Daniele Gaudi, in London lebender Italiener, der sich seit Mitte der 1980er Jahre Dub, Worldbeat und elektronischer Musik verschrieben hat, läuft jedem Dub-Fan früher oder später einmal flüchtig über den Weg. Aber da Gaudi außerhalb des Reggae-Kosmos praktiziert, ist es ihm bisher nie gelungen, sich im Bewusstsein der Dub-Liebhaber festzusetzen. Vielleicht ändert sein neues, altes Album das nun: „Dub, Sweat & Tears“ (Six Degrees). Es ist eine Überarbeitung seines vor zehn Jahren erschienenen und in der Worldmusic-Szene vielbeachteten Albums „Bass, Sweat & Tears“. Während das Original stilistisch durchaus vielgestaltig ist, steht die Überarbeitung ganz im Zeichen des Reggae-Dub. Gaudi lässt uns hier in warmen, ruhigen Rhythmen baden, die er phantasievoll mit Worldmusic-Elementen garniert hat. Und das ist eine gute Nachricht, denn die Kombination von soliden Reggae-Beats mit Worldmusic-Elementen ist immer eine lohnenswerte Sache. Nach meinem Geschmack gelingt dies am besten mit indischen Percussions und Melodien (was ja auch Adrian Sherwood schon erkannt hatte), und die gibt es auf „Dub, Sweat & Tears“ besonders reichlich. Dadurch bekommt das Album eine sehr angenehme, mystische Aura, ohne jedoch ins Esoterische zu kippen, wovor die kraftvollen Beats es zum Glück bewahren.
Autor: René Wynands
Sherwood & Pinch: Late Night Endless
Adrian Sherwood hat sich wieder zu Wort (oder besser: zu Dub) gemeldet. Und zwar erneut mit einem reifen Alterswerk, das sich vor allem dadurch auszeichnet, dass es keine Reggae-Roots mehr hat. Ups, das war jetzt etwas böse, aber auffällig ist es schon, dass der Meister des Reggae-Dub, auf seinen raren Solo-Alben von Reggae nichts mehr wissen will. Aber immerhin bleibt er dem Dub-Prinzip weitgehend treu – vor allem auf seinem neuen Album, das er zusammen mit Pinch kreiert hat: Sherwood & Pinch, „Late Night Endless“. Pinch – im Dub- und Reggae-Universum ein unbekannter Name, ist im Dubstep eine große Nummer. Er ist ein junger Bursche (also 35 Jahre alt) und neigt eher dem etwas vertrackten, minimalistischen und ultra-deepen Dubstep zu (Originalzitat: „If your chest ain’t rattlin’, it ain’t happenin’“). Sherwood erlebte ihn auf einem Fabric-Gig in London und war so begeistert, dass er Pinch zu sich ins Studio einlud. Schnell stellten sie fest, dass Pinchs digitale Produktionen und Sherwoods analoges Studioequipment reizvoll miteinander harmonierten. Und so begannen sie, gemeinsam Tracks zu bauen. Zunächst nur Dubplates für’s eigene DJ-Set, dann erste Singles. Als sie schließlich zu einem Gig nach Japan eingeladen wurden, legten sie richtig los und produzierten genug Material für ein ganzes Album, das jetzt vorliegt. Reggae-Beats sind darauf – wie bereits erwähnt – nicht zu finden, dafür aber ausgetüftelte Dub-Produktionen, deren Stärke das komplexe Sounddesign ist. Alles, was irgendwie eingängig ist, wie z. B. hypnotische Beats, markante Melodien oder auch nur ein durchgängiges Rhythmusmuster, wurde hier bewusst vermieden. Es bleibt der pure Sound. Mir ist das etwas zu wenig. Zwar kann ich mich einerseits der Faszination der aufwendigen Soundcollagen nicht entziehen, andererseits gelingt es mir aber auch nicht, ein Gefühl der Langeweile zu unterdrücken. Ein Zwiespalt, den ich allerdings bei vielen Dubstep-Tunes erlebe. Vielleicht ist es eine reine Geschmacksache, aber irgendwie lässt mich solche Musik unerfüllt zurück. Da höre ich mir lieber die On-U-Sound-Alben der 1980er an.
Da liegt es nun in meiner iTunes-Bibliothek: „Nine Signs & Heavy Dub, Volume 1“ (Goldheart Music) von Sheya Mission. Es hat aus den unendlichen Weiten des Netzes irgendwie seinen Weg zu mir gefunden. Und ich bin baff, dass ich weder von der Sängerin Sheya Mission, noch vom Produzenten Jonahgold je etwas gehört hatte. Das vorliegende Album ist die Dub-Version von „Nine Signs & Heavy Bliss“ – einem wunderschönen, melodiösen Reggae-Album mit einer Sängerin, die es verdient hätte, reich und berühmt zu sein. In der Dub-Version ist von ihrer Stimme naturgemäß nicht allzu viel zu hören. Aber ihr unvergleichliches Timbre scheint den warmen, satten Sound der Musik inspiriert zu haben. Entspannt und doch voller Kraft und Energie strömen die Beats aus den Lautsprechern. Die Produktionen sind schlicht superb. Bis ins kleinste Detail durcharrangiert, spannend instrumentiert und abwechslungsreich variiert. Das perfekte Material für ein perfektes Dub-Album. Ein bisschen altmodisch vielleicht, aber dafür umso charmanter. Die spärlichen Informationen, die ich aus dem Netz zusammenklauben konnte, haben übrigens ergeben, dass Mrs. Mission und Jonahgold offenbar in Stockholm leben. Fernab vom internationalen Reggae-Business und somit auch jenseits des Wahrnehmungshorizontes der Reggae-Community, werkeln die beiden ganz im Stillen an ihrer Version des perfekten Reggae- und Dub-Albums. Es wird Zeit, dass wir sie in unserer Mitte begrüßen.
Als mir dieses Album auf meinen Streifzügen durchs weltweite Web begegnete, war ich spontan begeistert: „10DUBB“ (Dog Earr) von 16FLIP. So kryptisch wie die Namen, sind auch die Personen, die sich dahinter verbergen. Infos zu ihnen gibt es kaum, und wenn, dann sind sie auf japanisch. So viel scheint mir als gesichert: 16FLIP sind drei japanische Youngsters mit HipHop-Vorgeschichte. Mit 10DUBB legen sie nun ein wirklich verrücktes, hundert Prozent eklektizistisches Dub-Album vor, das mehr mit primitivistischer Sample-Technik als mit klassischem Dub zu tun hat, aber trotzdem – oder gerade deswegen – eine akustische Sensation ist. Die Jungs haben hier (von abgenudeltem Vinyl kopierte) Versatzstücke unterschiedlicher Genres grob mit der Schere ausgeschnitten und zu Loops und Rhythms zusammen getackert – jedem gestandenen Studio-Engineer dürften sich die Nackenhaare aufstellen. Doch wenn man sich von allen Vorurteilen emanzipiert und einfach mal mit unschuldigem Ohr hinhört, dann ist das Ergebnis schlicht genial. Die groben Samples verbinden sich zu akustisch unglaublich reichhaltigen Rhythms, die völlig abstrakt und im Detail doch ganz gegenständlich sind, die Ordnung und Präzision leugnen und doch eine fantastische Dynamik erzeugen, die so simpel gestrickt sind und doch ein komplexes Hörerlebnis im Kopf der Hörer auslösen. Mich erinnert das Prinzip und der Sound an die frühen Loop-Experimente von Steve Reich – nur mit dem Abstand von fünfzig Jahren Pop-Musikgeschichte.
DJ Vadim: Dubcatcher Instrumentals
Ich muss zugeben: DJ Vadims erstes Reggae-Werk, das Album „Dubcatcher“, hat mir nicht gefallen. Zu hektisch, zu viele Zutaten, zu viele Gastvokalisten. Nun liegt die Instrumentalversion des Albums vor: „Dubcatcher Instrumentals“ (BBE Records). Wir haben hier also die reinen Backings – keine Dubs, aber auch keine DJs und Sänger mehr. Und siehe da: auf einmal wird „Dubcatcher“ richtig spannend. Erst hier lässt sich der Ideenreichtum der Produktionen goutieren. Erst jetzt kann sich der Mix aus Reggae und Rare-Grooves entfalten und seinen Charme ausspielen. Hier zeigt sich eindrucksvoll, dass weniger oft mehr ist. Denn die Instrumentals sind bereits so vollgestopft mit Samples, Stilzitaten, Effekten, Breaks und schrägen Sounds, dass die zusätzlichen Vocals auf „Dubcatcher“ das Fass einfach zum überlaufen brachten. Diese Instrumentals sind auch nicht unbedingt das, was im Reggae als Backing bezeichnet wird. Dafür sind sie viel zu kompliziert. Und genau das ist auch der Grund, warum man einen Dub-Mix auch keineswegs vermisst: es gibt so viel zu hören, dass Dub-Effekte schlichtweg überflüssig sind. Wir haben es hier also mit „richtigen“ Instrumentals im klassischen Sinne zu tun – nicht mit Dubs; und doch glaube ich, dass wir Freunde des Dub viel Spaß mit ihnen haben können.
Ich bin immer wieder erstaunt, welch schöne Dub-Produktionen hier in Deutschland entstehen. Viele davon fristen ein Dasein weit unterhalb des Radars der hiesigen Reggae-Community. Wie zum Beispiel: „Back to Westmoreland“ von Thee Balancer, veröffentlicht auf bandcamp.com. 71 Minuten, aufgeteilt auf nur acht, nah an Minimal-Elekronik gebaute Tracks. Keines der Stücke läuft kürzer als acht Minuten. Jedes ist eine faszinierende, hypnotische Hörerfahrung, eine akustische Reise durch unendlichen, von trägen Beats gekrümmten Raum und relative Zeit. Die Stücke beginnen stets ganz unscheinbar, entwickeln sich dann zu einem minimalistischen Beat, der zunächst wenig spannend erscheint, dann aber zunehmend größere hypnotische Sogwirkung entfaltet, bis der hörende Geist völlig in das Raum-Zeit-Kontinuum des Dubs eintaucht und sich selbst vergisst. Wer nur mal schnell reinhört und mit Fast Forward durch die Tracks stürmt, wird den Reiz des Albums nicht einmal ansatzweise erahnen können. Seinen Höhepunkt – und zugleich kathartisches Finale – erreicht das Album mit dem letzten Track „To be Pretty Sucks“. 16 Minuten läuft der Live-Dub, umspielt von Samples, Sounds, Hall und Echo. Ein gigantischer Dub, der ganz entfernt Erinnerungen an Basic Channel wach werden lässt. Superb.
Mad Professor: Dubbing With Anansi
Der verrückte Professor ist unermüdlich. Eigentlich sollte man meinen, dass er bereits alle in dieser Welt möglichen Dubs schon einmal produziert und gemixt hat. Aber nein, ihm fällt tatsächlich immer noch etwas Neues ein. Obwohl … als wirklich „neu“ lassen sich seine Dubs nicht mehr bezeichnen. Deuten wir es positiv: er ist seinem Stil treu geblieben. Das gilt auch für sein neues Werk: „Dubbing With Anansi“ (Ariwa). Es klingt wie alle anderen Werke des Mad Professors seit den frühen 1980er Jahren – und ist doch etwas Besonderes. Das liegt vielleicht an einigen vage vertrauten Riddims von z. B. Keith Hudson („Felt We Felt the Strain“), Dennis Brown („Want to Be No General“) oder Jammy’s („Sun is Shining“, „Johnny Dollar“), vielleicht aber auch an den vielen kleinen Referenzen an afrikanische Musik. Ganz sicher aber liegt es an den beiden Musikern: Horseman an den Drums – und vor allem der großartige Black Steel an nahezu allen anderen Instrumenten. Dem Album ist seine analoge Machart anzuhören. Trotz der typischen, oft hart und technisch anmutenden Soundeffekte des Professors, hat das Album Wärme und Seele. Hier blitzt die Virtuosität des verrückten Professors und die Spielfreude seiner Musiker wieder auf, die ich und viele Dub-Fans an Neil Frasers Frühwerk so schätzen. Den merkwürdigen Titel des Albums (der natürlich Bezug auf die afrikanischen Sounds des Albums nimmt) deutet der Professor auf seine ganz eigene Art: „Anansi ist ein mythischer Volksheld, der die Verschleppung aus Afrika überlebt hat. Er wird meist als halb Mensch, halb Spinne dargestellt und gilt als schlauester Bewohner des Dschungels. Im Studio ist Anansi niemand anderes als der Dubbing-Engineer“. Wenn man dabei den Professor vor Augen hat, so, wie er sich gerne darstellt, mit beiden Händen am Mischpult, die Finger wie Spinnenbeine über die Regler gespreizt, dann weiß man, wer hier der smarteste Engineer sein soll. Ich finde, er hat den Titel verdient.
Dub Dynasty: Thundering Mantis
Hier ist es, das zweite Werk der Dub Dynasty: „Thundering Mantis“ (Stappas Records). Der Name Dub Dynasty ist Konzept, denn dahinter verbergen sich: Ben Sprosen, John Sprosen und Christine Woodbridge. John und Christine sind Alpha & Omega. Ben ist der Sohn von John und der Neffe von Christine und nennt sich Alpha Steppa. Wir haben es hier also mit einer wahren Dub-Dynastie zu tun. Zu dritt legen sie nun ihr zweites gemeinsames Album vor, das nahtlos fortsetzt, wofür Alpha & Omega seit den späten 1980er Jahren stehen: heavy, hardcore Steppas. Stoisch auf die Trommelfelle einprügelnde Bass-Beats, mystische, repetitive Gesangs-Samples und ein perry-esker Urwald-Sound. Nichts für schwache Nerven. Die erste Hälfte des Albums präsentiert Vocal-Versionen, die zweite steigt ab in die düstere Unterwelt des Dub. Ben Alphas mutmaßlichem Einfluss ist es zu verdanken, dass der undurchdringliche A&O-Sound etwas klarer und definierter geworden ist, die Beats noch etwas knackiger. „Thundering Mantis“ ist nicht das, was man als „schönes Album“ bezeichnen würde. Es gleicht eher einem Tritt in den Allerwertesten. Aber genau kann man manchmal ja gut gebrauchen.
Nach „Seen“ und „Felt“ legt uns der International Observer (hinter dem sich der britische Producer Tom Baily verbirgt, der in den 1980er-Jahren die Pop-Band „The Thomson Twins“ leitete) nun sein drittes Album vor: „Touched“ (Dubmission). Obwohl der Name nur die Logik der Serie fortzusetzen scheint, ist er mit Bedacht gewählt, denn bei den Tracks auf dem neuen Album handelt es sich um eine Sammlung von Remixes – also um fremde Tracks, an die er Hand angelegt hat. Zeitlich umspannt die Sammlung die letzten 15 Jahre und enthält Stücke von den Black Seeds, dem Bombay Dub Orchestra, Banco De Gaia, Pitch Black oder Warp Technique – um nur die bekanntesten zu nennen. Doch trotz der heterogenen Herkunft der Tracks, klingt das Album sehr geschlossen und ganz und gar typisch nach International Observer. Melodiöse, warme, behagliche Beats sind sein Markenzeichen, bis ins letzte Detail sorgsam arrangiert und austariert. Seine Stücke besitzen einen unwiderstehlichen Flow. Sie fließen völlig entspannt und doch alles andere als spannungslos. Seien es die Samples indischer Musik im Stück des Bombay Dub Orchesters, die sanften Bläsersätze und Akkordeons im Pitch Black-Remix oder die Vocal-Samples im WarpTechnique-Dub, stets sind es diese Details, die ein Stück akzentuieren, es prägen und die Aufmerksamkeit der Hörer durch die Beats leiten. Oft sind es auch winzige Melodiefetzen aus dem großen Fundus des Reggae, die hier für angenehme Déjà-Vus sorgen (nur um danach die nagende Frage zu hinterlassen: „woher kenne ich diesen Bläsersatz, dieses Gesangsfragment?“). Tom Baily gehört meines Erachtens zu den spannendsten, zeitgenössischen Dub-Produzenten. Ich könnte definitiv mehr von seiner Musik gebrauchen. Durchschnittlich alle drei Jahre ein Album ist einfach zu wenig.
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Was macht einer der profiliertesten Dub-Visionäre Deutschlands, wenn ihm der Sinn mal nicht nach Visionen, sondern so richtig nach klassischen Roots und traditionellen Dub-Sounds steht? Er gibt dem Verlangen nach, gründet ein Label, das mit einem Fuß in der Heimat, mit dem anderen in Jamaika steht und nimmt einfach ein paar richtig geile Old-School-Rhythms auf. Die Rede ist hier natürlich vom Dubvisionist aus Hannover, Felix Wolter, der zusammen mit Lennart Tacke jüngst das Label 117 Records gegründet hat. Felix produziert hier vor Ort die Rhythms und Lennart, der in Mandeville, Jamaika lebt, lässt sie auf der Insel voicen. Mit „Step-A-Riddim“ (117 Records) haben sie soeben ihre erste EP vorgelegt. Warrior King und Bionic Clarke geben darauf schöne, markante Lyrics zum Besten, und unsere heimischen Top-Musiker Marco Baresi (Gentleman), Markus Dassman (Senior Allstars) und Felix himsel steuern wunderbar beseelte, handgespielte Musik dazu. Den titelgebenden Rhythm hören wir hier gleich sechs mal: zwei Vocals, zwei Dubs und zwei Instrumentals – und ich könnte locker noch mehr vertragen. Der Start des jungen Labels ist absolut vielversprechend. Haltet durch und gebt uns mehr von dem Stoff!










