Kategorien
Dub (R)evolution Review

Dub Evolution, März 2008

Seit Mitte der 1990er Jahre mischen die Vibronics aus Leicester Dub-Sounds made in the UK – und jeder Dub-Freund weiß genau was das heißt: kraftvolle Steppers-Beats mit dröhnenden Basslines und four to the floor durchmarschierenden Bassdrums. Dazu gesellen sich die typischen Synthie-Offbeats und massig Hall und Echo. Einst synonym für das große Dub-Revival, das Anfang der 1990er Jahre durch von Jah Shaka inspirierte Acts wie den Disciples, Zion Train oder Alpha & Omega eingeläutet wurde, ist dieser Sound heute ein Dub-Style unter vielen, aber einer, der untrennbar mit dem Vereinigten Königreich identifiziert wird. Die Vibronics sind ihm treu geblieben, variieren ihn innerhalb der engen Grenzen und spielen als eine der letzten überlebenden Dub-Bands der 1990er unverdrossen ihre Sound System Sessions. Ihre neue Platte „UK Dub Story“ (Scoop/Import) feiert diesen UK-Dub-Sound – nicht in Form einer Compilation, wie der Titel vermuten lässt, sondern mit neuen Produktionen. Natürlich sind hier keine Überraschungen zu erwarten. Brauchtumspflege trifft den Sinn und Zweck des Albums besser. Doch daran muss nichts schlechtes sein. Die   allgemeine Fixierung auf Innovation ist ohnehin höchst fragwürdig. Warum nicht einfach ein handwerklich gutes, solides Album ohne den Anspruch auf Entdeckung neuer Soundwelten produzieren? Die meisten Entdeckungen gehen sowieso in die Hose, da freut sich der Fan doch lieber über gut gemachte Genrekost. Und genau diese liefern die Vibronics. Kein Zweifel, sie beherrschen ihr Handwerk nach 13 Jahren im Dub-Business perfekt und wissen, wie man massive Rhythms strickt und ihnen das richtige Dub-Treatment verabreicht. Bass galore, flirrende Soundpartikel, angerissene Melodien und eine stoisch stampfende Bassdrum – was braucht es mehr zum Glück?

Mossburg heißt ein US-Label, das nun mit zwei reinrassigen Dub-Alben erstmals meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Das erste Album stammt von den Hi Fi Killers und ist „Turf War Dub“ (Mossburg/Import) betitelt. Es enthält 12 ziemlich interessante Dubs, die virtuos mit Sounds des vordigitalen Zeitalters spielen und die Killers unverkennbar als Fans von Scientist und King Jammy outen. Hier steckt viel Liebe im Detail, der Sound ist warm und reichhaltig und das Rauschen und Knistern weckt wehmütige Erinnerungen an frühere Zeiten. Nun würde das nicht viel zählen, wenn die Rhythms nicht gut wären. Kein noch so detailverliebt arrangierter Dub kann gut sein, wenn der Rhythm, das aus Drum & Bass gebaute Fundament nicht überzeugt. Doch die Hi Fi Killers sind hervorragende Tiefbauexperten, wise men, die ihr Haus auf Fels und nicht auf Sand bauen. Und so ist klamm und heimlich auf diesem unbekannten, nur über Import erreichbaren, Underground-Label ein überraschendes, sehr schönes Dub-Album entstanden, das ich jedem, der zu hören weiß, ans Herz legen möchte.

Das andere bei Mossburg erschienene Album, „Terrible Riddims“ (Mossburg/Import), stammt von Dub Fanatic und bietet einen viel klareren, saubereren, präzisen Sound, der weniger schillert, als vielmehr geradlinig die Beats abarbeitet. Den Arrangements ist eine Vorliebe für die Dubs der Revolutionaries anzuhören und die Riddims sind natürlich ganz und gar nicht terrible. Wer mit einem Album aus dem Hause Mossburg bedient ist, der sollte zu den Hi Fi Killers greifen, wer sich aber den Luxus von zwei Dub-Packungen geben will, der kann auf die Label-Website www.mossburgmusic.com gehen und dort für nur 9 Dollar die „Terrible Riddims“ herunterladen – und zwar nicht als mp3, sondern als unkomprimierte AIF-Dateien, die sich anschließend ohne Verlust auf CD brennen lassen. Das ist mal eine interessante Vertriebsstrategie!

Beim nächsten Album bin ich auf einen saublöden Etikettenschwindel hereingefallen, der sich dann aber durchaus als Segen erwies. In dem Order-PDF meines Reggae-Dealers fiel mir sofort das typische gelbrote Souljazz-Cover mit dem kreisrunden Bild in der Mitte in die Augen: „Homegrown Dub – 100% Remixed“ (Mai/Import) lautete der Titel, und ich kombinierte blitzschnell: Nach den zwei CDs „Box of Dub“ 1 und 2 bringt Souljazz nun ein Portrait der aktuellen britischen Dub-Szene. Weit gefehlt! Als mir die CD schließlich vorlag, fand ich im Kleingedruckten unten auf dem Cover, wo normalerweise „Souljazz“ steht, worum es tatsächlich ging: Um Dubs der neuseeländischen Band Katchafire. Von Souljazz keine Spur! Ziemlich übel gelaunt legte ich das Werk in den Player und war dann doch einigermaßen überrascht. Statt den Rip Off mit billig produziertem Material perfekt zu machen, erklangen handgespielte, komplex arrangierte und durchkomponierte Dub-Versions (der beiden Katchafire-Alben „Revival“ und „Slow Burning“). Der Sound erinnert tatsächlich ein wenig an Fat Freddies Drop, auch wenn er weit weniger lässig ist. Nicht selten klingt Katchafire wie eine Rockband, die Reggae spielt, bietet dabei aber schöne Melodien und richtig spannende, traditionell gemixte Dub-Effekte. Auf CD 2 befinden sich dann sieben Club-tauglich remixte Versionen, wobei der Song „Rude Girl“ gleich drei mal remixed wurde. Alles in allem hätte Katchafire den Etikettenschwindel gar nicht nötig gehabt. Das Album ist gut genug, um um seiner selbst wegen gekauft zu werden.

Eine Hommage an das Dub Syndicate bietet uns Rob Smith mit einem Megamix diverser Tracks der Band von Style Scott. „Overdubbed by Rob Smith (courtesy of Smith & Mighty)“ (Collision/Groove Attack) lautet denn auch der vollständige Titel und versucht, das Material diverser Dub Syndicate-Alben mit dem Hinweis auf das Zauberduo aus Bristol aufzuwerten. Die dadurch gesteigerte Erwartungshaltung wird beim Hören leider nicht ganz eingelöst, denn von den Overdubbs ist nicht all zu viel zu hören. Mr. Smith liefert hier mehr oder weniger ein auf Dub Syndicate-Tunes beschränktes DJ-Set. Kaum der Rede wert, wären die Songs nicht so gut, wie sie es sind. Style Scott hat mit Hilfe von hervorragenden Vokalisten wie Big Youth, Junior Reid, Cederic Myton, Capleton sowie den beiden hervorragenden Dub-Mixern Adrian Sherwood und Scientist im Tuff Gong-Studio einfach ein paar superbe Songs produziert. Vielleicht liegt der eigntliche Sinn der Overdub-Aktion darin, die ursprünglich etwas untergegangenen Dub Syndicate-Alben erneut in das Blickfeld der Dub- und Reggaefreunde zu rücken. Verdient haben sie es.

Kategorien
Dub (R)evolution Review

Dub Evolution, Januar 2008

„Dub Evolution“ ist nun schon seit geraumer Zeit der Titel dieser Kolumne (früher hieß sie „Dub Revolution“). Nun gibt es endlich die passende CD-Box dazu: Die „Dub-Anthology“ (Wagram/SPV), die den Bogen von den 1970er Jahren bis in die Gegenwart schlägt und die Evolution des Genres an Hand von 60 (!) Tracks nachzeichnet. Vier Jahrzehnte Dub auf vier CDs, wobei sich die 1970er und 1980er Jahre jedoch eine CD teilen müssen, während die 1990er unterteilt in „International Dub“ und „French Dub“ auf zwei CDs Platz finden. Die „New School“ wird dann auf CD4 in aller Breite präsentiert. Natürlich hat die Welt schon einige Anthologien des Dubs gesehen – wer kennt nicht Rodigans „Dub Classics“, den „Rough Guide To Dub“ oder die Trojan-Boxen mit Dub-Material aus den eigenen Archiven. Aber noch keine Anthologie hat versucht, die Geschichte des Dub so umfassend dar zu stellen, wie die die vorliegende Box. Meist wird die Grenze vom jamaikanischen Old School Dub, zum Dub Revival der 1990er Jahre nicht übersprungen – geschweige denn, dass ein Blick auf innovative Produktionen der Gegenwart geworfen würde. Das ist hier anders: Die Reise durch Zeit und Raum des Dub beginnt mit Augustus Pablos „Cassava Piece“, führt an King Tubbys „Belly Dub“ und einigen Dubs von Sly & Robbie (auch in den Reinkarnationen der Revolutionaries und Skin Flesh & Bones) vorbei, umschifft dann einige eher abwegige Stücke, (von denen manche zudem nur äußerst wenig mit Dub zutun haben) um anschließend geradewegs auf den großartigen – aus bester Black Ark-Zeit stammenden – Lee Perry-Dub „Bird in Hand“ zuzuhalten. CD 2 macht dann einen großen Schritt ins England der 1990er Jahre und präsentiert hier die üblichen Verdächtigen: Alpha & Omega, Twilight Circus oder Bush Chemists. Statt die zwingenden Namen wie Zion Train, Rootsman, Rockers HiFi, Dreadzone, The Disciples oder natürlich Jah Shaka und Mad Professor aufzuführen, bietet das Tracklisting mit Rhythm & Sound, Oku Onuora, Burnt Freidman, Thievery Corporation oder Tosca zwar eindrucksvolle, doch in diesem Kontext etwas unvermutete Namen. Weiter geht die Reise nach Frankreich, dessen Dub-Szene die komplette CD 4 gewidmet ist. Der Grund für die so ausführliche Darstellung des französischen Dub-Schaffens liegt nicht etwa darin, dass es so unglaublich reichhaltig oder stilprägend wäre, sondern schlicht darin, dass die „Dub Anthology“ in Frankreich (und natürlich mit besonderem Blick auf den französischen Markt) produziert wurde. Trotzdem ist die französische CD die bisher spannendste, weil sich hier auch für umtriebige Dub-Connaisseure noch neue Entdeckungen verbergen – oder hat jemand schon von Ez3Kiel, Pilah oder dem Löbe Radiant Dub System gehört? CD 4 gehört ganz der Gegenwart. Das älteste Stück ist gerade mal 2 Jahre alt, das neuste stammt (laut Angabe auf dem Cover) aus dem Jahr 2023 – aktueller geht es nicht. Der Zeitreisende findet hier – wen wundert‘s – auch überwiegend französische Namen (u. a. die wichtigen Protagonisten des sehr der elektronischen Musik zugetanen französischen Labels „Sounds Around“, Lena, Molecule, Roots Massacre). Ein wenig Internationalität bringen dann Dub-Experimentatoren wie Noiseshaper, Dubmatix oder Nucleus Roots ins Spiel. Zugegeben: Würde man eine amtliche Anthologie des Dub zusammen stellen, dann sähe die Auswahl der Stück wohl ziemlich anders aus. Aber fraglich wäre, ob diese auch so viel Spaß machen würde, wie die vorliegende CD-Box. In der amtlichen Version wären natürlich alle wirklich wichtigen Klassiker enthalten, doch – ehrlich gesagt – wer will diese noch zum tausendsten Male hören? Ich lasse mir da lieber ein paar obskure aber spannende Franzosen durch die Gehörgänge jagen.

Das feine englische Re-Issue-Label Auralux hat erneut  seiner Schwäche für Dub-Klassiker der 1970er Jahre nachgegeben und mit „Dread At The Controls Dub“ (Auralux/Rough Trade) ein frühes Dub-Album von Gussie Clarke wiederveröffentlicht. Richtig gelesen: Gussie Clarke und nicht Mikey Dread. Letzterer war angeblich zwar „irgendwie“ beteiligt gewesen, aber er hat kein Instrument gespielt, keinen Dub komponiert und vor allem: auch nicht gemixt. Gussie und Mikey waren einfach nur befreundet – und da sich gute Freunde unter die Arme greifen, hat Mikey Gussie seine „Dread At The Controls“-Marke einfach nur ausgeliehen, damit sich das Album besser verkaufte (laut Aussage von Mr. Clarke in den sehr lesenswerten Linernotes). Ursprünglich 1978 veröffentlicht, präsentiert das Album 10 Tracks, eingespielt natürlich von den Revolutionaries mit (unverwechselbar) Sly Dunbar an den Drums. Die Rhythms sind tight und das Timing der Musiker ist perfekt. Doch was nützt das, wenn die Riddims und der Mix zu langweilig sind? Toller Produzent, Top-Notch-Musiker und zudem noch brillanter Sound – aber nach 10 Minuten hört niemand mehr zu, denn die Tracks plätschern einförmig und ohne Überraschungen dahin. Schade.

Da ist „DC Dub Connection“ (Auralux/Rough Trade) schon viel interessanter. Hinter den hier versammelten 10 Aufnahmen steckt der Heptones-Backgroundsänger Earl Morgan, der Ende der 1970er Jahre gelegentlich im Produzentensessel Platz nahm und mit Earl 16, Alton Ellis und Stranger Cole Alben aufnahm. Interessanterweise produzierte er die Rhythm-Tracks nicht selbst, sondern kaufte sie von diversen Produzenten zusammen. Selbst von Lee Perry sind zwei Tracks dabei. Genau aus diesem Umstand bezieht das (soundtechnisch allerdings nicht so brillante) Album seinen Reiz: Es bietet einfach mehr Abwechslung – was nicht zuletzt auch daran liegt, dass Prince Jammy und Scientist schön inspirierte Mixe abgeliefert haben. 

Während die Reggae-Industrie weltweit zerbröselt, versucht sich das deutsche Label „Inakustik“ an einer neuen Reggae-Linie. Den Anfang macht u. a. ein Dub-Album: „Bebo In A Dub Style – Featuring Sly &Robbie“ (Tafari/Inakustik). Ursprünglich im Jahr des Slang-Tang, 1985, veröffentlicht, klingt „Bebo In A Dub Style“ fast schon antiquiert – wäre da nicht die Meisterschaft der 1A-Session-Musiker der Zeit: Sly & Robbie, Robbie Lyn, Willi Lindo, Dean Frazer und Sticky, Skyjuce & Scully. Ihr Timing ist so präzise, die Rhythms sind so tight und der Sound so glasklar, dass die Aufnahmen etwas zeitloses haben. Eigentlich hapert es nur an der Faulheit des Dub-Mixers Peter Chemist. Hätte er den Reglern seines Mischpultes etwas mehr Aufmerksamkeit gewidmet, dann dürfte „Bebo In A Dub Style“ seinen Titel zu recht tragen und wäre wohl auch zu einem Meilenstein der Dub-History geworden.

Kategorien
Charts Review

Dub Top 10 des Jahres 2007

Ticklah & Victor Axelrod, „Ticklah Vs. Axelrod“, (Easy Star Records/Import)

G-Corp Meets The Mighty Tree, „Dub Plates From The Elephant House Volume 3“ (Endulge/Rough Trade)

Various Artists, „Comfy Dub“ (Tricornmusic/Mconnexion)

Various Artists, „Roots Of Dub Funk 6“, Tanty-Records/Import

Various Artists, „New(dub)Excursion“ (Sounds Around/Import)

Abassi All Stars, „Dub Showcase“, Universal Egg

The Revolutionaries, „Drum Sound – More Gems From The Channel One Dub Room – 1974 To 1980“, (Pressure Sounds/Rough Trade)

Joe Gibbs & The Professionals, „African Dub All Mighty – Chapter 1 – 4“, (VP/Groove Attack)

Umberto Echo, „Dubtrain“, (19/Enja)

Dreadzone, „The Remixes“ (Virgin)

Kategorien
Dub (R)evolution Review

Dub Evolution, November 2007

Reggae gedeiht mittlerweile ganz gut im Licht der Öffentlichkeit. Die zarten Dub-Pflänzchen jedoch wachsen weitgehend unbemerkt im Schatten. Wer sie finden will, muss schon mit geübtem Kennerblick auf die Suche gehen. Dann kann es passieren, dass man in einer Bodensenke oder einer versteckten Felsspalte eine seltene, wunderschöne Blume entdeckt, die alle Mühe des Suchens entlohnt. So erging es mir mit „Ticklah Vs. Axelrod“ (Easy Star Records/Import), einer wahren Dub-Offenbarung, die letztens meinen Klickpfad im iTunes-Store kreuzte. Was zunächst so frappierend nach klassischen Tubby- oder Perry-Aufnahmen aus den 70er Jahren klang, entpuppte sich beim genaueren Hinhören als top-aktuelle Produktionen, die den Tubby-Sound in den Dienst akribisch durchkomponierter und komplex arrangierter Stücke stellen. Das Ergebnis dieser Fusion sind eingängige, überraschende und regelrecht spannende Tracks, die wie ein Tarrantino-Film funktionieren: formal ein postmodernes Spiel mit historischen Zitaten, inhaltlich jedoch komplette, faszinierende Neuschöpfungen. Hinter diesem virtuosen Spiel steht eine Person, die hier gegen sich selbst antritt: Ticklah und Victor Axelrod sind beides Namen ein und des selben jungen Musikers (er spielt fast alle Instrumente auf dem Album) und Produzenten aus Brooklyn, dessen musikalisches Werk Höhepunkte wie die Produktion von „High Fidelity Dub Sessions Presents: Roots Combination“, aber auch Tiefpunkte wie die Co-Produktion von „Dub Side Of The Moon“ (mit Dub-Cover-Versionen von Pink Floyd-Songs) umfasst. „Ticklah Vs. Axelrod“ ist sein Solo-Debut-Album, auf dem, neben reinen Dub-Aufnahmen, auch ein paar Vocalisten zu hören sind wie z. B. Mikey General oder Mayra Vega. Letztere singt auf zwei Cover-Versionen von Eddie Palmieri-Salsa-Klassikern, denen Axelrod ein waschechtes Dub-Treatment hat zu Teil werden lassen. Einfach nur cool.

Auch eine Entdeckung, die fast an mir vorbei gezogen wäre, ist das „neue“ Album von Dreadzone: „Once Upon A Time“ (Funktional Breaks/Import). Bereits 2005 erschienen, habe ich es erst jetzt bemerkt – und das, obwohl ich ein großer Fan von Dreadzone bin! Für alle, die das nur in England erhältliche Album ebenfalls verpasst haben: alles klingt wie gewohnt: Schnelle Beats, Leftfield-Sound, kräftige House- und Techno-Beimischungen, Earl 16-Gesang und gnadenlose Ohrwurm-Melodien. Letztes Jahr erschien außerdem das Live-Album „Dreadzone Live At Sunrise“ (Funktional Breaks/Import) und dieses Jahr: „Dreadzone: The Remixes“ (Virgin UK/iTunes – da „digital release only“). Hierauf sind 22 Remixe von Dreadzone-Stücken aus den frühen Virgin-Jahren zu hören. Remixed wurden zwar nur 6 Songs, diese aber gleich mehrfach. Mit von der Partie sind u. a. More Rockers, Underworld, Black Star Liner und Asian Dub Foundation – ja, das waren Zeiten!

Wo wir gerade bei Entdeckungen sind: Eines meiner All-Time-Favorite-Dub-Alben gibt es doch tatsächlich als remasterten Download zu kaufen: „Jah Shaka Meets Aswad in Addis Ababa Studio“ (Greensleeves/iTunes).

Und noch eine Entdeckung: „New(dub)Excursion“ (Sounds Around/Import), ein Doppel-CD-Dub-Sampler zwischen Steppers und Elektronik. Er hält eine perfekte Balance zwischen beiden Genres: genau die richtige Dosis Experiment, die Dub braucht, um spannend zu sein. Ein bisschen Dubstep, ein bisschen Orient, ein bisschen atonale Knister-Elektronik, und dagegen die so wunderschön strukturierten Reggae-Offbeats – und natürlich: viel, viel Bass. Die bekannteren, hier vertretenen Namen wären: Fedayi Pacha, Improvisators Dub, Manutension, Vibronic und Disciples. Erstaunlich, dass das großartige, in Frankreich ansässige Label Sounds Around keinen deutschen Vertrieb hat. Da es seine Veröffentlichungen scheinbar auch nirgendwo als Download zu kaufen gibt, sind die Freunde experimenteller Sounds wohl auf einen (der wenigen überlebenden) gut sortierten Reggae-Importeure angewiesen.

Up, Bustle & Out sind ja bekanntlich gern gesehene Gäste in dieser Kolumne. Und immer stellt sich die Frage, ob sie hier überhaupt richtig sind, denn was die beiden Briten so intonieren ist nicht wirklich Dub und oft noch nicht einmal Reggae. Im Fall des vorliegenden Albums „Istanbul‘s Secrets“ (Collision/Groove Attack) wirken diverse ethnische Musikstile zusammen: Flamenco, Latin, nordafrikanische Klänge, viel Trip Hop und natürlich türkische Musik. Letztere ist naheliegend, da die erste Hälfte der Doppel-CD wird von der türkischen Sängerin Sevval Sam bestritten wird – allerdings mit tatkräftigem Beistand verschiedener männlicher Kollegen wie Rob Garza, Benjamin Escoriza oder Kalaf. Die zweite CD – und jetzt sind wir wieder beim Thema – bietet die Dub-Versionen der 15 Songs von CD1. Steppers und One-Drop darf man hier nicht erwarten, faszinierende, ausgefeilte und komplexe Klangreisen  zum bewussten Zuhören aber ganz sicher.

Gute Neuigkeiten kommen aus dem Hause VP-Records. Dort hat man nämlich vor kurzem ein neues Sub-Label mit dem Namen „17 North Parade“ gegründet, eine Hommage an Vincent Chins legendären Record-Store „Randy‘s Record Mart“ in Kingston. Gedacht ist das Label als Plattform für die Wiederveröffentlichung bedeutender historischer Reggae-Produktionen wie beispielsweise der wegweisenden Dub-Alben „African Dub All Mighty – Chapter 1 – 4“ (VP/Groove Attack) von Joe Gibbs & The Professionals. Diese kleine von Joe Gibbs produzierte und von Errol Thompson gemischte Albenserie aus den 1970er Jahren gehört zu den großen Klassikern der Dub-Geschichte. Eigentlich erstaunlich, da hier Musiker wie Sly Dunbar, Lloyd Parks, Bobby Ellis und Tommy McCook lediglich die bekannten Studio One-Riddims nachspielen. Aber wie sie es tun, war einzigartig: Voller Druck und Energie im neuen Rockers-Style – garniert vom kongenialen Mix Errol Thompsons, der Lee Perry bei der Verwendung verrückter Samples übrigens in nichts nachstand. Im Vergleich zu früheren CD-Releases der African Dub-Alben, ist die Soundqualität (den Umständen entsprechend) gut. Ergänzt um informative Liner Notes und den Reprint des originalen Cover-Artwork, sind die Rereleases nur zu empfehlen.

Kategorien
Dub (R)evolution Review

Dub Evolution, September 2007

Obwohl Dub nur ein kleines Genre im großen Genre „Reggae“ ist, unterteilt er sich selbst auch wieder in diverse Spielarten, die manchmal national geprägt sind, sich manchmal aber auch auf einen viel kleineren Radius begrenzen und sich im Extremfall an einzelnen Labels festmachen. Birmingham ist so ein Radius und das dazugehörige Label heißt „Different Drummer“. Seit den frühen 90er Jahren entwickelte sich hier ein Dub-Sound, dessen klangliche nähe zu House-Music prägend für eine ganze Schule war. Den Anfang machten die Original Rockers, die sich nach dem ersten Release zu „Rockers HiFi“ umbenannten und das Different Drummer-Label gründeten. Schon damals waren Roberto Cimarosti und Brian Nordhoff im Dunstkreis des Labels zu finden. Ein Produzentenduo, das sich in den 80er Jahren noch um House gekümmert hatten und zu beginn der neuen Dekade unter dem Namen „Groove Corporation“ den Sound & Taste von Dub entdeckten. Spätestens mit der Produktion des legendären Rockers HiFi-Tunes „Push Push“, hatten sie die Hinwendung zum Dub vollzogen, wobei sie ihre Affinität für House geschickt in den neuen Sound zu integrieren wussten. Das Ergebnis war eine neue, frische und sehr zeitgemäße Interpretation von Dub, deren klanglicher Reichtum weit über dem Rangierte, was die durchschnittlichen UK-Dubber aus ihren Sythies pressten. Und so verwundert es kaum, das die Groove Corporation immer noch mit neuen Produktionen am Start ist, während den Dub-Traditionalisten schon längst die Ideen ausgegangen sind. 

Nach den erfolgreichen „Dub Plates From The Elephant House Volumne 1 & 2“ sollte „Dub Plates From The Elephant House Volume 3“ (Endulge/Rough Trade) neue, bisher unerforschte Wege beschreiten. Und so holten sich die beiden Elektronik-Tüftler drei Live-Musiker ins Studio, die „Mighty Tree“, angeführt vom Drummer Conrad Kelly, der bereits für Steele Pulse und UB40 spielte. Ihm zur Seite gesellten sich der Bassist Jeffrey Wright und der Gitarrist Robert Mullins. Das kreative Potential der hochkarätigen Musiker gepaart mit dem Talent der begnadeten Produzenten führte zu fantastischen Rhythm-Tracks, die so viel Song-Potential hatten, dass sich schnell Leute fanden, die sagten: „Hey, ich habe da etwas, dass großartig auf diesen Rhythm passen würde“. Und so wandelte sich das geplante Dub-Album bald zu einem Showcase-Album mit acht Vocal-Tunes. Der Sound der Stücke ist weniger deep, weniger elektronisch als bei den Vorgänger-Alben. Die Live-Aufnahmen lassen die Musik etwas luftiger und offener klingen, was ihr eine besondere Lebendigkeit verleiht. Hinzu gesellen sich wahre Ohrwurm-Melodien, sehr inspirierte Mixe und ein sehr abwechslungsreiches, detailverliebtes Arrangement. Mit anderen Worten: Ein perfektes Dub-Album, das den Brückenschlag zu einem sehr sehr guten Vocal-Reggae-Album vollzieht – und es zweifellos verdient, ins Blickfeld der eher Mainstream-orientierten Reggae-Community zu geraten. Übrigens liegt der CD das Kochbuch „Dub Food“ mit 24 jamaikanischen Rezepten bei!

Der Spätsommer scheint die Jahreszeit der Dub-Releases zu sein. Selten gab es so viel Neues zu hören – und zu kaufen, weshalb hier, statt der üblichen Besprechungen, dieses Mal eine Dub-Einkaufsliste zu finden ist – geordnet nach: „Beste Wertung zuerst“!

„Roots Of Dub Funk 6“ (Tanty-Records/Import). Nach wie vor eine der besten Dub-Sampler-Serien überhaupt und eine der ganz wenigen, die seit den 90er Jahren überlebt hat. Compiler Kevin R. gelingt es stets von neuem, die Dub-Perlen eines (oder mehrerer) Jahre herauszufiltern und zu einem wunderbar geschlossenen Album zusammen zu fügen.

„Dub Spencer & Trance Hill, „Return Of The Supercops“ (Echo Beach). Das zweite Album der schweizer Spaghetti-Dubber – die nun zur Hälfte neu besetzt sind. Dem gewohnten Sound tut der Besetzungswechsel kein Abbruch: Tiefe, handgespielte, manchmal psychedelisch angehauchte Grooves mit vielen Gimmiks, wie Rock-Gitarren-Soli oder Country & Western-Intros. Hervorragend gemixt!

Ashtech, „Walking Target“ (Subsignal/Interchill). Ein mir bisher völlig unbekannter Dub-Artist aus London, der hier ein superbes Dub-Album vorgelegt hat. Eine moderne Interpretation von Dub mit diversen musikalischen Einflüssen aus Londons Club-Szene, jedoch durchgängig mit einem Reggae-Beat als Fundament. Ungewöhnlich, inspiriert und daher sehr spannend. Eine besondere Empfehlung.

Vibronics, „Heavyweight Scoops Selection – Chapter 2“ (Soundsaround/Import). Ein Showcase-Album der Vibronics mit soliden Steppers-Rhythms und diversen Vocalisten wie Lutan Fyah oder Ranking Joe. Keines der Stücke ist für sich eine großartige Entdeckung, aber die Zusammenstellung und der schöne Rhythmus von Vocal und Dub lassen das Album zu einem sehr angenehmen Gesamterlebnis werden.

Michael Rose, „Warrior Dub“ (M-Records/Import). Ryan Moore ist ein Dub-Freak, weshalb man davon ausgehen kann, dass jedes der von ihm produzierten Alben auch als Dub veröffentlicht wird. So auch das eher enttäuschende neue Album von Michael Rose, das erst als Dub-Version überzeugen kann. Da Roses Melodien ohnehin auf einem Minimum an Inspiration basieren, ist es geradezu genial, dieses zu extrahieren und damit die Dubs zu pfeffern. So funktioniert es sehr gut: Solide Beats und kurze Melodiefetzen: Fertig ist ein neues Dub-Album vom Twilight Circus.

Tommy McCook & The Agrovators, „King Tubby Meets The Agrovators At Dub Station“ (Trojan/Rough Trade). Der um einige Bonustracks aufgestockte Rerelease der 1975 veröffentlichten LP. Als Produzent fungierte Bunny Lee, was den trockenen Offbeats deutlich anzuhören ist. Wer noch nicht genügend von Tubby veredelte Lee-Produktionen im Plattenschrank hat, kann hier zugreifen.

Prince Jammy Destroys The Space Invaders (Greensleeves/Rough Trade). Rerelease des Originals ohne Overdubs mit Spiele-Sounds.

Bullwackies All Stars, „Free For All“ (Wackies/Basic Channel). Sehr frühe Bullwackie-Produktion in verdammt schlechter Soundqualität. Vergleichbar mit Perry-Produktioen aus den frühen 70ern. Für Sammler ein Muss, alle anderen sollten zu späteren Produktionen des Hauses Wackies greifen.

„Essential Dub“ (Roir/Rattay-Music). Eine ziemlich obskure und keinesfalls als „essentiell“ nachvollziehbare Auswahl von Dubs. Hier steht Oku Onuora neben den Bad Brains und Niney neben Alpha & Omega. Lieber in die „Roots Of Dub Funk“ (s.o.) investieren!

Dubnight-Compilation Vol. 1 (Freier Download). Außer Konkurrenz läuft hier der Dub-Sampler von Phil Harmony, der eigentlich nicht auf eine Einkaufsliste gehört, da er kostenlos zu haben ist: Unter www.bigvibez.com kann das Album herunter geladen werden. Der Download lohnt sich, denn obwohl hier keine bekannteren Artists vertreten sind (was sich aber bei Vol. 2 ändern soll), ist die Auswahl der Stücke absolut überzeugend. Kaum zu glauben, dass diese Qualität als „Freeware“ zu haben ist. Ich bin gespannt, ob der „Open Source“ Gedanke in der Dub-Community eine Chance hat. Wünschenswert wäre es durchaus, böte die Abkehr von kommerziellen Erwägungen der Entwicklung von wirklich innovativer Musik doch viele Möglichkeiten.

Kategorien
Dub (R)evolution Review

Dub Evolution, Juli 2007

Ich höre schon den Vorwurf: „Wieder eine Channel One-Compilation auf Pressure Sounds!“ Stimmt, es ist mittlerweile die vierte. Doch scheinbar hat Chef-Kompilierer Pete Holdsworth drei Alben zum Üben benötigt, bis ihm mit „The Revolutionaries: Drum Sound – More Gems From The Channel One Dub Room – 1974 To 1980“ (Pressure Sounds/Rough Trade) dieses Meisterwerk gelang, das so präzise wie keines der Vorgänger den Chanel One-Sound und –Stil auf den Punkt bringt. Anfang der 1970er Jahre von den vier chinesischstämmigen Hookim-Brüdern Jo Jo, Paulie, Ernest und Kenneth gegründet, war das Studio vielleicht nicht Hort der Reggae-Avantgarde (hier dürfte Lee Perrys Black Ark-Studio führend gewesen sein), aber es war das beliebteste und mit Abstand erfolgreichste Reggae-Studio der Dekade. Mit dem besten Studio-Equipement und unendlicher Akribie beim Austüfteln des Sounds entwickelten Sly Dunbar und Ernest Hookim den sattesten, deepsten und präzisesten Reggaesound des ganzen Jahrzehnts. Er prägte den Reggae der späten 1970er Jahre so nachhaltig, wie es ein Jahrzehnt zuvor Coxsones Studio One getan hatte – was nur folgerichtig war, denn Coxsones Studio in der Brendford Road war das große Vorbild der Hookims – weshalb sie ihr eigenes Studio in Anlehnung dreist „Channel One“ nannten. Als sie dann auch noch anfingen, Coxsones Riddims nachzuspielen und damit die Hitparaden zu stürmen, platzte Herrn Dodd der Kragen und er schlug Jo Jo eines auf die Nase. Doch da diese Unmutsäußerung die Hookims keineswegs davon abhielt, mit ihren Remakes eifrig Geld zu verdienen, revanchierte Coxsone sich schließlich gleichfalls mit Remakes der Remakes, indem er seine alten Produktionen mit Sly Dunbars Double-Drum-Style overdubbte.

Die vorliegende Compilation präsentiert nun einige der spannendsten Produktionen des Channel One, allesamt produziert von Jo Jo und gemixt von Ernest und Barnabas. Bei den meisten saß Sly Dunbar an den Drums und Robbie Shakespear spielte den Bass. Wunderschön begleiten Slys leichtfüßige Uptempo-Drums den Hörer durch die Dubs einiger sehr, sehr großer Channel One Hits. Ein ganz besonderes Highlight eröffnet die Auswahl: „Kunta Kinte Version One“ ist vielleicht das dem Plattenkäufer am längsten vorenthaltene Dub Plate Special überhaupt. Hier feiert es nun seine offizielle Veröffentlichung – und es ist wahrlich ein Hammer (Mad Professors Version des Stücks weckte seinerzeit meine Liebe zur Dub-Music). Weiter geht es mit dem Dub zu „Them Never Love Poor Marcus“ von den Mighty Diamonds und anschließend zu „A Who Say Part Two“ von dem bekannten Althea & Donna-Stück über den „I Know Myself“-Rhythm. Dann kommt die Channel One-Version von „Fade Away“, stripped to the bone im Stile King Tubbys. Die Aufzählung ließe sich inklusive der Schwärmerei für jeden Track fortsetzen (wie z. B. für „War Version“, Sly Dunbars militantem Frontalangriff auf die Snarredrum oder wie z. B. „Back…:“ Schluss jetzt!). Channel One rules!

Der Sommer brachte einen wahren Trailerload of Dub. So viele Releases gab es selten. Hier nun die interessantesten: Beginnen wir mit „Studio One Dub Vol. 2“ (Soul Jazz). Da haben die Soul-Jazz-Rechercheure offensichtlich noch einige B-Seiten in den Studio One-Archiven gefunden. Gut so, denn es ist immer wieder erfreulich, die schönen Rhythms aus der Brendford Road pure and clean zu hören. Ihres Gesangs beraubt, swingt die Musik ganz im Zeichen der Bassline, der Rhythmus groovt und alles ist gut. Wie schon bei Vol. 1, finden sich sehr nette Versions, die erstaunlich oft bereits die Bezeichnung „Dub“ tragen dürfen. 

Das Erstaunen darüber, dass Soul Jazz gleich zwei Studio One-Dub-Sampler veröffentlicht – und dann noch so kurz hintereinander – legt sich, wenn man folgende Veröffentlichung des Labels in die Hände bekommt: „Box Of Dub – Dubstep And Future Dub“ (Souljazz). Ach ja, stimmt: Dub ist in England gerade wieder ziemlich angesagt – auch wenn Dubstep mit Reggae nicht allzu viel gemein hat. Die „Box of Dub“ schlägt aber aus den Dubstep-Clubs einen ganz eleganten Bogen zum klassischen Dub, da hier neben sphärischen Bass-Orgien auch dem Reggae-Groove verwandte Stücke präsentiert werden, die eine spannende, postmoderne Mischung aus z. B. Channel One-Samples, subsonischem Drum & Bass-Gegrummel und Breakbeats bietet. Wer sich als Dub-Freund mit dem Thema „Dubstep“ anfreunden möchte, der findet hier mit Namen wie Digital Mystikz, Kode 9, Burial und King Midas Sound einen guten Einstieg.

Nach fünf Jahren Sendepause erschien soeben ein neues Album von Zion Train: „Live As One“ (Universal Egg). Die einst fünfköpfige Formation, die in den 1990er Jahren mit ihrer höchst innovativen Mischung aus Dub und Dance sogar einen Major-Deal einheimste, ist nun auf den Gründer Neil Perch „gesund geschrumpft“. Doch er hat sich viel Unterstützung ins Studio geholt: Dubdadda, Earl 16, Tippa Irie und einige andere Vokalisten garnieren die straighten Steppers Beats aus Perchs Computer. Solide Rhythms, inspirierte Vokalisten und – für Dub nicht selbstverständlich – prägnante Melodien – eigentlich ist alles da, was der Dub-Freund mag. Doch so richtig Spaß macht „Live As One“ trotzdem nicht. Warum nur? Weil der Sound ein wenig zu sehr in den 1990ern stecken geblieben ist? Weil dem Album schlicht Ideen fehlen? Oder weil es für ein Zion Train-Album dann doch zu traditionell klingt? Schade eigentlich – Neil Perch kann auch anders …

Definitiv anders kann Fedayi Pachia, der mit „The 99 Names Of Dub“ (Hammerbass/Import) ein wahrlich außergewöhnliches Album vorlegt. Sein Style besteht aus der Mischung von traditionellen orientalischen Harmonien, Klängen und Arrangements mit dem Sound-Instrumentarium des Dub. Während sein Album „Dub Works“, das vor zwei Jahren erschien, Dub noch den Vorrang gab, gehen die 99 Namen des Dub viel sparsamer mit den Dub-Ingredientien um. Auf diese Weise gelingt es Pachia die beiden Elemente gut gegeneinander auszutarieren. Die Klänge Indiens, Arabiens und des Balkan ziehen die Aufmerksamkeit auf sich, während die Dub-Bassline und vereinzelt angeschlagene Offbeats das Fundament dazu bilden. Warum gibt es nicht mehr solch spannender Crossover-Experimente?

Zum Schluss noch ein Album, das mich überrascht hat und nachhaltig fasziniert: Dub Rascals, „Volume 2“ (Little Rascals Records/Import). Präsentiert werden hier ausschließlich Dub-Artists aus Australien und Neuseeland – und spätestens seit Fat Freddies Drop genießen diese beiden Regionen des Globus die besondere Aufmerksamkeit der Dub-Freunde. Wie bei Samplern üblich, ist das Angebot zwar nicht hundertprozentig homogen, doch was abzüglich von zwei drei schwächeren Tracks übrig bleibt, ist fantastisch. Allein das erste Stück, „Proicuous“ von Dubbo würde 14 folgende Totalausfälle aufwiegen. Wer „Proicuous“ auf einem bassstarkem Home-Soundsystem abspielt, sollte vorher auf jeden Fall die Nachbarn warnen. Deeper, wuchtiger und zäher geht es nicht mehr. Die absolute Definition von Dub. Zwei Tracks weiter erklingt das Stück von Jerry Mane, das sich in der Mitte zu einem furiosen Jungle-Track wandelt, während wieder zwei Tracks weiter, Pickle einen Dub abliefert, der auch Mark Ernestus und Moritz von Oswald Respekt abverlangt. Die Aufzählung qualitätsvoller Dubs ließe sich bis Track 15 fortsetzen, doch die Botschaft dürfte auch jetzt schon klar sein: Eine klare Investitionsempfehlung.

Das Erstaunen darüber, dass Soul Jazz gleich zwei Studio One-Dub-Sampler veröffentlicht – und dann noch so kurz hintereinander – legt sich, wenn man folgende Veröffentlichung des Labels in die Hände bekommt: „Box Of Dub – Dubstep And Future Dub“ (Souljazz). Ach ja, stimmt: Dub ist in England gerade wieder ziemlich angesagt – auch wenn Dubstep mit Reggae nicht allzu viel gemein hat. Die „Box of Dub“ schlägt aber aus den Dubstep-Clubs einen ganz eleganten Bogen zum klassischen Dub, da hier neben sphärischen Bass-Orgien auch dem Reggae-Groove verwandte Stücke präsentiert werden, die eine spannende, postmoderne Mischung aus z. B. Channel One-Samples, subsonischem Drum & Bass-Gegrummel und Breakbeats bietet. Wer sich als Dub-Freund mit dem Thema „Dubstep“ anfreunden möchte, der findet hier mit Namen wie Digital Mystikz, Kode 9, Burial und King Midas Sound einen guten Einstieg.

Nach fünf Jahren Sendepause erschien soeben ein neues Album von Zion Train: „Live As One“ (Universal Egg). Die einst fünfköpfige Formation, die in den 1990er Jahren mit ihrer höchst innovativen Mischung aus Dub und Dance sogar einen Major-Deal einheimste, ist nun auf den Gründer Neil Perch „gesund geschrumpft“. Doch er hat sich viel Unterstützung ins Studio geholt: Dubdadda, Earl 16, Tippa Irie und einige andere Vokalisten garnieren die straighten Steppers Beats aus Perchs Computer. Solide Rhythms, inspirierte Vokalisten und – für Dub nicht selbstverständlich – prägnante Melodien – eigentlich ist alles da, was der Dub-Freund mag. Doch so richtig Spaß macht „Live As One“ trotzdem nicht. Warum nur? Weil der Sound ein wenig zu sehr in den 1990ern stecken geblieben ist? Weil dem Album schlicht Ideen fehlen? Oder weil es für ein Zion Train-Album dann doch zu traditionell klingt? Schade eigentlich – Neil Perch kann auch anders …

Kategorien
Dub (R)evolution Review

Dub Evolution, Mai 2007

„Comfy Dub“ (Tricornmusic/Mconnexion) – Unweigerlich denkt man hier an Schmusedub und Kuschelsounds, weichgespült und Mainstreamkompatibel. Doch weit gefehlt! Comfy Dub heißt ein neuer Dub-Sampler mit hoch spannenden Tunes, die zum Besten gehören, was das Genre in den letzten Monaten hervorgebracht hat. Der Name ist natürlich Programm, denn hier sind in der Tat eher relaxte, weiche, chillige Tunes versammelt. Warme, lässig rollende Beats, bass- und echogeschwängert und trotz ihrer Entschleunigung voller Drive und Spannung. Also eher etwas zum bewussten Zuhören und Kopfnicken als zum Kuscheln. Das liegt zum einen an gutem Handwerk, zum anderen aber am durchgängigen Reggae-Groove, der alle Tracks wie ein roter Faden durchzieht. Der in Köln lebende und für die Compilation verantwortlich zeichnende DJ, Musikjournalist und Produzent Georg Solar präsentiert uns hier seine ganz persönliche Sammlung dub-infiltrierter Lieblingslieder: 14 Comfy-Dubs aus 12 Ländern, allesamt ziemlich aktuelle Produktionen – gewissermaßen die Speerspitze der internationalen Dub-Progression. Mit von der Partie sind u.a. Waldeck aus Wien, Rubbasol, hinter denen sich der Münsteraner Produzent Fe Wolter (Pre Fade Listenig) verbirgt, Federico Aubele aus Buenos Aires mit einem Tango-inspirierten Dub, Cottonbelly, der Produzent von Sade, die Dubhouse-Minimalisten Salz, Fat Freddy’s Drop aus Neuseeland, Seven Dub im Noiseshaper-Remix, Up Bustle & Out mit einem Track von ihrem neuen Album, Zilverzurf und nicht zuletzt auch George Solar himself. Allesamt zusammengehalten durch die schön dubbig hallverzerrte, sanfte Stimme der Dub-Poetin JEN, die bei diesem Dub-Flight über die verschiedenen Kontinente der Erde als unsere Stewardess fungiert. Solch liebevolle Produktionsdetails wie auch die in sehr persönlichem Ton geschriebenen, informativen Linernotes unterstreichen die Hochwertigkeit der Produktion. Doch: So brillant der Sampler auch ist, seine beste Eigenschaft ist es fraglos, der erste einer (hoffentlich) langen Serie zu sein.

Es gibt Neues aus dem Hause Echo Beach: „Immigration Dub“ (Echo Beach/Groove Attack) von Dubblestandart. Nachdem die Wiener Jungs auf ihrem letzten Album mit Vocals experimentierten, sind sie nun – übrigens auf ihrem 10. Album – wieder zum puren, für sie typischen harten, immer ein wenig nach On-U-Sound und Industrial klingenden Dub zurückgekehrt. Neben den schnellen Beats ist es vor allem die Mischung aus trockenen Drums, E-Gitarre und diversen Sprachsamples, die für die On-U-Ähnlichkeit sorgt. Doch es gibt auch einige gänzlich andere Stücke zu hören, auf denen wohlbekannte Vintage-Riddims erklingen und sich mittels ihres warmen, weichen Flows in die Gehörgänge schmeicheln. Ein paar Vocal-Stücke haben sich dann aber doch noch auf das Album geschmuggelt, wie zum Beispiel Ari Ups „Island Girl“, ein Titel übrigens, der sich auch auf dem Sampler „King Size Dub Vol. 12“ (Echo Beach/Indigo) aus dem gleichen Hause wieder findet. Obwohl bei Vol. 11 Schluss sein sollte, ist nun – on popular demand – die nun aber wirklich letzte Folge erschienen, mit dem „Best of“ der jüngeren Echo Beach-Veröffentlichungen wie zum Beispiel Tunes von Seven Dub, Dub Syndicate, Wet Cookies, Dub Spencer & Trance Hill, um nur einige zu nennen.

Der dritte Echo Beach-Release: „Earthling“ (Colision/Groove Attack) von den Wet Cookies ist schon ziemlich speziell. Ein von Jazz wie Dub gleichermaßen geprägtes Album, wobei der Jazz nicht selten die Sphären lauschig-relaxter Bebop-Lounges verlässt und in die Tiefen diverser Free-Jazz-Keller hinabsteigt, was den an regelmäßige Dub-Beats gewohnten Ohren schon einiges abverlangt. Aber als Dub-Connaisseure stehen wir ja bekanntlich jedem Experiment aufgeschlossen gegenüber und wer länger zuhört wird dann doch ein recht abwechslungsreiches, wenn auch schräges Album kennen lernen, das sich im Laufe der Tracks jedoch zunehmend weiter von Dub entfernt.

Das mittlerweile wohlbekannte New Yorker Dub Trio legt sein neues Live-Album „Cool Out and Coexists“ (Roir/Cargo) vor, von dem das Label behauptet, es sei das „hardest hitting to date“. Dass dies den Tatsachen entspricht, glaubt man sofort, wenn die brachialen, verzerrten Punk-/Hardrock-E-Gitarrenriffs von DP Holmes einen aus dem Sofa schleudern. Aufgenommen bei einem Konzert in Brooklyn, erinnert das Dub Trio zunehmend mehr an die Bad Brains – nur der Gesang fehlt. Ihre minimal besetzte Musik (Bass, Schlagzeug, Gitarre) wird immer rauer, ungemütlicher und härter – eigentlich genau das Richtige, um die von Comfy-Dub verwöhnten Ohren einmal so richtig frei zu blasen und den Kopf in das Hier und Jetzt zurückzuholen. 

Ein weiteres Album aus dem Hause Roir kommt von 10. Ft. Ganja Plant. Es trägt den schlichten Titel „Presents“ (Roir/Cargo) und ist ein Rerelease des Debut-Albums der Combo aus dem Jahr 2000. Hätte jemand „aus dem Jahre 1978“ in das Presseinfo geschrieben, würde man das wahrscheinlich auch glauben, denn der 70er-Jahre Dub-Sound ist 10. Ft. Ganja Plants Spezialität. Daher dürfte auch klar sein, was auf dem Album zu erwarten ist: Handgespielte Rhythms, klassisches Arrangement mit gelegentlichen Bläsern, gelegentlichen Flying Cymbals und ebenso gelegentlichen Vocal-Fragmenten. Nicht aufregend, aber sehr angenehm und relaxed. War also keine schlechte Idee, dieses Album zu reanimieren.

Und da wir thematisch schon in den 70er Jahren sind, kommen wir noch ganz fix zur Revival-Selection. Hier ist vor allem das Album Carlton Patterson & King Tubby, „Black & White In Dub“ (Hot Pot/Cooking Vinyl) zu erwähnen, auf dem 21 Single-B-Seiten zu einem Album vereint sind, die Produzent Patterson in den 70er Jahren hat aufnehmen und von Tubby mixen lassen. Wer auf den trockenen Mid-70ies-Tubby-Dubsound steht, kommt hier auf seine Kosten. Die Produktionen sind minimalistisch, straight und werden nicht selten durch schöne Melodika-Melodien eingeleitet, die sich aber leider nach wenigen Takten im Echo-Nirwana verlieren. Übrig bleibt Drum & Bass at its best – von Tubby virtuos gemanaged. 

Der Großmeister ist auch auf dem Album „King Tubby Meets The Agrovators At Dub Station“ (Trojan/Rough Trade) von Tommy McCook & The Agrovators zu hören. Dabei handelt es sich um den mit einigen Bonustracks aufgestockten Rerelease der 1975 veröffentlichten LP. Als Produzent fungierte Bunny Lee, was den trockenen Offbeats deutlich anzuhören ist – auch wenn der Sound insgesamt etwas fluffiger klingt als der von Patterson. Da wir gerade von Rereleases reden, sollte nicht unerwähnt bleiben, dass auch Pressure Sounds ein Rerelease ausgepackt hat: Keiths Hudsons Dub-Album „Brand“ (Pressure Sounds/Rough Trade). Wie innovativ dieses Werk für den Dub der 70er Jahre war, lässt sich vor allem im direkten Vergleich mit den beiden zuvor erwähnten, gewöhnlicheren Alben erkennen. Ein guter Grund also, sich „Brand“ noch einmal zu Gemüte zu führen.

Kategorien
Dub (R)evolution Review

Dub Evolution, März 2007

Nach dem Dub-Album von Jan Delay (Rezension in der letzten Kolumne), gibt es nun erneut ein Dub-Werk aus deutschen Landen. Offensichtlich ist die Reggae-Szene hierzulande mittlerweile so gut entwickelt, dass nun auch Special Interest-Sounds neben Dancehall und Gentleman ihren Platz finden. In dieser Szene groß geworden ist der 26 Jährige Produzent und Multiinstrumentalist Phillip Winter, der, trotz seines jungen Alters, bereits an über 50 Alben mitgewirkt hat (z. B. Jamaram, Jahcousticx, Headcornerstone). Dabei hat er des öfteren über den Tellerrand des Reggae hinausgeblickt und sich mit Jazz, Punk Pop oder Hip Hop beschäftigt. Dass seine Liebe jedoch dem Reggae gehört und dass er vor allem als feinfühliger Soundmixer einiges auf dem Kasten hat, beweist er nun mit dem Album „Dubtrain“ (19/Enja). Unter dem schönen Namen Umberto Echo hat er hier 12 hoch spannende Tracks versammelt, die nicht nur fantastisch klingen, sondern zudem so abwechslungsreich produziert und gemixt sind, dass man dieses Album stundenlang im Replay-Mode laufen lassen kann, ohne sich zu langweilen. Jeder Track besteht aus einem Feuerwerk an Ideen: Rhythmuswechsel, Arrangementwechsel, Stilwechsel zudem Vocal-Fragmente von großen Sängern wie Earl 16, Luciano und Paul St. Hilair – Andere Produzenten machen aus dem Material fünf Alben. Echos große Leistung ist es jedoch nicht nur, diese Ideen umgesetzt, sondern auch dafür gesorgt zu haben, dass alles so wunderschön homogen zusammen passt – statt im Produktions-Overkill zu implodieren. Höchst angenehm begibt sich der Hörer im Dubtrain auf eine Reise durch die weiten Welten des Dub, gleitet durch Raum und Zeit, entlang kühn geschwungener Assoziationsketten im sanften Auf und Ab der warmen Wogen des Bass. Schade, das der Zug schon nach einer Stunde am Ziel ist. Ich könnte ewig mit ihm fahren.

Vor nicht allzu langer Zeit, war in dieser Kolumne die Rezension des Showcase-Albums der Abassi All Stars zu lesen. Trotz Showcase, waren darauf keine reinen Dubs zu hören. Jedoch war der Sound des Albums so eindeutig Dub, dass es seinen Platz zu recht in dieser Kolumne fand. Doch Zion Train-Chef Neil Perch, Produzent des Albums, ist kein Freund halber Sachen, weshalb er nun, ein Jahr später, die puren, unverfälschten Dub-Versionen zum Showcase vorlegt. Der Titel des Albums ist folgerichtig – wenn auch etwas tautologisch: „Dub Showcase“ (Universal Egg). Doch wer sich als hartgesottener Dub-Freund nun auf eine abermalige Steigerung des Genusses freut, dem sei gesagt, dass die Vocal-Versionen der hier versammelten Stücke definitiv spannender waren. Woran mag das liegen? Die nahe liegende Erklärung wäre, dass die Dubs das Fehlen der durchweg starken Vocals nicht durch gute Mixe kompensieren können, da ja bereits die Vocals über gute Dubs liefen. Mag sein. Doch es gibt noch eine zweite Erklärung für das schlechte Abschneiden der Dubs: Ohne Vocals liegt die Konzentration des Zuhörers alleine auf dem Sound – und hier hat der Dub Showcase seine Schwächen: Trotz guter Rhythms und tougher Basslines, schaffen es die Tracks nicht, sich vom Steppers-Sound der 90er-Jahre zu lösen. Das gesamte Album klingt wie ein einziges, großes Dejà-vu. Insbesondere die Love-Grocer-mässigen Bläsersätze bewirken einen Zeitsprung ins letzte Jahrhundert. Schade, vielleicht hätte etwas mehr Mut beim Drehen der Regler gereicht, um den Sound mehr dem State of the Art anzunähern.

Hier bietet sich die Überleitung zu anderen großen Dub-Protagonisten der 90er Jahre an. In der limitierten 4 x 10“-Vinylsingleserie „Scoops – Rewind & Remixed“ machen sie unter der Regie der Vibronics gemeinsame Sache: Alpha & Omega, Bush Chemists, The Disciples und Twiglight Circus. Das Konzept ist etwas kompliziert: Auf jeder Single gibt es vier Tracks eines Dub-Artists, je zwei Vocal-Stücke mit anschließendem Dub-Mix, wobei die A-Seite von den Vibronics remixed wurde und die B-Seite von dem jeweiligen Artist. Alles klar? Eigentlich ist es nur wichtig zu wissen, dass wir es hier erneut mit Recycling zu tun haben – und das sogar im doppelten Sinne, denn wir sprechen hier von Dub-Mixen von Dub-Mixen. Und wem die Namen der hier vereinigten Dubber noch aus den 90er Jahren geläufig sind, der weiß auch was zu erwarten ist: Steppers, Steppers, Steppers. Wieder so ein Dejà-vu – zumal der engagierte Dub-Sammler alle Stücke schon von den Originalalben kennt.

Wie allgemein bekannt ist, werden seit einiger Zeit alle Wackie’s-Alben unter den geschickten Händen von Mark Ernestus und Moritz von Oswald in Berlin rereleased – und zwar exklusiv. Umso größer war die Überraschung, als ich das Album „Wackies in Dub: Partfounder-Dubstation“ (Wackie’s/Import) erblickte. Die Unterzeile: „A Bullwackies Production“ führte zum Kauf des Albums – natürlich nur aus rein selbstlosen Recherchegründen, denn meine Skepsis war groß. Zu Recht, wie sich zeigte. Scheinbar hat Mr. Barnes tatsächlich noch einmal höchstselbst in die Regler gegriffen, doch das Material, das er remixte, besteht aus weitgehend langweilig runtergespielten Rhythms unbekannter Herkunft. Vom Zauber des Wackie’s-Sound jedenfalls keine Spur. Man fühlt sich unweigerlich an die lieblosen Produktionen erinnert, mit denen Scientist, ebenfalls ein alter Recke des Dub, in letzter Zeit an die Öffentlichkeit getreten ist. Wahrscheinlich nichts weiter als ungelenke Versuche, aus dem bekannten Namen noch ein paar Dollar herauszupressen – und ich bin darauf reingefallen.

Da greife man doch lieber zu den Original-Dubs der Veteranen wie z. B. zu jenen aus den 70er Jahren, die King Jammy jüngst eigenhändig für das Album „Dub Explosion“ (Jamaican Recordings/Import) zusammengestellt hat. Alle Tracks sind Jammys eigene Produktionen, die er im Channel One-Studio hat einspielen lassen. Die Linernotes des Albums weisen zurecht auf die präzise Produktion und die überragende Soundqualität hin, die heutige Hörer dazu verleitet, die Tracks in die frühen 80er Jahre zu datieren. Schöne, klassische Dubs mit schönen, klassischen Basslines. Nicht aufregend, aber grundsolide und perfekter Background-Stuff fürs Büro.

Zum Abschluss noch ein weiteres Dub-Album aus Deutschland, von einem Bedroom-Produzenten mit dem witzig ausgetüftelten Namen Sir Larsie I (Wahrscheinlich abgeleitet von Lars?!). Auf dem Album „Dub Buds Vol. 1“ (www.sirlarsiei.com) präsentiert er 17 Steppers-Dubs, die stark an den synthetischen Sound der Disciples erinnern. Dafür wird er gewiss keinen Innovationspreis bekommen, wohl aber den Respekt der Bass-Junkies, denn „Earthshaking“ (wie das Cover verspricht) sind seine Basslines in der Tat. Mein Tipp: Die Atari-Sounds durch gute Qualitätssamples ersetzen und die Sache ist geritzt.

Kategorien
Dub (R)evolution Review

Dub Evolution, Januar 2007

Kaum zu glauben, das nimmermüde, schnodderige Hamburger Rap- und Plappermaul Jan Delay  hält auf seinem neuen Album endlich mal die Klappe. Stammheims Söhne, der Flashgott und die Ragga Styler müssen draußen bleiben, denn auf dem neuen Album „Searching … – The Dubs“ (Echo Beach/Indigo) hat allein die Musik das Wort. Während Herr Delay schon weiter gezogen ist, den Reggae hinter sich gelassen hat und momentan in seiner Funk-Phase weilt, haben sich die Nachlassverwalter ans Werk gemacht und eine stilechte Dub-Version des 2001er-Hitalbums „Searching for the Jan Soul Rebels“ produziert. Und da die Hamburger Reggae-Mischpoke gerne unter sich bleibt, hat sich der große Dub-Master Matthias Arfmann des Werkes angenommen, es durch die Echo-Kammern seines Hamburger Turtle-Bay-Country-Club-Studios gejagt und auf dem ebenfalls in Hamburg ansässigem Label Echo Beach veröffentlicht. Wer Arfmann als Initiator der Kastrierten Philosophen und als Produzent von Patrice, Onejiru und den Absolute Beginners kennt – und wer vor zwei Jahren seine Remixe von alten Karajan-Aufnahmen gehört hat –, der dürfte keinen Zweifel daran hegen, dass Arfmann at the controls die Delay-Tracks kräftig aufgemöbelt hat. Während auf dem Original-Album von 2001 die Stimme, die Texte und das Marketing-Image von Jan Delay so sehr im Vordergrund standen, dass kaum jemand auf die Musik geachtet hat, kommt sie unter Arfmanns Federführung endlich zu ihrem Recht. Obwohl die Sam Ragga Band den Groove zwar nicht gefressen hat, ist es Matthias Arfmann gelungen, ein schönes, solides und sehr melodiöses Dub-Album zusammenzumixen. Dabei ist er durchaus klassisch vorgegangen: allein die überlegte Dramaturgie, das virtuose Handling von Melodiefragmenten und das zielsichere Timing genügen, um spannende Instrumentalstücke entstehen zu lassen, denen man über die komplette Länge bewusst und gerne zuhört. Sehr geholfen hat ihm dabei, dass – anders als im jamaikanischen Reggae, wo die Riddims unabhängig von der Vokal-Version entstehen – Jan Delay für sein Album schlicht und ergreifend gute Melodien komponiert hat, die nun auch die Dubs prägen. 

Aus Kanada kommt eine sehr interessante Dub-Compilation: Sub Signals Vol. I (Interchill/iTunes). Das Label ordnet die hier präsentierten Tracks den (wohl selbst kreierten) Genres „Psy Dub“, „Psy Dancehall“ und „Dubby Breaks“ zu. Wir nennen es lieber „Dub with attitude“, denn obwohl alle Tracks auf Reggae-Beats basieren, bewegt sich der Sound in Bill Laswellschen Sphären, Soll heißen: Schwere Bassläufe, sehr langsamer Rhythmus, sensible elektronische Klänge und relativ komplexer, anspruchsvoller Mix. Oder, einfacher ausgedrückt: Das genaue Gegenteil von Steppers. Ein Album eher zum Zuhören denn Kopfnicken. Versammelt sind hier sowohl bekannte Namen wie Sub Oslo, Zion Train, Noiseshaper, Creation Rebel, Dubadelic oder Manasseh, wie auch unbekannte (vielleicht Kanadische Acts): Mauxuam, Dub Alchemist, High Tone, Almamegretta oder Ashtech. Hinter letzterem steckt der Kompilierer der Sub Signals himself, Mr. Gaudi, ein weißer Dread aus London, der sich bisher vor allem durch Remixes von Pop-Stücken hervorgetan hat. Mit seinem Remix von Cool Jacks „Jus’ come“ kann er sogar einen Nr. 1 Hit in den Britischen Charts in seiner Vita aufweisen. Bei den Sub Signals beweist er jedenfalls gute Selector-Kompetenz, denn das Album versammelt nicht nur gute Musik, sondern fließt auch homogen und geschlossen, ohne langweilig zu werden. Da es in Deutschland nicht vertrieben wird, bietet sich der Download im iTunes Music Store an – wo es bekanntlich auch probegehört werden kann.

Neues gibt es auch aus dem Hause Universal Egg. „Bass Matters“ (Universal Egg/Cargo) heißt das erste reine Dub-Album des Radical Dub Kolektiv, für das die Musiker aus Zagreb Neil Perch, Mr. Zion Train himself, als Produzenten ins Boot geholt haben. Das war eine sehr gute Idee, denn der Dub-Tausendsassa hat aus den live eingespielten Aufnahmen ein beachtliches Dub-Album gemischt. Was lange währt wird endlich gut, denn Perch nahm sich für den Mix über ein Jahr Zeit. Soundtechnisch hat er die Tracks auf druckvolle Steppers-Beats eingenordet, wobei der handgespielte Charakter der Tunes den 90er-Steppers-Appeal angenehm abschwächen. Die Glätte der Synthie-Produktion wird hier durch eine gewisse Rauheit und Direktheit ersetzt, was den Stücken zusätzliche Energie verleiht. Außerdem haben sich Band und Produzent sehr um Abwechlung bemüht und neben einem guten Mix und schönen Arrangements auch immer wieder kleine, überraschende Ideen eingebaut, wie ein Chor, der genau vier Takte lang zu hören ist, oder kleine Dialoge oder Soundkulissen, die als Intro fungieren. Zwei Stücke sind zudem mit Vocals versehen worden. Einer der Vokalisten ist der angebliche Neffe von Lee Perry, Omar Perry.

Gussie P war schon immer für seinen minimalen Dub-Sound bekannt. Mit dem Remix alter Negus Roots-Aufnahmen aus den frühen 1980er Jahren hat er sich jetzt selbst übertroffen. „Firehouse Dub Volume 1“ (Gussie P/Import) heißt das Mixwerk und ist unter dem Artist-Namen Sip A Cup Meets Negus Roots gelistet. Zu hören gibt es hier Bass, Bass und nochmals Bass. Unter ferner Liefen rangiert das Schlagzeug, gelegentliche Keyboard-Einsprengsel und Gitarren-Licks. Wenn man genau hinhört, dann sind die frühen 80er noch zu erkennen, die typischen Haussounds des Channel One und Aquarius-Studios und auch Sly Dunbars militant Drumming. Doch Gussie P hat solide Arbeit geleistet: Auf den ersten Blick könnte das Album als aktuelle Produktion durchgehen. Vielleicht, weil nicht einmal in den frühen 80ern so minimalistisch gemixt wurde, wie es Gussies Art ist. Außerdem muss der Gute ziemlich intensiv am Bass-Sound herumgeschraubt haben, denn dieser hat eine geradezu unheimliche Präsenz. Interessanter Minimalismus ist – entgegen der vordergründigen Vermutung – äußerst mühsam zu erreichen. Denn, ist er nicht perfekt ausgetüftelt, dann gerät er sehr schnell langweilig und verliert alle Kraft, die potentiell in ihm steckt. Eine Falle, in die auch Gussie P leider– wenn auch nur mit einem Bein – getappt ist. So überwältigend sein Sound auf den ersten Tracks des Albums auch ist, Gussie schafft es nicht, die Spannung über die ganze Länge zu halten. Spätestens ab der Mitte des Albums wünscht man sich nämlich etwas mehr, als nur Bass, Bass und noch mal Bass.

Kategorien
Charts Dub (R)evolution Review

Dub Top 10 des Jahres 2006

1. Root 70, Heaps Dub, Nonplace

2. Sandoz, Live In The Earth, Soul Jazz

3. Rhythm & Sound, See Mi Yah Remixes, Burial Mix

4. Noiseshaper, Real To Reel, Echo Beach

5. Mapstation, Distance Told Me Things To Be Said, scape

6. Daniel Meteo, Perfuments, Kompakt

7. Nucleus Roots, Heart Of Dub, Hammerbass

8. Roots Tonic Meets Bill Laswell, Roir

9. Alpha & Omega, City Of Dub, Alpha & Omega

10. Peter Presto, Schön, dass du mal wieder reinhörst …, Kompakt