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Dub

Gaudi: 100 Years of Theremin – The Dub Chapter

Wer die Melodica für das nervigsten Instrument hält, das je in Reggae und Dub seinen Einzug gehalten hat, sei eines Besseren belehrt: Es geht noch einige Stockwerke tiefer, werte Freunde des gepflegten Dubs.

Womit ich das Theremin vor den Vorhang bitte. Als Musikinstrument ein Kuriosum, treibt es mittlerweile bereits seit 100 Jahren sein Unwesen. Es gilt als einziges Instrument, dass völlig berührungsfrei gespielt wird; die oberen Extremitäten steuern Tonhöhe und Lautstärke einzig und allein durch luftige Bewegungen im Spannungsfeld zweier Elektroden. Die daraus resultierenden Veränderungen im elektrischen Feld werden verstärkt und als Ton wiedergegeben. So steht’s im Wikipedia, dass für Interessierte weitaus mehr einschlägige Infos zum Thema Theremin bereit hält. 

Dieses vermutlich erste elektronische Instrument zeichnete sich vor allem durch seine Wiedergabemöglichkeiten aus – Glissando und Vibrato waren vor Erfindung des Theremins in dieser Form nicht möglich. Heute erledigt das Modulationsrad an den Keys diese Aufgabe mit links (im wahrsten Sinne des Wortes); es besteht also kein Bedarf das Teil ins Studio oder auf die Bühne zu hieven. Oder doch? Nun ja, es ist schon ein cooles Retro-Erlebnis einen Theremin-Spieler in Aktion zu sehen; die Klänge erinnern spontan an die Soundeffekte von Science Fiction-Trash Movies der 1960er und 70er… und unter uns: Wer kennt nicht das berühmteste Musikstück mit gewichtigem Theremin-Bezug?

Das Centennial ist jedenfalls Grund genug für Exil-Italiener Gaudi ein ganzes Album rauszubringen, dass sich diesem Instrument widmet und – no na – den Titel „100 Years of Theremin – The Dub Chapter“ (Dubmission Records) trägt. Die merkwürdige Kombination Reggae/Dub und Theremin gab’s allerdings schon mal – wer erinnert sich noch mit Grauen an’s „Theremin in Dub“-Album, bei dem Gary Himmelfarb aka Dr. Dread feine Dubs aus dem RAS Records-Katalog mit jaulenden Toneffekten unterlegt hat. Warum, wieso… weiß wohl nur der Doctor selbst.

Bei der Gaudi-Produktion verhält es sich anders. Der renommierte Musiker, der sich mit seinem Output entlang der Schnittstelle von Electronica und World Music bewegt, beherrscht das Instrument Theremin hörbar einwandfrei und kreiert damit Melodien, die gut zu den Backing Tracks des Albums passen. Und die stammen nicht von irgendwem, sondern von Dub-Cracks wie Adrian Sherwood, Dennis Bovell, dem Mad Professor, Scientist und Prince Fatty. Keine Neuproduktionen, wohlgemerkt; vielmehr Juwelen aus dem Back-Katalog dieser Produzenten.

Ich muss gestehen, dass mich diese Wiederverwertung alter Tracks anfangs nicht interessiert hat – Gaudi hin, Gaudi her. Als Musikliebhaber und Rezensent bin ich immer auf der Suche nach neuen Klängen und Effekten, nach frischen musikalischen und technischen Möglichkeiten, nach dem nächsten Ohr- und Bauch-Orgasmus. Altes und Wiederaufgekochtes sehe ich als Reminiszenz und Ausdruck seiner Zeit, den man heute leider nicht mehr in seiner ursprünglichen Form erleben kann – aber auch als Benchmark, an dem sich aktuelle Produktionen messen lassen können. 

Und doch macht es große Freude, Style Scott auf klassischen On-U Tracks (wieder) zu hören. Auch der Rest der Backing Tracks des Albums hat durchwegs gute Qualität, das Dub-Mixing ist einwandfrei. Und wie macht sich Gaudi und sein Theremin auf den Aufnahmen? Nun ja… einerseits exzellent, schließlich spielt er das Instrument seit 18 Jahren. Andererseits kommt es ganz darauf an, welche Rolle dem Theremin im Mixing gegeben wurde. Wenn es sich im ausgeglichenem Verhältnis zur restlichen Instrumentierung befindet, verschmilzt es völlig mit dem Dub – siehe Scientist’s „Smokin Dub“. Bei den anderen Tracks wirkt es aufdringlich laut und nervt extrem mit seiner nicht sehr wandlungsfähigen Klangfarbe – Adrian Sherwood’s „Dub out of Theremin“ sei hier als Beispiel genannt. Genau das ist die Crux von „100 Years of Theremin – The Dub Chapter“: Das Instrument sitzt fast immer „on top“ und drängt sich Diva-mäßig in den Vordergrund. Und wie es so mit Diven ist, hat man sie und ihre Manierismen schnell satt.

Wie viele Tracks des Albums kann man also hintereinander hören, ohne entnervt das Handtuch zu werfen? Wenn man sich auf die exzellente Dub-Arbeit konzentriert, schafft man es womöglich auf einmal durch’s ganze Album. Andernfalls liegt die RDA bei allerhöchstens drei Dosen; manch einer wird aber wesentlich empfindlicher reagieren, fürchte ich.

Bewertung: 2 von 5.

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Dub

Jäh Division: Dub Will Tear Us Apart… Again

Wieder einmal kein klassisches Dub Album im Reggae Offbeat. Also auch nicht unbedingt etwas für Dub-Puristen. Trotzdem ist es doch immer wieder verblüffend, zu hören, welche akustischen Blüten unser kleines aber feines Genre Dub so treibt.
Aus einer Schnapslaune heraus entwickelten die beiden amerikanischen Musiker Brad Truax (Bass) und Barry London (Keyboards) die Idee, Tracks der britischen Post-Punk-Band Joy Division im Dub-Kontext einzuspielen. Um das Projekt in die Tat umzusetzen, wurden der Oneida Perkussionist John Colpitts (aka Kid Millions), Chris Millstein an den Drums und ein paar zusätzliche Musikerkollegen der Bands “Oneida” und “Home” mit ins Studio geholt. Die Aufnahmen waren innerhalb eines Tages im Kasten. Das war 2004 und Jäh Division verkaufte die mit vier Titeln und in einer Miniauflage von 800 Stück gepresste EP ausschließlich bei ihren Live-Konzerten. 15 Jahre später wird ein um fünf Tracks angereichertes Reissue Jäh Division: “Dub Will Tear Us Apart… Again” (Ernest Jenning Record Co.) erneut der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Zu den vier bereits veröffentlichen Joy Division Covers gesellen sich bei der Neuauflage zwei Aufnahmen aus der Original-Session plus drei eines verworfenen Albums. Dem “Isolation Dub”, ein weiteres Joy Division Cover, folgen zwei Eigenkompositionen (die fast 10-minütige Bandimprovisation „Paramount Lobby“ und „Sloppy Homework“) sowie ein Desmond Dekker (“Fu Manchu Dub”) und ein Jackie Mittoo (“Champion Of The Arena Dub”) Cover.

Die im Schatten der New Yorker Williamsburg Bridge entstandenen psychedelischen Dub-Interpretationen spannen gekonnt einen Bogen vom englischen Manchester über die uns bekannten jamaikanischen Mixing Desk Wizards bis New York.
Jäh Division bleibt lediglich beim Titeltrack relativ nahe am Original. Die Melodie von “Love Will Tear Us Apart” ist so markant, dass sie selbst denen vertraut sein könnte, die Joy Division nur flüchtig kennen. Meines Erachtens muss man aber nicht zwingend mit der Post-Punk-Band Joy Division vertraut sein, um “Dub Will Tear Us Apart…Again” schätzen zu können. Die restlichen Tracks offenbaren eher einen dekonstruktivistischeren Ansatz im Dub-Gewand. Töne werden bis zum Äußersten gedehnt, um den Songs einen fast elastischen, pulsierenden Klang zu verleihen. Das Album ist tatsächlich vielmehr als eine eigenständige Einheit zu sehen, welches die Musik der Joy Division Klassiker als Ausgangspunkt nimmt, um sie genüsslich durch den Dub-Wolf zu drehen. Jäh Division schien vielmehr auch die Idee zu gefallen, alle Möglichkeiten zu erkunden, was Dub zu bieten hat. Das Ausloten, was das analoge Equipment und das Studio “dubtechnisch” so hergeben, hat Jäh Division und Barry London “at the controls” hörbar Spaß gemacht.
Spätere Elaborate der Easy Star All-Stars wie “Radiodread” und “Dub Side Of The Moon” oder auch DubXanne: “Police In Dub” sind da wesentlich näher am Original geblieben. Dennoch oder gerade deshalb ist und bleibt “Dub Will Tear Us Apart… Again” ein faszinierendes Beispiel gediegener Dub-Kunst.

Trivia: Jäh Division musste die “Umlautversion” wählen, weil es bereits eine polnische Band namens Jah Division gab.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Dub

Principal’s: Treacherous Dub

Ein Aspekt, den ich an Dub ganz besonders liebe ist, dass Dub eine echte Weltmusik ist. Entwickelt in Jamaika, wird Dub inzwischen überall auf der Welt produziert, wobei keine einzelne Nation mehr im Vordergrund steht – wie noch vor 25 Jahren ziemlich deutlich das UK. Im besten Fall ließe sich noch behaupten, dass die meisten Dubs in Europa produziert werden, gefolgt von den USA, Asien und leider mit Jamaika als Schlusslicht. Mit Principal schießt sich nun auch Dänemark den Dub-Nations an. Hinter dem Namen verbirgt sich Rasmus Allin, der mit „Treacherous Dub“ (Stereo Royal) sein Dub-Debut vorlegt. Arbeitsplatz des inzwischen 50jährigen Dänen ist das Musikstudio, wo er seit den 1990er Jahren als Musiker, Songwriter und Produzent im Dienste der dänischen Musikindustrie arbeitet. Inspiriert von der britischen Trip Hop- und Drum ‘n’ Bass-Szene, entdeckte er den klassischen jamaikanischen Dub von King Tubby, Lee Perry, Augustus Pablo, Scientist und anderen Heroen. „Ich habe endlose Stunden im Studio damit zugebracht, den Sound der Dub-Originators zu reproduzieren,“ gibt er zu Protokoll, „Tape Delays, Filter-Boxen und sonstige analoge Effektgeräte – ich habe nichts ausgelassen.“ Womit er sich in die Schar unzähliger anderer Dub-Produzenten (wie. z. B. Prince Fatty, Roberto Sanchez oder auch Alborosie) einreiht, die der Sound-Mystik alter Dub-Produktionen nachspüren. Daher verwundert es nicht, dass „Treacherous Dub“ ins Sound-Gewand klassischen Dubs gekleidet ist. Aber die Reproduktion schrammeliger Dub-Sounds ist nicht die einzige Qualität des Albums. Souverän reiht Allin hier zehn kraftvolle – wenn auch mit durchschnittlich nur drei Minuten Spielzeit ziemlich kurze – Produktionen aneinander. Keine Platz schindenden X Versionen eines Tracks (Instrumental, Dub, Remix, etc.), sondern alles originäre Kompositionen, bei denen er auch noch (fast) alle Instrumentalspuren selbst eingespielt hat. Der Sound ist dabei richtig schön schizophren: wuchtig–dynamisch und schrammelig-analog zugleich. Aber so muss es ja auch sein. Clever arrangiert und smart gemixt, manchmal mit leichtem Jazz-Einschlag durch charmante Gitarrenklänge á la Ernest Ranglin, manchmal stripped to the bone, aber immer spannend und überraschend. Ich kann nur sagen: Rasmus Allin – Willkommen im Club.

Bewertung: 4 von 5.
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Dub

Art-X meets The Roots Addict: Polarity

Gleich vorweggenommen: Art-X, der Musiker, hat so rein gar nichts mit der großen österreichischen Erotik-Supermarktkette gleichen Namens zu tun. Der Mann aus Tours hat sich Augustus Pablo-mäßig der Melodica angenommen und trötet seit einigen Jahren vor sich hin – wenn der Rezensent das mal etwas schnoddrig formulieren darf. Wobei „tröten“ durchaus das falsche Verb sein kann, zumal sich auch die Fachwelt nicht sicher sein dürfte, ob die Melodica ein Blas- oder Tasteninstrument ist. Das technische Prinzip gleicht jedenfalls dem der Harmonika. Der Name „Melodica“ und das Instrument selbst wurden vom alteingesessenen Hause Hohner im deutschen Trossingen ersonnen – oder in anderen Worten: vom Weltmarktführer für Mundharmonikas und Akkordeons. Augustus Pablo, Addis Pablo, Art-X: Sie alle spielen bzw. spielten Hohner Melodicas.

Gut, man könnte jetzt natürlich anmerken, dass so eine Melodica ein sehr einfach zu spielendes, für Kinder hervorragend geeignetes und noch dazu äußerst preisgünstiges Einstiegsinstrument ist. Stimmt, und nach meiner Recherche für diese Rezension bin ich stark versucht mir auch so ein Teil zuzulegen – vom Schlagzeuger zum Melodica-Spieler, warum nicht? Nie wieder Drum-Kit schleppen, einfach nur mehr mit stylischem Köfferchen antanzen und gepflegt ins Mundstück blasen. Musik-Machen kann so einfach sein …

… oder auch nicht: In eine Melodica zu blasen und zum rechten Zeitpunkt die richtige Notentaste zu drücken ist freilich nicht genug. Da wären noch die unterschiedlichsten Spielarten und Techniken um das Beste aus dem Instrument rauszuholen – wie Interessierte im Video von James Howard Young eindrucksvoll nachvollziehen können. Und dann gibt‘s da noch die Möglichkeit sich völlig der Schlichtheit des Instruments hinzugeben, damit die perfekte Stimmung in Moll einzufangen und das Ganze, getragen von einem exzellenten Riddim, in ein zeitloses Dub-Meisterwerk zu verwandeln – Beweisstück: Augustus Pablo‘s „King Tubby Meets the Rockers Uptown“ (aka „Cassava Piece“). Besser geht’s nicht, hands down. Pablo selbst war hörbar nicht der große Virtuose, aber er hatte ein untrügliches Gefühl für das Instrument und dessen Möglichkeiten im Genre – und hat so nahezu alle klassischen JA-Riddims mit der einen oder anderen Version veredelt. Seinem ebenfalls Melodica-spielendem Sohn, Addis Pablo, sind die Schuhe des Vaters noch ein paar Nummern zu groß – sein musikalischer Output wirkt orientierungslos, die Qualität mag sich nicht einpendeln und schwankt kräftig zwischen respektabel und miserabel. Die Zeit wird zeigen, ob er dem Vermächtnis seines Vaters gerecht werden kann.

Und dann wäre dann noch der oben erwähnte Art-X, derzeit sozusagen die personifizierte Frankreich-Dependance innerhalb der recht kleinen Reggae-Melodica-Welt. Als Mitbegründer von Ondubground und dem Weblabel ODGProd. längst kein Unbekannter in der Reggae-Electronica-Szene, zieht er seit 2014 sein eigenes Melodica-Ding durch. Die ersten Releases wirken etwas ungelenk; die Kombination von digitalen Backing-Tracks und Melodica will nicht so recht zünden: Wenn Kälte auf Wärme trifft ist das Ergebnis mitunter nur ein laues Lüftchen. Ganz anders sieht es allerdings aus, wenn sich Art-X auf das Abenteuer Live-Band einlässt – wie hier mit The Roots Addict:

Das passt, sitzt & hält; hat Energie, verströmt Vibes und lässt den Dubhead mit geschlossenen Augen zufrieden mitwippen. Wir alle kennen dieses tiefe Gefühl des Einsseins mit der Musik, dem Bass, mit Echo und Hall. Glücklicherweise macht sich das Gespann Art-X/The Roots Addict auch im Studio gut, wie man auf deren neuesten Release „Polarity“ (ODGprod.) nachhören kann. Klugerweise als 6 Track-EP konzipiert ist die Gefahr eines Melodica-Overkills recht gering. Die originären Riddims im klassischen Arrangement durften im Mixdown ihre natürliche Dynamik behalten, was sich vor allem in einer (mitunter fast zu) präsenten Kick Drum zeigt. Alles in allem ein grundsolider Release, über dem dank der Melodica stets ein Hauch von Melancholie schwebt; der sogar mit dem einen oder anderen überraschenden Audio-Snippet aufwartet, letztlich im Gesamteindruck aber doch etwas Abwechslung in den Band-Arrangements vermissen lässt. Dass das auch anders geht, zeigt Art-X‘ Vorgänger-Album „Nomad“: Hier stammen die Backing-Tracks von verschiedenen Bands, die mit ihren unterschiedlichen Arrangements und musikalischen Energien dafür sorgen, dass Eintönigkeit oder gar Langeweile keine Chance hat.

Wächst da also möglicherweise ein zweiter Augustus Pablo heran? Eher nicht, meint der Rezensent – es fehlt Art-X (noch) an musikalischer Persönlichkeit, an unverkennbarem Stil; an einer gewissen Mystik, die Pablos Spiel und seinen Aufnahmen diese besondere Stimmung verliehen haben. Und natürlich: Die Vibes der 1970er und die Kombi King Tubby/Augustus Pablo haben in JA Aufnahmen entstehen lassen, die sich durch ihre Einzigartigkeit sowieso jedem Vergleich entziehen. Insofern würde ein zweiter Augustus Pablo heute keinen Sinn machen – wohl aber einen originärer, sich eigenständig weiterentwickelnder Art-X.

Bewertung: 3 von 5.

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Dub

Flying Vipers: Cuttings

Sly Dunbar und Robbie Shakespeare oder Carlie und Aston Barrett sind die Rhythm Twins aus Jamaika. Aber aus Waltham, Massachusetts kommen die wahren Rhythm Twins, die Zwillingsbrüder Mark und John Beaudette von den Flying Vipers.
Die Flying Vipers sind eine Dub-Reggae-Band, bestehend aus John und Marc Beaudette (Destroy Babylon, The Macrotones) und Zack Brines (Pressure Cooker, Kings of Nuthin’), welche ursprünglich als Nebenprojekt von Destroy Babylon gegründet wurde, um ihr Faible für klassischen Dub und Reggae ausleben zu können. Als Mann an den analogen Kontrollknöpfen und Reglern sitzt von Anfang an Jay Champany (10 Ft. Ganja Plant), der auch die ersten beiden Veröffentlichungen der Gruppe produzierte.
Cuttings” das erste Album der Flying Vipers in voller Länge ist gerade erschienen und knüpft genau da an, wo die beiden hervorragenden Vorgänger-EPs “The Green Tape” & “Copper Tape” endeten. Der Sound klingt wieder wie aus einer anderen Zeit, als jamaikanische Sound-Engineers dazu übergingen, ihre Mischpulte als Hauptinstrument zu nutzen und den Grundstein für das Dub-Genre legten. Wie beinahe zu erwarten, liefern die Vipers erneut süchtig machende Dub-Reggae-Instrumentals, die sowohl an die großartigen Produktionen der alten Engineers wie King Tubby, Sylvan Morris und Lee Scratch Perry, als auch an die jüngeren Dubhelden wie Dennis Bovell, Adrian Sherwood und Daniel Boyle erinnern. Die fantastisch gute Rhythm-Section von Marc und John Beaudette setzt das perfekte Fundament, über das der Keyboarder Zack Brines unter anderem seine schönen, frei fließenden Rhodes-Klavier-Passagen legt. Für die packende Horn-Section wurden zusätzlich noch ein paar Gastmusiker engagiert, die mit ihrer Virtuosität den Sound der Vipers enorm bereichern. Unbedingt positiv hervorzuheben ist auch der vierte Mann im Bunde, Jay Champany. Während heute viele Engineers die digitale Technologie nutzen, bevorzugt er immer noch die analoge Technik. Mit einem ziemlich alten Mischpult, Tapco-Hall, Mutron Phasor II etc. mischt Champany die Songs manuell, während die Band sie mit einem Tascam 488 MK II direkt auf Kassette aufzeichnet. Es entsteht ein sauberer, kohärenter, klassischer Sound und gleichzeitig eine eigene originelle Variante der bewährten Dub-Formel.

Bewertung: 4 von 5.
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2. Meinung Dub

Aldubb: Mesozoic Valley

Aldubb ist unser aller Liebling. Seine „Planets of Dub“-Alben eroberten die Herzen der stolzesten Dub-Kritiker; – und was mich betrifft, besitzt der Berliner spätestens seit Erscheinen seines Epos „A Timescale of Creation – Symphony No. 1 in Dub minor“ den Adelstitel „Al von und zu Dubb“. Mit seinem neuen Album „Mesozoic Valley“ (One Drop Music) widmet er sich erneut der Ur- und Frühzeit unseres Planeten (die „Planet of Dub“-Alben gehören offenbar thematisch auch in die Reihe, wie mir gerade auffällt). Doch während die Symphonie ein im wahrsten Sinne „großes“ Werk war, kommt „Mesozoic Valley“ (One Drop) als rein digitale Produktion, also gewissermaßen als Laptop-Dub, geradezu bescheiden daher. Doch sobald der erste Track startet, ist es vorbei mit der Bescheidenheit. Der Bass bläst einem ins Gesicht und die Ohrläppchen flattern im Wind. Das ist Hardcore-Stuff fürs Sound System. Raus damit und Spaß haben – so kommt es mir vor. Mein Dubblog-Kollege gtkritz bemängelt fehlende Hooklines und mangelnde Prägnanz, womit er zwar durchaus Recht hat, was aus meiner Sicht hier aber gar nicht so entscheidend ist. Warum nicht einfach mal in Bass baden und sich wohl fühlen? Warum nicht mal nonchalant System 2 abschalten und System 1 seinen Spaß haben lassen? Ich würde sagen: „Mesozoic Valley“ anklicken (Streaming ist die passende Konsumform für das Album) und schön laut aufdrehen. Wer dann noch sagt: „nee, da fehlt mir Komplexität und die Reflexion der Bedingungen unserer Existenz“, den (oder die) verweise ich an die „Timescale of Creation“.

Lest auch die Rezension von gtkriz.

Bewertung: 4 von 5.

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Interview

20 Questions to Alpha Steppa

Your name: Alpha Steppa
You live in: France
Title of your last album: Raise The Ark

What is your personal definition of dub?

It stems from a style of mixing pio- neered in Jamaica and became a genre of music in its own right. At the core, it is drum and bass with life and soul woven in via the hands of the dub mix- er. It’s magic.

What makes a good dub?

Space, bass and texture.

Which aspects of dub music fascinate you the most?

I love the spontaneity, the freedom and the experimentation.

How did you discover your passion for dub and how did you develop your- self and your music since then?

My dad taught me how to mix dub from a young age. I developed through incorporating all my other influences in life and music into my dub.

What does the process of creating a typical dub track look like?

You need a spark; a vocal line, a bass line, a sample, a melody, percussion, a feeling… something to ignite the idea, then get out the way and let the track build it- self.

When are you satisfied with a dub track you produced?

When I feel it drop and the crowd rise in a dance.

What is your special strength?

I have no need to fit in. This frees me and my music.

Which one of your albums do you consider your best work up until now?

Raise The Ark

Are you able to make a living with music?

Yes, I live a simple and happy life so don’t need much.

What aspects of your job do you enjoy the most?

I love to create. And it pleases me to know it brings joy to others.

What do you dread in the studio?

When I forget to drink my tea and it goes cold.

When you’re not working on dubs, what is your favorite thing to do?

My hammock.

What do you listen to besides dub music?

Folk, hiphop, trap, trad, blues, classical

If money and time didn’t matter: Which project would you like to realize?

Money and time doesn’t matter. But I need a new septic tank. I’d also like to develop a community where people could come to develop new ways of sustainable living and practice self inquiry.

Are there any sound system events that you particularly like to attend? Why?

Jah Shaka, always and forever the greatest, deepest and most mystical soundsystem experience.

What do you prefer: Studio work or sound system performance?

I love both. But if I had to choose one, creation is paramount, so studio would win.

Whom do you consider the greatest dub artist of all time?

My dad and aunt (Alpha & Omega)! Ha ha

And who is currently the most interesting dub artist?

Currently the most interesting dub artist is JahYu

Which sound system do you value the most?

Jah Shaka

What are your personal top 5 dub albums?

A&O: Voice In The Wilderness
Jonah Dan: Intergalactic Dub Rock
King Tubbys: Meets Rockers Uptown
Upsetters: Black Board Jungle
Scientist: Rids The World Of The Evil Curse Of The Vampires

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Interview

Interview mit Daniel Jäckel (Wortfetzen MC)

Daniel unterstützt, als fester Bestandteil vom Hibration und I-Revolution Soundsystem, Hamburgs Dubszene mit seinen Gesangs- und Sprecheinlagen, dem sogenannten Toasting. Im Interview spricht er über die Möglichkeiten, sich kreativ auszuleben, kritische Themen innerhalb der Szene und seine Erfahrungen auf Jamaika.

Was waren deine ersten Berührungspunkte mit Dub und Soundsystems und wie kamst du zum Toasting?

Daniel: Mich kreativ zu artikulieren war mir schon immer ein Bedürfnis. Mit 15 habe ich versucht, eigene Raptexte zu schreiben und diese dann vorm Spiegel geübt. Irgendwann musste ich aber feststellen, dass es auf dem Dorf, wo ich aufgewachsen bin, keine Beats gab und ich konnte selbst auch keine produzieren. Gedichte schreiben erschien mir irgendwie als das Nächstmögliche zum Rappen und so kam ich dann auch zum Poetryslam. Bei unzähligen Nachmittagen im Park vor vielen Jahren drückte mir ein sehr guter Freund irgendwann einfach seine Gitarre in die Hand und zeigte mir zwei Akkorde. Ich wollte dieses Instrument unbedingt lernen, um mich beim Singen, was ich neben dem Poetry Slam auch sehr gerne machte, zu begleiten.

Musikalisch geprägt hat mich auf jeden Fall ein Abend in einem Club in Prag, wo Dubstep gespielt wurde. Ich kannte diese Musik gar nicht und speziell der Ragga/Jungle-Floor war so elektrisierend, dass ich wild mitgetanzt habe. Als ich dann 2010 nach Hamburg zog, war ich natürlich auch hier auf der Suche nach etwas Ähnlichem. Bei einem Auftritt der Dub-Band Zion Train im Hafenklang vor fünf Jahren konnte ich mich nicht mehr zurückhalten und bin wie ein Flummi rumgesprungen. Mit dem Soundsystem kam ich natürlich über die Hafengeburtstag-Sessions und auch die Veranstaltungen des Dubcafés in der Roten Flora in Berührung. Da dort immer ein Mikrofon rumlag, wagte ich mich da auch mal dran und schnell löste es die Gitarre bei mir persönlich ab. Anfangs war ich zwar nicht sehr erprobt, tolle Vibes kamen aber trotzdem zustande. Im letzten Jahr besuchte ich durch meine Auftritte bei den Local Sounds hier in Hamburg und sogar bis nach München runter gefühlt mehr Veranstaltungen als es überhaupt Wochen im Jahr gibt. Ich weiß noch, als ich damals auf die Musik aufmerksam wurde, gab es vielleicht vier Veranstaltungen mit 15 Besuchern, mittlerweile finden pro Monat mehrere statt.

Du scheinst also in Hamburgs Dubszene sehr fest eingebunden zu sein. Wie würdest du denn deine Rolle oder deine Funktion spezifisch beschreiben?

D: Ich glaube, diese Rolle finde ich selbst erst so nach und nach. Prinzipiell ist die Rolle, dass ich das Mikrofon übernehme, sowohl in Form von Gesang als auch ein bisschen als Medium zwischen dem Publikum und den Leuten, die die Musik auflegen, zu sehen. Darüber hinaus bezeichne ich mich als Aktivist, Soundsystem-Aktivist. Boxen aufzustellen und diese Sessions zu machen, ich glaube, damit kann man der Welt etwas Gutes geben. Einen Nährboden zu schaffen, für etwas, das dieser Gesellschaft guttut. Gerade bei Dub in dieser Lautstärke, das hat so etwas Inspirierendes, gibt irgendwie Kraft, auf einer emotionalen Ebene. Ich finde „Roots & Culture“ ist so ein Begriff, den verbinde ich viel mit Dub und Soundsystem. Roots wäre dieser Begriff, der abdeckt, dass diese Musik beschreibt, wo wir herkommen und wer wir in dieser Welt überhaupt sind, eine bewusste Musik oder eine Musik mit Bewusstsein. Culture als der andere Teil des Ganzen bedeutet, man kann eine Art von Kultur schaffen, einen guten Nährboden für Kultur.

Eine Kultur, wo jeder das reinbringen kann, was er möchte.

Du sprichst viel über Kultur, speziell das Schaffen einer ganz eigenen, neuen Kultur?

D: Ja, eine Kultur, wo jeder das reinbringen kann, was er möchte, ein ganz offener Platz. Schaffen ist der eine Aspekt, wobei ich gar nicht finde, dass es nur um das Schaffen einer Kultur geht. Vielmehr eine Situation zu kreieren, weil ich glaube, Kultur haben wir eigentlich schon alle. Diese kannst du aber nur in bestimmten Situationen auf eine spezielle Art und Weise ausleben und da bietet der Soundsystem-Dance eine ideale Situation für. Im Endeffekt denke ich, dass wir schon alles haben, was wir brauchen, du musst den Menschen nur die Möglichkeit geben, das auch ausleben zu können.

Also einerseits das Bestärken von gewissen positiven Aspekten; sprichst du denn bei deinen Auftritten auch kritische Themen an?

D: Man kennt das ja auf Veranstaltungen, wo Menschen nachts hingehen, um Spaß zu haben. Da gibt es sicherlich Nährboden für Dinge, die nicht so gut sind, Sexismus oder sexuelle Belästigung sind Beispiele. Solche Themen kann man auf eine friedliche Art und Weise ansprechen, wenn sie passieren, dann natürlich aus dem Affekt heraus. Darüber hinaus gibt es politische, gesellschaftliche oder persönliche Dinge, über die man generell sprechen kann, da überlege ich mir dann schon im Vorhinein, was ich sagen will. Themen, die mich selbst beschäftigen, trage ich nach außen.

Da du von Sexismus sprichst: Ein Thema, welches im Zusammenhang mit Reggae, Rastafari und jamaikanischer Musik ebenso gerne kritisiert wird, ist der Vorwurf der Homophobie.

D: Ich glaube, was diese kritischen Themen betrifft, ist es gut, wenn man offen darüber redet, ohne den Teufel an die Wand zu malen: Wenn da etwas ist, wenn du durch Sexismus belästigt wirst, wirst du damit nicht alleine gelassen. Homophobie will ich gar nicht erst den Raum geben, als etwas was ich nicht gutheiße und wo ich auch musikalisch wirklich nicht weiß, was es in dieser Musik zu suchen hat. Wobei dieses Thema natürlich ein gesamtgesellschaftliches Problem darstellt, welches leider auch in dieser Szene Ausprägungen findet. Man sollte diese Probleme auch überall sehen, wo sie stattfinden und darauf zugehen. Ich glaube, Austausch ist da der richtige Weg und es gibt Leute, mit denen findet man einfach keine Schnittmenge.

Gerade war ich erst wieder einige Wochen auf Jamaika, da ist Homophobie auch ein Thema und Homosexualität sogar per Gesetz verboten. Ich denke, der kulturelle Hintergrund muss verstanden werden aber diese Denkweise zu propagieren, ist falsch, da sollte eine Grenze gezogen werden. Allerdings hatten wir in unserer Gesellschaft schon viele Diskussionen, die in der jamaikanischen nicht stattfanden, abgesehen vom kulturellen und geschichtlichen Hintergrund. Ich kann mir auch vorstellen, dass viele Europäer und Menschen aus anderen Teilen der Welt, die auf diese Insel gehen, weil sie das lieben, was dort passiert, weil sie das inspiriert hat und weil sie sich darin wiederfinden, viel von ihrer Einstellung mit dort hinbringen. Ich denke, die Leute, die hier Reggae hören, sind wenig sexistisch oder homophob. Die sehen das eher kritisch und reagieren da sehr sensibel drauf, tragen solche Themen auch in diese Gesellschaft und sensibilisieren sie auf eine konstruktive und positive Weise.

Themen, die mich selbst beschäftigen, trage ich nach außen.

Ein anderes Thema, das Toaster und Sänger in dieser Musik gerne ansprechen, ist Rastafari. Mal abgesehen von negativen Bestandteilen, die wir grade angesprochen haben, bringst du die positiveren Elemente daraus in deinen Texten auch ein?

D: Den Begriff Babylon auf jeden Fall, der ist fester Bestandteil. Wobei ich auch sagen muss, dass ich kein Rasta bin. Ich glaube zwar, dass es mehr gibt, als wir sehen, verstehen, kennen, berechnen und beschreiben können. Aber ich bin kritisch gegenüber Religionen, wenn sich Dinge formieren und organisieren. Rastafari hat Elemente, wie andere Religionen und Philosophien auch, die für mich Sinn ergeben. Was ich daran z.B. sehr zu schätzen weiß, ist, dass diese Religion in der Zeit nach der Unabhängigkeit Jamaikas, Identität gestiftet hat, was sehr wichtig war. Außerdem trägt diese Religion Themen in die Gesellschaft, wie Bewusstsein und Spiritualität aber auch bewusste und gesunde Ernährung und ökologische Lebenshaltung. Ich habe großen Respekt vor diesem Glauben und dieser Kultur.

Ebenfalls häufig zu beobachten, ist das Reden und Singen im jamaikanischen Patwah. Wie stehst du zu den Vorwürfen der kulturellen Aneignung dieser Sprache durch „Weiße“?

D: Wenn das jemand ist, der das so empfindet, kann ich es natürlich verstehen. Getreu dem Motto: Der Typ hat jetzt Reggae gehört und plappert die Sprache einfach nach. Aber meine Erfahrung auf Jamaika war, dass die Leute das dort feierten, wenn ich es beim Toasten und Singen verwendet habe und nahmen das glaube ich nicht als Disrespect auf.

Du hast eben ganz schön gesagt, dass manche auf diese Insel gehen, um sich selbst zu finden. Hast du dich selbst dort gefunden? Um welche Erfahrungen bist du jetzt reicher?

D: Selbst gefunden habe ich mich auf jeden Fall im Reggae. Da ich gerne Musik mache und kreativ bin, hat mir Reggae den Sinn dahinter gezeigt. Dieses Gefühl wurde auf Jamaika noch verstärkt. Eine sehr schöne Erfahrung war unsere Aufnahme eines Dubplates im Studio. Darüber hinaus konnte ich viele tolle Menschen kennenlernen, leckeres Essen kosten und die wunderschöne Natur genießen. Wirklich einmalig war, dass ich beim Blick in den Dschungel, aufgrund der Dichte, keine zwei Meter weit sehen konnte.

Wie steht es um Dub auf Jamaika?
D: Häufig steht Dub als Überschrift bei den Veranstaltungen, aber das sind nicht die Dubsachen, die wir hier machen. Ich denke, da haben sehr unterschiedliche Entwicklungen stattgefunden, als die Musik von Jamaika nach UK kam. Dancehall ist dort auf jeden Fall sehr präsent, aber auch viel Roots und Rub-A-Dub. Gute Musik auf jeden Fall.

Dub ist für mich: Musikalisch, zwischenmenschlich, kulturell, spirituell.

„Andere Sachen, als wir hier machen“ – was macht denn Hamburgs Dubszene für dich aus?

D: Wie ich schon sagte, gab es früher sehr wenige Sessions und über die Jahre wuchs die Zahl der Veranstaltungen und Sounds. Ich spreche mit den Menschen auf Sessions, auch mit denen, die das alles supporten. Noch viel mehr Leute wollen in der Szene aktiv werden. Was auch ein wichtiger Charakterpunkt ist, dass wenn wir einen Dance auf die Beine stellen, uns um alles selbst kümmern müssen. Wir gehen nicht irgendwo hin, spielen unseren Kram und hauen wieder ab. Wir müssen den ganzen scheiß Laden übernehmen. Die Infrastruktur bauen, die Bar bestücken, die Tür besetzen. Aufbauen ist eine Sache, Durchführen und danach kommt der Abbau. Dafür mache ich’s, dafür bin ich dabei, für den Abbau (lacht). Sehr viel Arbeit, aber man bekommt dafür die Möglichkeit, alles selbst zu machen. Hier in Hamburg passiert viel, sowohl vor, als auch hinter dem Soundsystem.

Zum Abschluss auch für dich der Standardsatz: Beschreibe Dub in einem Satz?

D: Nach meiner prägenden Veranstaltung von Zion Train damals im Hafenklang, hatte ich ein Zitat gelesen: „Instrumental psychedelic Reggae“. Für mich ist es noch sehr viel mehr darüber hinaus: Musikalisch, zwischenmenschlich, kulturell, spirituell.

Interview vom 17.05.2019

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Interview

Interview mit Raphael Alberti (Lazer Fennec)

Raphael, Dub- und Disco-Selector aus Hamburg, ist nach eigener Aussage »noch ziemlich frisch in der Szene.« Im Interview spricht er über seine ersten Berührungspunkte mit Dub, thematisiert Sexismus und Homophobie in der Szene und den Vulkan in seinem Kopf.

Weißt du noch, wann du zum ersten Mal mit Dub in Berührung kamst?

Raphael: Ich bin in Ulm aufgewachsen, mein Bruder war in einer Crew, die Reggae und Dancehall gespielt haben. Da wurde ich zum ersten Mal auf die Musik aufmerksam, besuchte zum Beispiel auch das Chiemsee Reggae Summer Festival im gleichen Jahr. Durch meinen Bruder lernte ich generell sehr viel unterschiedliche Musik kennen: Wu-Tang, Nirvana, System of a Down… Dub war für mich damals noch nicht so präsent. Und so startete ich dann auch mit meiner Plattensammlung erst mal sehr wild gemischt, mit Rockklassikern und sowas.

Erinnerst du dich noch an deine erste Platte?

R: Das müsste ein Album der White Stripes so kurz vorm Abi 2010 gewesen sein. Zu der Zeit hat mein Bruder in Stuttgart in einer WG mit Drum ‚n‘ Bass- und Dubstep-DJs gewohnt und ich erinnere mich, dass dort eines Abends die „Dub Echoes“-Doku lief. Die fand ich so gut, ich musste mir direkt den zugehörigen Soundtrack besorgen und ihn auf der nächsten WG-Party auflegen. Ein Live-Konzert von Lee Perry löste schließlich in mir den Gedanken aus: Wow, Dub ist das Ding! 
Einige Dubveranstaltungen in Offenbach und Darmstadt besuchte ich anschließend zuerst als Fotograf und, nachdem ich die Jungs vom Rebel Lion Soundsystem kennenlernte, auch als Selector und war dann irgendwann Teil der Crew. Ab 2012 organisierten wir über mehrere Jahre regelmäßig Dubpartys in der Oettinger-Villa in Darmstadt, das war echt eine schöne Location. Dadurch haben wir die Leute im Rhein-Main-Gebiet schon mit der Musik angefixt.

Habt ihr dann auch andere Crews inspiriert, etwas auf die Beine zu stellen?

R: Ja, zumindest, dass einige Crews auch mehr Dub ins Set aufnahmen, die vorher eher Roots präferierten. Peifensound aus Wiesbaden zum Beispiel. Aber das Rhein-Main-Gebiet mit Frankfurt als Metropole hat es bis heute leider nicht geschafft, ein richtiges Soundsystem auf die Beine zu stellen, irgendwie stellte das nie so das Zentrum für diese Art von Musik dar.

War das vielleicht auch der Grund, warum du dann irgendwann nach Hamburg gezogen bist?

R: Nein, das war eher, weil unser Soundsystem Rebel Lion aus verschiedensten Gründen damals etwas auseinandergebrochen ist, wegen Umzügen und Kindern und sowas. Mir war Mainz, mein damaliger Wohnort, irgendwann auch einfach zu klein. Ich habe dann mein Studium geschmissen und bin nach Hamburg gezogen, um dort ein Praktikum beim Backspin Hip Hop-Magazine zu beginnen.

Also spielte Hip Hop auch irgendwie immer eine Rolle für dich?

R: Ja voll. Ich wusste aber auch, dass ich in der Dubszene hier in Hamburg aktiv sein wollte. Hatte erst das Hibration Soundsystem im Auge, mich dann aber doch für I-Revolution entschieden.

Dub ist einfach voll die Nerdmucke. Reggae für Nerds. Kiffende Nerds, die Bass mögen, das ist die Dubszene.

Von I-Revolution kennt man dich ja aktuell, wie kam da die Verbindung zustande?

R: Ich war zuerst auf einigen Partys von denen in der T-Stube an der Uni. Über eine Facebook-Gruppe suchten die irgendwann bei der Besetzung der Uni Leute zum Auflegen. Ich hatte da Bock drauf und bin einfach mit meinen Platten hingegangen. Das hat mit den Jungs musikalisch als auch zwischenmenschlich sofort gefunkt. Das war im April 2018 und seitdem geht’s irgendwie steil ab mit I-Revolution: wir haben Open Airs veranstaltet und einige Partys im Gängeviertel.

Wie seid ihr denn bei I-Revolution aktuell aufgestellt?

R: I-Revolution besteht grade aus sieben DJs und noch viel mehr Leuten im Hintergrund, ohne die es einfach nicht geht. Wir bauen auch sehr viel selbst, also zum Beispiel Sirenen und Verstärker. Dub ist einfach voll die Nerdmucke. Reggae für Nerds. Kiffende Nerds, die Bass mögen, das ist die Dubszene.

Das Problem Sexismus ist in der Dubszene auch nicht gelöst.

Bei all dem Spaß fällt bei euch auch die klare politische Ausrichtung auf. Schaut man zum Beispiel in die Veranstaltungstexte eurer Facebook-Events, findet man dort immer Ansagen gegen Sexismus und Homophobie – Themen, die ja oft bei jamaikanischer Musik kritisiert werden. Findest du, dass in der Szene ein größeres Bewusstsein für solche Themen entstanden ist?

R: Die Dubszene in Deutschland und Europa ist auf jeden Fall sehr links geprägt, alleine schon durch die Veranstaltungsräume, wie Autonome Zentren oder besetzte Häuser. Aber das Problem Sexismus ist in der Dubszene auch nicht gelöst. Nur weil in der Musik weniger Lyrics verwendet werden und deshalb auch keine Probleme mit kritischen Äußerungen auftreten, gibt es ja trotzdem Punkte, wie beispielsweise das Geschlechterverhältnis, an denen man auf jeden Fall arbeiten kann. Die meisten Crews bestehen aus Typen, was vielleicht auch mit dieser Nerdkultur zusammenhängt. Ich finde, Musik- und Subkulturen sind meistens auf Macker geprägt, Nerdkulturen ebenfalls, wenn dann beides zusammenkommt, wirds auch nicht besser. Wobei meine Erfahrung mit den Menschen, die neu in die Dubszene kommen ist, dass sich viele sehr wohl fühlen, viele Frauen sagen auch, es ist einfach entspannt bei den Veranstaltungen.

Hast du das Gefühl, dass die genannten linken Themen erst durch euren Einsatz in der Szene wahrgenommen wurden?

R: Ich glaube, das ist nicht durch uns ein Thema geworden, das war schon immer so. Also wenn ich mir Jürgen Becker alias Crucial B hier aus Hamburg anschaue beispielsweise, der vor 26, 27 Jahren in Hamburg startete, hat mit seiner Crew auch schon Veranstaltungen in der T-Stube auf die Beine gestellt oder Hausbesetzungen durchgeführt. Ich denke, in den 90ern war Dub sowieso eine Protestmucke, weil es da auch die Verbindung zum Punk, gerade in England gab. Es sind sicherlich auch einige über Punk zum Dub gekommen, darum auch der linke Szenecharakter. Aber es ist natürlich schwierig, du weißt ja nie, wenn du Tracks auflegst, auch wenn keine expliziten homophoben oder sexistischen Lyrics darin vorkommen, wie die Interpreten ticken. Das ist vielleicht auch so ein Ding, warum sich viele linke Menschen in der Electroszene aufhalten, weil sie denken, keine Lyrics bedeuten keine Homophobie und keinen Sexismus. In der Dubszene und auch in anderen Musikszenen gibts außerdem auch Oldschooler, die sagen, dass früher alles besser war. Ich denke, die Dubszene braucht auch ein bisschen Humor. Gründe, weshalb es auch so schwierig ist, in die Szene reinzukommen. Ein entspannter aber auch geschlossener Kreis. 

Bezüglich geschlossener Kreis: findest du, dass es einen Zusammenhalt innerhalb der Szene, auch beispielsweise überregional, gibt?

R: Ja voll, du kannst kreuz und quer durchs Land reisen, du triffst immer jemanden, den du kennst. Ich wollte dieses Jahr auch mal nach Frankreich, um dort ein bisschen die Szene mitzunehmen. Ob das eine große Veranstaltung in Berlin ist oder ein kleines Festival auf einer Schafsweide in Nordhessen, auf dem ich vor zwei Jahren war. Mit Ponyreiten für die Kinder und selbstgemachtem Eis, voll das Familientreffen. Das ist voll schön in der Szene, man hilft sich gegenseitig. Auch die Gäste, die Leute helfen mit, haben wir auch selbst erlebt bei den Outdoor-Sessions von I-Revolution letztes Jahr. Da packen echt viele mit an und gehen nicht einfach nach Hause. Viele haben auch Bock auf beispielsweise Türschichten, das ist schon alles eine gute Unterstützung und Vernetzung.

Klingt ja alles total schön, wenn da jemand so außenstehend ist und da ein Teil von sein möchte, wie könnte das gehen?

R: Als komplett Außenstehender ist das glaube ich schwierig, also man muss schon die Musik feiern. Momentan kommen aber auch viele im Publikum aus der Electroszene, man merkt es daran, wie die Leute tanzen. Ich glaube, einige sind gelangweilt von den immer gleichen Veranstaltungen dort in der Szene und vor allem Steppers Dub hat ja Ähnlichkeiten mit Techno, ist halt Tanzmusik.

Eure Veranstaltungen sind echt immer brechend voll.

R: Ja und vor allem sind auch viele Kids da. Man merkt, die sind eher auf Techno sozialisiert und shufflen dann zu Steppers (lacht).

Also findest du, das hat alles Zukunft?

R: Im Moment gehts der Szene ganz gut, denke ich. Es entstehen immer mehr Sounds und es wird auch in Deutschland daran gearbeitet, größere Festivals auf die Beine zu stellen, zum Beispiel in Münster, die ja sowieso stark bestückt sind mit Soundsystems und auch Berlin. Sogar in Süddeutschland.

Da wir eben von euren immer brechend vollen Veranstaltungen sprachen, wie kam überhaupt die Verbindung mit dem Gängeviertel zustande?

R: Jimmy, auch bei uns im Soundsystem aktiv, kennt da jemanden. Ich glaube, was uns auch im Herbst gut Auftrieb gegeben hat war, dass wir unsere monatliche Veranstaltung relativ schnell nach dem Gängeviertelgeburtstag gesetzt hatten. Dann hat das Gängeviertel auch noch unsere Veranstaltung bei facebook geteilt. Am ersten Abend schon 500 Zusagen oder Interessierte und insgesamt 3000. Das ging auch bei der zweiten Veranstaltung so weiter. Mittlerweile hat sich das wieder normalisiert auf aber immer noch ungefähr 700. Bei der letzten Party mussten wir nach drei Stunden Einlassstopp machen. Das ist echt heftig, mal schauen, wie das Ganze jetzt in der Roten Flora weitergeht.

Ich mag vor allem Musik, die visuell ist, Soundscapes schafft und Dub ist da eben optimal dafür.

Ich wollte auch noch über deine Selections reden, welche immer sehr divers sind: du spielst Dub, Funk, Soul, Afrobeat, Hip Hop, woher kommt das?

R: Das weiß ich gar nicht so genau, ich kann halt beim Auflegen immer schwer bei einem Stil bleiben, was mich manchmal selbst aufregt, wenn ich so verworren hin und her wechsle. Ich mag vor allem Musik, die visuell ist, Soundscapes schafft und Dub ist dazu eben optimal, um so was zu schaffen. Manchmal ist es aber auch so: wie langsam und wie weird kann der Scheiß sein, den ich auflege und ich versuche da auch gerne mal aus dem Rahmen zu fallen und nicht nur Hits zu spielen.

M: Jetzt seid ihr ja mit I-Revolution für die nächste Veranstaltung erstmal in die Flora umgezogen, gibt’s weitere Pläne für 2019?
R: Ich hätte Bock auf Gäste und Outdoor-Sessions, auch vielleicht mal hier auf der Veddel, Brückenparty oder sowas. Also der Campus ist auch eine coole Location dafür aber vielleicht kommen hier die Cops nicht so schnell (lacht).

M: Abschließend, beschreibe Dub in einem Satz?

R: Wenn ich King Tubby zitieren darf: “Dub ist ein Vulkan in meinem Kopf”. Das trifft’s. 

Interview vom 26.01.2019

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2. Meinung Dub

Paolo Baldini DubFiles meets Dubblestandart: Dub Me Crazy

In letzter Zeit ist öfters von Paolo Baldini zu hören. Der italienische Reggae- und Dub-Produzent scheint einen Lauf zu haben. In schöner Regelmäßigkeit brachte er zuletzt jedes Jahr einen Longplayer heraus und war in zahlreichen Remix-Projekten unterwegs. Erst im März veröffentlichte Echo Beach eine Retrospektive seiner ersten Band, den B. R. Stylers. Nun kommt der zweite Streich aus gleichem Hause: Paolo Baldini DubFiles Meets Dubblestandart, „Dub Me Crazy“ (Echo Beach). Wien trifft auf Pordenone: Dubblestandart – ihres Zeichens selbst Dub-Produzenten – legt das Oeuvre der Band in die Hände Baldinis, um aus den Dubs weitere Dubs machen zu lassen. Ich finde, das klappt ganz gut. Der Italiener versteht sein Handwerk und liefert wunderbar kreativ gemixte Dubs ab. Allerdings muss man den trockenen, etwas spröden Sound von Dubblestandart mögen, um die Remixe angemessen würdigen zu können. On.U-Sound und das Dub Syndicate lassen grüßen. Baldini geht jedenfalls ganz Old School ans Werk: reines Mixing, keine Overdubbs oder neue Beats. Da Dubblestandart ja als Remix-Enthusiasten bekannt sind und die meisten ihrer Produktionen bereits x-fach durch verschiedenste Dub-Wölfe gedreht und durch Echo-Kammern gejagt wurden (ich erinnere nur an Tracks wie „Chrome Optimism“ oder „Holding you Close“ zu denen komplette Remix-Alben existieren), dürfte es für Paolo Baldini nicht ganz einfach gewesen sein, den Tracks neue Aspekte abzugewinnen. Erstaunlich, dass es ihm trotzdem so gut gelungen ist. Ich bin gespannt, wer als nächstes remixen darf.

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