Vor 50 Jahren begann die musikalische Karriere von Freddie McGregor. Bereits als siebenjähriger nahm er im Studio One erste Stücke auf – zunächst als Background-Sänger, später unter seinem eigenen Namen. Nun legt er nach achtjähriger Wartezeit ein neues Album vor, weitgehend produziert von C. & R. McLeod und seinem Sohn Stephen „Di Genius“ McGregor. Herausgekommen ist eine Mischung weniger mäßiger neuer Songs und einer Menge sehr schöner Cover-Versionen (George Benson, The Beatles, Bob Marley, Mighty Diamonds, Heptones und von sich selbst: F. McGregor). Insgesamt ein schönes Album. Die wenigen Schnulzen muss man einfach überhören.
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Autor: René Wynands
Zenzile Meets High Tone: Zentone
Re-Release der ursprünglich 2006 erschienenen Kollaboration der beiden französischen Dub-Acts Zenzile und High Tone auf Jarring Effects. 2005 ging man gemeinsam auf Tour und schnell war die Idee eines gemeinsamen Albums geboren. Wie zu erwarten, changiert das Album zwischen lupenreinem Dub und Elektronic-Spielereien. Grundsolide Qualität ohne Höhenflüge, aber auch ohne Abstürze.
Hörporbe
Diese Interview, das ich 2002 mit Lee Perry führte, ist mir gerade wieder in die Finger gefallen. Beim jetzigen Wiederlesen habe ich mich köstlich amüsiert. Ich hatte schon ganz vergessen, wie absurd-komisch unser Gespräch von vor 11 Jahren war.
Lee Perry, der Madman himself hat den Wahnsinn zur Methode gemacht. Er ist – in der Inkarnation des Pipecock Jackxon – aufgebrochen die Welt zu retten und die Verdammten zu entvoodooisieren. Sein Werkzeug ist nicht mehr das Mischpult (wie in früheren Tagen), sondern ausschließlich das Wort, sein Wort. Denn was uns Mr. Perry in seinen späten Aufnahmen und auf der Bühne bietet, sind Worte. Zusammenhanglos, zufällig, verrückt. Als lebende Legende wird er durch die Konzertsäle und Studios der Welt gezerrt und bietet ein tragisches Bild verlorener Größe. Soeben absolvierte Lee Perry eine Tour mit Mad Professor, auf der er sich mit Spiegeln und Amuletten behängt präsentiert und Texte wie: „I have Jesus Christ on my cock, Selassie on my back, Marcus Garvey on my leg, and Jews in my shoes“ zum besten gab. Im anschließenden interview offenbarte er, dass er Dollarnoten unter den Schuhsohlen trägt und erklärte, dass er der Herrn der Ringe sei.
Hallo Mr. Perry, Sie sind für Ihre neue Platte „Jamaican e.t.“ wieder zu Trojan Records zurückgekehrt, die bereits in späten 60ern Ihre Platten lizensiert haben.
Die Platte ist nicht für Trojan oder jemanden speziell. Sie ist für alle Leute, die glauben, dass Gott sie retten wird. Es gibt so viele Lee Perry-Platten da draußen, von denen ich nichts weiß. Die Leute haben alle die Bänder von mir gestohlen.
Aber Trojan hat die Bänder doch nicht gestohlen?
Die Fans glauben, das seien Lee Perry-Platten, aber das sind sie nicht. Lee Perry ist ein guter Name! Ihn zu tragen ist Luxus. Da stimmt etwas nicht!
Aber Sie haben das Album doch selbst produziert – steht zumindest auf dem Cover.
Hör auf, mich für Sachen anzuklagen, die ich nicht gemacht habe.
Wer sind denn die Musiker, mit denen Sie auf „Jamaican e.t.“ zusammengearbeitet haben?
Die Platte ist mein Werk. Chris Blackwell hat sie von mir gestohlen.
Blackwell ist von Island-Records, nicht von Trojan…
Was ich von jetzt an mache, wird nicht mehr gestohlen! Denn da kommen keine jamaikanischen Komiker als Musiker.
Gut, wechseln wir das Thema: auf der Bühne sagten Sie, Sie glauben an Magie. Stimmt das?
Sicher. Magie ist meine Königin. Und Logik ist mein Gott. Außerdem glaube ich an Pussies.
Interessant. Wie läuft denn die Zusammenarbeit mit Mad Professor, mit dem Sie gerade auf Tour sind?
Er ist der einzige Schwarze mit dem ich noch zu tun habe. Ansonsten will ich mit keinem Schwarzen mehr zu tun haben.
Aber die Musiker auf der Bühne sind doch schwarz.
Ja, sie sehen schrecklich aus. Aber der weiße Bassist ist auch ein Idiot.
Warum wollen Sie keine Schwarzen mehr um sich haben?
Das sind Vampire. Die beißen zu tief – die kennen keine Gnade.
Äh…
Ich hoffe, du verzeihst mir, was ich sage, aber ich bin ein Wahrsager. Ich kann in deine Zukunft sehen. Die Schwarzen haben einen bösen Geist – ich will nicht, dass sie an meine Tür klopfen.
Wie kommen Sie darauf?
Alles war schwarz. Die Black Ark (Perrys Studio in den 70ern) war schwarz. Aber wenn zu viel Schwarz um dich herum ist, dann ist das böse. Denn da wo es schwarz ist, ist kein Licht.
Leben Sie immer noch in der Schweiz?
Ich hätte die Jahre nicht überlebt, wenn ich in Jamaika geblieben wäre. Ich wäre vom Pabst vergiftet worden. Deshalb möchte ich auch keinen Pabst hier in diesem Raum haben.
Mit welchen Gefühlen erinnern Sie sich an Ihre große Zeit in Jamaika?
Wenn ich mich an das erinnere, was dort passiert ist, dann möchte ich diese verdammte Insel in die Luft sprengen.
Sie sagten, dass auf Ihrem neuen Album (das übrigens bei Trojan erschienen ist) „Education“ und „Dancing“ zu finden wäre. Was verstehen Sie unter „Education“?
Wir haben diesen Song und jenen Tanz, Reinkarnation und Inkarnation. Wir konstruieren dort Knochen und Fleisch, Gehirne und Gene. Gene sind im Gehirn und erzeugen dort Gehirnwellen mit sofort-telepatischen, mentalen Befehlen. Alles kommt vom Schöpfer. Der Schöpfer ist omnipotent.
Warum tragen Sie diese mit Amuletten beklebte Mütze?
Die ist für die Juden (er nimmt die Mütze ab und zeigt uns, dass sie von innen mit Dollarnoten ausgekleidet ist). Ihr habt kein Geld in den Schuhen – aber was gibt euch das Recht zu glauben, dass auch ich kein Geld in den Schuhen habe? (er zieht seine Schuhe aus, holt die Sohle heraus und zeigt uns, dass sie von unten mit Dollarnoten beklebt ist.)
Warum ist das Geld in der Mütze?
Das ist für die Menschen, die an mich glauben. Sie nähren sich an meinem Gehirn.
Und das Geld in den Schuhen? Das ist weit weg vom Gehirn.
Das ist für die Armen, die auf der Straße um Brot betteln.
Hat Ihr T-Shirt auch eine Bedeutung?
Das zeigt meine Machete. Der Name meiner Machete ist Sabata.
Glauben Sie an Rastafari?
Wenn ich das nicht tun würde, wäre ich ja wie jeder andere. Wenn ich nicht an Rastafari glauben würde, müsste ich mir Soldaten und Polizisten zum Schutz holen.
Auf der Bühne sangen Sie auch von Jesus.
Wenn Jesus ein Weißer ist, glaube ich an ihn, wenn er ein Schwarzer ist, glaube ich auch an ihn.
Sehen Sie da keinen Widerspruch?
Weißt du, was Rastafari ist?
Ja.
Wenn du morgens dieses Wasserglas hier gegen die Sonne hältst, dann siehst du einen Regenbogen. Das ist Rastafari.
Ach so.
(Er nimmt das halb mit Wasser gefüllte Glas hoch und schüttet es aus) Wo kommt dein Lebensstrom her? Von Gott! Ich will nicht, dass Parasiten, die nicht an Gott glauben, in meine Show kommen. Wenn solche Parasiten da sind, kann ich die Leute nicht unterhalten, die an Gott glauben. Dann werde ich verrückt und kann nicht ordentlich arbeiten. Und es funktioniert!
Was für eine Bedeutung haben all die Spiegel, die Sie an ihrem Körper tragen?
Ich bin der Elementen-Mann. Bevor ich diesen Planeten betrat, beschloss ich, in dieser Farbe zu erscheinen. Ich bin pure Energie. Ich bin die Sonne, die scheint, ich bin die Sonne Jamaikas. Ich habe das Geld nicht gesucht – das Geld hat mich gefunden. Wenn ich auf der Bühne bin, sieht man dort 12 Planeten kreisen. Da oben ist kein Platz für menschliche Wesen. Ich bin kein menschliches Wesen – nur mein Fleisch ist menschlich.
Woher wissen Sie, dass Sie die Energie sind?
Weil durch mich die Energie spricht. Ich bin der Omnipräsente. Ich bin der Upsetter.
Wo wäre der Reggae heute ohne Ihren Beitrag?
Es gäbe keinen Reggae und es gäbe auch keine Welt ohne Lee Scratch Perry. Alles musste am Anfang beginnen – und ich bin der Anfang.
Sie repräsentieren die Welt?
Aber sicher! Ich bin Lee Scratch Perry. Ich mache alles anders. Es gibt so viele Menschen, die mit einem bösen Voodoo-Fluch belegt sind. Meine Aufgabe ist es, diese Menschen zu entvoodooisieren – selbst dann, wenn sie gar nicht wissen, dass sie voodooisiert sind. Ich bin der Heiler.
Sind Ihre Texte frei improvisiert, oder haben Sie sie einstudiert?
Sie kommen zu mir von dem Herrn der Ringe.
Wer ist der Herr der Ringe?
Er gab mir diesen Ring des Feuers vor 20 Jahren. Der Ring sprüht Feuer, das man nicht sehen kann. Sssssspashhhh, da kommen die Flammen. Und nach den Flammen öffnet sich der Himmel: Baahhhhhhhhhh! So war es.
Mister Perry, vielen Dank für das Interview.
Horace Andy: Broken Beats
Normalerweise läuft es so: Jemand nimmt ein Album auf, veröffentlicht es, schickt anschließend die Tracks zu befreundeten Musikern, welche Remixes produzieren, die dann ca. ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung des Albums auf den Markt kommen. Es ist die gleiche Abfolge wie beim klassischen Dub-Album: erst die Gesangs-Version, dann die Dub-Versions. Doch ebenso wie der moderne Dub damit Schluss gemacht hat, das Derivat eines Gesangsalbums zu sein, so hat sich nun offensichtlich auch der Remix von einem bisher als zwingend vorausgesetzten „Original“ emanzipiert. Das Horace Andy-Album „Broken Beats“ (Echo Beach) ist nämlich direkt als Remix entstanden. Eine geniale Idee, die konsequent und bravurös umgesetzt wurde: Das Hamburger Label Echo Beach hatte Lust auf ein neues Horace Andy-Album mit einigen seiner klassischen Hits wie Skylarking, Money Money, Cuss Cuss sowie neuem Material und lud somit kurzerhand befreundete Dub-Acts und Remix-Produzenten wie Rob Smith, Dubblestandart, Fenin, Dub Spencer & Trance Hill, Felix Wolter u. a. ein, die Musik dazu beizusteuern. Doch statt auf alte Horace Andy-Aufnahmen zurückzugreifen, entstand das komplette Album neu. Der Clou: selbst Horace Andy sang seine Songs extra neu ein. Was als Kopf-Experiment hätte leicht in die Hose hätte gehen können, liegt nun als spannendes und betörendes Album vor, das konzeptuell wie musikalisch absolut State of the Art ist. Obwohl der individuelle Stil der beteiligten Musiker unverkennbar bleibt, fügen sich alle Tracks, die Vocal-Versions sowie die Dubs im zweiten Teil des Albums, zu einem geschlossenen Ganzen, das sich jenseits enger stilistischer Grenzen von Reggae und Dub bewegt. Vordergründig macht es das Album seinen Hörern nicht leicht. Beim flüchtigen Hineinhören wirken die Beats oft etwas sperrig, lassen sich keinen bekannten Kategorien zuordnen und bieten statt kraftvollem Wumms eher zurückhaltendes Understatement. Der wahre Schatz dieser Musik erschließt sich nämlich erst beim genauen Hinhören. Dann, wenn die ruhige Kraft der Beats und die in ihrer Komplexität verborgene Schönheit offenbar werden. Und genau dann ist man als Hörer unendlich dankbar, statt bekannte Styles wiedererkennend abzuhaken, in jedem der 15 Tracks neue Überraschungen zu erleben, neue akustische Entdeckungen zu machen und schließlich das (wieder) zu finden, wofür Dub eigentlich steht: Innovation.
Nachdem das im März erschienene Album „High Tone meets Brain Damage – High Damage“ meinen Glauben an das französische Dub-Duo nachhaltig erschütterte, ließ mich nun im Oktober, also nur sieben Monate später, das neue Brain Damage-Album „What You Gonna Do?“ erleichtert aufatmen. Hier stimmt glücklicherweise wieder alles: Dub-Music wie sie sein soll! Okay, eine Einschränkung gibt es: Es sind sechs Sänger mit von der Partie. Im engeren Sinne haben wir es hier also nicht mit einem reinen Dub-Album zu tun. Es handelt sich viel mehr um ein Showcase-Album, das uns zunächst sechs Vocal-Tracks und anschließend sechs Dub-Versions präsentiert. Aber ist das Vorhandensein von Gesang ein Ausschlusskriterium für Dub? Keineswegs, wie sich an diesem großen Album nachweisen lässt. Während bei einer klassischen Roots-Produktion die Musik (oft auch als „Backing“ bezeichnet) den „Hintergrund“ für den Gesang bildet, ist sie auf dem Album von Brain Damage dem Gesang ebenbürtig. Statt lediglich Rhythmus zu sein, steht sie selbstbewusst und eigenwertig neben dem Gesang. Sie ist so aufmersamkeitsstark und individuell ausgestaltet, dass es unmöglich ist, ihr nicht mit dem (mindestens) gleichen Maß an Konzentration und Hingabe zuzuhören wie den sechs Sängerstimmen. Es sind schlichtweg großartig komponierte Dubs, die auch ohne Gesang vollkommen überzeugen könn(t)en. Allerdings, und das muss hier unumwunden zugegeben werden, sind die Gesangsmelodien von Brother Culture, Learoy Green, Madu Messenger, Zeb McQueen und Sir Jean so gut, dass es schwer fiele, auf sie zu verzichten. Und deshalb ist es auch viel sinnvoller, genussvoll hinzuhören, statt sich über Schubladen den Kopf zu zerbrechen.
Shaky Norman: Universal Love
Die Melodika wird im Reggae auf ewig mit dem Namen Augustus Pablo verbunden sein. Die von Pablo geschaffene Symbiose aus Dub und Melodika prägte einen geradezu hypnotisierenden Sound, der Musiker bis heute fasziniert. So auch den Franzosen Shaky Norman, der sich eigentlich dem Punkrock verschrieben hat, aber seit vier Jahren Dubs mit seinen Melodika-Melodien verziert. Diese Werke präsentiert er nun auf seinem Album „Universal Love“ (http://shakynorman.bandcamp.com). Dabei versucht er sich gar nicht erst an der hohen Kunst der Dub-Produktion, sondern bedient sich der Musik mehr oder weniger renommierter Dubheads aus aller Welt: Dubatak (Brasilien), Bandulu Dub (Portugal), Don Fe (Spanien), Roots Ista Posse und Les Pigments Libres (beide Frankreich), Chaves (Malaga/Spanien), Mungo’s Hifi (Schottland), Jahspora (Frankreich), Jiang Liang (China) und Dub Caravan (England). Obwohl die Dubs aus so unterschiedlichen Quellen stammen, wirkt das Album überraschend geschlossen und harmonisch. Der Sound ist weich und warm und gewinnt durch das Melodikaspiel eine sanft melancholische Note. Um der Gefahr zu begegnen, mit dem wenig modulierbaren Melodika-Sound über die Länge von 14 Tracks irgendwann doch zu nerven, variiert Shaky Norman sein Spiel sehr geschickt: Mal ist die Melodika Solostimme, mal wird sie zum Rhythmusinstrument, dann tritt sie in die Funktion von klassischen Reggae-Bläsern, die nur eine kleine Hookline spielen. Gelegentlich gibt es sogar winzige Vokal-Schnipsel von Ranking Joe, Tippa Irie und Earl 16 zu hören, was zusätzlich für Abwechslung sorgt. – Ich denke, Shaky sollte den Punkrock an den Nagel hängen und sich sofort um das nächste Melodika-Album kümmern.
Bevor ich mich dem Verfassen dieses Artikels und der damit verbundenen Herausforderung einer anfänglich erschreckend leeren Dokumentenseite stelle, werfe ich noch schnell einen Blick ins Internet. Kurz mal in den iTunes-Store, dann einen Abstecher zu Amazon und schließlich zu meiner Lieblingsseite: junodownload.com. Und was begegnet mir dort? Ein Album, das ich ohne zu zögern, sofort zum Helden dieser Ausgabe der Dub Evolution küre: Resonators, „The Constant“ (Wah Wah). Was für ein Fund! Im strengen Sinne ist es ein Vocal-Album, allerdings sind die instrumentalen Passagen beinahe umfangreicher als der Gesangs-Anteil und außerdem liefert die Band das Dub-Album „Dub Collection“ zu „The Constant“ zum freien Download gleich mit. Doch Vocals hin- oder her: der Sound hinter dem Gesang ist eindeutig Dub – ohne allerdings mit klassischer UK-Dub zu sein. Im Gegenteil: Die Musik der neunköpfigen Band aus Brighton und London ist hundert Prozent analog und handgespielt – was zwar eigentlich nicht das richtige Material für typischen Dub-Sound ist – hier aber absolut perfekt funktioniert. Die Jungs hinter den beiden Frontfrauen spielen einfach unglaublich inspirierte Musik, voller Energie und Variationsreichtum. Wer jetzt eine typische Festival-Live-Band a là Jamaram oder Irie Révoltés erwartet, liegt falsch. Die Resonators sind von der simplen Song- und Musikauffassung solcher Bands meilenweit entfernt. Statt Mitgrölen ist hier eher connaisseurhaftes Zurücklehnen und Genießen angesagt und statt eindimensionaler Orientierung auf den Gesang der Rampensau, ist ein Song der Resonators ein organisches Ganzes, in dem Gesang, Musik und Dub-Effekte gleichwertige Rollen spielen, sich gegenseitig durchdringen und gemeinsam faszinierend komplexe und doch eingängige Musikstücke ergeben. Faszinierend ist auch die kostenlose Dub-Version des Albums, die allerdings nur fünf Tracks umfasst. Der unglaublich präsente Live-Sound der Band kommt hier noch stärker zum Tragen und kontrastiert spannungsvoll mit den typischen Studio-Dub-Effekten, was mich manchmal entfernt an das alte Dub Syndicate-Album „Pounding System“ erinnert. Andererseits kommt mir beim Hören auch Prince Fatty in den Sinn, dessen spielerisch-lockere, vor Ideenreichtum und ungestümer Spiellust strotzende Musik vom gleichen Geist beseelt ist. Nice! So, und jetzt muss ich bei facebook.com/Resonators erst mal „gefällt mir“ anklicken.
Various Artists: Dubvision III
Drei Jahre hat es gedauert, bis der Dubvisionist Felix Wolter einen neuen Sampler mit seinen Lieblings-Dubs veröffentlicht. Nun liegt er vor: Dubvision III (Perkussion & Elektronik) und ist eben so gut, wie seine beiden Vorgänger. Wieder hat der Hannoveraner zwölf ausschließlich von ihm produzierte oder zumindest remixte Tracks versammelt. Doch ist gegenüber der Dubvision II die Auswahl der Protagonisten geschrumpft. Neben ihm selbst (in unterschiedlichen Inkarnationen) gibt es nämlich nur noch die Senior Allstars und Aldubb zu hören – was aber letztendlich unerheblich ist, solange die Musik stimmt. Und das tut sie ohne jeden Zweifel. Nach meinem Geschmack, ist Mr. Wolter der vielleicht beste deutsche Dub-Produzent, auch wenn er sich in aller Bescheidenheit im Hintergrund hält und sich nicht so vermarktet, wie es ihm eigentlich zustehen würde. Hier gibt es nun einen neuen Beleg für meine Behauptung.
Meine Dub Top 10 des Jahres 2012
1. The Spy From Cairo: Arabadub
2. Aldubb: Welcome To Bassland
3. Various: Roots Tribe Showcase Vol. 2
4. Miniman: Back To Roots
5. Alpha & Omega Meets Dan I: Blessed Are The Poor
6. Ashley: Land Of Dub
7. Brain Damage: Dub Sessions
8. Shaky Norman: Universal Love
9. Dubcall: Desolation
10. The Senior Allstars: What Next?
Braintheft: Berlintendo
Mit einigen Jahren Verzögerung macht sich der Einfluss von Dubstep auf Dub nun zunehmend bemerkbar. Meist ist es lediglich der verzerrte Bass-Sound, der zitiert wird, aber es gibt auch weitreichenderen Einfluss wie z. B. bei der 2016 gegründeten und aus der Zukunft ins Jahr 2008 nach Berlin zurück gereisten Band Braintheft. Ihr soeben vorgelegtes Album „Berlintendo“ verdankt dem Dubstep rund 40 Prozent seiner Inspiration. Weitere 40 Prozent dürften dem Bass-Sound eines Bill Laswell geschuldet sein. Die verbleibenden 20 Prozent sind schließlich echter Reggae-Dub. Und genau diese, hinsichtlich meiner Lieblingsmusik recht ungünstige Verteilung verleidet mir den ungetrübten Spaß an „Berlintendo“. Das Album besteht aus drei Teilen: dem „Studio Mode“ (Studioaufnahmen), dem „Live Mode“ (Konzertmitschnitt) und dem „Versus Mode“ (Remixes), was insgesamt stolze 28 Tracks ergibt. Allen Stücken gemein ist ein entspannter, dunkler, teils verspielter, elektronischer Sound, der seine handgemachte Herkunft nicht leugnen kann. Doch trotz reichlich Schallwellen aus dem Frequenzkeller, fehlt dem Album der rechte Wumms. Mir ist die Musik zu verkopft, die Soundscapes zu langatmig und die Rhythms zu ideenlos. Wie so oft bei Bill Laswell, fehlt der Musik schlicht der Groove – von Melodien ganz zu schweigen. Alles das, was im klassischen Sinne „schön“ ist an einem Dub, wird hier zugunsten atmosphärischer Klangwelten geopfert. Einfache, aber dadurch vielleicht bestechende, Ideen werden durch komplizierte Kompositionen, reichlich Breaks, Rhythmuswechsel und aufwändige Arrangements ersetzt. Doch viel ist nicht unbedingt mehr, sind die stärksten Ideen doch oft gerade die (scheinbar) einfachsten. Dummerweise sind sie auch am schwierigsten zu bekommen.









