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Sly and Robbie Meet Dubmatix: Overdubbed

Und schon wieder ein neues Sly & Robbie-Dub-Album. Aber was für eines! Nach den vielen Enttäuschungen der letzten Jahre, in denen Sly & Robbie irgendwie seelenlose Werke abgeliefert hatten, kommt nun das Altersmeisterwerk der Rhythm Twins! Oder? Tja, die Sache ist komplexer. Denn obwohl Sly Dunbar und Robbie Shakespeare vielleicht die aktuell größten (lebenden) Namen des Reggae sind, besitzen sie meist keine künstlerische Kontrolle über ihre Werke. So verrückt es klingt: nach fast fünfzig Jahren im Geschäft, sind die beiden immer noch bescheidene Dienstleister, die einem Produzenten genau das liefern, wofür er sie bezahlt: Drum & Bass. Den Rest bestimmt der Produzent. Und wenn dabei schließlich ein uninspiriertes Dub-Album heraus kommt, dann ist das gewiss nicht die Schuld der beiden Lieferanten. Dumm nur, dass diese mittelmäßigen Alben unter ihren Namen vermarktet werden und damit der „Marke Sky & Robbie“ nachhaltig schaden. Genau darin besteht die Irreführung: Ein Sly & Robbie-Album ist nur zu einem geringen Teil Sly & Robbie. Statt brav abzuliefern, hätten die beiden längst die künstlerische Kontrolle über ihr Werk übernehmen müssen und nur noch echte „Autorenalben“ veröffentlich dürfen – so wie es z. B. Bob Marley vor ihnen getan hat.

Wie um diese These zu belegen, hat Dubmatix nun dieses – soviel sei vorab gesagt – exquisite Sly & Robbie-Album produziert. Er führt damit unter Laborbedingungen vor, welch absolut bestimmenden Einfluss der Produzent besitzt und wie sehr er die Verantwortung dafür trägt, ob die Rhythms der Rhythm-Twins in Form wunderschöner Musik erstrahlen – oder als Langweiler verrecken. Oder, um es einmal bildlich auszudrücken, ob aus dem Rohdiamant der Beiden mittels Schliff und Fassung ein echtes Schmuckstück wird oder bloß Klunker. „It’s Sly & Robbie – two of the most accomplished, integral and forward-thinking drum and bass duos in history – I was honoured and really eager to have the opportunity to work with their music and see where I could take what they had already recorded and alter it as much, as possible.“, fasst Dubmatix das Konzept seines neuen Albums zusammen. Es trägt den vielsagenden Titel: „Sly & Robbie meet Dubmatix: Overdubbed“ (Echo Beach). Welch banal-genialer Titel, bringt er das Konzept doch perfekt auf den Punkt: Dubmatix ist NICHT mit Sly & Robbie ins Studio gegangen, sondern hat auf ältere Aufnahmen der Beiden zurück gegriffen und hat sie anschließend ebenfalls NICHT nur neu gedubmixt, sondern alles um die Drum & Bass-Spuren herum neu aufgenommen: „The first thing I did was NOT to listen to the tracks. I loaded up only the drums, bass and some of the percussion parts. It was like having a blank slate. The next step was to look at each track individually and think about where I could take it. As they had already been released as dub tracks I didn’t want to re-hash. I wanted to create something unique from each song. When you listen to the album, all 11 songs are different in sound, texture and style. That was intentional. What started out as a Re-Vision became something else entirely“, erklärt der kanadische Dub-Meister. Und jetzt kommt der Clou, weshalb es sich gelohnt hat, diese übermäßig lange Rezension bis hier hin zu lesen: Nach intensiver, investigativer Recherche ist es mir gelungen, die ursprünglichen Dub-Alben zu identifizieren, die Dubmatix erwähnt hat. Es sind: „Blackwood Dub“ (2012) und „Underwater Dub“ (2014). Damit beginnt der Spaß, denn wer sich nun die einzelnen Titel im Vergleich anhört, erkennt schlagartig den Wahrheitsgehalt meiner Eingangsthese: Zwei Mal das identische Spiel der Rhythm-Twins, doch musikalisch grundverschiedene Ergebnisse. Was 2012 und 2014 zwar „in handwerklicher Perfektion“ (wie ich damals schrieb) geboten wurde, aber letztlich blutleer blieb, dem haucht Dubmatix nun ein, was vorher fehlte: Eine Seele. Was ursprünglich vielleicht an drei Tagen routiniert runter produziert worden war, wurde nun Gegenstand einer ausgiebigen, künstlerischen Auseinandersetzung. Mit verschiedenen Musikern und stets neuen Ideen, nahm sich Dubmatix jedes einzelnen Tracks an, fügte gelegentlich sogar eine Gesangsspur hinzu und kreierte ein Album, das viel mehr ist als ein „Overdub“: Ein originäres Dub-Werk, das zeigt, wie der Diamant „Sly & Robbie“ noch immer zu funkeln vermag. „Sly and Robbie Meet Dubmatix“ erscheint heute, am 19. Januar 2018, und wird – so viel steht jetzt schon fest – das beste Dub-Album des Jahres.

Interessantes Interview mit Dubmatix über die Hintergründe von »Overdubbed«.

Bewertung: 5 von 5.
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International Observer: Escape From the Dungeons of Dub (EP)

Wie sollte zeitgemäßer Dub klingen? Eine große Frage, auf die bestimmt jeder eine eigene Antwort parat hat. Nähern wir uns der Beantwortung mal ex negativo. 1. In Jamaika entsteht kaum noch Dub, was jamaikanischen Dub schon per se zu keinem aussichtsreichen Kandidaten im Sinne unserer Frage macht. Was von der Insel zu uns herüber schallt, klingt meist wie ein Update des klassischen Dub-Sounds von Tubby & Co. Es fehlt an Tiefgang, an Konsequenz und Magie. 2. Die Antithese zu diesem Sound wäre vielleicht UK-Steppers: Bass, Härte und düstere Magie. Ist Steppers damit moderner? Im Verhältnis schon, denn Steppers fusioniert klassischen Dub mit modernem Club-Sound. Doch obwohl der Stil härter und intensiver geworden ist, basiert er grundsätzlich auf einem in den 1990er Jahren entwickelten und seither verwendeten Muster. Wer schon einmal versucht hat, einen Steppers-Tune zu datieren, weiß wie schwer das ist. Also vielleicht auch keine überzeugende Antwort auf unsere Ausgangsfrage. 3. Dann wäre da noch der volldigitale Laptop-Dub, oft von Techno-sozialisierten Heimmusikern zusammen geschraubt. Ja, Dub aus der Perspektive elektronischer Musik ist schon grundsätzlich ein modernes Konzept. Auch wenn alle Traditionalisten die Hände über dem Kopf zusammen schlagen und von seelenloser Musik reden werden: Laptop-Dub ist definitiv eine zeitgemäße Form, auch wenn die Ergebnisse auf rein ästhetischer Ebene oft nicht überzeugen können. 4. Und noch eine mögliche Antwort auf unsere Frage: Retro-Dub à la Prince Fatty. Absolut eklektizistisch und damit natürlich eigentlich schon postmodern. Aber letztlich doch „nur“ ein cleveres Zitat des Originals. Aber da wäre noch eine mögliche Antwort: 5., der International Observer, aka Tom Bailey. Soeben legte er seine neue EP „Escape From the Dungeons of Dub“ (Dubmission Records) vor und damit meine persönliche Definition von modernem Dub. Es handelt sich um hundert Prozent Reggae-Dub in absoluter handwerklicher Perfektion, die sich aber zugleich völlig vom Reggae emanzipiert hat. Verrückt, oder? Aber genau das macht die Musik des Ex-Thompson-Twins-Kopfes Tom Bailey so modern. Sie ist einfach autonom. Eine ganz und gar eigenständige Musik, die sich zwar der formalen Ästhetik von Reggae bedient, die Genre-Konventionen aber ansonsten vollständig außen vor lässt, was ihr eine erstaunliche Unabhängigkeit verleiht. Es gibt einfach keine passende Dub-Schublade für sie. Doch es ist nicht allein ihre Autonomität, der Observer-Dubs ihre einzigartige Qualität verdanken. Es sind schlicht die großartigen Kompositionen, schöne Melodien, das ausgeklügelte Arrangement, das perfekte Timing und der unglaublich dynamische, saubere Sound. Mit jedem Beat wird deutlich, dass hier mit Tom Bailey ein Ausnahme-Talent am Werk ist, das sich jenseits kommerzieller Interessen und Szene-Credibility ganz egoistisch der reinen Lust an guter Dub-Music verschrieben hat.

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Lee Scratch Perry & Subatomic Sound System: Super Ape Returns to Conquer

Erst war ich skeptisch, sehr skeptisch. Warum ein Meisterwerk nachspielen? Was bringt ein Remake, wenn das Original so leicht verfügbar ist? Lee Perrys „Super Ape“-Album, mit dem er 1976 via Island Records der Welt das definitive Manifest des Dub offenbarte, wurde wahrscheinlich Millionen Male verkauft, steht im Plattenregal eines jeden Reggae-Fans und Spotify & Co. streamen es täglich hinaus in den digitalen Äther. Warum also jetzt Lee Scratch Perry and Subatomic Sound System: „Super Ape Returns to Conquer“ (Echo Beach)? Eine sehr theoretische Frage, wie ich mir beim ersten Hören des Albums eingestehen musste. Doch bevor ich sie ausführlich beantworte, schauen wir uns erst einmal das Projekt und seine Protagonisten genauer an. Im Zentrum steht vermeintlich ein Mann: Lee Perry. Doch der Schein trügt (auch, wenn die PR-Kampagne, wie schon so oft, auf das alleinige Genie von Perry abhebt). Der Mann im Zentrum des Geschehens ist tatsächlich John Emch, der auch hinter dem New Yorker Subatomic Sound System steht, das sich seit seiner Gründung im Jahr 1999 in einer ganzen Reihe elektronischer Musikgenres getummelt hat. Bereits 2001 begann das Sound System mit Perry durch die Welt zu touren und Live-Instrumente mit elektronischen Beats zu kombinieren. Sieben Jahre später fusionierte John Emch klassische Perry-Stücke mit Dubstep und veröffentlichte 2014 mit „Black Ark Vampires“ einen sehr erfolgreichen Song für Perry, der von heftigem Sub-Bass und elektronischen Drums geprägt war – und trotzdem irgendwie nach Black Ark klang. Das Konzept war damit definiert: Wir katapultieren Perrys Black Ark-Sound in die Gegenwart, indem wir ihn mit ordentlich Wumms untenrum ausstatten. Oder – mit John Emchs Worten: „It sounds like the classic Black Ark vibes in the high frequencies but in the low end, it has the weight and punch of electronic music, dubstep and hip hop, that gets people moving“. Keine Ahnung wie Emch das gemacht hat, ob er ein Champion-Soundengineer ist, ein begnadeter Musiker oder einfach Sample-Wizzard: Der Black Ark-Sound stimmt zu hundert Prozent. Wer das Remake nebenbei hört, könnte glauben, der DJ spiele das Original. Doch ein direkter Vergleich offenbart den Unterschied: Das glorreiche Original von 1976 klingt erstaunlich schlapp. Das hatte ich noch nie so wahrgenommen, aber „Super Ape“ ist ganz schön schwach auf der Brust. Vor allem auch am Arsch, da wo der Bass sitzt, fehlt dem Original Substanz. Und genau hier fährt das Remake schweres Geschütz auf – aber ohne es zu übertreiben. Eigentlich klingt der „Return“ genau so, wie ich den „Super Ape“ mental abgespeichert hatte – obwohl die Unterschiede bei genauem Hinhören eklatant sind. Was jetzt allerdings eine Frage von philosophischer Dimension aufwirft: Kann ein relativ unkreatives Remake besser sein als ein genial innovatives Original von vor 40 Jahren? Wer das Remake des Films „Ghost in the Shell“ gesehen hat, weiß wovon ich rede. Visuell fantastisch, kopiert es das Original fast in jeder Szene (und vereinfacht zudem noch die Story). Die Kritiker waren sich einig und haben das Remake abgestraft. Fans hingegen waren von der visuellen Opulenz schwer beeindruckt. Wie lässt sich das Dilemma lösen? Gar nicht. Es muss eine klare Entscheidung für eine der beiden Seiten her. Deshalb würde ich jetzt mal ganz selbstverleugnend behaupten: Die Aura des Originals ist unantastbar. Wer käme auf die Idee, Rembrandts „Nachtwache“ durch eine neu gemalte Kopie zu ersetzen, weil die Farben des Originals nicht mehr die volle Leuchtkraft haben? Das Original ist ein historisches Dokument von großem kulturellen Wert – auch, wenn wir heute lieber Fernsehserien in 4K-HD anschauen, statt patinaverdunkelte Ölgemälde in Museen. Also ist auch Perrys original „Super Ape“ unantastbar und für immer ein Meisterwerk – auch, wenn wir heute lieber Dub mit heftigem Sub-Bass anhören. Daraus folgt: „Super Ape Returns to Conquer“ ist ein Sakrileg von Teufelshand. Lasst die Finger davon! Verzichtet auf das sinnliche Vergnügen von Black Ark-Magie in Bass-Wonderland! Entbehrt der Sinneslust an großartigen Mixen und crispen Sounds. Und vor allem: Wagt nicht, es auf einem echten Sound System zu hören, euch lustvoll in den Bass-Wellen zu suhlen und lasziv dazu zu bewegen! Jah sieht alles.

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Mad Professor Meets Jah9: In the Midst of the Storm

Der verrückte Professor ist doch immer noch für eine Überraschung gut. In den letzten Jahren hatte ich schon die Hoffnung aufgegeben, dass er zu alter Größe zurück finden würde. Von wenigen Ausnahmen abgesehen (z. B. „Black Ark Classics in Dub“), sind seine jüngeren Dub-Werke eher uninspiriert heruntergemixte Alben, basierend auf oft mäßigem Ausgangsmaterial. Doch nun hat er meinen vollen Respekt mit einem Schlag zurück erobert. Mit „Mad Professor Meets Jah9 In the Midst of the Storm“ (VP) liefert er sein amtliches Alterswerk ab – auf dem Niveau von (ja, sagen wir es ruhig) „Massive Attack vs. Mad Professor: No Protection“. Hier schließt sich der Kreis, Neil Fraser könnte jetzt guten Gewissens in Rente gehen – ungeschlagen und auf der Höhe seiner Kunst. Schon die Ausgangslage ist perfekt: Jah9 trifft auf Mad Professor. Da würde man selbst nicht drauf kommen, obwohl die Kombination schlicht genial ist. Zwei Nonkonformisten, beide ein wenig verrückt, Fanatiker leicht schräger Sounds jenseits des Mainstreams und besessen von maximalem Qualitätsanspruch machen gemeinsame Sache. War es die Meistersängerin mit den eigentümlichen Melodien, die auf die Idee kam? Jedenfalls hätte Neil Fraser kein besseres musikalisches Material bekommen können, als die kunstvoll-komplexen Produktionen von Jah9. Wie großartig diese sind, war auf ihrem Album „9“ gar nicht so offensichtlich. Vielleicht, weil sie von ihrem Gesang überstrahlt wurden. Erst jetzt, in der Dub-Interpretation von Mad Professor werden ihre Komplexität, ihre fragil-spröde, wunderschöne Konstruktion und ihr akustischer Reichtum so richtig deutlich. Ein musikalischer Schatz, den Neil Fraser mit Ehrfurcht zu würdigen wusste. Deshalb hat er ihn nicht einfach „dekonstruiert“, ihm Effekte verabreicht und Bass rein gedreht. Ganz im Gegenteil. Vielmehr legte er den tieferen musikalischen Kern eines jeden Stückes ganz sensibel offen, indem er es entschlackte, mit kongenialem Sound-Gespür einzelne Aspekte herausgriff und betonte und ihm schließlich eine spannende, kontrastreiche und höchst kunstvolle neue Dramaturgie verlieh. Das Ergebnis ist ein Dub-Album für den Kopf und für Kopfhörer, das im Sound System zweifellos sofort den Saal leer spielen würde, denn das natürliche Habitat dieser Dub-Kunst liegt zwischen den Ohren, nicht im Bauch.

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Riddim Research Lab: Research Programm #1

Ich liebe diese schrägen Dub-Produktionen von Genre-Außenseitern. Sei es, dass sie mit den Dub- und Reggae-Konventionen nicht vertraut sind, sei es, dass sie sie absichtlich ignorieren oder sei es, dass sie lediglich ihren eigenen Konventionen treu bleiben, das Ergebnis ihres eklektizistischen Tuns ist genau und gerade deshalb sehr oft faszinierend. Hier haben wir wieder so einen Fall: Riddim Research Lab, „Research Lab #1“ (Gamm). Das Research Lab ist das Projekt der beiden Londoner Gordon Brown Jr. und DJ Neeet, das wahrscheinlich niemals an die Wahrnehmungsschwelle des Underground gelangt wäre, hätte der angesagte russische House-DJ Lay-Far nicht eines Tages im Londoner Reckless Record Store beim Stöbern in der Dub-Sektion einen Typen getroffen, der ebenfalls dort nach schwarzen Dub-Perlen suchte. Gleich zwei Typen in der ansonsten eher verwaisten Ecke des Plattenladens? Da kommt man ins Gespräch und schließlich drückte der Brite dem Russen eine CD-ROM mit den Worten in die Hand: „Some dub-influenced beats I’m working on with my friend. If you like King Tubby and house – you may enjoy it“. Erst ein Jahr später purzelte die längst vergessene CD zufällig aus Lay-Fars Plattenkoffer und entpuppte sich beim Anhören als wahrer Schatz. Schräge Dub-Sounds, vertrackt und doch unglaublich groovy, mit Ecken und Kanten und doch absolut rund. Wer hören will, kann hören, wer lieber tanzt, der tanzt – beides geht gleichermaßen gut. Manche Rhythms gerieren sich gelegentlich leicht funky, bleiben aber dank Hall und Echo doch stets Dub-kompatibel. Sind die Ohren vom Steppers-Bass verklebt, dann hilft es, sie sich vom Research Lab frei blasen zu lassen.

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Various: King Size Dub – Reggae Germany Downtown – Chapter 3

Dub hat sich längst von seinen jamaikanischen Vätern emanzipiert und auch die zweite Dub-Generation, die der UK-Steppers, geht schon bald in Rente. Inzwischen haben viele kleine Home-Studio-Frickler das Steuer übernommen und basteln an mal schrägen, mal ordentlich steppenden Dubs. Wie wir alle wissen, ist Frankreich dabei ganz weit vorne, aber wer genau hinschaut erkennt, dass wir hier in Deutschland eine nicht minder kreative Dub-Szene haben – die es allerdings vorzieht, eher im Verborgenen zu werkeln. Also braucht es mutige Kuratoren, die sich auf die Suche begeben, ihre Seismographen auf subsonische Bass-Wellen ausrichten und Offbeat-Witterung aufnehmen. Zwei davon sitzen in Hamburg: Nicolai Beverungen, Echo Beach-Labelboss sowie Karsten Frehe, einer der Betreiber der Irieites-Website. Beide haben schon vor vier Jahren an Chapter 2 zusammen gearbeitet. Bei „King Size Dub – Reggae Germany Downtown – Chapter 3“ (Echo Beach) hat jedoch Karsten die Regie übernommen. „Bei der Auswahl war von Anfang an klar, dass die deutsche Dub-Szene möglichst vielfältig abgebildet werden sollte“, erklärt er. „Neben dem Versammeln altbekannter Strategen, wie Felix Wolter, Aldubb, The Senior Allstars, Umberto Echo u.a., war es mir wichtig, auch mal nach neuen Gesichtern und Sounds zu suchen.“ Okay, hören wir mal, wen Karsten so entdeckt hat: „Zum Beispiel Brian May aka Beam Up, den ich sehr schätze. Er hat einen neuen Dub von seinem erstklassigen Tune „Hanabi Dub“ beigesteuert. Oder Irie Worryah aus Detmold, der schon seit Jahren durch seine frischen Remixe auffällt. Ganz neu in meinen Fokus geraten sind Eddie Domingo und Jah Schulz. Eddie Domingo stammt aus dem Irieites-Umfeld. Er werkelt schon seit Jahren im Stillen vor sich hin und hat mit „Dub Coming“ feat. Italee einen großartigen One Take-Dub hingelegt. Jah Schulz hat interessanterweise bei seinem „Dubrise“ auf den Offbeat verzichtet. Trotzdem pumpt der Tune für meine Ohren ungemein. Mächtig umgehauen hat mich auch die Frost & Wagner Produktion mit Tetrack „In These Times“. Was für eine Stimme und was für ein Flow! Mir fielen sofort Verwandtschaften zu späten Bim Sherman-Tracks auf. Sehr gefreut hat mich auch, eine Jahtari-Produktion mit Roger Robinson dabei zu haben. Zusammen mit Disrupt hat er eine aktuelle Version von Dub Poetry zurück in die Zukunft gebracht, die äußerst kritisch den Finger in heutige Wunden legt.“ Soweit Karsten. Fehlt nur noch mein Urteil. Es lautet: Karsten hat zu hundert Prozent Recht.

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Dub’Ozone: From Root to Roots Dub

Dass Dub überall auf diesem Globus entsteht, ist ja inzwischen selbstverständlich. Aber auch in Französisch-Guayana? So viel ließ sich recherchieren: 2013 startete Jr. Polony in jenem südamerikanischen Land – das übrigens tatsächlich ein Übersee-Département von Frankreich ist und somit zur EU gehört – das Projekt Dub’Ozone. Sein Ziel: Dub mit den traditionellen Klängen der amerikanischen Ureinwohner des Landes zu verbinden. Das Ergebnis war das drei Jahre später erschienene Reggae-Album „From Root to Roots“. Aufgenommen und gemischt in Französisch-Guayana, ist es eine Synthese handgespielter Rhythms mit traditionellem Gesang der „Kalin’a“. Doch jetzt wird die Sache noch richtig spannend: Die Aufnahmen wurden sodann nach London ins Ariwa-Studio geschickt, wo der Junior Professor, Joe Ariwa, Hand anlegen durfte. Das (letztlich also doch irgendwie britische) Dub-Werk ist soeben erschienen und trägt den fantasievollen Titel: „From Root to Roots Dub“ (Mo’Tek-Zikarchy). Was es hier zu hören gibt, zählt zum Besten, was in letzter Zeit aus dem Ariwa-Studio zu vernehmen war und dürfte vielleicht Joes bisher beste Leistung sein. Es ist diese Fusion aus den kraftvollen, analogen Rhythms, großartigen Bläsersätzen und den kongenial passenden traditionellen Indianergesängen, die das Album so außergewöhnlich macht. Ein eigenwilliger, purer, rauer Sound, den Joe Ariwa eigentlich nur noch durch die Echo-Kammer hätte jagen müssen, um ein gutes Dub-Album zu ernten. Aber der Junge hat sich hier selbst übertroffen. Unglaublich virtuos jongliert er mit Tonspuren und Sounds und kreiert ein richtig gutes Dub-Album, das nicht nur spannend klingt, sondern auch richtig Spaß macht. Papa ist bestimmt sehr stolz auf ihn – zumal der verrückte Professor ja bekanntlich aus Britisch-Guayana stammt.

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Irievibrations: Dub Station

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Bei Irievibrations gibt’s was zu feiern. Das Wiener Label um die drei Brüder Lechleitner (Professa, Tomic und Syrix) veröffentlicht unter der Katalognummer „Irie100“ das hundertste Album. Das bemerkenswerte daran: Begangen wird dieses Jubiläum mit einem lupenreinen Dub-Album: „Dub Station“ (Irievibrations), für das Produzent Syrix einige der besten Tunes aus der inzwischen dreizehnjährigen Geschichte des Labes eigenhändig durch den Dub-Wolf gedreht hat. Das ist doch mal was: Dub als Krönung des musikalischen Schaffens. Recht so! Immerhin ist Dub ja so etwas wie die Metaebene eines Reggae-Stücks. Eine Reflexion der reinen Form. Womit ließe sich eine Retrospektive cleverer und anspruchsvoller gestalten? Kurz gesagt: Ich bin ganz bei Syrix und seinen Brüdern – gute Idee, gutes Konzept. Hören wir mal, wie beides in die Tat umgesetzt wurde: 14 Dubs versammelt die „Dub Station“, basierend auf Tunes von u. a. Luciano, Anthony B., Junior Kelly, Jahcoustix und Kabaka Pyramid – um nur die prominentesten zu nennen. Allesamt von Syrix produziert und prächtige Beispiele für den wunderbar runden, harmonischen „Irievibrations Trademark Sound“. Schöne Arrangements, perfekt gespielt, hundert Prozent dynamisch, tight und crisp. Ein bisschen Mainstream zwar, aber nie langweilig – was übrigens auch auf den Mixing-Style zutrifft: Syrix zelebriert hier das Erbe von Tubby & Co in höchster Vollendung. Keine allzu gewagten Experimente, keine schrägen Samples, kein bisschen radikal – einfach nur klassisch schön. Das kann er sich auch leisten, denn sein Ausgangsmaterial ist einfach makellos. Warum es also verfremden oder mit Samples overdubben? Als einzige, kleine Kritik ließe sich vielleicht anmerken, dass der Vocal-Anteil noch etwas hätte reduziert werden können. Andererseits müsste man dann auf die netten Melodien verzichten, die hier stets anklingen.

Rating 5 Stars

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Augustus Pablo: King David’s Melody

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Alles muss raus! Augustus Pablo im Angebot! Nach „Rockers International“ und „Original Rockers“, die Anfang und Mitte 2016 in den Regalen standen, erscheint jetzt mit „King David’s Melody“ (VP) mein Augustus Pablo-Lieblingsalbum als aufgebohrte Wiederveröffentlichung. Die hier versammelten Stücke sind weit weniger prominent, als die auf den vorgenannten Alben, aber dafür haben sie einen ganz entscheidenden Vorteil: Es sind reine Instrumentalstücke. Unfassbar schöne Stücke! Was vielleicht auch daran liegen könnte, dass Pablo hier teilweise auf bestehende Klassiker zurückgreift, wie z. B. „Riding on a High & Windy Day“ von den Paragons, „Mr. Bassie“ und „Problems“ von Horace Andy, „Free Soul“ von Jackie Mittoo“ und zuletzt „Kent Road“, ursprünglich produziert von Herman Chin-Loy, das hier in einer schön schrägen Drummachine-Version zu hören ist. Insbesondere begeistern mich aber auch die Pablo-Originals wie „West Abyssinia“ mit dem schönen Xylophon-Spiel oder auch die unglaublich betörende Melodikamelodie auf „Selfish Youth“. Der Sound des Albums ist wunderbar warm, positiv und uplifting – ein reifes Werk Pablos, bei dem er keine Kompromisse eingehen musste und einfach seine Idealmusik umsetzen konnte. Welch positive Kraft seiner Musik innewohnt, bringt auch der Titel des Albums „King David’s Melody“ zum Ausdruck: King David war angeblich der Autor einiger Psalme, die er wohl gerne mit Harfenbegleitung selbst vortrug: „And it came to pass, when the evil spirit from God was upon Saul, that David took an harp, and played with his hand: so Saul was refreshed, and was well, and the evil spirit departed from him“. Ein Versprechen, das auch Pablos magische Musik mit Leichtigkeit einzulösen vermag. Doch das Beste kommt zum Schluss: Die Melodie des König David umfasste bei ihrer Erstveröffentlichung 1983 nur elf Instrumentals. Auf dem aktuellen Reissue sind sie um neun Dub-Versions ergänzt worden! Und das ist noch nicht alles: Da das Mastering wieder Kevin Metcalfe anvertraut wurde, klingen sämtliche zwanzig Tracks so gut, wie nie zuvor.

Rating 5 Stars

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Zion Train: Versions

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Und ewig fährt der Zug nach Zion. Unbeirrbar seinem Gleis folgend, durch Klang-Stürme und Bass-Gewitter, durch unendlich ausgedehnte Echo-Räume und dicht getaktete Zeitschleifen. Tak, tak, tak, tak – die Gleisschwellen geben stoisch den Rhythmus vor. Ein Mann am (Steuer-)Pult treibt die Lokomotive an: Neil Perch. Dub-Veteran der neuen Zeitrechnung. Seit über 25 Jahren lenkt er den Zion Train, ist sich und seiner Musik stets treu geblieben und hat Dub mit unzähligen cleveren und wegweisenden Produktionen über die Maßen bereichert. Doch ganz so hoch greift Neil Perch mit dem neuen Zion-Train-Album nicht: „Versions“ (Universal Egg) versammelt einige herausragende Remixes der letzten Jahre – einige bereits auf anderen Alben und EPs veröffentlicht, andere neu. Ein „Best of Remix“ gewissermaßen. Unter den Remixern befinden sich Steve Vibronics, Dubmatix, Early Worm, Illbilly Itech und Radical Guru – um nur die prominentesten zu nennen. Entsprechend divers ist der Sound: klassischer Dub, Hardcore-Steppers, Dubstep und sogar Drum & Bass ziehen hier wie unterschiedliche Landschaften am Zugfenster vorbei. Eine höchst abwechslungsreiche und aufregende Reise.

Rating 5 Stars