Seit nunmehr über 20 Jahren haben es The Expanders geschafft, ein breites Publikum mit ihrer Interpretation des Reggae aus der Blütezeit zu begeistern. Die beiden Gitarristen John Butcher (Gitarre, Gesang) und Devin Morrison (Gitarre, Gesang) sind zusammen aufgewachsen und wurden nach eigenen Angaben von der Plattensammlung des berühmten Reggae-Archivars Roger Steffens geprägt, die einen Großteil ihrer Leidenschaft und ihres „Reggae-Wissens“ ausmacht. Die aus Los Angeles stammende Band spielt den klassischen Roots Reggae der 70er und frühen 80er Jahre mit einem schönen Schuss kalifornischen Feelings. The Expanders formierten sich im Sommer 2003 und arbeiteten in der Zeit von 2006 bis 2010 an ihrem selbst betitelten Debütalbum mit Eigenkompositionen, das schließlich 2011 bei Man-Like Records veröffentlicht wurde. Eine weitere ganz wesentliche Person ist der Grafikdesigner, Toningenieur und Bassist J Bonner aka The Dub Adventurer, dem es gelang, den von der Band angestrebten „jamaican Retro-Sound“ exzellent einzufangen. Man kann sagen: Durch seinen Beitrag am Debütalbum der Expanders wurde er regelrecht zum unverzichtbaren Protagonisten. Kennengelernt hat die Band J Bonner Mitte der 2000er als Bassisten der Aggrolites. Gemeinsam begann man an den ersten offiziellen Studioaufnahmen zu arbeiten. Zusammen mit seiner Frau Nick Idem gestaltete J auch das epische Albumcover. Die Aufnahmen des gerade wiederveröffentlichten Debüts fanden im Killion Sound Studio in Los Angeles statt. Danach wurde das Album in J’s Studio abgemischt. Dabei entstanden auch komplette Dub-Versionen und zwei Disco-Remixe der meisten Stücke im klassischen Dub-Mixing der 70er und frühen 80er Jahre, die bis heute unveröffentlicht blieben. Darum freut sich die Dub-Gemeinde umso mehr, dass die Aufnahmen „The Expanders: Merciless Dub – The Expanders Dubwise at J’s“ (Easy Star Records) endlich auch veröffentlicht werden. Wäre echt schade gewesen, wenn nicht. Auch dieses schöne, etwas martialische Cover stammt von J Bonner.
Ein brillantes Album, das förmlich nach einer Wiederveröffentlichung schrie, ist „Selassie I Rockers: 30 Pieces of Dub“ (Jah Lion Sound System). Ein ziemlich rätselhaftes Projekt, das aus verschiedenen Quellen zusammengestellt wurde, und erst so für diesen sehr abwechslungsreichen Hörgenuss sorgt. Im eigentlichen Sinne eine LP-Compilation, die der in England lebende jamaikanische Produzent und Sänger Winston Curtis 1983 erstmals veröffentlichte. Zwanzig Jahre später veröffentlichte das englische Jah Lion Label dieses ominöse Werk erneut als CD mit zwei Bonus Tracks, darunter ein Dub von Dennis Browns „Children of Israel“. Danach sind die „30 Pieces of Dub“ wieder in der Versenkung verschwunden. Jetzt sorgt Winston Curtis erneut dafür, dass dieser Schatz auf Vinyl wieder ans Licht kommt. Allerdings! Einen kleinen Wermutstropfen gibt es, und darauf muss ich doch etwas genauer eingehen. Die Tracks sind meines Erachtens falsch benannt: So findet sich „30 Pieces of Dub“, das Melodica-Instrumental von Desmond Craig alias Bob Skeng, auf der B-Seite der Single „African Children“ und heißt im Original „Jack the Ripper“. Der „Africano Dub“ könnte Dennis Bovell mit oder ohne Matumbi sein und sollte möglicher-/logischerweise „Englishman Dub“ lauten. Hinter dem „Gone Dub“ versteckt sich Delroy Wilsons Song „Money“ aus dem Jahr 1978. Ein Dub von Leroy Browns „Color Barrier“ ist „No Dub Like Dis Ya Dub“ und „Jack the Ripper“ ist der Dub zu Gregory Isaacs’ „Sacrifice“. So geht es munter weiter: Für den „Englishman Dub“ ist „Gone Gone“ von Leroy Brown die Grundlage, und im „Fisherman Dub“, der im Original „Fire Horns“ heißt, hört man Vin Gordons Posaune über den Riddims des Freddy Clarke Songs „Fight I Down“. Okay, ich hoffe sehr, dass ich nicht noch mehr Verwirrung stifte. Das hier ist lediglich eine versuchte Klarstellung eines immer noch außergewöhnlichen Edelsteins aus der unermesslichen Schatzkiste des Dub!
Die peinlichste und pervertierteste Fußballweltmeisterschaft, die ich bisher bewusst verfolgt habe, und es waren derer bereits sechzehn, ist endlich vorüber. Mit Spanien als verdienten Weltmeister kann ich locker leben – Marc Cucurellas einst nicht geahndetes Handspiel sollten wir langsam alle vergessen. Keine andere Mannschaft hat diese Qualität und Konstanz auf den Platz gebracht.
Übrigens, wenn wir von Qualität und Spanien sprechen: Zur FIFA-Fußball-WM 1982 in Spanien brachte Greensleeves „Scientist: Wins the World Cup (The final King Tubby’s Sessions)“ heraus, mit einem beeindruckenden Cover von Tony McDermott, das eine jamaikanische „Rasta“-Mannschaft im Spiel gegen die „Three Lions“, die englische Nationalmannschaft, zeigt, während Scientist gerade ein Tor schießt. Also lag es doch mehr als nahe, nochmal dieses großartige Dub-Album mit seiner wunderschönen Cover-Art auf den Anspielpunkt zu legen. Ein Album, von dem Scientist selbst noch nicht einmal wusste, dass es existiert. Doch das ist eine ganz andere Geschichte, auf die Helmut Philipps in seinem Buch „Dub Konferenz“ explizit eingeht. Als ich das Album 1982 auflegte, klappte mir sofort die Kinnlade runter. Bereits dieser schwere Basssound und Scientists Soundspielereien im „Dangerous Match One“ haben mich komplett umgehauen. Hört euch zuerst „Love is Universal“ von Johnny Osbourne im Original an und danach, was Scientist an den Reglern daraus gemacht hat. Ich denke, dann versteht man am besten, wozu ein begnadeter Sound-Engineer mit den richtigen Vorlagen fähig ist. Ein Album eines Triumvirats und Dream-Teams: Die Roots Radics liefern ihren schweren, basslastigen Sound, den Scientist mit satten, punktgenauen Effekten noch viel tiefer legt. Im Original zehn Dub-Versionen von Songs, die in der Hochphase des Produzenten Henry „Junjo“ Lawes entstanden sind. Songs, die im Channel-One-Studio in der Maxfield Avenue in Kingston aufgenommen wurden, bevor die Bänder ins King-Tubby-Studio zu Scientist kamen.
Zusammenfassend ist „Wins The World Cup“ ein fabelhaftes Werk des Dub Genres. Man findet hier großartige Titel aus der Geschichte des Reggae, die mit damals aufstrebenden Sängern wie Johnny Osbourne, Hugh Mundell und Wayne Jarrett aufgenommen wurden. Der kraftvolle Groove, die tiefen Bässe, die eingängigen Melodien und die immer wieder auftauchenden Gesangsschnipsel machen „Wins The World Cup“ zu einem unverzichtbaren Album der Dub-Historie.
Heute ist Scientist nicht einmal mehr auf dem Cover genannt, geschweige denn zu sehen und Junjo als Referee schießt das Tor – wenn das kein Foul-Spiel ist!
Viele jamaikanische Musiker kamen vom Jazz oder Soul zum Reggae, das vergessen heute viele Leute und gleichzeitig sind und waren es sehr versierte Musiker, die häufig in der Alpha School ihre Ausbildung begannen. Was liegt da näher als The Juks, eine in London ansässige Rocksteady-/Reggae-Band, die bereits 2020 mit ihrem ersten Album „Way Back“ meine Wege kreuzte und in Erinnerung blieb? The Juks sind eigentlich nur Toby Kinder an Organ/Wurlitzer und der Multiinstrumentalist und Produzent Lenny Bignell an Guitars/Wurlitzer/Bass/Melodica und Drums, die Jazz-Klassiker aus dem Blue Note Katalog mit der Energie von frühem Reggae- und Dub verbinden. Dabei bewegt sich ihre Musik zwischen warmen, harmonisch interessanten Klangwelten und einem stets treibenden Groove, der von Bass und Schlagzeug geprägt ist. Auf ihrem aktuellen Release „The Juks: Blue Note Special“ entstehen dabei aus den Originalen vielschichtige Konstellationen und Instrumentals, die die Jazz-Klassiker neu und höchst erfrischend interpretieren. Von frühen Arbeiten wie dem ersten Album „Way Back“ bis zu den Veröffentlichungen wie „The Phantom“, dem Opener des aktuellen Albums, ist ein klarer Schwerpunkt festzustellen, der sich in musikalischer Neugier und einem handwerklich präzisen Sound präsentiert. So bauen The Juks einen Stil, der gleichzeitig Kopf und Hüfte anspricht, authentisch in der Reggae-Tradition verhaftet bleibt und dennoch offen für Jazz-Feinheiten und psychedelische Anleihen ist.
Auf „Blue Note Special“ unterziehen The Juks ein Jahrzehnt aus dem Blue-Note-Katalog, einer Neuinterpretation mit Reggae- und Dub-Einflüssen. Die Sammlung vereint die sieben 7-Zoll-Singles aus ihrer Reihe „Blue Note Breakbeats in Reggae“ sowie drei weitere herausragende Titel. Die zehn Tracks sind eine kleine Entdeckungsreise durch das legendäre Jazz-Label, das 1939 von den deutsch-jüdischen Emigranten Alfred Lion und Max Margulis in den USA gegründet wurde. Woher die Inspirationen kommen, ist nicht zu überhören. Der frühe Reggae der Pioneers ist ebenso zu hören wie Anleihen an Ernest Ranglin, Jackie Mittoo, Count Ossie, Light of Saba und Augustus Pablo, die eine Brücke zwischen den zwei musikalisch reichhaltigen Traditionen schlagen. Lenny Bignell und Toby Kinder interpretieren viele der größten Jazzstücke, die jemals beim Label Blue Note erschienen sind, völlig neu, wobei sie dem gewohnten Kurs des Instrumental-Covers treu bleiben. Exemplarisch habe ich mir den Ronnie Foster Titel „Mystic Brew“ aus dem Jahr 1972 ausgesucht. Ein Jazz-Funk-Klassiker, dessen Melodie langsam zum Reggae aufgebaut wird, der mit sattem Bass, treibendem Rhythmus und psychedelischen Gitarrenklängen durchzogen ist. Auch bei “Brother Soul” von Lou Donaldson gefällt mir die Gitarre, die mit der Flöte korrespondiert. Für mich wieder mal ein wunderbares Album, mit schönen, sanften Melodien, sich daraus erhebenden Wah-Wah-Effekten, improvisierten Orgelpassagen und einem jazzigen Hauch kosmischer Keyboard-Verspieltheit.
Allen möchte ich noch zusätzlich die oben erwähnten Singles ans Herz legen, denn da sind auch die Dubs zu hören.
Neun Materialien, die das Gerüst unserer Zivilisation bilden: Cement, Petrol, Plastic, Coal, Coltan, Steel, Smoke, Dust, Iron. Dass Stepper Sons aus Bordeaux ihrem Album „What We’re Made Of“ (No Chief Records) eine solche Tracklist spendieren, ist kein dekoratives Gimmick, sondern Programm. Coltan etwa – jenes seltene Mineral, das für Smartphones und Elektronik unverzichtbar ist und dessen Förderung im Kongo mit Bürgerkrieg, Umweltzerstörung und humanitären Katastrophen verbunden ist – steht einfach so im Track-Listing. Kein Erläuterungstext, keine Fußnote. Der Name reicht. Wer zuhört, weiß, worum es geht. Das ist das Selbstverständnis einer Band, die sich durch ihren Namen bereits als Kinder des Steppers deklariert hat und auf einem jungen, militant-unabhängigen französischen Label veröffentlicht: Musik als Haltung. Und der Sound? Hypnotischer Steppers-Dub, klanglich nah an Techno gebaut – Kanka wäre der naheliegende Vergleich. Was Stepper Sons aber von schlechtem Steppers unterscheidet: Die hypnotische Qualität wird nicht durch Langeweile erkauft. Ein gut gebauter Steppers-Track setzt auf die Kraft der Wiederholung – und genau darin liegt die Gefahr. Wer sich auf das Muster verlässt, ohne es zu gestalten, produziert Metronom. Stepper Sons produzieren Musik. Überragend dominant ist der Bass. Extrem immersiv, warm, hypnotisch – zu Hause gehört, klappert das Geschirr im Regal. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer Produktionsentscheidung: Bass nicht als Fundament, sondern als Hauptstimme. Hier wird nicht gedubbt mit Bass im Hintergrund – hier ist der Bass das Ereignis selbst. SKP Dub, langjähriger Kollaborationspartner aus demselben Bordeaux-Umfeld, ist auf „Coltan“ dabei; den Remix des Eröffnungstracks „Cement“ liefert Owl Trackers aus dem Pariser Raum. Das Album zeigt, in welchem Netzwerk sich Stepper Sons bewegen: junges, vernetztes, selbstorganisiertes französisches Dub-Kollektiv. Definitiv ein Name, den man im Auge behalten sollte.
Mir altem Deadhead hat es Kalifornien und ganz besonders die Bay Area schon immer angetan. Genau dort im Wohnzimmer der Grateful Dead sind Musik und legendäre Konzerte entstanden, die Deadhead- und Hippie-Herzen immer noch höher schlagen lassen. Nicht nur bei Ganja ist seit etlichen Jahren mit den Cali-Strains eine „Kalifornisierung“ zu beobachten. Inzwischen sind es auch kalifornische Reggae-Bands wie Chuck Foster, Groundation, Arise Roots, The Expanders und zig mehr, die mich mit ihrem nach allen Seiten offenen, typisch locker relaxten, gitarrenlastigen Sound ebenso begeistern. Umso verwunderlicher, dass Roommate bisher eher unbeachtet an mir vorbei gesegelt ist.
Die musikalische Karriere Roommates (Justin McCauley) begann im Alter von 11 Jahren, als er seine erste Gitarrenstunde bekam. Inzwischen hat er seine Fähigkeiten durch die Verschmelzung von organischen und elektronischen Klängen zu seinem unverwechselbaren Stil verfeinert und zu seiner ganz eigenen Handschrift weiterentwickelt. Sein erstes Soloalbum („Dubfunk Vol. 1“) veröffentlichte er 2003 in Eigenregie, das sehr gut ankam und schnell in „Underground-Kreisen“ musikalische Bekanntheit erlangte. Als Dubstep von England kommend erstmals die Straßen der USA eroberte, fand er am neuen Musikstil schnell Gefallen und produzierte gemeinsam mit seinem Freund No Thing einige Meilensteine elektronischer Musik. Roommates Bekanntheitsgrad wuchs nach einer Reihe qualitativ hochwertiger Veröffentlichungen. Was folgte, waren zahlreiche Tourneen mit weltweiten Auftritten, bei denen er mit Intensität und ungebrochener Leidenschaft auftrat. Durch die Erfolge beflügelt, gründete McCauley zwei Musiklabels: „King Dubbist“ und „Avocaudio“, zwei weitere zukunftsweisende, musikalische Projekte, die mit Fokus auf erstklassige Vibes und herausragende Produktionen ein breites Spektrum von Dubstep über Trip-Hop und Jungle bis hin zu Reggae abdecken. Sie vereinen und repräsentieren exemplarisch Roommates musikalisches Spektrum sowie seinen Hang zu musikalischer Frische.
Vergangenes Wochenende bin ich schließlich in das äußerst produktive und abwechslungsreiche Klanguniversum von Justin McCauley aka Roommate eingetaucht. Mit seinem neuen Album „Roommate – Decades in Dub“ (Avocaudio) hat er letztlich auch meinen Geschmack getroffen. Roommate hat sich 12 Tracks seines riesigen Repertoires aus der Zeit von 2016 bis 2025 vorgenommen, um einiges tiefer gelegt, zerlegt und rekonstruiert, um sie mit fantasievollen Klängen zu bereichern. Eine Mischung aus Echos und Hall gepaart mit dem typisch psychedelischen West Coast Sound. Satte Basslines erstrecken sich in Dimensionen, wo sich Melodien im Tape-Delay Nebelschleier auflösen, während vertraute Motive in dubartigen Halluzinationen verschwinden. Das im Original fast sechs Minuten lange „Mezcal“ wurde als „Mezcal Dub“ auf weniger als vier Minuten zurechtgestutzt. Hier finde ich, wird Roommates Studioarbeit am eindrucksvollsten demonstriert. Roommate zeigt sein Dubverständnis durch seine ihm ureigene West Coast Perspektive: Einer Mischung aus Experimentierfreude, Intuition, Fantasie und klanglicher Vielfalt ohne Grenzen. Das Resultat ist dicht, überraschend und enthüllt verborgene Pfade, Versionen und neue Klangwelten des Originalmaterials.
Wenn zwei Produzenten ein gemeinsames Album veröffentlichen, teilen sie es meistens schlicht auf: Artist A bestreitet die erste Hälfte, Artist B die zweite. Bungaronics – Resistencia (SCOOPS Records) macht das anders. Vibronics aus Leicester und Bungalo Dub aus Iztapalapa, Mexiko, greifen nach denselben sechs Riddims – und bearbeiten jeden davon in ihrer eigenen Version. Man hört „Bad Mind“ zuerst im Vibronics-Mix mit Nia Songbird am Mikrofon, unmittelbar danach den Bungalo-Dub-Mix desselben Stückes. Dann „BURU“, wieder in zwei Versionen hintereinander. Und so weiter. Es ist ein direkter Vergleich, wie er selten zu hören ist – und aufschlussreicher als jede theoretische Beschreibung, was die jeweilige Produzenten-Handschrift ausmacht. Der Projektname „Bungaronics“ ist übrigens kein Zufall, sondern Programm: Bungalo und Vibronics, zusammengedacht zu einem einzigen Wort. Der Albumtitel „Resistencia“ – spanisch für Widerstand – verweist auf die mexikanischen Wurzeln des Projekts, aber auch auf eine Haltung, die beide Künstler teilen. Der Rahmen, der dabei gespannt wird, könnte geografisch kaum weiter sein. Leicester trifft Iztapalapa – ein Arbeiterviertel im Süden von Mexiko-Stadt. Bungalo Dub schaffen seit 2001 Dub in einer Szene, die in der globalen Wahrnehmung noch immer unterrepräsentiert ist. Mexiko als Dub-Standort ist kein Begriff, den man sofort im Mund führt. Dass es ihn gibt und dass er so klingt, ist eine Entdeckung. Die Produktionen sind ausgesprochen tight. Steppers – aber ohne einen Moment der Langeweile. Das ist schwerer, als es klingt. Wer schlecht produzierte Steppers-Musik kennt, weiß, wie schnell das hypnotische Potential des Genres in Monotonie kippt. Hier passiert das nicht. Die Basslines sind prägnant, der Groove sitzt. Vibronics liefert ab – keine Überraschung, aber schön, es wieder so klar zu hören. Und Bungalo Dub halten mühelos mit. Was der direkte Vergleich zeigt: Beide kommen aus demselben Dub-Kosmos, sprechen aber mit unterschiedlichem Akzent. Vibronics ist präziser, dichter, britisch-nüchtern im Zugriff. Bungalo Dub haben mehr Luft im Mix, gelegentlich einen anderen Schwerpunkt in den Effekten. Wer genau hinhört, lernt bei diesem Album mehr über Dub-Produktion als aus dem Lehrbuch.
Stand High Patrol aus Rennes gehören seit über zwanzig Jahren zu den verlässlichsten Kräften der französischen Dub-Szene. Die selbsternannten „Dubadub Musketeerz“ – Rootystep, Mac Gyver, MC Pupajim und Trompeter Merry – haben mit ihrem eigenen Label Stand High Records und einer konsequenten Verweigerung gegenüber Schubladen eine eigenständige Ästhetik entwickelt, die sie als eine der interessantesten Crews Europas ausweist. Mit Skanking & Jacking legen sie nun ihr bislang vielleicht ambitioniertestes Album vor. Das Konzept ist so einfach wie es weit greift: Dub und House Music. Zwei Ästhetiken, die scheinbar weit auseinanderliegen – und doch dieselbe Geschichte teilen. Stand High Patrol machen diesen Zusammenhang hörbar, und sie begründen ihn überzeugend: Von den Dancehall-Sessions Jamaikas der späten Sechziger bis zu Chicagos Warehouse und dem frühen New Yorker House der Achtziger zieht sich ein roter Faden aus Widerstand, Gemeinschaft, Sound Systems und der unmittelbaren Verbindung von Studio und Tanzfläche. Beide Genres wurden am Rand der Gesellschaft geboren, beide kreisten um Tanz und Minderheiten, beide lebten von kollektivem Handeln und dem Mut zur Unabhängigkeit. Das ist keine akademische These. Es klingt auf diesem Album so, als hätte es nie anders sein können. „Skanking & Jacking“ geht über das Minimal-Schema des Dub weit hinaus. Statt mit Studioeffekten aufgemotzen Standard-Rhythmns haben wir es hier mit regelrechten Dub-Songs zu tun – vielschichtig komponiert, sehr inspiriert arrangiert, komplex strukturiert. Zwölf ausgedehnte Tracks, gebaut auf immersiven Loops und durchzogen von Mikrovariationen, die dem Ganzen eine organische Textur geben. Die Musik entsteht – wie Stand High Patrol selbst formulieren – „aus der Interaktion zwischen Mensch und Maschine“. Ob die Franzosen hier andeuten, Ihre Tracks mit einer KI als Sparringspartner erarbeitet zu haben? Wahrscheinlicher sind aber Drum Machines und House-Synthis gemeint, ganz gewiss „Maschinen“, die zu dem House-Sound des Albums beitragen. Doch auch der Reggae-Offbeat sitzt Tight. Er ist eingebettet in Strukturen, die House-Loops, dichte melodische Schichten und dub-typische Raumtiefe vereinen. Das klingt nicht nach einem Experiment, das ausprobiert, ob zwei Genres zusammenpassen. Es klingt aber nach einer Musik, die genau weiß, woher sie kommt. Die internationale Besetzung ist die umfangreichste, die Stand High Patrol je auf einem Album versammelt hat. Joe Yorke aus England schreibt auf „Too Much Noise“ eine der stärksten Vokalnummern des Albums. Der leider viel zu früh verstorbene Nazamba aus der Schweiz tritt gleich zweimal auf – auf „Dem Try“ und „This is Music“ –, wobei jeder Auftritt die Konturen des Projekts anders akzentuiert. Marina P verleiht „In & Out“ eine leichtfüßige Eleganz. Und dann ist da „LSD Explosion“ mit dem jamaikanischen Deejay-Veteran Jah Thomas – einem Mann, dessen Stimme wir von den Shout Outs des Revolutionaries-Albums „Black Ash Dub“ gut kennen und der hier fast eine wörtlichen Kopie dieser darbietet. „Waterhouse Club“ und „Shaka“ – zwei Tracks ohne Gäste – verweisen im Titel auf Kingston und auf den britischen Sound-System-Vorväter Jah Shaka. Auch das sind keine zufälligen Setzungen. Dass am Ende Mad Professor eben diesen Track „LSD Explosion“ noch einmal als Dub-Mix neu interpretiert, ist mehr als ein Remix: Es ist ein historischer Kreisbogen von King Tubbys Erbe bis in die Gegenwart. Dazu kommen Reinterpretationen von Jeanville und Androo, die das Album in seiner letzten Bewegung öffnen, anstatt es zu schließen. „Never fixed, always in motion“ – wie Stand High Patrol selbst über das Album schreiben. Das stimmt. Diese Besetzung wirf unweigerlich die Frage auf: Ist das überhaupt noch Dub, wenn auf fast jedem Track eine Stimme zu hören ist? Die Antwort ist eindeutig: ja – weil die Stimmen hier kaum die Funktion übernehmen, die sie in klassischen Songs haben (von Joe Yorke und Marina P einmal begesehen). Sie werden eher spärlich eingesetzt, tauchen auf und verschwinden wieder, integrieren sich klanglich in die Musik, statt über ihr zu thronen. Insbesondere Nazamba und Jah Thomas fungieren hier weniger als Sänger im herkömmlichen Sinne, sondern eher wie Instrumente im Mix – Klangschichten, die kommen und gehen wie Echo-Effekte, wie ein Bläsersatz, der ins Delay läuft. Der Gesang unterstreicht hier das Dub-Prinzip mehr, als es zu unterlaufen.
Dub ist das einzige Musikgenre, das gleichzeitig Stil und Methode ist – und genau darin liegt eine Möglichkeit, die mich immer wieder fasziniert: Dub kann auf jeden Musikstil angewendet werden, ohne dass das Ergebnis auch nur eine Sekunde lang nach Reggae klingen muss. Wenn Afrobeat die Dub-Behandlung bekommt, bleibt Afrobeat Afrobeat – wird aber räumlicher, tiefer, analytisch zerlegt und am Mischpult neu zusammengesetzt. Das ist kein stilistisches Kostüm, das man einem Song überwirft. Es ist ein Produktionsprinzip, das in die Musik eingreift, sie von innen her umbaut. Und genau das ist es, was Captain Yossarian auf Fela Kuti in Dub (Agogo Records) mit vier Klassikern des nigerianischen Großmeisters anstellt. Wer ist eigentlich Captain Yossarian? Hinter dem Namen – entlehnt aus Joseph Hellers absurdem Kriegsroman „Catch-22″ – steckt Manuel da Coll, Schlagzeuger, Produzent und Dub-Enthusiast aus München. Sein Studio Katzlbaum liegt im Arbeiterviertel Untergiesing und ist, wie es dem Standort angemessen scheint, ein lebendiger Kreuzungspunkt: Krautrock-Pioniere wie Embryo arbeiten hier, Poets-of-Rhythm-Mastermind Jan Weissenfeldt hat hier sein Quartier, Franz Ferdinands Gitarrist Nick McCarthy trifft sich hier mit lokalen Blaskapellen, durchreisende Bands spielen spontane Konzerte und schlafen auf dem Sofa. Kein steriler Produktionsort, sondern ein kleiner Mikrokosmos der Musikgeschichte. Live spielt da Coll Schlagzeug bei LaBrassBanda, FEH und Pollyester; dazu betreibt er den Dubtrain.one, ein selbstgebautes batteriebetriebenes mobiles Soundsystem. Dub ist bei ihm keine Nische, sondern Lebenshaltung. Im Dub-Umfeld bekannt wurde Captain Yossarian durch „Bob Marley in Dub“ (2021, Echo Beach), das Don Letts seinerzeit auf BBC 6 Music vorstellte. „Fela Kuti in Dub“ ist das logische Folgewerk – mit einer noch größeren konzeptuellen Kühnheit. Denn was da Coll hier in Angriff nimmt, ist alles andere als naheliegend. Fela Kutis Musik ist das genaue Gegenteil jener minimalistischen, auf wenigen Elementen basierenden Struktur, aus der der klassische Dub seine Kraft bezieht. Kutis Afrobeat – den er in den frühen Siebzigern gemeinsam mit dem Schlagzeuger Tony Allen entwickelte – ist polyphon, vielschichtig, von einer großen Band getragen, rhythmisch akribisch verzahnt. Gerade diese Komplexität macht das Experiment so reizvoll: Kann man Musik, die von zwanzig Musikerinnen und Musikern gleichzeitig in dichte Schichten organisiert wird, analytisch zerlegen, neu zusammensetzen, in den Dub-Raum katapultieren – ohne dass das Gewebe reißt? Die Antwort, die „Fela Kuti in Dub“ gibt, ist ein überzeugtes Ja. Aber man muss genau hören, wie da Coll das anstellt. Es wäre zu wenig, einfach Hall und Echo über Kutis Tracks zu legen. Was Captain Yossarian betreibt, ist echte Dekonstruktion: Er reißt die Vielschichtigkeit auf, lässt Schichten verschwinden und wieder auftauchen, arbeitet mit den Lücken, die entstehen, wenn ein Bläsersatz plötzlich aus dem Mix gedubbt wird. Das Konzept orientiert sich am jamaikanischen Discomix – dem Format, das einen Song als Instrumental beginnt und ihn in eine vollständige Dub-Version überführt. Das funktioniert auch deshalb so gut, weil Afrobeat und Dub gar keine so ungleichen Geschwister sind, wie es zunächst scheint. Die repetitive, pattern-basierte Struktur von Kutis Musik ist ein Vorläufer moderner Produktionstechniken wie Techno und House – genau jener hypnotische, zyklische Zug, der beiden Stilen gemeinsam ist, gibt „Fela Kuti in Dub“ seine innere Kohärenz. Besonders klar wird das in den konkreten Klangentscheidungen, die Captain Yossarian für die vier Kuti-Klassiker getroffen hat. Auf „Water No Get Enemy“ imitieren donnernde Federhall-Einheiten und Percussion den strömenden Regen – der Songtitel wird zur Klangskulptur. „Zombie“ bekommt marschierende Soldaten und schrotflintartige Halleinbrüche: Kutis politische Botschaft bleibt hörbar auch dort, wo kein Wort mehr gesungen wird. „Expensive Shit“ enthält eine Registrierkasse, ein kluges dramaturgisches Mittel, das den satirischen Gehalt des Originals ohne Text weiterträgt. Und „Everything Scatter“ schickt live auf einem Korg MS10 gespielte Dub-Sirenen durch den Mix. Diese Detailarbeit macht deutlich: Hier setzt jemand nicht bloß Effekte ein, sondern er denkt Musik. Dass ausschließlich analoge Instrumente, Sounds und Effekte zum Einsatz kamen, merkt man dem Album an, ohne dass man es erklären müsste. Mix und Live-Dubbing übernahmen Captain Yossarian und Ingenieur Seb-I (Sebastian Kellig) in den Sausage Studios in London: alles in Echtzeit, Fader und Effekte live in der Hand. Das ist Dub in seiner reinsten Form. Die Besetzung, die da Coll für die Aufnahmen zusammengestellt hat, ist konsequent. Prince Tempopolice – ein überzeugter Afrobeat-Fan, der die Welt mit Highlife-Legenden wie Ebo Taylor und Pat Thomas sowie zuletzt mit Ghanas Santrofi bereist hat – spielt auf „Zombie in Dub“ Schlagzeug. Jan Weissenfeldt, bekannt durch Poets of Rhythm und die Whitefield Brothers, ist auf „Water No Get Enemy“ zu hören. Und Jimi Tenor, der gemeinsam mit Tony Allen – also mit Fela Kutis Schlagzeuger – das Album „Inspiration, Information“ eingespielt hat, liefert auf „Expensive Shit in Dub“ sein Saxofon. Das ist keine beliebig zusammengewürfelte Besetzung, sondern biographische Konsequenz. Ein letzter, kaum zu übertreffender Zug in der Entstehungsgeschichte: Für das Premaster bat Captain Yossarian Sodi Marciszewer vom Zarma Studio in Paris – der unter anderem Fela Kuti, Femi Kuti, Seun Kuti und Damian Marley produziert hat –, den Mix auf eben jenem originalen Decca-Mischpult abzunehmen, auf dem Fela Kuti in Lagos gearbeitet hatte. Ein Mischpult als historischer Zeuge, als physischer Kontaktpunkt zwischen dem Erbe und seiner Neuerfindung. Das ist entweder sehr romantischer Fetischismus oder sehr ernster Respekt. Ich neige dazu, es für beides zu halten. „Fela Kuti in Dub“ ist das, was solche Begegnungen im besten Fall sein können: keine Reverenz, kein Remix, keine Bearbeitung im trivialen Sinne – sondern ein eigenständiges Werk, das aus zwei starken musikalischen Traditionen eine dritte Sprache destilliert.
Rhythm & Sound – das Berliner Duo Moritz von Oswald und Mark Ernestus – hat in den frühen 2000er Jahren etwas Seltenes geschafft: Sie haben Jamaikanischen Dub und Minimal Techno so ineinander gefaltet, dass eine neue, dritte Sprache entstand – die aber noch immer beide Herkunftssprachen hörbar in sich trägt. Eine Sprache, die bis heute fortwirkt – auch auf der anderen Seite der Erde. Subset aus Brisbane und das australische Label Primary Colours Music bewegen sich genau in diesem Koordinatensystem. Gathering The Threads (Primary Colours) klingt deshalb wie Minimal Techno – und ist es auch, irgendwie. Der Reggae-Offbeat schimmert aber durch und das hypnotische Dub-Schema kommt voll zur Geltung. Die Grooves sind geduldig, die Arrangements sparsam. Jedes Element bekommt Raum im Mix. Der Bass rollt in langen Bögen, die Dub-Akkorde wandern weich durch das Stereobild, Spring-Hall-Einheiten geben dem Ganzen eine haptische Textur. Was das besonders schön macht: Diese Musik weiß genau, was sie ist und was sie nicht sein will. Sie sucht keine Auflösung, sondern Spannung – „Dub We Bring“ etwa, der Abschlusstrack, reduziert das Material bis auf ein fast skelettartiges Minimum, in dem der Raum selbst zum Instrument wird. Pugilist, Produzent aus dem gleichen Melburner Umfeld, vertieft in seinem Remix von „Dust Breather“ nochmals das Gravitationszentrum, macht die Atmosphäre dichter, den Groove introspektiver. Ein schönes Beispiel dafür, dass Dub nicht Reggae sein muss – und trotzdem Dub bleibt.