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Reggae Review

Fat Freddy’s Drop: Live At Roundhouse

Fat Freddy‘s Drop sind nach meinem Geschmack zur Zeit definitiv eine der interessantesten Reggae-Bands auf dem Globus, was schlicht und ergreifend an dem sehr eigenwilligen, kaum einzuordnenden Stil der Neuseeländer liegt. Sie durchkreuzen im untersten BPM-Drehzahlbereich eine rätselhafte Landschaft, wo der Boden aus Dub, die Berge aus Reggae, die Bäume aus Jazz und der Himmel aus Soul bestehen. Vielleicht ist es sogar eine Unterwasserlandschaft, durch die der dicke Freddy, mit bleibeschwerten Schuhen, im Zeitlupentempo stapft. Der Schall wird durch das Wasser gedämpft und verwandelt sich in dunkles Grollen, während gemächlich aufsteigende Luftblasen Stimmen und Töne freisetzen. Ja, das ist ein schönes Bild. Verfrachtet man es gedanklich in die einzigartige Welt Neuseelands, dann bekommt man eine Vorstellung davon, was Fat Freddy‘s Drop ausmacht. Und nun machen wir noch ein Gedankenexperiment, indem wir uns vorstellen, dass wir diesen trägen, lässigen, schweren Sound nicht in 4-5-Minuten-Häppchen genießen, sondern in einem Kontinuum von 10 Minuten aufwärts. Denn das ist die Qualität von „Live At Roundhouse“ (The Drop/Rough Trade), einem Konzertmitschnitt vom Dezember 2008, bei dem wir der siebenköpfigen Band dabei zuhören können, wie sie einen Song 15 Minuten und länger improvisierend variieren. Dass dies das eigentliche, authentische und einzig wahre Fat Freddy‘s Drop-Erlebnis ist, braucht wohl kaum erwähnt zu werden (vor allem, wenn man es hätte live miterleben dürfen). Das damals noch ungehörte Material diente ein Jahr später als Grundlage für das Album „Dr. Boondigga & The Big BW“. Wir hören also vor allem Stücke dieses Albums, das sich ja bekanntlich etwas vom Reggae-Fundament des Vorgängers entfernt hatte. Trotzdem: Ich bin begeistert.

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Review

Lee Perry: Sound System Scratch

Es gibt immer wieder Gründe, ein Album mit Material von Lee Perry zu veröffentlichen. Oft sind es fadenscheinige Vorwände, um altes Material erneut kommerziell auszuschlachten. Doch Pressure Sounds hat jetzt eine neue, überraschende Idee gehabt: Sie haben nämlich alte Dub-Plate Specials eingesammelt, die Perry in den 1970er Jahren für diverse Soundsystems geschnitten hatte, diese teils glattgehobelten Acetatscheiben aufwändig restauriert und zu dem faszinierenden Album „Sound System Scratch“ (Pressure Sounds/Groove Attack) zusammen gestellt. Dabei zeigt sich, dass Perrys Dub Plates keineswegs nur die Kopie eines bloßen Rhythm-Tracks waren, sondern dass der kreative Derwisch, der er war, für jeden Auftrag einen exklusiven Remix anfertigte. Man kann sich leicht vorstellen, dass bei einem so ephemeren Produkt wie einem Dub Plate, also einem Produkt für eine begrenzte Hörerschaft und mit kurzer Halbwertszeit, Perrys Experimentierlust in Wallungen geriet. Hier galt es nicht, einen kommerziellen Erfolg zu erzielen, also Ecken abzuschleifen und Kanten wegzubügeln. Im Gegenteil, hier war alles möglich; ein weites Experimentierfeld, dessen Grenzen kein Hindernis für Lee Perry darstellten. Und so nutzte er die Studiotechnik nicht nur äußerst kreativ, sondern auch weit über ihre Möglichkeiten hinaus – was nicht selten auf Kosten der Soundqualität ging. Doch erst das endlose Um- und Ineinanderkopieren diverser Tonspuren und Samples brachte den typischen, vielschichtig komplexen Black Ark-Sound hervor. Diesem Sound huldigen die hier vorliegenden Dub Plates. Sie nehmen uns mit auf eine faszinierende Exkursion durch die multiplen Dimensionen des Klangraumes der Schwarzen Arche, mit ihrem typischen, hüpfenden Bass, dem Non-Stop-Phasing und natürlich den scheppernden Becken-Klängen. Vor dem inneren Auge entsteht ein Bild des Black Ark Studios, das für Perry eine Wohnung war, vollgestopft mit Instrumenten, Studio Equipment, Voodoo-Utensilien und Kram jeder Art. Die Wände flächendeckend mit Bildern und Drucken gepflastert. Hitze, Ganja-Qualm und das Aroma von jamaikanischem Rum, der Perrys Blutbahn durchströmte. Die Musik, die in dieser Atmosphäre entstand, war nicht von dieser Welt. Vielleicht war sie ein direkter Ausfluss von Perrys damaligem Genius, entstanden ohne die kontrollierende Einflussnahme des Bewusstseins: eine direkte Materialisierung von Perrys unergründlich wirrem Geist. Mystisch, obskur und geheimnisvoll, und genau deshalb so ungemein faszinierend. Eine Musik, die ihren Wert bis heute erhalten hat und der ich bei jedem Hören von neuem verfalle. Nach manch akademisch anmutendem Release ist Pressure Sounds mit „Sound System Scratch“ wieder einmal eine richtig fundamentale Kompilation gelungen. Ein Album, das in wunderbarer Weise die Schönheit und die unglaubliche Innovationskraft des Reggae der 1970er Jahre ins Bewusstsein ruft und das nicht in die Sammlung gehört, sondern in die Ohren!

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Dubblestandart: Marijuana Dreams

Freude: wieder ein neues Album von Dubblestandart: „Marijuana Dreams“ (Collision/Groove Attack). Das nunmehr zwölfte und das mit kaum einem Jahr Abstand zum letzten, zu Recht hochgelobten „Return From Planet Dub“. Die Wiener Jungs haben haben wirklich Hummeln im Hintern. Die wollen nur spielen! Und das hört man ihrer Musik auch an. Denn vom Gros der programmierten, synthetischen Dub-Musik unserer Tage, setzt sich die vierköpfige Kombo mit ihrem virtuosen, handgespielten Sound wohltuend ab. Ein Sound übrigens, der mich nicht selten an Adrian Sherwoods Style der 1990er Jahre erinnert. Es ist ein drängender, schneller, in gewisser Weise sogar aggressiver Sound, der seine Nähe zum Industrial nicht verleugnen kann. Kraftvolle Beats, gespickt mit Vocal-Fetzen von so illustren Gästen wie Lee Perry oder David Lynch – womit „Marijuana Dreams“ nahtlos an das Vorgängeralbum anknüpft, denn einige der Tracks, wie z. B. der Jean Michel Jarre-Remix oder Perrys „I Do Voodoo“ und „Chase The Devil“, stammen vom Planet Dub und werden hier in remixter Form erneut auf die versammelte Hörerschaft abgefeuert. Zieht man noch die vier Bonus-Dub-Versions ab, dann entpuppt sich die Sammlung neuen Materials mit sieben Stücken als einigermaßen übersichtlich – was aber nicht als negative Kritik verstanden werden darf, denn bei Dub ist der Remix ja bekanntlich eine Tugend. Womit wir bei der zweiten Qualität der Wiener wären, nämlich ihren Dub-Mixing-Skills. Das machen sie wirklich gut. Ihre Dubs haben eine gute Dramaturgie, sind abwechslungsreich instrumentiert, durchaus üppig arrangiert und mit vielen FX und Samples gespickt. Minimalismus ist das nicht gerade – aber die Tracks erst eigenhändig einzuspielen, nur um sie dann auf Drum & Bass zu strippen, würde mir auch keinen Spaß machen. Spaß machen mir jedoch die wenigen, aber herausstechenden Vocal-Tunes. Während Dubblestandart es hervorragend verstanden haben, das Non-Stop-Geblabber von Mr. Scratch auf kleine Vocal-Schnipsel zu beschneiden, kommen in ihren Marijuana-Träumen auch zwei „richtige“ Sänger bzw. Deejays vor: Anthony B und Elephant Man. Ich muss zugeben, dass ich mir Elephant Man nicht wirklich auf dem Dubblestandart-Sound hatte vorstellen können – muss aber zugeben, dass Ele ein richtig guter Dienstleister ist und den Wienern ein perfekt passenden Song auf die Dub-Beats gezimmert hat. Anthony B ist sogar noch eine Spur besser. Dann wäre da noch David Lynch, der allerdings eher als Marketing-Gag, denn als echter Vokalist mit von der Partie ist. Cool ist allerdings der Dubstep-Remix seines „Songs“, fabriziert vom New Yorker Subatomic Sound System, der das Album beschließt. Fassen wir also abschließend merkfähig zusammen: Album = gut!

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Best Of Deep Root

Neil Perch ist einer der wenigen, unermüdlichen Sound System-Betreiber und Produzenten, die sich Anfang der 1990er Jahre dem Dub-Sound (instrumental oder mit Gesang) verschrieben haben und heute noch aktiv sind. Unter dem Motto „Dubwise – No Compromise“ hat er den Aufstieg des UK-Dub und dessen Niedergang erlebt, hat mit Zion Train an der Spitze der Bewegung gestanden, einen Major-Deal in der Tasche und die Geschicke des Dub in der Hand gehabt. Ein wahrer Veteran und Dub-Aktivist. Seit 1998 veröffentlicht er auf seinem Label „Deep Roots“ zumeist eigene Produktionen, ausschließlich Vinyl im 7“- und 10“-Format. Nun ist Premiere, denn mit „Best Of Deep Root“ (Universal Egg/Cargo) erscheint das erste Album und die erste CD. Der Titel sagt es ja schon: versammelt sind hier die Highlights des Labels, 8 Stück an der Zahl, stets als Vocal-Version gefolgt vom Dub (also 16 Stücke insgesamt). Mich verbindet mit dem Sound von Neil Perch eine echte Hassliebe. Eigentlich will ich 20 Jahre nach dessen Erfindung keinen UK-Stepper mehr hören. Die Synthie-Sounds haben sich verbraucht, der militante Beat hat sich die Füße wund marschiert. Aber! Wenn die Dubs losstürmen, wenn der Bass explodiert und mir die Bassdrum in den Magen schlägt, wenn die intensive Energie des Rhythmus mir Schockwellen durch den Körper jagt und mein Hirn in die Windungen der Echokammer saugt, dann, ja dann bin ich wieder ein großer Fan dieses stolzen, altehrwürdigen Sounds von Mr. Perch!

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Lee Perry: Sipple Out Deh

Jeder wahre Reggae-Fan hat in seiner Plattensammlung eine kleine (oder auch große) Extra-Abteilung, die dem Werk Lee Perrys gewidmet ist. Dort befinden sich die schnell hüpfenden Upsetter-Aufnahmen aus den ganz frühen 1970er Jahren. Aber die abgegriffenen Platten stammen alle aus der Zeit zwischen 1974 und 1978, also aus jener Zeit, in der Lee Perry in seinem Black Ark-Studio hauste und dort die verrücktesten und zugleich mystischsten Sounds kreierte, die bis dahin im Reggae zu hören waren. Dabei hat der Meister auch viel Mist produziert, der bis heute immer wieder als „obskure, unveröffentlichte Kult-Aufnahmen“ vermarktet wird. Aber er hat auch (und vor allem) fantastische Meisterwerke geschaffen, die er zum Teil an Island-Rekords und zum anderen Teil an Trojan lizensierte. Letztere sind nun auf der Doppel-CD Lee „Scratch“ Perry & Friends „Sipple Out Deh – The Black Ark Years“ (Trojan/Sanctuary) erschienen – insgesamt 44 Stücke, schön chronologisch geordnet. Natürlich kennt man sie alle und hat sie, verteilt auf verschiedene Tonträger, auch schon in der Sammlung. Aber trotzdem ist es ein erhebendes Erlebnis, sie so konzentriert wieder zu hören und dabei dem Meister durch die Jahres seines Schaffens zu folgen, die Veränderung seines Stils wahrzunehmen und die Verdichtung seines Sounds, bis hin zu einem undurchdringlichen Klangdschungel, beizuwohnen. Faszinierend ist vor allem, dass Perrys Aufnahmen auch fast 40 Jahre nach ihrer Entstehung die Hörer immer noch in ihren Bann zu ziehen vermögen. Was ist es, das diese Musik zu zeitlos sein lässt? Vielleicht ist es die Tatsache, dass Perry wenig am kommerziellen Erfolg interessiert war und daher unabhängig von Marktgesetzen einfach echte Kunst kreiert hat. Vielleicht ist es aber – um etwas rationaler zu argumentieren – schlicht Perrys Konzentration auf den Sound gewesen, der seine Musik heute zu zeitgemäß erscheinen lässt. Während seine Konkurrenten richtige Hit-Songs produzierten, vergrub sich Perry immer tiefer in die Sound-Welt seines Black Ark-Studios und schuf dort ein unglaublich komplexes Klanggebilde, das seiner Zeit so weit voraus war, dass es jetzt, 2010, perfekt auf unsere heutigen, „soundorientierten“ Hörgewohnheiten passt. Aber wie dem auch sei, das Durchhören der Doppel-CD ist nicht nur schlicht und ergreifend schön, sondern es befeuert auch die Hochachtung und Wertschätzung von Perrys Genie. Leider ist es viel zu früh verglüht.

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Dub Foundation

Nachdem nun Greensleeves mit der „Evolution of Dub“-Serie die Geschichte des Dub nacherzählt hat, wollte wohl auch Trojan die durch die Popularität von Dubstep herbeigeführte Gunst der Stunde nutzen, dies ebenfalls zu tun – allerdings in einem etwas reduzierteren Rahmen. Statt, wie Greensleeves gleich mehrere 4-CD-Boxen zu veröffentlichen, beschränkt sich Trojan auf eine Doppel-CD – allerdings mit immerhin 40 Tracks: Foundation Dub (Trojan/Sanctuary). Und da sich Trojan nicht lumpen lässt, haben sie hier eine Sammlung der besten und wichtigsten Dubs ihres Archivs zusammengestellt, beginnend in den frühen 1970er und enden Anfang der 1980er Jahre. Alle wichtigen Dub-Produzenten und Mixer der Ära des klassischen Dubs sind dabei: Augustus Pablo, King Tubby, Niney, Prince Jammy, Scientist, Linval Thompson, Bunny Lee und natürlich (und vor allem): Lee Perry. In chronologischer Folge kann man sich hier durch die Geschichte des Dub hören, verfolgen, wie sich der Sound verändert hat und wie die Mixe erst immer komplexer und schließlich wieder ganz einfach wurden, kann tief eindringen in die Dub-Mystik des Black Ark-Studios, Jammys Virtuosität lauschen und natürlich Tubbys Routine bewundern. Es ist eine Zeitreise von der Instrumentalversion zum puren Sound, von der B-Seite in die Abstraktion, von der Zweitverwertung zur eigenständigen Kunst. Eine Reise anhand absolut essenzieller Dubs, eine Reise übrigens, die gar nicht akademisch daherkommt, sondern genau das bietet, wofür Dub erfunden wurde: Spaß.

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Dubmatix: System Shakedown

Dubmatix – mein aktueller Dub-Held hat ein neues Album veröffentlicht: „System Shakedown“ (Echo Beach/Indigo) – und es ist gar nicht Dub! Verdammt noch mal, ein so cooles Album, und es passt nicht in meine Kolumne. Und eigentlich auch nicht in den Dubblog. Aber was soll’s. Wenn Moses nicht zum Berg kommt, dann kommt der Berg zu Moses! Also gilt ab heute: Der Dubblog weitet sein Spektrum und lässt nun alles zu, was dem Autor gefällt – und „System Shakedown“ gefällt mir ganz außerordentlich. Denn das Album bietet genau das, wofür ich Dubmatix verehre: sehr fette, kraftvolle, grandios arrangierte und instrumentierte Old School-Rhythms. Gab es schon beim Vorgänger viele Tracks mit Gastvokalisten, so hat Dubmatix jetzt Nägel mit Köpfen gemacht und (mit zwei Ausnahmen) das gesamte Album in den Dienst des Gesangs gestellt. Wie nicht anders zu erwarten, reichen sich hier die Veteranen des Genres das Micro weiter: The Mighty Diamonds, Dennis Alcapone, Gregory Isaacs, Tippa Irie und natürlich U-Brown. Flankiert werden sie von weniger bekannten Artists wie den Ragga Twins, Brother Culture oder Omar Perry. Und, ist das jetzt besser als ein reines Dub-Album? Der Purist in mir gibt zähneknirschend zu: ja, das könnte schon sein, denn die Sänger liefern ausnahmslos famose Songs ab. Songs, die die Rhythms zum brennen bringen, während die Rhythms wieder die Songs befeuern. Alles in allem also eine ziemlich eindrucksvolle Explosion, die uns hier auf die Trommelfelle knallt. Oder, um es nüchtern, objektiv und ohne persönliche Wertung zu sagen: Das Album rockt als hätte Dubmatix den Groove erfunden.

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Dub (R)evolution Review

Dub Evolution, August 2010

Wer glaubte, die Evolution des Dub wäre mit der „Natural Selection“ abgeschlossen, irrte, denn nun präsentiert uns Greensleeves den „Missing Link“, also Vol. 5 der „Evolution Of Dub“-CD-Box-Serie (Greensleeves). Trotz fortgeschrittener Evolution befinden wir uns zunächst immer noch in Mitten der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts und zwar beim Musiker und Produzenten Ossie Hibbert. Er steuert zwei der vier Alben der Box bei: „Earthquake Dub“ und „Crueshal Dub“ (sic!).

„Earthquake Dub“ erschien auf dem Label von Joe Gibbs, nachdem Ossie es ihm im Tausch gegen ein Auto (Errol Thompsons Auto!) überlassen hatte. Im „Reggae: The Rough Guide“ wird es als „militantere Fortführung der „African Dub“-Serie“ beschrieben, was den Nagel ziemlich auf den Kopf trifft. Zu hören gibt es den klassischen, wohlbekannten und allseits beliebten Professionals/Aggrovators/Revolutionaries-Sound, dominiert von Sly Dunbars immer wieder faszinierenden Drumpatterns. Uptempo, leicht und doch auch zielstrebig, bestimmt und geradeaus. Ganz im Stile der Zeit, gibt es vornehmlich Wiederauflagen klassischer Rhythms zu hören wie z. B. „Pick Up The Pieces“ von den Royals oder „Declaration of Rights“ der Abyssinians.

Das zweite Ossie-Album der Box, „Crueshal Dub“, ist so obskur, dass selbst Ossie himself sich kaum noch erinnern kann, wie es zu Stande kam. Soundtechnisch liegt es eindeutig vor „Earthquake Dub“ und konzentriert sich auf die Wiederbelebung alter Studio One-Rhythms. Weniger stark und eigenständig als „Earthquake“, weiß es jedoch durch schöne, kunstvolle Dub-Mixes zu überzeugen.

Die anderen beiden Alben der Box sind ein Novum der Serie, da mit ihnen der Sprung nach England gewagt wird: „King Of The Dub Rock Part 1“ und „Part 2“. Insofern ist der Box-Titel „The Missing Link“ ja verdammt clever gewählt. Produzent beider Alben ist der britische Sound-Man Lloyd Blackford a.k.a. Sir Coxsone Sound. In den sechziger Jahren benannten sich viele britische Sound Systems nach ihren jamaikanischen Vorbildern. Und da Blackfords ärgster Widersacher sich nach Duke Reid benannt hatte, wählte Blackford folgerichtig den Namen von Clement Coxsone Dodd. „King Of The Dub Rock Part 1“ erschien 1975 und enthielt Rhythms von Dennis Bovell und Gussie Clarke. Blackford mischte die Dubs selbst und verlieh den recht unterschiedlichen Sounds so eine gewisse Einheitlichkeit. Das Album ist aus historischen Gründen als „Missing Link“ durchaus interessant, bleibt aber hinsichtlich des Hörvergnügens weit hinter „Part 2“ zurück, der erst sieben Jahre später erschien (und damit den Sprung in die 1980er Jahre vollzog). Ich hatte mir das Album im Jahr seiner Erstveröffentlichung gekauft und war einerseits fasziniert von dem satten Klang, den starken Bläsersätzen und den schönen Melodien, andererseits war ich aber auch ziemlich irritiert von den Space-Invaders-8-Bit-Sounds, die wahllos in die Tracks gemischt waren. Zum Glück wurden diese Overdubs inzwischen entfernt, so dass sich die originalen Dubs hier in ihrer ganzen ungetrübten Schönheit genießen lassen. Nach meinem Geschmack war der Old School Dub zur Entstehungszeit dieses Albums auf seinem künstlerischen Höhepunkt – nur um kurze Zeit später in Jamaika auszusterben. Ich bin gespannt, ob die Boxenserie nun mit Jah Shaka und Mad Professor in England weiter geführt wird. „Escape To The Asylum Of Dub“ wäre doch eine perfekte Fortsetzung …

Wie wäre es mit ein wenig Dub aus Australien? Der gebürtige Brite Brian May werkelt down under an diversen Musikstilen herum, die alle eines verbindet: Dub. Unter dem Pseudonym Beam Up hat er nun das Album „Terra Sonica“ (beamingproductions.com) veröffentlicht auf dem er Dubs präsentiert, die sich stilistisch nicht in ein Genre packen lassen, aber alle den Gesetzen des Dub gehorchen. Das Spektrum reicht von Worldmusic über Reggae bis Dubstep. Nach meinem Geschmack sind genreübergreifende Experimente ja prinzipiell spannend, hier aber will der Funke nicht so recht überspringen. Die Mixe sind brillant, allein an den Rhythms hapert‘s. Die könnten etwas mehr Groove gebrauchen.

Angenehm traditionell geht es hingegen auf dem neuen Album von Aldubb zu: „Aldubb Meets Ras Perez“ (MKZwo Records). Da weiß man, was man hat! Schöne Roots-Dubs, ganz unaufgeregt, ohne Anspruch auf einen Innovationspreis, einfach nur fette Basslines, große Echo-Chambers und ein schöner Old-School-Sound. Entstanden sind die Aufnahmen während vieler Probe-Sessions im hauseigenen Berliner Studio von Aldubb. Drums und Percussion hat der Dub-Meister himself eingespielt, Ras Perez übernahm den Rest. Ein Album, das gewissermaßen unbeabsichtigt entstanden ist. Beim Jammen ließen die Beiden einfach das Band mitlaufen: „Irgendwann waren es so viele Dubs, dass es einfach mal auf CD musste.“ Richtige Entscheidung! Ist ein gutes Album geworden.

Dubstep darf nicht fehlen – vor allem nicht, wenn er von Kanka kommt, jenem französischen Steppers-König, der zuletzt mit seinem Album „Don‘t Stop Dub“ unsere Nachbarn aus dem Bett katapultierte. Unter dem Pseudonym Alek 6 hat er nun das Dubstep-Album „Inside“ (Hammerbass.fr) vorgelegt, das kompromisslos hält, was wir uns von Kanka versprechen, nämlich Bass, Bass und Bass. Drum herum erklingen jetzt allerdings, anders als gewohnt, nur wenige Offbeats – statt Warrior-Style gibt es düstere Elektronik und rigiden Minimalismus. Gelegentlich lodern ein paar Jungle-Breakbeats auf, ansonsten hält sich der Ideenreichtum allerdings in Grenzen. Doch wer braucht für eine betäubende Bass-Dröhnung schon Ideen? Hauptsache die Hose flattert.

Zum Abschluss noch etwas leicht obskures, nämlich ein polnisches Dub-Album von einer Band namens DUP!: „Dup! Session In Something Like Studio“ (dupmusic.com). Das gesamte Presseinfo besteht aus diesen zwei Sätzen: „Wir heißen Dup und präsentieren stolz unser erstes Album. Wir spielen Dub-Musik und unser wichtigster Einfluss ist der Oldschool-Sound alter jamaikanischer Aufnahmen“. Knapp, aber präzise. „Old-School-Dub“ trifft die Sache ganz gut: Dubs, die fast live gespielt klingen, voller Atmosphäre, mit virtuosen Percussions und richtig schönen Basslines. Und natürlich mit Tubby-mäßigen Mixen und extra-sauberem Sound.

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Dub (R)evolution Review

Dub Evolution, Juni 2010

Und da sind sie wieder. Nach 14 Jahren Stille, gab‘s vor acht Monaten mit „Sonn und Mond“ das definitiv spannendste Dub-Album des Jahres zu hören. Und nun folgt mit „We So Horny“ schon ein weiteres Werk von Hey-O-Hansen! Was ist in die beiden Tiroler und Wahl-Berliner gefahren? Sind Michael Wolf und Helmut Erler von der Muse geküsst worden? Wenn man den kreativen Gehalt ihrer Alben zu Grunde legt, dann muss diese Frage zwingend bejaht werden. Etwas so Ungewöhnliches, Schräges und doch absolut Stimmiges ist mir ist schon seit langer Zeit nicht mehr untergekommen. Keine Sorge, wir haben es hier nicht mit verkopften Studio-Experimenten zu tun, sondern mit, wenn auch merkwürdig verschroben, so doch ganz wunderbar groovenden Dubs. Es sind Dubs, die mit Nachdruck zeigen, welch enorme kreative Spielräume das Genre bietet, und wie diese überzeugend genutzt werden können. Anders als „We So Horny“ war der Vorgänger „Sonn und Mond“ das Destillat aus 14 Jahren Dub-Forschungsarbeit und hinsichtlich des Ideenreichtums kaum zu überbieten. „We So Horny“ enthält hingegen gänzlich neues Material und opfert zwangsläufig die Vielfältigkeit des Vorgängers einer größeren stilistischen Geschlossenheit. Während „Sonn und Mond“ mit jedem Track eine andere Überraschung bot, ermöglicht es „We So Horny“, sich in den merkwürdigen (angeblich von Tiroler Volksmusik und ihrem eigenwilligen Offbeat beeinflussten) Dub-Sound der beiden Studio-Frickler einzuhören. Und was macht den Sound so eigenwillig? Gar nicht so einfach zu sagen. Vielleicht lässt es sich mit dem Begriff der „Künstlerischen Widerborstigkeit“ am besten beschreiben. Hier klingt nichts „glatt“ oder konventionell. Im Gegenteil. Die Frage lautet: Wie viel Dub-Konvention darf man über Bord werfen, ohne dass die Musik aufhört Dub zu sein? Hey-O-Hansens Antwort lautet: alles außer Echo, Bass und Offbeat. Und das Erste, was hier über Bord geht, ist das klassische Instrumentierungsschema. Deshalb hören sich die Hey-O-Hansen-Dubs zunächst falsch gespielt an, nur um im nächsten Moment folgerichtig und zwingend zu klingen. Allein schon der massive Einsatz von Blasinstrumenten ist außergewöhnlich. Hinzu kommt eine eigenwillige Mischung aus elektronischen Sounds (à la Basic Channel) und handgespielten, akustischen Instrumenten sowie eine simple, aber doch irgendwie vertrackte Polyrhythmik. Wirklich beschreiben lässt sich Hey-O-Hansens Musik nicht. Nur eines lässt sich ganz klar sagen: Sie ist großartig.

Machen wir direkt weiter mit schräger Dub-Mucke: „Japanese Dub“ (30 Hertz) von Jah Wobble & The Nippon Dub Ensemble. Das letzte, was ich von Mr. Wobble gehört habe, war sein „Chinese-Dub“-Album „Mu“ von 2005. Mit „Japanese Dub“ knüpft er nahtlos an, wo er mit „Mu“ aufgehört hat. Er ist lediglich ein kleines Stückchen weiter gen Osten gezogen. Statt des chinesische Zeichens „Mu“ prangt nun das japanische „Ma“ auf dem Cover. Die Bedeutung ist die selbe: Leere, Abwesenheit – ein in der Zen-Meditation wesentlicher Begriff – und da Dub per se meditative Qualität hat, ist er natürlich prädestiniert für Jah Wobbles esoterische Exkursionen. Diesmal führt sie uns zu ritueller Shinto-Musik, Taiko-Trommeln und Shamisen-Klängen. Die Basis aller Stücke des Albums ist stets Wobbles grollender Bass und nicht selten auch von ihm programmierte Beats (natürlich auf japanischem Equipment). Das funktioniert gar nicht schlecht, zumal Wobble sich des öfteren auf Reggae-Beats stützt. Richtig abgefahren ist der traditionelle japanische Gesang. Wer hier nicht open minded ist, der dürfte einen Schock davon tragen. Dabei ist das intonierte Lied („Kokiriko“ – angeblich das älteste Lied Japans) eigentlich sehr schön und hat eine – selbst für westliche Ohren – unglaublich eingängige Melodie. Jah Wobble war so besessen von diesem Lied, dass er es gleich vierfach, gewissermaßen als Version Excursion, aufs Album gepackt hat. Außer diesem Lied, gibt es aber noch andere nette Dinge zu entdecken: Pentatonische und chromatische Tonleitern, Kabuki-Gesang und dröhnende Trommeln zum Beispiel. Jah Wobble schont seine Zuhörer nicht – aber genau das bietet ja die Chance auf neue Entdeckungen. Und dafür danken wir Mr. Wobble-bass.

Letztes Jahr erschien das Debutalbum von Dubkasm, „Transform I“ (Sufferah‘s Choice), ein dunkles, geheimnisvolles Dub-Roots Werk mit Gastvokalisten wie African Simba, Dub Judah und, interessanter Weise, auch brasilianischen Sängern jenseits der Reggae-Szene. Nun liegt mit „Transformed in Dub“ (Sufferah‘s Choice) die Dub-Version des Albums vor. Diese ist noch dunkler, noch intensiver, noch schwerer und – nach meinem Gefühl – auch noch interessanter geworden, denn hier gilt alle Aufmerksamkeit der Musik, dem Sound, den Finessen des Mixes. Hinter Dubkasm stecken zwei Jungs aus Bristol, Digidub und DJ Stryda, die sich schon seit Kindestagen (nach dem Besuch einer Show von Jah Shaka) ganz dem „orthodoxen“ Roots-Dub verschrieben haben. Daher darf man von den beiden keine neuen Dub-Erkenntnisse erwarten, sondern eher die liebevolle Pflege der guten, alten Dub-Tradition. Wie sehr sich die beiden Bristol-Dubber über ihr neues, analoges Mischpult freuen, lässt sich auf dubcasm.com in einem netten, kleinen Filmportrait sehen.

Ok, Dreadzone. Bei diesem Namen erwachen in mir Erinnerungen an die frühen 90er Jahre, Erinnerungen an ein riesengroßes Aha-Erlebnis, als ich auf dem Dreadzone-Album „360 Degrees“ zum ersten Mal das Crossover von Leftfield und Roots-Dub hörte. In der Folge erschienen von Dreadzone weitere sagenhafte Alben, die nicht nur die nächst höhere Evolutionsstufe von Dub präsentierten, sondern auf denen auch grandiose Songs und wahnsinnig eingängige Melodien erklangen. Daher muss ich wohl kaum erwähnen, dass ich die neue CD „Eye On The Horizon“ (Dubwiser Records/Soulfood) mit zitternden Fingern auspackte. Was dann kam, lässt sich vielleicht als eine Folge von Verwirrung, Enttäuschung und schlussendlich Gefallen beschreiben. Fest steht, dass das neue Album die gigantische Erwartungshaltung nicht einlösen kann. Es schließt zwar – vor allem was Songmelodien und Arrangements betrifft – an „Second Light“ oder „Biological Radio“ an, schafft es aber nicht auf das Niveau dieser Alben. Während diese auf virtuose Weise Techno/Dance, Leftfield und Pop unter der Vorherrschaft von Dub vereinten, steuert „Eyes On The Horizon“ ganz klar durch Pop- und nicht selten sogar durch Rock-Gewässer. Auch wenn der Titel „Eyes On The Horizon“ anderes vermuten lässt, haben sich Greg Dread & Co seit den vorgenannten Alben aus den 90er Jahren, aber auch seit dem 2005 erschienenen „Once Upon A Time“, nicht wirklich weiterentwickelt. Es ist zwar böse, so etwas zu schreiben, aber ich habe das Gefühl, dass Dreadzone bei ihrem neuen Album ein wenig zu sehr in Richtung Chart-Erfolg geschielt haben. Sicherlich ist diese Kritik ein Klagen auf hohem Niveau. Unzählige Dub-Producer würden dem Himmel danken, wenn sie nur annähernd ein Album in der Qualität von „Eye On The Horizon“ fabrizieren könnten. Denn: lässt man alle Erwartungshaltungen und Vorurteile über Pop und Rock hinter sich, so wird plötzlich offensichtlich: Das neue Dreadzone-Werk ist gut. Und woran merkt man es? Schlicht und einfach daran, dass man es immer wieder auflegt und Spaß hat, es anzuhören.

Nachdem wir nun schon einige Male das „absolut letzte Volume“ der King Size Dub-Serie hinter uns haben und letztes Jahr mit „Vol. 69“ ein Sampler „außerhalb der Reihe“ ins Haus flatterte, gibt es nun: „King Size Dub Chapter 13“ (Echo Beach) – und, das ist das Schöne an Traditionen, wieder mit einem Ruts DC-Remix. Aber – jetzt mal ganz im Ernst –, ich bin froh, dass Echo Beach die legendäre Serie fortführt, denn die Sampler (Vol. 1 erschien 1995!) bieten stets eine höchst geschmackssichere Auswahl aktueller Produktionen. So auch Chapter 13, wo uns diesmal, neben einer Menge hauseigener Artists wie Noiseshaper, Up, Bustle & Out, DubXanne, Dub Spencer & Trance Hill oder Dubblestandart, auch Tracks von Dreadzone, The Vision, Aldubb oder Herbst in Peking zu gehör gebracht werden. Eine hervorragende Selection – Echo Beach weiß eben, wo der Bass spielt.

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Dub (R)evolution Review

Dub Evolution, April 2010

Hinter dem schönen Namen Jahtari verbirgt sich ein kleines Label aus Leipzig, das vor einigen Jahren als Experiment gestartet ist und sich zunächst – wie der Name vermuten lässt – dem 8Bit-Sound früher Computer wie Atari und dem C64 mit seinem berühmten dreistimmigen SID-Soundchip verschrieben hatte. Das Experiment bestand darin, eine so beseelte Musik wie Reggae mit Hilfe von mathematischen Algorithmen zu spielen. Ein Experiment übrigens, das King Jammy und Steely & Cleevie bereits Mitte der 1980er Jahre gelungen war. Doch während Jammys „Computerized Reggae“ aufgrund des Unvermögens damaliger Computertechnik retortenmäßig „digital“ klang und dieses Stadium mit der Verfügbarkeit besserer Soundchips alsbald überwunden wurde, ist für Jan Gleichmar, dem Gründer und Chef von Jahtari, genau dieser Sound das Ziel allen Strebens. Er hat ihm das Jahtari-Label auf den Leib geschneidert und sammelt hier seine eigenen Produktionen wie auch die Gleichgesinnter Laptop-Frickler. Die „Jahtarian Dubbers“-Alben, dessen zweites Kapitel jetzt ganz frisch vorliegt, sind so etwas wie die Manifeste dieses Sounds. „Jahtarian Dubbers, Vol. 2“ (jahtari.org/) präsentiert uns nun 13 Tracks vollsynthetischen „Digital Laptop Reggaes“, durch etliche Software-Echo-Chambers gejagt und mit Space-Invaders-Sounds angereichert. Manche Stücke bieten zudem grundsolide Vocals wie z. B. „Puff That Weed“, auf dessen pluckernden Bit-Folgen die virtuose Soom T reitet wie auf einem rasenden Bobby-Car. Vor dem geistigen Auge sieht man billige Netbooks heißlaufen und China-iPhone-Clones vibrieren. Und genau hier liegt der Reiz dieser schrägen Musik: Das (absichtlich) primitive Instrumentarium sondert richtig echte, wirkliche und wahrhaftige Reggae-Tunes ab. Fetter Bass, steifer Offbeat, solide Drums und groovender Beat. Der ganze Klangkosmos „Reggae“ schrumpft hier auf seine minimalen, konstruktiven Elemente – und klingt dabei auch noch richtig gut. Super Mario trifft auf Basic Channel, reggaewise. Nur ein interessantes Experiment, oder gelungene Musik, die auch ohne mitgelieferte Theorie bestehen kann? Die Antwort lautet: 42!

Dub-Reworkings bekannter Pop-Songs sind offensichtlich en vogue. Easy Star Records hat sich bereits Pink Floyd, die Beatles und Radiohead vorgenommen, Echo Beach unterzog The Police einer eingehenden Verdubbung und nun trifft es mit „Shatter The Hotel“ auch den ehemaligen Clash-Sänger Joe Strummer. Ausgelöst wurde diese Welle von „Dub Side Of The Moon“, einem Album, das seit 2003 unglaubliche 90.000 mal verkauft wurde. Je bescheuerter das Konzept, desto erfolgreicher, scheint es. Und da Konzepte dieser Art leicht zu erdenken sind, versucht jeder mal sein Glück. Dies ungefähr waren meine Gedanken, als ich „Shatter The Hotel“ (www.strummerville.com) in die Finger bekam. Fast schon widerwillig hörte ich rein. OK, das war passabel. Nach dem zweiten Hören war es dann schon ganz in Ordnung. Beim dritten Hören ertappte ich mich dann schon beim Mitsingen. Mittlerweile – muss ich zugeben – bin ich ganz angetan von Joe Strummers posthumem Dub-Tribute. Das große Plus des Albums ist schlicht und ergreifend die solide Songbasis. Richtige Ohrwürmer sind das! Umgesetzt in saubere, funktionale und unaufgeregte Dub-Versions kann man nichts dagegen sagen. Angetrieben durch die eingängigen Melodien und häufigere Gesangsbegleitung ist hier so etwas wie guter Pop-Dub-Reggae entstanden. Anders als bei den oben genannten Alben, wurden die Stücke auf „Shatter The Hotel“ nicht alle von einer Band eingespielt, sondern von bekannten wie unbekannten Produzenten der internationalen Reggae-Szene beigesteuert.  So macht der unfehlbare Dubmatix aus Kanada mit „London Calling“ den Anfang, wird dann von Dub Antenna, den Creation Rockers und den Dub Cats sowie einer Reihe weiterer unbekannter Produzenten/Bands gefolgt. Sound und Style gleichen sich aber so sehr, dass sich alles zu einem homogenen Album verbindet – um es positiv auszudrücken. Die Verkaufserlöse gehen übrigens an die Joe Strummer-Stiftung, die junge Musiker fördert.

Anfang des neuen Jahrtausends veröffentlichten Mafia und Fluxy eine Albenserie unter dem Titel „Reggae Heights“, in der sie alte Vocals auf von ihnen neu eingespielte Backings kopierten. Ein Album der Serie war Barry Browns Oeuvre gewidmet und präsentierte sieben Dubs als Bonus-Material. Wem das zu wenig war, der hat jetzt die Möglichkeit mit dem Album „Barry Brown In Dub“, das nur als digitaler Release erhältlich ist, weitere sechs Dubs zu erwerben. Und da die beiden britischen Rhythm-Brothers wirklich grundsolide Instrumental- und Mixarbeit geleistet haben, ist diese Anschaffung wärmstens zu empfehlen. Und wer dann noch mehr Dub-Stoff braucht, der kann mit „Dub Anthems“ gleich zur vollen Dröhnung greifen. Hier bieten Mafia & Fluxy gleich 15 ihrer besten Dubs aus jener Zeit. Fette, fette, fette Tracks, deren massive Basslines die Teller vom Tisch vibrieren. Einen Innovationspreis gibt es zwar nicht aber die Dub-Handwerkskammer vergibt eine Auszeichnung für herausragende Verarbeitungsqualität (gesponsert von der Porzellanindustrie). Hier wird so mancher alte, gut bekannte und lieb gewonnene Riddim zu Gehör gebracht („Anthems“ halt) wie z. B. „King Tubby Meets Rockers Uptown“, Marleys „Forever Loving Jah“, „Open The Gate“, „Warriors Charge“ und natürlich „Realrock“.

Bevor unsere vergnügliche Dub-Stunde zu Ende geht, werfen wir noch einen Blick in die Revival-Selection und finden hier wieder einmal ein ultra-rares Album, das (wie sollte es anders sein) das Pressure Sounds Label für uns ausgegraben hat: „Prince Jammy Presents Strictly Dub“ (www.pressure.co.uk). Aufgenommen in den späteren 1970er Jahren und Anfang der 1980er in Kleinstauflage in New York erschienen, bietet es uns einen Einblick in Jammys Frühwerk, das noch an Tubbys Mischpult in der Dromilly Avenue entstanden ist. Produziert, arrangiert, gemixt und geremixt wurde es vom Prince himself, eingespielt von Jamaikas Cream der Session-Musiker jener Zeit: Sly & Robbie, Ansel Collins, Gladstone Anderson, Bobby Ellis, Deadly Hedley, Sticky Thompson (u. a.). Eine illustre Combo, die hier schöne Versionen klassischer Rhythms wie etwa „Baba Boom“, Ali Baba“ oder „Shenk I Sheck“ zum Besten geben. Interessant sind die Titel der Stücke: „Brookly Dub“, „Bronx Fashion Dub“, „Immigrant Dub“ oder „42nd Street Dub“. Marketing jamaica-wise, denn die Veröffentlichung des Album war schließlich für New York vorgesehen. Und wie hört es sich an? Gut! Nicht spektakulär, aber sehr schön. Dank der Klassiker stimmt die Basis und Dank der brillanten Musiker stimmt auch die Umsetzung. Locker, uptempo gespielt, luftiger Klang, volle Arrangements mit sehr, sehr schöner Percussion. Jammys Mix ist nett und angemessen. Richtig spannend wird es dann bei den beiden Bonus-Tracks, die aus einer – laut Presseinfo – „etwas späteren Periode“ stammen. Sie klingen geradezu experimentell im Vergleich zum Rest. Heftigerer Sound, ordentlich Druck und ein charmanter Distortions-Effekt, der zwischen die Beats fährt. Da hat Jammy in kurzer Zeit offenbar viel dazu gelernt.