Vorsicht! Diese Musik ist ziemlich sperrig, ja, man könnte sogar sagen: atypisch. Aber denkt, was ihr wollt, gerade deshalb höre ich Keith Hudsons Alben immer noch mit wachsender Begeisterung. Der „Dark Prince of Reggae“, der 1984 im Alter von nur 38 Jahren an Lungenkrebs starb, hatte von Anfang an seinen ganz eigenen Sound, den nicht nur ich hypnotisierend finde.
Die viele Jahre vergriffene „Keith Hudson: Playing It Cool & Playing It Right“ (Week–End Records) verkörpert exemplarisch seine Vorstellung von Dub-Reggae mit schleppenden Riddims, vielschichtigen Backing Vocals und purem Groove. Man sagt, das 1981 erstmals veröffentlichte Showcase-Album sei wegen seiner großen Variationsbreite Keith Hudsons meist bewundertes und auch bestes Werk. Hudsons Gesang, der verständlicherweise wirklich nicht jedermanns Sache ist, variiert von sanft bis hin zu treibenden Beats und gelegentlichen Rap-Einlagen. Eine Besonderheit des Albums ist, dass Hudson nach seinem Umzug nach New York im Jahr 1976 mit Lloyd ‚Bullwackie‘ Barnes, dem ehemaligen Protegé von Prince Buster, wieder in Kontakt kam. Sie kannten sich bereits aus Jamaika. Zu einer Zusammenarbeit kam es aber erst 1981. Diesmal agierte Lloyd Barnes als Executive-Producer.
Aber alles von Anfang an: Für „Playing It Cool & Playing It Right“ nutzte Keith Hudson das Bullwackies Studio. Lloyd Barnes ging mit Keith Hudsons Songmaterial sehr behutsam um, denn Keith hatte seinen ganz eigenen Sound und Barnes seinen typischen Wackies-Studio-Sound, der immer wieder Erinnerungen an Perrys Black Ark weckte. So ist ‚Bullwackies‘ Beitrag zum 1981er-Album eher als Austausch von Ideen, Ratschlägen und möglichen Entscheidungen zu verstehen. Auf dem Album, das fatalerweise seine vorletzte Veröffentlichung werden sollte, interpretierte Keith Hudson mit kreativer Unterstützung von Lloyd Barnes sechs seiner alten Rhythmen neu.
Der „Depth Charge“-Riddim aus „Pick A Dub“ findet sich hier in Form von „Trust & Believe“ und seinem Dub-Pendant „In I Dub“ wieder. Spätestens bei „California“/„By Night Dub“ nimmt das Album eine düstere Wendung, der Drive verändert sich merklich. Zwei Sängerinnen, The Love Joys, liefern die Backing Vocals, während Hudson von der „darkest Night on the wet-looking Road“ singt/spricht, die sowohl seinen Kopf als auch seinen Roadtrip umhüllt. Verzerrte Gitarren und düstere, zerbröckelnde Schlagzeugbeats rühren einen dichten Dub-Schlamm auf, der alle Wegweiser verdunkelt. Selbst im schleppenden Tempo bleibt die Landschaft diffus.
Bei „Not Good for Us“/„Formula Dub“ bekommen wir doppelt und dreifach gespieltes, bedrückend verstimmtes Gebrabbel und verrücktes Gekrächze. Hudson schreit „too much Formula ain’t good for my Head, ain’t good for the Dread“. Das Klavier stolpert hinterher, die verzerrten Gitarren drohen sich vom Band zu lösen, während der Beat immer wieder aus dem Bewusstsein herüber flackert.
In „Be What You Want to Be“/„Be Good Dub“ lässt Hudson Percussions und Gitarren endlos mitschwingen und nachhallen.
Am gefühlvollsten finde ich das letzte Stück „I Can’t Do Without You“, alleine der Text zeigt beeindruckend, wie viel amerikanischer Soul, Funk und Rock damals in Hudsons Produktionen eingeflossen sind. Im anschließenden Dub „Still Need You Dub“ hört man deutlich die Barrett-Brüder – Carlys unverkennbare Drums meine ich ganz eindeutig wahrzunehmen.
Das Album ist nur etwas mehr als eine halbe Stunde lang, hat aber einen spürbaren Vibe, der mich entfernt an Lee ‚Scratch‘ Perrys „Super Ape“ erinnert. Als Ganzes betrachtet macht mir Keith Hudson mit seinen Alben immer sehr viel Spaß, denn sie zeigen die (dunkle) Seite des Reggae, die man auf vielen populären Reggae-Alben so gut wie nie findet. Ich freue mich jedenfalls, dass zum 40. Todestag eines einzigartigen Künstlers ein echter Klassiker – eine psycho-akustische Reise in die Abgründe des Seins – wieder auf LP erschienen ist. Für die Einzigartigkeit dieses Albums gäbe es die volle Punktzahl, aber wegen der etwas holprigen Übergänge vom Song zum Dub gibt es leider ein Sternchen Abzug.