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Evolution of Dub, Volume 8: The Search for New Life

Evolution of Dub 8

Hoppla, damit hatte ich nicht gerechnet: Im fünften Jahr ihres Bestehens, überschreitet die Evolution of Dub-Serie endlich die Zeitenwende zum digitalen Reggae. Nachdem die zuvor erschienenen sieben CD-Boxen weitestgehend in den 1970er Jahren feststeckten, steigt Evolution of Dub, Vol. 8 (Greensleeves/VP) in die Mitte der 1980er Jahre ein und spannt den Bogen bis fast in die Gegenwart. „The Search for New Life“ lautet der Untertitel der aktuellen Box und kommentiert damit den Niedergang des jamaikanischen Dubs seit Ende der 1970er Jahre fast schon zynisch. Ohne große Mühe gelang es den Dub-Kuratoren im Hause Greensleeves/VP die bisher in der Evolution-Serie erschienenen 28 Album-Rereleases allein mit Material der 1970er Jahre zu füllen. Die folgenden 30 Jahre passen nun spielend in eine 4-CD-Box – zumindest wenn die Evolutionsgeschichte auf in Jamaika produzierten Dub beschränkt bleibt. Über die Gründe, warum Dub in Jamaika so dramatisch an Beliebtheit einbüßte, während er zuerst in England und später in der ganzen Welt immer populärer wurde, darf spekuliert werden. Nicht selten ist als Erklärung zu hören, dass der Reggae-Sound des digitalen Zeitalters keine gute Grundlage für Dubs sei: zu reduziert, zu perkussiv, zu schnell. Mal sehen, ob da etwas Wahres dran ist.

Comuterised Dub

Bereits im Jahr Eins nach Sleng Teng hat Prince Jammy himself gezeigt, dass digitale Rhythms und Dub kein grundsätzlicher Widerspruch sein müssen: Computerised Dub, das erste digitale Dub-Album der Reggae-Geschichte, sorgte 1986 für Furore und wurde deshalb aus gutem Grund für die vorliegende CD-Box ausgewählt. Es enthält Dubs von zehn digital produzierten Rhythms der damaligen Pioniere des neuen Sounds: Steelie & Cleevie. Star dieses Albums ist allerdings weniger der Dub-Mix als vielmehr dieser unsägliche und doch geniale 8-Bit-Sound, den die beiden Musiker ihren Billig-Keybords entlockten und zu synthetisch-schönen Reggae-Beats formten. Jahtari hält das Erbe dieses Sounds bis heute wach. Auf „Computerised Dub“ ist das Original zu hören.

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Wenige Jahre später hatte Gussie Clarke in seinem Music Works-Studio den digitalen Sound des Reggae zu einem clean-polierten, ziemlich kühlen, aber auch vergleichsweise komplexen, Sound weiterentwickelt. Mitglied des Music Works-Teams war Mikey Bennet, der Anfang der 1990er Jahre zusammen mit Patrick Lindsay das Two Friends-Label gründete und im Music Works-Studio Aufnahmen für Cocoa Tea, Brian & Tony Gold, Gregory Isaacs und Shabba Ranks produzierte. Aus dieser Zeit stammt das zweite Album der Box: Voyage Into Dub, das den typischen Music Works-Sound in Reinkultur bietet – und damit unfreiwillig die Frage beantwortet, warum Dub im digitalen Zeitalter auf Jamaika keine Rolle mehr spielte: Die digitalen Rhythms, wie wir sie hier hören, widerstreben auf natürlich Weise dem Dub-Treatment. Statt des offenen, langsamen, klar strukturierten Rhythmus des Roots Reggae, zeichnen sich die digitalen Produktionen eher durch Überfrachtung, Betonung perkussiver Strukturen sowie schneller Polyrhytmik aus und wirken dadurch oft kompliziert. Auch spielte die für Dub so entscheidende Bassline eine zunehmend geringere Rolle (bis sie schließlich im Dancehall-Sound vollständig verschwand). Daher ist „Voyage Into Dub“ zwar ein interessantes Zeitdokument, aber kein gutes Dub-Album.

Juke Box Dub

Mit dem nächsten Album macht die Box einen großen Sprung in das 21. Jahrhundert: Juke Boxx Dub vom Produzenten Shane Brown. Es präsentiert u. a. Dub-Versions von Chuck Fendas „Freedom of Speech“, Romain Virgos „Can’t Sleep“ und Morgan Heritages „Brooklyn & Jamaica“. Die Aufnahmen sind dem klassischen Reggae verpflichtet, wahrscheinlich handgespielt, und bauen auf dem guten, alten Fundament von Drum & Bass auf. Die perfekte Basis also für ein Dub-Reworking. Und in der Tat: hier haben wir das erste gute Dub-Album der Box. Es folgt dem Vorbild des jamaikanischen 70ies-Dub, nutzt die gleichen Techniken und kreiert einen vergleichbaren, super-klassischen Sound. Erstaunlicherweise greifen jamaikanische Produzenten jedoch bis heute keinerlei Einflüsse internationaler Dub-Produktionen auf, die den Blick über das Seventies-Vorbild hinaus führen könnten. Steppers, Dubstep oder Crossover-Experimente scheinen tabu, obwohl sie eigentlich eine fantastische Inspirationsquelle wären.

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Das letzte Album der Box hat mich wirklich überrascht, obwohl es eigentlich ganz folgerichtig ist, die „Evolution of Dub“-Serie damit zu beschließen: Dub Clash von Alborosie. Komplett analog mit historischem Studio-Equipment produziert, schließt es dort an, wo Dub in den 1970ern angefangen hat. Nicht ohne Grund hat Alborosie das Album King Tubby gewidmet und rekuriert auf klassische Riddims wie „Full Up“, „Bobby Babylon“ oder „“When I Fall in Love“. Ein absolut superbes Album – und, obwohl ich höchsten Respekt vor den alten Meistern habe, muss ich sagen: das beste Album der ganzen „Evolution of Dub“.
Rating 3 Stars

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Five Star Review

AudioArt: Op’ra Dub Style

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Ich liebe ganz orthodoxen, super-klassischen Steppers Dub: repetitiv, stoisch, körperbetont. Noch mehr aber liebe ich das Experiment: mutig, unkonventionell, schräg. Insbesondere dann, wenn Klänge unterschiedlicher Welten zueinander finden und etwas Neues, Ungehörtes erschaffen. Je ungewöhnlicher, je schräger die Fusion, desto spannender: Dub und arabische Musik, Dub und Balkan-Pop, Dub und schwedische Volkslieder – nur um ein paar aktuelle Beispiele anzuführen: allesamt großartige Kombinationen. Doch wie sieht es mit Dub und klassischer Musik aus? Kann das gehen, oder ist das doch zu abwegig? Matthias Arfmann unternahm 2006 mit Deutsche Grammophon Remixed einen ersten Versuch in diese Richtung, als er alte Karajan-Aufnahmen einem amtlichen Dub-Treatment unterzog. Was mich damals übrigens hellauf begeisterte (eine Begeisterung, die allerdings kaum jemand mit mir teilen wollte). Nun ein zweiter Vorstoß zur Integration des vermeintlich Unvereinbaren: Opra Dub Style von AudioArt (One Drop/Irie Ites). Der Name lässt es vermuten: Dub trifft auf Oper – und zwar verkörpert durch den klassischen Operntenor Uly E. Neuens auf der einen und einige superbe Dub-Produzenten (TVS, Dub Spencer & Trance Hill, Aldubb, Dubmatix, Dubble Dubble (Braintheft) und Tune In Crew) auf der anderen Seite. Das Ergebnis dieses Clashs ist – tja, wie soll ich es differenziert ausdrücken? – schlicht und ergreifend: genial! Es macht richtig Spaß diesem verrückten Experiment zuzuhören und festzustellen, dass Operngesang, klassisch anmutende Kompositionen (die aber alle exklusiv für dieses Album entstanden sind) und heavy duty Dub-Music kongenial zusammen klingen, als seien sie seit je her füreinander bestimmt. Diese scheinbare Selbstverständlichkeit des gar nicht selbstverständlichen wird einerseits dadurch erreicht, dass Dub-Track und Gesang stets fein aufeinander abgestimmt sind, und dass andererseits der Operngesang mehr Melodie als Wort ist. So fügt er sich – fast wie ein Instrument – nahtlos und harmonisch in das Arrangement des Dub ein. Nicht ganz unerheblich mag auch die Tatsache sein, dass Uly E. Neuens – klassisch ausgebildeter Opern-Tenor, der auf allen wichtigen Opernbühnen Frankreichs zuhause ist – sich schon seit vielen Jahren für Reggae begeistert. So verfügt er über ein gutes Gespür für die Musik beider Welten. Sieben Tracks hat er für das Album eingesungen, weitere vier bieten Remixes der Aufnahmen und zwei Tracks gibt es als Bonus oben drauf. Der letzte ist eine Produktion von Aldubb mit Ulys Interpretation der „Ode an die Freude“. Das trifft es – wie ich finde – ziemlich gut.
Rating 5 Stars

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Five Star Review

Restless Mashaits: Goulet Sessions 2003 – 20013

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Bei der Recherche zu manchen Dub-Acts komme ich mir vor, wie ein investigativer Journalist. Jedem Bit an Informationen, das ich aus dem Netz ziehe, geht ein gewundener Klickpfad über obskurste Seiten voraus. Manche Dubheads scheinen solch introvertierte Nerds zu sein, dass ihnen so etwas wie Selfmarketing einfach nicht in den Sinn kommt. Die Restless Mashaits gehören zweifellos dazu: Website under Construction, bei Facebook werden nur Fotos gepostet und bei Soundcloud natürlich keine Artist-Info. Soviel ist klar: hinter den  ruhelosen Mashaits stecken Bassist und Perkussionist Stuff und Keyboarder Jill, zwei Dub-Addicts aus Genf, die seit den frühen 1990er Jahren Reggae und Dub produzieren. Die erste Dekade ihres Schaffens ist auf dem Album Kingston-Sessions 1992 – 2002 dokumentiert. Nun legen sie mit den Goulet Sessions 2003 – 2013 (Addis Records) Zeugnis über die letzten zehn Jahre ab. Während sie die Kingston Sessions (mit vorproduzierten Rhythms) in Jamaika fertig stellten, deuten die Goulet Sessions auf einen geheimen Ort in Europa hin. Laut einer auf Facebook geposteten Information waren Dean Fraser, Jonah Dan, Stepper, Deadly Headly und Scully daran beteiligt. So weit die Fakten. Kommen wir zur Verkostung: Das Album beginnt mit einem grandiosen Instrumental, das von Bläsern getrieben die Session mit enormer Dynamik eröffnet. Der darauf folgende Dub macht klar, dass die beiden Schweizer auch nach zwanzig Jahren an den Reglern alles andere als altersmilde geworden sind. Bestimmt, stetig, druckvoll aber nicht brutal oder auf den schnellen Effekt hin entwickeln sie ihre Dubs. Alles ist fein austariert, die Basslines sanft aber gewaltig, die Arrangements zurückhaltend aber inspiriert, der Mix ohne selbstgefällige Effekte, aber sehr solide. Das klingt unentschieden? Keineswegs! Der Track Ghetto Blues könnte die akustische Definition von „kompromisslos“ sein: Eine dermaßen stoische Bassline, ein so konsequent auf Repetition ausgelegtes Arrangement und ein so beseelter, klassischer Dub-Mix sind mir selten untergekommen. Dazu fantastische Bläsersätze und feine Bläser-Soli – hier passt einfach alles. Und wir sind erst bei Track 4! Es folgen weitere 7 Tracks, die dem Auftakt in nichts nachstehen. Ein superbes Dub-Album, das in mir schon die Lust auf die Sessions 2014 – 2024 weckt.
Rating 5 Stars

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Review

Alborosie: Dub the System

Dub the System

Das musste ja so kommen: Alborosie ist so dermaßen ein in der Wolle gefärbter Old-School-Fanatiker, dass es für ihn geradezu Pflicht ist, einem Vocal-Album die Dub-Version folgen zu lassen. So hat man es schon in den 1970er Jahren gemacht, und so ist es auch 2013 gut. Also, her mit der Scheibe – die natürlich aus schwerem, schwarzen Vinyl besteht: „Dub the System“, dem Dub-Reworking des vor wenigen Monaten erschienenen Albums Sound the System (Greensleeves). Den alten Thorens hervor gekramt und die Nadel in die Rille. Tatsächlich! Musik – physisch und analog. Und was da aus den Lautsprechern schallt, passt perfekt zu dem fast vergessenen Vinyl-Ritual: nämlich klassische, analog gemixte und durch historisches Studioequipment veredelte Dubs. Keine neumodischen Spielereien, kein Dubstep, kein Steppers, keine digitale Elektronik – nur ein Man und sein Mischpult. Pupa Albo ist der Alleinunterhalter auf dieser Reise in die Sphären des originalen, jamaikanischen Dub. Es ist seine Musik durch und durch, denn er spielte nicht nur nahezu alle Instrumente selbst, sondern war auch recording engineer und natürlich auch Dub-Mixer (lediglich das Mastering überließ er Kevin Metcalfe in London). Wenn Alborosie an den Reglern sitzt, dann ist es keine Frage, wohin die Reise geht: Schon die ersten Takte – unverkennbarer Sly & Robbie-Sound – machen klar: das Album ist in jeder Note eine Huldigung an den Roots-Sound der späten 1970er Jahre, analog aufgenommen und durchweg handgespielt. Hall, Echo und das Ab- und Anschalten von Tonspuren sind hier die einzig erlaubten Effekte. Ein puristisches Setting, das allerdings schon einiger Ideen bedarf, um mehr als nur die bloße Reinkarnation des 70ies-Dub zu sein. Mehr sein bedeutet: ein Dub-Album, das der Tradition verpflichtet ist, aber unsere von 40 Jahren Dub-Erfahrung geprägte Hörgewohnheiten trotzdem zu überraschen vermag. Ist dem Sizilianer dieses Kunststück geglückt? Ich bin da nicht so sicher. Die Rhythms sind gut („Guess Who’s Comming to Dinner“ und „Zion Train“ sind darunter), die Kompositionen sind gut, die Arrangements sind auch gut und letztlich ist auch das Dub-Mixing nicht schlecht. Aber andererseits fehlt da noch etwas, um mich wirklich glücklich zu machen. Wenn das Wesen des Dub wirklich darin besteht, einen Track vollständig in seine Bestandteile zu zerlegen und zu seinem Kern, bestehend aus purem Drum & Bass, vorzudringen, um den Dub von dieser Basis aus neu aufzubauen, dann ist Alborosie nur die Hälfte des Weges gegangen. Dub the System könnte mehr Konsequenz vertragen. Nach meinem Geschmack, dürften die Dubs deutlich radikaler sein. Vielleicht scheute sich der Entertainer, der Pupa Albo zweifellos ist, sein Publikum herauszufordern, ihm die Harmonien und üppigen Arrangements zu verweigern und den unbekümmerten Spaß durch Faszination zu ersetzen. Vielleicht liebt er seine Musik aber auch zu sehr, um sie brutal zu beschneiden und umzubauen. Der Mut zu Destruktion hat ihm gefehlt – was bahnbrechende Dubs leider unmöglich macht, aber irgendwie trotzdem sympathisch ist.
Rating 4 Stars

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Charts

Meine Dub Top 10 des Jahres 2013

1. Dubmatix: Rebel Massive
2. earlyW~Rm: Dub Device
3. King Size Dub: Germany Downtown, Chapter 2
4. Lendublikation: Insane Dub Trips
5. Jazzmin Tutum: Share the Flame
6. Umberto Echo: Elevator Dubs
7. Abassi All Stars: Dub Conference
8. The Breadwinners: Dubs Unlimited
9. Various: Sound ‘n’ Pressure Story
10. Dreadsquad: The Riddim Machine Versions

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Five Star Review

Tomas Hegert: Dub på Svenska

dub pa svenska

1964 erschien das heute legendäre Jazz-Album Jazz på Svenska (Jazz auf schwedisch). Auf ihm interpretierte der Pianist Jan Johansson alte schwedische Volkslieder als Jazz-Instrumentals. Es war ein in Schweden bahnbrechendes Album, das sich über eine Million mal verkaufte und die Entwicklung des skandinavischen Jazz stark beeinflusste. In einer dunklen Winternacht, 46 Jahre später, beschloss ein anderer schwedischer Musiker, Tomas Hegert, wahrscheinlich inspiriert vom minimalistischen, nur aus Klavier und einem tiefen, ruhigen akustischen Bass bestehenden Sound des Original-Albums, ein neues musikalisches Projekt zu starten: Jazz på Svenska in Dub! Nun liegt das Ergebnis als Download-Album vor und trägt den stolzen Titel Dub på Svenska. Es ist mit Abstand das spannendste und zugleich schönste Dub-Album, das mir in den letzten Monaten untergekommen ist. Kongenial setzt Hegert den warmen Sound von Johansson in fein arrangierte und zugleich kraftvoll-dynamische Dub-Beats um, die nicht selten von eher untypischen Instrumenten wie z. B. einer akustischen Gitarre bereichert werden. Die melancholisch-schönen Melodien der alten Volkslieder, von Johansson einst ausschließlich auf dem Klavier interpretierte, erklingen nun, von Instrumenten wie Xylophon, Akkordeon, Posaune, Melodika oder Geige gespielt, fast schwebend über dem erdenschweren Sound von Drum & Bass. Was in der Beschreibung ziemlich schräg klingt, ist in Wirklichkeit die perfekte Kombination zweier vermeintlicher Gegensätze: wie z. B. Schokolade und Chili – die Synästhesie zweier Welten. Einen ähnlichen Ansatz pflegen übrigens Hey-O-Hansen, mit ihrer Kombination tiroleser Bergmusik und Dub. Auch die Twinkel Brothers Inna Polish Stylee kommen mir in den Sinn oder Mahala Rai Banda mit ihrem Balkan Reggae. Auch wenn Puristen die Nase rümpfen, ich glaube, dass Dub genau dafür gemacht wurde: das Experiment zu wagen.
Rating 5 Stars

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Interview

Interview: Dubmatix

Man muss sich an einen neuen Gedanken gewöhnen: der beste Dub und Dub-orientierte Reggae kommt nicht länger aus England oder Frankreich (auch nicht aus Deutschland oder gar Jamaika). Er kommt aus: Kanada! Denn dort sitzt der zur Zeit fleißigste, talentierteste und wohl auch cleverste Produzent des Genres: Dubmatix. Er ist nicht nur ein Studiovirtuose par excellence, sondern auch ein unglaublich reflektierter Künstler und Perfektionist, der mit seinem untrüglichen Gespür für den ultimativen Groove Produktionen raushaut, die den gegenwärtigen State of the Art des Genres definieren. When music hits, you feel no pain – zum Glück, kann man nur sagen, denn die Rhythms von Dubmatix schlagen mit unbändiger Kraft zu. Doch diese Kraft erwächst nicht aus Bass und noch mehr Bass, sondern ist das Ergebnis eines feinst ausgeklügelten Arrangements und perfekt sitzenden Timings, das jedes einzelne Element der Musik zur höchsten Wirkungsentfaltung bringt. Vor 10 Jahren hat dieser studierte Musiker die Arbeit aufgenommen und seither 6 brillante Alben produziert (Dub und Vocal). Nun verrät er, wie seine Musik entsteht und was ihre besondere Qualität ausmacht.

Was ist deine Definition von Dub?
Space! Raum, experimentieren und Freiheit. Im Zentrum von Dub stehen Drum & Bass. Sie bilden das Fundament. Der Song, die Instrumentierung, die Effekte und das Arrangement dienen lediglich dazu, dieses Fundament zu stärken. Dub ist eines der wenigen Musikgenres, die nahezu unbegrenzte Freiheit bieten – alles ist möglich. Für mich ist Dub die höchste Form des musikalischen Ausdrucks. Es gibt keine festen Regeln.

Dein Vater ist ein recht bekannter Jazz-Musiker. Hat er deine musikalische Entwicklung beeinflusst?
Mein Vater spielte Blues, Funk, Rock, Jazz – einfach alles, und wir hatten stets Bands bei uns zu Hause, mit denen mein Vater probte. Außerdem durfte ich bereits als kleines Kind bei Tourneen mitfahren und habe auch viel Zeit im Studio verbracht. Meine Eltern waren auch Reggae-Fans und hörten schon den jungen Bob Marley. Mein Vater spielte während der frühen 70er Jahre in einer der ersten Reggae-Bands in Toronto. Im Laufe der Jahre hat mich das alles stark beeinflusst: die Plattensammlung meines Vaters, die Musik, die er selbst spielte – und natürlich auch die Ermutigung meiner Eltern, ein Instrument zu lernen und jede Art von Musik auszuprobieren. Das alles schuf den Kern dessen, was ich heute in musikalischer Hinsicht bin.

Du hast ein abgeschlossenes Musikstudium. Wie wirkt sich die akademische Ausbildung auf Deine Musik aus?
Ich habe bereits als kleines Kind angefangen Schlagzeug zu spielen. Mit 11 Jahren bot man mir die Möglichkeit, ein zweites Instrument zu lernen: Tuba oder Bass. Es war eine leichte Wahl – ich entschied mich ohne zu zögern für den Bass. Also habe ich die nächsten 7 Jahre gelernt, Kontrabass zu spielen. Ich lernte Musik zu lesen, Musik zu interpretieren und als Teil eines Ensembles zu spielen. Es war eine fantastische Erfahrung. Zeitgleich lernte ich auch Klavierspielen und nahm Jazz-Gitarren-Stunden. Das alles hat mich schließlich befähigt, musikalische Ideen zu begreifen, sie umzusetzen, aufzunehmen, zu mixen und schließlich auch zu veröffentlichen.

Man würde erwarten, dass so jemand eher Klassik oder zumindest Jazz spielt. Wie bist du zum Reggae gekommen?
Ich habe viel Klassische Musik gehört, aber auch viel Blues, Rock, Metal, Punk, Hip Hop, Funk und Reggae – praktisch jedes Genre. Aber da ist etwas am Reggae, das mich besonders anspricht. Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass meine beiden wichtigsten Instrumente, Drum & Bass, zugleich die wichtigsten Instrumente des Reggae sind. Außerdem bietet Reggae mit seinen Sub-Genres eine so vielfältige musikalische Landschaft, in der man herumtoben und experimentieren kann, dass mich das ungemein inspiriert. Eines guten Skanks werde ich zudem nie überdrüssig. Und überhaupt ist Reggae eine unglaublich erhebende, positive Musik. Ich liebe Marleys Textzeile: „When music hits, you feel no pain“. Sie drückt genau das aus, wofür die musikalische Kunstform „Reggae“ steht.

In wie fern hilft dir deine musikalische Ausbildung bei der Produktion von Reggae?
Ich habe in den letzten 25 Jahren die meiste Zeit in Studios verbracht und viel mit Stilen und Techniken experimentiert. Ich habe gelernt, genau zu verstehen, was ich da mache und wie ich bestimmte Sounds kreieren kann. Aber meine eigentliche Ausbildung bestand darin, mir die Reggae-Produktionen der 70er Jahre anzuhören, und herauszufinden, wie sie diesen trockenen Drum-Sound hingekriegt haben, oder wie sie es angestellt haben, den Bass so weit und fett klingen zu lassen, oder warum es so gut klingt, wenn die Bläser leicht verstimmt spielen, oder wie sie diesen unglaublich perkussiven Gitarren-Skank produziert haben. Diese Kenntnisse sind ganz entscheidend in meiner heutigen Studioarbeit. So wie man lernt, indem man z. B. ein Jimi Hendrix-Solo Note für Note nachspielt, so habe ich versucht, King Tubby-Mixe „nachzuproduzieren“ und die sauber-polierten Marley-Aufnahmen oder den reduzierten Sound eines Burning Spear nachzuahmen.

Deine Produktionen sind komplex und unglaublich detailreich, zugleich aber klingen sie ganz einfach und klar. Wie machst du das? Was ist dein Ansatz, Reggae zu produzieren?
Experimentieren und schichten, konstruieren und dekonstruieren, das sind die wesentlichen Elemente. Ich starte stets mit einem Drum-Muster oder einer Bassline – von da aus entwickelt sich der ganze Song. Ich probiere viel aus: One Drop, Stepper, Half Step, Blend, etc. – so lange bis ich das perfekte Drum-Muster zur Bassline (oder umgekehrt) gefunden habe. Sobald ich einen Drum & Bass-Rhythm habe, mit dem ich zufrieden bin, schichte ich die Instrumente übereinander: Organ-Bubbles, Organ-Skanks, Piano-Skanks, Guitar-Skanks, Gitarrenriffe, Orgelriffe, Synthis (wenn‘s passt), Percussion, etc. Wenn der Track so weit steht, dann kann es sein, dass ich mich entscheide, das programmierte Schlagzeug durch ein live gespieltes zu ersetzen oder die Bassline neu aufzunehmen. Ich vertiefe mich so lange in die kleinsten Details, bis alles perfekt aufeinander abgestimmt ist. Für mich ist Musik wie ein Puzzle, wo jedes Stück seinen Platz hat. Jedes Instrument, jeder Effekt, jeder Sound hat seine ganz spezifischen Position. Den letzte Schritt bildet schließlich das Hinzufügen der Effekte: Echo, Hall, Reverb, Phasers, Sound-FX, Cymbal-Crashes, Drum-Rolls.
Dann höre ich aufmerksam hin. Hat das Stück einen durchgängigen Flow, von Anfang bis ganz zum Schluss? Sind da belanglose Elemente, die ich ohne Verlust entfernen kann? Manchmal entferne ich einen ganzen Refrain oder eine Strophe, wenn ich das Gefühl habe, dass das Stück irgendwo einen Hänger hat. Wenn ich beim Hören mit den Gedanken abschweife, dann ist das ein Zeichen für mich, das Stück zu kürzen oder umzustrukturieren.
Erst wenn ich das Stück anhören kann, ohne dass mich noch irgend etwas stört, dann weiß ich, dass ich mit der Arbeit fertig bin. Ich bin da sehr eigen. Es kann ein einziger Hi-Hat-Beat sein, den ich nicht mag, der mir unangenehm auffällt. Dann setze ich mich hin und bastle so lange an ihm herum, bis er endlich stimmt. Erst dann bin ich zufrieden.

Gerade in letzter Zeit hast du viele Vocal-Tunes aufgenommen. Wie wählst du die Artists aus, mit denen du arbeiten möchtest? Wie kontaktierst du sie? Gibst du ihnen vor, was sie singen sollen?
Als ich 2007 für mein Album „Renegade Rocker“ anfing, Artists meine Rhythms voicen zu lassen, habe ich sie fast alle über Myspace kontaktiert. Ranking Joe, Pinchers, Sugar Minott, Mykal Rose, Linval Thompson – alle über Myspace! Heute läuft das über Promoter, Tour-Manager und Freunde.
In der Regel schicke ich den Artists einige ausgewählte Rhythms von mir und lasse sie entscheiden, welchen sie voicen wollen. Für mich ist genau das der Grund, warum ich mit ihnen arbeiten möchte: Ich möchte ihren Vibe auf dem Rhythm haben. Sie sollen singen, was ihnen in den Sinn kommt. Normalerweise produziere ich spezifische Rhythms für einzelne Artists, genau in dem Stil, der zu ihnen passt. So habe ich Alton Ellis zum Beispiel einen Rocksteady-Rhythm geschickt. Sobald ich die Vocals bekomme, nehme ich sie mir intensiv vor. Der Großteil der Vocals, die auf meinen Produktionen zu hören sind, wurden mehr oder weniger stark editiert. Manchmal entferne ich ganze Strophen oder teile sie auf, oder ich erschaffe einen Refrain aus einer Hookline, die ich irgendwo in einer Strophe entdeckt habe. Stets mit dem Ziel, die Gesamtproduktion zu bereichern. Eine wichtige Technik, die ich entwickelt habe, besteht einfach darin, einem Song Raum zum atmen zu gewähren. Bei fast allen meinen Tracks ist das zu hören: Nach einem Refrain setzt der Gesang erst nach frühestens vier Takten wieder ein. Statt dessen können vielleicht die Bläser einsetzen, oder ich lasse einfach die Musik laufen. Es ist mir ganz wichtig, dass der Gesang Ebbe und Flut hat, also dynamisch in die Musik eingebettet ist und den Song niemals dominiert.

Was inspiriert dich?
Reisen und Touren öffnet mir die Ohren für neue Musikstile und neue Sounds, mit denen ich dann unbedingt experimentieren möchte. Bei unserer Tour im letzten November zum Beispiel, hörten wir während der Fahrt zwischen zwei Auftritten stundenlang MUSE. Der Sound bohrte sich in meinen Kopf. Als ich dann wieder zu Hause im Studio war und Songs für mein Album „Rebel Massive“ aufnahm, ließ ich einige dieser Ideen in den Song mit Prince Jazzbo (R.I.P.) einfließen. Gleiches gilt für bestimmte Steppers-Sounds, die mir begegnet waren, ebenso für Dubstep und Jungle. Momentan inspiriert mich Congo Natty, der Erinnerungen an den 90ies-Jungle in mir weckt.

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Weeding Dub: Inna Digital Age

Inna Digital Age

Das ist mal eine interessante Selbsteinschätzung: Der Dub-Produzent Weeding Dub aus Lille verortet sich als „the missing link“ zwischen Mad Professor und Zion Train! Wow, das ist spezifisch. Ich hatte da eigentlich bisher keinen Link vermisst, aber jetzt, wo er da ist, muss ich sagen: Ich hätte ihn mir anders vorgestellt. Denn Weeding Dub steht weder für virtuoses Dub Mixing noch für ausufernde Exkursionen ins House-Genre. Ich sehe ihn eher in der Arena des Steppers. Dort fährt er zweifellos schweres Geschütz auf: pralle Beats, wuchtige Basslines und eine drängende, militante Aggressivität. Manchmal klingt sein neues Album „Inna Digital Age“ (Contol Tower Records) mir allerdings etwas zu 8-Bit mäßig, etwas zu mechanisch, etwas zu Old School-digital – aber das ist angesichts des Albumtitels offensichtlich ja Konzept. Was aber wirklich nicht so richtig funktioniert, sind die sechs eingestreuten Vocal-Tunes. Hier hat Weeding Dub bei der Auswahl einfach kein glückliches Händchen bewiesen. Mal klingt der Sänger wie ein Abiturient, der zum ersten Mal vor dem Micro steht, mal hat die Sängerin zwar engagierte, aber schlicht dumme Lyrics parat. Richtig gut funktioniert hingegen das Zusammenspiel mit Housman Horns, deren Bläsermelodien den cleanen Computerbeats ein wenig Wärme verleihen. Außerdem bietet der Housman-Track auch noch richtig gutes Dub-Mixing. Hier ist tatsächlich eine gewisse Nähe zu früheren Zion-Train-Aufnahmen herauszuhören. Mehr davon wäre gut gewesen.

My verdict: Brutal steppers-sound with a 8-bit-feel. That’s okay. But the singing is definitely not okay. What I liked most is the track with Housman Horns. I wished, there were more of this.
My Rating: 6 (out of 10)
Check it out: Juno

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Linval Thompson & The Revolutionaries: Boss Man‘s Dub

Boss Man's Dub

Es soll ja Leute geben, die alte Original-Vinyl-Dub-Alben sammeln und für einzelne Werke bei Auktionen Unsummen ausgeben. Linval Thompsons & The Revolutionaries „Boss Man‘s Dub“ (Hot Milk) dürfte ein solches, teures Album gewesen sein, denn als es 1979 das Licht der Welt erblickte wurde ihm lediglich ein White-Labe-Pre-Release in minimaler Auflage zu Teil. Ein Sammler-Stück par Excellence, das fortan „The Lost 1979 Dub Album“ genannt wurde. Nun liegt es, ganz profan, als CD-Release vor und bietet 11 Produktionen aus der Feder Linval Thompsons, dessen Gesang auf manchen Tracks sporadisch zu hören ist. Produziert wurde es 1979, wahrscheinlich zeitgleich mit „Negrea Love Dub“  und „Outlaw Dub“. Wie diese wurde „Boss Man‘s Dub“ im Channel One Studio aufgenommen, doch anders als bei den vorgenannten, ist nicht klar, wo und vom wem das Album gemischt wurde. Musikalisch liegt es natürlich, wenig überraschend, sehr nah bei den beiden Schwester-Alben. Der Dub-Mix ist absolut klassisch, kein herausragendes Meisterwerk, dessen Urheber unbedingt ergründet werden müsste. Hervorzuheben wären allerdings die exzellenten Linernotes von David Katz, der nicht nur (allerdings vergeblich) versucht, Licht in das Dunkel der Entstehungsgeschichte des Albums zu bringen, sondern in seinem Text en passant auch die Genese des Dub und die Biographie von Linval Thompson zum Besten gibt. Respekt.

My verdict: A classical, rare album from 1979. Sounds similar to „Negrea Love Dub“  und „Outlaw Dub“. It’s okay, but not worth the fuss. The liner notes are brillant.
My rating: 6 (out of 10)
Check it out: Amazon

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Dub Club: Signs & Wonders in Dub

Dub Club

Wir alle lieben den Dub-Sound der 70er und frühen 80er Jahre, oder? Wir alle haben Stunden, Tage, Wochen, ja Monate damit zugebracht, die Dubs der Fatman Riddim Section, der Revolutionaries, der Roots Radics und all der anderen jamaikanischen Studio-Heroen anzuhören. Es war der perfekte Sound zu seiner Zeit. Die Epoche des klassischen Dub – ein abgeschlossenes, historisches Ereignis. Im gegenwärtigen Zeitalter des Eklektizismus, ist es diese Epoche, die mit Vorliebe zitiert, gesamplet und, ja auch geplündert wird. Doch das, was Postmodernisten wie Prince Fatty, Dubmatix oder Alborosie aus den Steinen jener Epoche heute bauen, ist eine Interpretation jener Zeit, ein Reflex auf sie, vielleicht auch eine Huldigung, aber es ist etwas neues, zeitgemäßes, eigenständiges. Welchen Sinn hätte es, die Musik der goldenen Ära einfach nur zu kopieren? Besser als das Original kann die Kopie nicht sein. Also, welche Daseinsberechtigung hat sie? Diese Frage stellte sich Tom Chasteen wahrscheinlich nicht. Seit dem Jahr 2000 betreibt er in Los Angeles den Dub Club, der sich ganz dem Rub-A-Dub-Sound verschrieben hat. Irgendwann besann sich Chasteen, dass die Foundation-Artists, deren 45s er wöchentlich auf den Plattenteller legte, arbeitslos in Jamaika abhingen und nur allzu bereit wären, für ein paar Dollar Songs für den Dub Club einzuspielen. Also organisierte Chasteen Sessions in LA und Jamaika, Rhythms für das Projekt aufzunehmen. Das Ergebnis war das Album „Foundation Come Again“ (siehe letzte Riddim). In alter Sitte wurden aus den Rhythms auch zwei Dub-Alben generiert: „Signs & Wonders in Dub“ und „Bubble Dub“, die nun beide zusammen – etwas verwirrend – unter dem Titel „ Signs & Wonders in Dub“ (Stones Throw Records) als digitaler Download zur Verfügung stehen. Darauf zu hören gibt es eine Menge klassischer Riddims, exakt nachgespielt im authentischen Sound. Ich bin nicht der Meinung, dass die Welt diese beiden Alben gebraucht hätte, muss aber andererseits zugeben, dass es schon Spaß macht, sie im Hintergrund laufen zu lassen. Na ja, geistiger Anspruch und des Fleisches Lust sind nicht immer der gleichen Meinung – sozusagen.

My  verdict: The album is an exact reincarnation of the Rub-A-Dub-Style. Nothing more. But who want’s a mere copy, when the original is still available?
My rating: 5 (out of 10)
Check it out: Juno