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Nick Sefakis: Foundation In Dub

In letzter Zeit erscheinen immer wieder Releases, die sich in erster Linie durch Sänger*innen auszeichnen, deren Stimme man durchaus das Prädikat „charakterlos“ verleihen kann. Das mag äußerst despektierlich klingen, ist aber keineswegs so gemeint. Singen per se ist nicht jedermanns Sache; nicht jede Stimme ist universal einsetzbar und nur wenige haben diesen eindeutigen Wiedererkennungswert, den ich als „stimmlichen Charakter“ bezeichnen möchte. Es ist diese einzigartige Intonation, Diktion und Manier, die – wenn man das so ausdrücken möchte – einer Stimme ihren Charakter verleihen. Das Reggae-Genre war und ist reich an diesen stimmlichen Unikaten: Michael Rose, Winston Rodney, Marcia Griffiths, Peter Tosh, Gregory Isaacs, Eek-A-Mouse, Dennis Brown, U-Roy, Earl 16, Apple Gabriel, Don Carlos, Vaughn Benjamin, Leroy Sibbles, die Marleys, usw. usf. – jede und jeder Einzelne unverwechselbar und bereits beim ersten Ton augenblicklich erkennbar. Dabei ist es völlig unwichtig ob der Ton sitzt oder ziemlich daneben geht; im Reggae sieht man das nicht so eng und macht mitunter den leicht schiefen Ton – den zwischen den Noten sozusagen – zum Stilmittel: Winston Rodney aka Burning Spear weiß davon das eine oder andere Lied zu singen; für Anthony B. ist Intonation sowieso ein lebenslanger “Universal Struggle“.

Es kommt nicht von ungefähr, dass sich im obigen Name-Dropping überwiegend die ganz Großen aus den 1970ern und 80ern wiederfinden – einer Zeit, als Major Labels dem Reggae noch großen Wert zugestanden haben – überwiegend dank Bob Marley, aber ebenso dem Hype, der nach seinem Tod entstand: Wer würde wohl den nächsten Reggae-Superstar unter Vertrag nehmen? Natürlich hat man auch schon zu Marley’s Zeiten mehr oder weniger erfolgreich andere Künstler des Genres aufgebaut; und wie das zu diesen Zeiten so war, haben die Majors eine rigorose Auswahl getroffen: nur die Besten der Besten im Sinne von Vermarktbarkeit, Wiedererkennungswert und… ja, auch Können. Ich unterstelle, dass Kriterien wie Naivität, Gefügigkeit und Manipulierbarkeit eine gewisse Rolle gespielt haben; das Investment musste sich bezahlt machen. Wenn dem nicht so war, fand man sich schnell bei kleinen und Kleinst-Labels wieder, die das Genre nach dem umsatzbedingten Desinteresse der Major Labels dankenswerterweise ins neue Jahrtausend getragen haben.

Die Musiklandschaft heute hat sich aufgrund der dahinsiechenden Musikindustrie und neuer technischer Möglichkeiten völlig verändert; die großen Umsatzfaktoren sind Live-Performance und Merchandise. Jeder – und das ist der springende Punkt – jeder, ob Musiker oder nicht, kann sich mit relativ geringem Kapitalaufwand in Eigenproduktion, -vertrieb, -vermarktung versuchen. Eine Vorauswahl der „Best of the Best“ findet nicht mehr statt und die Pyramide mit den Stufen des Erfolgs ist sehr, sehr flach geworden – im Genre Reggae, wohlgemerkt. Es bleibt der subjektiven Wertung überlassen, ob man das positiv oder negativ sehen möchte.

Kein Wunder also, dass wir uns heute mit einer erklecklichen Anzahl an Releases konfrontiert sehen, die ich als bestenfalls mittelmäßig werten möchte. Grund dafür könnte fehlende Expertise sein: Nicht jeder, der Pro Tools auf seinem Notebook installiert hat, kann produzieren. Nicht jeder, der ein Instrument besitzt, beherrscht es oder kann es dem Arrangement dienlich einsetzen. Nicht jeder, der eine Stimme hat, sollte singen – womit wir wieder beim Ausgangspunkt wären und am Ende dieses kleinen Exkurses. Und dass alles wegen Nick Sefakis!

Entgegen dem vermuteten Fragezeichen im Gesicht des einen oder anderen Lesers ist Sefakis kein ganz Unbekannter: Der Mann ist Gitarrist beim kalifornischen Reggae-Rock-Pop-Konglomerat Iya Terra und verrichtet dort, wie man auf YouTube nachvollziehen kann, gute Arbeit:

Schuster, bleib‘ bei Deinem Leisten: Als begnadeter Saitenzupfer muss man nicht auch noch singen, schon gar nicht wenn’s die Stimme im Lead mangels des oben frech „Charakter“ Genannten nicht bringt. Dabei kann Nick Sefakis seine Stimmbänder durchaus sinnvoll einsetzen: Es finden sich traumhaft gelayerte, wunderbar harmonische old-school Background-Vocals auf seinem Solo-Debut „Foundation“ – und die lässt er zur großen Freude des Rezensenten auf den Dub-Counterpart „Foundation in Dub“ (Eigenverlag) so richtig zur Geltung kommen. Seidenweich setzen sie die Hook-Lines in Szene und wecken Erinnerungen an die großen Vocal-Trios á la Israel Vibration, The Viceroys / Paragons / Tamlins / Meditations / Heptones und wie sie alle heißen. Das und die Absenz bzw. die Reverb-Verarztung der Lead Vocals über weite Strecken zeichnen das Dub-Album aus, das man produktionstechnisch als gelungen bezeichnen kann: Klassische Arrangements und schöner, ausgewogener, wenn auch einen Ticken zu polierter Klang trifft auf zurückhaltenden, nichtsdestotrotz feinen Dub-Mix. Gut, ich hätte mir auf allen Tracks live-Drums gewünscht, aber man kann nun mal nicht alles haben und ich sehe die feinen, live eingespielten Bläsersätze als eine Art Wiedergutmachung. Ich will auch nicht kleinlich sein und winke selbst den AutoTune-Einsatz durch: Wenn’s passt, dann passt’s. Bei den vereinzelt eingesetzten HipHop-Beats hört’s dann wieder auf, die müssen nicht sein.

Kann man also „Foundation in Dub“ als gutes Dub-Album empfehlen? Durchaus, vor allem im Vergleich zum eher langweiligen Vocal-Album. Auch wenn Nick Sefakis das vermutlich nicht beabsichtigt hat: Die Dubs sind wie geschaffen für den Soundtrack zum Sundowner… am 7-Mile-Beach in Negril, im Alfred‘s Ocean Palace. „Life is surely what you make it so I made a dream of it“ – recht hat er, der Herr Sefakis.

Bewertung: 3.5 von 5.

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Dub

Laguna Pai: Resiliencia Dubs

Die kleine Weltreise geht weiter. Wie wär’s mit Reggae/Dub made in Peru? Ich muss gestehen, bis vor ein paar Monaten war Peru ein schwarzer Fleck auf meiner Reggae-Landkarte. Dabei wurde Laguna Pai bereits 2008 in Lima gegründet. Die siebenköpfige Truppe spielte 2017 in Berlin und 2018 auf dem Rototom in Italien. Die Band präsentiert eine ungewöhnliche Mischung aus Reggae und Rock. Mit zwei Gitarren, Synthesizern, klassischen Keyboards und soliden Reggae-Rock-Rhythmen wurde neben Cumbia und Folklore ein neues Genre in der peruanischen Musikszene geboren. Einflüsse von Bob Marley & The Wailers, Pink Floyd, Manu Chao und auch die Wurzeln ethnisch peruanischer Musik sind in ihren Arrangements und Kompositionen zu hören. Gelegentlich gibt es auch recht fetzige Gitarrenriffs, die aber wenig mit David Gilmours (Pink Floyd) atmosphärisch getragenem Fender Stratocaster Gitarren-Sound gemein haben. Darauf folgen dann wieder sehr schöne Soundscape-lastige Synthiepassagen. Die Themen, der sowohl in Englisch als auch Spanisch gesungenen Texte drehen sich um: Umweltschutz, Gerechtigkeit, soziale Eingliederung, Selbstreflexion und Spiritualität.

Ende 2015 hatten Laguna Pai die Aufnahmen ihres dritten Albums „Resiliencia“ abgeschlossen. „Wir haben das Album „Resiliencia“ genannt, weil die Welt momentan an vielen Traumata leidet, die es gilt zu überwinden. Die Menschheit muss sich selbst transformieren. Es ist von enormer Wichtigkeit, sich nicht nur anzupassen, sondern sich auch zu verändern und sowohl aus guten als auch schlechten Erfahrungen seine Lehren zu ziehen. Wenn wir dies nicht tun, werden wir den falschen Weg gehen.“ Die Aussage der Band aus 2015 ist momentan aktueller denn je.

Ok, zurück zum Thema: Nachdem die Band also mit Jim Fox in Kontakt gekommen war, wurde „Resiliencia“ in den Lion and Fox Studios in Washington, DC aufgenommen, gemixt und coproduziert. Die Zusammenarbeit mit Jim Fox sieht die Band selbst als einen Glücksfall, denn für die Band war besonders wichtig, den Sound zu finden, nachdem sie schon lange suchte. Unter der Ägide von Jim Fox hat Laguna Pai nach eigenem Bekunden endlich diesen Sound gefunden. Dass Jim Fox eine herausragende Persönlichkeit für Reggae und Dub ist, muss man hier sicherlich nicht ausdrücklich hervorheben. Jim Fox’s 40-jähriger Erfahrung sei es lt. Laguna Pai auch zu verdanken, dass es gelungen sei, die Spiritualität und Magie ihres Reggaes einzufangen. Zu meiner Freude hat sich Jim Fox 2017 nochmals ans Mischpult gesetzt und für uns Dubheads die „Resiliencia Dubs“ gemixt. Mit diesen Dubs erreichen Laguna Pai nun ganz neue Ufer. Jim Fox erforscht in den elf „Resiliencia Dubs“ meisterlich Harmonien und musikalische Arrangements, ohne die wahre Essenz der Tracks aus den Augen zu verlieren. Es erwartet uns lediglich hervorragender, relaxter Dub aber kein akustisches Feuerwerk. Jim Fox spielt hier seine ganze Erfahrung aus, die er im Laufe seiner langen Tätigkeit als Soundengineer und Studiobetreiber bei Aufnahmen mit: Groundation, Scientist, Black Uhuru, Israel Vibration, Culture und so vielen anderen gesammelt hat. Speziell unter Jim Fox’s Mitwirkung erhielt Laguna Pai einen wesentlich tieferen Sound. Gerade, weil die sphärischen Synthesizerklänge, langen Gitarren- und Keyboard-Soli, kraftvollen Basslines und Drum-Patterns teilweise aus verschiedenen Musik-Genres stammen, bewahren sie der Band eine einzigartige Persönlichkeit.

Bewertung: 4 von 5.
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Dub

Rapha Pico & The Noble Chanters: The Glory of Dub

Rapha Pico, Sänger aus den Niederlanden, fiel erstmals mit seiner EP „Continue The Glory“ auf. In erster Linie ob seiner Stimme, die irgendwo zwischen Ras Batch und Army einzuordnen wäre – sprich einer Stimme ohne Eigenschaften, quasi der Lebensgrundlage von Background-Sänger*innen schlechthin. In zweiter Linie ob der Texte, die mit ihrer Schlichtheit und dem Bemühen einfachster Bilder über die üblichen und hinlänglich bekannten Rasta-Befindlichkeiten nicht hinausgehen. So weit, so schlecht – wäre da nicht eine sattelfeste Backing Band, die sich „The Noble Chanters“ nennt; wäre da nicht eine äußerst gelungene Produktion, wie sie klassischer nicht sein könnte:

Gut, der bemühte Rezensent findet immer etwas zum mosern – und sei es nur der Drummer, der zwar sehr schön Carlton Barrett imitiert, aber mit der Zeit nervt’s dann doch: Es gibt nun mal nur einen Carlton Barrett mit seinem außergewöhnlichen Drum-Stil; Klone kommen an ihn nicht heran und sind überflüssig – natürlich mit Ausnahme der Drummer in den diversen Wailers-Inkarnationen post-Marley.

Wenden wir uns also dem frisch erschienen Dub-Counterpart der EP zu, trefflicherweise „The Glory of Dub“ (Noble Chanters Productions) betitelt. Klanglich rauer und nicht so poliert wie das Vokal Album, stehen Drums und Bass mit erstaunlicher Dynamik im Vordergrund. Die in den Stücken immer wieder mal auftauchenden Stimm-Sprengsel sind sehr gut gewählt und geben meist die Essenz der jeweiligen Lyrics wieder. Die Dub-Effekte könnten klassischer nicht sein: Unaufgeregtes Echo und Hall ziehen sich durch‘s ganze Album; die eine oder andere Tonspur wird sanft ein- und ausgeblendet. Und das war’s auch schon, mehr braucht’s auch nicht. Das trägt Hörerin & Hörer durch sechs Tracks, die zusammen erstaunliche 42 Minuten lang dauern – während es der Vokal-Counterpart mit ebenfalls sechs Tracks lediglich auf 28 Minuten bringt. Da hat wohl jemand große Freude an extra-langen Dub Versions gehabt, und die Freude ist ganz meinerseits:

Im Großen und Ganzen ist „The Glory of Dub“ also ein gelungenes, wenn auch kein experimentierfreudiges Dub-Album, das sich mit seiner ihm eigenen Unaufdringlichkeit vortrefflich als Backgroundmusik zum Arbeiten, Lesen oder Dösen eignet. Dem Rezensenten wäre das eine glatte 4-Sterne-Bewertung wert, wenn… ja wenn es da nicht am Anfang und Ende jedes einzelnen Tracks unerklärliche und sinnlose sekundenlange Stille geben würde. Die dauert mal 5 Sekunden, mal sage und schreibe 20 Sekunden. Das ist äußerst ärgerlich, trübt das Hörvergnügen massiv und kann m.E. nicht als Stilmittel zu rechtfertigen sein. Warum hier nicht editiert wurde, bleibt wohl ein Rätsel, das vielleicht die Leser*innen dieser Rezension klären können. Bis dahin ziehe ich mit Bedauern zwei Sterne in der Bewertung ab.

Bewertung: 2 von 5.

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Brother Culture: Code Name in Dub

Der Brixton-MC Brother Culture erlebt gerade so etwas wie seinen zweiten Frühling. Erst die Hit-Single „Jump Up Pon It“, dann das erfolgreiche Album „Code Name“ und nun der dritte Streich: „Code Name in Dub“ (Evidence Music). Eines muss man dem sympathischen Rasta lassen: Er hat ein Gespür für Hooklines. Gold wert, um einen Dub-Sound System-Dance so richtig zum Kochen zu bringen. Zu schade jedoch, dass es ihm nicht gelingt, um diese Hooklines herum vollwertige Songs zu stricken, was zur Folge hat, dass er diese endlos stakkatohaft wiederholen muss, um auf Song-Länge zu kommen. Mich nervt das ein wenig. Umso mehr freute ich mich, als das Dub-Pendant zu „Code Name“ erschien, versprach es doch gute Schweizer Qualitätsproduktionen ohne enervierende Lyrics-Schleifen. Jedoch weit gefehlt: Der Vocal-Anteil ist für ein Dub-Album gewaltig. Noch schlimmer: Ohne Vocals bleiben die Produktionen erschreckend blass. Schnelle Beats, die keinen Raum für spannungsvolle Arrangements lassen, stereotypes Dub-Mixing und generell meist aalglatter Sound. Tja, da hatte ich mehr erhofft. Aber hohe Erwartungen sind ja meist Ursache von Enttäuschungen.

Bewertung: 2.5 von 5.

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Dub

Khoe-Wa Meets Luiza: Nadjilo

Gelegentlich begegnet mir Musik, die mich regelrecht beglückt und an der ich mich kaum satt hören kann. Aktuell ist das diese EP: Khoe-Wa Meets Luiza, „Nadjilo“ (ODGPROD). Fünf perfekte Songs, wie ich finde. Und ja: „Songs“, also mit Gesang. Kann ich es trotzdem unter „Dub“ verbuchen? Ich meine ja, denn Musik und Stimme gehen hier eine so perfekte Symbiose ein, dass die Stimme zum Instrument wird, zumal Luiza in der mir gänzlich unverständlichen Sprache Shona singt (kling frappierend skandinavisch, wird aber tatsächlich von neun Millionen Menschen des Volkes der Shona als Muttersprache gesprochen und hat in Simbabwe den Status einer Nationalsprache). Begleitet wird sie von den Klängen des Khoe-Wa Sound Systems, über das nicht viel in Erfahrung zu bringen ist, außer dass es (wahrscheinlich) in Frankreich beheimatet ist und aus zwei Leuten besteht: einem Dub-Produzenten und einem Sitar-Spieler – was ja an sich schon eine fantastische Kombination ist. Die beiden haben bereits 2016 ein Album veröffentlicht, das aber unter den etwas zu brachial produzierten Beats litt. Auf „Nadjilo“ ist davon keine Spur mehr. Beats, Sitar und Luizas Gesang fügen sich zu sanften, ätherischen und doch energetischen Klängen voller Harmonie und Schönheit. Schade, dass es nur fünf Tracks sind. 50 wären mir lieber.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Dub

Dubvisionist meets Dubblestandart & Firehouse Crew

Das Echo Beach-Label versteht es, seine veröffentlichten Produktionen ein- oder mehrmals wiederzuverwerten. Das kann man mit einigem good will als nachhaltiges Upcyclen oder gar als Weiterforschen am musikalischen Mikrobiom interpretieren; in vorliegendem Fall sehe ich es aber eher als Wiederbelebungsmaßnahme für ein… nun ja, suboptimal gelungenes Album. Kurzum, Dubblestandart’s „Reggae Classics“-Kollaboration mit der Firehouse Crew hat einen kräftigen neuen Anstrich erhalten. Nachdem Paolo Baldini für sein feines Dubblestandart-Remix Album bereits zwei Tracks aufgemischt und entrümpelt hat, nimmt sich jetzt Felix Wolter aka The Dubvisionist dankenswerterweise des gesamten Albums an, dass soeben unter dem Titel „Dubvisionist meets Dubblestandart & Firehouse Crew“ (Echo Beach) erschienen ist.

Der Dubvisionist erledigt dabei seinen Job recht forsch, um nicht zu sagen: rücksichtslos, und er denkt nicht daran, Gefangene zu machen: So fliegen Paul Zasky’s steife Vocals komplett aus dem Mix und dürfen, wenn überhaupt, nur mehr als hochgradig verfremdete Schnipsel zurückkehren. So gelingt es tatsächlich erstmals, Bruchstücke der Stimme in den Dienst der Sache zu stellen und damit ein großes Manko des Original-Albums zu beheben. Auch mit anderen Tonspuren geht Felix Wolter nicht zimperlich um; Gitarren- oder Drum-Parts müssen schon mal dran glauben, um Raum für die der beabsichtigten Stimmung zuträglicheren Synths zu schaffen. Als Klangteppich spielen sie eine gewichtige Rolle im Mix und verbreiten eine getragene, mitunter mystisch-melancholische Atmosphäre, die den Grundtenor des Albums prägt.

Mir ringt diese resolute, kompromisslose Herangehensweise des Dubvisionisten einigen Respekt ab; was er aus den gegebenen Klängen noch rausholt, ist erstaunlich: Tänzelten die Originale noch allzu leichtfüßig daher, bekommt sie jetzt von ihm ein ordentliches Fundament verpasst – ein Stück wie „Hypocrite“ gerät so zum stampfenden Furiosum. Andere Tracks scheinen hingegen ätherisch zu schweben; der Opener „I’m No Robot“ beschwört schon mal mehr als eine Minute die Grundstimmung des Albums herbei – bevor mit Einsetzen der Drums Anleihe an der Hookline von Joy Division’s „Love Will Tear Us Apart“ genommen wird. Ein dramaturgischer Glanzgriff, keine Frage. Ebenso gelungen die neue, spacigere Version von Burning Spear’s „Fly Me To The Moon“ – erstaunlich, wie der neue Mix das Material belebt und eindrucksvoll demonstriert, wie zwei Dub-Mixer – Felix Wolter und Robbie Ost – ein und das selbe Material unterschiedlich interpretieren.

Nun ist es wohl so, dass zwei Herzen in Felix Wolter’s Brust pochen – da gibt’s den geschätzten Dubvisionisten, aber auch das Projekt PFL (Pre Fade Listening), dass sich mehr oder weniger der Lounge-Musik verschrieben hat. Beide beeinflussen und befruchten sich zu einem gewissen Grad gegenseitig, was zweifellos anhand von „Dubvisionist meets Dubblestandart & Firehouse Crew“ nachvollziehbar ist. Diese Mischung macht bisweilen den Reiz von Wolter’s Mixes aus, wird aber für den Dubhead spätestens dann zum Problem, wenn PFL dann doch mal das Kommando an sich reißt und einen Track wie „Babylon The Bandit“ in seichtere Lounge-Gewässer führt. Ein einmaliger Ausrutscher, der gerade noch von einer dominanten Bassline aufgefangen wird.

Soundtechnisch bewegen wir uns hier in den typischen Dubvisionist-Dimensionen: Markanter, eher mittig angelegter Bass; die Höhen zurückhaltend. Wer sich kristallklar-glitzernde Trebbles erwartet, wird enttäuscht werden. Alle anderen wissen, dass eine klangliche Hochglanzpolitur hier falsch am Platz wäre – Dub ist nun mal mehr Dampfwalze als Windspiel, mehr Gefühl denn Intellekt. Unter dieser Prämisse verwandelt der Dubvisionist einen ehemals hölzern-steifen Release in ein gefühlvolles, getragen-melancholisches, letztlich aber doch auch in ein Album mit positivem Ausblick.

P.S.: Klangtechnisch Interessierten empfehle ich, die Mixes von Robbie Ost, Paolo Baldini und vom Dubvisionisten back-to-back anzuhören; die Unterschiede sind ebenso eklatant wie erstaunlich: eine kleine Reise durch drei unterschiedliche Klangwelten.

Bewertung: 4 von 5.
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Dub

Portugal Dubwise

Erwähnte ich schon, wie sehr es mich verblüfft, aber auch ungemein freut, dass Dub inzwischen an fast jedem Ort der Welt entsteht, gespielt und von netten Menschen gehört wird? Ja, Dub ist echte „Weltmusik“ geworden – auch wenn sie nach wie vor weit unter der Wahrnehmungsschwelle des Mainstreams existiert. Wie nicht anders zu erwarten, tummelt sich auch in Portugal eine rege Dub-Szene, wie der Sampler „Portugal Dubwise“ (Subciety) nun eindrucksvoll unter Beweis stellt. Stattliche 19 Dubs von 19 unterschiedlichen Dub-Artists sind hier versammelt, was ja schon mal die quantitative Dimension der Szene deutlich macht. Aber auch stilistisch präsentiert sich Portugal hier äußerst vielseitig. Während die ersten Tracks Bilder von unendlich relaxten Dub-Produzenten herauf beschwören, die in Lissabonner Cafés sitzend und Cortado trinkend auf ihren Laptops Lounge-artige Beats zusammen klicken, offenbart der Mittelteil des Samplers die harte Seite der portugiesischen Dub-Produktion. Steppers-Dubs, die sich richtig ordentlich gewaschen haben und perfekt in ein Set von Marc Iration passen würden. Zum Schluss gibt es dann noch ein paar experimentellere Tracks zu hören, die sogar ganz dezent technoide Sounds anklingen lassen. Insgesamt ein überaus solider und mit viel Gespür für einen nahtlosen Flow kuratierter Dub-Sampler, der Portugal mit Nachdruck auf die Weltkarte des Dub setzt.

Bewertung: 4 von 5.

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Dub

Dubrakadubra: Dubrakadubra

Schlagzeuger scheinen zum Dubmaster prädestiniert zu sein: Ludovic Daquin (LD Dub), Aldubb, Felix Wolter (Dubvisionist), Ben McKone (General Roots), Nelson Miller (Burning Spear) sind nur ein paar, die mir spontan einfallen. Ergo, der gelernte Drummer Gianluca Ferrara befindet sich mit seinem Projekt “Dubrakadubra” in allerbester Gesellschaft. Ursprünglich spielte er Schlagzeug in einer Bob Marley-Coverband. Als ihn das alles nicht mehr so richtig begeisterte, verließ Gianluca “Dubrakadubra” Ferrara bald die Band, um im Fonoprint Studio in Bologna das Handwerk des Tontechnikers zu erlernen. Einige Jahre später zog er nach Mailand, um am C.P.M. (ein Musikberufszentrum) sein erlerntes Wissen zu vertiefen. Parallel dazu war er zum gleichen Zeitraum auch als Mitarbeiter bei der Computermusik-Fachzeitschrift “Cubase Magazine” beschäftigt. Aber auch das scheint für “Dubrakadubra” nicht die absolute Erfüllung gewesen zu sein. Denn nach einer Zeit des Rückzugs, der Selbstreflexion und einer kurzen Unterbrechung als Postproduktionstechniker beim Rundfunk, wendete er sich seiner eigenen Musikproduktion zu. Unter dem Pseudonym “Dubrakadubra” veröffentlichte er ursprünglich als Komponist, Arrangeur, Tontechniker und Dub-Master seine ersten eigenen Produktionen nur im Web. Die sieben, jetzt als Gesamtwerkschau, versammelten Tracks sind ein sehr schönes Konglomerat geworden. Ein Gewitter von Reverb- und Echo-Effekten erwartet uns nicht, aber ein sehr entspanntes Album, das Dub, Trip-Hop, Downtempo, Toasting, Acid Jazz, Klassik-Anleihen à la Matthias Arfmann und vieles mehr aufbieten kann. Für mich eine tolle Entdeckung.
Heute ist Gianluca Ferrara auch unter dem Pseudonym “DubMatter” am Start. Auf seiner “Live Dub Session E.P.” – auch nicht übel – erweist er vier (potenten) Hanfsorten die Ehre.

Bewertung: 4 von 5.
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Dub

Dreadlock Tales: Years 2000-2006

Heute gibt es Dub aus dem hohen Norden, genauer aus Finnland. Die Aufnahmen sind, wie der Titel bereits verrät, nicht brandaktuell. Dennoch lohnt es sich, in diese (kostenlose) Werkschau einmal intensiver reinzuhören. Dreadlock Tales ist (heute) ein Dub-Projekt von Kimmo Ilmari Tyni, einem Musiker und Soundengineer aus Helsinki. Zusammen mit Kasper Philström hat er 1999 „Dreadlock Tales“ als Studioprojekt gegründet, um Reggae und bevorzugt Dub aufzunehmen. Das Projekt kann bereits auf über 20-Jahre musikalische Entwicklung und Geschichte zurückschauen. Möglicherweise lag es auch wegen des Jubiläums nahe, die allerersten Dubs aus den Anfangsjahren, „Dreadlock Tales: Years 2000–2006“, als über 40-minütiges Gesamtwerk zu veröffentlichen. Zu Ohren bekommen wir eine exemplarische Zusammenstellung ganz früher „Dreadlock Tales” Titel, einschließlich des allerersten Tracks, der jemals von den zwei Musikern aufgenommen wurde. Die meisten der hier versammelten Dubs wurden noch analog eingespielt. Doch schon in den Anfangszeiten hatte Kimmo Ilmari Tyni dieses „Analog- vs. Digital-Ding“ am Laufen, bei dem er gerne zwei unterschiedliche Dub-Versionen anfertigte. Zuerst eine analog mit Instrumenten eingespielte Version, der dann die digitale mit „Maschinen” erzeugte Version folgte. Exemplarisch sehr schön bei „AmBush Dub #1 & #2″ herauszuhören. Die hier versammelten Dubs wurden noch zusammen mit Kasper Philström eingespielt und gemixt. Kaspar Philström saß am Schlagzeug und übernahm etliche andere Instrumente. Kimmo Tyni widmete sich Gitarre, Bass und Tasteninstrumenten. Eingespielt und gemixt wurden die melodischen Basslines und dynamischen Riddims analog im Old-School-Stil. Verweise auf die alten Dub-Meister sind auch hier nicht zu überhören. Was man ganz besonders als Kuriosum im Dub hervorheben muss, ist bei einigen Tracks der Einsatz eines Didgeridoos oder der Mundharmonika. Die Melodika wurde nur bei einem Track relativ sparsam eingesetzt. Sehr gespannt war ich im Vorfeld auf die Dubversion von „Wild Child“, einem Doors-Cover aus dem 1969 erschienenen „Soft Parade” Album. Am Titelende bekommen wir ein fettes Pfund rockig-fetziger Gitarrenriffs auf die Ohren, die leider nix mit Robbie Kriegers Gitarrensound gemein haben und deshalb auf mich eher (ver)störend wirken. Darum können sich vor allem Dubheads die letzten zwei Minuten von „Wildubchild” getrost schenken.
Trotzdem können wir aber insgesamt positiv vermerken: Auch wenn diese Tracks möglicherweise während des pechschwarzen finnischen Winters entstanden sind, verströmen sie dennoch genug Wärme, um das Studio zum einzigen Zufluchtsort werden zu lassen, an dem man sich vor dem Frost und den Stimmungsschwankungen einer Winterdepression schützen konnte.
Fazit: Mir persönlich gefallen die Aufnahmen der frühen Jahre bedeutend besser, als die heutigen Werke von Dreadlock Tales.

Info: Kasper Philström, der zu Beginn von Dreadlock Tales auch als Koproduzent und an den Reglern in Erscheinung trat, verließ nach den Aufnahmen zur „SynchroniCity” (2007) das Projekt, welches seither von Kimmo Tyni alleine weitergeführt wird.

Bewertung: 3.5 von 5.
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Dub Five Star

Burning Spear: Living Dub Vol. 2

Die nächste Hiobsbotschaft: Nach Frederick “Toots” Hibbert hat Corona leider den Nächsten erwischt und viel zu früh ins Grab gebracht. Der bekannte Soundengineer Barry O’Hare verstarb Ende September im Alter von 56 Jahren. Er hinterlässt seine Frau und zwei Kinder. Berichten zufolge starb er nur wenige Tage nachdem er positiv auf COVID-19 getestet worden war im Universitäts-Krankenhaus der West Indies in Kingston. Barry O’Hare könnte vielleicht doch Einigen relativ unbekannt sein, obwohl er auch für Burning Spears Grammy-preisgekröntes Album “Calling Rastafari” aus dem Jahr 2000 am Mischpult saß. Erst 2018 wurde er von der Jamaica Reggae Industry Association (JaRIA) für seine bedeutende Rolle in der Entwicklung und dem Fortbestand des Reggae geehrt.
Das größte Werk, das Barry O’Hare in meinen Augen der Fangemeinde hinterlässt, ist der Remix von “Burning Spear: Living Dub Vol. 2” aus dem Jahr 1992. “Living Dub Vol. 2” wurde ursprünglich 1980 als Dub-Version zu Burning Spears epochaler “Hail H.I.M.” im Mix von Sylvan Morris auf LP veröffentlicht. Das vorliegende Album ist keine Neuauflage des Original-Dub-Albums, sondern ein völlig neuer Dub-Mix von Barry O’Hare und Nelson Miller (Drummer bei Burning Spear). Die “Hail H.I.M.” ist für mich das letzte klassische Burning Spear Werk, wenn nicht sein definitives Meisterwerk. Die Backing Band stellte damals ein großer Teil der “arbeitslosen” Wailers. Bob Marley war gerade sehr schwer erkrankt und befand sich in ärztlicher Behandlung in Dr. Issels Klinik in Bad Wiessee. Also ergriff Burning Spear die Gelegenheit und produzierte zusammen mit Aston “Familyman” Barrett dieses Glanzstück. Auch das Remix-Album hat keine einzige Schwachstelle. Das Album beginnt mit “Cry Africa” (Cry Blood Africans) und Burning Spears ein- und ausgeblendeter, klagender Gesang haut mich wieder um, wie bereits beim ersten Kontakt mit diesem Album geschehen. Eigentlich ist “Living Dub Vol. 2” so homogen, dass es keinen Track gibt, den es lohnt, ausdrücklich hervorzuheben. Jeder Titel hat den perfekten Flow. Die Wailers liefern großartige Musik und Barry O’Hares kongeniale Dubs mit vielen Sound-Effekten sind traumhaft schön. Aus dem Dunst von Echo und Reverb tauchen immer wieder fantastisches “Gebläse”, fließende Keyboards, satte Basslines, komplexes Nyahbinghi-Drumming und Burning Spears klagende Stimme auf. Auch wenn ihr mich vielleicht für verrückt haltet, “Burning Spear: Living Dub Vol. 2” ist immer noch eines der besten klassischen Dub-Alben aus der Blütezeit. Ein absolutes Muss für jeden Dub-/Reggae Fan. Really well done, Barry! (R.I.P.)

Bewertung: 5 von 5.