Wenn es im Reggae je eine Phase gab, die geradezu zwingend nach Dub verlangte, dann waren das – nein, nicht die 1970er, sondern die frühen 1980er Jahre. Eine Ära, die vom Sound der Roots Radics und ihren Aufnahmen im Channel One Studio geprägt war. Nie zuvor war der Bass so dominant, der Rhythmus so langsam und das Arrangement so minimalistisch. Eigentlich bestand die Musik aus nicht viel mehr als Drum & Bass und die Slow-Motion-Beats ließen reichlich Raum für Dub-Effekte. Es war die Zeit der Produzenten Juno Lawes und Linval Thompson sowie ihrem Dub-Wissenschaftler Hopeton Overton Brown, aka. Scientist. Ihr gemeinsames epochales Werk wird auf fünf Greensleevs-Dub-Alben aus den Jahren 1980 bis 1982 meisterhaft dokumentiert: „Scientist vs. Prince Jammy: Big Showdown“, „Heavyweight Dub Champion“, „Scientist Meets The Space Invaders“, „Scientist Rids The World Of The Evil Curse Of The Vampires“, „Scientist Encounters Pac-Man“ und schließlich „Scientist Wins The World Cup“ (Greensleeves). Alle fünf Alben erschienen seinerzeit unter dem Namen von Scientist. Nun wurden sie wiederveröffentlicht – allerdings unter dem Namen der Produzenten und – ganz verrückt – sogar mit veränderten Covern, auf denen der Kopf von Scientist gegen den des jeweiligen Produzenten ausgetauscht wurde. Hintergrund dieser, an die Zensurpraxis totalitärer Regime erinnernden, Maßnahme ist höchstwahrscheinlich ein Rechtsstreit, den Scientist und Greensleeves 2005 führten, bei dem der Dub-Mixer das Copyright an fünf Tracks einklagte, für die Greensleeves Lizenzen an das Spiel „Grand Theft Auto 3“ vergeben hatte. Scientist unterlag und seitdem scheint das Verhältnis der Kontrahenten zerrüttet. Das Richterurteil gibt allerdings zu denken: der Dub-Engineer besitzt kein Urheberrecht an seinem Werk. Offenbar wird zwischen einem einfachen Toningenieur und einem Dub-Mixer, der durch seine kreative Arbeit am Mischpult selbst zum Musiker wird, nicht unterschieden. Wäre ich Jurist, würde ich den Fall allzu gerne noch einmal aufrollen. Doch auch wenn Scientist nicht auf dem Cover steht, so ist auf jeden Fall Scientist drin – und zwar in superber Sound-Qualität. Sehr netter Bonus: Zu allen Dubs gibt es die passende Vocalversion, wodurch die Alben auf 20 Tracks anwachsen. Im Falle von „Wins The World Cup“ gibt’s sogar „Extra Time“, was sich letztlich auf sagenhafte 37 Tracks summiert. Jedem Dub-Enthusiasten sei diese exzellente Scientist-Retrospektive empfohlen.
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