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Interview

Interview mit Zion Train

Zwischen Bass und Bewusstsein – ein Gespräch mit Neil Perch von Zion Train

Seit über drei Jahrzehnten prägt der Produzent und Aktivist mit seinem Projekt Zion Train die europäische Dub-Szene – und denkt sie gleichzeitig neu. Sein aktuelles Album „Dubs of Perception“ ist mehr als eine musikalische Veröffentlichung: Es ist eine Einladung, tiefer zu hören, genauer hinzusehen und über den Tellerrand genretypischer Reiz-Reaktionsmuster hinauszudenken.

Wenn Neil Perch, Mastermind hinter Zion Train, ein neues Album vorlegt, dann ist das nie bloß ein musikalisches Ereignis. Es ist eine Einladung zum Nachdenken, ein Statement, ein Soundtrack zur politischen Auseinandersetzung. Sein aktuelles Werk „Dubs of Perception“ bildet da keine Ausnahme – im Gegenteil: Es steht exemplarisch für ein künstlerisches Selbstverständnis, das Dub-Musik als kulturellen, sozialen und geistigen Resonanzraum begreift.
„Ich habe mich im Dub-Bereich zuletzt zunehmend gelangweilt“, sagt Perch mit jener unverblümten Klarheit, die ihn auszeichnet. „Früher war Dub aufregend, experimentell, technologisch vorn – heute klingt vieles nach Schema F. Jeder will diesen einen Stepper bauen, der auf dem Sound System explodiert. Das interessiert mich nicht.“ Was ihn interessiert, ist Eigenständigkeit. Echtheit. Klangliche Identität. „Ich liebe es, wenn jede Künstlerin und jeder Künstler den eigenen Ausdruck findet – nicht, um zu gefallen, sondern weil man sich selbst etwas zu sagen hat.“

Für „Dubs of Perception“ kehrte Neil Perch zurück zu den Wurzeln seiner Produktionsweise – zu analogem Live-Mixing. „Ich habe ein 32-Kanal-TAC Scorpion-Pult im Studio – über 40 Jahre alt, aber liebevoll überholt. Ein Gerät, das in Jamaika viel verwendet wurde – unter anderem bei Mikey Bennett im Music Works Studio.“ Die Entscheidung für das analoge Setup war nicht nostalgisch, sondern eine bewusste Abkehr vom Übermaß an digitalen Möglichkeiten: „Ich hatte einfach genug davon, alles im Rechner zu machen. Ich wollte zurück zu einer Arbeitsweise, in der Überraschung und Spontaneität möglich sind.“ Spontaneität, das meint bei ihm nicht Chaos, sondern musikalische Intuition. „Wenn ich analog mische, ist alles impulsiv. Ich richte die Effekte ein, drücke Play – und dann fließt es. Ich folge dem Vibe. Ich kann nichts planen. Und genau das liebe ich. Ich überrasche mich dabei selbst.“

„Für mich ist Dub nicht einfach eine Stilrichtung – es ist eine Herangehensweise an Musik“, sagt er und lehnt sich nachdenklich zurück. „Ich sehe das Mischpult als Instrument. Wenn ich live dubbe – und damit meine ich das Mischen in Echtzeit im Studio, auf dem analogen Mischpult –, dann ist das ein performativer Akt. Ich spiele das Mischpult wie andere ein Schlagzeug oder eine Gitarre.“ Die Arbeit mit dem TAC Scorpion ist für ihn ein bewusster Gegenentwurf zur computergesteuerten Produktion. „Ich könnte alles automatisieren, Filterkurven vorausplanen, die Effekte perfektionieren. Aber das ist nicht mein Weg. Ich will im Moment entscheiden – mit den Händen, dem Ohr, dem Bauch. Ich will, dass der Mix atmet.“

Diese Herangehensweise zieht sich durch das gesamte Album. „Ich bereite vieles vor: Spuren, Effekte, Routings. Aber sobald ich Play drücke, ist alles offen. Ich habe eine Idee, aber keine Kontrolle. Und genau das liebe ich. Ich will, dass etwas Unerwartetes passiert. Wenn ich beim Dubben selbst überrascht werde, ist das ein gutes Zeichen. Das liebe ich – diese Spannung zwischen Routine und Zufall.“
Beim Dubben ist er in Bewegung. „Ich greife zu den Fadern, drehe die Aux-Sends, schiebe Delay-Trails auf und ab, ziehe den Bass raus, dann wieder rein. Das ist körperlich. Und es hat mit Präsenz zu tun – ich bin voll da, in diesem Moment, in diesem Klang.“

Er lacht kurz: „Viele halten Studioarbeit für steril. Aber das ist Unsinn. Wenn ich einen Dub mixe, bin ich genauso emotional involviert wie auf der Bühne. Vielleicht sogar mehr. Der Unterschied ist nur: Es schaut mir niemand dabei zu.“ Und dann wird er wieder ernst: „In einer Welt, die immer stärker auf Kontrolle, Präzision und Wiederholbarkeit setzt, ist diese Form des Arbeitens ein Statement. Ich lasse Raum für Fehler, für Unschärfe, für Instinkt. Für das Menschliche. Ich glaube, das ist ein Grund, warum viele digitale Produktionen so leblos klingen – weil sie zu glatt sind. Ich will keine Perfektion. Ich will Wahrheit im Klang.“ Ein weiterer neuer, alter Klanggeber ist die TB-303, jene sagenumwobene Acid-Machine von Roland. „Ich habe ein modernes analoges Modell im Studio – dieser Sound ist wieder da, nicht nur wegen der Nostalgie, sondern weil ich diese Art von Klang einfach spannend finde.“

Doch so sehr er über Ästhetik und Produktionsweisen spricht – sein eigentliches Anliegen geht weit darüber hinaus. Die Musik von Zion Train ist durchzogen von Philosophie, Kulturgeschichte und politischem Bewusstsein. Jeder Songtitel, jeder Albumname ist ein Verweis, eine Einladung zum Weiterdenken. „Dubs of Perception bezieht sich direkt auf Aldous Huxleys The Doors of Perception. Es geht um Wahrnehmung, Bewusstsein – um das, was wir sehen, wenn wir die Perspektive verändern.“ Der Track „Cosmic Serpent“ verweist auf Jeremy Narbys Buch über Schamanismus, Ethnografie und Psychopharmakologie. Und „Népantla“ greift ein Konzept aus der Nahuatl-Kultur auf: „Es bezeichnet den Zwischenraum – zwischen zwei Kulturen, zwei Identitäten, zwei Realitäten. Das ist ein zentraler Begriff für mein Leben. Ich bin ein brauner Mann, geboren in England, lebend in Deutschland, mit karibischen Wurzeln. Ich existiere in diesem Dazwischen.“

Diese Idee prägt auch seine Musik: Sie ist nicht Reggae, nicht Techno, nicht Dubstep, nicht Ambient – und doch durchdrungen von all dem. Musik in Bewegung. Hybrid, aber nie beliebig. Was er dabei radikal ablehnt, ist das Kopieren. „Ich lasse mich inspirieren – vom Vogelgesang genauso wie von Techno. Aber ich kopiere nicht. Plagiarismus ist ein Verbrechen gegen die Kunst. Selbst wenn nur zwei Leute mein Stück mögen – wenn ich es selbst liebe, ist es ein Erfolg.“

Seit jeher tourt Zion Train mit eigenem Sound System – auch wenn das heute seltener wird. „2002 habe ich mein System nach Deutschland gebracht. Damals gab es nur wenige Anlagen mit richtigem Druck. Heute gibt es Sound Systems in jeder Stadt, von Polen bis Spanien, von Norwegen bis Sizilien.“
Doch der Erfolg des Movement bringt auch Schatten: „Mit der Verbreitung kam die Uniformität. Zu viele Tracks klingen gleich. Ich mag keine Musik, die auf Effekt gebürstet ist. Ich will Emotion, Tiefe – keine Drops fürs kollektive Durchdrehen.“

Emotion und Tiefe – beides findet sich reichlich auf „Dubs of Perception“. Auch, weil Perch Musik nie von Politik trennt. „Alles, was ich tue, ist politisch. Ob ich Fahrrad fahre oder Auto. Ob ich Bio kaufe oder Billigfleisch. Ob ich Nachrichten bei ARD oder bei Al Jazeera schaue – alles sind politische Entscheidungen.“ Er bezieht Stellung. Nicht mit Slogans, sondern durch Haltung. „Ich bin Antikapitalist. Anarchist im Sinne von selbstorganisierter Gesellschaft. Ich glaube, dass Menschen sich um ihre Gemeinschaften kümmern können – wie es die Black Panthers in den 1970er-Jahren getan haben: kostenlose Frühstücke, Alphabetisierung, medizinische Versorgung. Nicht, weil der Staat es sagt, sondern weil es nötig ist.“ Dabei schreckt er auch vor unbequemen Aussagen nicht zurück. „Es gibt Dinge, über die man in Deutschland kaum sprechen darf – zum Beispiel die israelische Politik. Wenn ich sage, dass es Unrecht ist, Kinder in Gaza zu bombardieren, werde ich als Antisemit diffamiert. Aber das ist falsch. Ich kann für die Existenz Israels sein – und trotzdem gegen Kriegsverbrechen. Ich kann jüdische Menschen schätzen – und trotzdem gegen Kolonialismus sein.“

Die gesellschaftliche Analyse, die er liefert, ist messerscharf: „Das Problem ist nicht Migration. Das Problem ist Kapitalismus. Die Dörfer veröden, der Nahverkehr stirbt, Menschen sind überfordert – und man gibt Migranten die Schuld.“ Dabei brauche Deutschland Zuwanderung: „Jährlich 400.000 Menschen, sonst bricht das System zusammen. Aber was fehlt, ist eine kluge, empathische Integrationspolitik. Die Angst der 70-jährigen Dorfdeutschen ist genauso real wie die Verzweiflung des 22-jährigen Syrers. Beide brauchen eine Bühne für ihre Stimme. Aber statt Gespräch gibt es Parolen.“ Er plädiert für offene, vorurteilsfreie Debatten. Für mehr Zuhören. Für mehr Mut, unbequeme Fragen zu stellen. Und eine neue Wertschätzung für das, was wirklich zählt: „Es kann nicht sein, dass der Mann, der Rheinmetall-Aktien kauft, mehr Anerkennung bekommt als die Frau, die Kinder im Kindergarten betreut. Das ist krank.“

Ein weiterer Einflussfaktor in seinem Leben: die Vaterschaft. „Früher war ich fünf Tage die Woche im Studio. Heute verbringe ich weniger Zeit dort – aber viel intensiver. Ich entwickle Ideen im Kopf, bringe sie gezielt ins Studio, arbeite effizienter.“ Doch die Rolle als Vater beeinflusst nicht nur den Alltag, sondern auch das Herz. „Es gibt Tracks, bei denen ich beim Hören weine. Ich weiß nicht warum – aber es überkommt mich. Die einzige andere Sache im Leben, die solche Gefühle in mir auslöst, ist die Liebe zu meinen Kindern.“

Für Perch ist Musik kein Konsumgut, sondern Medizin. „Musik ist Magie. Sie heilt. Sie verbindet. Sie gehört uns allen. Und wenn sie zur Ware degradiert wird – durch Plattformen wie Spotify oder durch KI-generierte Songs –, dann wird diese Magie missbraucht.“ Dabei ist ihm bewusst, dass die Realität dieser Kommerzialisierung nicht aufzuhalten ist. „Spotify ist ein geniales System – aber in den Händen eines Kapitalisten, Daniel Ek, der sich für nichts außer Profit interessiert. Ich höre privat kein Spotify. Ich will diesem Mann keinen Cent geben.“

Was bleibt nach zwei Stunden Gespräch mit Neil Perch, ist das Bild eines Künstlers mit Haltung. Eines Menschen, der sich nicht abfindet mit der Welt, wie sie ist. Der Musik macht, nicht um zu flüchten, sondern um zu kämpfen. Gegen Lethargie. Gegen Beliebigkeit. Für Bewusstsein, Empathie und Veränderung. Sein Dub ist kein Echo der Vergangenheit. Er ist ein akustisches Zukunftsmanifest.

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Adrian Sherwood: The Collapse of Everything

Was für ein dystopischer Titel: „The Collapse of Everything“ (On-U Sound). Adrian Sherwood hat sein neues Solowerk so benannt und legt damit nach 13 Jahren ein Album vor, das seinem Titel in beinahe brutaler Konsequenz gerecht wird. Wer Dub erwartet – und bei Sherwood ist das schließlich nicht unberechtigt – wird sich erst einmal die Ohren reiben. Der Klangkosmos, den das On-U-Sound-Mastermind hier entwirft, ist weit von allem entfernt, was gemeinhin als „Dub“ bezeichnet wird. Und doch ist es genau das: Dub im Geiste. Dub als Haltung. Dub als Methode des Zerschlagens und Neuordnens.
Schon „Survival & Resistance“ zeigte 2012 deutlich, dass Sherwood mit seinen Solowerken eigene Wege geht. The „Collapse of Everything“ aber verlässt endgültig die vertrauten Pfade. Was bleibt, ist die dekonstruktivistische Produktionsweise: Schichten aus Live-Recordings, Effekten, Fragmenten und Rhythmen, die sich nicht um Groove kümmern, sondern um Atmosphäre, Kontrast, Bruch. Der Klang ist häufig schräg, streckenweise gar atonal, manchmal fast abweisend. Sherwood scheint hier nicht gefallen zu wollen, sondern liefert vielmehr ein düsteres Poem über Verlust, Vergänglichkeit und Widerstand.
Der Tod zweier enger Freunde – Mark Stewart und Keith LeBlanc – hat das Album mitgeprägt. Es ist nicht sentimental geworden, aber durchzogen von einem leisen, schroffen Respekt für das Unvermeidliche. In Tracks wie dem titelgebenden „The Collapse of Everything“ schwebt ein Gefühl von Desillusionierung durch die weitläufigen Soundscapes, unterlegt mit Percussions, dissonanten Pads und immer wieder auftauchenden, kaum greifbaren Melodiefragmenten. Der Widescreen-Sound wirkt wie Filmmusik – aber nicht die eines Blockbusters, sondern die eines dystopischen Arthaus-Films. Tarkowski trifft Technoir.
Sherwood wäre nicht Sherwood, wenn er sich auf seine eigene Genialität verlassen würde. Er umgibt sich, wie eh und je, mit einer exquisiten Besetzung: Doug Wimbish sorgt für die tiefen Frequenzen, Ivan „Celloman“ Hussey steuert Streicher bei, Mark Bandola an der Gitarre, Chris Joyce am Schlagzeug – eine illustre Runde, mit der Sherwood seine experimentellen Ideen in organische Formen gießt. Die Holzbläser und Keys von Alex White verleihen dem Sound zusätzliche Tiefe, manchmal fast jazzartige Weite. Es sind diese subtilen Beiträge, die verhindern, dass „The Collapse of Everything“ in bloßer Düsternis versinkt. Stattdessen schimmert da etwas – kein Licht, aber ein Bewusstsein. „Ich versuche nicht, irgendjemandem außer mir selbst zu gefallen“, sagt Sherwood über das Album. Diese Haltung prägt jeden Takt. Der Dub-Gedanke ist nicht musikalisch, sondern strukturell: Dinge aufbrechen, neu zusammensetzen, Bedeutungen verschieben. Wie in einem musikalischen Palimpsest überlagern sich Sounds, Erinnerungen, Referenzen. Wer genau hinhört, entdeckt die Spuren von On-U Sound, von „Becoming A Cliché“, von Lee Perry und Bim Sherman – aber alles durch den Filter einer dissonant-dystopischen Klangästhetik gezogen.
Dass Sherwood in den letzten Jahren für Artists wie Spoon, Panda Bear oder Halsey arbeitete, merkt man: Er die Sprache des Indie, des Pop, des Avantgarde-Electronica ist ihm sehr geläufig. Doch er benutzt sie nicht, um anschlussfähig zu sein. Im Gegenteil: The „Collapse of Everything“ ist eine Absage an Zugänglichkeit. Es ist radikal, subjektiv, fast hermetisch – und darin konsequent.
The „Collapse of Everything“ ist definitiv kein Album für Dubheads auf der Suche nach einem Bass-Upgrade. Es ist ein Statement. Ein forderndes, widerspenstiges, sperriges Stück Musik, das sich jeglicher Funktion verweigert. Man könnte sagen: Adrian Sherwood hat den Dub zur freien Kunst erhoben – befreit von jeder funktionalen Bestimmung. Wer hören will, wie Dub klingen kann, wenn er sich von seinen Wurzeln löst, davon im Sound System oder auf dem Dancefloor funktionieren zu müssen, von jeglichen Publikumserwartungen und überhaupt von allem, was wir an Dub so lieben – und dabei doch irgendwie Dub bleibt, findet hier ein faszinierendes, vielschichtiges, ungemütliches Werk.

Bewertung: 4 von 5.

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King Size Dub – Hamburg

Manchmal, wenn im Hafen der Nebel hängt und ein dumpfer Bass aus dem Inneren eines Clubs durch die Speicherstadt wabert, glaubt man ihn hören zu können – den Nachhall jenes fiktiven Traumstrandes, von dem Martha & The Muffins 1980 in ihrem Song „Echo Beach“ sangen. Was einst bloß eine Metapher war, hat sich längst verortet: Der Echo Beach liegt in Hamburg. Hier nämlich, am Elbufer, gründete Nicolai Beverungen 1995 ein Label, das seither wie kein zweites den Dub-Sound hierzulande verbreitet, erweitert und erforscht hat. Zum 30-jährigen Bestehen kehrt das Label nun mit der Compilation „King Size Dub – Hamburg“ (Echo Beach) zu seinen Ursprüngen zurück – und zeigt eindrucksvoll, dass Dub in dieser Stadt mehr ist als ein Stil: Es ist Soundtrack, Haltung, Geschichte.
Als Echo Beach 1995 mit der ersten King Size Dub-Compilation auftrat, war das ein Statement. Während sich der UK-Dub in kleinen Soundsystem-Communities verfestigte, übersetzte Nicolai den Sound für ein kontinentales Publikum und ließ seine eigene Punk-Vergangenheit einfließen. Schnell folgten Compilations aus Neuseeland, Südafrika, Italien, Jamaika und den USA, dazu Reissues und Neuinterpretationen, die Dub mit Dance, Punk, Minimal und Pop in Verbindung brachten. Der Labelkatalog wurde zum offenen Archiv des globalen Dub-Geschehens – ohne dabei den Blick für die lokale Szene zu verlieren.
Denn Hamburg war von Anfang an Teil dieser Bewegung: Mit Formationen wie Dub Me Ruff, Dub Division, Di Iries und Arfmanns Projekten (Turtle Bay Country Club, Kastrierte Philosophen) gab es schon in den 90ern eine vitale Szene, die nicht jamaikanische oder britischen Dub kopierte, sondern weiterdachte. Genau hier setzt „King Size Dub – Hamburg“ an – und führt all diese Fäden in einem dichten, 33 Tracks starken Kompendium zusammen.
Diese Compilation ist dabei keine simple Rückschau. Sie dokumentiert nicht nur, sie kuratiert, aktualisiert, verknüpft.
Der Opener – ein hypnotischer Disco-Dub von Station 17, gemixt von DJ Koze – zeigt exemplarisch, wie der klassische Dub-Ansatz (Reduktion, Raum, Rhythmus) auf aktuelle Produktionsweisen trifft. Dass sich Udo Lindenberg und Jan Delay auf der Reeperbahn begegnen (aber nur auf der Vinyl-LP), ist mehr als ein Marketing-Gag: Es ist eine Reminiszenz an das popkulturelle Selbstverständnis der Stadt – aufgelöst in Echo und Hall durch Guido Craviero, den Live-Soundmagier von Seeed und Peter Fox. Matthias Arfmann, einer der Gründerväter des deutschen Dub, tritt gemeinsam mit seinem Sohn Chassy auf. Es ist eine schöne Analogie: Wie das Label Echo Beach musikalische Generationen verbindet, so tun es auch seine Protagonisten. Lee „Scratch“ Perry ist ebenso vertreten wie Elbtonal Percussion, deren Max-Romeo-Cover in Zusammenarbeit mit Prottassov avantgardistisch über den Tellerrand schaut. Auch das Politische hat Platz: TC Sunshines Agit-Dub über Nikel Pallats legendären Auftritt bei einer TV-Talkshow 1971 (bei dem ein Tisch zu Bruch ging) klingt wie ein Stück akustischer Erinnerungskultur. Knarf Rellöm Arkestra prangert in „Die Mieten sind zu hoch“ die soziale Realität vieler Großstädte an – und wird von Dub Spencer & Trance Hill aus der Schweiz kongenial in Dub übersetzt. Hier verbinden sich Musik und Milieu zu einem urbanen Klangbild, das weit über Hamburg hinausweist.
Hamburgs Szene lebt nicht nur von ihren Soundsystems, sondern von der Durchlässigkeit der Genres. Das macht sich besonders auf dieser Compilation bemerkbar: Heinz Strunk bringt mit „Black Jets Dub“ Pubertät auf den Punkt, Jacques Palminger & Kings of Dubrock gendern Chaka Khan mit hanseatischer Lässigkeit. Prince Istari und Legoluft liefern Dub in der Tradition des DIY-Geists, und mit Kein Hass Da (die Bad Brains auf Deutsch covern) schließt sich ein Kreis zwischen Punk, Dub und Subversion. Auch Größen wie Deichkind, Erobique, Sam Ragga Band, Fettes Brot oder die Goldenen Zitronen sind vertreten – nicht als Stars, sondern als Teil eines Kollektivs, das die Vielfalt dieser Szene ausmacht. Es ist der Sound einer Stadt, die sich nie festlegen ließ – schon gar nicht in musikalischer Hinsicht.
Was „King Size Dub – Hamburg“ so schön macht, ist die Symbiose aus Rückblick und Vision. Sie zeigt, wofür Echo Beach seit 1995 steht: für das ständige Re-Kontextualisieren eines Genres, das seine Stärke gerade in der Experimentierfreudigkeit findet. Das Label hat Dub nicht nur importiert, sondern geprägt, adaptiert, geformt – bis hin zu den gefeierten Tributes an The Clash, David Bowie, Kraftwerk oder Grace Jones und die Ramones. Die Stadt, in der das alles begann, bekommt mit diesem Album ihre Dub-Hommage – rau, verspielt, tief, durchzogen von Spuren, Stimmen und Geschichten. Hamburg ist nicht nur Kulisse, sondern Klangquelle. Und Echo Beach bleibt das Leuchtfeuer am Horizont.

Bewertung: 4 von 5.

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Five Star Review

Sheriff Lindo And The Hammer: 10 Dubs That Shook The World [2025 Edition]

Wieder ein Album aus Down Under, welches einst komplett und unentdeckt an mir vorübergegangen ist. Zum Glück bekommen wir jetzt die 2025er Ausgabe von „Sheriff Lindo And The Hammer: 10 Dubs That Shook the World [2025 Edition]“ (EM Records). Warum eigentlich 10 Dubs? Auf der LP sind acht Tracks zu hören und auf die CD wurden noch fünf Bonus-Tracks draufgepackt. Egal, es ist das legendäre erste Album von Anthony Maher, einem Mitglied des australischen Experimentalmusik-Ensembles „Loop Orchestra“, das unter dem Namen „Sheriff Lindo And The Hammer“ mithilfe von Bandmitgliedern der „Severed Heads“ damals gerade einmal 250 Exemplare des Albums produzierte. Der Experimentiergeist des Reggae-Maniacs Anthony Maher ging bei den Mixes weit über King Tubbys Dub-Ideen hinaus, wobei er auch in Bereiche des Post-Punk und der britischen experimentellen Avantgarde-Künstler wie David Cunningham und David Toop vordrang. Da die Aufnahmen zu „Ten Dubs That Shook The World“ aus den Jahren 1981 bis 1988 stammen, lässt sich auch vermuten, dass die damaligen experimentellen On-U Sound Alben eines Herrn Adrian Sherwood diese Zusammenstellung von Tonbandexperimenten ebenfalls stark beeinflussten. Oder ist Anthony Maher sogar die australische Antwort auf Adrian Sherwood?


Diese acht fetten Dubs (LP) sind auf jeden Fall geprägt von der Fingerfertigkeit und dem Faderflicking-Timing von Anthony Maher aka Sheriff Lindo. Seine Fähigkeiten für prägnant gesetzte Effekte und Soundspielereien setzt er mit bemerkenswerter Sicherheit ein. Als Schöpfer von „Ten Dubs…” wird Maher für seine Kombination aus jamaikanischem Dub und britischem Industrial sowie Post-Punk als antipodischer Ausreißer der Dub-Musik gepriesen. Er entfernt sich weit von ihrem Ursprung, hat aber immer ein festes Verständnis für ihre fantastische, entmaterialisierte Dynamik.
Was soll man dazu noch sagen? Für mich sind es ein paar Alben im Jahr, die einfach anders und sehr spannend sind. Dazu gehört ab sofort auch der Meilenstein mit Kultstatus „10 Dubs That Shook The World“, der nach 37 Jahren wieder aus den Tiefen des australischen Untergrunds aufgestiegen ist, um endlich an der Oberfläche zu bleiben. Diese acht bzw. 13 Dubs sind weniger eine Zeitkapsel als vielmehr ein Signal, das bis heute mit unverminderter Kraft und Dynamik nachwirkt.

Bewertung: 5 von 5.
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Tor.Ma in Dub: Full Circle

Mit „Full Circle“ (Dubmission) präsentiert Tor.Ma in Dub ein Werk, das gleichermaßen kompromisslos wie konzentriert wirkt – und das vor allem durch seinen Einstieg eine unerwartete Wucht entfaltet. Die ersten beiden Tracks, „Lights On“ und „Earth Calling“, markieren einen radikalen Moment im Schaffen des mexikanischen Produzenten: zwei gnadenlose Steppers-Monolithen, die mit dem verspielten Psydub-Image, das ihm oft zugeschrieben wird, nichts mehr zu tun haben. Hier ist kein Platz für flirrende Klangteppiche oder sphärische Spielereien – was sich stattdessen entlädt, ist reine Soundsystem-Energie. Die Bassdrum marschiert mit fast brutaler Geradlinigkeit durch die Tracks, stoisch und unnachgiebig, während ein unmodulierter, tiefschwarzer Subbass den Raum füllt und die Magengruben erschüttert. Es sind diese zwei Stücke, die das Potenzial haben, auf jeder Dub-Session für kollektives Kopfnicken und eine Reihe von Rewinds zu sorgen. Kein überflüssiger Effekt, kein ornamentales Beiwerk – nur Groove, Druck und ein fast technoider Minimalismus, der an frühe UK-Steppers erinnert, aber mit einer düster-digitalen Kante versehen ist, wie man sie aus dem Dunstkreis von Alpha & Omega kennt.
Im weiteren Verlauf der EP kehrt Tor.Ma in Dub dann zurück zu vertrauterem Terrain. Die restlichen drei Stücke öffnen sich atmosphärisch, werden sanfter, lassen Raum für esoterisch angehauchte Melodien und psychedelisch schillernde Klangtexturen. Hier klingt wieder durch, was Produzent Hernández in Interviews als seinen kreativen Ursprung beschreibt: eine Affinität zu inneren Klangräumen, zu meditativen Zuständen, zu bewusstseinserweiterndem Sounddesign. Doch auch in diesen Tracks bleibt der Rhythmus klar und geerdet – das Spiel mit Raum und Frequenz bleibt stets im Dienst des Dub.
„Full Circle“ ist mehr als nur eine weitere EP im Katalog von Tor.Ma in Dub – es ist ein markanter Einschnitt, ein bewusst gesetzter Akzent. Die unbändige Energie der ersten beiden Tracks wirkt wie ein Paukenschlag, der den Künstler in einem neuen Licht zeigt: roh, direkt, auf das Wesentliche reduziert. Ohne Schnörkel, ohne Rückversicherung, mit maximalem Nachdruck. Was danach folgt, ist kein Abflauen, sondern ein gezielter Perspektivwechsel. Die restlichen Stücke öffnen andere Türen, lassen Raum für Tiefe und Kontemplation, für die verträumte, schwebende Seite, die man mit Tor.Ma in Dub bislang vorrangig assoziierte. Doch gerade im Kontrast zu den brachialen Eröffnungsnummern gewinnen auch diese leiseren Töne an Schärfe. So gelingt es „Full Circle“, zwei Pole zu vereinen – Druck und Weite, Körper und Geist – und daraus ein geschlossenes, spannungsgeladenes Werk zu formen.

Bewertung: 4 von 5.

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Dennis Bovell: Wise Music in Dub

Dennis Bovell meldet sich mit „Wise Music in Dub“ (Wise Records) zurück und liefert ein Dub-Album, das nicht nur seine jahrzehntelange Erfahrung widerspiegelt, sondern auch seine Vorliebe für echte Songs und prägnante Melodien. Zum 72. Geburtstag schenkt er sich – und uns – eine Sammlung von elf Dub-Versionen, die von Soul-Vorlagen über Doo-Wop bis hin zu Protestsongs reichen – allesamt von einem Klang geprägt, der optimistisch, sonnendurchflutet und heiter daherkommt. Ganz untypisch für Dub: frei von Schwere und Düsternis. Bovell hat sich dabei ein beeindruckendes Ensemble ins Studio geholt – von Papa Dee über Brinsley Forde bis hin zu Carroll Thompson – und genau die Stücke bearbeitet, auf die er selbst Lust hatte. Dass er sich dabei keinen Deut um aktuelle Dub-Trends schert, ist das größte Kompliment, das man dem Album machen kann. Sein Ansatz hat einen redlichen Old School-Charme: Bovell spielt Reggae so, als hätte es die letzten 40 Jahre schlicht nicht gegeben. Kein Modular-Gefrickel, keine futuristischen Effekte, kein typisches Dub-Mixing – sondern handgemachte Rhythmen, bekannte Melodien, viel Gesang und viel Herzblut. Gerade deshalb wirkt das Album so glaubwürdig: „Wise Music In Dub“ klingt nicht nach einem nostalgischen Rückgriff, sondern nach einem Mann, der sich nicht verstellen muss. Der macht, was ihm Spaß macht, was ihn grooven lässt – und was ihn vermutlich auch an die guten alten Zeiten erinnert, als Reggae im UK noch angesagt war – und er mittendrin im Geschehen.
Nicht jeder Track zündet gleichermaßen – „You’re A Big Girl Now“ etwa driftet gefährlich nah an den Kitschrand –, aber gerade diese Unebenheiten verleihen dem Album Charakter. Am stärksten ist Bovell, wenn er auf seine ureigene Handschrift vertraut: Wenn Carroll Thompson über die Dub-Version von Les Fleurs schwebt, wenn Swizz the Panist die Steel Pans zum Glühen bringt oder wenn ein einfacher Offbeat plötzlich zur Zeitmaschine wird. „Wise Music In Dub“ ist ein musikalischer Spaziergang durch Bovells Kopf und Herz.

Bewertung: 3.5 von 5.

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J. Robinson (WhoDemSound): Dubplates Volume 1

Ich höre die Musik von J. Robinson seit Jahren. Releases auf WhoDemSound, diverse Dubplates, immer wieder taucht sein Name auf. Und trotzdem: Ich weiß nichts über ihn. Keine Bio, kein Interview, kein Gesicht, keine Anekdote. Auch das Internet – sonst zuverlässig auskunftsfreudig – bleibt stumm. Keine brauchbaren Informationen. Keine Hinweise. Keine Geschichte. Das ist unbefriedigend, aber vielleicht auch konsequent. Also bleibt nur die Musik.
Und die, muss ich zugeben, läuft bei mir gerade ziemlich oft. Genauer gesagt: „Dubplates Volume 1“ (Whodemsound). Ein Album, das keinerlei Überraschungen bereithält. Keine stilistischen Experimente, keine neuen Produktionsideen, keine markanten Sound-Details. Digitaler UK-Dub, wie man ihn kennt. Warm. Gleichförmig. Funktional. Und trotzdem höre ich es ständig. Ich klicke auf Play. Immer wieder. Ich höre es laut. Nicht aus analytischem Interesse, nicht aus Neugier. Sondern weil es einfach da ist. Weil es läuft. Und weil es gut läuft.
Was mich dabei irritiert: Ich halte mich eigentlich für einen offenen, suchenden Hörer. Ich mag Experimente. Ich schätze Ungewöhnliches. Ich finde Gefallen an Brüchen. Aber hier ist nichts davon. Und ich genieße es trotzdem. Denn dieser Dub – so glatt, so unspektakulär, so stoisch – trifft etwas in mir, das ich sonst gern ignoriere: mein Bedürfnis nach Kontinuität. Nach Wiederholung. Nach Sound, der sich nicht aufdrängt, sondern einfach bleibt. Ich höre also nicht genau hin. Ich analysiere nichts. Ich lasse laufen. Und werde ruhig. Der Bass ist da, tief und weich. Die Percussions klackern vor sich hin, polyrhythmisch, aber nie hektisch. Die Offbeat-Chops kommen, wie sie kommen müssen. Keine Überraschung. Keine Variation. Und doch: Atmosphäre. Viel Atmosphäre. Wenn ich darüber nachdenke, würde ich vielleicht genau diese Tracks auflegen, wenn mich jemand fragt, was Dub eigentlich ist. Ich würde keinen herausragenden Klassiker spielen, auch keinen experimentellen Dub am Rande des Genres. Sondern J. Robinson: Dub als Zustand. „Dubplates Volume 1“ ist also kein Album, das erklärt werden will. Es will gespielt werden. Und dann noch mal. Und dann wieder. Vielleicht ist das seine größte Qualität. Und vielleicht erklärt sich J. Robinson damit besser als jede Bio es könnte.

Bewertung: 4 von 5.
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Augustus Pablo: King Tubbys Meets Rockers At 5 Cardiff Crescent, Washington Garden, Kingston

Bereits im Herbst 2022 wurde mit „Augustus Pablo and Rockers All Stars: Lightning and Thunder“ eine fantastische Sammlung größtenteils bisher unveröffentlichten Materials aus den Archiven der Pablos veröffentlicht. Zweieinhalb Jahre später fördert Augustus Pablos Sohn Addis für das französische Label Only Roots erneut einige Schätze aus den Archiven von Rockers International ans Tageslicht. Der Titel der Vinyl-LP „Augustus Pablo: King Tubbys Meets Rockers At 5 Cardiff Crescent, Washington Garden, Kingston“ verweist unmissverständlich auf die Adresse des legendären Black Ark Studios. Das neue Album ist wieder eine Fundgrube größtenteils unveröffentlichter Stücke. Die dreizehn zeitlosen Riddims der Rockers All Stars sollen demnach alle im Black Ark Studio von Lee „Scratch” Perry aufgenommen und bei King Tubbys abgemischt worden sein. In Goethes Klassiker höre ich Dr. Faust sagen: „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.” Mir geht es genauso, denn ich höre den typischen Black-Ark-Sound kaum. Bei „Tide Rope Dub” hingegen ist Scratchs Handwerk definitiv wahrnehmbar. Trotzdem liefert das Album Dub-Versionen von Perlen wie „Keep a Good Dub” (Immortals: „Why Keep a Good Man Down”), „North Street Dub” (Hugh Mundell: „Run Revolution a Come”), „Home of Dub” (Immortals: „A House Is Not a Home”) und „Stop Them Jah” feat. Jacob Miller (Riddim: „Who Say Jah No Dread”). Von besonderem Interesse sind außerdem zwei alternative Versionen von Pablos „Unfinished Melody”. Einige Tracks der LP erschienen, wenn überhaupt, erstmals vor Jahrzehnten auf extrem raren, verkratzten 10-Inch-Veröffentlichungen.
Bei dieser Zusammenstellung handelt es sich also nicht um eine bloße Wiederveröffentlichung, sondern um äußerst seltene Aufnahmen, die nun einem größeren Publikum zugänglich gemacht wurden. Bezeichnend finde ich, dass auf dem Cover ein sehr junger Augustus Pablo mit seinem Markenzeichen, der Melodica, zu sehen ist. Allerdings ist die Melodica auf keinem der Tracks dieser Veröffentlichung zu hören.

Nachtrag am 25.07.2025:
Mein letzter Satz ist schlichtweg falsch! Nach erneutem, intensivem Anhören muss ich meine Aussage revidieren, denn die Melodica ist im „Home of Dub” eindeutig wahrzunehmen – wenn auch nur kurz.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Lisabon by Bus: Sincretismo

Im Rahmen seines jüngsten Projektes „Lisabon by Bus“ hat Bruno Crux die Gelegenheit genutzt, seiner Passion für Reggae, Dub und Roots in vollem Umfang nachzugehen. Sein Engagement und Interesse für die karibische Kultur begann Ende der 90er Jahre als Schlagzeuger der Band Nature an der Seite von Freddy Locks. Im Jahr 2007 veröffentlichte er das erste Album von Lisabon by Bus und fundamentierte damit seine musikalische Vision, insbesondere auch durch die Zusammenarbeit mit nationalen und internationalen Künstlern. In der Folge wurde das Kollektiv „Fittest of the Fittest“ gegründet, das sich durch die Verwendung eines vollständig analogen Soundsystems auszeichnet und sich auf die Präsentation von authentischem „Roots-Sound“ spezialisiert hat.

Mit seinem jüngst bei Subciety Records publizierten Album „Lisabon by Bus: Sincretismo“ gelingt dem portugiesischen Schlagzeuger und Produzenten Bruno Crux ein eindrucksvolles Comeback. Das Mini-Album beinhaltet vier Instrumentalstücke, gefolgt von jeweils einer von Sr. Dubong gemischten Dub-Version. Die Musikstücke verbinden World-Musik-Klänge mit Reggae-Rhythmen. Der Fokus liegt dabei auf dem Phänomen des „Sincretismo” (Sinkretismus), das an der Schnittstelle unterschiedlicher kultureller und religiöser Einflüsse entsteht. Die Kompositionen demonstrieren eine Verbindung vom damaligen „Ende der Welt“, dem „Finis Terra“ im Westen der Bretagne, zum uralten Mystizismus von Axum im Norden Äthiopiens und von dort über die unendlichen eurasischen Weiten zum Berg Amba Gashen in der äthiopischen Region Amhara. Es ist eine musikalische Reise durch verschiedene geografische Orte, die von Reggae-Grooves geleitet, mit Klängen aus aller Welt angereichert wird. Die vier Instrumentalstücke „Finisterra”, „Aksum”, „Eurasia” und „Amba Gashen” symbolisieren dabei Stationen dieser imaginären Reise.
Die Instrumentierung der Stücke übernehmen Bruno Crux am Bass, an den Gitarren, am Klavier und an den Percussions, Pedro Mighty Drop am Schlagzeug und an den Percussions sowie Zacky Man an den Keyboards. Als besondere Gäste wirken João „The Rooms“ Gonçalves (Klavier und Guzheng bei „Finisterra“, Guzheng bei „Aksum“), Ras Kamarada (Gitarre bei „Aksum“) und Freddy Locks (Gitarre bei „Amba Gashen“) mit.

Bewertung: 3.5 von 5.
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Dub Healer: Raw & Remixed

„Raw & Remixed“ (Reverb & Delay) von Dub Healer ist ein Album, das seine eigene Unvollkommenheit nicht nur offen zur Schau stellt, sondern regelrecht feiert. Schon das Punk-inspirierte Cover signalisiert: Hier wird nicht gebügelt, hier wird gebrannt! Die Tracks auf diesem Album sind – im besten Sinne – halbfertige Skizzen, rohe Entwürfe, die direkt aus der Werkstatt auf die Dubplate gewandert sind. Dass diese Dubs häufig aus letzten Entwürfen stammen und in einem Take aufgenommen wurden, verleiht ihnen eine Dringlichkeit, die sie von perfektionistisch zerarbeiteten Produktionen wohltuend absetzt. „Prayer Dub“ eröffnet das Album mit einem Stück Dub-Geschichte: Die legendären Samples von Alpha & Omega und Jonah Dan, seit 2007 in der digitalen Mottenkiste versteckt, bekommen hier ein spätes, aber umso würdigeres Revival. Die dial-up Modem-Geräusche und Vogelstimmen fügen sich in den rauen Klangteppich ein, der ebenso spirituell wie ungehobelt ist. „Better To Make Dub“ ist eine Hommage an Dub Judahs „Better To Be Good“ – ohne den Versuch, das Original zu übertrumpfen. Stattdessen gibt es eine respektvolle, energetische Neuinterpretation, die sich vor allem auf der Tanzfläche ihre Daseinsberechtigung verdient. Mit „Sing Jah Dub“ liefert Dub Healer genau das, was ein Sound System braucht: einen simplen, aber wirksamen Banger, der die Massive zum Mitsingen und -springen animiert. Minimalismus in Reinkultur – ein Basslauf, ein prägnanter Vocal-Sample, und genug Raum für die kollektive Ekstase vor den Lautsprechertürmen. „M1 Dub“ ist eine Liebeserklärung an den legendären Korg M1 Synthesizer, dessen digitale Klänge hier überraschend warm und organisch klingen. Es ist ein augenzwinkerndes Statement gegen den analogen Purismus: Ja, auch ein digitaler Dinosaurier kann unter den richtigen Händen ordentlich swingen. Kurz: „Raw & Remixed“ ist kein makelloses Kunstwerk – es will es auch gar nicht sein. Es ist ein Manifest des Moments, ein raues Klangtagebuch für Dub-Connaisseure und Sound System-Aktivisten. Jeder Hall-Effekt sitzt vielleicht nicht perfekt, jede Bassline ist vielleicht ein bisschen zu dominant oder zu schlank – aber genau darin liegt der Reiz.

Und ja, ich weiß, nicht selten halte ich die Fahne der komplexen, vielschichtigen Dub-Kompositionen hoch. Musik jenseits des reinen Dancefloor-Gebrauchs, intellektuelle Klangarchitektur, die man am besten im Sessel und mit einem Glas guten Weins konsumiert. Aber Hand aufs Herz: Wenn die Bassline erstmal rollt und die Crowd kollektiv abhebt, dann braucht es keinen gepflegt gealterten Wein. Man könnte sagen: Auch ich bin ein Opfer meiner eigenen Prinzipien geworden – und es fühlt sich ziemlich gut an. Denn am Ende gilt doch nur eines: Erlaubt ist, was Spaß macht. Dub war noch nie ein Ort für Dogmen, sondern immer ein Experimentierfeld zwischen spiritueller Suche und hemmungslosem Sound System-Exzess.

Bewertung: 4 von 5.