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The Thugs: The Mighty Tiger Dubs

Nach über drei Jahren hat der sizilianische Komponist, Musiker und Grafikdesigner Nicola Giunta das zweite Kapitel mit „The Thugs: The Mighty Tiger Dubs“ (Aagoo Records) veröffentlicht. Die Geschichte erzählt, wie The Thugs eine blassgrüne Insel erreichen, auf der die Protagonisten als Anhänger der Todesgöttin Kali einen Überfall der gigantischen Anakonda sprachlos und blutend überstehen. Auf der Suche nach einem Rückzugsort führen sie eine mystische Versammlung im Untergrund durch. Dabei erhebt sich, ähnlich dem Phönix, ein strahlender, mächtiger Tiger aus den Flammen und kündigt den Beginn eines neuen Kampfes an, in dem die weißen Dämonen beseitigt werden müssen. So wird die Erzählung fortgeführt, die im Jahr 2023 mit dem Projekt „Holy Cobra Dub“ begann. Eine akustische Reise, ein Soundtrack sowie eine imaginäre Bilderwelt durch Raum, Zeit, Mystik und Dub wurden stilsicher ohne Rücksicht auf Genregrenzen konsequent weiterentwickelt. Das von Giunta verfasste und produzierte Album umfasst neun Tracks, in denen Roots-Dub auf Electro-Dub, Post-Punk und Psychedelia trifft. Im Gegensatz zu „Holy Cobra Dub“, wo gelegentlich noch ein live gespieltes Schlagzeug ertönte, kommen bei den „Mighty Tiger Dubs“ ausschließlich Riddims von Drumcomputern zum Einsatz. Eine Ausnahme bildet der Track „Underground Mystical Gathering”, wo ein Vinyl-Drum-Sample verwendet wird. Giunta erklärt seine Entscheidung hin zum Drumcomputer wie folgt: „I needed a very straight rhythm. If you don’t have a very good dub drummer, you have to use a drum machine.“ Damit verleiht er den Tracks einen geradlinigeren, trockeneren und mechanischeren Verlauf, in den sich Bass, Gitarre, Orgel, Synthesizer, Melodica und Percussion integrieren. Auf dem neuen Album spielt Andrea Davi Percussion und in einem der Stücke auch Gitarre. Nicola Giunta, der kreative Kopf des Projekts, übernimmt hingegen Bass, Gitarre, Orgel, Melodica und (Sprech)Gesang. Zusätzlich ist er für Aufnahme, Abmischung, Produktion, Grafik und Layout verantwortlich. Eine besondere Neuerung ist der Einsatz der Stimme. In „Mighty Tiger Dubs“ gibt es keine Texte im herkömmlichen Sinn. Giunta verwendet die Stimme vielmehr als weiteres Instrument, indem er Klänge und Laute direkt über die Tracks improvisiert. Inspiriert wurde er von Damo Suzuki, dem 2024 verstorbenen ehemaligen Sänger der legendären, brillanten und visionären deutschen Band CAN, mit dem er 2008 gemeinsam auf der Bühne stand. Tief beeindruckt von Damos freiem und wortlosem Gesangsstil finden diese Erfahrungen heute ihren musikalischen Ausdruck. „Mighty Tiger Dubs“ ist ein wirklich außergewöhnliches Album, auf dem die Stimme nicht vollständige Sätze bildet, sondern vielmehr dazu dient, lautmalerisch Spannungen, Präsenz und Atmosphären zu erzeugen. Es besitzt eine präzise narrative Struktur und Bilderwelt, die den Kali-Kult, die Sekte der Thugs und Erzählungen des antikolonialen Widerstands fortführt. Giunta scheint bei „Mighty Tiger Dubs“ absolut nicht daran interessiert zu sein, die Dub-Tradition ganz strikt einzuhalten; vielmehr nutzt er Bässe, Sound, Echos und Delays, um eine persönliche, vielschichtige, filmische Erzählung vor dem inneren Auge aufleben zu lassen.

Nachdem ich bereits 2023 den „Holy Cobra Dub“ über den grünen Klee gelobt habe, so können mich auch die „Mighty Tiger Dubs“ überzeugen. Insgesamt ist es ein stimmiges Werk, entgegen jeglicher Normen, und dennoch bietet es alles, was das Dub-Herz begehrt. Nicola Giunta liefert zusammen mit Andrea Davi ein weiteres gewagtes, fantastisches Projekt, um den Mutigen zu gefallen und sich außerhalb der Norm zu positionieren. Oder, um es mit On .U Sound zu sagen: „Disturbing the comfortable and comforting the disturbed“.

Eine Antwort auf „The Thugs: The Mighty Tiger Dubs“

Von dem ca. 1 Dutzend (i.A. eher mittelmäßige bis schlechte) Alben, in die ich anläßlich der Reviews hier reinhörte, dürfte dies bis dato wohl die unangefochtene #1 sein. Die irgendwie alberne Drumherum-Story dazu kann man gut wegignorieren, zumal es ganz augenscheinlich keine wirklichen Texte gibt, sondern nur Gesang als gedämpfte Verzerrung … oder verzerrte Dämpfung? Die Riddims sind sparsam-effektiv und geschmackvoll, die Sounds oft „underwatery“, an Allerwelts-Dub docken die Tracks kaum an.
Daß das Release nun „entgegen jeglicher Normen“ sei, das wage ich zu bezweifeln; unkonventionell und stilsicher bleibt es allemal. Dabei fällt mir auf, daß es anscheinend in Dub ein ungeschriebenes Gesetz gibt: Alles, was so über 3 1/2 bis 4 Minuten Laufzeit hinausgeht, ist Sünde – und dies hier wird genau einmal durchbrochen.
Alles in allem: Hier ist Dub nicht tot, er riecht noch nicht mal komisch: 7.9/10

Wer mehr an frühe On-U Sound angelehnte, eher unkonventionell gehaltene Sachen interessiert ist, kann sich „From The Underground“ von Dubconscience Underground antun (haha: „Dub“ statt „Sub“; ich hätte ja lieber Track 7 „In A Dubba-Da-Vidda“ als Release-Titel gesehen, aber egal). Referenzen: New Age Steppers, Dub Syndicate.

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