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Five Star Review

Thee Balancer: Back to Westmoreland

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Ich bin immer wieder erstaunt, welch schöne Dub-Produktionen hier in Deutschland entstehen. Viele davon fristen ein Dasein weit unterhalb des Radars der hiesigen Reggae-Community. Wie zum Beispiel: „Back to Westmoreland“ von Thee Balancer, veröffentlicht auf bandcamp.com. 71 Minuten, aufgeteilt auf nur acht, nah an Minimal-Elekronik gebaute Tracks. Keines der Stücke läuft kürzer als acht Minuten. Jedes ist eine faszinierende, hypnotische Hörerfahrung, eine akustische Reise durch unendlichen, von trägen Beats gekrümmten Raum und relative Zeit. Die Stücke beginnen stets ganz unscheinbar, entwickeln sich dann zu einem minimalistischen Beat, der zunächst wenig spannend erscheint, dann aber zunehmend größere hypnotische Sogwirkung entfaltet, bis der hörende Geist völlig in das Raum-Zeit-Kontinuum des Dubs eintaucht und sich selbst vergisst. Wer nur mal schnell reinhört und mit Fast Forward durch die Tracks stürmt, wird den Reiz des Albums nicht einmal ansatzweise erahnen können. Seinen Höhepunkt – und zugleich kathartisches Finale – erreicht das Album mit dem letzten Track „To be Pretty Sucks“. 16 Minuten läuft der Live-Dub, umspielt von Samples, Sounds, Hall und Echo. Ein gigantischer Dub, der ganz entfernt Erinnerungen an Basic Channel wach werden lässt. Superb.

Rating 5 Stars

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Mad Professor: Dubbing With Anansi

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Der verrückte Professor ist unermüdlich. Eigentlich sollte man meinen, dass er bereits alle in dieser Welt möglichen Dubs schon einmal produziert und gemixt hat. Aber nein, ihm fällt tatsächlich immer noch etwas Neues ein. Obwohl … als wirklich „neu“ lassen sich seine Dubs nicht mehr bezeichnen. Deuten wir es positiv: er ist seinem Stil treu geblieben. Das gilt auch für sein neues Werk: „Dubbing With Anansi“ (Ariwa). Es klingt wie alle anderen Werke des Mad Professors seit den frühen 1980er Jahren – und ist doch etwas Besonderes. Das liegt vielleicht an einigen vage vertrauten Riddims von z. B. Keith Hudson („Felt We Felt the Strain“), Dennis Brown („Want to Be No General“) oder Jammy’s („Sun is Shining“, „Johnny Dollar“), vielleicht aber auch an den vielen kleinen Referenzen an afrikanische Musik. Ganz sicher aber liegt es an den beiden Musikern: Horseman an den Drums – und vor allem der großartige Black Steel an nahezu allen anderen Instrumenten. Dem Album ist seine analoge Machart anzuhören. Trotz der typischen, oft hart und technisch anmutenden Soundeffekte des Professors, hat das Album Wärme und Seele. Hier blitzt die Virtuosität des verrückten Professors und die Spielfreude seiner Musiker wieder auf, die ich und viele Dub-Fans an Neil Frasers Frühwerk so schätzen. Den merkwürdigen Titel des Albums (der natürlich Bezug auf die afrikanischen Sounds des Albums nimmt) deutet der Professor auf seine ganz eigene Art: „Anansi ist ein mythischer Volksheld, der die Verschleppung aus Afrika überlebt hat. Er wird meist als halb Mensch, halb Spinne dargestellt und gilt als schlauester Bewohner des Dschungels. Im Studio ist Anansi niemand anderes als der Dubbing-Engineer“. Wenn man dabei den Professor vor Augen hat, so, wie er sich gerne darstellt, mit beiden Händen am Mischpult, die Finger wie Spinnenbeine über die Regler gespreizt, dann weiß man, wer hier der smarteste Engineer sein soll. Ich finde, er hat den Titel verdient.

Rating 4 Stars

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Dub Dynasty: Thundering Mantis

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Hier ist es, das zweite Werk der Dub Dynasty: „Thundering Mantis“ (Stappas Records). Der Name Dub Dynasty ist Konzept, denn dahinter verbergen sich: Ben Sprosen, John Sprosen und Christine Woodbridge. John und Christine sind Alpha & Omega. Ben ist der Sohn von John und der Neffe von Christine und nennt sich Alpha Steppa. Wir haben es hier also mit einer wahren Dub-Dynastie zu tun. Zu dritt legen sie nun ihr zweites gemeinsames Album vor, das nahtlos fortsetzt, wofür Alpha & Omega seit den späten 1980er Jahren stehen: heavy, hardcore Steppas. Stoisch auf die Trommelfelle einprügelnde Bass-Beats, mystische, repetitive Gesangs-Samples und ein perry-esker Urwald-Sound. Nichts für schwache Nerven. Die erste Hälfte des Albums präsentiert Vocal-Versionen, die zweite steigt ab in die düstere Unterwelt des Dub. Ben Alphas mutmaßlichem Einfluss ist es zu verdanken, dass der undurchdringliche A&O-Sound etwas klarer und definierter geworden ist, die Beats noch etwas knackiger. „Thundering Mantis“ ist nicht das, was man als „schönes Album“ bezeichnen würde. Es gleicht eher einem Tritt in den Allerwertesten. Aber genau kann man manchmal ja gut gebrauchen.

Rating 4 Stars

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Five Star Review

International Observer: Touched

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Nach „Seen“ und „Felt“ legt uns der International Observer (hinter dem sich der britische Producer Tom Baily verbirgt, der in den 1980er-Jahren die Pop-Band „The Thomson Twins“ leitete) nun sein drittes Album vor: „Touched“ (Dubmission). Obwohl der Name nur die Logik der Serie fortzusetzen scheint, ist er mit Bedacht gewählt, denn bei den Tracks auf dem neuen Album handelt es sich um eine Sammlung von Remixes – also um fremde Tracks, an die er Hand angelegt hat. Zeitlich umspannt die Sammlung die letzten 15 Jahre und enthält Stücke von den Black Seeds, dem Bombay Dub Orchestra, Banco De Gaia, Pitch Black oder Warp Technique – um nur die bekanntesten zu nennen. Doch trotz der heterogenen Herkunft der Tracks, klingt das Album sehr geschlossen und ganz und gar typisch nach International Observer. Melodiöse, warme, behagliche Beats sind sein Markenzeichen, bis ins letzte Detail sorgsam arrangiert und austariert. Seine Stücke besitzen einen unwiderstehlichen Flow. Sie fließen völlig entspannt und doch alles andere als spannungslos. Seien es die Samples indischer Musik im Stück des Bombay Dub Orchesters, die sanften Bläsersätze und Akkordeons im Pitch Black-Remix oder die Vocal-Samples im WarpTechnique-Dub, stets sind es diese Details, die ein Stück akzentuieren, es prägen und die Aufmerksamkeit der Hörer durch die Beats leiten. Oft sind es auch winzige Melodiefetzen aus dem großen Fundus des Reggae, die hier für angenehme Déjà-Vus sorgen (nur um danach die nagende Frage zu hinterlassen: „woher kenne ich diesen Bläsersatz, dieses Gesangsfragment?“).  Tom Baily gehört meines Erachtens zu den spannendsten, zeitgenössischen Dub-Produzenten. Ich könnte definitiv mehr von seiner Musik gebrauchen. Durchschnittlich alle drei Jahre ein Album ist einfach zu wenig.

Rating 5 Stars

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Warrior King Meets Bionic Clarke: Step-A-Riddim

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Was macht einer der profiliertesten Dub-Visionäre Deutschlands, wenn ihm der Sinn mal nicht nach Visionen, sondern so richtig nach klassischen Roots und traditionellen Dub-Sounds steht? Er gibt dem Verlangen nach, gründet ein Label, das mit einem Fuß in der Heimat, mit dem anderen in Jamaika steht und nimmt einfach ein paar richtig geile Old-School-Rhythms auf. Die Rede ist hier natürlich vom Dubvisionist aus Hannover, Felix Wolter, der zusammen mit Lennart Tacke jüngst das Label 117 Records gegründet hat. Felix produziert hier vor Ort die Rhythms und Lennart, der in Mandeville, Jamaika lebt, lässt sie auf der Insel voicen. Mit „Step-A-Riddim“ (117 Records) haben sie soeben ihre erste EP vorgelegt. Warrior King und Bionic Clarke geben darauf schöne, markante Lyrics zum Besten, und unsere heimischen Top-Musiker Marco Baresi (Gentleman), Markus Dassman (Senior Allstars) und Felix himsel steuern wunderbar beseelte, handgespielte Musik dazu. Den titelgebenden Rhythm hören wir hier gleich sechs mal: zwei Vocals, zwei Dubs und zwei Instrumentals – und ich könnte locker noch mehr vertragen. Der Start des jungen Labels ist absolut vielversprechend. Haltet durch und gebt uns mehr von dem Stoff!

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Dub Weekender

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Wer mal ein ganzes Wochenende in einem Meer von Bass baden möchte, sollte vom 24.–26. April 2015 in Wales sein. Hier findet zum dritten Mal der „United Nations of Dub-Weekender“ statt. Die Premiere 2013 – die von Weltuntergangs-Scheefällen im März begleitet wurde – hatte ich mir nicht entgehen lassen. Meine Tickets für 2015 habe ich schon. Wäre schön, Euch dort zu treffen ;-)

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United as One

United as one (front)

Die bekannten Dub-Net-Labels Dubkey und Dub-O-Phonic haben ein gemeinsames Album veröffentlicht: „United as One“ (Dubkey/Dub-O-Phonic). Doch statt nur Tracks aus dem Back-Katalog der beiden Labels zusammenzustellen, hat man hier ein richtiges Konzeptalbum geschaffen: Je zwei Artists der beiden Häuser haben exklusiv für das Album komponierte Tracks beigesteuert, die dann zwischen Dubkey und Dub-O-Phonic ausgetauscht wurden, um sie von Vocal-Artists des jeweils anderen Stalls voicen zu lassen. Anschließend kamen die Tracks wieder zurück nach Hause, wo Remixes und Dubs erstellt wurden. Das Ergebnis sind insgesamt 16 Tracks, basierend auf vier Riddims, mit jeweils einer Vocal-Version. Kling kompliziert, ist aber sehr einfach und sehr gelungen. Letztlich sind es vier kleine Dub-Version-Excursions, die ausloten, was sich mit einem Rhythm und zwei Mischpulten so alles anstellen lässt. Ich geben zu, es ist ein Konzept für wahre Dub-Connaisseure. Alle anderen werden nie verstehen, warum es spannend sein kann, sich vier mal vier Mixe eines Rhythms anzuhören (und ich muss zugeben: erklären könnte ich es ihnen auch nicht).

Rating 4 Stars

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Tuff Scout Allstars: Inna London Dub

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Tuff Scout ist ein ziemlich interessantes Reggae-Label aus London, das sich auf Retro-Produktionen spezialisiert hat. Es ist kein Rerelease-Label wie z. B. Pressure Sounds, denn die Rhythms werden neu produziert und anschließend von Foundation-Artists oder aktuellen Talenten gevoiced. „Retro“ ist hier aber dennoch der richtige Begriff, denn die Produktionen klingen allesamt so, als wären sie in den 1970er Jahren in Jamaika entstanden. Erstaunlich, wie es Jake Travis und Gil Cang – den beiden Masterminds des Labels – gelingt, den Sound so authentisch hinzubekommen. Alle bisherigen Releases waren 7“- oder 10“-Singles. Jetzt liegt das erste Album des Labels vor – und es ist ein Dub-Album: „Inna London Dub“ (Tuff Scout). Versammelt sind hier zehn Dub-Versions von Stücken aus dem inzwischen recht umfangreichen Katalog des Labels. Der Old-School-Sound ist absolut frappierend und auch der Dub-Mix hört sich an, als hätten Tubby oder Scientist höchstpersönlich an den Reglern gedreht. Doch die Tuff Scouts können auch anders: hört man genau hin, dann fällt auf, dass es den einen oder anderen Track gibt, der sich vom jamaikanischen Vorbild emanzipiert hat und ein moderneres Dub-Verständis pflegt. Sehr schön, wie auf dem Album 70er-Roots und Steppers miteinander verwoben sind. Wer auf alten jamaikanischen Dub steht, aber nichts gegen ein Quäntchen mehr Schmackes bei der Produktion hat und auch gelegentliche Steppers-Anflüge nicht verschmäht, wird mit „Inna London Dub“ glücklich.

Rating 4 Stars

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Five Star Review

Dub Syndicate: Hard Food

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Es war das Dub Syndicate, das mich 1982 mit dem von Adrian Sherwood produzierten Album „Pounding System“ erstmals auf die Spur von Dub setzte. Die Hausband von On-U-Sound, mit Style Scott am Schlagzeug und Flabba Holt am Bass. Zwei herausragende Musiker, die auch das Rückgrat der legendären Roots Radics bildeten. Über 20 Alben nahm Scott im Namen des Syndikats auf (die Aufnahmen der Roots Radics sind ungezählt), spielte die Tracks mit Flabba in Jamaika ein, fügte dann in Zusammenarbeit mit Sherwood in London Overdubs hinzu und ließ selbigen schließlich die Dubs mixen. Nun liegt „Hard Food“ (Echo Beach) vor, das letzte Album des Dub Syndicate. Ein weiteres wird es nicht geben, denn Scott wurde vor zwei Monaten in seinem Haus in Jamaika ermordet. Ein tragisches Ereignis, das eine nüchterne Rezension seines letzten Werkes unmöglich macht. Da verwundert es mich nicht, dass schon der erste Track Wehmut in mir aufkommen lässt, denn „Sound Collision“ erklingt in hundertprozentigem Dub Syndicate-Trademark-Sound, so als lägen zwischen „Pounding System“ und „Hard Food“ keine unglaublichen 32 Jahre. An Position 4 erklingt dann mit „Love Addis Ababa“ ein melancholisches Instrumental mit sanften Bläsern und traumschönem Cellospiel. Ein wunderbares und dank seiner Instrumentierung für Dub auch sehr ungewöhnliches Stück, das zeigt, dass Scott noch voller musikalischer Ideen steckte und uns in Zukunft wohl noch viel spannende Musik geboten hätte. Ähnlich schön ist „Gipsy Magic“, das den kraftvollen Reggae-Beat mit den wehmütigen Melodien einer Violine kontrastiert. Ich bin ganz gerührt von der emotionalen Kraft dieser Musik. Style, der Stilist, hat auch hier wieder ein paar sehr erlesene Sangesgäste hinzu gebeten: Lee Perry (okay, das mit dem Gesang ist relativ zu verstehen), Bunny Wailer, U-Roy, der hier über eine Version des „Police in Helicopter“-Riddims toasted und ein Bursche namens Magma, der ein paar Dancehall-Vibes beisteuert. Als Bonus gibt es noch drei hochklassige Dubs. Krönender Abschluss eines sehr schönen Albums, das viel Spaß macht und doch traurig stimmt.

Rating 5 Stars

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Meine Dub-Top Ten 2014

1. Dubmatix: In Dub
2. Rafter: It’s Reggae
3. Razoof Jahliya: Dubs & Remixes
4. Tomas Hegert: Dub på Svenska
5. Lee „Scratch“ Perry: Back on the Controls
6. Dubvisionist: King Size Dub Special
7. Alborosie: Dub the System
8. The Senior Allstars: Verbalized and Dubbed
9. AudioArt: Op’ra Dub Style
10. Dub Syndicate: Hard Food