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Five Star Review

Captain Yossarian: Fela Kuti in Dub

Dub ist das einzige Musikgenre, das gleichzeitig Stil und Methode ist – und genau darin liegt eine Möglichkeit, die mich immer wieder fasziniert: Dub kann auf jeden Musikstil angewendet werden, ohne dass das Ergebnis auch nur eine Sekunde lang nach Reggae klingen muss. Wenn Afrobeat die Dub-Behandlung bekommt, bleibt Afrobeat Afrobeat – wird aber räumlicher, tiefer, analytisch zerlegt und am Mischpult neu zusammengesetzt. Das ist kein stilistisches Kostüm, das man einem Song überwirft. Es ist ein Produktionsprinzip, das in die Musik eingreift, sie von innen her umbaut. Und genau das ist es, was Captain Yossarian auf Fela Kuti in Dub (Agogo Records) mit vier Klassikern des nigerianischen Großmeisters anstellt.
Wer ist eigentlich Captain Yossarian? Hinter dem Namen – entlehnt aus Joseph Hellers absurdem Kriegsroman „Catch-22″ – steckt Manuel da Coll, Schlagzeuger, Produzent und Dub-Enthusiast aus München. Sein Studio Katzlbaum liegt im Arbeiterviertel Untergiesing und ist, wie es dem Standort angemessen scheint, ein lebendiger Kreuzungspunkt: Krautrock-Pioniere wie Embryo arbeiten hier, Poets-of-Rhythm-Mastermind Jan Weissenfeldt hat hier sein Quartier, Franz Ferdinands Gitarrist Nick McCarthy trifft sich hier mit lokalen Blaskapellen, durchreisende Bands spielen spontane Konzerte und schlafen auf dem Sofa. Kein steriler Produktionsort, sondern ein kleiner Mikrokosmos der Musikgeschichte. Live spielt da Coll Schlagzeug bei LaBrassBanda, FEH und Pollyester; dazu betreibt er den Dubtrain.one, ein selbstgebautes batteriebetriebenes mobiles Soundsystem. Dub ist bei ihm keine Nische, sondern Lebenshaltung.
Im Dub-Umfeld bekannt wurde Captain Yossarian durch „Bob Marley in Dub“ (2021, Echo Beach), das Don Letts seinerzeit auf BBC 6 Music vorstellte. „Fela Kuti in Dub“ ist das logische Folgewerk – mit einer noch größeren konzeptuellen Kühnheit.
Denn was da Coll hier in Angriff nimmt, ist alles andere als naheliegend. Fela Kutis Musik ist das genaue Gegenteil jener minimalistischen, auf wenigen Elementen basierenden Struktur, aus der der klassische Dub seine Kraft bezieht. Kutis Afrobeat – den er in den frühen Siebzigern gemeinsam mit dem Schlagzeuger Tony Allen entwickelte – ist polyphon, vielschichtig, von einer großen Band getragen, rhythmisch akribisch verzahnt. Gerade diese Komplexität macht das Experiment so reizvoll: Kann man Musik, die von zwanzig Musikerinnen und Musikern gleichzeitig in dichte Schichten organisiert wird, analytisch zerlegen, neu zusammensetzen, in den Dub-Raum katapultieren – ohne dass das Gewebe reißt?
Die Antwort, die „Fela Kuti in Dub“ gibt, ist ein überzeugtes Ja. Aber man muss genau hören, wie da Coll das anstellt. Es wäre zu wenig, einfach Hall und Echo über Kutis Tracks zu legen. Was Captain Yossarian betreibt, ist echte Dekonstruktion: Er reißt die Vielschichtigkeit auf, lässt Schichten verschwinden und wieder auftauchen, arbeitet mit den Lücken, die entstehen, wenn ein Bläsersatz plötzlich aus dem Mix gedubbt wird. Das Konzept orientiert sich am jamaikanischen Discomix – dem Format, das einen Song als Instrumental beginnt und ihn in eine vollständige Dub-Version überführt.
Das funktioniert auch deshalb so gut, weil Afrobeat und Dub gar keine so ungleichen Geschwister sind, wie es zunächst scheint. Die repetitive, pattern-basierte Struktur von Kutis Musik ist ein Vorläufer moderner Produktionstechniken wie Techno und House – genau jener hypnotische, zyklische Zug, der beiden Stilen gemeinsam ist, gibt „Fela Kuti in Dub“ seine innere Kohärenz.
Besonders klar wird das in den konkreten Klangentscheidungen, die Captain Yossarian für die vier Kuti-Klassiker getroffen hat. Auf „Water No Get Enemy“ imitieren donnernde Federhall-Einheiten und Percussion den strömenden Regen – der Songtitel wird zur Klangskulptur. „Zombie“ bekommt marschierende Soldaten und schrotflintartige Halleinbrüche: Kutis politische Botschaft bleibt hörbar auch dort, wo kein Wort mehr gesungen wird. „Expensive Shit“ enthält eine Registrierkasse, ein kluges dramaturgisches Mittel, das den satirischen Gehalt des Originals ohne Text weiterträgt. Und „Everything Scatter“ schickt live auf einem Korg MS10 gespielte Dub-Sirenen durch den Mix. Diese Detailarbeit macht deutlich: Hier setzt jemand nicht bloß Effekte ein, sondern er denkt Musik.
Dass ausschließlich analoge Instrumente, Sounds und Effekte zum Einsatz kamen, merkt man dem Album an, ohne dass man es erklären müsste. Mix und Live-Dubbing übernahmen Captain Yossarian und Ingenieur Seb-I (Sebastian Kellig) in den Sausage Studios in London: alles in Echtzeit, Fader und Effekte live in der Hand. Das ist Dub in seiner reinsten Form.
Die Besetzung, die da Coll für die Aufnahmen zusammengestellt hat, ist konsequent. Prince Tempopolice – ein überzeugter Afrobeat-Fan, der die Welt mit Highlife-Legenden wie Ebo Taylor und Pat Thomas sowie zuletzt mit Ghanas Santrofi bereist hat – spielt auf „Zombie in Dub“ Schlagzeug. Jan Weissenfeldt, bekannt durch Poets of Rhythm und die Whitefield Brothers, ist auf „Water No Get Enemy“ zu hören. Und Jimi Tenor, der gemeinsam mit Tony Allen – also mit Fela Kutis Schlagzeuger – das Album „Inspiration, Information“ eingespielt hat, liefert auf „Expensive Shit in Dub“ sein Saxofon. Das ist keine beliebig zusammengewürfelte Besetzung, sondern biographische Konsequenz.
Ein letzter, kaum zu übertreffender Zug in der Entstehungsgeschichte: Für das Premaster bat Captain Yossarian Sodi Marciszewer vom Zarma Studio in Paris – der unter anderem Fela Kuti, Femi Kuti, Seun Kuti und Damian Marley produziert hat –, den Mix auf eben jenem originalen Decca-Mischpult abzunehmen, auf dem Fela Kuti in Lagos gearbeitet hatte. Ein Mischpult als historischer Zeuge, als physischer Kontaktpunkt zwischen dem Erbe und seiner Neuerfindung. Das ist entweder sehr romantischer Fetischismus oder sehr ernster Respekt. Ich neige dazu, es für beides zu halten.
„Fela Kuti in Dub“ ist das, was solche Begegnungen im besten Fall sein können: keine Reverenz, kein Remix, keine Bearbeitung im trivialen Sinne – sondern ein eigenständiges Werk, das aus zwei starken musikalischen Traditionen eine dritte Sprache destilliert.

Bewertung: 4.5 von 5.

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Subset: Gathering the Threads

Rhythm & Sound – das Berliner Duo Moritz von Oswald und Mark Ernestus – hat in den frühen 2000er Jahren etwas Seltenes geschafft: Sie haben Jamaikanischen Dub und Minimal Techno so ineinander gefaltet, dass eine neue, dritte Sprache entstand – die aber noch immer beide Herkunftssprachen hörbar in sich trägt. Eine Sprache, die bis heute fortwirkt – auch auf der anderen Seite der Erde.
Subset aus Brisbane und das australische Label Primary Colours Music bewegen sich genau in diesem Koordinatensystem. Gathering The Threads (Primary Colours) klingt deshalb wie Minimal Techno – und ist es auch, irgendwie. Der Reggae-Offbeat schimmert aber durch und das hypnotische Dub-Schema kommt voll zur Geltung. Die Grooves sind geduldig, die Arrangements sparsam. Jedes Element bekommt Raum im Mix. Der Bass rollt in langen Bögen, die Dub-Akkorde wandern weich durch das Stereobild, Spring-Hall-Einheiten geben dem Ganzen eine haptische Textur.
Was das besonders schön macht: Diese Musik weiß genau, was sie ist und was sie nicht sein will. Sie sucht keine Auflösung, sondern Spannung – „Dub We Bring“ etwa, der Abschlusstrack, reduziert das Material bis auf ein fast skelettartiges Minimum, in dem der Raum selbst zum Instrument wird. Pugilist, Produzent aus dem gleichen Melburner Umfeld, vertieft in seinem Remix von „Dust Breather“ nochmals das Gravitationszentrum, macht die Atmosphäre dichter, den Groove introspektiver. Ein schönes Beispiel dafür, dass Dub nicht Reggae sein muss – und trotzdem Dub bleibt.

Bewertung: 4 von 5.
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Foreigners Everywhere: If Everything is Possible, Nothing is Necessary.

Dass Dub politische Musik ist, dürfte allen bewusst sein. Dass eine Band den politischen Anspruch so konsequent in jede Pore ihres Schaffens einschreibt wie Foreigners Everywhere aus dem kroatischen Pula, erlebt man hingegen seltener. Das Kollektiv versteht seinen Dub explizit als Werkzeug: anarchistisch, antifaschistisch, solidarisch. Alle Einnahmen fließen in Graswurzel-Projekte für Menschen-, Tier- und Umweltrechte – und das Album erscheint auf Woodland Records aus Bulgarien, einem der konsequentesten Dub-For-Social-Change-Label im europäischen Underground. Das ist kein Beiwerk, sondern Programm. Und es ist gut so. Denn Dub war nie eine Musik ohne Haltung – von den ersten Mischpult-Experimenten in Kingston bis zu Adrian Sherwoods On-U Sound war das Genre immer auch ein Kommentar zur Welt, in der es entstand. Dass Foreigners Everywhere diese Tradition nicht nur fortschreiben, sondern mit echter Überzeugung mit Leben füllen, verdient Respekt. Und das Beste daran: Die Musik hält mit.
If Everything Is Possible, Nothing Is Necessary. (Woodland Records) von Foreigners Everywhere ist handwerklich überzeugend. Was mich sofort packt, ist der Steppers-Sound: wuchtig, manchmal beinahe brachial, klar auf den Einsatz in Sound-Systems ausgelegt – die Basslines sind keine Untermalung, sondern prägnante kleine Melodien mit eigenem Gewicht. Und das ist der eigentliche Kern dieses Albums: Das Ausgangsmaterial ist einfach gut. Auf den ersten Blick könnte man meinen, die Strukturen seien überschaubar. Aber je länger man hinhört, desto mehr Schichten zeigen sich: das Arrangement ist durchdacht, der Mix klar und lebendig, der Groove kaum zu toppen.
Was das Album darüber hinaus interessant macht, ist seine Netzwerkqualität. Foreigners Everywhere produzieren Dub als kollektives Projekt – nahezu jeder Track trägt den Fingerabdruck eines anderen Mix-Partners. Homegrown Sound, Dubar Sound, Jah Free, Kodama Dub: Das sind keine willkürlichen Kollaborationen, sondern ein europäisches Solidaritätsnetzwerk, das sich im Klang niederschlägt. Track 5, „Pula – Stefan Stambolovo – Southend-on-Sea“, nennt es sogar beim Namen: drei geographische Punkte, die die Koordinaten dieses Projekts markieren – Kroatien, Bulgarien, England. Dub als Kartographie. Den Abschluss bildet „Demokracija“ mit G.U.W. und Zion Train – der vielleicht stärkste Track des Albums.

Bewertung: 4 von 5.
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Prince Lincoln Thompson & The Royal Rasses: God Sent Dub (Deluxe Edition)

Prinzipiell gehört Prince Lincoln Thompson mit seinen Royal Rasses nicht zu meinen absoluten Favoriten. Obwohl ich mit seiner Falsettstimme herzlich wenig anfangen kann, schätze ich seine Alben ganz besonders wegen ihrer unglaublichen Musikalität. Immerhin gehören zwei Dub-Alben von Prince Lincoln Thompson and the Royal Rasses zu meinen absoluten Dubs für die einsame Insel. Das wäre zum Ersten: „Harder Na Rass“ von Prince Jammy gemixt, doch um das Album soll es hier nicht gehen. Mein Augenmerk liegt auf „Prince Lincoln Thompson & The Royal Rasses: God Sent Dub“ (Deluxe Edition) von Burning Sounds aus dem Jahr 2023. Ein Album, das vor dem Re-Release viele Jahre in Vergessenheit geraten war, obwohl es für mich insgesamt ein sehr wichtiges Album aus dieser Ära ist. Dem „God Sent Dub“ ging 1980 das Vokal-Album „Natural Wild“ voraus, der verkrampfe Versuch, ein Reggae-Crossover-Album mit dem damals recht populären Joe Jackson auf die Beine zu stellen, um endlich den erhofften kommerziellen Durchbruch zu schaffen. Die Rechnung ging leider nicht auf. Prince Lincoln Thompson wurde nie die Anerkennung zuteil, die ihm zugestanden hätte. Selbst nachdem Bob Marley gestorben war und die Labels panisch auf der Suche nach dem nächsten Reggae Superstar waren, ging der Ruhm an ihm vorbei. Ehrlich gesagt, ist „Natural Wild“ in der Nachbetrachtung und der Patina von heute 46 Jahren insgesamt ein sehr feines Album.
Sein letztes Album nahm Prince Lincoln Thompson 1997 auf und zwei Jahre später war er tot.

Der „God Sent Dub“ (Burning Sounds) gehört zu meinen absoluten Favoriten im Dub-Sektor. Wenn man sich die Band betrachtet, die ihr Können mit ins Album einbrachte, kann man nur zustimmend mit dem Kopf nicken: Mikey “Boo” Richards (Drums), Bertram “Ranchie” McLean (Bass), Ansel Collins (Orgel, Grand Piano), Aswad’s Tony ‘Gad” Robinson (Synthesizer), Radcliffe “Dougie” Bryan und Willie Lindo (Gitarre). Dazu gesellte sich noch Joe Jacksons Band, die jedoch bei den Dubs kaum akustisch auffällt. Ursprünglich wurde der „God Sent Dub“ als White Label mit einer Auflage von 300 Stück gepresst und unter Dub-Musik-Enthusiasten in London verkauft. Danach war das Album unter Sammlern legendär. Viele Jahre wusste ich nicht, wer den „God Sent Dub“ gemischt hat. Auf der handgeschriebenen Matrix steht auf Seite A „BIBO ‚N‘ CHRIS“ und auf Seite B „DUB CITY“. Zwei geheimnisvolle Toningenieure, zwei Reggae Fans, die, wie man heute weiß, Chris Lane (Reggae Redakteur) und Andy Gierus (Toningenieur) waren. Zwei damals relativ Unbedarfte, die sich Studiozeit sicherten, um aus „Natural Wild“ ein Dub-Album zu machen. Die nächste Hürde, welche die Zwei meistern mussten, war die Studiozeit. Statt der angenommenen vier Stunden Studiozeit, standen lediglich zwei zur Verfügung. Also hieß es, schnell zu arbeiten, nicht auf Kleinigkeiten zu achten und zu improvisieren. Chris Lane und Andy Gierus war es unmöglich, wegen des Zeitmangels alle Tracks ausreichend zu überprüfen und anzupassen, was zwangsläufig zu einigen Fehlern und Störungen führen musste. Später soll Chris Lane noch versucht haben, einzelne Fehler durch Ausschneiden und Einfügen à la King Tubby zu korrigieren. Vielleicht macht gerade dieser Zeitmangel das Dub-Album so authentisch und verleiht ihm Charme und viel mehr Seele als dem Original.

Mein Fazit: Wer sich für die CD entscheidet, bekommt insgesamt 13 Tracks – sieben Originale und sechs alternate Mixes. Der alternate Mix von „Smiling Faces“ fehlt komplett, weil er so stark beschädigt war, dass er nicht mehr restauriert werden konnte. Obwohl Chris Lane zuvor kaum oder gar keine Erfahrung im Abmischen und Remixen hatte, ist es ihm dennoch gelungen, ein außergewöhnliches Projekt im klassischen Roots-Dub-Stil zu erschaffen.

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Rockers Hi Fi: Original Lo Fi

Das Interessanteste an Original Lo-Fi (!K7) von Rockers Hi-Fi ist, was man nicht hört: hochglanzpolierte Studioarbeit, berechnetes Arrangement, das geölte Handwerk erfahrener Profis. Stattdessen: ein Lagerraum über einem Klavierladen in Birmingham, Casio-Sampler, ein Atari 1040 und das Gefühl, dass hier Leute etwas ausprobieren, das noch keinen richtigen Namen hat. Genau diese Rauheit, diese produktive Uninformiertheit der frühen Neunziger, ist es, die das Album drei Jahrzehnte später zu einem so aufschlussreichen Dokument macht.
Was mich dabei besonders beeindruckt: Rockers Hi-Fi waren ihrer Zeit voraus (indem sie die Grenzen von Dub beherzt überschritten) – und lagen gleichzeitig exakt im Zeitgeist. Wie Dreadzone, Zion Train, Groove Corporation oder Rhythm & Sound gelang ihnen der Crossover ins House-Genre, ohne den Dub-Kern aufzugeben. Auf „Sexy Selector“ und „DeMat DubRim“ hört man das deutlich: Dub-Ästhetik, die sich nicht schämt, für Dancefloors produziert worden zu sein. Und „Clint Eastwood Is Tuffer Than Lee Van Cleef“ ist ein Dub-House-Bastard der besten Sorte – direkt, ruppig, unvergessen.
Dass das Album jetzt, dreißig Jahre nach seiner Entstehung, neu zusammengestellt und remastered erscheint, ergibt vollkommenen Sinn. Es klingt nicht nach Nostalgie, sondern nach einer Idee, die sich inzwischen bestätigt hat. Wer wissen will, woher ein Gutteil des heutigen Dub-Electronica-Diskurses kommt, findet hier eine der Wurzeln.

Bewertung: 4 von 5.

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Review Sonstiges

Echoes from the Machine

Warum KI-generierter Dub unser Verständnis von Kreativität und Musikkultur erschüttert.

Vor einiger Zeit schrieb ich eine Review des aktuellen Haris-Pilton-Albums „Think Dubby“, das mir ganz gut gefiel. Eine von Tausenden Reviews, die ich in meinem Leben geschrieben habe. Und doch war sie es, die eine ziemliche Kontroverse hier im Dubblog losgetreten hat, denn mir war nicht aufgefallen, dass Haris Pilton zur Produktion seiner Dubs offenbar künstliche Intelligenz verwendet hatte. Zumindest wurde dieser Vorwurf erhoben – wenn auch nicht bewiesen. Andererseits hat Haris auch nicht eindeutig dementiert, sodass in der Tat davon auszugehen ist, dass KI im Spiel war.

Zum Glück traf es bei dem Disput weniger mich und meine Review. Die war eigentlich nur der Anlass, um Haris Pilton schwere Vorwürfe zu machen. Er würde die Dub-Community betrügen und unser heiliges Genre entehren.

Während sich in manchen Genres niemand wirklich darum zu scheren scheint, ob bei der Produktion KI involviert ist, macht es zumindest bei Dub offenbar einen Riesenunterschied zwischen „ehrlicher“ Musik und Musikbetrug.

Ich muss zugeben, dass auch ich etwas schockiert war und leise an meiner Dub-Kompetenz gezweifelt habe. Wie konnte ich nicht hören, dass die Dubs KI-generiert waren? Wie konnte mir das entgehen? In der Tat schwankt die Qualität der Pilton-Produktionen ziemlich stark, und sein Oeuvre erscheint zudem stilistisch disparat. Das hätte mich skeptisch machen sollen. Zudem wirkt das Album „Think Dubby“ selbst nicht sehr geschlossen. Es gibt brillante Tracks, aber auch einige schlechtere, die aus dem Rahmen fallen.

Erst im Nachgang fragte ich mich, warum es eigentlich einen solchen Unterschied macht, ob Dub KI-generiert ist oder „handwerklich“ produziert wurde. Mein Motto lautet eigentlich: „Es zählt, was hinten raus kommt“. Dazu stehe ich auch: Letztlich zählt das, was wirklich zu hören ist. Ein Werk ist gut oder schlecht, ganz egal, wie es zustande kam, welche Technik eingesetzt wurde, wer es geschaffen hat, ob viel oder wenig Geld, viel oder wenig Zeit, viel oder wenig Talent investiert wurde. Informationen darüber mögen unsere Rezeption beeinflussen und uns dabei helfen, ein Werk besser zu verstehen. Aber an der Qualität der Musik ändert es nichts, denn der Schall, der an unsere Ohren dringt, bleibt gleich – ganz egal, was wir darüber wissen. Also müssen wir die Qualität eines Musikstücks ohne all das Vorwissen beurteilen können, nur auf Basis dessen, was wirklich da ist: die pure Musik. So gesehen spielt es keine Rolle, ob echte Musiker und Musikerinnen am Werk waren, ob digital mit Logic Pro produziert wurde, ob gesampelt wurde oder ob die Musik KI-generiert ist, oder? 

Merkwürdig, dass es trotzdem nicht so ist. KI-Musik vom Brighton Dub Club oder von Full Dub Riddims höre ich mir nicht gerne an. Da regt sich ein Widerwille in mir – und offenbar auch in vielen anderen Dub-Freunden. Woran liegt das?

Erklärungsversuch 1

Eine Erklärung könnte sein, dass KI-Dubs ein betrügerischer Rip-off menschlicher Musiker und Musikerinnen sind, denn die KI wurde ja mit dem Material menschlicher Musikschaffender trainiert – ohne dass diese dafür entlohnt wurden. Dieses Argument ist oft von Kreativen unterschiedlicher Disziplinen zu hören: Grafiker:innen, Illustrator:innen, Fotograf:innen, Texter:innen, Videograf:innen, Schriftsteller:innen und vielen mehr. Diese haben viel Zeit und Mühe in das Erlernen ihrer Fähigkeiten investiert – und nun nimmt die KI ihnen die Jobs weg. Das gelingt der KI perfiderweise nur deshalb, weil sie ihre Fähigkeiten an den Werken der Kreativen „trainiert“ hat. Juristisch läuft das auf die Frage hinaus, ob die KI-Hersteller zum Training ihrer Modelle widerrechtlich urheberrechtlich geschütztes Material verwendet haben. Das ist Gegenstand aktueller juristischer Diskussionen, und wir werden wohl bald erfahren, ob OpenAI, Google, Anthropic, Suno und die anderen eine Art „GEMA“ werden nachzahlen müssen.

Das generelle Prinzip des Lernens anhand der Werke anderer ist jedenfalls nicht schändlich. Denn was macht die KI denn eigentlich anders als menschliche Schüler:innen, die von den Werken großer Meister lernen? Ist es nicht ganz normale Ausbildungspraxis, dass an den Werken anderer die eigenen Fähigkeiten trainiert werden? Wir trainieren prinzipiell genauso wie eine KI es tut, indem wir uns die Werke anderer anschauen, sie analysieren und studieren. Abgesehen davon, dass wir dabei um Dimensionen effizienter lernen, ist es genau dasselbe, was die KI macht. Allerdings – das ist ein wesentlicher Unterschied – haben wir zuvor Geld für einen Museumsbesuch, ein Buch oder ein Spotify-Abo ausgegeben. Wir haben also – über Umwege – die Kreativen dafür bezahlt, dass wir ihre Werke studieren durften.

Dass wir uns der Werke anderer bedienen, wird noch viel deutlicher beim Sampling, bei Collagen oder „Zitaten“. Hier wird regelrecht kopiert – was aber gemeinhin akzeptiert ist. Gut gewählte Samples werden sogar anerkennend gelobt, ein cleveres Zitat geschätzt, und Collagen gelten als eigenständige künstlerische Werke. Warum also, verdammt noch mal, haben wir ein Problem mit KI-generierten Dubs?

Erklärungsversuch 2

Vielleicht ist es gekränkte Eitelkeit, weil sich niemand wirklich die Mühe macht, die Musik zu erschaffen, der ich meine Zeit widme, um sie aufmerksam zu hören? Kann ich Musik genießen, wenn es keinen Artist gibt, dem es um mich als Hörenden geht? Wenn da niemand ist, der mir gefallen will, der sich um mein Vergnügen bemüht, der mir im besten Fall etwas mitzuteilen hat? Kurz: Kann ich Musik genießen und wertschätzen, wenn kein menschlicher Schöpfer dahintersteht?

Bei einer idyllischen Landschaft ist das seltsamerweise kein Problem. Auch hinter ihr steht kein menschlicher Schöpfer, und doch genießen und schätzen wir sie inbrünstig. Das gilt auch für andere Naturschönheiten. Wie faszinierend ist der Anblick mancher Pflanzen oder Tiere, die ebenfalls nicht das Werk eines Künstlers oder einer Künstlerin sind. Warum sollte das bei Musik, Malerei oder Film anders sein? Vielleicht schafft es eine wirklich gute KI in Zukunft, nur noch gute Musik zu komponieren. All killer, no filler! Was wäre dagegen einzuwenden?

Erklärungsversuch 3

Vielleicht muss man etwas tiefer in der Psyche des westlichen Menschen graben, um eine Erklärung für das Unbehagen zu finden, das uns befällt, wenn wir KI-Musik oder KI-Kunst vor uns haben. Also starten wir mal bei Sigmund Freud. In seiner Arbeit „Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse“ aus dem Jahre 1917 beschreibt Freud die Widerstände, die der von ihm entwickelten Psychoanalyse seiner Auffassung nach entgegenstehen. Wie jede wissenschaftliche Neuerung müsse auch sie sich gegen etabliertes Denken durchsetzen – nicht zuletzt deshalb, weil durch sie „starke Gefühle der Menschheit verletzt worden sind“.

Freud nennt drei große Kränkungen des menschlichen Narzissmus: die kosmologische Kränkung durch Kopernikus, der den Menschen aus dem Mittelpunkt des Weltalls vertrieb; die biologische Kränkung durch Darwin, der den Menschen in die Reihe der Tiere stellte; und schließlich die psychologische Kränkung durch Freud selbst, der dem Ich erklärte, es sei „nicht Herr im eigenen Haus“.

Seitdem sind weitere Kränkungen hinzugekommen. Die Neurobiologie hat die alte Trennung von Körper und Geist zumindest stark erschüttert. Das Ich, das wir so gerne als autonome Instanz begreifen, erscheint immer mehr als Funktion eines Körpers, der von Chemie, Biologie, Trieben, Routinen und unbewussten Prozessen bestimmt wird. 

Und nun kommt, ziemlich aktuell, die nächste Zumutung hinzu: Auch Intelligenz und Kreativität sind offenbar nicht mehr exklusiv menschlich. Maschinen schreiben Texte, malen Bilder, komponieren Musik, entwerfen Designs, erzeugen Stimmen, imitieren Stile und lösen Probleme, für die wir bis vor Kurzem noch Begabung, Bildung, Erfahrung oder wenigstens ein empfindsames Innenleben vorausgesetzt hätten.

Das kränkt. Natürlich kränkt das. Denn es nimmt uns eine weitere Bastion, auf der wir es uns lange bequem gemacht hatten. Wenn eine Maschine plötzlich ein Dub-Album erzeugen kann, das zumindest auf den ersten Blick funktioniert, dann stellt das nicht nur die Maschine zur Diskussion, sondern auch unsere Vorstellung davon, was menschliche Kreativität eigentlich ist. Wer mag sich schon unbefangen an einem Werk erfreuen, das zugleich den Verdacht nahelegt, dass einige unserer heiligsten Unterschiede zwischen Mensch und Maschine vielleicht weniger stabil sind, als wir dachten?

Aber diese Erklärung reicht nicht aus. Der Widerstand gegen KI-Musik ist nicht bloß verletzter Stolz. Er ist auch nicht einfach die beleidigte Reaktion einer Spezies, die feststellen muss, dass sie Konkurrenz bekommen hat. Viele Einwände gegen KI sind sehr viel handfester. Musiker:innen, Produzent:innen, Grafiker:innen, Autor:innen und andere Kreative fürchten nicht nur, dass Maschinen besser werden könnten als sie. Sie fürchten, dass Plattformen, Labels, Streamingdienste und Content-Farmen KI nutzen, um menschliche Arbeit zu entwerten, Honorare zu drücken, Rechte zu umgehen und Kultur in massenhaft verfügbaren, jederzeit austauschbaren Stimmungsbrei zu verwandeln.

Das ist keine bloße narzisstische Kränkung, sondern eine reale Machtfrage. Wer besitzt die Trainingsdaten? Wer verdient an den Modellen? Wer wird ersetzt, wer wird bezahlt, wer bleibt sichtbar? Wer kann es sich leisten, menschliche Kreativität weiterhin als kostbares Gut zu behandeln, wenn synthetische Alternativen billiger, schneller und beliebig skalierbar sind? In diesem Sinne ist das Unbehagen an KI-Musik auch ein Misstrauen gegenüber den ökonomischen Strukturen, in denen diese Musik entsteht und verbreitet wird. Vielleicht richtet sich unser Widerwille also gar nicht nur gegen die Maschine selbst, sondern gegen die Welt, die sie hervorbringt und die sie aller Wahrscheinlichkeit nach noch effizienter, glatter und rücksichtsloser machen wird.

Trotzdem bleibt die psychologische Kränkung ein wichtiger Teil des Problems. Denn selbst wenn alle rechtlichen Fragen geklärt wären, selbst wenn Musiker:innen fair vergütet würden, selbst wenn transparent gekennzeichnet wäre, welche Musik KI-generiert ist und welche nicht, bliebe vermutlich ein Rest Unbehagen. Die Vorstellung, dass Kreativität aus Wahrscheinlichkeiten, Mustern und Kontextfenstern entstehen kann, ohne Erfahrung, Verletzlichkeit, Langeweile, Sehnsucht oder Weltbeziehung, widerspricht unserem eingeübten Kunstverständnis. Wir wollen hinter einem Werk jemanden vermuten: ein Subjekt, eine Absicht, einen Körper, ein Leben. Die KI aber liefert womöglich ein Resultat, ohne diese Geschichte mitzuliefern. Und genau darin liegt ihre Zumutung.

Erklärungsversuch 4

Womit wir beim Thema der Künstler:innen-Persönlichkeit wären. Seit Tausenden von Jahren sind wir als Menschen darauf geprägt, dass kulturelle und künstlerische Werke von begabten Individuen stammen. Galten die Künstler früher als Handwerker, so entstand im 18. Jahrhundert die Idee des Künstlergenies. Dieses wird bis heute als originelles, schöpferisches Individuum verstanden, das aus innerer Kraft Neues hervorbringt. Ihren Höhepunkt erreicht diese Vorstellung in der Romantik um 1800: Der Künstler wird fast zu einer visionären, außergewöhnlichen Figur mit besonderem Zugang zu Wahrheit, Natur oder dem Absoluten. Kunst erschien als Ausdruck einer besonderen inneren Kraft. Dieser „Künstlermythos“ besteht – abgeschwächt – bis heute fort und prägt unseren Blick auf Kunst und Kultur. Auch wenn aus dem einsamen Schöpfergenie zunehmend eine Figur im Geflecht aus Gesellschaft, Markt, Technik und Zusammenarbeit wurde, so fällt es uns aktuell extrem schwer, Kunst als etwas zu verstehen, das womöglich ohne menschlichen Schöpfer bzw. ohne menschliche Schöpferin auskommt. 

Hinzu kommt, dass Kunst jahrhundertelang vornehmlich im Dienste der Religion stand. Ihre Aufgabe bestand darin, die Narrative der Religion zu mythisieren. Kunst und Religion sind also seit je her eng miteinander verknüpft. Als mit der Moderne diese Funktion zunehmend in den Hintergrund trat, begann die Kunst im Zuge ihrer „Befreiung“, sich selbst zu mythisieren, zu überhöhen und zu verherrlichen. Die Kunst wurde somit selbst zu einer Religion – und Künstler zu ihrem Priestern.

Wenn wir diese Vorstellung von Kunst und Künstler:innen nun angesichts der KI über den Haufen werfen wollen, müssen wir gegen die seit Jahrhunderten etablierte Prädisposition ankämpfen, an höhere Ordnungen, Autoritäten und Sinnsysteme zu glauben und an charismatische Führer – seien es Kleriker, Herrscherinnen oder eben Künstler. Dieser Glaube hat uns all die Zeit Sinn, Schutz, Ordnung, Zugehörigkeit und Entlastung ermöglicht – und jetzt sollen wir angesichts denkender Maschinen davon ablassen? Wie können wir das alles einfach so infrage stellen, weil wir plötzlich lernen, dass unter anderem Kunst ohne die traditionellen Autoritäten der Kunst auskommt?

Erklärungsversuch 5

Hinzu kommt noch ein weiterer arger Verlust: der Verlust des Kunstwerkes. Wir Vinylsammler taten uns schon extrem schwer damit, von der physischen, haptischen Repräsentation eines musikalischen Werkes abzulassen und stattdessen ein MP3-File im iTunes-Store zu kaufen – immerhin hatten wir diese Datei dann noch auf unserer Festplatte liegen. Durch das Streaming ist uns auch dieser Besitz abhandengekommen. Musik wurde zu einem immateriellen Gut. Aber immerhin existiert ja noch das Werk in Form eines Albums oder zumindest eines Musikstückes, als kleinste Entität in unserer Spotify-Mediathek.

Aber stellen wir uns mal vor, wie es in vielleicht fünf Jahren aussehen wird, wenn die Spotify-KI keine Songs mehr vorproduzieren muss, wie es aktuell noch der Fall ist, sondern sie „on the fly“, also in Echtzeit, generieren kann. Wenn also der Spotify-Stream, anders als jetzt, nicht mehr zum Großteil aus vorproduzierten KI-Stücken besteht, sondern aus einem Flow in Echtzeit generierter Musik, die exakt auf unseren Geschmack hin designt ist. Die Musik gäbe es dann tatsächlich nur im Moment ihrer Entstehung. Damit wäre auch die virtuelle Musiksammlung einer Mediathek passé, und mit dem Artist hätte sich auch das Werk verflüchtigt.

Eine Dystopie? Dann lasst uns diesen Artikel in die Bookmarks speichern und in fünf Jahren noch mal lesen. Ich bin selbst gespannt, wie es dann um unsere Lieblingsmusik bestellt sein wird.

Jedenfalls – ich glaube, das ist deutlich geworden – bin ich nicht davon überzeugt, dass KI-Musik und insbesondere KI-Dubs per se böse sein müssen. Es ist vielmehr unsere psychische Verfasstheit – narzisstische Kränkung, Kunstglaube, Verlustängste –, die uns im Weg steht, die vermeintlichen Qualitäten von KI-Musik zu sehen und anzunehmen.

Ich muss sagen, dass es mir selbst schwerfällt, dies zu schreiben.

Weiter: Lasst uns ohne Vorurteile auf die aktuelle Musikproduktion und die der Zukunft blicken. Lasst uns genau hinhören und allein an dem, was in unsere Ohrmuscheln dringt, entscheiden, ob es sich um gute oder um schlechte Musik handelt. „None of us can stop the time“.

Oder?

Versöhnungsversuch 1

Dabei liegt genau hier vielleicht der eigentliche Widerspruch. Einerseits bleibt der Schall derselbe. Ein Basslauf wird nicht schlechter, nur weil ich nachträglich erfahre, dass ihn keine Bassistin und kein Bassist eingespielt hat. Ein Echo verliert nicht messbar an Tiefe, weil es aus einem Algorithmus stammt. Der Hallraum schrumpft nicht physikalisch zusammen, sobald ich weiß, dass ihn niemand mit den Händen am Mischpult geöffnet hat. Was an mein Ohr dringt, bleibt identisch. Und doch hören wir Musik offenbar nie nur als reinen Schall. Wir hören sie immer auch als Spur einer Praxis, einer Haltung, einer Szene, einer Geschichte.

Gerade bei Dub ist das schwer auszublenden. Dub ist ja nicht bloß eine Klangästhetik aus Bass, Hall, Echo, Drop-outs und Delay-Schleifen. Dub ist Studiohandwerk, Sound-System-Kultur, Improvisation, Materialbearbeitung, soziale Herkunft, Körperlichkeit und Raumgefühl. Dub lebt davon, dass jemand ein meist vorhandenes Material anfasst, auseinandernimmt, neu zusammensetzt, in die Tiefe zieht, verschwinden lässt und wieder auftauchen lässt. Im besten Fall hört man nicht nur ein Ergebnis, sondern einen Vorgang: Hände am Mischpult, Entscheidungen im Moment, Mut zur Lücke, Lust am Risiko, manchmal auch die charmante Unvollkommenheit einer Idee, die gerade deshalb lebendig wirkt.

Wenn KI-Dub dieses ganze Beziehungsgeflecht nur nachbildet, ohne tatsächlich daran teilzunehmen, entsteht womöglich ein Mangel, den man nicht unbedingt im Frequenzspektrum nachweisen kann. Vielleicht klingt alles „richtig“: der Bass warm, die Snare trocken, das Delay schön versetzt, die Melodica an der passenden Stelle. Und trotzdem fehlt etwas. Nicht, weil die Maschine den falschen Sound gewählt hätte, sondern weil der Sound keine Geschichte mehr mitbringt – oder jedenfalls keine, an die ich glauben kann. Das Defizit liegt dann nicht im Klang selbst, sondern in der Bedeutung des Gehörten. Es ist kein akustischer, sondern ein kultureller Verlust.

Das macht die Sache komplizierter, als mir lieb ist. Denn wenn ich sage: „Es zählt nur, was hinten raus kommt“, dann reduziere ich Musik auf ihr hörbares Resultat. Das ist als Gegenmittel gegen Vorurteile sinnvoll. Aber vielleicht ist es zugleich zu wenig. Vielleicht besteht ein musikalisches Werk eben nicht nur aus Schwingungen in der Luft, sondern auch aus den Beziehungen, die sich in ihm verdichten: zwischen Musiker:innen, Technik, Tradition, Szene, Publikum, Geschichte und Gegenwart. Gerade Dub war immer mehr als ein Sound. Er war eine Methode, ein Ort, eine Haltung zur Welt. Und genau deshalb trifft uns KI-Dub vielleicht empfindlicher als KI-Fahrstuhlmusik. Er imitiert nicht nur eine Oberfläche, sondern eine kulturelle Praxis, die für viele von uns mit sehr viel mehr aufgeladen ist als mit ein paar hübschen Echoeffekten.

Ihr seht mich also von Widersprüchen zerrissen. Lasst uns gerne einen Diskurs über diese Fragen führen. In jedem Fall aber gilt: Wir werden sehen, was kommt. Ich bin überzeugt davon, dass Reggae und Dub so starke musikalische Ideen sind, dass sie auch unter veränderten Produktionsbedingungen Bestand und Kraft haben werden. Aber das geschieht nicht von allein. Wenn Dub mehr bleiben soll als eine hübsch hallende Stiloberfläche, dann müssen wir weiter darüber streiten, was ihn wirklich ausmacht. Vielleicht zählt am Ende tatsächlich, „was hinten raus kommt“. Aber was da herauskommt, ist nie nur Schall. Es ist auch Geschichte, Haltung, Herkunft, Praxis, Versprechen, Täuschung, Sehnsucht und manchmal eine Kränkung, die wir erst verstehen müssen, bevor wir sie überwinden können.

Übrigens ist vor kurzem Haris Pilton: Think Dubby, Vol. 2 erschienen. Mir gefällt’s.

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JazzDubb: One-drop Heart

Gleich vorweg: Allzu viele Informationen zu dieser Band aus Belgien waren beim besten Willen nirgends zu finden. Noch nicht einmal die Website von JazzDubb gibt darüber vernünftig Aufschluss. Hier sind etwas kryptische Sätze zu lesen wie: „…JazzDubb is a collective that blurs the line between a traditional reggae DUB soundsystem and a live studio session. Rather than just playing records, they bring the mixing desk to the center of the dancefloor…“ Ist es jetzt eine Band oder ein Soundsystem mit Band oder um was handelt es sich bei „JazzDubb: One-drop Heart“ tatsächlich? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Trotzdem klingt für mich alles nach einer handfesten Band, die durch warmen analogen One-Drop Sound gepaart mit sparsam, aber gezielt gesetzten Dub-Texturen beeindruckt. Unterstützt von wirklich ganz dezenten, jazzbeeinflussten Improvisationen von Blechbläsern und Klavier orientiert sich „One-drop Heart“ eher an der klassischen Reggae-Dub-Klangwelt. Niemand muss hier beim Namen JazzDubb zusammenzucken und abgedrehte Jazz-Phrasierungen fürchten. Alle 16 Dubs sind zwischen zwei und etwas mehr als drei Minuten lang, somit sind auch lange Free-Jazz-Jams komplett auszuschließen. Vielmehr fokussiert sich die Band auf entspannte, tanzbare One-Drop-Grooves gepaart mit warmen, exzellenten, melodischen Basslines. Außer den Bläsern erinnert wirklich nichts an funky oder skank-betonten Jazz-Reggae. Vielmehr bleibt JazzDubb im traditionellen Roots-/Dub-Tempo und dem maßvollen Einsatz der Dub-Effekte (Echo, Hall, Ping-Pong-Delays), die geschmackvoll zur Unterstützung der Soli eingesetzt werden.
Etwas muss ich dennoch bemängeln: Mir sind die Enden der Tracks zu einfallslos und teilweise zu abrupt. Warum JazzDubb nicht einmal mit einem Fader gearbeitet hat, ist mir schleierhaft.
Doch einen versöhnlichen Abschluss bilden diese unglaublich schönen Basslines, die mich unweigerlich an den großartigen Aston Barrett erinnern. Besonders einen Track möchte ich empfehlen: Bei „Foundation Dub” erinnern die Bassline und der Drive an „Jah is my Driver” von Winston Rodney, auch bekannt als Burning Spear. Wenn mich meine Erinnerung nicht im Stich lässt, war Aston Barrett auch an dem Album aus dem Jahr 1982 beteiligt.
Unterm Strich ist es ein gutes Album, das noch viel besser wäre, wenn dem Ende der Tracks mehr Aufmerksamkeit geschenkt worden wäre.
Hallo Ras, beim Soundsystem spielt das Ende keine große Rolle, es wird einfach überblendet. Also doch ein Soundsystem mit Band?

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IRIEspect: Lost In Dub

Ok, für den Tanz in den Mai kommt die Rezension etwas zu spät, aber für ein lockeres Tänzchen ist die EP von „IRIEspect: Lost in Dub“ immer noch eine Empfehlung.

Dem Dub-Album ging nach guter alter Tradition im Winter 2025 das Vocalalbum „Lost in Time“ voraus. Bereits da konnte die 2019 von ein paar Freunden an der Ostküste der USA gegründete Band IRIEspect beweisen, dass sie nach einigen Besetzungswechseln eine bemerkenswerte Entwicklung durchgemacht hat. Die fünf Mitglieder der Band aus New York, die Reggae mit Rock, Hip-Hop und lateinamerikanischen Klängen kombiniert, sind in den USA aufgrund ihrer bis zu 200 Auftritte jährlich schon recht bekannt. Sie haben die Bühne mit verschiedenen Künstlern geteilt, darunter Barrington Levy, Inner Circle, Sister Nancy, Jesse Royal, Steel Pulse, Long Beach Dub Allstars und Easy Star Allstars.

Zum Album „IRIEspect: Lost in Dub“ :
Schon die ersten Klänge von „Want Me Dub“ sind einfach ein Ohrwurm. Ras Ajais mitreißende Stimme schwebt durch den Raum, während karibische Steel Drum Sounds eine angenehme Atmosphäre erzeugen.
„Nuh Leave Mi A Dub“ präsentiert sich mit dem jamaikanischen Künstler Skygrass intensiver und insbesondere „Dancehall-fokussierter“. Der Dub besticht durch seine kraftvollen Basslines und Gesang, die perfekt für Tanzflächen und Soundsysteme geeignet sind. Man kann die Energie fast physisch spüren. Besonders hier zeigt IRIEspect ihr Talent lebendige Dynamik in eine Aufnahmestruktur einzubringen.
Das Herzstück der EP bildet „Lost Dub“, ein Stück, das die für Dub typische Tiefe und Schwere aufweist und mit reichen Bläserarrangements sowie vielfältigen Instrumentierungen im Kontrast zu den leichteren, beschwingteren Beats steht.
Es folgt eine dubbyeske Neuinterpretation von Manu Chaos Welthit der „Me Gustas Dub“. Die in Englisch und Spanisch gesungenen Teile leiten zu Latin-Reggae mit Hip-Hop-Elementen über. Eine Melodica setzt ein und mit dieser subtilen rhythmischen Eleganz wird dieser Track für mich zum Höhepunkt des Albums.
Das eher rauere, leicht punkige Ende des zwanzigminütigen Mini-Albums liefert „Dangerous Dub“ mit Duvbear, dem Sohn von Matisyahu. Auch hier beweist IRIEspect mit energiegeladenen Riffs, dynamischen Übergängen und rauer klingendem Gesang ihren furchtlosen Umgang mit genreübergreifenden Texturen. Ein gelungener Abschluss und gleichzeitig ein Kontrast zu den eingängigeren Abschnitten der EP. IRIEspect sind für mich eine absolute Entdeckung!

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MARSIAM: Du-b ist alles!

Es ist beeindruckend, wie viel fesselnde Musik immer wieder aus der kleinen Alpenrepublik Schweiz kommt. Dublerone, Dubment und natürlich Dub Spencer & Trance Hill sind hier jedem ein Begriff. Wenn ich mit meinen Recherchen richtig liege, denn im Grunde sind über das Album „MARSIAM: Du-b ist alles!“ nahezu überhaupt keine Informationen zu finden, dann liegt der Ursprung dieses Projekts in der 12-köpfigen Brassband Traktorkestar. Eine progressive Blaskapelle aus Bern und Umgebung, die mit ihrer wilden Mischung aus Balkan-Brass, sehnsüchtig schluchzenden Melodien, schnellen Rhythmen und mächtigem »Gebläse« seit 16 Jahren nicht nur in der Schweiz für gehörig Unruhe sorgt. Klingt schräg, ist schräg, ist aber einfach nur gut, weil dieses Dutzend von ausgebildeten Musikern ihr Handwerk wirklich beherrscht.

Aus diesem Konglomerat von Musikern scheint sich MARSIAM zusammenzusetzen, denn drei Protagonisten konnte ich eruieren: den Multiinstrumentalisten Samuel Zingg (SiAM!); den Saxophonisten und Arrangeur Thierry Lüthy sowie den Posaunisten und Hornisten Maro Widmer, der auch auf „Dublerone: Kailash“ die Posaune spielt. Bisher war mir MARSIAM völlig unbekannt. Doch mit den zwölf relativ kurzen und kurzweiligen Tracks, können sie überzeugen, denn „Du-b ist alles“ ist eine wirklich intelligente Weiterentwicklung und eine gelungene Hommage an die bedeutenden Blechbläser der jamaikanischen Musikgeschichte. Warum das Album tatsächlich entstanden ist, keine Ahnung. Möglicherweise wollten Lüthy, Zingg, Widmer und wer sich sonst noch hinter MARSIAM verbirgt – SiAM! steckt definitiv drin – ausgetretene Pfade verlassen und neue musikalische Wege aufzeigen. Das Resultat kann sich hören lassen, es ist ein harmonisches, relaxtes, Brass-lastiges Dub-Album mit leichten Jazz-Anleihen geworden, das vom Bachelor of Arts Thierry Lüthy gemixt wurde.

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The Revolutionaries: Dutch Man Dub

Seit meinem Barnabas Review höre ich wieder häufiger Arbeiten aus dem legendären Channel One Studio der Hoo Kim Brüder, in Kingston, Jamaika. Mein Hauptaugenmerk ist dabei stark auf die dort entstandenen Dub-Alben gerichtet, die einst dem Original-Album einfach beigelegt wurden. Bestes Beispiel: The Mighty Diamonds: Deeper Roots – Back To The Channel. Für mich ist fast jedes Album aus der Ära wie heimkommen – alles ist mir vertraut und atmet eine angenehme Wärme. Die Alben der Revolutionaries waren, bedingt, dass einige auf dem englischen Burning Sounds Label oder dessen Tochter Burning Vibrations veröffentlicht wurden, immer relativ leicht zu bekommen. Und so begleitet mich „The Revolutionaries: Dutch Man Dub“ seit 1979/80. Viele Jahre (47!) nicht mehr erhältlich, gilt heute der „Dutch Man Dub“ als eines der großen, lange übersehenen Meisterwerke der Dub-Ära. Okay, so habe ich das noch nie empfunden, obwohl mir schon immer an dem Album diese angenehme tiefe Schwere und die hypnotischen Basslines gefielen, die sich mit krachenden Snares verbinden, um in Echos und Hall dahinzuschweben. Der Sound hat tatsächlich etwas Meditatives. Damals nicht erkannt, logisch, so etwas sieht man erst in der Rückschau, gilt „Dutch Man Dub“ heute als Schlüsselwerk des Channel-One-Sounds in einer wesentlich reduzierteren Form. Wir hören ein Album, bei dem es weniger um „akustische Exzesse“ geht, als vielmehr um Atmosphäre, satten Bass-Druck und ganz viel Raum und Zeit.
Abschließend bleibt mir nur die Feststellung: Mit „Dutch Man Dub“ zeigen Lowell ‚Sly‘ Dunbar (R.I.P.) und die anderen, leider nicht namentlich genannten Revolutionaries, ein beeindruckendes Album der Meisterklasse in Minimalismus. Wer am Mischpult saß und für diese reduzierten, zielgerichteten Dubs verantwortlich zeichnet, wird wohl auch für immer ein Geheimnis bleiben. Es ist bedauerlicherweise bald niemand mehr von den Protagonisten da, den wir noch fragen könnten. Auch der Burning Sounds Re-Release schweigt sich darüber aus. Wer weiß, möglicherweise Barnabas?