu verzichten, aber dafür wird man mit einer umso besseren Musik belohnt. Denn Pelanconi hat hier allein durch den Mix den Charakter der Stücke verändert und damit ein spannendes, neues Hörerlebnis geschaffen. Bildet die Musik im Original lediglich den Hintergrund für Cooks Gesang, so werden Schlagzeug und Bass, Percussions, Bläser, Orgel und Gitarre in der Dub-Version selbst zu Stars. Cooks eindrucksvoller Gesang hat es nämlich verstanden, die Komplexität und Vielschichtigkeit der Musik weitgehend zu überdecken, so dass es für Prince Fatty ein leichtes war, im Original eher stille Instrumente wie. z. B. Percussions, Melodika oder die Bläser, nun in den Vordergrund zu stellen und den „Gesangspart“ übernehmen zu lassen. Dabei hat Pelanconi konsequent auf „digitalen Unsinn“, wie er es nennt, verzichtet und alle Dubs konsequent manuell, mit richtigen Tape-Echos, altertümlichem Federhall und analogem Mischpult produziert. Ich hatte – ehrlich gesagt – bei einem wie ihm auch nichts anderes erwartet. Aber ganz nebenbei betrügt er uns dann doch, denn während man bewundernd darüber nachsinnt, wie sehr der Dub ein Original verändern kann, bekommt man drei neue Songs (sorry, Dubs) untergejubelt, nämlich „And The Beat Goes On“ (Original von den Whispers), „Baby Dub“ im furiosen Rockers-Style, sowie „For Me You Are …“, der gute alte Klassiker der Andrew Sisters, der Prince Fatty beinahe wie Waldeck klingen lässt. Also auf diese Weise lasse ich mich gerne veräppeln.
10 Ft. Ganja Plant: 10 Deadly Shots Vol. 2
Streng genommen gehören die 10 Deadly Shots gar nicht auf diese Seite, denn was uns die Band aus New York hier zu Gehör bringt, sind astreine Old-School-Instrumentals, die mit Dub so viel zu tun haben, wie meine gute alte Olympia mit dem MacBook Pro, an dem gerade dieser Text entsteht. Wüsste man es nicht besser, so könnte beim kurzen Hinhören der Eindruck entstehen, ein verschollen geglaubtes Studio One-Tape mit Jackie Mittoo zu hören – was für die Jungs von der Ganja Plantage wahrscheinlich ein Riesenkompliment wäre. Denn sie haben wirklich alles daran gesetzt, den Hörer hinters Licht zu führen. Auf ihrer Website beschreiben sie akribisch, welche analogen Aufnahmeutensilien wann genau zum Einsatz kamen, wie das Aufnahmegerät kalibriert wurde und wahrscheinlich auch, welche Tonband-Marke sie verwendet haben und was vorher auf dem Band gespeichert war (wenn letzteres der Lektor nicht zum Wohle der Leser gestrichen hätte). Doch hören geht über lesen, und was das betrifft, braucht es keine weiteren Erklärungen: Die zehn tödlichen Schüsse (die eher zehn fröhlichen Gummibällen gleichen) machen ebenso so viel Spaß wie die liebevoll mimetischen Retro-Produktionen eines Prince Fatty. Wer sie hört, kommt einfach gut drauf: Das Leben ist schön und alles ist gut. Wer hier jetzt gerne noch eine kritische Reflexion lesen möchte, sollte mal versuchen, im Zustand der glückseligen Verzückung selbst eine zu schreiben. Es ist unmöglich.
Mit dem Dub Syndicate kann man eigentlich nie etwas falsch machen. Jene Veteranen-Band um Roots Radics-Drummer Style Scott und Kult-Produzent Adrian Sherwood hat in den wahrscheinlich mehr als 25 Jahren ihres Bestehens ein gewaltiges Konvolut an Aufnahmen produziert, aus denen man jederzeit nach Belieben ein Best Of-Album nach dem anderen kompilieren könnte. Das Hamburger Label Echo Beach hat dies nun in Form eines „ultimativen Release“, wie es im Presseinfo heißt, getan und dabei die versammelten Tracks dankenswerter Weise größtenteils remixen oder overdubben lassen. Darüber hinaus werden hier sogar zwei komplett neue Aufnahmen präsentiert. Das hört sich nicht nur auf dem Papier gut an. Ich habe jedenfalls selten so viel Spaß bei einem neuen, alten Dub Syndicate-Album gehabt wie hier. Und da es für den sagenhafte Preis von 4,99 € über die Ladentheke gehen soll (wer kauft so etwas überhaupt noch im Laden?), steht einer ausschweifenden Exkursion in die Historie des Oeuvres von Dub Syndicate eigentlich nichts im Wege.
Webcam Hi-Fi: Feeding My Faith
Dass Frankreich momentan die erste Heimat des Dub ist, dürfte sich herum gesprochen haben. Einer, der für diesen lobenswerten Status unseres Nachbarlandes mit verantwortlich ist, heißt Fredread und managed ein Label namens Tube Dub Sound. Erstmals auf ihn aufmerksam wurde ich, als ich vor zwei Jahren sein superbes Album Webcam Hi-Fi: „Livity Is My Temple“ entdeckte. Nun legt er ebenfalls in der Inkarnation „Webcam Hi-Fi“ ein zweites Album vor: „Feeding My Faith“, das zwar nicht so wahnsinnig gut ist wie sein Vorgänger, aber trotzdem immer noch meilenweit über dem Niveau durchschnittlicher Dub-Produktionen rangiert. Im Stile eines Showcase-Albums präsentiert es 17 Stücke sowohl als Vocal-, als auch als Dub-Version. Der Sound des Albums ist klassisch, tendenziell sogar konservativ, trotzdem (oder gerade deshalb) wunderbar warm und harmonisch. Hier gibt es eigentlich nichts zu meckern: Die Songs sind solide, die Dubs handwerklich perfekt. Dieses Album lässt sich wunderbar beim Arbeiten hören, oder während man im Web surft. Es ist eher so etwas wie ein „Wohlfühlfaktor“ – man verpasst nicht viel, wenn man mal nicht genau hinhört. Aber man verpasst komplett die sehr angenehme Atmosphäre, die diese Musik verbreitet, wenn man auf das Album verzichtet.
Manwel T: Virtual Dub 4
Obwohl der Maltese Manwel Tabone aka Manwel T bereits ein alter Knacker ist (geboren 1960 – also sogar noch älter als ich!), produzierte und mixte er seinen ersten Dub erst im Jahre 2006 und zwar komplett auf seinem PC – weshalb er sich auch als „digital dub remixer“ bezeichnet. Drei Jahre später, 2009, erschien sein erstes Album, nun 2012 liegt mit „Virtual Dub 4“ sein insgesamt viertes Werk vor. Da ich in meiner iTunes-Bibliothek auch „Virtual Dub 2“ gefunden habe, konnte ich sogleich einen historischen Vergleich anstellen, der mich nach aufmerksamem Studium von exakt 24 Stücken zu der Erkenntnis führte, dass Manwel T einen konstanten Stil pflegt: klassisch-moderner Dub mit Tendenz zum Steppers. Trotz seiner offensichtlich beschränkten Mittel, gelingt es ihm, ziemlich eigenständige Tracks zu bauen, von denen jeder seine unverwechselbaren Eigenheiten hat, sei es eine prägnante Hookline, eine melodiöse Bassline oder ein interessantes Arrangement. Nicht schlecht – wäre da nicht der etwas zu sterile, allzu synthetisch wirkende Sound. Vielleicht verwendet er einfach nicht wirklich gut gesampelte Instrumente oder kriegt es mit dem Mastering nicht hin. Vielleicht arbeitet er aber auch nur mit Windows ;-) Da ihm dieses Manko wahrscheinlich selbst bewusst ist, verschenkt er sein Album als freien Download – womit jede weitere Kritik hinfällig ist.
Various: Uno
Wer dem ewigen, repetetiven, stumpfen und stupiden, ja geradezu hirnlosen Reggae-Offbeat endlich mal entkommen möchte, kann sein Ohr dem Label-Sampler „Uno“ des italienischen Labels „Aquietbump“ leihen, um hier in sphärischen „low end frequencies“ zu versinken. Der Sound liegt irgendwo bei Dub-House/Minimal-Elektronik und ist wirklich nicht schlecht. Wer einen voluminösen Subwoofer sein eigen nennt, kann mit diesem Album locker einen Bauschaden (oder Karosserieschaden, je nachdem) provozieren. Zwei der hier versammelten Minimal-Artists kenne ich sogar: Andreas Tilliander und Hieronymus (was euch jetzt aber auch nicht weiter hilft, oder?). Am besten mal reinhören, denn das Album ist kostenlos.
Am Anfang stand Dubullah – ein Mann mit einer Vision. Selbst begeisterter Dubhead (hätte man bei dem Namen kaum anders erwartet), Gründungsmitglied von Transglobal Underground und Syriana, hatte den Traum, Reggae und Dub mit der Musik Äthiopiens zu verbinden. So flog er 2006 nach Addis Abeba, lernte dort viele großartige Musiker kennen, gründete mit ihnen die Band Dub Colossus und nahm zwei Alben auf. Aber was so ein richtiger Dubhead ist, der nimmt nicht einfach so zwei Alben auf, ohne diese dann durch den Dub-Wolf zu drehen. „Dub Me Tender Vol. 1 + 2“ (Real World) ist Ergebnis dieses Vorgangs und man kommt nicht umhin, Dubullah die Beherrschung seines Handwerks zu attestieren. Was nämlich ursprünglich eine Mischung aus Ethiojazz und Reggae à La Abyssinians oder Mighty Diamonds war, ist nun – formal betrachtet – astreiner Dub. Sehr leichtfüßig gespielt, mit einem Sound, der an Live-Aufnahmen erinnert. Es mag vielleicht kein Album sein, das uns Hardcore-Dub-Maniacs vom Hocker reißt, aber die Zielgruppe des Real World-Labels dürfte nicht schlecht staunen, eine Musik präsentiert zu bekommen, die so viel spielerischer und musikalischer ist, als das, was sie bisher unter Reggae zu kategorisieren gewohnt war. Und genau diese Spielfreude, die aus der Musik förmlich heraus sprüht, ist es, die mit den Konventionen des (meist elektronisch produzierten) Dub bricht und hier eine ganz neue Erfahrung unseres Lieblings-Genres ermöglicht. Ob es aber eine rundum positive Erfahrung ist, wage ich bescheiden in Frage zu stellen. Mag sein, dass ich den klassischen Dub-Konventionen zu sehr hörig bin, mag aber auch sein, dass die Konventionen Ergebnis eines natürlichen und folgerichtigen Prozesses sind und somit zu Recht bestehen; in meinen Ohren entwickelt der Dub Colossus jedenfalls nicht jene Faszination, die dem „richtigen“ Dub-Sound inne wohnt. Nach meinem Verständnis bedeutet Dub stets „weniger“, also Minimalisimus, Repetition und puren Sound. Dub Colossus hingegen bietet „mehr“, musikalische Fülle statt Minimalismus, Variation und Spielfreude statt Repetition und instrumentale „Songs“ statt purem Sound. Der Mix hat hier nicht die Aufgabe der Destruktion, sondern ist selbst ein „mehr“, indem er sich zur Musik hinzu addiert und ihre Komplexität steigert. Trotz Dub haben wir es bei „Dub Me Tender“ also nicht wirklich mit Dub zu tun – davon abgesehen aber durchaus mit einer interessanten musikalischen Erfahrung.
»Do The Reggae« im iBook-Store
Mein in Ehren gealtertes Buch „Do The Reggae“ (1995) ist soeben in Apples iBook-Store erschienen. Wer Lust hat, die Geschichte des Reggae am iPad nachzulesen, kann es sich kostenlos herunterladen.










