„These Albums feature ryhthm tracks from the Channel One (Uk) vaults, produced by Martin Campbell“, steht auf der Rückseite der Albumserie „Alien Dread In Dub With Martin Campbell & The Hi-Tech Roots Dynamics Vol. 1-3“ (Reggaeretro). Ein knapper Satz, der mich nachhaltig in Verwirrung stürzte. „Channel One UK“? Und wer ist eigentlich Martin Campbell? Eine Internet-Recherche später, kann ich mir nun zusammen reimen, dass Mr. Campbell, 1955 in Deutschland geboren und in Jamaika aufgewachsen, mit JoJjo Hookim befreundet ist und von diesem die Erlaubnis erhielt, in England ein Studio mit dem Namen „Channel One UK“ zu eröffnen, (das außerdem mit dem gleichen Equipment wie das Channel One Studio in Jamaika ausgestattet ist). In diesem Studio produziert Campbell schon seit etlichen Jahren Roots-Rhythms, die gelegentlich auch das Licht der Öffentlichkeit erblicken. Wer die Rhtyhms einspielt? Keine Ahnung. Verwendet er womöglich Aufnahmen, die Hookim ihm überließ? Keine Ahnung. Aber wie dem auch sei, Campbells Sound ist dem des originalen Channel One Studios ausgesprochen ähnlich. Auch die Beschränkung auf den Stil der frühen 80er Jahre passt perfekt, denn wie die Rhythms der Roots Radics, sind auch Campbells Tracks fast in Slow Motion gespielt, minimalistisch arrangiert und von einem dominanten Bass beseelt. Diese Rhtyhms hat sich nun Andrew Passey, aka Alien Dread in seinem südenglischen Phat Dubz-Studio vorgeknöpft und durch die Echo-Kammer gejagt. Das Ergebnis ist „zu konventionell“ – wie mich ein Kollege wissen ließ. Da kann ich ihm in der Sache nicht widersprechen, wohl aber im Geschmacksurteil. Denn mir gefällt der konventionelle Sound ganz gut. Es ist schlicht idealtypischer Dub. An ihm ließe sich in einem Lehrbuch bestens das ganze Genre erklären. Da braucht es keine abgefahrenen Ideen. Hier hat ein Sound seine perfekte Verwirklichung gefunden. Er ist wie eine gute Pizza Margherita: langweilig aber köstlich.
Hörprobe Vol. 1
Hörprobe Vol. 2
Hörprobe Vol. 3
Autor: René Wynands
Evolution of Dub – Vol. 7
Nach ca. 3,5 Jahren hat die Evolution of Dub – so wie Greensleeves sie sieht – Vol. 7 (Greensleeves) und damit ihr Ende erreicht (laut eines Blog-Eintrags des Plattenlabels). Wie schon beim Start 2009 abzusehen war, hatten die Damen und Herren der Archive gar nicht vor, eine wirkliche Evolution des Genres darzustellen. Statt dessen begnügten sie sich, Dub-Alben aus dem Back-Katalog als CD neu zu veröffentlichen – mit schönem Reprints der Original-Cover und mehr oder weniger ausführlichen Linernotes. Doch die bisher 28 ausgewählten Alben folgten weder einer Chronologie, noch waren sie besonders wichtige Meilensteine in der Entwicklung des Dub. Meist widmete sich eine Box einem oder zwei Produzenten und überspannte einige Jahre. Nach Joe Gibbs & Errol Thompson, Niney, natürlich Bunny Lee, Linval Thompson, Ossie Hibbert, Lloyd Coxsone und Prince Jammy, bildet Winston Edwards nun den Abschluss. Die Aufzählung dieser Namen macht jedem halbwegs mit der jamaikanischen Musikgeschichte vertrauten Leser klar, dass die Evolution à la Greensleeves die 1970er Jahre kaum verlassen hat. Für Freunde der alten Schule des Dub wahrscheinlich eine Offenbarung, ist die groß angelegte Serie in meinen Augen eine verpasste Chance. Eine Chance allerdings, die wahrscheinlich nie wirklich existiert hat. Denn eingedenk der Tatsache, dass Dub very, very, very special interest ist, hätte sich der Aufwand einer akribisch zusammen gestellten und gut kommentierten Geschichte des Dub wohl nie über Verkaufserlöse refinanzieren lassen. Daher lasst uns Greensleeves für diese tolle CD-Box-Serie ehrerbietig danken. – Und dann lasst uns schauen, was die Evolution Of Dub, Vol. 7 zu bieten hat:
Vier Produktionen von Winston Edwards, die drei ersten aufgenommen in Jamaika, obwohl Edwards seit 1974 in England lebte. Dort betrieb er sein Fay Music-Label und veröffentlichte im selben Jahr sein erstes Dub-Album „Natty Locks Dub“ mit Aufnahmen, die Teils in Perrys neuem Black Ark-Studio, teils bei Joe Gibbs entstanden und in Tubbys Studio gemixt wurden. Zurück in England kamen noch ein paar Bläser-Soli darüber und fertig war das Album. Allerdings war ihm wenig Erfolgh beschieden, was sich aus heutiger Sicht leicht nachvollziehen lässt, da die Tracks allzu seicht und stereotyp klingen.
„King Tubby Meets The Upsetter At The Grass Root Of Dub“ von 1975 ist da schon von anderem Kaliber. Aufgenommen im Studio von Joe Gibbs, wurden die Dubs der A-Seite von King Tubby und die der B-Seite von Lee Perry gemixt. Beide Seiten sind – vor allem im Kontrast zum Vorgängeralbum – sehr gut gelungen. Fast alle Rhythms waren neue Kompositionen, die Instrumentierung, die oft von Vin Gordons Posaune angeführt wird, ist schön abwechslungsreich und nicht zuletzt überzeugen auch die Dub-Mixes. Im Rahmen einer Evolution des Dub liegt die eigentliche Bedeutung dieses Albums aber in dessen Vermarktung. Denn während frühere, in geringen Stückzahlen importierte Dub-Alben in England aufgrund ihrer horrenden Preise nur wenig Käufer fanden, war „King Tubby Meets The Upsetter At The Grass Root Of Dub“ nicht nur ein richtiger, ordentlicher UK-Release zu einem normalen Album-Preis, sondern Edwards bewarb das Album zudem mit einer weit verbreiteten Anzeigenserie. Das Ergebnis könnte als positives Beispiel in einem Marketing-Handbuch der Zeit Aufnahme finden: Das Album verkaufte sich blendend, wurde Kult unter den Anhängern jamaikanischer Musik und bewirkte vor allem eines: Das Konzept von Dub wurde einem großen Publikum bekannt gemacht.
„King Tubby Surrounded By The Dreads At The National Arena“ erschien ein Jahr später, 1976, und stammte ganz aus der Dromilly Avenue. Neben reinen Dubs, gibt es auch einige Vocal-Cuts zu hören, was die original Linernotes damit begründen, das Album versuche einen Live-Auftritt King Tubbys in der National Arena Kingstons nachzuempfinden. Doch obwohl auch das neue Album zum Erfolg wurde, schloss Edwards 1977 sein Label und kümmerte sich statt dessen um Joe Gibbs Londoner Dependance.
Drei Jahre später, als Dub bereits im Begriff war, sich aus der Gunst der Hörer zu verabschieden, veröffentlichte Winstone Edwards sein viertes und vorletztes Dub-Album: „Dub Conference“. Doch dieses Mal war es eine rein britische Produktion, aufgenommen und gemixt vom zentralen Protagonisten des UK-Reggae jener Zeit: Dennis Bovell (aka Blackbeard). Der Unterschied zu den drei jamaikanischen Alben in der Box ist gewaltig. Die drei Jahre zeitlicher Abstand zu den Vorgängern dürfte dabei weniger entscheidend sein als die generell bessere Ausstattung der britischen Tonstudios. Der Sound auf „Dub Conference“ ist ungleich komplexer, der Dub Mix um längen experimentierfreudiger, während die Gesamtanmutung beseelter und „wärmer“ ist. Die „Dub Conference“ ist ein würdiger Abschluss der „Evolution Of Dub“-Serie, denn genau hier erfolgte die Übergabe des Staffelstabes des Dub von Jamaika an England. Was dann folgte, ist ein anderes Kapitel im Buch der Evolution.
20 Fragen an: Umberto Echo
Dein Name: Umberto Echo
Du lebst in: München
Titel deines letzten Albums: Elevator Dubs, 15. März 2013 Enja Records
Was ist deine Definition von Dub?
Instrumental Musik auf Reggae basierend mit ein wenig Gesang und teilweise extremen Effekten, nicht unbedingt Echo aber oft und gerne, manchmal Solos.
Was unterscheidet einen guten von einem schlechten Dub?
Ein schlechter Dub wird schnell langweilig weil er vorhersehbar ist. Einen guten kann man immer wieder hören.
Wie würdest du deinen Dub-Stil beschreiben?
Eklektisch maximalistisch.
Wie sieht der Entstehungsprozess eines typischen Dub-Tracks von dir aus?
Im Idealfall hab ich schon vorher eine Idee die ich dann auch umsetzten kann. Manchmal lande ich auch ganz wo anders, was nicht unbedingt schlecht sein muss.
Ich mach die Session auf, mische den Tune damit alle Elemente gut klingen und fange dann an einzelne Elemente rein und raus zu nehmen und zu verfremden. Da bin ich dann ein paar Stunden in meiner Welt. Wenn ich da ein gutes Gefühl mit der Basis habe, mach ich eine Pause und hör mir das ganze mit etwas Distanz an.
Dann geht’s ans Finetuning. Ich gehe über einzelne Passagen und verfeinere die Übergänge und nehme überflüssige Parts raus. Evtl. spiele ich selbst ein paar spuren ein und oder lade einen befreundeten Musiker ein damit er mir ein bisschen was dazu spielt. Wen ich dann mit allem, was so passiert, zufrieden bin, wird noch mal eine Runde nur am Klang gefeilt.
Wann bist du mit einem von dir produzierten Dubs zufrieden?
Wenn ich ihn mir mehrmals hintereinander anhören kann ohne das ich etwas verändern möchte und ihn bei jedem hören interessant finde.
Was sind deine persönlichen Dub-Top 5-Alben?
Aswad: New Chapter in Dub
Mad Professor vs. Le Scratch Perry: Dub Take The Voodoo out of Reggae
Scientist: Dub From The Ghetto
Earl 16: The Fittest Dub Versions
Umberto Echo: Dub Train
Wer ist für dich der größte Dub-Artist aller Zeiten?
Lee Perry, über den hab ich mich schon so oft gefreut. Der ist nicht unbedingt der Beste aber der Coolste.
Und wer der aktuell interessanteste Dub-Artist?
Umberto Echo
Was ist für dich die musikalisch interessanteste Dekade? Warum?
70er. Warmer Sound, echte Vibes, echte Musiker, Aufbruchstimmung.
Was hörst du außer Dub?
Jazz, HipHop, Soul, Funk, Afrobeat, Elktronische Musik, High End Pop, Klassik, früher viel Punk, Hardcore, Rock.
Was ist dein aktuelles Lieblingsalbum?
Antun Opic „You Can Spare A Dime“
In welcher Form kaufst du deine Musik: Vinyl, CD, Download, Abo? Warum?
CDs. Ich bin so aufgewachsen, hab mich noch nicht umgestellt. Preis Leistung (Sound) stimmt insbesondere bei älteren Alben.
Gelingt es dir, mit Musik deinen Lebensunterhalt zu bestreiten?
Ich produziere viel Musik für andere Leute in diversen Genres und lebe ausschliesslich davon. Mit meiner eigenen Musik verdiene ich kaum Geld.
Mit welchem Artist würdest du gerne einmal zusammen arbeiten?
Alle die noch kommen werden
Was ist deine besondere Stärke?
Gutes Gehör, Spass an der Sache,Musikalität.
Was macht dir an deinem Job am meisten Spaß?
Meine eigenen Alben zu produzieren und alle Entscheidungen alleine treffen zu können.
Wovor graust es dir im Studio?
Schlecht vorbereitete Musiker mit verstimmten Instrumenten.
Wenn du gerade nicht an Dubs schraubst, was machst du dann am liebsten?
Gute Musik aufnehmen und mischen.
Welche Musik-Website steuerst du am liebsten an?
Mach ich eher selten, suche eher nach bestimmten Personen(Musikern) die mich interessieren, da landet man immer wo anders.
Wie siehst du die Zukunft von Dub?
Positiv! Dubstep wird weiter versinken in den Spielarten des Mainstream und neue Leute werden die alten Dub-Konzepte in ungeahnter Weise uminterpretieren.
David Rodigan bei der BBC
Meine Reggae-Sozialisierung habe ich zu großen Teilen einem Mann zu verdanken: David Rodigan. Er schickte in den 1980ern seine zweistündige Radioshow „Rodigans Rockers“ via BFBS in die Wohnzimmer hiesiger Reggae-Fans. Danach war er lange Zeit bei Kiss FM im Programm, das aber in Deutschland nicht empfangen werden konnte. Nachdem Kiss seine Reggae-Sendung auf immer unattraktivere Sendeplätze verschoben hatte (zum Schluss war es Sonntagnacht um 0 Uhr), kündigte Rodigan und heuerte bei der BBC an. Heute lief seine neue Sendung zum ersten Mal. Hier in Deutschland lässt sie sich via Internet verfolgen – und sollte man sie verpassen, so kann man sie auf der BBC-Seite nachholen. Da werden Erinnerungen wach. Welcome Back!
Rodigan auf BBC 1Xtra
The Breadwinners: Dubs Unlimited
Wir sind versessen auf Neues. Nirgendwo sonst wird Innovation so hoch geschätzt wie bei uns, im westlichen Babylon-System (und die Jamaikaner machen da bekanntlich keine Ausnahme). Anders als z. B. in Japan, wo es als hohe Kunst gilt, ein Handwerk perfekt zu beherrschen und jene gepriesen werden, die beispielsweise ein Samurai-Schwert in absoluter Perfektion schmieden oder ein klassisches Gericht in höchster Vollendung zubereiten können, spielt handwerkliche Qualität bei uns eine ganz und gar untergeordnete Rolle. Als wahrer Künstler gilt nur, wer etwas (wenn auch nur vermeintlich) Innovatives leistet – unabhängig von seiner handwerklichen Fähigkeit. Hauptsache die Idee ist neu. Diese Haltung führt dazu, dass manch Schönes gering geachtet wird. Sie führt andererseits aber auch dazu, dass wir nicht beim bereits Erreichten verharren, sondern uns auf der Suche nach Neuem vom Fleck bewegen und spannende Möglichkeiten entdecken. Aber der Drang nach Innovation und die Freude an Bewährtem müssen sich ja nicht ausschließen. Mich kann beides begeistern: Das Album eines Experimentierers, der die Grenzen des Genres sprengt – auch auf Kosten der Schönheit. Aber auch: Das Werk eines Traditionalisten (oder besser: Postmodernisten), der in seiner Musik versucht, dem Ideal des Sounds einer ganz bestimmten Epoche möglichst nahe zu kommen. Prince Fatty habe ich dank seiner meisterhaften Beherrschung dieser Kunst hier schon des öfteren gefeiert. Nun bekommt er Gesellschaft von einem Landsmann, der zwar (noch) nicht so produktiv ist wie Fatty, dafür aber genau so gut: Alan Redfern aka The Breadwinners. Der Künstlername lässt eine ganze Band vermuten – und genau das ist Redfern auch. Eine One-Man-Band, denn er spielt nicht nur Schlagzeug, Bass, Keyboards, Gitarre, Perkussion und Harfe (!), sondern komponiert auch seine Musik, nimmt sie auf und mixt sie außerdem noch zu grandiosen Dubs. In den letzten fünf Jahren hat der 34-jährige hunderte Tracks aufgenommen. 15 davon sind nun auf seinem Debut-Album zu hören: „Dubs Unlimited“ (King Spinna Records) – und diese 15 Tracks sind der perfekte Sound, um auch das neue Jahr 2013 mit dem Vibe der 1970er zu infizieren. Denn was Mr. Breadwinners hier mit seinen 15 kurzen und bescheidenen Tracks veranstaltet, ist nichts weniger als eine veritable Renaissance von Lee Perrys Black Ark-Sound sowie die Reinkarnation der late 70ies Roots Radics. Warum man sich das anhören sollte, obwohl der Schrank voll steht mit originalen Perry-Aufnahmen und unzähligen Roots-Radics-Alben? Aus dem gleichen Grund, weshalb man sich einen Tarrantino-Film anschaut: Es macht einfach Spaß, den postmodernen Zitaten nachzuspüren, den „alten“ Sound in einer von Kevin Metcalfe perfekt gemasterten Qualität zu genießen und zudem noch ausgesprochen schönen Kompositionen und Arrangements zu lauschen.
Hörprobe bei iTunes
Dreadsquad: The Riddim Machine Versions
Mittlerweile entsteht nahezu überall in Europa vorzüglicher Reggae: Frankreich, England, Italien, Deutschland: alles große Reggae-Nationen. Neudings gehört auch Polen dazu. Den Verdienst daran trägt allein ein Produzent aus Lodz: Marek Bogdanski a.k.a. Dreadsquad! Seit 2001 hat er einige wunderbare, vor Energie sprühende Rhythms zusammengeschraubt, die musikalisch irgendwo zwischen Ska, Early Reggae und Dancehall angesiedelt sind. Im Laufe der Zeit wurden sie von einer Vielzahl europäischer und jamaikanischer Artists gevoiced (Ward 21, Tenor Fly, Top Cat, General Levy, U Brown, Milion Stylez, Lady Chann, Tipa Irie, Jah Mason, Perfect, Dr Ring Ding) und in Form von wenigen Solo-Alben und vielen Singles (die allerdings zu One-Rhythm-Samplern kompiliert wurden) veröffentlicht. Letztes Jahr erschien mit „The Riddim Machine“ ein Best Of Dreadsquad, das bei mir lange Zeit in Dauerrotation lief. Nun, ein Jahr später, erscheint – nein, leider nicht das dazu passende Dub-Album, sondern „nur“ ein Version-Album, mit den weitgehend ungemixten Rhythms. Es trägt den passenden Titel „The Riddim Machine Versions“ (Superfly Studio Poland) – und, was soll ich sagen: I’m loving it! Grandiose Instrumentals, bei denen es nicht verwundert, dass sie die oben genannten Artists zu hervorragenden Songs inspirierten. Neben Original-Kompositionen gibt es dort auch klasse Reworkings von Riddims wie Sleng Teng oder Stalag zu hören. Das macht Spaß! Jetzt warte ich nur noch auf das Dub-Album – oder wahlweise auf neues Material. Hauptsache Nachschub aus dem Osten.
Hörprobe bei Juno
Studio One Ironsides
Ich liebe die Musik aus Coxsones Studio One. Doch leider, leider habe ich meine nette, gar nicht so kleine Studio One-Kollektion im Laufe meiner nunmehr über dreißigjährigen Leidenschaft für Reggae so of gehört, dass mich die Songs – auch wenn sie noch so fantastisch sind – nicht mehr so richtig reizen. Doch nun hat das Souljazz-Label, dass sich in den letzten Jahren ja sehr um die Aufarbeitung des Studio One-Katalogs verdient gemacht hat, ein Album heraus gebracht, dessen Reiz ich vollkommen erlegen bin: „Studio One Ironsites“. Obwohl das Album auch einige der großen Studio One-Klassiker enthält, mischt es diese so geschickt mit rarem, nahezu ungehörtem Material, dass es für mich geradezu einer Neuentdeckung des guten alten Studio Ones gleichkommt.
Hörprobe bei iTunes
Freddie McGregor: Di Captain
Vor 50 Jahren begann die musikalische Karriere von Freddie McGregor. Bereits als siebenjähriger nahm er im Studio One erste Stücke auf – zunächst als Background-Sänger, später unter seinem eigenen Namen. Nun legt er nach achtjähriger Wartezeit ein neues Album vor, weitgehend produziert von C. & R. McLeod und seinem Sohn Stephen „Di Genius“ McGregor. Herausgekommen ist eine Mischung weniger mäßiger neuer Songs und einer Menge sehr schöner Cover-Versionen (George Benson, The Beatles, Bob Marley, Mighty Diamonds, Heptones und von sich selbst: F. McGregor). Insgesamt ein schönes Album. Die wenigen Schnulzen muss man einfach überhören.
Hörprobe bei iTunes
Zenzile Meets High Tone: Zentone
Re-Release der ursprünglich 2006 erschienenen Kollaboration der beiden französischen Dub-Acts Zenzile und High Tone auf Jarring Effects. 2005 ging man gemeinsam auf Tour und schnell war die Idee eines gemeinsamen Albums geboren. Wie zu erwarten, changiert das Album zwischen lupenreinem Dub und Elektronic-Spielereien. Grundsolide Qualität ohne Höhenflüge, aber auch ohne Abstürze.
Hörporbe
Diese Interview, das ich 2002 mit Lee Perry führte, ist mir gerade wieder in die Finger gefallen. Beim jetzigen Wiederlesen habe ich mich köstlich amüsiert. Ich hatte schon ganz vergessen, wie absurd-komisch unser Gespräch von vor 11 Jahren war.
Lee Perry, der Madman himself hat den Wahnsinn zur Methode gemacht. Er ist – in der Inkarnation des Pipecock Jackxon – aufgebrochen die Welt zu retten und die Verdammten zu entvoodooisieren. Sein Werkzeug ist nicht mehr das Mischpult (wie in früheren Tagen), sondern ausschließlich das Wort, sein Wort. Denn was uns Mr. Perry in seinen späten Aufnahmen und auf der Bühne bietet, sind Worte. Zusammenhanglos, zufällig, verrückt. Als lebende Legende wird er durch die Konzertsäle und Studios der Welt gezerrt und bietet ein tragisches Bild verlorener Größe. Soeben absolvierte Lee Perry eine Tour mit Mad Professor, auf der er sich mit Spiegeln und Amuletten behängt präsentiert und Texte wie: „I have Jesus Christ on my cock, Selassie on my back, Marcus Garvey on my leg, and Jews in my shoes“ zum besten gab. Im anschließenden interview offenbarte er, dass er Dollarnoten unter den Schuhsohlen trägt und erklärte, dass er der Herrn der Ringe sei.
Hallo Mr. Perry, Sie sind für Ihre neue Platte „Jamaican e.t.“ wieder zu Trojan Records zurückgekehrt, die bereits in späten 60ern Ihre Platten lizensiert haben.
Die Platte ist nicht für Trojan oder jemanden speziell. Sie ist für alle Leute, die glauben, dass Gott sie retten wird. Es gibt so viele Lee Perry-Platten da draußen, von denen ich nichts weiß. Die Leute haben alle die Bänder von mir gestohlen.
Aber Trojan hat die Bänder doch nicht gestohlen?
Die Fans glauben, das seien Lee Perry-Platten, aber das sind sie nicht. Lee Perry ist ein guter Name! Ihn zu tragen ist Luxus. Da stimmt etwas nicht!
Aber Sie haben das Album doch selbst produziert – steht zumindest auf dem Cover.
Hör auf, mich für Sachen anzuklagen, die ich nicht gemacht habe.
Wer sind denn die Musiker, mit denen Sie auf „Jamaican e.t.“ zusammengearbeitet haben?
Die Platte ist mein Werk. Chris Blackwell hat sie von mir gestohlen.
Blackwell ist von Island-Records, nicht von Trojan…
Was ich von jetzt an mache, wird nicht mehr gestohlen! Denn da kommen keine jamaikanischen Komiker als Musiker.
Gut, wechseln wir das Thema: auf der Bühne sagten Sie, Sie glauben an Magie. Stimmt das?
Sicher. Magie ist meine Königin. Und Logik ist mein Gott. Außerdem glaube ich an Pussies.
Interessant. Wie läuft denn die Zusammenarbeit mit Mad Professor, mit dem Sie gerade auf Tour sind?
Er ist der einzige Schwarze mit dem ich noch zu tun habe. Ansonsten will ich mit keinem Schwarzen mehr zu tun haben.
Aber die Musiker auf der Bühne sind doch schwarz.
Ja, sie sehen schrecklich aus. Aber der weiße Bassist ist auch ein Idiot.
Warum wollen Sie keine Schwarzen mehr um sich haben?
Das sind Vampire. Die beißen zu tief – die kennen keine Gnade.
Äh…
Ich hoffe, du verzeihst mir, was ich sage, aber ich bin ein Wahrsager. Ich kann in deine Zukunft sehen. Die Schwarzen haben einen bösen Geist – ich will nicht, dass sie an meine Tür klopfen.
Wie kommen Sie darauf?
Alles war schwarz. Die Black Ark (Perrys Studio in den 70ern) war schwarz. Aber wenn zu viel Schwarz um dich herum ist, dann ist das böse. Denn da wo es schwarz ist, ist kein Licht.
Leben Sie immer noch in der Schweiz?
Ich hätte die Jahre nicht überlebt, wenn ich in Jamaika geblieben wäre. Ich wäre vom Pabst vergiftet worden. Deshalb möchte ich auch keinen Pabst hier in diesem Raum haben.
Mit welchen Gefühlen erinnern Sie sich an Ihre große Zeit in Jamaika?
Wenn ich mich an das erinnere, was dort passiert ist, dann möchte ich diese verdammte Insel in die Luft sprengen.
Sie sagten, dass auf Ihrem neuen Album (das übrigens bei Trojan erschienen ist) „Education“ und „Dancing“ zu finden wäre. Was verstehen Sie unter „Education“?
Wir haben diesen Song und jenen Tanz, Reinkarnation und Inkarnation. Wir konstruieren dort Knochen und Fleisch, Gehirne und Gene. Gene sind im Gehirn und erzeugen dort Gehirnwellen mit sofort-telepatischen, mentalen Befehlen. Alles kommt vom Schöpfer. Der Schöpfer ist omnipotent.
Warum tragen Sie diese mit Amuletten beklebte Mütze?
Die ist für die Juden (er nimmt die Mütze ab und zeigt uns, dass sie von innen mit Dollarnoten ausgekleidet ist). Ihr habt kein Geld in den Schuhen – aber was gibt euch das Recht zu glauben, dass auch ich kein Geld in den Schuhen habe? (er zieht seine Schuhe aus, holt die Sohle heraus und zeigt uns, dass sie von unten mit Dollarnoten beklebt ist.)
Warum ist das Geld in der Mütze?
Das ist für die Menschen, die an mich glauben. Sie nähren sich an meinem Gehirn.
Und das Geld in den Schuhen? Das ist weit weg vom Gehirn.
Das ist für die Armen, die auf der Straße um Brot betteln.
Hat Ihr T-Shirt auch eine Bedeutung?
Das zeigt meine Machete. Der Name meiner Machete ist Sabata.
Glauben Sie an Rastafari?
Wenn ich das nicht tun würde, wäre ich ja wie jeder andere. Wenn ich nicht an Rastafari glauben würde, müsste ich mir Soldaten und Polizisten zum Schutz holen.
Auf der Bühne sangen Sie auch von Jesus.
Wenn Jesus ein Weißer ist, glaube ich an ihn, wenn er ein Schwarzer ist, glaube ich auch an ihn.
Sehen Sie da keinen Widerspruch?
Weißt du, was Rastafari ist?
Ja.
Wenn du morgens dieses Wasserglas hier gegen die Sonne hältst, dann siehst du einen Regenbogen. Das ist Rastafari.
Ach so.
(Er nimmt das halb mit Wasser gefüllte Glas hoch und schüttet es aus) Wo kommt dein Lebensstrom her? Von Gott! Ich will nicht, dass Parasiten, die nicht an Gott glauben, in meine Show kommen. Wenn solche Parasiten da sind, kann ich die Leute nicht unterhalten, die an Gott glauben. Dann werde ich verrückt und kann nicht ordentlich arbeiten. Und es funktioniert!
Was für eine Bedeutung haben all die Spiegel, die Sie an ihrem Körper tragen?
Ich bin der Elementen-Mann. Bevor ich diesen Planeten betrat, beschloss ich, in dieser Farbe zu erscheinen. Ich bin pure Energie. Ich bin die Sonne, die scheint, ich bin die Sonne Jamaikas. Ich habe das Geld nicht gesucht – das Geld hat mich gefunden. Wenn ich auf der Bühne bin, sieht man dort 12 Planeten kreisen. Da oben ist kein Platz für menschliche Wesen. Ich bin kein menschliches Wesen – nur mein Fleisch ist menschlich.
Woher wissen Sie, dass Sie die Energie sind?
Weil durch mich die Energie spricht. Ich bin der Omnipräsente. Ich bin der Upsetter.
Wo wäre der Reggae heute ohne Ihren Beitrag?
Es gäbe keinen Reggae und es gäbe auch keine Welt ohne Lee Scratch Perry. Alles musste am Anfang beginnen – und ich bin der Anfang.
Sie repräsentieren die Welt?
Aber sicher! Ich bin Lee Scratch Perry. Ich mache alles anders. Es gibt so viele Menschen, die mit einem bösen Voodoo-Fluch belegt sind. Meine Aufgabe ist es, diese Menschen zu entvoodooisieren – selbst dann, wenn sie gar nicht wissen, dass sie voodooisiert sind. Ich bin der Heiler.
Sind Ihre Texte frei improvisiert, oder haben Sie sie einstudiert?
Sie kommen zu mir von dem Herrn der Ringe.
Wer ist der Herr der Ringe?
Er gab mir diesen Ring des Feuers vor 20 Jahren. Der Ring sprüht Feuer, das man nicht sehen kann. Sssssspashhhh, da kommen die Flammen. Und nach den Flammen öffnet sich der Himmel: Baahhhhhhhhhh! So war es.
Mister Perry, vielen Dank für das Interview.













