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Lee Scratch Perry & Subatomic Sound System: Super Ape Returns to Conquer

Erst war ich skeptisch, sehr skeptisch. Warum ein Meisterwerk nachspielen? Was bringt ein Remake, wenn das Original so leicht verfügbar ist? Lee Perrys „Super Ape“-Album, mit dem er 1976 via Island Records der Welt das definitive Manifest des Dub offenbarte, wurde wahrscheinlich Millionen Male verkauft, steht im Plattenregal eines jeden Reggae-Fans und Spotify & Co. streamen es täglich hinaus in den digitalen Äther. Warum also jetzt Lee Scratch Perry and Subatomic Sound System: „Super Ape Returns to Conquer“ (Echo Beach)? Eine sehr theoretische Frage, wie ich mir beim ersten Hören des Albums eingestehen musste. Doch bevor ich sie ausführlich beantworte, schauen wir uns erst einmal das Projekt und seine Protagonisten genauer an. Im Zentrum steht vermeintlich ein Mann: Lee Perry. Doch der Schein trügt (auch, wenn die PR-Kampagne, wie schon so oft, auf das alleinige Genie von Perry abhebt). Der Mann im Zentrum des Geschehens ist tatsächlich John Emch, der auch hinter dem New Yorker Subatomic Sound System steht, das sich seit seiner Gründung im Jahr 1999 in einer ganzen Reihe elektronischer Musikgenres getummelt hat. Bereits 2001 begann das Sound System mit Perry durch die Welt zu touren und Live-Instrumente mit elektronischen Beats zu kombinieren. Sieben Jahre später fusionierte John Emch klassische Perry-Stücke mit Dubstep und veröffentlichte 2014 mit „Black Ark Vampires“ einen sehr erfolgreichen Song für Perry, der von heftigem Sub-Bass und elektronischen Drums geprägt war – und trotzdem irgendwie nach Black Ark klang. Das Konzept war damit definiert: Wir katapultieren Perrys Black Ark-Sound in die Gegenwart, indem wir ihn mit ordentlich Wumms untenrum ausstatten. Oder – mit John Emchs Worten: „It sounds like the classic Black Ark vibes in the high frequencies but in the low end, it has the weight and punch of electronic music, dubstep and hip hop, that gets people moving“. Keine Ahnung wie Emch das gemacht hat, ob er ein Champion-Soundengineer ist, ein begnadeter Musiker oder einfach Sample-Wizzard: Der Black Ark-Sound stimmt zu hundert Prozent. Wer das Remake nebenbei hört, könnte glauben, der DJ spiele das Original. Doch ein direkter Vergleich offenbart den Unterschied: Das glorreiche Original von 1976 klingt erstaunlich schlapp. Das hatte ich noch nie so wahrgenommen, aber „Super Ape“ ist ganz schön schwach auf der Brust. Vor allem auch am Arsch, da wo der Bass sitzt, fehlt dem Original Substanz. Und genau hier fährt das Remake schweres Geschütz auf – aber ohne es zu übertreiben. Eigentlich klingt der „Return“ genau so, wie ich den „Super Ape“ mental abgespeichert hatte – obwohl die Unterschiede bei genauem Hinhören eklatant sind. Was jetzt allerdings eine Frage von philosophischer Dimension aufwirft: Kann ein relativ unkreatives Remake besser sein als ein genial innovatives Original von vor 40 Jahren? Wer das Remake des Films „Ghost in the Shell“ gesehen hat, weiß wovon ich rede. Visuell fantastisch, kopiert es das Original fast in jeder Szene (und vereinfacht zudem noch die Story). Die Kritiker waren sich einig und haben das Remake abgestraft. Fans hingegen waren von der visuellen Opulenz schwer beeindruckt. Wie lässt sich das Dilemma lösen? Gar nicht. Es muss eine klare Entscheidung für eine der beiden Seiten her. Deshalb würde ich jetzt mal ganz selbstverleugnend behaupten: Die Aura des Originals ist unantastbar. Wer käme auf die Idee, Rembrandts „Nachtwache“ durch eine neu gemalte Kopie zu ersetzen, weil die Farben des Originals nicht mehr die volle Leuchtkraft haben? Das Original ist ein historisches Dokument von großem kulturellen Wert – auch, wenn wir heute lieber Fernsehserien in 4K-HD anschauen, statt patinaverdunkelte Ölgemälde in Museen. Also ist auch Perrys original „Super Ape“ unantastbar und für immer ein Meisterwerk – auch, wenn wir heute lieber Dub mit heftigem Sub-Bass anhören. Daraus folgt: „Super Ape Returns to Conquer“ ist ein Sakrileg von Teufelshand. Lasst die Finger davon! Verzichtet auf das sinnliche Vergnügen von Black Ark-Magie in Bass-Wonderland! Entbehrt der Sinneslust an großartigen Mixen und crispen Sounds. Und vor allem: Wagt nicht, es auf einem echten Sound System zu hören, euch lustvoll in den Bass-Wellen zu suhlen und lasziv dazu zu bewegen! Jah sieht alles.

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Mad Professor Meets Jah9: In the Midst of the Storm

Der verrückte Professor ist doch immer noch für eine Überraschung gut. In den letzten Jahren hatte ich schon die Hoffnung aufgegeben, dass er zu alter Größe zurück finden würde. Von wenigen Ausnahmen abgesehen (z. B. „Black Ark Classics in Dub“), sind seine jüngeren Dub-Werke eher uninspiriert heruntergemixte Alben, basierend auf oft mäßigem Ausgangsmaterial. Doch nun hat er meinen vollen Respekt mit einem Schlag zurück erobert. Mit „Mad Professor Meets Jah9 In the Midst of the Storm“ (VP) liefert er sein amtliches Alterswerk ab – auf dem Niveau von (ja, sagen wir es ruhig) „Massive Attack vs. Mad Professor: No Protection“. Hier schließt sich der Kreis, Neil Fraser könnte jetzt guten Gewissens in Rente gehen – ungeschlagen und auf der Höhe seiner Kunst. Schon die Ausgangslage ist perfekt: Jah9 trifft auf Mad Professor. Da würde man selbst nicht drauf kommen, obwohl die Kombination schlicht genial ist. Zwei Nonkonformisten, beide ein wenig verrückt, Fanatiker leicht schräger Sounds jenseits des Mainstreams und besessen von maximalem Qualitätsanspruch machen gemeinsame Sache. War es die Meistersängerin mit den eigentümlichen Melodien, die auf die Idee kam? Jedenfalls hätte Neil Fraser kein besseres musikalisches Material bekommen können, als die kunstvoll-komplexen Produktionen von Jah9. Wie großartig diese sind, war auf ihrem Album „9“ gar nicht so offensichtlich. Vielleicht, weil sie von ihrem Gesang überstrahlt wurden. Erst jetzt, in der Dub-Interpretation von Mad Professor werden ihre Komplexität, ihre fragil-spröde, wunderschöne Konstruktion und ihr akustischer Reichtum so richtig deutlich. Ein musikalischer Schatz, den Neil Fraser mit Ehrfurcht zu würdigen wusste. Deshalb hat er ihn nicht einfach „dekonstruiert“, ihm Effekte verabreicht und Bass rein gedreht. Ganz im Gegenteil. Vielmehr legte er den tieferen musikalischen Kern eines jeden Stückes ganz sensibel offen, indem er es entschlackte, mit kongenialem Sound-Gespür einzelne Aspekte herausgriff und betonte und ihm schließlich eine spannende, kontrastreiche und höchst kunstvolle neue Dramaturgie verlieh. Das Ergebnis ist ein Dub-Album für den Kopf und für Kopfhörer, das im Sound System zweifellos sofort den Saal leer spielen würde, denn das natürliche Habitat dieser Dub-Kunst liegt zwischen den Ohren, nicht im Bauch.

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Riddim Research Lab: Research Programm #1

Ich liebe diese schrägen Dub-Produktionen von Genre-Außenseitern. Sei es, dass sie mit den Dub- und Reggae-Konventionen nicht vertraut sind, sei es, dass sie sie absichtlich ignorieren oder sei es, dass sie lediglich ihren eigenen Konventionen treu bleiben, das Ergebnis ihres eklektizistischen Tuns ist genau und gerade deshalb sehr oft faszinierend. Hier haben wir wieder so einen Fall: Riddim Research Lab, „Research Lab #1“ (Gamm). Das Research Lab ist das Projekt der beiden Londoner Gordon Brown Jr. und DJ Neeet, das wahrscheinlich niemals an die Wahrnehmungsschwelle des Underground gelangt wäre, hätte der angesagte russische House-DJ Lay-Far nicht eines Tages im Londoner Reckless Record Store beim Stöbern in der Dub-Sektion einen Typen getroffen, der ebenfalls dort nach schwarzen Dub-Perlen suchte. Gleich zwei Typen in der ansonsten eher verwaisten Ecke des Plattenladens? Da kommt man ins Gespräch und schließlich drückte der Brite dem Russen eine CD-ROM mit den Worten in die Hand: „Some dub-influenced beats I’m working on with my friend. If you like King Tubby and house – you may enjoy it“. Erst ein Jahr später purzelte die längst vergessene CD zufällig aus Lay-Fars Plattenkoffer und entpuppte sich beim Anhören als wahrer Schatz. Schräge Dub-Sounds, vertrackt und doch unglaublich groovy, mit Ecken und Kanten und doch absolut rund. Wer hören will, kann hören, wer lieber tanzt, der tanzt – beides geht gleichermaßen gut. Manche Rhythms gerieren sich gelegentlich leicht funky, bleiben aber dank Hall und Echo doch stets Dub-kompatibel. Sind die Ohren vom Steppers-Bass verklebt, dann hilft es, sie sich vom Research Lab frei blasen zu lassen.

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Various: King Size Dub – Reggae Germany Downtown – Chapter 3

Dub hat sich längst von seinen jamaikanischen Vätern emanzipiert und auch die zweite Dub-Generation, die der UK-Steppers, geht schon bald in Rente. Inzwischen haben viele kleine Home-Studio-Frickler das Steuer übernommen und basteln an mal schrägen, mal ordentlich steppenden Dubs. Wie wir alle wissen, ist Frankreich dabei ganz weit vorne, aber wer genau hinschaut erkennt, dass wir hier in Deutschland eine nicht minder kreative Dub-Szene haben – die es allerdings vorzieht, eher im Verborgenen zu werkeln. Also braucht es mutige Kuratoren, die sich auf die Suche begeben, ihre Seismographen auf subsonische Bass-Wellen ausrichten und Offbeat-Witterung aufnehmen. Zwei davon sitzen in Hamburg: Nicolai Beverungen, Echo Beach-Labelboss sowie Karsten Frehe, einer der Betreiber der Irieites-Website. Beide haben schon vor vier Jahren an Chapter 2 zusammen gearbeitet. Bei „King Size Dub – Reggae Germany Downtown – Chapter 3“ (Echo Beach) hat jedoch Karsten die Regie übernommen. „Bei der Auswahl war von Anfang an klar, dass die deutsche Dub-Szene möglichst vielfältig abgebildet werden sollte“, erklärt er. „Neben dem Versammeln altbekannter Strategen, wie Felix Wolter, Aldubb, The Senior Allstars, Umberto Echo u.a., war es mir wichtig, auch mal nach neuen Gesichtern und Sounds zu suchen.“ Okay, hören wir mal, wen Karsten so entdeckt hat: „Zum Beispiel Brian May aka Beam Up, den ich sehr schätze. Er hat einen neuen Dub von seinem erstklassigen Tune „Hanabi Dub“ beigesteuert. Oder Irie Worryah aus Detmold, der schon seit Jahren durch seine frischen Remixe auffällt. Ganz neu in meinen Fokus geraten sind Eddie Domingo und Jah Schulz. Eddie Domingo stammt aus dem Irieites-Umfeld. Er werkelt schon seit Jahren im Stillen vor sich hin und hat mit „Dub Coming“ feat. Italee einen großartigen One Take-Dub hingelegt. Jah Schulz hat interessanterweise bei seinem „Dubrise“ auf den Offbeat verzichtet. Trotzdem pumpt der Tune für meine Ohren ungemein. Mächtig umgehauen hat mich auch die Frost & Wagner Produktion mit Tetrack „In These Times“. Was für eine Stimme und was für ein Flow! Mir fielen sofort Verwandtschaften zu späten Bim Sherman-Tracks auf. Sehr gefreut hat mich auch, eine Jahtari-Produktion mit Roger Robinson dabei zu haben. Zusammen mit Disrupt hat er eine aktuelle Version von Dub Poetry zurück in die Zukunft gebracht, die äußerst kritisch den Finger in heutige Wunden legt.“ Soweit Karsten. Fehlt nur noch mein Urteil. Es lautet: Karsten hat zu hundert Prozent Recht.

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Dub’Ozone: From Root to Roots Dub

Dass Dub überall auf diesem Globus entsteht, ist ja inzwischen selbstverständlich. Aber auch in Französisch-Guayana? So viel ließ sich recherchieren: 2013 startete Jr. Polony in jenem südamerikanischen Land – das übrigens tatsächlich ein Übersee-Département von Frankreich ist und somit zur EU gehört – das Projekt Dub’Ozone. Sein Ziel: Dub mit den traditionellen Klängen der amerikanischen Ureinwohner des Landes zu verbinden. Das Ergebnis war das drei Jahre später erschienene Reggae-Album „From Root to Roots“. Aufgenommen und gemischt in Französisch-Guayana, ist es eine Synthese handgespielter Rhythms mit traditionellem Gesang der „Kalin’a“. Doch jetzt wird die Sache noch richtig spannend: Die Aufnahmen wurden sodann nach London ins Ariwa-Studio geschickt, wo der Junior Professor, Joe Ariwa, Hand anlegen durfte. Das (letztlich also doch irgendwie britische) Dub-Werk ist soeben erschienen und trägt den fantasievollen Titel: „From Root to Roots Dub“ (Mo’Tek-Zikarchy). Was es hier zu hören gibt, zählt zum Besten, was in letzter Zeit aus dem Ariwa-Studio zu vernehmen war und dürfte vielleicht Joes bisher beste Leistung sein. Es ist diese Fusion aus den kraftvollen, analogen Rhythms, großartigen Bläsersätzen und den kongenial passenden traditionellen Indianergesängen, die das Album so außergewöhnlich macht. Ein eigenwilliger, purer, rauer Sound, den Joe Ariwa eigentlich nur noch durch die Echo-Kammer hätte jagen müssen, um ein gutes Dub-Album zu ernten. Aber der Junge hat sich hier selbst übertroffen. Unglaublich virtuos jongliert er mit Tonspuren und Sounds und kreiert ein richtig gutes Dub-Album, das nicht nur spannend klingt, sondern auch richtig Spaß macht. Papa ist bestimmt sehr stolz auf ihn – zumal der verrückte Professor ja bekanntlich aus Britisch-Guayana stammt.

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Irievibrations: Dub Station

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Bei Irievibrations gibt’s was zu feiern. Das Wiener Label um die drei Brüder Lechleitner (Professa, Tomic und Syrix) veröffentlicht unter der Katalognummer „Irie100“ das hundertste Album. Das bemerkenswerte daran: Begangen wird dieses Jubiläum mit einem lupenreinen Dub-Album: „Dub Station“ (Irievibrations), für das Produzent Syrix einige der besten Tunes aus der inzwischen dreizehnjährigen Geschichte des Labes eigenhändig durch den Dub-Wolf gedreht hat. Das ist doch mal was: Dub als Krönung des musikalischen Schaffens. Recht so! Immerhin ist Dub ja so etwas wie die Metaebene eines Reggae-Stücks. Eine Reflexion der reinen Form. Womit ließe sich eine Retrospektive cleverer und anspruchsvoller gestalten? Kurz gesagt: Ich bin ganz bei Syrix und seinen Brüdern – gute Idee, gutes Konzept. Hören wir mal, wie beides in die Tat umgesetzt wurde: 14 Dubs versammelt die „Dub Station“, basierend auf Tunes von u. a. Luciano, Anthony B., Junior Kelly, Jahcoustix und Kabaka Pyramid – um nur die prominentesten zu nennen. Allesamt von Syrix produziert und prächtige Beispiele für den wunderbar runden, harmonischen „Irievibrations Trademark Sound“. Schöne Arrangements, perfekt gespielt, hundert Prozent dynamisch, tight und crisp. Ein bisschen Mainstream zwar, aber nie langweilig – was übrigens auch auf den Mixing-Style zutrifft: Syrix zelebriert hier das Erbe von Tubby & Co in höchster Vollendung. Keine allzu gewagten Experimente, keine schrägen Samples, kein bisschen radikal – einfach nur klassisch schön. Das kann er sich auch leisten, denn sein Ausgangsmaterial ist einfach makellos. Warum es also verfremden oder mit Samples overdubben? Als einzige, kleine Kritik ließe sich vielleicht anmerken, dass der Vocal-Anteil noch etwas hätte reduziert werden können. Andererseits müsste man dann auf die netten Melodien verzichten, die hier stets anklingen.

Rating 5 Stars

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Augustus Pablo: King David’s Melody

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Alles muss raus! Augustus Pablo im Angebot! Nach „Rockers International“ und „Original Rockers“, die Anfang und Mitte 2016 in den Regalen standen, erscheint jetzt mit „King David’s Melody“ (VP) mein Augustus Pablo-Lieblingsalbum als aufgebohrte Wiederveröffentlichung. Die hier versammelten Stücke sind weit weniger prominent, als die auf den vorgenannten Alben, aber dafür haben sie einen ganz entscheidenden Vorteil: Es sind reine Instrumentalstücke. Unfassbar schöne Stücke! Was vielleicht auch daran liegen könnte, dass Pablo hier teilweise auf bestehende Klassiker zurückgreift, wie z. B. „Riding on a High & Windy Day“ von den Paragons, „Mr. Bassie“ und „Problems“ von Horace Andy, „Free Soul“ von Jackie Mittoo“ und zuletzt „Kent Road“, ursprünglich produziert von Herman Chin-Loy, das hier in einer schön schrägen Drummachine-Version zu hören ist. Insbesondere begeistern mich aber auch die Pablo-Originals wie „West Abyssinia“ mit dem schönen Xylophon-Spiel oder auch die unglaublich betörende Melodikamelodie auf „Selfish Youth“. Der Sound des Albums ist wunderbar warm, positiv und uplifting – ein reifes Werk Pablos, bei dem er keine Kompromisse eingehen musste und einfach seine Idealmusik umsetzen konnte. Welch positive Kraft seiner Musik innewohnt, bringt auch der Titel des Albums „King David’s Melody“ zum Ausdruck: King David war angeblich der Autor einiger Psalme, die er wohl gerne mit Harfenbegleitung selbst vortrug: „And it came to pass, when the evil spirit from God was upon Saul, that David took an harp, and played with his hand: so Saul was refreshed, and was well, and the evil spirit departed from him“. Ein Versprechen, das auch Pablos magische Musik mit Leichtigkeit einzulösen vermag. Doch das Beste kommt zum Schluss: Die Melodie des König David umfasste bei ihrer Erstveröffentlichung 1983 nur elf Instrumentals. Auf dem aktuellen Reissue sind sie um neun Dub-Versions ergänzt worden! Und das ist noch nicht alles: Da das Mastering wieder Kevin Metcalfe anvertraut wurde, klingen sämtliche zwanzig Tracks so gut, wie nie zuvor.

Rating 5 Stars

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Zion Train: Versions

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Und ewig fährt der Zug nach Zion. Unbeirrbar seinem Gleis folgend, durch Klang-Stürme und Bass-Gewitter, durch unendlich ausgedehnte Echo-Räume und dicht getaktete Zeitschleifen. Tak, tak, tak, tak – die Gleisschwellen geben stoisch den Rhythmus vor. Ein Mann am (Steuer-)Pult treibt die Lokomotive an: Neil Perch. Dub-Veteran der neuen Zeitrechnung. Seit über 25 Jahren lenkt er den Zion Train, ist sich und seiner Musik stets treu geblieben und hat Dub mit unzähligen cleveren und wegweisenden Produktionen über die Maßen bereichert. Doch ganz so hoch greift Neil Perch mit dem neuen Zion-Train-Album nicht: „Versions“ (Universal Egg) versammelt einige herausragende Remixes der letzten Jahre – einige bereits auf anderen Alben und EPs veröffentlicht, andere neu. Ein „Best of Remix“ gewissermaßen. Unter den Remixern befinden sich Steve Vibronics, Dubmatix, Early Worm, Illbilly Itech und Radical Guru – um nur die prominentesten zu nennen. Entsprechend divers ist der Sound: klassischer Dub, Hardcore-Steppers, Dubstep und sogar Drum & Bass ziehen hier wie unterschiedliche Landschaften am Zugfenster vorbei. Eine höchst abwechslungsreiche und aufregende Reise.

Rating 5 Stars

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AMJ Meets RSD: Sky Blue Love

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Für eine Reggae-Band ist AMJ ein denkbar uncooler Name. Hier allerdings passt er tatsächlich ziemlich gut, denn die Band hinter dem Namen ist ebenfalls recht uncool. Es handelt sich um das Drum & Bass-Duo Andy Clarke und Mark Spence sowie den Produzenten John Hollis, die bereits in den 1980er Jahren in der Bristoler Band Restriction zusammen spielten. Drei ältere Herren also, die einen sehr gepflegten Reggae mit Jazz-Flair spielen. Interessanterweise angereichert mit Gastmusikern aus Kuba, dem Senegal, Burkina Faso und Kolumbien. Rodigan mag es und für einen trägen Sonntagnachmittag kann ich es mir auch sehr gut vorstellen. Nun aber kommt das zweite Akronym und dadurch wird die ganze Angelegenheit obercool: RSD. Die wahren Dubheads wissen natürlich, dass diese drei Buchstaben für Rob Smith stehen, jenes musikalische Genie, das unter den Namen More Rockers und Smith & Mighty in den 1990er Jahren, ebenfalls von Bristol aus, den Sound des UK-Reggae ins Hier und Jetzt katapultierte, um anschließend die Foundation dafür zu legen, was heute Dubstep und UK-Bass heißt. Seit einigen Jahren zeichnet er für fantastisch radikale Remixes verantwortlich, die von gewaltigem Bass-Sound und stoisch-repetetiven Beats geprägt sind. Verrückt, was dann passierte: Ausgerechnet dieser Rob Smith nahm sich der eher sanften Sounds von AMJ an und remixte deren Oeuvre: AMJ Meets RSD, Sky Blue Love (Astar Artes). Das Ergebnis ist streckenweise atemberaubend. Aus dem braven Instrumental „Heartbeat“ mixte Smith eine pure Druckwelle aus Bass. Noch unglaublicher: „Serious Signs“ beginnt mit lieblichen Klängen einer spanischen Gitarre, bevor auf Takt 32 unvermittelt eine Bass-Attacke einsetzt, die alles andere mit einem Handstreich hinwegfegt. Ein 20 Hertz-Tsunami. Der Großteil des Albums ist aber deutlich gemäßigter, gibt außer dem Bass auch den anderen Instrumenten Raum, modelliert die doch ganz guten Arrangements heraus und beweist damit, dass AMJ letztlich doch gar nicht so uncool sind. Smith pimpt den Sound, gibt ihm Ecken und Kanten und macht ihn bereit für den Dancefloor – aber auch für das geneigte Ohr des sachkundigen Dub-Connaisseurs. Da zeigt sich doch mal wieder, was ein talentierter Dub-Handwerker zu erreichen vermag, wenn er die richtigen Knöpfe zu drehen weiß.

Rating 5 Stars

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Radikal Guru: Dub Mentalist

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Wer radikale Dub-Sounds mag, der sollte sich mal Radikal Gurus neues Werk „Dub Mentalist“ (Moonshine Recordings) anhören. Es ist das inzwischen Dritte Solowerk des polnischen Dubbers und zweifellos sein reifstes. Wieso? Weil es weniger radikal ist als die beiden Vorgänger. Während vor allem sein Debut „The Rootsstepa“ kompromisslos harter Steppas mit gelegentlichen Exkursionen in Dubstep-Gefilde war, und das nachfolgende Werk „Subconscious“ auch noch recht ruppig daher kam, ist „Dub Mentalist“ ausgewogener, differenzierter, ideenreicher und soundtechnisch weniger klischeehaft. Vor allem hat Radikal Guru seine Produktionen entrümpelt. Weniger ist jetzt mehr, die Rhythms sind reduzierter, mehr auf den Punkt, vertrauen auf Drum & Bass, statt Soundlayer über Soundlayer zu stapeln. Wer jetzt weichgespülten Intellektuellen-Dub erwartet, liegt trotzdem komplett falsch. Der radikale Guru ist seinem Namen schon noch treu geblieben. Jeder der Dubs würde im Soundsystem eine gute Figur machen. Die Basslines sind massiv, an Hall und Echo besteht kein Mangel, Bläser schmettern ihre Melodien in die Düsternis des Sounds, und auch die obligatorische Melodika erklingt. Eigentlich die perfekte Form von Steppas, die auch auf Albumlänge funktionieren soll. Wie beim Guru gewohnt, sind wieder Vokalisten mit an Bord: Jay Speaker, Echo Ranks, Solo Banton und Earl 16. Ihre Beiträge fügen sich aber wunderbar in den Dub-Flow des Albums. Besonders nett: Violinbwoy garniert einen der sanfteren Tracks mit süßem Violinenspiel. Auch das macht auf diesem abwechslungsreichen Album Sinn.

Rating 5 Stars