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Joe Yorke: Noise and Emptiness

Schon klar, Falsetto ist nicht jedermanns Sache. In meinen Playlists findet sich gerade auch deswegen kein einziger Cedric Myton-Track, geschweige denn eines seiner Alben. Anders verhält es sich mit Falsetto-Backing Vocals in der Machart der frühen Aswad-, Steel Pulse- oder Tamlins-Aufnahmen – da passt’s einfach, da wurde harmonischer und ton-sicherer Kopfstimmen-Gesang abgeliefert. Siehe „Baltimore“ – was wäre der Track ohne diese Harmonies?

Auch Joe Yorke’s Debut „Noise and Emptiness“ (Rhythm Steady) liefert mitunter astreinen, treffsicheren Falsetto ab – sowohl als Lead- als auch als wunderbar gelungene Backing-Vocals. Nun sind wir aber das dubblog.de und Stimmen interessieren uns nur peripher; deshalb sei zur Entwarnung darauf hingewiesen, dass das Album mit dubbigen Instrumentals durchsetzt ist. Die Mischung macht’s aus; sie befreit den Release prophylaktisch von der gefürchteten Falsetto-Überdosis. Zweifellos tragen Yorke’s weit gestreute Tätigkeiten als Sänger, Produzent und Komponist zum Erfolg der Produktion bei; auch die eine oder andere Kollaboration mit mid-range Vokalisten wird ihren Anteil daran haben.

Es weht also frischer Wind von England gen die internationale Reggae-Community, was sich vor allem an der hervorragenden Produktion zeigt – alles sauber und vor allem nicht überbordend arrangiert. Das gibt der mitunter fast schon kargen Instrumentierung Raum zum atmen – ähnlich wie wir es aus dem knochentrockenen Rub-a-Dub der frühen 1980er kennen. Und ja, auch hier gibt’s fetten Bass zu hören:

Freilich ist „Noise and Emptiness“ ein Angebot, auf dass sich der werte Dub-Connaisseur erst einlassen muss – auch bei mir war es nicht Liebe auf den ersten Blick. Aber: Die Tunes haben enormes Wachstumspotential und krallten sich im Hörgang des Rezensenten fest. Und so kommt es, dass das Album zu meinen persönlichen Favoriten des Jahres zählt und eine fette Empfehlung wert ist.

Bewertung: 5 von 5.
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Gaudi + Savona: Havana Meets Kingston in Dub

„Havana Meets Kingston“ war 2017 eine große Sache. Ganz nach dem Vorbild von Buena Vista Social Club, lud Jake Savona aka Mista Savona – angeblich Australiens „leading reggae producer“ – alt gediente kubanische Musiker in alt gediente kubanische und jamaikanische Studios ein, wo sie alt gediente Reggae-Musiker, wie Sly & Robbie, Ernest Ranglin, Bongo Herman und andere trafen, um gemeinsam Musik aufzunehmen – und natürlich, um einen Dokumentarfilm zu drehen (aus dem aber scheinbar nichts geworden ist). Ein Riesenaufwand, der sich durch den (relativen) Erfolg des Albums auszahlte. Doch es wäre zu schade, die Aufnahmen nicht noch weiter zu verwerten – und da bietet sich doch ein Dub-Album an! Wer so groß denkt, kann nicht irgend einen Remixer beauftragen, weshalb Savona sich an Gaudi wandte, der auch außerhalb des Reggae-Kosmos Ruhm und Ansehen genießt. Gaudi ließ sich ganze fünf Jahre Zeit, um die neun Dubs zu mixen, die sich nun auf „Havana Meets Kingston in Dub“ (Mista Savona) finden. Vielleicht hat er ja jede Reglerdrehung vielfach intensiv durchdacht und gegen Alternativen abgewogen, um nach Monaten der Planung tatsächlich einen Dub aufzunehmen. Vielleicht befand er sich aber auch einfach nur in einer heftigen Corona-Lethargie. Jetzt jedenfalls ist es endlich so weit, das Dub-Album liegt vor und es ist wahrlich gut geworden. Gaudis Akribie zahlt sich aus, denn Sound und Mix sind schlicht superb. Es hätte allerdings schon viel schief gehen müssen, um aus den brillanten Vorlagen nicht ebenfalls brillante Dubs zu dengeln. Die Arrangements sind einfach klasse und die handwerkliche Perfektion der Musiker lässt keine Wünsche offen. Also: Gaudi beschert uns ein wunderschönes Dub-Album, auf dem sich das warten gelohnt hätte, wenn man von dessen geplanter Existenz gewusst hätte. Ich bin sogar der Meinung (wen wundert’s), dass die Dub-Version des Albums besser ist als das Original. Der Sound ist tighter und die übervollen Arrangements wurden auf ein Maß reduziert, das jedes einzelne Instrument wirklich zur Geltung kommen lässt. Mit Hall und Echo hält sich Gaudi ziemlich zurück, denn auch ohne diese passiert schon genug. Perfekt dosiert, würde ich konstatieren. Außerdem fällt auf, dass der von Savona produzierte organische Live-Sound in sehr reizvollem Kontrast zu Gaudis eher an elektronischen Tracks entwickeltem Dub-Mixing steht. Insgesamt sicher eines der bemerkenswerten Dub-Highlights 2022.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Blue & Red: Hidden Dubs

Die 1990er waren in musikalischer Hinsicht ein aufregendes Jahrzehnt. Es war die Zeit des UK-Dub und die Geburtsstunde der Dub-Sound Systems, wie wir sie heute kennen (okay, Jah Shaka, Originator und Urvater des modernen Dub, war schon viele Jahre früher aktiv). Dub war groß und schwappte sogar ganz vage in den Mainstream. Schuld daran war ein Dub-Stil, der eine deutliche Nähe zu House entwickelte. Denken wir an Dreadzone, Zion Train, Groove Corporation oder Rockers Hi-Fi. Was zeitgleich im UK passierte war die Entstehung von Jungle. Frisch und ungehört, eine absolut verrückte, stark Reggae-beeinflußte Musik. More Rockers und Smith & Mighty produzierten Jungle-Tracks, die ganz, ganz nah an Dub gebaut waren. Nur wenige Alben dürfte ich häufiger aufgelegt haben, als „Selection 2“ von More Rockers. Warum erzähle ich das? Weil hinter More Rockers, ebenso wie hinter Smith & Mighty ein Mann stand, der uns noch heute häufig über den Weg läuft: Rob Smith aka RSD aka Blue&Red. Wir kennen ihn vor allem als häufig von Echo Beach gebuchten Remixer, aber auch wegen seiner eigenen, recht speziellen Dub-Produktionen – an denen sich übrigens regelmäßig die Geister scheiden. Denn was Smiths Produktionen so speziell macht, ist sein rigoroser Minimalismus, seine stoische Repetitivität und die nackte Rauheit seiner Dubs. Alles drei Eigenschaften, die ich in ihrer Konsequenz sehr schätze, doch es gibt viele Dubheads, die Smiths Musik als Verrat am Genre verstehen. Nun ist sein Album „Hidden Dubs Vol. 1“ erschienen und ich habe arge Zweifel, ob es geeignet ist, die Rob Smith-Verächter zu bekehren. Wie zur Verteidigung zitiert Rob Smith Style Scott mit den Worten: “Dub is really what you would call a deconstruct, you strip it down, you strip it right down to bone!”. So gesehen, muss Dub minimalistisch und „raw“ sein. Und genau das liefert er uns mit seinen „Hidden Dubs“ – Tracks, die aus den vergangenen 25 Jahren stammen, einige von ihnen als überarbeitete Version, andere unverändert. Allesamt harte Dubs, pur, rau mit teils übersteuertem Bass und minimaler Instrumentierung. Hier klingt ganz deutlich die Junge/Drum&Bass-Schule durch. Ein klassischer Reggae-Producer würde Dub niemals so scheinbar „seelenlos“ umsetzen. Doch die Härte hat ihren Reiz und der Verzicht auf Schönheit ist zwar radikal, aber auch befreiend.

Bewertung: 4 von 5.
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Vibronics Meets Mafia & Fluxy in Brixton

Da fügen sich zwei Welten wunderbar harmonisch zueinander: Steve Vibronics, Urgestein des UK-Dub und Mafia & Fluxy, britische Rhythmtwins und Hit-Produzenten. Steht ersterer für die klassische UK-Soundsystem-Kultur, sind letztere eher Protagonisten des klassischen Reggaes und Lovers Rock. Klassiker sind sie jedenfalls beide. Aber Mafia & Fluxy können auch anders. Auf „Vibronics Meets Mafia & Fluxy in Brixton“ (Scoops Records) spielen sie richtig harten Steppers. Perfekte Grundlage für Steve Vibronics, um daraus ausgesprochen qualitätsvolle Dubs zu schmieden (angeblich hat er die Rhythms „komponiert“ und sie die beiden nur einspielen lassen). Im Vergleich zu den jüngeren Kollaborationswerken von Mr. Vibronic sticht dieses Album deutlich heraus. Der Sound der Rhythmstwins ist einfach besser und ihre Arrangements spannender. Oft sind des ja die Details, die einen riesigen Unterschied im Gesamtergebnis machen. Und hier lässt sich konstatieren, dass drei Perfektionisten und Meister ihrer Fächer zusammen gefunden und gemeinsam ein richtig schönes Dub-Album erschaffen haben.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Augustus Pablo & Rockers All Stars: Lightning & Thunder

Der im Mai 1999 verstorbene Horace Swaby, besser bekannt als Augustus Pablo, ist hier im Dubblog wahrlich kein Unbekannter. Ich muss zugeben, dass mich damals sein viel zu früher Tod mit gerade einmal 44 Jahren sehr berührt hat. Der etwas jazzige Far East Sound des Ausnahmemusikers und Produzenten Augustus Pablo hat schon immer meinen Nerv getroffen. Das erste Augustus Pablo Album, welches meine Sammlung bereicherte, war die von Tommy Cowan produzierte und vom unsterblichen King Tubby gemixte „Ital Dub“. Die 1974 von Trojan veröffentlichte „Ital Dub“ ist eine geniale Momentaufnahme und zeigt Augustus Pablo auf seiner Wegfindung zum Produzenten seiner eigenen Werke. Ob jetzt Peter Tosh oder Augustus Pablo der Erste war, der das Kinderinstrument Melodica im Reggae salonfähig machte, wird höchstwahrscheinlich nicht mehr eindeutig geklärt werden.

Vor ein paar Tagen ist nun aus den Archiven der Pablos das Album „Augustus Pablo & Rockers All Stars: Lightning & Thunder“ (Onlyroots) erschienen. Eine unglaubliche Sammlung von bisher Unveröffentlichtem und Dubplate Mixes des legendären Jah Shaka, hier zu hören unter dem Titel „Gates of Zion“ und einer völlig anderen Abmischung zum Original. Die Vocals stammen vom damals noch sehr jungen George Nooks aka Prince Mohammed. Das Original lautet „Jah Dub“ und ist auf der „Chanting Dub With The Help Of The Father“ von den Rockers All Stars zu finden. Sicherlich werden euch noch weitere Riddims bekannt vorkommen. So wurde aus „Stop Them Jah“ von der „King Tubby Meets Rockers Uptown“: „Leave The Dreadlocks“ und „Omo Valley Dub“. Ein weiterer Jah Shaka-Favorit ist der Titeltrack „Lightning & Thunder“, hier bekam der Mix den Titel „Sons of Negus“. Und jetzt kommt noch mein absolutes Highlight und der grandiose Schlusspunkt des Albums: „All Nations“ & „All Nations Dub“. Ursprünglich auf dem 1975er Upsetters Album: „Return Of Wax“ mit dem Titel „One-Armed Boxer“ zu finden. Also Leute, auf der „Lightning & Thunder“ gibt es tatsächlich enorm viel zu entdecken und solange noch solche Leckerbissen in den Archiven schlummern, ist mir um den Fortbestand des Dub/Reggae nicht bange.

Auch wenn man bereits unzählige Augustus Pablo Alben kennt oder sogar besitzt, kann ich dennoch dringend empfehlen, in diese Veröffentlichung einmal reinzuhören. Meines Erachtens sogar ein unbedingtes Muss.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Al Brown & Inner Force: Dub Cuts

Paolo ‚Dubfiles‘ Baldini ist seit bereits über 20 Jahren eine geschätzte und stilprägende Figur in der blühenden italienischen Reggae-Dub-Szene. Er war Gründungsmitglied der B. R. Stylers und The Dub Sync. Für die von mir sehr geschätzten Africa Unite stand er außerdem einige Jahre am Bass. Während seiner bisherigen Schaffensphase hat Baldini unzählige Male mit den verschiedensten Künstlern zusammengearbeitet. Besonders die letzten Jahre waren äußerst fruchtbar. Seine Zusammenarbeiten mit Dubblestandart aus Österreich und aktuell dem englischen Label Pressure Sounds sind mir extrem positiv aufgefallen. Sein aktuelles Werk bei Pressure Sounds, „Al Brown & Inner Force: Dub Cuts“ mixed by Paolo ‚Dubfiles‘ Baldini gefällt mir ganz besonders.
Der 1934 in Kingston, Jamaika geborene Al Brown, ist ein relativ unbekannter Reggae-Künstler und viele Informationen über ihn sind selbst im WWW kaum zu finden. Wie könnte es anders sein, machte auch er seine ersten Aufnahmen für Coxsone Dodd. Etwas später tat er sich mit den Volcanoes zusammen, aus der sich dann die Skin Flesh & Bones gründeten, bei denen Brown ebenfalls Mitglied wurde. Aus den Skin Flesh And Bones rekrutierten die Revolutionaries dann wiederum ihre Besetzung. Al Brown veröffentlichte 1974 ein einziges Album mit dem Titel „Here I Am Baby“, eine Version des gleichnamigen Songs von Al Green. Der Titelsong „Here I Am Baby“ war auch in England erfolgreich und mauserte sich zu einem kleinen Hit. Danach wurde es erst einmal für viele Jahre wieder sehr still um Al Brown. Ein paar spätere Singles waren „Caribbean Queen“ und „No Soul Today“, die jedoch nicht an den Erfolg des Debütalbums anknüpfen konnten.
Erst 1991 erschien Al Brown zusammen mit seiner neuen Band Inner Force wieder auf der Bildfläche. Die fünf Musiker und eine Sängerin spielten zusammen mit Al Brown wieder nur ein einziges Album: „Al Brown & Inner Force: Be El Ze Bub“ ein. Dieses Album ist bis zum heutigen Tag lediglich als Cassette erhältlich. Paolo Baldini hat sich für sein Pressure Sounds Projekt just diese Aufnahmen für seine Dubs ausgesucht. Von den ursprünglich zehn Songs wurden sieben – einer davon doppelt – zu einem psychoaktiven Sounderlebnis neu transformiert. Wie wir es von Paolo ‚Dubfiles‘ Baldini gewohnt sind, wurde jeder Dub im Alambic Studio live, ohne Overdubs oder Nachbearbeitungen erstellt. Inspiriert von den analogen Techniken der „Godfathers“ des Dub, King Tubby, Lee Perry, King Jammy und Scientist, geht Baldini sehr empathisch ans Werk. Erfreulicherweise baut er in seinen Remixen genügend Gesangsfragmente ein, was den Tracks das gewisse Extra verleiht und auch für die Wiedererkennung der soullastigen Originalsongs sorgt. Wie Paolo Baldini im Interview selbst sehr treffend formulierte: „Die Hauptzutat für ein gutes Dub-Album ist, lange vor dem Dub-Master, das richtige Songwriting.“

Echte Dub-Reggae-Fans werden mit diesem Album sehr gut zurechtkommen. Paolo Baldini versteht es meisterlich, die Tracks kunstvoll zu bearbeiten, ohne dabei in künstliche Manierismen zu verfallen. Der Klang ist knackig und klar, erkundet dunkle Tiefen und zarte Höhen und wird bei Bedarf mit Echo und Hall verfeinert.

Bewertung: 4 von 5.
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L.A.B.: In Dub

Spätestens seit Fat Freddie’s Drop wissen wir, dass Reggae in Neuseeland GROSS ist. Angeblich war ein Bob Marley-Konzert im Jahr 1979 der Katalysator für diese Entwicklung. Zudem sei die Rastafari-Kultur speziell unter den Maori recht verbreitet – und Marihuana wird in Down Under ja bekanntlich auch sehr großzügig konsumiert. Wie dem auch sei: Reggae ist in NZ charttauglich. Interessanter Weise handelt sich dabei aber keineswegs um Reggae nach jamaikanischen Vorbild, sondern vielmehr um einen ganz speziellen, typischen NZ-Reggae-Sound aus. Er ist schwer exakt zu analysieren, aber eines ist offensichtlich: Er ist unfassbar relaxed. So sehr relaxed, dass er auf der Insel teils als „BBQ-Reggae“ verspottet wird (wir würden von „Fahrstuhlmusik sprechen“).
Mit L.A.B. gibt es nun einen neuen Star am Himmel der Südhalbkugel. Eine Band, deren Ursprung im Reggae liegt, die aber – ganz ähnlich wie Fat Freddie’s Drop – inzwischen eher den Pop-Markt bedient. Es existieren im Oeuvre von insgesamt fünf Alben aber genügend Reggae-Songs, um das wachsame Auge unseres Hamburger Dub-Labels Echo Beach auf sich zu ziehen. Dieses entschied kurzerhand: Lass uns die besten Songs in Dubs verwandeln, Paolo! Gemeint ist Paolo Baldini, der hier einen schönen Auftragsjob ausführte. Das Ergebnis heißt nun „L.A.B. in Dub“ (Echo Beach). Zum Glück sind die Tracks origineller als der Titel. Auch, wenn Paolo am liebsten Steppers produziert, so ist ihm hier ein ausgesprochen schönes, sanftes und harmonisches Werk geglückt. Perfekter Sound (der Sound der Originale ist ja bereits über jeden Zweifel erhaben) und vor allem grandiose Mixes! Hier findet das klassische Dub-Prinzip in Reinform Anwendung und demonstriert sein ganzes Potential.

Bewertung: 4 von 5.
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Emmanuel Anebsa: Dub Ina Sun

Emmanuel Anebsa, gebürtiger Brite mit jamaikanischen Vorfahren väterlicherseits, war mir eine bislang unbekannte Größe. Dabei hat der Mann seit dem Jahr 2000 laut Spotify gezählte 48 (!!!) Alben und noch mehr Singles herausgebracht – darunter Zusammenarbeiten mit Junior Kelly, Turbulence, Anthony B und anderen. Reggae allein ist dem Mann allerdings zu wenig: Er versucht sich auch als bluesiger Folk-Singer-Songwriter (soll heissen: Anebsa begleitet sich selbst an der Klampfe) und als Rapper, Produzent und Mixer; er scheint kein Genre auszulassen, das man in Richtung „Indie“ hinbiegen könnte. Und in der Tat, alle seine Releases sind auf dem eigenen Wontstop Record Label erschienen – was unter Umständen die schiere Menge an Output erklärt.

Jetzt liegt also sein neuestes Dub-Album vor (es gibt deren mehrere): „Dub Ina Sun“ (Wontstop Records). Es lässt den Rezensenten zwiespältig zurück – einerseits der dumpfe Mix und die grottig aufgenommenen Drums, andererseits schön dominierende, magen-massierende Basslines wie man sie in aktuellen Produktionen nur noch selten bis gar nicht zu hören bekommt. Wohltuend auch die Absenz jeglicher Tasteninstrumente; kein penetrant-lautes Skanken am Piano, dafür viele mit und ohne Effekte eingespielte Gitarren. Das Ergebnis ist ein erdig-purer, fast schon rudimentärer Klang, der den Aufnahmen ein gewisses Proberaum-Keller-Flair verleiht.

Großartige Dub-Effekte gibt’s nicht zu hören – ein wenig Hall hie und da, die eine oder andere Instrumentalspur wird ein- und ausgeblendet. Vielleicht ginge der Release sogar als Instrumental-Album durch; letztlich überzeugen aber die einfach gestrickten, einprägsamen Basslines mit ihrer klanglichen Dominanz und die mitunter exzellente Gitarrenarbeit. Klare Empfehlung für Gitarren-Junkies!

Bewertung: 3.5 von 5.

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Horace Andy: Midnight Scorchers

Adrian Sherwood.

…und fertig! Manchmal braucht’s tatsächlich nur zwei Worte und eine aussagekräftige Rezension hat sich quasi selbst geschrieben – zumindest für die gut informierte dubblog.de-Gemeinde. Über Herrn Sherwood, sein On-U Sound-Label und das von ihm produzierte Oeuvre – von Creation Rebel, New Age Steppers über African Headcharge, Singers & Players bis hin zum Dub Syndicate; zu Lee Perry, Bim Sherman und vielen anderen – braucht man wohl keine großen Worte mehr zu verlieren. It’s On-U Sound, man!

Doyen Sherwood selbst hat in seiner mehr als 30-jährigen Produzenten-Geschichte niemals an Relevanz eingebüßt – gut, manchmal hat er sich in etwas obskurere Gefielde begeben (etwa seine Zusammenarbeit mit Pinch), aber allein seine Produktionen mit dem Dub Syndicate und/oder Lee Perry zeigten wie sehr er am Puls der Zeit und darüber hinaus arbeitet. Wer erinnert sich nicht an Perry’s epochalen „Rainford„-Release und seinem nicht minder zu wertenden Counterpart „Heavy Rain„?

Jetzt haben wir wieder ein feines Doppel-Pack vor uns: Das bereits vor wenigen Monaten erschienene Horace Andy-Album „Midnight Rocker“ und sein eben herausgekommener Counterpart „Midnight Scorchers„. Ersteres überrascht durch einen für Sherwood-Verhältnisse recht klassischen Sound mit einem Horace Andy in Bestform; zweiteres mit, nun ja, Neuinterpretationen. So ein richtiges Sherwood-Treatment geht weit über Dub-Grenzen hinaus, kehrt das Innerste nach außen, läßt im Vocal-Mix Verschüttetes glänzen, fügt Instrumente und Vocals (Daddy Freddy, Lone Ranger) hinzu, blendet im Gegenzug Spuren aus und fettet das Gesamte soundmäßig dem Original gegenüber gewaltig auf. Alles Gründe, warum mir der Begriff „Dub Album“ zu wenig weit greift und ich das umfassendere „Counterpart“ für angebrachter halte.

Letztlich nur noch die Hard Facts: „Midnight Scorchers“ enthält sieben alternative Versionen von „Midnight Rocker“-Tracks plus drei neue Stücke, allesamt versehen mit dem tonnenschweren On-U Sound-Gütesiegel. Adrian Sherwood eben… und fertig!

Bewertung: 5 von 5.

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Mato: Jazz-Funk Dub Tribute

Thomas Blanchot aka Mato ist quasi ein Garant für exzellente analoge Produktionen made in France – man erinnere sich nur an seine Interpretation von Daft Punks „Homework„, das Filmmusik-Tribute „Holywoo Dub„, den Ausflug in die E-Musik „Classical Dub“ und schlussendlich seine Verbeugung vor dem Horror-Genre „Scary Dub„. Dafür gab’s bislang im dubblog.de gute bis sehr gute Rezensionen, obwohl wir es hier gefühlsmäßig eher mit Instrumental- denn Dub-Alben zu tun haben. Nicht, dass Mato mit Effekten geizt – im Gegenteil: Echo, Hall & Konsorten fügen sich dermaßen gut ins Gesamtbild ein, dass eher musikalische Exzellenz und feine Arrangements im Fokus stehen.

Einen Teil des Erfolgs der Mato-Werke macht sicher deren Wiedererkennungswert aus: Die Originale sind allgemein bekannt; deren Reggae- bzw. Dub-Interpretationen überraschen. Bislang zumindest, denn dieser Wiedererkennungseffekt fehlt Mato’s neuem Release „Jazz-Funk Dub Tribute“ völlig. Das ist freilich eine sehr subjektive Aussage; Hörer*innen, die im Jazz-Funk Genre – insbesondere den Aufnahmen der 1070er – zu hause sind, werden die neuen Reggae-Interpretationen vermutlich feiern. Dem Rezensenten hingegen fehlt dieser Bezug völlig, obwohl die Originale von Funk-Kapazundern wie Kool & The Gang, War, Grover Washington Jr. und Jazz-Größen wie Lonnie Liston Smith oder Weather Report stammen.

Unter’m Strich liefert Mato auf seinem nicht gerade originell, aber zutreffend betitelten „Jazz-Funk Dub Tribute“ wieder erstklassiges Handwerk ab, keine Frage. Da sitzt alles wo es hingehört, da kann man nicht meckern – der Wille zur Perfektion ist da, der Wille zur musikalischen Weiterentwicklung eher nicht. Ähnliche Instrumentierungen und Arrangements, so perfekt sie auch sein mögen, konnte man schon auf früheren Alben hören – diesmal aber fehlt der zündende Funke, die Lust an Neuem, am Experimentieren und der Mut, ausgetrampelte Pfade zu verlassen. Da wünscht sich der Rezensent mehr künstlerisches Risiko, mehr Überraschungen, weniger Weichspüler. Und er wünscht sich auch keine fade-outs mehr – die könnten zwar als eine Referenz an die 70er Jahre gesehen werden, wirken 2022 aber wie eine von Fantasielosigkeit geprägte Arbeitsvermeidung… muss nicht sein, Mato.

Bewertung: 4 von 5.