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Review

Dub Attack

Zwei kurze Jahre lang, zwischen 1979 und ’80, brachte das ursprünglich mit Bunny Lee verbundene ATTACK Label, das zu der Zeit bereits Trojan gehörte, exorbitant knallende Maxis raus, die meisten erkennbar am gelb unterlegten Logo, mit roten Lettern auf dunkelgrünem Grund. In einigen Fällen wurde auch mit blauem Trojan Label gepresst. Insgesamt gab es 25 Stück, von denen die meisten heute heiß begehrt sind wegen der hier und nur hier zu findenden Mixe von Prince Jammy und Scientist. Darunter extended Killer-Versions von Barry Browns „Living As A Brother“, „Separation“ und „Cool Pon Your Corner“, Morwells „Kingston Twelve Tuffy“, Linval Thompsons „Pop No Style“ und Michael Rose’s „Born Free“. Das Bild mit den Labels dieser Maxis stammt aus dem Booklet einer merkwürdig zusammen gestellten DoCD, auf der man, abgetrennt von den Vocals, 19 jener Attack-Dubs als – wie es das Booklet nennt – „generöses“ Bonusmaterial findet. Dabei auch die zuvor erwähnten Titel. Aufhänger der Kompilation jedoch sind zwei ganz andere Dub-Alben, die stilistisch absolut nicht zueinander passen. Zum einen „A.1 Dub“, 1980 von Blacka Morwell in Kingston gemischt, mit Dubs zu der Morwells LP „Cool Runnings“ von 1979 sowie Mixen der „Taxi“ und „Get In The Groove“ Riddims. Zum anderen „Cry Tuff Dub Encounter Chapter IV“, dem Gegenstück zu Prince Far Is „Voice Of Thunder“, ein Jahr später in London von Adrian Sherwood gemischt. Obwohl die Linernotes der DoCD sich bemühen, einen Link zwischen den Alben herzustellen und beide LPs einzeln betrachtet hervorragend sind, die Attack-Bonus-Dubs sind der wahre Grund, warum man dieses Set besser nicht verpassen sollte. Zumal man für jede einzelne dieser Maxi deutlich mehr Geld investieren müsste als für die stets preiswerten DoCDs des englischen Re-Issue Labels Doctor Bird. (Eine kürzere Version des Textes erschien in RIDDIM 01/21)

Bewertung: 4 von 5.

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Interview

Interview mit Thomas Blanchot (Mato)

Dein Name: Thomas „Mato“ Blanchot
Du lebst in: Paris, Frankreich
Dein aktuelles Album: Scary Dub

Wie lautet deine persönliche Definition von Dub?

Ich würde sagen Dub ist Klangkunst. Es ist ein einzigartiger Stil, der die totale Kontrolle des Tracks beansprucht – sowohl was die Komposition (durch Edits) als auch den Mix (durch Effekte) betrifft. Was wir heute als Remix kennen, hat seinen Ursprung vor langer Zeit im Dub. Voraussetzung dafür war eine neue Art von Künstler: Der Dub-Mixer. Tatsächlich habe die Beatles den Weg dafür geebnet, als sie ihre Tontechniker feuerten und selbst die Kontrolle über die Aufnahmetechnik übernahmen. Das Studio selbst – also Equipment samt Tontechniker – ist zweifellos ein vollwertiges Bandmitglied, wenn Musik aufgenommen wird. Die Tonspuren werden dann zu grenzenlos formbaren Material; ähnlich dem improvisierenden Stil im Jazz. Letztlich geht‘s darum jeden Moment, jede Note bzw. Melodie zu veredeln.

„Unterschiedlichste Musikstile als Reggae-Dub zu adaptieren – das ist mein Markenzeichen.“

Braucht Dub eine Referenz, etwa einen Vokal-Counterpart oder kann er als Selbstzweck für sich allein im Studio entstehen? 

Am Beginn stand die durch den Mix bearbeitete Version eines Titels. Das sind die Wurzeln von Dub, der mit anwachsendem Repertoire zum eigenen Stil avancierte. Produzenten wie Mad Professor oder Jah Shaka haben hingegen haben eigene Dub-Tracks aufgenommen und nicht auf bereits existierendes Material zurückgegriffen. Ich sehe meine Produktionen irgendwo dazwischen; ich suche nach bekannten Titeln, die sich gut adaptieren lassen und produziere sie neu – nur um sie dann dubben zu können. Ich brauche also unbedingt eine Referenz zu meiner Arbeit und sehe Dub als Counterpart zu etwas bereits Existierendem. Meine Referenzen find sich allerdings nicht im Reggae; dass ist das Besondere an meiner Arbeit.

Natürlich kann man alles dubben – einige Stile sind dafür besser geeignet als andere. Ein hypnotischer, melodischer Reggae-Bass kann den Hörer für Stunden in Trance fallen lassen, während ein harmonisch-unterstützender Pop-Bass diese Tragkraft nicht besitzt. Ein melodischer Bass, der rhythmische Skank und die Platzierung von Drum-Fills sind jedoch unbestrittene Elemente eines gelungenen Dub-Rezepts.

„Ich sehe Dub als Counterpart zu etwas bereits Existierendem.“

Gibt es Grundvoraussetzung bei der Dub-Produktion?

Kenntnis und ein Gefühl für die Kultur ist immer ein guter Beginn – das Wissen, welche Techniken es gibt und in welchen Aufnahmen sie bisher benutzt wurden, bereichert ungemein und bietet Orientierung. Ich habe Stunden um Stunden Dub gehört bis mir die Ohren geblutet haben. Der weitere Weg eines Dub-Novizen ist zu lernen und zu versuchen, die Klassiker des Genres zu reproduzieren. Wenn man das alles verdaut und durch hat, dann „ist“ man Dub, dann kann man sich in dieser Kunst ausdrücken. Wer den Klang beherrscht, kann eine Geschichte ohne Worte erzählen.

Wie sieht der Entstehungsprozess eines typischen Dub-Tracks von Mato aus?

Unterschiedlichste Musikstile als Reggae-Dub zu adaptieren- das ist meine künstlerische Identität, mein Markenzeichen. Und es ist ein gutes Mittel, die Musikrichtung Dub Menschen vorzustellen, die einen völlig anderen musikalischen Horizont haben. Durch bekannte Melodien erwecke ich nicht nur Gefühle und Erinnerungen, sondern auch Neugier. Das ist meine Art, Musik universell und mein Publikum divers zu halten; ich und meine Produktionen lassen sich nicht von einer einzelnen Community vereinnahmen.

Die Melodie ist das Um & Auf meiner Dub-Adaptionen. Ich benötige eine faszinierende Melodie, die ich durch Tempo und Arrangement fein-tune. Die Rhythmik muss natürlich fließen: Ob Steppers, Rockers, One Drop – wenn’s nicht passt, wird’s wieder geändert. Wichtig ist, die Aufnahme nicht zu verwässern; es muss eine Adaption bleiben – keinesfalls eine komplette Umwandlung.

„Die Melodie ist das Um & Auf meiner Dub-Adaptionen.“

Auf meinen Aufnahmen wird alles live eingespielt und keine Samples verwendet. Ich selbst spiele Keyboards, Drums/Percussions und Bass; je nach Bedarf kommen noch andere Musiker dazu. Gelegen kommt, dass ich mir im Laufe der Zeit eine breite Palette an Sounds und verschiedensten Instrumenten zulegen konnte – etwa Percussions, Vintage-Synths, SynDrums und dergleichen.

Der beste Teil meiner Arbeit ist aber der Mix: Von der alten Schule kommenden, habe mit unterschiedlichen Boards und Techniken gearbeitet. Seit 15 Jahren verwende ich nur mehr Pro Tools; es erlaubt mir die Mixes solange wie notwendig zu überarbeiten. Ich verwende auch viele alte Gerätschaften wie den Roland Space Echo RE-201, verschiedene Spring Reverbs (Federhall), Vintage Phasers, selbst Zusammengebasteltes usw.

Mato-Produktionen haben einen typischen, „cleanen“ Sound, der mich an Produktionen der frühen 1980er erinnert – ist das beabsichtigt?

Ich bin ein großer Fan der 70’s und 80’s Sounds, will sie aber nicht nachahmen – ich versuche lediglich die Tonspuren meinem eigenem Hörempfinden anzupassen. Ich bin jedenfalls ein großer Fan des Channel One-Sounds – das ist mein persönlicher Meilenstein, den es zu erreichen gilt. Dieser Sound profitiert noch von der Glut der 1970er, hat allerdings bereits einen klareren, präziseren Klang. Noch eine kleine Dosis „2.0“ dazu und fertig ist der Mato-Sound.

Die Drums auf Deinen Aufnahmen haben einen ganz eigenen, unverkennbaren Klang – weich, aber mit einem heavy Punch. Lass‘ mich raten: Du spielst die Drums selbst. 

Richtig! Ich habe mit 13 Jahren zu spielen begonnen, weil mein Bruder einen Drummer für seine Band gebraucht hat. Nach einiger Erfahrung habe ich eine Reggae Band gegründet – oder besser gesagt: ein Orchester mit Bläsersatz und allem Drum & Dran. Das war mir nicht nur in der Musik eine wichtige Lektion: Die anderen zu hören, sich untereinander wahrzunehmen.

Nach der Schule habe ich begonnen, Schlagzeug zu studieren – zuerst in Frankreich, dann weiter in den USA, wo ich die Los Angeles Music Academy 1998 abgeschlossen habe. Ich bin also an erste Stelle Drummer, der seine Riddims einspielt. Ich adjustiere und stimme meine Trommeln präzise um den Sound zu erreichen, den ich mir vorstelle. Das ist wahrscheinlich die zeitintensivste Arbeit in meinen Produktionen, aber Ursprung meiner eigenen Klang-Identität. Die Drums müssen immer präsent und präzise sein; holprig dürfen sie nur sein, wenn ich Hip-Hop mache (ich bin ein großer Fan von Dr. Dre). Das Geheimnis ist also gelüftet: Hinter einem Album des Dub Mix-Produzenten Mato steckt tatsächlich das Album eines Drummers!

In Deinen Produktionen gibt’s nicht den extra-heavy Bass, den man sich vom Dub erwartet. Er scheint eher zurückhaltend, möglicherweise um sich an europäische Hörgewohnheiten anzupassen. Wie wichtig ist Dir Sound generell?

Wie bei jeder Musikrichtung gibt es im Dub unterschiedliche Möglichkeiten und niemals nur einen Weg, um zum Ziel zu kommen. Selbst wenn ich alle Mittel nutze, kann ich immer noch meinen eigenen Stil einbringen. Als Drummer liebe ich kraftvolle Bässe – es gibt nichts Effektiveres in meiner Musik als den Sub-Bass denn ich verwende. Aber im Gegensatz zu anderen Stilen, in denen der Bass in den Vordergrund gemixt wird, bevorzuge ich die herkömmliche, ausgewogenen Abmischung. Ich würde das nicht als Europa-bezogen sehen … mein Publikum findet sich in aller Welt.

Deine geniale Version von Daft Punk’s „Homework“ hat mich damals umgehauen und ich schätze auch die darauffolgenden Alben sehr. Woher kommt Deine Inspiration, wie wählst Du die Themen für Deine Konzeptalben aus?

Danke für die netten Worte. Wie gesagt – im Grunde genommen bin ich Schlagzeuger, und als Instrumentalist ist es schwer, in der internationalen Musikszene Fuß zu fassen – selbst wenn man viele unterschiedliche Stile beherrscht. Ich bin in der glücklichen Lage, alles was ich mag in meine Musik reinpacken zu können: Die Drums sind mein Superstar; Melodien werden mit Echos, Sound-Gimmicks, Delays und vielen anderen Effekten komplettiert – herrlich!

„Die Drums sind mein Superstar.“

Ich suche nach ansprechenden Konzepten, die mir die Umsetzung meiner musikalischen Vorstellungen erlauben. Angefangen habe ich mit zwei Alben mit Reggae-Covers klassischer französischer Chansons (Anm.: „Il est cinq heures, Kingston s’eveille 1 und 2“), denen die entsprechenden Dub-Alben folgten (Anm.: „Il est cinq heures in Dub 01 und 02“). Dann produzierte ich vier Reggae-Hip-Hop-Remix Alben, die mich international bekannt gemacht haben. Schlussendlich habe ich mit der Serie von Konzept-Alben begonnen, die ich seither laufend ausbaue. Glücklicherweise fehlt’s nicht an Inspiration – die Arbeit am nächsten Album hat schon längst begonnen. 

Üblicherweise starte ich mit einer Konzept-Idee – wobei es wichtig ist, dass die in Frage kommende Titel starke Melodien haben, ins Reggae-Rhythmus-Gefüge überführbar und … ja, auch spirituell akzeptabel sind. So entstehen durch simple Soundgimmicks Titel wie „Close Encounters of the Third Kind Dub“ oder elaborierte, komplex arrangierte Stücke wie „Enter the Dragon Dub“ (Anm.: beide vom „Hollywoo Dub“-Album). 

„Mein Heiliger Gral ist das ‚Classical Dub‘-Album.“

Den aktuelle „Scary Dub“-Release kann man durchaus als Sequel zu „Hollywoo Dub“ sehen, obwohl es ursprünglich nicht so geplant war. Mein „Heiliger Gral“ ist allerdings das „Classical Dub“-Album – es hat mich unendlich viel Zeit und Energie gekostet, klassische Musik als Dub zu adaptieren.

Beim „Homework“-Album hat mich übrigens der Manager von Daft Punk kontaktiert und ein Vorab-Exemplar verlangt. Ich war sehr nervös und habe ein „no way“ als Antwort erwartet – Daft Punk hatten den Ruf knallhart zu sein, wenn es um ihre Musik ging. Letztlich haben sie aber nur gefragt, ob Sie das Album auf einer Party spielen dürften – das Teil war damit genehmigt!

Die Tracks von „Scary Dub“ wirken auf mich wie kurze Comic-Strips mit all den Horror-Soundeffekten. Stimmst Du mir zu oder siehst Du die Tracks in einem anderen Licht?

Ich stimme absolut zu. Wie in der dubblog.de-Review sehr gut erklärt ist, bin ich Konzeptkünstler. Meine Konzept-Alben laden zu einer Reise mit unvorhergesehen Ereignissen ein; sozusagen ein akustisches Abenteuer innerhalb eines vorgegebenen Rahmens, das in seiner Form aber eindeutig neu ist. 

Wenn das Konzept ist, Filmmusik von Horror-Klassikern als Dubs zu adaptieren, dann bietet die Leichtigkeit von Humor natürlich einen interessanten Blickwinkel dafür. Sind nicht Angst und Fröhlichkeit zwei unkontrollierbare Zwillingsemotionen? Es ist allerdings wichtig, die Musik selbst nicht zu verunglimpfen – ich habe da großen Respekt vor. 

In meiner „Dub Top 5“ finden sich übrigens zwei Alben, die zu meinen Inspirationsquellen gehören und sehr gut zu meiner eigenen Arbeit passen – Mikey Dread’s „African Anthem“ und „Scientist Rids The World Of The Evil Curse Of The Vampires“. Ohne jeden Zweifel haben mich die von Henry „Junjo“ Laws produzierten Scientist-Konzeptalben immer schon zutiefst beeindruckt!

Die Reviews von »Scary Dub« auf dubblog.de haben gutes Feedback bekommen – abgesehen von der Kritik, dass manche Deiner Dubs zu kurz geraten sind und mit Fade-outs enden – oder sind gerade diese nur +/- 3 Minuten langen Tracks Teil Deines Erfolgs? 

Ich bin old-school unterwegs – selbst wenn ich gegensätzliche Musikrichtungen verbinde, möchte ich die klassischen Stilmittel beibehalten. Meine Geschichten sind kurz, aber gehaltvoll – auch, um die Aufmerksamkeit des Hörers nicht zu verlieren. Wir neigen ja z.B. dazu, gedanklich abzuschweifen, wenn jemand zu viel bzw. zu lange redet. Insofern: Ja, das kurze Pop-Format ist wohl Teil meines Rezepts. Letztlich geht es immer um die Story – die man so arrangieren kann, dass sie mit einem Ausrufezeichen oder mit Auslassungspunkten enden. Diese Fade-outs interpretiere ich als einen Traum, der sich verflüchtigt und verschwindet. 

„Das kurze Pop-Format ist wohl Teil meines Rezepts.“

Was bringt die Zukunft für Mato? Gibt es ein Konzept für das nächste Album, möchtest Du schon etwas dazu sagen?

Das neue Projekt wird ein Soul/Jazz/Funk-Tribute, das mir sehr am Herzen liegt. Letzten Herbst habe ich eine erste Single daraus veröffentlicht – eine Dub-Adaption von Herbie Hancock’s „Maiden Voyage“ und eine neue Version von „Also sprach Zarathustra“, die von Jazzpianisten Eumir Deodato inspiriert ist. Als nächstes kommen 45er von Kool & the Gang, Bill Withers und sicherlich noch mehr Singles bevor das Album veröffentlicht wird. Bleibt dran, das wird großartig!

Wird es einmal ein Mato-Album geben, das statt Dub-Adaptionen selbstgeschriebenes Original-Material enthält?

Ja, und das Projekt ist bereits fertig: Eine EP mit 4 Tracks, die ich alle selbst komponiert habe. Es ist ein Mix aus meinen Lieblings-Stilrichtungen: Reggae/Dub-Jazz/Soul/Funk und Disco. Und diesmal sind die Tracks mindestens 5 bis 6 Minuten lang und für den Einsatz in Clubs gedacht. Auf „Scary Dub“ gibt es übrigens schon drei von mir geschriebene Titel um das Album zu komplettieren. Es gibt ja leider keine sofort wiederkennbaren Melodien für Dracula, Frankenstein oder die Mumie – also habe ich selbst welche geschrieben.

Wenn Zeit und Geld keine Rolle spielen würden – welches Projekt würdest Du gerne realisieren?

Tatsächlich musste ich immer mit dem arbeiten, was gerade zur Verfügung stand. Meinen ersten Dub habe ich auf einem 4 Track-Tape aufgenommen; mit einem Mikrophon für die Drums, einem Roland Synthesizer und einem Delay-Pedal für die Gitarren. Heute habe ich ein gut ausgestattetes Studio, aber die musikalische Idee ist immer noch mehr wert als das ganze Equipment.

„Die musikalische Idee ist immer noch mehr wert als das ganze Studio-Equipment.“

Ich bin jetzt in der glücklichen Lage, dass ich machen kann was ich liebe und arbeite auch mit einem Label zusammen, das mich in all meinen Entscheidungen unterstützt. Das gestattet mir, meine Musik mit so vielen Menschen wie möglich zu teilen – was schon ein Projekt für sich ist.

Das „Classical Dub“-Album hat mich gelehrt, dass es Zeit und Erfahrung braucht, um klassische Musik mit einem gewissen Flow als Dub umzusetzen; deshalb plane ich ein Opern-Dub Projekt – eigentlich mehr eine musikalische Komödie, die ich eines Tages verwirklichen möchte. Auch dazu benötigt es mehr Inspiration als finanzielle Möglichkeiten; es soll ja „nur“ ein Album werden und keine Live-Show. Das wird ein anspruchsvolles Projekt. Mal sehen wie es sich entwickelt.

Wie siehst Du das Aufleben von Dub und Roots Reggae, dass seit einiger Zeit in Europa stattfindet? Es gibt viele europäische Produktionen, die mitunter authentischer klingen als der aktuelle jamaikanische Output.

Es ist großartig! Musik von einer kleinen Insel infiziert die ganze Welt und gegen Reggaemylitis braucht’s noch nicht mal Impfungen!

Spaß beiseite, Jamaica ist ein sehr armes Land und Gewalt ist auf der Insel allgegenwärtig. Aktuelle Produktionen sind Ausdruck dieser Gegenwart und die jamaikanische Regierung fördert nun mal kein Roots & Culture – ganz im Gegenteil. Gott-sei-Dank gibt es weltweit viele Botschafter, die Roots & Culture am Leben erhalten: Reggae-Musiker, -Sänger, -Produzenten, -Sound Systems, -Labels und -Tontechniker finden sich überall – und sie setzen Zeichen. Es ist halt wie bei jeder Schöpfung: Letztlich entrinnt sie dem Schöpfer und macht sich selbständig.

Wen hältst du für den größten Dub-Künstler aller Zeiten?

Es gibt heute so viele talentierte Künstler und jeder davon hat seine eigenen Helden – für mich sind es die Altvorderen, die Erfinder des Dub: Scientist ist wahrscheinlich mein Sound-Vorbild, aber King Tubby ist der Schöpfer der Dub-Kunst wie wir sie heute kennen. Paul „Groucho“ Smykle ist mein dritter Dub-Hero – man braucht die Credits gar nicht erst zu lesen, wenn man seine atemberaubenden Dub Mixes hört. Sie sind von den ersten Takten an sofort wiedererkennbar. Was für eine Kunst, was für ein Können, was für eine Raffinesse! Ewig schade, dass Groucho diesen Weg nicht weiter gegangen ist.

Und wer ist aktuell der interessanteste Dub-Artist?

Es gibt jetzt eine Reihe von Bands in Europa, die Dub auch live performen – mit Videos, Lichtchoreographie usw. Sie haben damit einen sehr modernen Stil entwickelt, der mit aktuellen Mainstream-Musikdarbietung mithalten kann. 

Was sind deine persönlichen Top 5 Dub-Alben?

Die Auswahl ist mir sehr schwer gefallen – die Liste meiner Top-Dub Alben ist sehr lang. Hier ein Versuch, die wichtigsten fünf zu nennen:

Scientist – Scientist Rids The World Of The Evil Curse Of The Vampires 
Black Uhuru – The Dub Factor
Mickey Dread – African Anthem
Sly & Robbie – A Dub Experience
King Tubby & The Aggrovators – King Tubby’s „Controls“

Anmerkung der Redaktion: Um des Sprachflusses willen haben wir in diesem Interview auf Gendern verzichtet.

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Five Star Review

Blundetto: Good Good Dub

Auf dieses Album habe ich mich so richtig gefreut: Blundetto, „Good Good Dub“ (Heavenly Sweetness). Gefährlich, denn eine solche Vorfreude mündet aufgrund der hohen Erwartungen ja nicht selten in einer Enttäuschung. Doch nicht bei „Good Good Dub“! Das Album des Franzosen ist schlicht very good good! Natürlich handelt es sich um die Dub-Version des im letzten Jahr erschienenen Albums „Good Good Things“ – das wiederum ein verspäteter Nachfolger von „Bad Bad Things“ ist. Wer Blundetto nicht kennt: Es handelt sich um den Franzosen Max Guiget, der seine Musik in einer kleinen Zweizimmerwohnung in der Nähe des Gare du Nord zwischen einer gigantischen Vinyl-Plattensammlung, alten Aufnahmegeräten, exotischen Instrumenten und übervollen Aschenbechern aufzunehmen pflegt. Verschrieben hat er sich globalen Sounds – insbesondere Latin – und maximal entspannten Rhythmen voller rauchiger Atmosphäre. Reggae hört man auf seinen „normalen“ Alben eher selten. Ganz anders jedoch auf deren Dub-Counterparts! Blundetto weiß nämlich, was Dub wirklich benötigt: Ein Reggae-Fundament. Okay, so richtig solide ist es manchmal nicht, aber das wäre für den Sound-Nerd auch zu einfach. Seine Kunst besteht vielmehr darin, exotische Zutaten zu einem faszinierenden Sound-Amalgam zu verschmelzen, das von intensiver, dichter – manchmal durchaus melancholischer – Atmosphäre geprägt ist. Wer sich darauf einlässt, die fette Atmosphäre in vollen Zügen einatmet, Ohren und Geist öffnet, kann nicht anders, als dieser Musik zu erliegen; sich in sie fallen zu lassen wie in ein Bett aus Zuckerwatte und schließlich voller Genuss zu versinken. Wunderschön! Nur sieben Tracks – dafür aber mit so viel emotionalem Gehalt wie anderswo sieben Alben.

Bewertung: 5 von 5.
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Five Star Review

Aldubb & Mr. Glue: Der Mensch

„Ich mag einfach Alben.“, konstatiert Aldubb. »Die Entwicklung, dass die meisten Artists nur noch Singles zu produzieren, gefällt mir nicht. Für mich ist einAlbum mehr als die Summe seiner Singles. Die logische Fortführung des Gedankes, mehrere Einzelstücke zu einem Gesamtwerk zusammenzufassen ist das Konzeptalbum. Eigentlich ist „Der Mensch“ aber kein klassisches Konzeptalbum, das Konzept besteht eher in der ungewöhnlichen Kombination aus Dub und Deutschunterricht.« Da untertreibt der seit „A Timescale of Creation – Symphony No. 1 in Dub minor“ ungeschlagene Konzeptalben-Großmeister Aldubb aber gewaltig. Sein neues Werk „Der Mensch“ macht doch schon im philosophisch anmutenden Titel klar, dass es hier keineswegs nur um ein Duzend ordinärer Dubs gehen kann. Ein Konzept besteht in einer übergeordneten Idee, an der sich das Werk ausrichtet, eine Idee, die ihm Form und Sinn verleiht. Diese Idee ist bei Aldubbs neuem Album „Der Mensch“: deutsche Lyrik. What?? „Die Idee entstand so:“, erklärt er, „Mr. Glue gefiehl es, wenn während unserer Dubherz-Radio Shows gerade Instrumentals liefen, immer mal wieder 1-2 Sätze Literatur zu zitieren. Anfangs waren das nur Vierzeiler, bis ich mir dann einen Dub schnappte und ihn mit einem längeren Text zu einem Song arrangierte. Das war der Song „Die Liebe“. Inhaltlich haben wir uns dann relativ schnell die beiden Schlagworte „Der Mensch und die Liebe“ als Leitfaden gegeben. Innerhalb weniger Wochen hatten wir dann 9 Texte aufgenommen.“ Was Aldubb hier schildert, hört sich so selbstverständlich und naheliegend an, ich frage mich allerdings, warum niemand zuvor auf diese grandiose Idee gekommen ist. Tagein, tagaus setzen wir uns geduldig der Beschallung mit Langweil-Texte über Religion, Gras und Sex aus – ein Grund übrigens, warum ich kaum noch „normalen“ Reggae hören mag. Dabei gibt es so wunderschöne Lyrik, die es nur mit so wunderschöner Musik zu kombinieren gilt, um ein so wunderschönes Hörerlebnis zu erschaffen wie „Der Mensch“. Aldubb und Mr. Glue haben Dub Poetry soeben neu erfunden. Gott sei Dank, sind die beiden nicht der Versuchung erlegen, deutschsprachige Lyrik mit atonaler oder sonst wie verkopfter „Kunstmusik“ zu unterlegen. Nein, wir hören hier superb produzierte, handgemachte Dubs, kraftvoll und zugleich sensibel, akribisch arrangiert und gemixt, perfekt gemastert und vor allem ungemein musikalisch: „Ein glücklicher Zufall führte dazu dass Toni Farris, der übers Wochenende mit der Evolution-Band im Studio zu tun hatte, Zeit fand, die damals fast fertigen Songs mit ein paar seiner genialen Piano-Melodien zu würzen und damit gewaltig auf zu werten.“, verrät Aldubb.

Ich habe in letzter Zeit selten ein Album mit so viel Genuss gehört. Von wegen „Deutschunterricht“! Dub und Lyrik gehen hier eine Verbindung ein, die viel, viel mehr ist als die Summe aus den beiden beiden Komponenten. Die Worte bekommen zusätzliche Kraft durch die Musik und die Musik wird durch sie noch mehr zum bewussten „Hörerlebnis“. Lasst uns doch ein neues Dub-Genre daraus machen! Ich wäre dabei.

Wer allerdings unter – vom real existierenden Deutschunterricht seiner/ihrer Kindheit zugefügten – Konditionierungsschäden gegen Lyrik leidet, findet auf „Der Mensch“ übrigens auch alle Dubs ganz nüchtern ohne Poesie. Auch schön.

Bewertung: 5 von 5.

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Review

Dubylon

Wer Spaß an Dub Spencer & Trance Hill hat, wird auch Dubylon mögen. Das Live-Dub-Duo aus Stuttgart hat nach einjähriger, kreativer Improvisationsarbeit sein Debut-Album vorgelegt: „Dubylon“ (Dubylon) – und was soll ich sagen? Klingt wie Dub Spencer meets Free Jazz und ist definitiv eine Exkursion wert. „Dubylon bedeutet für uns, unserer Kreativität völlig freien Lauf zu lassen, mit live gesteuerten Effekten auch mal wild herum zu experimentieren und nicht an Grenzen oder Vorgaben gebunden zu sein.“, geben João Braun und Julian Humburg Auskunft. Damit treffen sie den Nagel auf den Kopf – wobei wir auch schon bei dem Körperteil sind, mit dem „Dubylon“ genossen werden sollte: dem Kopf. Wer sich auf die interessant-widersprüchliche Mixtur aus straighten Beats und soliden Basslines auf der einen Seite und schrägen, beinahe schon atonalen Experimenten auf der anderen Seite intellektuell einlässt, dürfte mit den fünf Tracks der EP eine spannende Erfahrung machen. Ich bin jedenfalls ziemlich gespannt darauf, in welche der beiden Richtung die Reise von Dubylon weiter gehen wird.

Bewertung: 3.5 von 5.
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Five Star Review

Bunny Wailer: Dub D’sco Vol. 1

Eine sehr traurige Nachricht erschüttert gerade die Reggae/Dub-Welt. Der letzte noch lebende Wailer aus dem Triumvirat der Wailing Wailers, Bunny Wailer, ist gestern (02.03.2021) 73-jährig im Kingstoner Krankenhaus gestorben. Aus diesem traurigen Anlass möchte ich nochmal die „Dub D’sco Vol. 1“ in Erinnerung bringen. Ein Album, das Bunny Wailer 1977 auf seinem Solomonic-Label veröffentliche und das von mir damals wie heute abgefeiert wird. Bunny Wailers erstes Dub-Album enthält (nur) sieben Tracks, die laut Bunny Wailer speziell für die Dancehall Massive ausgewählt wurden.
Das Album wird perfekt mit „Roots Raddics“ (aus Roots, Raddics, Rockers, Reggae) eröffnet. Ein heute immer noch unglaublicher und richtig packender Dub. Darauf folgt das mäandernde „Battering Down“ (aus Blackheart Man), das eine großartige Dub-Stimmung verbreitet, die träge und auf faszinierende Weise dahinfließt. Es ist immer wieder eine wahre Freude, die andere Dimension des Original-Gesangsstücks zu hören. Als Nächstes kommt „Armagedon“ (aus Blackheart Man), eine atemberaubende, mit Nyahbinghi Drumming verfeinerte, räumliche Klanglandschaft. Eine weitere großartige Version ist „Fig Tree“, die viele Vocals im Mix enthält. „Love Fire“ (aus Love Fire) erinnert ein wenig an „Dub Of Parliament“, Lee Perrys Dub-Version des Meditations Klassikers „House Of Parliament“. Die Hymne „Rasta Man“ (aus Blackheart Man) ist eine fantastische Dub-Version mit einer schillernden Atmosphäre. Sehr schön, wie gerade da Carly Barretts Drumming herauszuhören ist. Abgerundet wird dieses unglaubliche Meisterwerk durch „Dream Land“ (aus Blackheart Man), das ein paar herrlich kitschige Weltraum-Synthie-Klänge enthält.
Die meisten der auf Dub D’sco Vol. 1 enthaltenen Songs werden den Reggae-Fans mehr als geläufig sein, dennoch ist es immer wieder eine aufregende Erfahrung, sie in einem anderen, hier Dubwise-Stil zu hören. Die Art und Weise wie alle Songs von den weniger bekannten Dub-Meistern Sylvan Morris und Karl Pitterson im Kontrollraum eine inspiriert klingende Dub-Behandlung erhalten haben, kann als Sternstunde des Dub bezeichnet werden. Selten wurden der Instrumentierung und vor allem Bunny Wailers Stimme in Dub-Mixes so viel Raum gelassen. Es mag sein, dass Dub D’sco mit seinen Spezialeffekten etwas überproduziert daherkommt, aber letztendlich macht die Stärke der Songs und die exquisiten Darbietungen der Musiker dieses Album zu einem absoluten Muss für den Die-Heart-Dub-Fan.
R.I.P. Neville O’Riley Livingston aka Bunny Wailer

Bewertung: 5 von 5.
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Review

Dubstrand Allstars: Dubbing on the Bay

Es gibt da diese „New Releases“-Sektion auf dubblog.de, in die der Rezensent gerne und regelmäßig reinschaut – und sei’s nur um zu sehen, was die Kollegen da alles zwischen Gut und Böse reinstellen. Das ist die ganz, ganz breite Palette; nur Besonderes und/oder Interessantes (im positiven wie negativen Sinn) findet seinen Weg in die Reviews. Also mutig reingesprungen in die Flut an Neuheiten, stichprobenartig reingehört und tatsächlich fündig geworden: Es ist Dubstrand Allstars‘ Debut-Album „Dubbing on the Bay“ (Dubstrand Music), das ich hiermit ins grelle Rezensions-Licht zerre.

Zugegeben: Es sind wieder mal die Drums, die meine erste Aufmerksamkeit in Anspruch genommen haben; sie erinnern in ihrer Abmischung sehr an Releases aus dem Jahr 1981, als da wären Peter Tosh‘ „Wanted Dread & Alive“, Jimmy Cliff’s „Give the People What They Want“ oder Pablo Mosers‘ „Pave the Way“. Dieser harte Sound, der nicht sonderlich basslastig war, aber mit seinem Punch in entsprechender Lautstärke wahrscheinlich Löcher im Trommelfell hinterlassen hat; diese Kickdrum, die ziemlich martialisch daherkommt und quasi befiehlt, wo’s langgeht. Der damals relativ kurzlebige Trend findet sich jetzt auf dem „Dubbing on the Bay“-Album wieder – ob das beabsichtigt oder Zufall war bleibt offen.

Meine zweite Aufmerksamkeit hat den Dubstrand Allstars selbst gegolten – nie gehört, nie gesehen, wer soll das sein? Die online-Recherche lässt mich vorerst komplett auflaufen; dann findet sich doch noch ein Bruchstück einer Information und weist auf Brizion hin. Der Mann ist mir schon öfters aufgefallen; weniger wegen seiner mediokren Musik denn ob der schieren Menge seines Outputs: Der Kalifornier dürfte einmal Husten und am anderen Ende schießen 5 Alben raus, die dann leider auch so klingen. Klarer Fall von Quantität vor Qualität. Man stelle sich vor, Vaughn Benjamin hätte sich mit Brizion zusammen getan… das wäre wohl eine endlose Flut an dahinbrabbelnden Alben geworden.

Die Dubstrand Allstars hingegen sind dankenswerterweise kein weiteres Soloprojekt von Brizion; er nimmt sich (hurra!) doch glatt einen zweiten Musiker – sprich Drummer – an Bord. Keine Frage, das lässt die Musik aufleben, wenn auch mit Wermutstropfen: Der Mann spielt E-Drums, die per se keine großen klanglichen Varianten bieten. Schläge auf die E-Snare klingen immer ermüdend gleich, eine akustische Snare hingegen klingt bei jedem Schlag eine Nuance anders – je nachdem wo der Stick das Fell trifft. Ein kleiner Unterschied der eine Klangwelt ausmacht.

Zurück zum Album – es ist nicht sonderlich basslastig mit einem gefühlten Cutoff bei 60Hz, aber siehe oben: Was für Tosh und Cliff damals gut genug war, sollte man heute auch den Dubstrand Allstars zugestehen. Letztlich bleibt eine Ansammlung klassisch anmutender Riddims; sparsamst instrumentiert mit unaufdringlich eingearbeiteten Dub-Effekten. Da ist nicht viel falsch gemacht worden, und doch wirkt alles gleichförmig, eintönig. Das ist sicher nicht nur den Drums geschuldet, sondern eher dem, dass da lediglich zwei Musiker ihr Bestes geben: Der eine spielt Schlagzeug, der andere spielt den überschaubaren Rest der Instrumente. Lust kommt da keine auf, musikalische Ideen sind nicht zu finden. Das Ganze wirkt eher wie eine Pflichtübung und ist damit weit von einem Meisterstück entfernt. Wer jedoch gewillt ist seine Erwartungen entsprechend herunterzuschrauben, wird durchaus Freude an „Dubbing on the Bay“ haben. 

Bewertung: 2.5 von 5.
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Review

R-Juna: Rockers Dub

Vom zyprischen Dubophonic Label gibt es wieder etwas Neues zu vermelden. Ein Jahr nach seiner Reggae/Dub-Debütveröffentlichung „Dubs And Praises“ ist der US-amerikanische Produzent aus Indiana Roy Waterford alias R-Juna mit seinem zweiten Dub-Album „Rockers Dub“ (Dubophonic Records) zurück. Und was soll ich euch sagen? Da geht einem alten Deadhead wie mir das Herz auf, wenn sich ein Dub-Künstler über 25 Jahre nach Jerry Garcias plötzlichem Tod (1995) und der offiziellen Auflösung der Grateful Dead zwei absolute Klassiker der Band: „Franklin’s Tower“ und „Fire On The Mountain“ vornimmt, sie einer Dubbehandlung unterzieht und durch die Echokammer jagt. Natürlich sind die beiden Titel auch Beleg dafür, welch außerordentlichen Stellenwert Grateful Dead – *die „amerikanischste“ aller Bands – in den USA innehat(te). Und was gibt’s noch auf der Neuerscheinung zu entdecken? In der Sammlung der zehn neuen Produktionen finden sich außerdem eine schöne Dubinterpretation des Red Stripes all-time Krachers „Seven Nation Army“ und des Doors Klassikers „Riders On The Storm“ mit Samples von Jim Morrisons Originalstimme. Die verbleibenden sechs Titel sind ordentliche Eigenkompositionen im herkömmlichen Roots-Dub-Style, die R-Juna elegant zwischen die Klassiker positioniert hat. Produziert, gemischt und gemastert wurde das Album wieder von Roy Waterford im Alleingang. Lediglich für die Dubbearbeitung der Grateful Dead Tracks wurde Colton Lantz an der Gitarre als Unterstützung angeheuert. Als kleinen Wermutstropfen muss ich konstatieren, dass Colton Lantz noch nicht einmal im Entferntesten an den glasklaren Gitarrensound eines Jerry Garcias herankommt. Wobei es ihm beim „Fire on the (Mountain) Dub“ etwas besser gelingt. Sei’s drum, denn das ist Jammern auf hohem Niveau. Wie bereits R-Junas erstes Dub-Album „Dubs & Praises“ kostet auch „Rockers Dub“ wieder nur das, was du zu zahlen gewillt bist.

*Die „amerikanischste“ aller Bands deshalb, weil sie es verstanden, mühelos fast alle amerikanischen Musikstile in ihren einzigartigen Band-Sound zu adaptieren.

Bewertung: 3.5 von 5.

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Review

Papa Dee: Sir Pinkerton Investigates Another Murder in Red Hut Studio

Ah… wunderbar! Wieder ein Dub-Counterpart zu einem Vocal-Release – wie sich’s gehört, meine ich. Eines bedingt das andere und überhaupt: One foot can’t run. Ich präsentiere also „“Sir Pinkerton Investigates Another Murder in Red Hut Studio“ (Red Hut Studios) – das Dub-Album zu Papa Dee’s vorjährigem, eher schlicht benannten „The Red Hut Sessions“-Release. Die Vorfreude darauf war meinerseits groß, gab es doch schon einmal von Papa Dee eine sehr schöne Vocal/Dub-Kombination, die zwar eine etwas schräge Erscheinungshistorie hat, aber auf ganzer Linie überzeugte: „Papa Dee Meets the Jamaican Giants“ und „Papa Dee Meets the Jamaican Giants vs. Internal Dread: In Dub“.

Mit den „Jamaican Giants“ ist es diesmal nichts geworden; „Sir Pinkerton“ ist schwedischer als schwedisch (wie Wasa Knäckebrot möchte ich fast sagen, aber das haben sich längst schon die Barilla-Nudelkocher einverleibt). Zur Erklärung: Papa Dee ist Schwede, die Musiker sind Schweden; Studio, Aufnahme, Mix, Mastering: alles in Schweden, durch Schweden & von Schweden. Was soll ich sagen: Europe rules, zumindest was klassischen (Roots-)Reggae und Dub betrifft. Die werden hier seit geraumer Zeit sehr gut, mit Liebe zum Detail und mit viel Respekt vor den ganz Großen gemacht. Kein Wunder, dass für uns so manche europäische Produktion jamaikanischer als der dortige Output klingt.

Zurück zu Papa Dee und seinem Dub-Release: Das große, nicht ganz unwitzige, in Variationen schon öfter untergekommene Thema sind hier Mordfälle, in denen die berühmte „Pinkerton National Detective Angency“ Ermittlungen durchführt – und zwar durch Begründer Sir Pinkerton höchstpersönlich. Was das mit der Musik zu tun hat? Rein gar nichts; Titel wie „Serial Killing“ oder „Pure Murder Dub“ sind wohl irgendwie auch als Anleihe an jamaikanische Vorbilder zu verstehen. 

Schlußendlich kann man über „Sir Pinkerton investigates…“ (die Albumtitel-Länge ist wirklich Marketing-feindlich) viel Gutes sagen: Schöne, handgeklöppelte Riddims, feiner Klang und ein gelungener, klassischer Dub-Mix, der der Echo-Schleife durchaus schon mal ordentlich Zeit einräumt – King Tubby lässt grüßen! Einzig störend der eine Rocksteady- (oder doch Ska?) Track, was allerdings mehr oder weniger einer persönlichen Abneigung geschuldet ist. Raus mit dem Teil aus der Playlist und alles ist wieder gut & empfehlenswert.

Bewertung: 4 von 5.

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Review Zweite Meinung

Mato: Scary Dub

Was mussten meine trüben Augen sehen? Hat da nicht letztens Kollege Wynands das neue Album von Mato mäklerisch mit läppischen 3 Sternen abgespeist und damit wahrscheinlich nicht nur bei mir Schnappatmung ausgelöst? Diesen wunderbaren, neuen Release „Scary Dub“ (Styx Records) vom französischen Wunderwuzzi Thomas Blanchot, der unter seinem Pseudonym Mato 1A-Reggae, -Dub, -Hip Hop und diverse Remixes produziert? Also dem Mann, der sich 2014 mit seiner Dub-Version von Daft Punk’s „Homework“ ins kollektive Dub-Gedächtnis eingebrannt hat? Ja, werte Leser*innen… ich kann Eure Empörung ob dieses unglaublichen Fehlurteils sehr gut nachvollziehen! Ich geb‘ mal spontan eine Runde Riechsalz oder Baldriantropfen (je nach Bedarf) aus für alle deren Blutdruck ob des Schrecks verrückt spielt.

Eine Schockstarre später muss man wohl anmerken, dass Mato’s Dub eigentlich nichts für die original Dubheads ist. Da stellt sich nicht der wohlige Dub-Rausch ein – Ihr kennt das: Wenn die Knie weich werden und leicht einknicken; wenn der Kopf unwillkürlich im Rhythmus zu nicken beginnt und die akustische Welt aus einer hypnotischen, endlos-repitativen Bassline und schleppend-schweren Schlägen auf die Drums besteht – und noch dazu mit Echo & Hall & sonstigem Effekt-Arsenal ins psychodelische Traumland führt, wo Zeit dann nur noch aus Langsamkeit besteht. Also so fühlt sich’s jedenfalls bei mir an – gebt Bescheid, wenn Ihr da eher medizinischen Handlungsbedarf vermutet.

Nein, Mato ist eher Konzeptkünstler, Geschichtenerzähler, Comic-Zeichner, der 2 bis 3-Minuten-Stories in akustische Kleinode umsetzt. Oder sich auch schon mal der klassischen Musik oder der Filmmusik zuwendet, und das alles perfekt produziert & abgemischt – natürlich nicht für’s große Dance-Soundsystem, sondern für die gepflegte Heim-Anlage. Da findet noch nicht mal der sonst pingelig-kritische Rezensent etwas zu bemängeln, was schon mal eine Sensation für sich ist. Wie auch immer, Mato hat sich in seiner neuen Arbeit wieder mit der Filmmusik auseinandergesetzt; diesmal etwas enger gefasst mit dem Horror Movie-Genre. Da ist quasi alles vertreten was Rang & Namen hat – von Dracula, Frankenstein über Freddy Krueger und Michael Myers bin hin zu Fox Mulder und Dana Scully; wir wollen auch den weißen Hai und das Ding aus dem Sumpf nicht vergessen. Ein Album voller „Scary Dubs“ eben.

Jeder Track ist ein Comic für sich; die Film-Melodien sofort wiedererkennbar, die passenden Soundeffekte sensationell: Eine unheimliche Orgel, kreischende Frauen, Christopher Lee’s Stimme – „I am Dracula“ ist beste Dub-Unterhaltung:

Oder wie wär’s mit der Dub-Version vom „Jaws“-Theme, sprich dem „Weißen Hai“? Die langsam anschwellenden, dann nervösen, panik-verbreitenden Streicher… die Erinnerung an die späten 70er Jahre ist sofort wieder da:

Einen hab‘ ich noch: Michael Myers goes Reggae im „Halloween Dub“… uh… scaaary!!!

Mato macht diesmal also Musik für die SciFi/Horror/Splatter-Movie-Fans und natürlich auch für das Kind in den Dubheads. Es ist lockere Unterhaltung, leichte Kost, bestens präsentiert… und ich liebe es. Ich schmeiss‘ mich tatsächlich noch jedesmal weg, wenn ich den „Jaws Dub“ höre – und das Album läuft derzeit in Endlosschleife!

Das ergibt insgesamt locker 4 Sterne, Kollege Wynands… ach was, ich leg‘ noch einen halben Stern drauf: Es läuft gerade Akte X in Dub – „Die Wahrheit ist irgendwo da draussen“. Sooo scaaary!!!

Bewertung: 4.5 von 5.