Das New Yorker Dub Trio präsentiert mit „IV“ (Roir) sein mittlerweile fünftes Album (das vierte mit Produzent Joel Hamilton). Angefangen beim klassischen, Rock-beeinflussten Reggae-Dub, näherte sich das Trio – bestehend aus Drum, Bass und Gitarre – mit jedem Release einen Schritt weiter dem Heavy Metal. Mit IV ist es nun am Ziel angekommen. Obwohl das Presse-Info Wert darauf legt, den Reggae-Bezug herzustellen und von „Vielfältigkeit“ spricht, muss man der Wahrheit tapfer ins Auge blicken: das einst virtuose Dub Trio ist dem Dub schlicht und ergreifend verlustig gegangen. Statt Sound & Space gibt‘s unbarmherziges Gitarren-Massaker. Zwar raffinierter und experimenteller als bei den gängigen Mainstream-Metal-Bands, aber nicht desto trotz: es ist Metal. Reggae-Basslines, One-Drop-Beats oder Dub-Effekte sucht man vergeblich. Und obwohl ich Dub-Crossovers generell begrüße und glaube, dass in der Verbindung unterschiedlicher Stile viel musikalisches Potential steckt, so bin ich doch nach wie vor ein glühender Fan des Reggae-Beats und verstehe unter „Crossover“, dass zumindest ein Standbein im Reggae verbleiben sollte. Damit will ich die Musik der New Yorker Band keineswegs abqualifizieren. Das Dub Trio macht bestimmt keine schlechte Musik – es macht nur nicht meine Musik.
Hollie Cook: „Instrumentals“
Ich liebe Hollie Cooks Debutalbum (siehe letzte Riddim), so wie ich eigentlich all die grandiosen Retro-Produktionen von Prince Fatty liebe. Doch obwohl Cooks Songs richtig schön sind, hätte ich als alter Dub-Connaisseur nichts dagegen, sie als instrumentale Dub-Versions zu hören. Und siehe da: Der mächtige Prince Fatty scheint meinen geheimen Wunsch – zumindest teilweise – erhört zu haben, denn er stellte kürzlich das Album „Hollie Cook Instrumentals“ (Mr. Bongo) in den iTunes-Store. Keine Dubs – leider –, sondern die reinen Instrumental-Versions. Trotzdem schön, sehr schön sogar – und die Hoffnung auf ein Dub-Remake bleibt ja auch bestehen. Einzig nicht schön ist der schlampige Schnitt der Tracks „Sugar Water“ und „Shadow Kissing“, der sie brutal des Fade Outs beraubt.
Don Corleon „Presents Dub In HD“
Dub aus Jamaika ist ja bekanntlich eine rare Spezies. Nun erreicht uns ein Dub-Album vom Produzenten Donnovan „Don Corleon“ Bennett: „Don Corleon Presents Dub in HD“ (Don Corleon Records). Bennett, dessen Karriere vor rund zehn Jahren mit der Produktion knallharter Dancehall-Tunes begann, wendete sich 2005 dem zu, was er selbst als „modernistische Interpretation des One Drop-Beats“ bezeichnet. Gemeint ist damit eine Serie moderner Roots-Rhythms, die Singern wie Sizzla, Jah Cure, TOK, Luciano, Bounty Killer und natürlich Gentleman zu respektablen Hits verhalfen. Zehn dieser Rhythms – die bekanntesten dürften „Drop Leaf“, Major“ und „Seasons“ sein – liegen nun, vom Don persönlich gemixt (wie, ist hier zu sehen: http://www.youtube.com/watch?v=zohLYV6ncNg&feature), als „erstes Dub-Album aus dem Hause Don Corleon“ vor. Im Interview erklärte Bennett, dass er das Dub-Mixen von den ganz großen Meistern des Genres – Tubby, Scientist, Jammy, Mad Professor – gelernt habe, und zwar durch das Anschauen von Youtube-Videos! Mag es an dieser Lernmethode liegen, oder daran, dass sich moderne jamaikanische Rhythms grundsätzlich nicht für Dubs eignen (vielleicht liegt‘s auch an beidem), die „Dubs in HD“ sind jedenfalls nicht sonderlich überzeugend. Irgendwie klingen sie unbeseelt, steril, konstruiert und der Mix bleibt stets vorhersehbar, stereotyp, ja langweilig. Da helfen auch die eingespielten Gesangsfragmente von Buju Banton, Tarrus Riley, Jah Cure, Protoje, Natural Blacks und Jah9 nicht: die Tracks können die Aufmerksamkeit des Hörers nicht fesseln. Allerdings gibt es eine Ausnahme, und die befindet sich ganz am Ende des Albums: „Wrong Side In Dub“ von Protoje. Hier haben wir einen spannenden Rhtyhm und einen Mix, der ziemlich stark von Mad Professor inspiriert wurde. So müsste moderner Dub aus Jamaika klingen – nicht nur ein Track am Ende eines ansonsten harmlosen Albums.
Ich kann mir nicht helfen, aber Dubmatix ist mein Held. Ich stehe total auf seine Produktionen – und vor allem auf seine Dub-Produktionen. Als letztes Jahr sein Album „System Shakedown“ heraus kam, auf dem er fast nur Vocal-Tracks präsentierte, tröstete er mich mit dem Ausblick auf die „System Shakedown“-Remixes, die nun endlich unter dem Titel „Clash Of The Titans“ (Collision/Irie Ites) erschienen sind. Das Lineup der Remix-Artists liest sich wie das Who is who der Dub-Kunst: G. Corp, Zion Train, Victor Rice, Nate Wize, Alldub, Vibronics, Felix Wolter – um nur einige zu nennen. Sie bieten uns das komplette Spektrum vom reinen Dub-Mix bis hin zur kompletten Neu-Instrumentierung, von Roots über Jungle, Dubstep und technoiden Klängen bis hin zu Global Sounds. Im Vergleich zu „System Shakedown“, ist der Clash der Titanen deutlich elektronischer, dubbiger und experimenteller geworden, was die Sache – in meinen Ohren – noch interessanter macht. Ein gutes Beispiel, für das, was auf „Clash Of The Titans“ passiert, ist das Stück „Struggle“ (feat. Dennis Alcapone). Im Dubmix-Original ist es ein wuchtiger Steppers mit achtzigprozentigem Vocal-Anteil. Ein kraftvoller, dubbiger Song mit deutlichen Referenzen zum UK-Dub. Auf dem Remix-Album gibt es gleich zwei Versionen des Stückes. Eine stammt von Dubmatix himself, der hier richtig auf die Tube gedrückt hat, und den schnellen Steppers-Beat durch Hinzufügen weiterer Drum-Spuren nochmals beschleunigte. Der Sound klingt fetter (was vielleicht am besseren Mastering liegen könnte) und das Teil ist nun (trotz Alcapones Vocals) ein echtes Dub-Stück geworden. Noch einen drauf setzt Aldubb, der hier den zweiten Cut des Stückes liefert. Wenn sein Dubstep-Wobble-Bass einsetzt, dann regt sich zu Recht Sorge um den Gesundheitszustand der Tieftöner. Der Berliner Produzent und Dub-Mixer hat hier genau das gemacht, was Remix (und Dub) im eigentlichen Sinne ist: nämlich die kompromisslose Konzentration auf die reine Form. Er hat sie hier ins Extreme getrieben. Der Remix muss per se über das Original hinaus gehen, muss es mindestens in einer Hinsicht übertreffen, muss zu extremen Mitteln greifen, um eine Existenzberechtigung zu haben. Und da dies auf „Clash Of The Titans“ durchgängig der Fall ist, schwinge ich mich hier zu dem Urteil auf, dass das „System Shakedown“-Remix-Album tatsächlich noch besser ist als das Original.
Big Finga & Aldubb: „Big Dubb“
In den letzten Wochen landeten erstaunlich viele Dub-Alben entweder auf meinem Schreibtisch oder im Download-Ordner. Das Album, das ich immer wieder am liebsten aus diesem Stapel herausgreife und auflege ist „Big Dubb“ (One Drop) von Big Finga und Aldubb. Die Story dieses Albums beginnt mit Josie „Bigfinga“ Coppola, dem Drummer der Gentleman-Backing-Band „The Evolution“, der sich, wenn er nicht auf der Bühne hinter seinem Schlagzeug sitzt, auch als Produzent und Engineer betätigt. Zwei Jahre bastelte er an seinem ersten großen Projekt, einem Album, eingespielt von der Band Feueralarm und gevoiced von Artists wie Luciano, Joseph Cotton, Sugar Minott, Chezidek. Mit diesen Tracks unterm Arm (oder auf USB-Stick?!) betrat er schließlich das Berliner Planet Earth-Studio von Aldubb, um das Rohmaterial in klassische Dub-Cuts verwandeln zu lassen. Tja, wie soll ich‘s sagen? Danken wir der Vorsehung, dass sie die beiden Dub-Maniacs zusammen brachte, denn das aus dieser Zusammenarbeit entstandene Album „Big Dubb“ ist schlicht und ergreifend superb geworden. Hier treffen ausgesprochen schöne Songs, mit feinen Melodien und inspirierten Vocals (die zum Teil in den Mix einfließen), auf eine wahnsinnig gute Band und einen atemberaubend vollen, warmen und perfekt ausbalancierten Sound. Dazu noch ein klassischer, spannender, nicht exaltierter Dub-Mix, der es versteht, die Qualitäten des Originalmaterials zu betonen, statt sich selbstverliebt davor zu schieben, und schon hat man ein Album, das so schön ist, dass es sich zweifellos auch in ferner Zukunft als eines der besten Dub-Alben aus deutscher Produktion wird behaupten können.
Wer steckt hinter 10 Ft. Ganja Plant? Als würde es sich um eine reale Ganja-Plantage handeln, bleiben die Akteure weitgehend anonym. So viel ist bekannt: Die Band startete im Jahr 2000 als Nebenprojekt der Band „John Brown‘s Body“, ist in Boston angesiedelt und spezialisiert auf den Dub-Sound der 70er Jahre. Nun präsentiert die Band ihr bereits siebtes Album „Shake Up The Place“ (Roir) und entführt uns erneut in das Jahrzehnt, als der Dub blühte wie reife Ganja-Pflanzen auf den Plantagen. Das neue Werk kommt ganz unspektakulär daher und bietet – anders als der Titel vermuten lässt – gepflegte, klassische Dubs und Vocal-Tracks (manchmal als Showcase-Mix), leicht und luftig, handgespielt und klassisch arrangiert, sehr angenehm und relaxed. Die Songs (hier gibt es u. a. Sylford Walker und Prince Jazzbo zu hören) sind schön melodiös, greifen zum Teil bekannte Melodiefragmente auf und kopieren verblüffend perfekt den Sound der großen Vocal-Harmony-Trios Jamaikas. Choice!
Rolling Lion Studio: „House Of Dread“
Auf dem Dubmatix-Label Renegade Recordings ist soeben das Album „House Of Dread“ (Renegade) vom Rolling Lion Studio erschienen. Viel ist über das Studio nicht heraus zu bekommen, außer, dass es in London beheimatet ist und Riddims auf Bestellung produziert. Da für dieses Business wahrscheinlich nicht viel Nachfrage existiert, verbringt der Studio-Besitzer seine Zeit wohl damit, Rhythms für sich selbst zu produzieren, die er nun auf ein 12-Track-Album gepackt hat, damit ihr da draußen es kauft. Dazu will ich euch ermutigen, denn die Dubs sind durchweg solide. Der Sound lässt sich am ehesten als moderner UK-Dub beschreiben – allerdings weit entfernt von militantem Steppers-Aufmarsch oder gar House- und Techno-Einflüssen. Nichts Aufregendes also, aber bodenständiger, guter, traditioneller Dub, so wie man ihn beim Arbeiten gern im Hintergrund laufen llässt. Konzentriertes Hinhören geht auch, allerdings gibt es dabei wenig zu entdecken. Die Tracks funktionieren eher als täglich Bass-Brot – was man halt so zum überleben braucht. Oder als Trost in der Not, wenn man mal wieder vergeblich das Netz nach neuem Material durchstöbert hat. Ich möchte das „House Of Dead“ jedenfalls nicht missen.
David Rodigan‘s Dubwize Shower
Wieder hat er zugeschlagen: Reggae-Boss-Selector David Rodigan! In letzter Zeit gibt er sich des öfteren die Ehre, seine Selections auf CD zu pressen. Nach „Real Authentic Reggae Vol. 1 & 2“, widmet er sein drittes Release auf dem BBE-Label, „David Rodigan‘s Dubwize Shower“ (BBE), ausschließlich, allein und ganz & gar dem, was uns das Liebste ist: dem Dub. Wenn der Reggae-Papst in seine Plattenbox greift, dann ist die Erwartungshaltung natürlich hoch – in meinem Falle ist sie stets so hoch, dass die Kompilation, wenn sie schließlich vorliegt, sie nie wirklich erfüllen kann. Rodigans Aufgabe ist ja auch schier unlösbar: Wie soll er aus den zehn-, wenn nicht gar hunderttausenden von Dub-Tracks, die seit der Erfindung des Genres entstanden sind, die zwanzig besten, bedeutendsten, schönsten und interessantesten aussuchen (die dann von den Rechteinhabern auch noch freigegeben werden müssen)? Sei es Überzeugung, pädagogische Ambition oder schlicht der Versuch, die Aufgabe pragmatisch anzugehen: Rodigan beschränkte sich bei seiner Auswahl auf klassischen, jamaikanischen Dub vor 1985 (von zwei Ausnahmen abgesehen). Zweifellos eine nachvollziehbare Entscheidung, denn hier liegen die Wurzeln des Genres und in dieser Zeit sind fantastische Dub-Werke entstanden – und nicht zuletzt wurden viele von uns Dubheads tatsächlich mit den Werken King Tubbys, Errol Thompsons, Augustus Pablos, Sylvian Morris u. a. sozialisiert. Aber genau hier liegt nach meiner Einschätzung auch das Problem: So wichtig und (meinetwegen) genial die in der Dubshower versammelten Produktionen auch sind – ich kenne sie in- und auswendig. Labels, die sich der Reggae-Historie verschrieben haben wie Pressure Sounds, Blood & Fire, Trojan etc., haben sie schon hunderte Male wiederveröffentlicht. Rodigan hat sich nämlich nicht den raren, ungehobenen, spannenden Dub-Schätzen zugewandt, sondern hat die großen Tunes des Genres zusammengetragen. Zweifellos das richtige Mittel, um den Dubstep-Kids die Augen zu öffnen, für uns Dub-Maniacs jedoch, die wir diese kleingedruckte Kolumne am Ende der Riddim lesen, sicherlich eher eine Schlafpille. Noch ein Wort zu den oben erwähnten Ausnahmen: Bei der ersten handelt es sich um zwei Tracks von Alborosies Album „Dub Clash“, das wir hier vor ein paar Monaten als Dub-Release der Ausgabe abgefeiert haben. Albos Rub-a-Dubs fügen sich nahtlos ins historische Material dieser Kompilation ein. Die andere Ausnahme ist eine „Joker Smoker“-Neuinterpretation vom UK-Producer und Necessarymayhem-Label-Owner Da Grynch. Hier ist überdeutlich zu hören, wie sehr sich die Welt des Dub-Sounds (obwohl „Joker Smoker“ purer Rub-a-Dub ist) seit dem Exodus des Dub aus Jamaika verändert hat. „Rodigan‘s Dubwize Shower“ ist ein wunderschönes Museum, ein klassisches Konzert, Traditionspflege. Es ist nicht der Vorstoß in unerhört Ungehörtes – wofür wir Dub eigentlich so sehr lieben.
Für einen Menschen mit eingeschränktem musikalischen Horizont, der auf Rock so allergisch reagiert, wie dessen Freunde auf Reggae, musste ich erst einmal nachschlagen, wer Steve Mason überhaupt ist. Okay, nun weiß ich es, er ist ein schottischer Rock-Musiker mit Nähe zu Trip Hop und Folk. Hochgelobt, begeistert gefeiert und total angesagt. Wie schön, dass er mit „Ghosts Outside“ (Domino), der Dub-Version seines 2010 veröffentlichten Albums „Boys Outside“, nun die Aufmerksamkeit des Mainstream auf unser schönes, kleines, liebes Genre lenkt. Die Verantwortung für die Verdubbung legte er in die Hände von Dennis Bovell, worauf dieser Hüne von Mann erst einmal (fast) alles aus den Original-Tracks gelöscht und durch Reggae-Skank-Pianos, Reggae-Shuffle-Organs, Reggae-Rhythm-Guitars und natürlich Reggae-Basslines ersetzt hat. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie Mason und Bovell stundenlang darüber verhandelt haben, wie viel von den Originalaufnahmen übrig bleiben soll. Das Ergebnis ist eindeutig ein Reggae-Dub-Album, dem aber die Herkunft aus einem fremden Genre deutlich anzuhören ist. Abgesehenen von Masons eigenwilligem und latent nervigen Falsett-Gesang, der immer mal wieder eingeblendet wird, ist der Hybrid aus Reggae und Rock ganz harmonisch gelungen. Bovell ist trotz seiner vermeindlichen Radikalkur recht gefühlvoll ans Werk gegangen und hat versucht, die eigenwillig melancholische Stimmung des Originalwerkes zu erhalten. Trip-Dub könnte man es nennen und sich ganz entfernt an Mad Professors Neuinterpretation von Massive Attacks „Protection“ erinnern lassen. Ja, das passt.
Normalerweise wird den Backings moderner Dancehall-Produktionen wenig Aufmerksamkeit entgegen gebracht. Version-Excursion-Maniacs kennen sie zwar alle, aber nur, um diverse Vokal-Versionen aneinander reihen zu können. Als Instrumentalstücke sind sie unbedeutend. In meiner Sammlung findet sich z. B. nur ein einsamer Greensleeves-Release („The Biggest Rhythms“) von 2004, der sich digitalen Dancehall-Rhythms als Instrumentalversionen widmet. Das Desinteresse an diesen Produktionen ist nicht verwunderlich, denn viele von ihnen sind kaum mehr als minimale Loops, seelenlose Stakkato-Beats, die als Instrumental nicht bestehen können. Stuart Baker von Soul Jazz Records hat es sich nun zur Aufgabe gemacht, jene Produktionen zusammen zu tragen, die eigenständige musikalische Qualität besitzen und mehr sind als stupide Logic-Sequenzen. Um diese Kollektion an die britische Musikgegenwart anzudocken (und damit ihre musikhistorische Relevanz zu dokumentieren), verfiel Baker auf die Idee, den jamaikanischen Produktionen UK-Produzenten wie Harmonic 313, Diplo, Roots Manuva, South Rakkas Crew und The Bug beizumischen, also allesamt Produktionen, die (weitgehend) außerhalb des Reggae-Kosmos entstanden sind. Als Chef-Kurator verpflichtete der Soul Jazz-Manager letztgenannten, Kevin Martin, der unter dem Namen „The Bug“ unklassifizierbare Musik, irgendwo zwischen Dancehall, Dubstep und Grime, produziert. Satte 35 Tracks haben die beiden zusammen getragen und auf eine Doppel-CDs gepresst. Aus der Jamaika-Fraktion sind Produzenten wie Steely & Clevie, Lenky, Fat Eyes, Firehouse Crew, Ward 21 oder Dave Kelly vertreten. Sogar Veteranen wie King Tubby, Computer Paul oder Prince Jazzbo sind mit ihren digitalen Produktionen aus den 1980er und 90er Jahren dabei. Auf dem Papier klingt das alles ziemlich gut und man muss Soul Jazz zugestehen, hier mit viel Spürsinn ein innovatives Thema entdeckt zu haben. Doch wie klingt es tatsächlich? Tja, sagen wir mal: interessant. Es gibt zweifellos klasse Produktionen, wie „Diwali“ von Lenky oder „Sign Rhythm“ von Andre Gray, die entweder mit einer wunderbar eingängigen Melodie oder einem genial vertrackten Rhythmus überzeugen können. Es gibt aber auch allzu simple Loops, die sich kaum als „Produktionen“ bezeichnen lassen. Reine F-Musik, deren einzige Qualität darin besteht, nicht für den Einsatz in Fahrstühlen, sondern für die Dancehall produziert worden zu sein. „Dub“ im engeren Sinne ist hier das Wenigste, denn meist stammen die Rhythms von den B-Seiten der Singles und laufen ohne Dubmix stur durch. Macht Soul Jazz hier also viel Marketing-Wirbel um Bagatellmusik oder haben Baker und Martin etwas entdeckt, dessen Wert bisher unerkannt geblieben war, obwohl es allen stets vor Augen stand? Diese Frage muss leider jeder für sich selbst beantworten. Und das genau ist die eigentliche Leistung der Kompilation: sie ermöglicht es uns, dieser Frage nachzugehen, indem sie uns das Material in gebündelter Form verfügbar macht, und uns so erlaubt, genau hinzuhören und Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was stets zu Recht oder zu Unrecht in den Hintergrund verbannt war.










