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Dubvisionist: Treasures from the Harddrives

Bei neuen Arbeiten vom Dubvisionist werde ich reflexartig neugierig, denn Dubs von Felix Wolter würde mir der Netflix-Algorithmus mit mindestens „98 % Übereinstimmung“ vorschlagen. Die Trefferquote liegt also bei der von Biontech. Zum Glück hat der Hannoveraner Dub-Produzent einen steten Output-Pegel an qualitätsvollen Dubs – und das bereits seit den 1980er Jahren. Er und ThaiGrr gründeten damals The Vision, eine wegweisende deutsche Reggae-Band, deren Aufnahmen die Grundlage einiger fantastischer Dub-Alben waren, die Felix im Laufe der Jahre schuf. In jüngerer Zeit lieferte er viele überzeugende Dub-Mixes im Auftrag von Echo-Beach.

Nun hat der Dub-Wizzard in seinen Archiven gestöbert und mit „Treasures from the Harddrives“ zehn spannende und trotzdem bisher unveröffentlichte Dubs zu Tage gefördert. Warum sie bis jetzt eine rein virtuelle Existenz zu fristen hatten, erscheint beim Hören völlig unverständlich, denn sie sind in jeder Hinsicht vorzeigenswert. Ich bin begeistert vom Sound (der Meister versteht sein Mastering), von den Arrangements und natürlich den Mixes. Vor allem aber vom Abwechslungsreichtum der Track-Auswahl. Vielleicht ist das ja ein Bonus, der sich automatisch Einstellt, wenn Aufnahmen aus unterschiedlichen Kontexten kompiliert werden. Die Leistung besteht dann aber zweifellos darin, dafür zu sogen, dass alles trotzdem wie aus einem Guss klingt. Der Dubvisionist hat diese Herausforderung mit Bravour absolviert.

Lange Rezi, kurzer Sinn: Mir gefällt das Album ausnehmend gut. Während manche Alben vor allem durch Atmosphäre und Sound überzeugen und für eine Existenz im Hintergrund prädestiniert sind, bieten sich die „Treasures“ von Felix dem bewussten Zuhören geradezu an. Highly entertaining – 98 % garantiert.

Bewertung: 4.5 von 5.

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Review

Indica Dubs Meets Vibronics: Highest Principles of Dub

„The Highest Principles of Dub“ – ich muss gestehen, dass mich dieser Titel absolut catcht. Ein Album, dass diesen Titel trägt, muss gehört werden! Hier geht es ums Prinzip – ums Dub-Prinzip. Also nicht nur um ein paar nette Dubs, sondern um etwas Grundlegendes. Um etwas, das Dub im Kern ausmacht. Und mal ehrlich: Wollen wir das nicht alle wissen? Natürlich kennen wir die Ingredienzien von Dub bestens und wir können in der Regel auch genau sagen, welcher Dub uns gefällt und welcher nicht. Wir können es sogar begründen – meist mit Geschmacksurteilen wie „Ich mag keine schlappen Basslines“. Aber wissen wir, warum Dub uns so fasziniert? Warum wir uns so viel davon anhören? Warum wir Plattenregale und virtuelle Mediatheken damit vollstellen? Ja, warum wir in unserer Lebensspanne viel, viel Geld darin investiert haben? Nein, das wissen wir nicht. Der Ursprung unserer Leidenschaft bleibt uns unbekannt, bleibt ein Mysterium. Kann uns „Highest Principles of Dub“ von Indica Dubs Meets Vibronics erleuchten? Kann uns dieses Werk zum Grundsatz von Dub führen, der uns endlich erkennen lässt, was Dub ausmacht und worin unsere Leidenschaft ihren Ursprung hat? Nun, wer auf soliden Soundsystem-Dub steht, der könnte hier zu einer Erkenntnis gelangen, denn die hier dargebotenen14 Dub-Prinzipien zeigen, wo im Sound System der Hammer hängt. Sukh – ehemaliger Protegé von Dougie Conscious – hat sich mit eben diesem zusammen getan und die Prinzipien formuliert. Logisch, dass es dabei nicht um Variationen und aktuelle Moden geht, sondern ums Grundsätzliche. Deshalb haben wir es mit ultra orthodoxem UK-Dub zu tun – um nicht zu sagen: mit Steppers! Ich weiß, dass Steppers hier im dubblog zuweilen ein Reizwort ist. Sorry! Aber STEPPERS muss so sein wie hier bei Sukh und Dougie: Hart, straight, kompromisslos, tief und schnell. Aber mit Augenmaß! Die beiden übertreiben es nämlich nicht. Die Struktur bleibt klar erkennbar, es gibt Melodien und Arrangements  – und ja, sogar dem Mix wohnt eine gewisse Dramaturgie inne. Zwar weiß ich immer noch nicht, warum ich Dub liebe – aber ich weiß das ich diese Dubs liebe.

Bewertung: 4 von 5.
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Interview

Interview with the International Observer

Your artist name: International Observer
Your real name: Tom Bailey
You live in: Aotearoa New Zealand
Title of your last album: Bat

What is your personal definition of dub?
Dub has become a broad field of activity, which is only right for an experimental form, but I do value a connection to the early
old school attitudes and ideas.

What makes a good dub?
Deconstruction and subversion. The radical element must be present with the narcotic/soporific.

Which aspects of dub music fascinate you the most?
The rebellious spirit which refuses to accept the mainstream version of song/reality. There’s also something shamanistic about the mind altering aspects.

How did you discover your passion for dub and how did you develop yourself and your music since then?
My first experience of dub was „Garvey’s Ghost“. By chance I got to know it before encountering the original „Marcus Garvey“ album, so my mind was blown twice in reverse order!

What or who had the biggest influence on you?
In the late seventies I followed a London sound system called The Mighty Observer who demonstrated the radical use of bottom end in a live situation. That began a love affair with large surface area of bass bins and the righteous music coming out of them.

How would you describe your style of dub?
That’s for others to say, but I don’t feel confined to any one approach.

What does your process of creating a dub track look like?
Generally I pick an arbitrary starting point and improvise until something interesting arises, then I pursue it to see if something can be grown out of that idea. That can take minutes, hours or days. There’s no fixed pattern.

When are you satisfied with a dub track you produced?
Sometimes never, but you have to move on before overworking a good idea.

Dub doesn’t need a vocal original.

What is most essential when producing dub music?
Love of dub.

Does a Dub need a vocal original to be a good dub?
No

Which one of your albums do you consider your best work up until now?
Not for me to say.

What aspects of your job do you enjoy the most?
Everything.

What annoys you in the studio?
Timewasting

When you’re not working on dubs, what is your favorite thing to do?
Meditation.

What do you listen to besides dub music?
Everything I hear. From inane pop to classical masterworks to birdsongs.

My greatest musical role model? J. S. Bach!

If money and time didn’t matter: Which music project would you like to realize?
Money and time don’t matter.

What do you prefer: Studio work or sound system performance?
I love the occasional sound system gig, but it’s really the days
spent in the studio which are most interesting and rewarding. Something compels me to go in and do it.

What is your greatest musical role model and why?
J. S. Bach, for the contrapuntal basslines

Is there a sound system that you particularly appreciate?
Memories of the Mighty Observer are strong.

What are your personal top 5 dub albums?
I’m writing to you on the day that Lee Perry has died so I’d like to say something about him. I was lucky to cross paths with him on a couple of occasions. Once, playing keyboards on his History, Mystery and Prophesy album. That was an intense session at Compass Point studio in Nassau. The legend is that he had fallen
out with Chris Blackwell, but the fact that he was happily working in Blackwell’s studio doesn’t support that. Perry was a a flamboyantly eccentric artist, so it was all to easy to misunderstand him, but his track record and influence are remarkable. I think one of his main motivations was simply to bring reggae music to the world.

Much later, I toured with him and Mad Professor in Australasia. His eccentricity had reached spectacular heights by then and some of my strongest memories are of mundane things like going through airport security with him. He seemed to love setting off alarms – and that’s a great metaphor for his work in general. So, although I love so many of the early dub artists, today I would choose any five albums by Lee Scratch Perry, the upsetter.

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Five Star Review

KMFDM: In Dub

Es gibt Musik, die einen im wahrsten Sinne des Wortes aufhorchen lässt. Vor einigen Wochen kam meine Tochter mit der Frage, ob ich „KMFDM: In Dub“ (Metropolis Records) kennen würde; ich müsse mir das Album unbedingt einmal anhören – nach tonnenschweren Sounds von frühestem Kindesalter an, kennt sie ihren „Alten“ zu gut. Und was soll ich euch sagen? Die vor fast exakt einem Jahr veröffentlichte „In Dub“ ist wieder einmal eines dieser Dub-Kuriosa, die mich schon immer in ihren Bann ziehen.

KMFDM wurde 1984 von Sascha „Käpt’n K“ Konietzko als Performance-Kunstprojekt in Hamburg gegründet, verlegte 1991 seinen Sitz nach Chicago und ist seit über 36 Jahren in Sachen Industrial Metal / Industrial Rock erfolgreich unterwegs. Kein geringerer als das ON .U Sound Mastermind Adrian Sherwood, der schon seit Label-Gründung die unendlichen Möglichkeiten der Dub-Musik auslotet, produzierte 1988 das KMFDM Album „Don’t Blow Your Top“ und setzte mit seinem Gemisch aus Industrial, Rock, Dub erneut kreative Maßstäbe.

Zu dem Album selbst erzählt „Käpt’n K“ in einem Interview: „Die Idee, eine Dub-Platte zu machen, braute sich seit einigen Jahren zusammen. Ich hatte bisher einfach nie die Zeit gefunden, mich hinzusetzen und das Projekt anzugehen. Einige meiner frühesten musikalischen Einflüsse waren Dub und Reggae und ich habe das Projekt wirklich Old-School gemacht. Die Demontage der Original-Tracks sowie die Bläser-Arrangements haben mir eine Menge Spaß bereitet. Dabei fand ich heraus, dass Songs mit 125 BPM zu dubben nicht so ideal ist. Es funktionierte am besten mit den langsamen und wirklich schnellen Titeln.“ Das klingt doch schon einmal hochinteressant. Also habe ich mich an das Album gemacht und die Materie vertieft. „Käpt’n K“ hat zwölf Songs, die ihre gesamte Karriere umspannen, neu interpretiert. Bereits nach dem ersten satten Rimshot auf der Snare bei „Dub Light“ wusste ich, dass dies ein Album so ganz nach meinem Geschmack ist. Niemals hätte ich mir träumen lassen, dass sich dieses groovelastige und rockige Ausgangsmaterial derart gekonnt in ein Dubkostüm transferieren lässt. Lucia Cifarelli singt „Everything Old Is New Again“ auf „Real Dub Thing“ und definiert damit perfekt die Kraft von „In Dub“. KMFDM-Hymnen werden neu interpretiert und so mit einem Sammelsurium meditativer Grooves mit fetzigen Gitarrenpassagen, schrillen Hörnern, intensiven Orgelklängen und schweren Basslines garniert, wie auf „A Dub Against War“, „Hau Dub“, „Bumaye“ präsentiert. Bei „Bumaye“ meine ich kurz eine Sequenz mit Nina Hagens Stimme herauszuhören.
Insgesamt ein Album, das vor Ideen nur so strotzt und dennoch Dubheads polarisieren wird. Zitat eines Fans: „Meine Freundin mag Reggae, aber KMFDM nicht so sehr. Jetzt mag sie auch KMFDM“. Für ON .U Sound Addicts der ersten Stunde, ist „KMFDM: In Dub“ eine leichte Übung und der Zugang zu diesen selten gehörten Klängen möglicherweise ein wenig einfacher.

Bewertung: 5 von 5.
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The Archives: Carry Me Home Dub

Vor einem Jahr erschien das viel beachtete Original „Carry Me Home: A Reggae Tribute to Gil Scott-Heron and Brian Jackson“ von The Archives. Eine Big Budget Produktion von Eric Hilton (eine Hälfte der Thievery Corporation) und Darryl “Trane” Burke. Superb eingespielter, aufgenommener und vermarkteter Reggae-Retro-Sound. Die Dub-Version war da nur eine Frage der Zeit. Nun liegt sie vor: „Carry Me Home Dub“ von The Archives (Montserrat House). Das Big Budget ist bei jeder Note zu hören. Da stimmt soundtechnisch einfach alles. Und ja, es ist natürlich auch echter Dub, obwohl nicht selten auch Vocals zu hören sind. Aber mit Sound System-Nächten hat die Musik nichts zu tun. Sie will sonntags morgens beim Frühstück gespielt werden, oder beim gepflegten – aber coolen – Dinner. Es handelt sich um „niveauvollen“ Dub, geschmackssicher und stilvoll. Aber allzu oft, wohnt „niveauvollen“ Werken auch ein Quäntchen Langeweile inne. Alles ist kalkuliert, angemessen und ausgewogen, reflektiert und intellektuell. Es fehlt schlicht an dem, was Spaß macht: An harten Kontrasten, an überraschenden, manchmal disruptiven Ideen, an Mut und Waghalsigkeit. Deswegen weiß ich nicht so recht, wie ich das Album bewerten soll. Es ist zweifellos absolut hochwertig, aber viel Spaß habe ich beim Hören nicht. Puh! Vielleicht fehlt mir einfach das Niveau.

Bewertung: 3 von 5.
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The Return of Pachyman

Retro-Reggae steht ja (fast) immer hoch im Kurs. Viele Produzenten mühen sich, den Sound der Black Ark, der frühen Revolutionaries oder des Channel One zu reproduzieren. Pachyman reiht sich dort nahtlos ein. Der in Los Angeles lebende Puerto-Ricaner orientiert sich am Sound der späten 1970er Jahre und bietet einen frischen, von kleinen Melodien und beschwingten Rhythmen geprägten Dub-Stil. Alle Instrumente spielt er in seinem Kellerstudio selbst ein – wovon es bei Youtube schöne Videos zu sehen gibt.

Mein Kollege gtkriz kritisierte einst Pachys Sound hart: „Er präsentiert ein Klangbild, dass den Eindruck erweckt, als würde man sich mit dem Künstler in einen ziemlichen muffigen, dumpfen, zur Schallisolierung ausgepolsterten Proberaum befinden. Da ist nichts geschönt; das laute Hi-Hat und die Becken klingen blechern, die Bass-Drum als auch der Bass trocken und flach.“ Tja, wo er Recht hat, hat er Recht. Die Frage aber ist: Ist das tatsächlich so negativ zu bewerten? Oder sollte Retro-Dub nicht genau so klingen? Falls man die letzte Frage bejaht, dann schließt sich natürlich sofort die Folgefrage an: Warum die Kopie, wenn es doch das Original gibt? Womit wir dann beim philosophischen Proseminar gelandet wären. Deshalb will ich das hier mal nicht weiter vertiefen, sondern einfach kundtun: Mir gefällt sein neues Album „The Return oh Pachyman“ ausnehmend gut. Die Dubs sind wunderbar verspielt, die Melodien nisten sich in meinen Ohren ein und der Mix sorgt für gute Unterhaltung. Und ja: Ich habe auch Spaß daran, die vielen Zitate zu dechiffrieren. Ich bekomme das Gefühl, Pachyman und ich sind „one of an kind“. Deshalb mag ich ihn, schaue ihm gerne in seinem Kellerstudio zu und höre „Return …“ wenn ich gute Laune habe. Willkommen zurück, Pachy!

Bewertung: 4 von 5.
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Five Star Review

Gladiators: The Time Is Now Discomixes

Die Gladiators gehören zweifelsfrei zum Urgestein der Reggaehistorie und ihre musikalischen Wurzeln lassen sich bis in Clement „Sir Coxsone“ Dodds Studio One zurückverfolgen. Meine erste Begegnung mit deren Musik war erst Mitte der 1970er. Ihr damaliger Produzent Tony Robinson hatte einen Deal in Europa klargemacht und so erschienen die ersten (regulären) Alben der Gladiators bei Virgin Records. Am 15.12.2020 verstarb Albert Griffiths 74-jährig nach langer Krankheit an Parkinson. Der Kopf des Trios mit klassischen Harmonie-Vocals à la Wailers, Culture, Abyssinians, Israel Vibration, Meditations, Mighty Diamands etc. hat das Erscheinen der „Gladiators: The Time Is Now Discomixes“ (Tabou1) noch erlebt und ich kann mir vorstellen, dass er sich sehr über das Endresultat gefreut hat. Dartanyan „GreenLion“ Winston, ein junger amerikanischer Soundtüftler Anfang 30 aus Ohio, hat sich ein paar Titel aus dem beinahe unerschöpflichen Repertoire der Gladiators ausgesucht und wunderbar klassisch anmutende Discomixes geschaffen. Acht Originalsongs werden gekonnt dekonstruiert und mit einer Tonne Energie, Studio- und Mischpult-Zauberei wieder rekonstruiert. Dartanyan „GreenLion“ Winston zieht alle Register und liefert ein wunderbar sprudelndes Klangbad aus Vocals, Echo, Hall und Delay. Meine Highlights, der auf acht Minuten ausgedehnten Titel, sind: „Fussing and Fighting“ – ein Marley Song, bei dem am deutlichsten wird, wie sehr Albert Griffiths‘ Stimme der von Bob Marley ähnelte – und „Dreadlocks your Time is now“ natürlich. Das Album-Cover erweckt den Eindruck, als wäre es unter Einfluss psychoaktiver oder eher noch halluzinogener Stubstanzen in der Hippie-Ära entstanden. Auch wenn ich eine etwas andere Songauswahl getroffen hätte, ist „The Time Is Now Discomixes“ im Nachhinein eine wunderschöne Hommage an die wundervollen Gladiators, die unverdientermaßen immer etwas im Abseits der ganz großen Vocal-Trios standen.

Bewertung: 5 von 5.
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Five Star Review

Jallanzo: Dubbin’ It & Luvin’ It

Da heißt es immer, in Jamaika stünde Dub kurz vor dem ableben. Aber dann zuckt der Intensivpatient doch noch immer mal wieder und versetzt alle anwesenden in helle Aufregung. Zuletzt geschehen bei Teflon Zincfences Album „Dub Policy“. Nun geht wieder eine Schockwelle durch die Intensivstation: Jallanzo veröffentlicht mit „Dubbin’ It & Luvin’ It“ ein großartiges Dub-Album made in Jamaica. Jallanzo?? Ich kannte seinen Namen bisher noch nicht, wohl aber seine Musik, denn der Multiinstrumentalist, Songwriter, Sänger und Dub-Produzent spielte noch vor wenigen Jahren bei der Dubtonic Kru, deren Musik ich sehr zu schätzen wusste. Nun also ein Solo-Projekt – und das in Form eines Dub-Albums! Keine Ahnung, wer hier die Tracks eingespielt hat, ob sie Zweitverwertung sind oder von vornherein als Dubs geplant waren. Ich weiß nur: Sie klingen atemberaubend. So crisp, druckvoll und dynamisch, dass sie schon ein Genuss wären, selbst wenn wenn es nicht dieses perfekte Timing, die schönen Melodien, die ausgeklügelten Arrangements und den inspirierten Mix gäbe. Hier stimmt einfach alles – außer das häßliche Cover. Ein Grund, auf das Vinyl zu verzichten. Der Titel des Albums stammt übrigens von einem Zitat Jallanzos: „Music is my life, my life is my music and I am dubbing it and loving it”. Seit er 13 Jahre alt war, verschreibt sich Jallanzo der Musik. Er arbeitet vor allem als Studiomusiker und ist auf den Produktionen vieler namhafter Artists zu hören. Hoffen wir mal, dass wir seine Musik in Zukunft auch ohne Vocals im Vordergrund werden genießen dürfen.

Bewertung: 5 von 5.
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Five Star Review

Dub Spencer & Trance Hill: Black Album

Die Zürcher Dub-Combo Dub Spencer & Trance Hill ist im dubblog ein regelmässiger Gast. Ihre Alben heimsen in der Regel 5 von 5 Sternen ein, also die Höchstbewertung. Wenn einen nun ein Bekannter via Twitter auf ein „bislang offiziell unveröffentlichtes, nur einem kleinen Kreis bekannten“ Werk hinweist, das auf Youtube aufgetaucht sei, wird man natürlich hellhörig. Seit September 2020 ist das „Black Album“ dort offenbar online und hat bis dato gut 800 Hörerinnen und Hörer erreicht. Ist also ein Insider-Tipp geblieben und hat dafür umso mehr Fragen aufgeworfen. In der Tat: Was hat es mit diesem „Black Album“ auf sich?

Band-Bassist und -Manager Marcel „Masi“ Stalder bringt auf Anfrage Licht in die Sache. Um den Zeitpunkt von „Riding Strange Horses“ (2010) habe Nicolai Beverungen für sein Plattenlabel Echo Beach – wo auch Dub Spencer & Trance Hill ihre Sachen veröffentlichen – die Idee eines Echo-Beach-Jubiläumsalbums gehabt mit verdubbten Versionen bekannter Songs, zu dem auch die Zürcher einen Beitrag leisten sollten. Weil Stalder und Kollegen damals so viel Spass daran hatten, fremden Songs ein dubbiges Kleid anzuziehen, hatten sie plötzlich rund ein Dutzend Titel eingespielt mit der Idee, diese als eigenes Album zu veröffentlichen. Das Problem: Nicht für alle Lieder lagen die Rechte vor. Deshalb verschwand das Album in der Schublade – mit Ausnahme eines Songs, der es auf das erwähnte, ausschliesslich mit Coverversionen bestückte „Riding Strange Horses“ schaffte: „Enter Sandman“ von Metallica.

Der Rest des „Black Album“ fand auf anderem Weg das Licht der Öffentlichkeit. Zum einen boten es Dub Spencer & Trance Hill ihren Fans nach Konzerten auf selbergebrannten CDs an; es war allerdings eine Kleinstauflage von nur rund 100 Stück. Zum anderen brachte Echo Beach 2017 mit „Return Of The Supervinyl“ eine Best-of der Zürcher Band heraus. Wie es der Name besagt, nur auf Vinyl, dafür mit einem Zückerchen – einem Link auf das offiziell nie erschienene „Black Album“. Weil die Aktivierung des Links nur auf Umwegen möglich war und einiges an Nerven brauchte, die Vinyl-Auflage dazu schnell ausverkauft war, blieb das ominöse Werk weiterhin einem kleinen Kreis Interessierter vorbehalten. Bis es nun, vor mittlerweile fast einem Jahr, auf Youtube geladen wurde. Mutmasslich von einem Fan.

Nachdem die verschlungenen Wege des „Black Album“ damit geklärt wären, steht noch die wichtigste Frage im Raum: Lohnt es sich, den darauf enthaltenen zehn Songs ein Ohr zu leihen? Unbedingt – wenn man auf verdubbte Coverversionen steht! Marcel Stalder erklärt mit einem Lachen, jedes Bandmitglied habe seine „Jugendsünden“, seine „musikalischen Hasslieben“ eingebracht. Was Dub Spencer & Trance Hill daraus gemacht haben, ist – einmal mehr – schlicht grossartig. Selbst „The Final Countdown“ von Europe (das Original bereitet mir persönlich schier körperliche Schmerzen) ist ein Erlebnis. Im Gegensatz zu „Riding Strange Horses“ fehlen auf dem „Black Album“ allerdings die ursprünglichen Stimmen. Macht aber gar nichts. Wohl nur so konnte „I Feel Good“ von James Brown derart spooky und düster geraten. Mehr sei nicht verraten, ausser dass man sich solche Jugendsünden sehr gerne gefallen lässt. Das Album reiht sich nahtlos ins Frühwerk von Dub Spencer & Trance Hill ein. Dass sich der Schreibende eine nachträgliche offizielle Veröffentlichung wünscht, lässt sich aus den vorangegangenen Zeilen wohl unschwer herauslesen.

Tracklist:

1. „Enter Dubman“ („Enter Sandman“ von Metallica)

2. „The Final Dub Down“ („The Final Countdown“ von Europe)

3. „Eye Of The Lion“ („Eye Of The Tiger“ von Survivor vom „Rocky IV“-Soundtrack)

4. „Bomb Back“ feat. Nya („Bomb Track“ von Rage Against The Machine)

5. „Chilly Jean“ („Billie Jean“ von Michael Jackson)

6. „Tire“ („Fire“ von Jimi Hendrix)

7. „I Feel Stoned“ („I Feel Good“ von James Brown)

8. „Owner Of A Dub Heart“ feat. The Homestories („Owner Of A Lonely Heart“ von Yes)

9. „The Sea“ („The Ocean“ von Led Zeppelin)

10. „Until The End Of The Disc“ („Until The End Of The World“ von U2)

Bewertung: 5 von 5.
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Five Star Review

International Observer: Bat

Langsam gehen mir die lobenden Worte aus. Über die Werke von International Observer – hinter dem sich der Lead-Singer der historischen Thompson Twins, Tom Bailey, verbirgt – habe ich mir schon die Finger wund geschrieben. Ich liebe seine relaxten Dubs über alle Maßen. Am meisten fasziniert mich, dass sie einerseits unfassbar entspannt, andererseits aber hochspannend sind. Ein verrücktes Paradox. Wer Reggae und Dub aus Neuseeland kennt, ahnt aber, was ich damit meine: Perfekt getimte Rhythms voller Groove und innerer Spannung, dargeboten in Zeitlupe. Faszinierend. Außerdem kennt Tom Bailey sein Handwerk. Seine Tracks sind superb produziert: knackig, dynamisch, volltönend. Und dann wären da noch das ausgeklügelte Arrangement, die fantastischen Basslines und die wunderbaren, bunt schillernden Melodien. Alles vom Mix zu einem großen, umfassenden, vielschichtigen Wohlklang verwoben.

Für die Dubs von Tom Bailey gibt es eigentlich keine Schublade. Es handelt sich zweifellos um hundert Prozent Reggae-Dub handwerklicher Perfektion, der sich aber zugleich völlig vom Reggae emanzipiert hat. Verrückt, oder? Tom hat eine ganz und gar eigenständigen Dub-Stil erschaffen, der sich zwar formal der Ästhetik des Reggae bedient, die Genre-Konventionen aber ansonsten hinter sich lässt. Keine „Jah“-Ausrufe, keine Sirenen, kein Steppers, keine historischen Basslines oder Bläsersätze – Observer Dubs sind ganz und gar sie selbst, ohne Zitate und oberflächliche Referenzen. Deshalb kann ich mir seine Musik auch beim besten Willen nicht auf einem Sound System-Event vorstellen. Undenkbar! Aber zu einem neuseeländischen Pop-Open Air-Festival würde sie perfekt passen.

Die Akribie der Produktionen erklären auch, warum der Observer nur sporadisch neue EPs (geschweige denn komplette Alben) veröffentlicht. Hier geht Qualität vor Quantität. „Bat“ (Dubmission) ist sein neustes Werk. Es ist nach „Mink“ und „Pangolin“ die dritte EP in der „Tier-Reihe“ – und diese ist selbstredend so hervorragend wie auch alle anderen Arbeiten dieses außergewöhnlichen Dub-Protagonisten.

Bewertung: 5 von 5.