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Weeding Dub: Inna Digital Age

Inna Digital Age

Das ist mal eine interessante Selbsteinschätzung: Der Dub-Produzent Weeding Dub aus Lille verortet sich als „the missing link“ zwischen Mad Professor und Zion Train! Wow, das ist spezifisch. Ich hatte da eigentlich bisher keinen Link vermisst, aber jetzt, wo er da ist, muss ich sagen: Ich hätte ihn mir anders vorgestellt. Denn Weeding Dub steht weder für virtuoses Dub Mixing noch für ausufernde Exkursionen ins House-Genre. Ich sehe ihn eher in der Arena des Steppers. Dort fährt er zweifellos schweres Geschütz auf: pralle Beats, wuchtige Basslines und eine drängende, militante Aggressivität. Manchmal klingt sein neues Album „Inna Digital Age“ (Contol Tower Records) mir allerdings etwas zu 8-Bit mäßig, etwas zu mechanisch, etwas zu Old School-digital – aber das ist angesichts des Albumtitels offensichtlich ja Konzept. Was aber wirklich nicht so richtig funktioniert, sind die sechs eingestreuten Vocal-Tunes. Hier hat Weeding Dub bei der Auswahl einfach kein glückliches Händchen bewiesen. Mal klingt der Sänger wie ein Abiturient, der zum ersten Mal vor dem Micro steht, mal hat die Sängerin zwar engagierte, aber schlicht dumme Lyrics parat. Richtig gut funktioniert hingegen das Zusammenspiel mit Housman Horns, deren Bläsermelodien den cleanen Computerbeats ein wenig Wärme verleihen. Außerdem bietet der Housman-Track auch noch richtig gutes Dub-Mixing. Hier ist tatsächlich eine gewisse Nähe zu früheren Zion-Train-Aufnahmen herauszuhören. Mehr davon wäre gut gewesen.

My verdict: Brutal steppers-sound with a 8-bit-feel. That’s okay. But the singing is definitely not okay. What I liked most is the track with Housman Horns. I wished, there were more of this.
My Rating: 6 (out of 10)
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Linval Thompson & The Revolutionaries: Boss Man‘s Dub

Boss Man's Dub

Es soll ja Leute geben, die alte Original-Vinyl-Dub-Alben sammeln und für einzelne Werke bei Auktionen Unsummen ausgeben. Linval Thompsons & The Revolutionaries „Boss Man‘s Dub“ (Hot Milk) dürfte ein solches, teures Album gewesen sein, denn als es 1979 das Licht der Welt erblickte wurde ihm lediglich ein White-Labe-Pre-Release in minimaler Auflage zu Teil. Ein Sammler-Stück par Excellence, das fortan „The Lost 1979 Dub Album“ genannt wurde. Nun liegt es, ganz profan, als CD-Release vor und bietet 11 Produktionen aus der Feder Linval Thompsons, dessen Gesang auf manchen Tracks sporadisch zu hören ist. Produziert wurde es 1979, wahrscheinlich zeitgleich mit „Negrea Love Dub“  und „Outlaw Dub“. Wie diese wurde „Boss Man‘s Dub“ im Channel One Studio aufgenommen, doch anders als bei den vorgenannten, ist nicht klar, wo und vom wem das Album gemischt wurde. Musikalisch liegt es natürlich, wenig überraschend, sehr nah bei den beiden Schwester-Alben. Der Dub-Mix ist absolut klassisch, kein herausragendes Meisterwerk, dessen Urheber unbedingt ergründet werden müsste. Hervorzuheben wären allerdings die exzellenten Linernotes von David Katz, der nicht nur (allerdings vergeblich) versucht, Licht in das Dunkel der Entstehungsgeschichte des Albums zu bringen, sondern in seinem Text en passant auch die Genese des Dub und die Biographie von Linval Thompson zum Besten gibt. Respekt.

My verdict: A classical, rare album from 1979. Sounds similar to „Negrea Love Dub“  und „Outlaw Dub“. It’s okay, but not worth the fuss. The liner notes are brillant.
My rating: 6 (out of 10)
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Dub Club: Signs & Wonders in Dub

Dub Club

Wir alle lieben den Dub-Sound der 70er und frühen 80er Jahre, oder? Wir alle haben Stunden, Tage, Wochen, ja Monate damit zugebracht, die Dubs der Fatman Riddim Section, der Revolutionaries, der Roots Radics und all der anderen jamaikanischen Studio-Heroen anzuhören. Es war der perfekte Sound zu seiner Zeit. Die Epoche des klassischen Dub – ein abgeschlossenes, historisches Ereignis. Im gegenwärtigen Zeitalter des Eklektizismus, ist es diese Epoche, die mit Vorliebe zitiert, gesamplet und, ja auch geplündert wird. Doch das, was Postmodernisten wie Prince Fatty, Dubmatix oder Alborosie aus den Steinen jener Epoche heute bauen, ist eine Interpretation jener Zeit, ein Reflex auf sie, vielleicht auch eine Huldigung, aber es ist etwas neues, zeitgemäßes, eigenständiges. Welchen Sinn hätte es, die Musik der goldenen Ära einfach nur zu kopieren? Besser als das Original kann die Kopie nicht sein. Also, welche Daseinsberechtigung hat sie? Diese Frage stellte sich Tom Chasteen wahrscheinlich nicht. Seit dem Jahr 2000 betreibt er in Los Angeles den Dub Club, der sich ganz dem Rub-A-Dub-Sound verschrieben hat. Irgendwann besann sich Chasteen, dass die Foundation-Artists, deren 45s er wöchentlich auf den Plattenteller legte, arbeitslos in Jamaika abhingen und nur allzu bereit wären, für ein paar Dollar Songs für den Dub Club einzuspielen. Also organisierte Chasteen Sessions in LA und Jamaika, Rhythms für das Projekt aufzunehmen. Das Ergebnis war das Album „Foundation Come Again“ (siehe letzte Riddim). In alter Sitte wurden aus den Rhythms auch zwei Dub-Alben generiert: „Signs & Wonders in Dub“ und „Bubble Dub“, die nun beide zusammen – etwas verwirrend – unter dem Titel „ Signs & Wonders in Dub“ (Stones Throw Records) als digitaler Download zur Verfügung stehen. Darauf zu hören gibt es eine Menge klassischer Riddims, exakt nachgespielt im authentischen Sound. Ich bin nicht der Meinung, dass die Welt diese beiden Alben gebraucht hätte, muss aber andererseits zugeben, dass es schon Spaß macht, sie im Hintergrund laufen zu lassen. Na ja, geistiger Anspruch und des Fleisches Lust sind nicht immer der gleichen Meinung – sozusagen.

My  verdict: The album is an exact reincarnation of the Rub-A-Dub-Style. Nothing more. But who want’s a mere copy, when the original is still available?
My rating: 5 (out of 10)
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Robo Bass HiFi: 16 Bit Skanks

16 Bit Skanks

„Robo Bass HiFi zelebriert aktuellen Elektro-Reggae-Sound in allen Facetten. Angefangen von Roots und Dub über Dubstep/Drumstep bis zu Future Jungle, UK-DIGITAL und D’n’B findet sich alles in ihrem Repertoire“ – so der Info-Text zum neuen Projekt von Fluxer M. a. k. a. Markus Kammann a. k. a. Robo Bass HiFi. Uff, dem muss man erst mal folgen können. Gemeint ist damit ein recht hybrider Sound, der meines Erachtens irgendwo zwischen Major Lazer und Jungle liegt, dabei gelegentliche (mit Reggae-Offbeats gefüllte) Breaks einschiebt und gesamplete Vocals von Cutty Ranks oder Bounty Killer darüber streut. Nun liegt das erste Album mit diesem Sound vor: Robo Bass HiFi, „16 Bit Skanks“ (Select Cuts). Hochenergetisch das Ganze und vollgestopft mit verrückten Ideen. Sofern man sich nicht gerade in einem Zustand ekstatischer Verzückung befindet und in der Lage ist, dem musikalischen Feuerwerk bewusst zuzuhören, kann man nur staunen über die unzähligen Schichten an Sounds, die hier übereinander liegen, die sich im Dub-Mix unentwegt abwechseln; und immer dann, wenn man glaubt, zu wissen, was gerade gespielt wird, wieder von neuem überraschen. Als Dub-Purist kann man dieses musikalische Inferno für überproduziert halten – ich halte es für aufregend und schätze es sogar sehr, nach dem Konsum der Bass-Lawinen anderer Dub-Produktionen, die Ohren mal so richtig mit schnellen Beats durchgepustet zu bekommen.
Nach den ersten sechs Tracks des Albums wandelt sich der Sound übrigens ganz erheblich. Der Sturm und Drang des ersten Teils verflüchtigt sich zugunsten eher klassischer Reggae-Beats, denn Track 7 bis 14 sind Remixe von Stücken aus dem Echo Beach Back-Katalog. So erfahren z. B. Dubmatix, Groove Corporation oder Dubblestandart das Robo Bass-Treatment, was – und das muss leider konstatiert werden – ein wenig zur Masche gerät. Eingestreute Schranz-Passagen, verzerrte Basslines und Brutalo-FX fügen sich nicht sonderlich harmonisch in die vorhandenen, sehr guten Produktionen – verwandeln sie andererseits aber auch nicht in neue Kreationen. Auf mich wirkt das irgendwie halbherzig.
Markus Kammann, der schöpferische Geist hinter diesem Projekt, hat übrigens eine spannende Biografie: 1988 gründete er die legendäre Wuppertaler Beatbox und 1990 dann Groove Attack. Ich bin sehr gespannt, ob das Robo Bass HiFi Soundsystem auch so eine Erfolgsgeschichte wird.

My verdict: A hybrid sound somewhere between Major Lazer and Jungle with lots of reggae-offbeats – always changing, always surprising, always full of ideas. The second half of the album looses it’s power.
My rating: 8 (out of 10)
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earlyW~Rm: Dub Device

Dub Device

Ich bin immer wieder erstaunt, wie vielfältig das Genre Dub ist. Selbst ein Sub-Genre, müsste es der Logik nach eher ein recht beschränktes Spielfeld haben. Natürlich ist das Prinzip des Dub im Sinne eines Remix universell, doch auch in seinem engeren Sinne, als Spielform von Reggae, bringt Dub stets neue Klänge und Konzepte hervor. Schönes Beispiel dafür ist das neue Album „Dub Device“ (Renegade Media) von earlyW~Rm: obwohl stricktly Laptop-Dub, eröffnet es doch bisher unerhörte Klangwelten. Mich lässt der Sound an große, schwerfällig-träge Maschinen denken, die stoisch und unaufhaltsam ihre rhythmische Arbeit verrichten. Jeder Track wirkt wie ein kurzer Ausschnitt aus einem immer währenden, träge rollenden Beat. Ein Ausschnitt aus der Unendlichkeit. Obwohl vom Old School-Dub inspiriert, hat der Sound etwas futuristisches: Elektronische Klänge voller Erdenschwere – ein reizvoller Kontrast.
Der frühe Wurm produziert seine merkwürdig postindustriellen, retro-futuristischen – manchmal entfernt an Mad Professor erinnernden – Klänge übrigens in Toronto, wo auch Dubmatix sein Unwesen treibt. Vor exakt 10 Jahren schuf er seinen ersten Dub, nachdem er sich durch Funk, R & B, Acid Jazz, House und Drum & Bass gearbeitet hatte. Acht Jahre dauerte es, bis schließlich 2011 sein Debut-Album „Natty Droid“ erschien. Der typische earlyW~Rm-Sound war hier bereits voll entwickelt, nur die Konsequenz, mit der er ihn in Rhythms gießt, ist auf „Dub Device“ noch ausgeprägter. Ein faszinierendes Album, und ich hoffe sehr, dass wir von earlyW~Rm noch viel zu hören bekommen, bevor der frühe Vogel ihn frisst.

My verdict: Although stricktly laptop-dub, it opens up unheard worlds of sound. Each track is like a snippet from a perpetual, slow rolling beat.
My rating: 8,5 (out of 10)
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Interview

24 Questions to: Zion Train

Your name: Neil Perch
You live in: Cologne
Title of your latest album or your last EP: Dub Conference by Abassi All Stars 2013, previously State Of Mind by Zion Train 2011.

What is your definition of Dub?
Dub is psychedelic reggae … deconstructed and reinterpreted by the mixing engineer.

What is essential for a good dub?
Essential for a good dub is a good tune/ song to start with and a talented, open minded mixing engineer.

You are a pioneer of UK-produced dub. How did you get into the business?
I got into dub by being hugely affected by sound systems, mainly Jah Shaka – once I heard that, I had to make music like it.

You produce dub-music for more than 20 years now. Do you still enjoy it?
In fact I produce dub for over 25 years now and every day I remember I am one of the lucky people who earns their living with something they love and that touches other people“s hearts – so yes, I still enjoy it.

What was your biggest success and your biggest failure?
My biggest success is always avoiding categorisation. My biggest failure is not YET converting the whole of humanity into dub loving pacifists.

How has the dub-music-scene changed, since you started your business? When was the best time?
Dub music has gone international since I started in it when it was not even well known in the UK. At the same time the intenet has started and multiplied, Cds were born and since then CDs and vinyl have died so the scene has changed hugely – what remains the same is the basic positivity that always comes with Dub. The best time is yet to come … of course.

How would you describe your style of dub?
I would describe my style of Dub as open minded.

What is your process of creating a typical dub-track?
I have no typical process of producing a Dub track as I like to take a different approach everytime I work in the recording studio – I treat it as a personal challenge. However in general first a musical idea, then record it, back it up with instruments,  sonic texture and arangements, then deconstruct into dub using the chosen method of the day.

What do you like best about dub-music?
I like the mental space Dub music provides – a universal language with no need for words.

What are your personal top 5 dub albums?
Israel Vibration: Israel Dub
Aswad: New Chapter Of Dub
King Tubby: Dub Jackpot
Burning Spear: Living Dub
Creation Rebel: Starship Africa

Who is the greatest dub artist of all time for you?
King Tubby is the greatest Dub artist of all time for me.

And who is the currently most interesting dub artist?
Radikal Guru (PL) and Gentlemans Dub Club (UK).

What is the musically most interesting decade for you? Why?
Musically most interesting decade 68-78 due to the technology explosion, the political and social changes that rocked the worked at the time.

What is your current favorite album?
Revolver by the Beatles.

What is your opinion on dubstep?
Dubstep is an interesting musical phenomenom with an occassional good tune – but like most musical explosions, it is 95% rubbish.

Are you able to earn a living with your music?
I have earnt my living for 25 years solely through music.

What is your particular strength?
Discipline, honour and respect.

What do you enjoy most about what you are doing?
The thing I enjoy most about what I do is FREEDOM – particularly the freedom of self expression.

When not tinkering with dubs, what do you prefer to do?
When not tinkering with Dubs I prefer to tinker with my dog.

Is there something you still want to achieve? A big goal?
I still need to achieve converting the world into pacifist Dub lovers – so I will stick to that task.

Where and how do you see yourself 10 years from now?
I guess I will be right here on planet earth still try to achieve converting the world into pacifist Dub lovers.

If you could choose the one most essential track from your oeuvre, which one would it be?
I never listen to my own music outside of the studio or performance, many of my tracks are important for personal reasons but I hope  never have to choose an essential track.

How do you see the future of Dub?
The future of Dub, is more global spread, more diverse influences, more people diluting it, stealing the essence and making money from it but hopefully more peace and love through the spread of this good vibes sound and attitude.

If time and money wouldn’t count: What project would you like to start?
I would deweaponise the globe and feed every hungry mouth there is.

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Sattatree: Human Legalization

Sattatree

Es ist heutzutage schon eine ziemliche Seltenheit, dass ein Album seine Dub-Version gleich mitbringt. Sattatrees neues Werk „Human Legalization“, das als Doppel-CD erscheint, hat den Dub-Mix direkt mit im Digipack. Ein Blick auf das Label-Logo lässt erahnen, woher die Liebe zum Dub rührt: One Drop – es ist das Label von Aldubb, der das Album aufgenommen und gemixt hat. Logischerweise stammen auch die Dubs aus seiner Feder. Und logischerweise sind Sound und Dub-Mix superb: Schön Old-School, dennoch druckvoll und in klassischer Manier gemixt. Da gibt‘s nix zu meckern – wenn da nicht der Live-Sound der Band wäre. Vielleicht bin ich zu dogmatisch, aber von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen (wie z. B. Dub Syndicates „Pounding System“, Dub Trio, Trance Hill & Umberto Echo), darf Dub nicht live gespielt klingen. Was In der Vocal-Version absolut stimmig ist, führt als Dub bei mir zu Irritationen. Dub als reine Studiomusik muss tight, pur und direkt klingen. Der „luftige“ Sound einer Bühne passt mir da einfach nicht ins Konzept. Erschwerend kommt hinzu, dass die Sattatree-Backings alleine, ohne den Gesang, nicht genug Standing haben. Die Rhythms sind gut, solange sie einer Gesangsstimme dienen. Auf sich alleine gestellt, fehlt ihnen jedoch die Kraft und vielleicht auch die kompositorische Raffinesse. Da ein Dub sich auf das Wesentliche beschränkt, so müssen die wenigen Elemente, aus denen er besteht, besonders stark sein. 90 Prozent der Backings, die im Mainstream-Reggae Einsatz finden, sind für Dubs ungeeignet – so meine (gewagte) These. Womit vielleicht auch erklärt wäre, warum moderner Dub heute nur noch selten das Derivat eines Reggae-Songs ist. Ein Dub ist ein Dub – und zwar von Anfang an. Deshalb fasse ich mal kühn zusammen: „Human Legalizaion“ mag ein gutes Vocal-Album sein, ein gutes Dub-Album ist es leider nicht.

My verdict: Good dub-mixes, but I don’t like the live-atmosphere of the sound. The rhythms are also a bit weak.
My rating: 5,5 (out of 10)
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Dreadzone: Escapades

Escapades

Als ich Dreadzone Anfang der 1990er Jahren zum ersten Mal hörte, war es so etwas wie ein Erweckungserlebnis für mich. Dub wies hier erstmals deutlich über den Horizont des Genres hinaus. Dreadzone fusionierten Reggae, Dub, Elektronik und das, was damals „Leftfield“ genannt wurde, zu einem ungemein harmonischen Ganzen, dem typischen Dreadzone-Sound, der gänzlich neu und aufregend war. Folgerichtig ließ die Band den Reggae-Kontext schnell hinter sich, unterschrieb bei Virgin Records und verzeichnete 1996 mit „Little Britain“ sogar einen veritablen UK-Charts-Hit. Wahrscheinlich war kaum einem der damaligen Käufer klar, dass er eine Dub-Platte erwarb. Zu sehr war die Dub-DNA verborgen unter vielschichtigen Rhythmen, genrefremden Melodien (die eher an Folk, denn an Reggae denken ließen) und ungewöhnlichen Instrumentierungen. Nun, 20 Jahre nach Gründung der Band, und 17 Jahre nach „Little Britain“ erscheint das neue Album der Briten: „Escapades“ (Dubwiser Records). Inzwischen ist der Dreadzone-Sound, an dem die Band um Greg Roberts und Leo Williams unbeirrt fest hält, längst nicht mehr so spannend wie vor 20 Jahren. Zudem ist in der Hälfte der Stücke des neuen Albums die bisher so wohl gehütete Dub-DNA verloren gegangen. Sie musste Pop- und Rock-Genen weichen, aus denen ein paar ziemlich kommerziell anmutende Tracks (z. B. „Too Late“, Feat. Mick Jones) hervorgegangen sind. Schlimm! – Aber da wäre ja noch die andere Hälfte von „Escapades“, immerhin fünf Stücke, die bewahrt haben, wofür Dreadzone zwei Dekaden lang stand. Genannt seien hier die Songs „Rise Up“ oder „Next Generation“, beide mit Vocals von Earl 16. Auch wenn der Sound in den 90ern stecken geblieben scheint („Next Generation“ könnte auf dem Album „Second Light“ von 1996 veröffentlicht worden sein), so handelt es sich doch um gut gemachte Songs mit starken Melodien, ordentlich Reggae-Offbeat und dem klassischen Dreadzone-Dub-Feel. Was gibt‘s daran auszusetzen? Das Problem liegt wahrscheinlich weniger bei Dreadzone, als bei mir, dem ehemaligen Dreadzone-Verehrer, der dem neuen Album mit zu hohen Erwartungen begegnet. Wäre Dreadzone seinerzeit nicht so wahnsinnig „Avantgarde“ gewesen, dann würde es mich jetzt nicht so schmerzen zu erkennen, dass sie mit ihrer aktuellen Musik der Zeit hoffnungslos hinterher hinken. Es ist nicht fair, aber Dreadzone bewerte ich mit sehr hohem Maßstab. Wie sonst sollten wahre Innovatoren gemessen werde? Und hier ist Dreadzone vom Giganten zum Zwerg geschrumpft. Leider.

My verdict: Half of the album isn’t dub anymore. The other half is quite good, but doesn’t satisfy my super high expectations. Dreadzone seems to be stuck in the 90ies.
My rating: 5 (out of 10)
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Abassi All Stars: Dub Conference

Dub Conference

Dub ist ja bekanntermaßen die Mutter aller Remixe. Auf die Idee, den Remix zu remixen, kamen vor Neil Perch schon andere, doch der UK-Dub-Pionier setzt diese Idee mit seiner seit 2009 laufenden Reihe „Abassi All Stars Meet …“ bisher am schönsten um. Die Reihe besteht aus inzwischen elf 7“-Singles aus farbigem Vinyl, die jeweils zwei Dub-Versionen eines Rhythms präsentieren: auf der einen Seite die Version von Neil Perch, auf der anderen die eines befreundeten Dub-Produzenten. Nun liegen die elf A-Seiten mit den Versionen von Neil schön handlich gebündelt in Form des neuen Albums der Abassi All Stars vor: „Dub Conference“ (Universal Egg). Die spannende Möglichkeit, zwei Versionen eines Dubs miteinander vergleichen zu können, besteht in dieser Form zwar leider nicht mehr, aber die hier versammelten elf Tracks sind so gut, dass es schade wäre, aus Platzgründen nur die Hälfte von ihnen hören zu können (eigentlich wäre ein Dub-Doppelalbum hier perfekt gewesen). Ich bin von der Dub Conference, die Neil Perch hier mit seinem Alter Ego, den Abassi All Stars, abhält, ziemlich begeistert. Alle Tracks basieren auf kraftvollen, abwechslungsreichen und sehr schön melodischen Produktionen, die Neil entweder im Alleingang oder als Co-Produktion realisiert hat. Bereits der erste Track, „New World Dub“, der zusammen mit den Vibronics entstanden ist, gibt mit seiner melodiösen, geradezu hüpfenden Bassline die Marschrichtung Soundsystem vor. „Acropolis Dub“ schließt nahtlos an und protzt mit einem beeindruckenden, an Dubstep gemahnenden, verzerrten Bass. „Solar System Dub“ lässt mich mit seinem extrem akzentuierten Offbeat und den Elektro-Anklängen unweigerlich an frühe Zion Train-Produktionen denken. Ebenso der Track „African Pressure“, in dem die House-Elemente noch präsenter sind. Auch „Better Collie“ zählt zu meinen Favoriten: Zu einem heftigen Steppers-Beat mit wobbelnder Bassline erläutert Longfingah wortreich die Vorzüge guten Ganjas, bevor der Tune in einen beeindruckenden Dub durchstartet. Obwohl alle Tracks nah am UK-Steppers gebaut sind, vermeiden sie ausgetretene Pfade und glänzen statt dessen mit Ideenreichtum und starken Kompositionen. Gutes Sound System-Material, das auch zuhause funktioniert – sofern die Lautsprecherboxen groß genug sind!

My verdict: Strong dubs, great compositions. Made for soundsystems but avoids the UK-steppers cliché.
My rating: 7,5 (out of 10)
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Interview

20 Fragen an: The Dubvisionist

Dein Name: Felix Wolter
Du lebst in: Hannover
Titel deines letzten Albums oder deiner letzten EP: „Dubvision III“, eine Album Compilation mit Dubtunes (eigenes und Material von Freunden), aus meinem Studio M7.
TVS – „Lovin Peace“ EP, mein Steppas Projekt

Was ist deine Definition von Dub? 
Es einfach mal „anders“ machen. Das Wundern und Verblüffen kultivieren. Aufbrechen von Hörgewohnheiten und Neubewertung von Ausgangsmaterial.

Was ist bei einem guten Dub unverzichtbar?
Die Grundatmosphäre.

Was unterscheidet einen guten von einem schlechten Dub?
Der Gute basiert auf Vibes, der Schlechte nur auf Technik.

Wie würdest du deinen Dub-Stil beschreiben?
Als Dubvisionist gehe ich „klassisch“ zu Werke. Ein Dub hat ein Original, im günstigsten Fall wohl bekannt. Dann machen neue Arrangements am Mischpult und das „Sichtbarmachen“ von Sub-tracks dem bewussten Hörgenuss nach Sinn.
Bei TVS arbeite ich anders. Hier entstehen elektronisch interpretierte Beats gleich als Atmosphäre auf denen man mit weiteren Elementen experimentieren kann. Interessant finde ich die Reibung zwischen elektronischen Sounds und Roots-Einflüssen.
Daneben arbeite ich noch an 2 artverwandten Downtempoprojekten, PFL und Chin Chillaz. Hier fließen noch weitere musikalische Essenzen mit ein. In diesem Fall funktioniert Dub als Schmelztiegel, der verschiedene Styles zu einem Neuen verbindet.

Wie sieht der Entstehungsprozess eines typischen Dub-Tracks von dir aus?
Trax durchlaufen verschiedene Stadien bei mir. Ich sammle Ideen in einem „backing pool“. Wenn ich das Gespür für den Song bekomme geht’s weiter. Jemand voiced den Song oder spielt Instrumental Overdubs drauf. Irgendwann ist der Track ein Song und/oder ein Dub. Dabei hetze ich nicht. Ich gebe dem Material soviel Zeit wie es benötigt.

Wann bist du mit einem von dir produzierten Dub zufrieden?
Wenn er fertig ist und ich weiß wo er Verwendung findet.

Was sind deine persönlichen Dub-Top 5-Alben?
Aswad: New Chapter Of Dub
Keith Hudson: Pic A Dub
King Tubbys: Meets Rockers Uptown
Scientist: Meets The Space Invaders
African Head Charge: My Life In A Hole In The Ground

Wer ist für dich der größte Dub-Artist aller Zeiten?
King Tubby produzierte einen wirklich einmaligen Sound. Durch seine Technikkenntnisse konnte er die Belastbarkeit der Geräte noch mal ganz anders ausloten als andere. Er hatte Geräte zum Teil selbst gebaut oder modifiziert. Das ergab ein Alleinstellungsmerkmal im Sound, das ihm ja auch den Titel „King“ einbrachte.

Und wer ist der aktuell interessanteste Dub-Artist?
Mad Professor finde ich sehr cool. Ein Album The Roots of Dubstep zu nennen und dann „wie immer“ britischen Roots Dub abzuliefern finde ich großartig. Aber diesen Humor verstehen nicht alle. Egal – für seine Interpretation von Money auf der Dubber Side of the Moon (Remixalbum von den Easy Star Allstars) kann ich ihn fett abfeiern. Da geht er so frech und anarchistisch zu Werke. Das hatte mich mal wieder echt beeindruckt.

Was ist für dich die musikalisch interessanteste Dekade? Warum?
Es gibt in allen Dekaden gute Musik. An den 70ern liebe ich natürlich den ursprünglichen Roots Reggae aus Jamaica. Die 80er stehen bei mir für Einflüsse aus UK, z.B. die Überlappungen von Dub und Punk. In den 90ern kam dann der UK Steppas und ab 2K ging es bei mir weiter mit Downtempo Dub.

Was ist dein aktuelles Lieblingsalbum?
Kiddus I: Topsy Turvy World. Ein sehr schönes Album, würde ich gerne mal was von dubben.

In welcher Form kaufst du deine Musik: Vinyl, CD, Download, Abo? Warum?
Gute Musik findet mich zum Glück immer  – egal in welcher Form.

Gelingt es dir, mit Musik deinen Lebensunterhalt zu bestreiten?
Ja, so ähnlich wie bei den Kollegen. Von meinen Dubproduktionen allein kann ich nicht alle Rechnungen bezahlen. Aber ich verdiene mit Musik meinen Lebensunterhalt. Zusätzlich zum Studio und Produktionen betreibe ich noch mit einem Freund das Digital Label „Time Tools Recordings“. Dort bin ich für das Sublabel „Perkussion & Elektronik“ zuständig, auf dem ich viele meiner Projekte veröffentliche. Daneben mach ich auch Remixe und Dubs für andere Artists. Z.Z. arbeite ich an der Licht- & Klanginstallation „Seelewaschen“, die hier in Hannover im Maschpark vom 15.6. bis 15.7. stattfindet. Das ist Ambientsound im urbanen Lebensraum. Bei diesem Projekt liegt die Gemeinsamkeit zum Dub auf dem Schwerpunkt der Entschleunigung.

Mit welchem Artist würdest du gerne einmal zusammen arbeiten?
Ich freue mich auf meinen nächsten Remix für die Kollegen von den Senior Allstars, die Sarah Winton (u.a. Sängerin von Nightmares On Wax) für die Vocals eines Trax gewinnen konnten. Sarah hatte schon mal Titel von Chin Chillaz gevoiced. Ich liebe ihre engelhafte Art zu singen und bin sehr gespannt auf ihren Beitrag.

Was ist deine besondere Stärke?
Meine Schwäche für Musik.

Was macht dir an deinem Job am meisten Spaß?
Dass er mein Job ist.

Wovor graust es dir im Studio?
Demos. Ich hasse Demos und mache seit 30 Jahren keine mehr. Nichts hasse ich mehr, als einer bereits im Demo ausdefinierten Idee hinterher jagen zu müssen. Sie soll denn natürlich genauso ausdruckstark und spontan klingen, nur aber eben „in einem besseren Sound Format“. Rubbish – klappt nie wirklich überzeugend. Der Moment macht die Musik, nicht die Technik.

Wenn du gerade nicht an Dubs schraubst, was machst du dann am liebsten?
Kochen. Der Herd ist wie ein Mischpult und ein gutes Essen wie ein guter Dub.

Wie ist der aktuelle Gesundheitszustand von Dub?
Aus meiner Sicht ganz gut. Wir betreiben hier in Hannover seit ungefähr 3 Jahren 4 mal jährlich den „Liberation Skank“ Das ist ein Roots & Dub Dance mit Sounds & Members aus Hannover und Berlin wie Cham Panda, Chris Re-Ignation, Sandokan Intl., Tobi Dread und TVS/Dubvisonist. Alle Parties sind immer gut besucht. Wir spielen Roots Dub und British UK Steppers für ein wirklich interessiertes junges Publikum.

Wie siehst du die Zukunft von Dub?
Das „Liberation Skank“ Kollektiv macht Parties in einem Umfeld, das Wert auf Bewusstheit legt. Die Devise lautet: No slackness, pure vibes. Feiern mit Respekt, ohne Homophobie und Sexismus. Das finde ich klasse und mal wirklich modern.