Wer mal ein ganzes Wochenende in einem Meer von Bass baden möchte, sollte vom 24.–26. April 2015 in Wales sein. Hier findet zum dritten Mal der „United Nations of Dub-Weekender“ statt. Die Premiere 2013 – die von Weltuntergangs-Scheefällen im März begleitet wurde – hatte ich mir nicht entgehen lassen. Meine Tickets für 2015 habe ich schon. Wäre schön, Euch dort zu treffen ;-)
Autor: René Wynands
United as One
Die bekannten Dub-Net-Labels Dubkey und Dub-O-Phonic haben ein gemeinsames Album veröffentlicht: „United as One“ (Dubkey/Dub-O-Phonic). Doch statt nur Tracks aus dem Back-Katalog der beiden Labels zusammenzustellen, hat man hier ein richtiges Konzeptalbum geschaffen: Je zwei Artists der beiden Häuser haben exklusiv für das Album komponierte Tracks beigesteuert, die dann zwischen Dubkey und Dub-O-Phonic ausgetauscht wurden, um sie von Vocal-Artists des jeweils anderen Stalls voicen zu lassen. Anschließend kamen die Tracks wieder zurück nach Hause, wo Remixes und Dubs erstellt wurden. Das Ergebnis sind insgesamt 16 Tracks, basierend auf vier Riddims, mit jeweils einer Vocal-Version. Kling kompliziert, ist aber sehr einfach und sehr gelungen. Letztlich sind es vier kleine Dub-Version-Excursions, die ausloten, was sich mit einem Rhythm und zwei Mischpulten so alles anstellen lässt. Ich geben zu, es ist ein Konzept für wahre Dub-Connaisseure. Alle anderen werden nie verstehen, warum es spannend sein kann, sich vier mal vier Mixe eines Rhythms anzuhören (und ich muss zugeben: erklären könnte ich es ihnen auch nicht).
Tuff Scout Allstars: Inna London Dub
Tuff Scout ist ein ziemlich interessantes Reggae-Label aus London, das sich auf Retro-Produktionen spezialisiert hat. Es ist kein Rerelease-Label wie z. B. Pressure Sounds, denn die Rhythms werden neu produziert und anschließend von Foundation-Artists oder aktuellen Talenten gevoiced. „Retro“ ist hier aber dennoch der richtige Begriff, denn die Produktionen klingen allesamt so, als wären sie in den 1970er Jahren in Jamaika entstanden. Erstaunlich, wie es Jake Travis und Gil Cang – den beiden Masterminds des Labels – gelingt, den Sound so authentisch hinzubekommen. Alle bisherigen Releases waren 7“- oder 10“-Singles. Jetzt liegt das erste Album des Labels vor – und es ist ein Dub-Album: „Inna London Dub“ (Tuff Scout). Versammelt sind hier zehn Dub-Versions von Stücken aus dem inzwischen recht umfangreichen Katalog des Labels. Der Old-School-Sound ist absolut frappierend und auch der Dub-Mix hört sich an, als hätten Tubby oder Scientist höchstpersönlich an den Reglern gedreht. Doch die Tuff Scouts können auch anders: hört man genau hin, dann fällt auf, dass es den einen oder anderen Track gibt, der sich vom jamaikanischen Vorbild emanzipiert hat und ein moderneres Dub-Verständis pflegt. Sehr schön, wie auf dem Album 70er-Roots und Steppers miteinander verwoben sind. Wer auf alten jamaikanischen Dub steht, aber nichts gegen ein Quäntchen mehr Schmackes bei der Produktion hat und auch gelegentliche Steppers-Anflüge nicht verschmäht, wird mit „Inna London Dub“ glücklich.
Es war das Dub Syndicate, das mich 1982 mit dem von Adrian Sherwood produzierten Album „Pounding System“ erstmals auf die Spur von Dub setzte. Die Hausband von On-U-Sound, mit Style Scott am Schlagzeug und Flabba Holt am Bass. Zwei herausragende Musiker, die auch das Rückgrat der legendären Roots Radics bildeten. Über 20 Alben nahm Scott im Namen des Syndikats auf (die Aufnahmen der Roots Radics sind ungezählt), spielte die Tracks mit Flabba in Jamaika ein, fügte dann in Zusammenarbeit mit Sherwood in London Overdubs hinzu und ließ selbigen schließlich die Dubs mixen. Nun liegt „Hard Food“ (Echo Beach) vor, das letzte Album des Dub Syndicate. Ein weiteres wird es nicht geben, denn Scott wurde vor zwei Monaten in seinem Haus in Jamaika ermordet. Ein tragisches Ereignis, das eine nüchterne Rezension seines letzten Werkes unmöglich macht. Da verwundert es mich nicht, dass schon der erste Track Wehmut in mir aufkommen lässt, denn „Sound Collision“ erklingt in hundertprozentigem Dub Syndicate-Trademark-Sound, so als lägen zwischen „Pounding System“ und „Hard Food“ keine unglaublichen 32 Jahre. An Position 4 erklingt dann mit „Love Addis Ababa“ ein melancholisches Instrumental mit sanften Bläsern und traumschönem Cellospiel. Ein wunderbares und dank seiner Instrumentierung für Dub auch sehr ungewöhnliches Stück, das zeigt, dass Scott noch voller musikalischer Ideen steckte und uns in Zukunft wohl noch viel spannende Musik geboten hätte. Ähnlich schön ist „Gipsy Magic“, das den kraftvollen Reggae-Beat mit den wehmütigen Melodien einer Violine kontrastiert. Ich bin ganz gerührt von der emotionalen Kraft dieser Musik. Style, der Stilist, hat auch hier wieder ein paar sehr erlesene Sangesgäste hinzu gebeten: Lee Perry (okay, das mit dem Gesang ist relativ zu verstehen), Bunny Wailer, U-Roy, der hier über eine Version des „Police in Helicopter“-Riddims toasted und ein Bursche namens Magma, der ein paar Dancehall-Vibes beisteuert. Als Bonus gibt es noch drei hochklassige Dubs. Krönender Abschluss eines sehr schönen Albums, das viel Spaß macht und doch traurig stimmt.
Meine Dub-Top Ten 2014
1. Dubmatix: In Dub
2. Rafter: It’s Reggae
3. Razoof Jahliya: Dubs & Remixes
4. Tomas Hegert: Dub på Svenska
5. Lee „Scratch“ Perry: Back on the Controls
6. Dubvisionist: King Size Dub Special
7. Alborosie: Dub the System
8. The Senior Allstars: Verbalized and Dubbed
9. AudioArt: Op’ra Dub Style
10. Dub Syndicate: Hard Food
Sly & Robbie: Dubrising
Als 1985 das Album „Dub Experience“ von Sly & Robbie erschien, galt es als große Sensation. Rodigan schwärmte darüber auf BFBS, das Cover-Artwork war brillant und das Label Island Record sorgte für ordentliche Reichweite. Es war ein Meilenstein für das Genre, markierte aber zugleich das Ende Jamaikas als Heimat guten Dubs. Die Rhythm-Twins hatten es selbst produziert, für den Mix aber zeichnete Paul „Groucho“ Smykle verantwortlich. Mich hatte der perfekt produzierte, aber auch harte, elektronisch-technische Sound gleichermaßen gefesselt wie abgeschreckt. Nun, fast dreißig Jahre später, gibt’s mit „Dubrising“ (Tabou1) das Follow Up des einflussreichen Albums – und ich weiß wieder nicht so recht, was ich davon halten soll. Was war geschehen? Tabou1-Label-Betreiber Guillaume Bougard, den offenbar eine enge Geschäftsbeziehung mit Sly & Robbie verbindet, kramte einige seiner mit den Rhythm-Twins zwischen 2006 und 2012 eingespielten Produktionen zusammen und warf sie eben jenem Mixing-Engineer vor, der auch die legendäre „Dub Experience“ gemischt hatte: Paul „Groucho“ Smykle. Es war das erste Mal seit dreißig Jahren, dass wieder Sly & Robbie-Material durch die Spuren seines Mixing-Desks flossen. Doch als Perfektionist, der er ist, begnügte er sich nicht mit einem neuen Mix, sondern ließ Don Donovan Synthesizer-Overdubs und Bunny McKenzie zusätzliche Harmonika-Parts einspielen. Der Dub-Mix erfolgte dann nach alter Väter Sitte live und analog. Jetzt liegt es vor, das neue Dub-Album der alten Meister. Zunächst exklusiv in schweres Vinyl gepresst, später auch digital. Hört sich genial an? Bleibt die Frage, ob es sich auch genial anhört. Soundtechnisch ist es in der Tat unglaublich beeindruckend. Wunderbar ausgewogen, wie dunkle Seide sanft schimmernd, präzise und klar. Auch die Arrangements sind top-notch und der Mix ist von klassischer Schönheit. Ich frage mich nur, warum mich das Album nicht so richtig packt. Vielleicht ist es zu perfekt? Unnahbar schön – und deshalb nicht berührend? Geht das überhaupt? Aber ja! Mein wichtigstes Qualitäts-Credo lautet: Eine Sache ist erst rund, wenn sie Ecken und Kanten hat. Und genau daran fehlt es „Dubrising“. Alles ist hier präzise abgestimmt und austariert, der Sound absolut audiophil, Sly & Robbie in unmenschlicher Perfektion. Und genau deshalb lässt es mich kalt. Die Ecken und Kanten, die dafür sorgen, dass ich konzentriert zuhöre, statt abzuschweifen, die mein Interesse und meine Neugier wecken, statt mich mit der Erfüllung meiner Erwartungen zu langweilen, die mich herausfordern, statt eingeübte Konventionen zu bestätigen – diese Ecken und Kanten suche ich auf „Dubrising“ vergeblich. Schade. Ich hatte mich – nach den letzten Fehlschlägen der Rhythm-Twins – so auf ein perfektes Sly & Robbie-Dub-Album gefreut. Und jetzt ist es zu perfekt! Verdammt.
Road to Zion
„Road to Zion“ (roadtozion.it) ist ein recht junges Projekt von Produzent Massimo Devicienti und Sänger Roberto Cola. Beide leben und arbeiten im italienischen Brescia. Die beiden haben hier auf ihrem gleichnamigen Debut-Album 15 Tracks abgeliefert, die stilistisch irgendwo zwischen Dub und Elektro liegen (aber auch Drum ’n’ Bass und Bhangra gehören zum Repertoire) und gelegentlich mit Rock-Gesang garniert sind. Nach meinem Geschmack ein etwas zu disparates Album, das zwar richtig gute Dub-Tracks enthält, aber auch ein paar echte Entgleisungen. Wer neue Wege geht, läuft auch mal Gefahr, sich zu verlaufen.
Uwe Lehr, der Mann hinter Razoof steht für eine sehr spannende, ungemein moderne und kosmopolitische Auffassung von Reggae. Auf seinem letztjährigen Album Jahliya Sound präsentierte er zwölf hervorragende Produktionen, die alle gleichermaßen von Open-Mindness wie von soliden Reggae-Groves geprägt waren. Ein großartiges Album. Nun legt er mit Razoof: Jahliya – Dubs & Remixes (Poets Club) die dazu passenden Dub-Versions vor. Dabei handelt es sich allerdings nicht um ein klassisches Dub-Album, sondern um Remixes, die Uwe Lehr aus aller Welt und allen musikalischen Welten zusammen gesammelt hat. So liefert der Dubvisionist aus Hannover z. B. einen grandiosen Steppers-Remix, Cocotaxi aus Schweden pimpt Jaquees ohnehin schon sehr lebhaften Song „Life is a Journey“ auf Dancehall und US-Dubstep-Meister Rob Paine lässt Lutan Fyahs Song zu genau dem mutieren, was er am besten drauf hat: Dubstep. Dabei misst er sich mit Berlins Dubstep-Counterpart samsa, der hier mit wuchtigem Elektro-Bass zu Werke zieht. Dub-House gibt es von Salz aus Köln zu hören, die hier erneut beweisen, wie perfekt sich die Ästhetik von House auf Dub-Reggae anwenden lässt. Meine Favoriten sind jedoch die beiden Remixes von Eleven55, die irgendwo zwischen Minimal-Dubtechno und Dubstep liegen und doch den Reggae-Charm des Originals zu wahren wissen. Da einige Songs und einige Rhythms mehrfach remixt wurden, ist es zudem überaus spannend, zu vergleichen, wie sehr sich das Originalmaterial in den Händen von Remixern fremder Genres verändert. Doch bei aller Verschiedenheit der Akteure und der Styles: Das Album ist eine solide Einheit, sicher ruhend auf einem unerschütterlichen Reggae-Fundament, das selbst heftige Beats anderer Genres locker wegsteckt. Daher, meine lieben Dub-Freunde, bekommt ihr hier genug Bekanntes, um euch heimisch zu fühlen und genug Neues, um eine spannende musikalische Erfahrung zu machen. Ohren auf und durch!
Die Senior Allstars scheinen konzeptuelle Projekte zu mögen. Als die Instrumentalband aus Münster 2010 ihre Aufnahmen an eine Schar internationaler Dub-Remixer schickte, folgten sie noch einem sehr üblichen Konzept. Als sie – begeistert vom Ergebnis – damit begannen, die Dubs life auf der Bühne nachzuspielen – wobei sich jeder Musiker selbst mixte – und daraus schließlich ein Studio-Album zu machen, wurde das Konzept schon deutlich eigenwilliger. Das neuste Konzept – Verbalized and Dubbed (Skycap) – ist noch weiter um die Ecke gedacht: „Wie wäre es, wenn wir unsere Tracks wieder extern dubben lassen, aber diesmal mit Gesang?“ Äh? Okay, verstanden. Wie 2010 verschickten die Senior Allstars ihr Intrumentalmaterial in alle Welt: zuerst an Vocal-Artists, die einen Song dazu strickten und anschließend an Dub-Mixer, die Musik und Gesang zu Vocal-Dubs verbanden – um danach dann auch noch einen klassisch-instrumentalen Dub daraus zu mixen. Das Ergebnis ist ein Werk mit 16 Tracks: Part 1 ist ein Vocal-Dub-Album, Part 2 ein reines Dub-Album. Alles klar? Falls nicht, ist es auch egal, denn letztlich zählt, was hinten raus kommt. Und das ist – wie sollte es bei den Senioren anders sein – klasse. Die acht Songs sind durchweg schöne, eingängige Kompositionen. Mir gefallen besonders die Beiträge, die nicht dem Reggae-Kosmos entstammen, wie z. B. Tokunbos Soul-Gesang oder Pitshus lateinamerikanische Lyrics über einen hüpfenden Ska-Beat. Das passt irgendwie besonders gut zu dem leicht an Jazz erinnernden Live-Sound der Senior Allstars – und wäre ggf. eine vielversprechende Idee für ein weiteres Konzept-Album. Da der Gesangs-Part nicht zum Original-Material gehörte sondern erst vom Dub-Remixer eingefügt wurde, durchdringen sich Musik und Gesang im Mix viel organischer, als das bei klassischen Reggae-Songs sonst üblich ist. Die Trennung zwischen Vordergrund und „Backing“ wird aufgelöst, beides fusioniert zu einem wunderbar harmonisch-musikalischem Amalgam.
Kleine Fragmente des Gesangs bleiben auch bei den Dubs im zweiten Teil des Albums erhalten. Als unbekehrbarer Dub-Purist, liebe ich das „Dubbed“ in Verbalized and Dubbed besonders. Der Sound der Allstars ist wieder umwerfend. Die fantastisch Dub-Mixes (u. a. von Umberto Echo, Dubvisionist, Dubmatix, Victor Rice) verbinden sich zu einem wunderbaren Flow, in den man sich als Zuhörer fallen lassen kann, um mal diesem oder jenem Instrument zu lauschen, um dem Groove nachzuspüren oder einem Echo durch Raum und Zeit zu folgen. Selten, dass Dubs so vielschichtig, multidimensional und voller Atmosphäre sind, wie bei den Allstars. Das Gesangselement bereichert den Sound nun noch ein mal zusätzlich. Weiter so, liebe Senioren. Ich bin auf euer nächstes Konzept gespannt.
Schon der Titel des Albums weckte meine Neugier: Glitterbeat: Dubs & Versions (Glitterbeat). Weltmusik ist nach Dub meine zweite große Leidenschaft – wie genial, wenn ein Album verspricht, beides miteinander zu verbinden. Ein Blick auf die Tracklist ließ die Neugier in reine Gier umschlagen: Dennis Bovell und Mark Ernestus (Rhythm & Sound) wurden da neben sechs weiteren Namen als Remixer aufgeführt. Also: Play! Den Start machte sodann Dennis Bovells Remix des malischen Sängers Samba Touré. Ein großartiges, ultra-langsames Stück, von typisch malischen Gesangsharmonien geprägt und von Bovell mit einer sich träge wälzenden Bassline und versprengten Offbeats unterlegt. Was für ein Auftakt! Mark Ernestus hat sich eine Afrobeat-Aufnahme von Ben Zabo vorgenommen. Von Reggae keine Spur mehr, lediglich ein paar Hall-Effekte lassen an Dub denken. Seine Rhythm & Sound-Produktionen im Kopf, hatte ich mir da etwas Anderes versprochen. Der nächste Remix stammt von Schneider TM, der sich des gleichen Materials wie Bovell angenommen hat, aber zu einem absolut konträren Ergebnis gelangt ist. Sein Track ist geprägt von stark synkopiertem Elektro-Sound und verzerrtem Gesang. Nächster Track ist ein Remix des Shangaan-Electro-Produzenten Tamala. Wie Bovell hat er dem Original seinen Lieblingsbeat verpasst – in seinem Fall Shangaan. Ich mag diesen neuen Style aus Südafrika sehr – obgleich er mit Dub & Versions nicht viel zu tun hat. Und noch ein toller Track: Harmonius Thelonius präsentiert eine Fusion aus schneller elektronischer Tanzmusik und Afrobeat. Auch hier stellt sich die Frage: Wieso unter der Überschrift „Dubs & Versions“? Wir haben hier eine paradoxe Situation: ich rezensiere hier ein Afrika-Sounds-Remix-Album, weil ich auf den Etikettenschwindel „Dubs & Versions“ hereingefallen bin – aber ich finde das Album so gut, dass ich es nicht übers Herz bringe, den Text einfach zu löschen. Ich möchte es euch Dub-Enthusiasten da draußen, daher wärmstens ans Herz legen. Es muss ja nicht immer Dub sein – auch wenn’s draufsteht.









