Normalerweise höre ich ein neues Album zwei, drei mal und dann wirbt schon neues Material um meine Aufmerksamkeit. Doch das neue Album von Gappy Ranks, „Put The Stereo On“ (Greensleeves/Groove Attack) stellt diese Praxis auf den Kopf. Ich habe es jetzt bestimmt 10 bis 20 mal durchgehört, während neue CDs eingeschweißt auf meinem Schreibtisch liegen bleiben. Was für ein schönes Album! Produziert von den Peckings-Brüdern Chris und Duke Price, die auch für Bitty McLeans „On Bond Street“ verantwortlich zeichneten. Während sie für McLean ausschließlich auf alte Original-Treasure-Isle-Rhythms zurückgriffen (das dürfen sie aufgrund uralter Lizenzabkommen zwischen Duke Reid, Coxsone Dodd und Vater Price), kommen bei Gappy Ranks überwiegend Studio One-Produktionen zum Einsatz – und wir können einmal mehr feststellen, dass immer noch funktioniert, was Coxsone sein leben lang praktiziert hat, nämlich seine Aufnahmen aus den 1960er und 70er Jahren zu recyceln und damit stets neue Hits zu produzieren. Vielleicht ist es die Großartigkeit dieser Musik, von der die Sänger immer wieder zu schönen Songs inspiriert werden. Mr. Ranks macht da jedenfalls keine Ausnahme und bietet uns (vor allem in der ersten Albumhälfte) ein paar grandiose Retro-Songs, bei denen man sich unweigerlich in die goldenen Zeiten des Reggae zurück versetzt fühlt (und sich insgeheim dafür schämt, dass man – wie all die Rock-Altherren – immer noch auf die Musik der eigenen Jugend abfährt). Ich kann das Album gar nicht hoch genug loben. Nach meinem Geschmack ist es sogar noch viel besser als das in den Himmel gelobte McLean-Album „On Bond Street“, das mir – ehrlich gesagt – etwas zu schnulzig war. Aber da wir uns hier in England befinden, dürfen auch bei Gappy Ranks ein paar Lovers-Rock-Songs nicht fehlen – und wie das Presseinfo mitteilt, war der Oberschnulz-Song „Heaven In Her Eyes“ 13 Wochen lang die Nummer eins der britischen Reggae-Charts. Aber wenn das der Preis ist, der für den Genuss des restlichen Albums zu zahlen ist, dann zahle ich ihn mit Vergnügen.
Autor: René Wynands
Dub Foundation
Nachdem nun Greensleeves mit der „Evolution of Dub“-Serie die Geschichte des Dub nacherzählt hat, wollte wohl auch Trojan die durch die Popularität von Dubstep herbeigeführte Gunst der Stunde nutzen, dies ebenfalls zu tun – allerdings in einem etwas reduzierteren Rahmen. Statt, wie Greensleeves gleich mehrere 4-CD-Boxen zu veröffentlichen, beschränkt sich Trojan auf eine Doppel-CD – allerdings mit immerhin 40 Tracks: Foundation Dub (Trojan/Sanctuary). Und da sich Trojan nicht lumpen lässt, haben sie hier eine Sammlung der besten und wichtigsten Dubs ihres Archivs zusammengestellt, beginnend in den frühen 1970er und enden Anfang der 1980er Jahre. Alle wichtigen Dub-Produzenten und Mixer der Ära des klassischen Dubs sind dabei: Augustus Pablo, King Tubby, Niney, Prince Jammy, Scientist, Linval Thompson, Bunny Lee und natürlich (und vor allem): Lee Perry. In chronologischer Folge kann man sich hier durch die Geschichte des Dub hören, verfolgen, wie sich der Sound verändert hat und wie die Mixe erst immer komplexer und schließlich wieder ganz einfach wurden, kann tief eindringen in die Dub-Mystik des Black Ark-Studios, Jammys Virtuosität lauschen und natürlich Tubbys Routine bewundern. Es ist eine Zeitreise von der Instrumentalversion zum puren Sound, von der B-Seite in die Abstraktion, von der Zweitverwertung zur eigenständigen Kunst. Eine Reise anhand absolut essenzieller Dubs, eine Reise übrigens, die gar nicht akademisch daherkommt, sondern genau das bietet, wofür Dub erfunden wurde: Spaß.
The best of letzte Wochen
In den letzten Wochen sind bei mir viele gute Alben eingetrudelt, die alle eines miteinander verbindet: Sie enthalten keine Dubs. Aber neuerdings spielt das hier ja keine Rolle mehr, weshalb ich die Besten hier und jetzt würdige. Beginnen wir mit dem neuen Album von Famara: „The Sound Of Famara“ (famara.ch). Vor zwei Jahren hörte ich erstmals von dem Schweizer. Damals legte er sein Album „Oreba“ vor, das mir ausgesprochen gut gefiel, obwohl ich nicht per se ein Freund von afrikanischen Reggae bin. Genau das spielt der Alpenjunge: Reggae, wie er in Afrika produziert wird. Leichter, schneller, perkussiver als das jamaikanische Original. Famara bekommt diesen Stil perfekt hin, doch was seine Musik bemerkenswert macht, sind seine sehr schönen Melodien. Scheinbar mühelos reiht er einen Ohrwurm an den anderen. Während mancher jamaikanische Star im Studio erfolglos um Inspiration ringt, sprudeln sie Famara scheinbar wie von selbst aus der Feder. „The Sound Of Famara“ blickt zurück auf die zwölfjährige Karriere des „Baselers Reggae-Paradiesvogels“ (Presseinfo) und präsentiert uns seine größten Hits und ältere, aber bisher unveröffentlichte Songs sowie zwei mit Hilfe der Scrucialists neu eingespielte Tracks. Alles sehr schön – und wie gesagt: melodiös. Auf die nächsten 12 Jahre!
Wo wir gerade bei Afrika und Ideen sind: „United States Of Africa“ (VP) heißt das neue Album von Luciano und ist ein perfektes Beispiel für ein gutes Album, das aber durchaus mehr Ideen hätte gebrauchen können. Die Rhythms, eingespielt von Sly & Robbie, Dean Fraser, Steven „Lenky“ Marsden, Robbie Lynn und Mafia & Fluxy und produziert von Veteran Frenchie, sind ausnahmslos sehr gut und machen die eigentliche Attraktion des Albums aus. Doch die Songs von Luciano klingen doch größtenteils etwas uninspiriert. Seine stärksten Momente hat Luciano, wenn er ein wunderbares Remake von „Only A Smile“ der Paragons singt oder Ini Kamozes Hit-Riddim „World A Music“ neu interpretiert – also dann, wenn er gute Song-Ideen von anderen nutzen kann. So ist ein schönes, jedoch nicht sonderlich originelles Album entstanden, bei dem definitiv mehr drin gewesen wäre.
Viel drin ist ja bekanntlich in den jährlichen VP-Gold-Samplern. Passend zur WM (und somit jetzt schon total veraltet) ist folgerichtig „Reggae Gold 2010“ erschienen. Es posen vier Mädels in Phantasie-Fußballtrikots auf dem Titel: Japan, England, Amerika und natürlich Jamaika, womit die Hauptabsatzmärkte von VP wunderbar adressiert wären (während sie hinsichtlich ihrer Fußball-Kompetenz bei dieser WM ziemlich wenig zu melden hatten). Im Gegensatz dazu hat der Sampler jedoch einiges zu bieten, nämlich veritable Reggae-Hits wie „Hold You“ von Gyptian, „As We Enter“ von Nas & Damian Marley, oder „Skip To Ma Luu“ von Serani & Ding Dong. Den Sampler von 2009 hatte ich ob seines unwürdigen Inhalts kaum weiter beachtet, 2010 aber ist nun eine echte Überraschung. Nach meinen Geschmack enthält er wirklich gutes Material – auch für Reggae-Freunde, die dem Hardcore-Dancehall entwachsen sind. Aber vielleicht wandelt sich Dancehall ja gerade und gewinnt wieder mehr Eigenständigkeit gegenüber Hip Hop und R ,n‘ B. Schön wär‘s.
Und noch ein Album von VP: „Romain Virgo“ (VP) von Roman Virgo. Es ist ein toller Beleg für das rätselhafte Phänomen, dass Schlagermusik in jedem Genre irgendwie gleich klingt. Es scheint so etwas wie einen Meta-Stil „Schlager“ zu geben, der unabhängig von allen Stilmerkmalen eines Genres existiert. Leider gibt es das auch im Reggae und im schlimmeren Fall klingt es dann wie die erste Hälfte des Albums von Roman Virgo. Mit der Neuauflage des „Baylon Boops“-Riddims wandelt sich die Musik dann allerdings auf der Hälfte des Albums zu weichem, aber schönem Reggae (nur der letzte Song fungiert dann wohl als grausiger Rauswerfer). Aber ob ein gutes halbes Album Grund genug ist, sich ein ganzes zu kaufen?
Richtig Spaß hat mir hingegen der One-Riddim-Sampler „Kokoo Riddim“ (Rootdown) gemacht, das den hübschen, lustigen, beschwingten, leichten, melodiösen, hüpfenden, von Teka produzierten und von Jaqee besungenen Ska-Riddim in 17 Versions präsentiert. Fast allen Interpreten (u.a. Louie Culture, Antony B, Nosliw, Slonesta, Maxim) sind richtig gute Songs zu dem Ska-Beat eingefallen. Selten ein so abwechslungsreiches Album gehört ;-)
In den letzten Jahren machte ich stets einen großen Bogen um Dancehall, jetzt aber muss ich feststellen, dass mir das neue Album „D. O. B.“ (VP) von Busy Signal ziemlich gut gefällt. Stimmt etwas nicht mit mir? Oder stimmt etwas nicht mit dem Dancehall-Sound von Busy Signal? Ich glaube letzteres ist der Fall, denn Dancehall als Unterform von Hip Hop bietet uns Busy Signal nur in den Songs „My Money“ und „Yes Dawg“. Zum Ausgleich dafür bekommen wir dann aber mit „Busy Latino“ waschechten Salsa zu hören während „Picante“ den Pocoman-Style der 1990er Jahre reanimiert und uns mit „HiGrade“ ein äußerst nettes Remake des Stalag-Riddim präsentiert wird. „Opera“ ist hingegen ein grandios minimalistisches Werk, das nur aus wenigen Cello-Streichen besteht. Und um den Sack voll zu machen bietet uns Mr. Signal mit „One More Night“ sogar noch einen wunderschönen und kein bisschen schnulzigen Lovers-Track. Also, ich bin jetzt beim bewussten Nachhören selbst beeindruckt, wie vielseitig, wie spannend und nicht zuletzt wie schön das Album ist. Ich glaube, ich werde zum Fan von Busy Signal.
Mit großer Spannung erwartete ich das letzte Kapitel der „Reggae Anthology“ (17 North Parade/VP), das sich auf der Doppel-CD „The Definitive Collection Of Federal Records (1964-1982)“ dem gleichnamigen Label und dem Mann dahinter, Mr. Ken Khouri, widmet. Bereits in den 1950er Jahren hatte Khouri Mento-Platten produziert. 1960 kaufte er dann ein Stück Land in Kingston und gründete dort sein Studio und Presswerk „Federal Records“. Getrieben von der Vision, in Jamaika eine echte Musikindustrie entstehen zu lassen, begann er Ska, später Rocksteady und dann Reggae aufzunehmen – und zwar stets in einer sehr kommerziellen Spielweise. Ein wichtiges Standbein seines Business war es z. B., Hits anderer Produzenten in „gefälligerer“ Weise zu covern und die Platten dann in der Karibik zu vertreiben. Vor allem bei den Produktionen aus den 1970er Jahren wird die kommerzielle und auf ein internationales Publikum zielende Ausrichtung überdeutlich. Das macht die Doppel-CD – obwohl sie eine wichtige historische Dokumentation ist – in weiten Teilen ungenießbar. 1981 verkaufte Ken Khouri sein Studio und das Presswerk übrigens an den Bob Marley-Clan, der den Komplex in Tuff Gong umtaufte.
Rocksteady – The Roots Of Reggae
In den nächsten Tagen wird der Film „Rocksteady – The Roots Of Reggae“ in Deutschland Premiere haben. Ich habe ihn mir schon vorab angeschaut, nicht zuletzt, weil ich ziemlich gespannt darauf war zu sehen, ob endlich einmal eine gute Dokumentation über die Musik Jamaikas entstanden ist. Mein DVD-Regal ist prall gefüllt mit den dubiosesten Filmen über Reggae, meist dilettantische Versuche, dem Reggae zu huldigen, statt ihn zu erklären. Die einzige glorreiche Ausnahme ist die BBC-Dokumentation „Reggae: The Story Of Jamaican Music“, ein zweistündiger Streifzug durch die Reggae-Historie mit großartigem Footage aus allen Jahrzehnten der noch kurzen Existenz unserer Lieblingsmusik, mit sehr präzisem Off-Kommentar und schönen Interviews. Doch nun gibt es: „Rocksteady – The Roots Of Reggae“ und die BBC-Doku bekommt nicht gerade Konkurrenz in meinem Regal, sondern eine gute Ergänzung. Anders als bei der BBC liegt das Interesse des Regisseurs Stascha Bader nicht so sehr in der akkuraten Vermittlung von historischen Fakten, sondern eher bei den Menschen, die dem Rocksteady Mitte bis Ende der 1960er Jahre Leben einhauchten. Und genau in dieser Hinsicht wirkt „Rocksteady – The Roots Of Reggae“ manchmal wie eine Kopie von „Buena Vista Social Club“. Hier wie dort umkreist die Kamera die gealterten Musiker, zeigt sie im Studio und auf der Bühne, weidet sich an ihren zerfurchten Gesichtern und zeigt mit einem verschmitzten Augenzwinkern die alten Recken in Posen, die der Zuschauer normalerweise von jungen Stars gewohnt ist. Und noch etwas lässt mich unweigerlich an Wim Wenders Original denken: Wir sehen ein Jamaika, das ähnlich wie Cuba, in der Mitte des letzten Jahrhunderts stecken geblieben ist. Wir sehen romantisch verfallene Orte, pittoreske Ruinen alter Theater, Orte unschuldiger Tanzvergnügen, die ein Jamaika vor dem Sündenfall wiederauferstehen lassen. An diesen Orten stehen die Rocksteady-Veteranen, schwelgen in Erinnerungen an eine bessere Zeit und stimmen ein Lied an. Tja, innovatives Kino ist zehn Jahre nach „Buena Vista Social Club“ etwas Anderes. Aber als Freund von Reggaes „Goldenem Zeitalter“, nämlich der Rocksteady-Zeit, schaut man gerne über die allzu konventionelle Form des Films hinweg und freut sich, Gladstone Anderson, Ken Boothe, Stranger Cole, Marcia Griffith, Rita Marley, Derrik Morgan, Judy Mowatt, Dawn Penn, Leroy Sibbles und viele andere Musiker beim Musizieren zusehen zu dürfen. Langweilig wird das zu keiner Zeit, denn Stascha Bader entwickelt durch die Abwechslung von Studio-Szenen, Interviews mit den Artists (oft in deren erstaunlich kleinbürgerlich eingerichteten Häusern aufgenommen), dokumentarischen Straßenszenen und Footage aus den 1960er Jahren, eine kurzweilige Dramaturgie, die den Film sehr unterhaltsam macht. Gleichermaßen unterhaltsam sind die superb produzierten und aufgenommenen Songs, wenn auch Stascha Bader sich leider (aber verständlicher Weise) für die absoluten „Megahits“ des Rocksteady entschieden hat, derer man eigentlich schon etwas überdrüssig ist. Aber egal. Das ist alles klagen auf höchstem Niveau. Für eine Reggae-Doku ist „Rocksteady“ wirklich hervorragend gelungen und für jeden Reggae-Connaisseur ein Geschenk des Himmels.
Dubmatix: System Shakedown
Dubmatix – mein aktueller Dub-Held hat ein neues Album veröffentlicht: „System Shakedown“ (Echo Beach/Indigo) – und es ist gar nicht Dub! Verdammt noch mal, ein so cooles Album, und es passt nicht in meine Kolumne. Und eigentlich auch nicht in den Dubblog. Aber was soll’s. Wenn Moses nicht zum Berg kommt, dann kommt der Berg zu Moses! Also gilt ab heute: Der Dubblog weitet sein Spektrum und lässt nun alles zu, was dem Autor gefällt – und „System Shakedown“ gefällt mir ganz außerordentlich. Denn das Album bietet genau das, wofür ich Dubmatix verehre: sehr fette, kraftvolle, grandios arrangierte und instrumentierte Old School-Rhythms. Gab es schon beim Vorgänger viele Tracks mit Gastvokalisten, so hat Dubmatix jetzt Nägel mit Köpfen gemacht und (mit zwei Ausnahmen) das gesamte Album in den Dienst des Gesangs gestellt. Wie nicht anders zu erwarten, reichen sich hier die Veteranen des Genres das Micro weiter: The Mighty Diamonds, Dennis Alcapone, Gregory Isaacs, Tippa Irie und natürlich U-Brown. Flankiert werden sie von weniger bekannten Artists wie den Ragga Twins, Brother Culture oder Omar Perry. Und, ist das jetzt besser als ein reines Dub-Album? Der Purist in mir gibt zähneknirschend zu: ja, das könnte schon sein, denn die Sänger liefern ausnahmslos famose Songs ab. Songs, die die Rhythms zum brennen bringen, während die Rhythms wieder die Songs befeuern. Alles in allem also eine ziemlich eindrucksvolle Explosion, die uns hier auf die Trommelfelle knallt. Oder, um es nüchtern, objektiv und ohne persönliche Wertung zu sagen: Das Album rockt als hätte Dubmatix den Groove erfunden.
Über Funkhaus Europa bin ich heute auf ein außergewöhnliches und hochspannendes Album gestoßen: „Mos Dub“ (mosdub.com). Max Tannone, der bereits zwei Mash-Up Alben zu verantworten hat (mit Material von Radiohead und Beasty Boys), hat die Vocals des US-Rapper Mos Def extrahiert, isoliert und sie über verrückt zusammengesamplete Reggae-Backings gelegt. Scientist trifft Lee Perry, trifft Niney, trifft Wailing Souls, trifft King Tubby, trifft Errol Thompson, trifft Studio One und trifft beim schönsten Stück des Albums auf Desmond Dekkers „007“. Weitere Beschreibungen spare ich mir, da das Album hier kostenlos und legal heruntergeladen werden kann: http://mosdub.com/
Dub Evolution, August 2010
Wer glaubte, die Evolution des Dub wäre mit der „Natural Selection“ abgeschlossen, irrte, denn nun präsentiert uns Greensleeves den „Missing Link“, also Vol. 5 der „Evolution Of Dub“-CD-Box-Serie (Greensleeves). Trotz fortgeschrittener Evolution befinden wir uns zunächst immer noch in Mitten der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts und zwar beim Musiker und Produzenten Ossie Hibbert. Er steuert zwei der vier Alben der Box bei: „Earthquake Dub“ und „Crueshal Dub“ (sic!).
„Earthquake Dub“ erschien auf dem Label von Joe Gibbs, nachdem Ossie es ihm im Tausch gegen ein Auto (Errol Thompsons Auto!) überlassen hatte. Im „Reggae: The Rough Guide“ wird es als „militantere Fortführung der „African Dub“-Serie“ beschrieben, was den Nagel ziemlich auf den Kopf trifft. Zu hören gibt es den klassischen, wohlbekannten und allseits beliebten Professionals/Aggrovators/Revolutionaries-Sound, dominiert von Sly Dunbars immer wieder faszinierenden Drumpatterns. Uptempo, leicht und doch auch zielstrebig, bestimmt und geradeaus. Ganz im Stile der Zeit, gibt es vornehmlich Wiederauflagen klassischer Rhythms zu hören wie z. B. „Pick Up The Pieces“ von den Royals oder „Declaration of Rights“ der Abyssinians.
Das zweite Ossie-Album der Box, „Crueshal Dub“, ist so obskur, dass selbst Ossie himself sich kaum noch erinnern kann, wie es zu Stande kam. Soundtechnisch liegt es eindeutig vor „Earthquake Dub“ und konzentriert sich auf die Wiederbelebung alter Studio One-Rhythms. Weniger stark und eigenständig als „Earthquake“, weiß es jedoch durch schöne, kunstvolle Dub-Mixes zu überzeugen.
Die anderen beiden Alben der Box sind ein Novum der Serie, da mit ihnen der Sprung nach England gewagt wird: „King Of The Dub Rock Part 1“ und „Part 2“. Insofern ist der Box-Titel „The Missing Link“ ja verdammt clever gewählt. Produzent beider Alben ist der britische Sound-Man Lloyd Blackford a.k.a. Sir Coxsone Sound. In den sechziger Jahren benannten sich viele britische Sound Systems nach ihren jamaikanischen Vorbildern. Und da Blackfords ärgster Widersacher sich nach Duke Reid benannt hatte, wählte Blackford folgerichtig den Namen von Clement Coxsone Dodd. „King Of The Dub Rock Part 1“ erschien 1975 und enthielt Rhythms von Dennis Bovell und Gussie Clarke. Blackford mischte die Dubs selbst und verlieh den recht unterschiedlichen Sounds so eine gewisse Einheitlichkeit. Das Album ist aus historischen Gründen als „Missing Link“ durchaus interessant, bleibt aber hinsichtlich des Hörvergnügens weit hinter „Part 2“ zurück, der erst sieben Jahre später erschien (und damit den Sprung in die 1980er Jahre vollzog). Ich hatte mir das Album im Jahr seiner Erstveröffentlichung gekauft und war einerseits fasziniert von dem satten Klang, den starken Bläsersätzen und den schönen Melodien, andererseits war ich aber auch ziemlich irritiert von den Space-Invaders-8-Bit-Sounds, die wahllos in die Tracks gemischt waren. Zum Glück wurden diese Overdubs inzwischen entfernt, so dass sich die originalen Dubs hier in ihrer ganzen ungetrübten Schönheit genießen lassen. Nach meinem Geschmack war der Old School Dub zur Entstehungszeit dieses Albums auf seinem künstlerischen Höhepunkt – nur um kurze Zeit später in Jamaika auszusterben. Ich bin gespannt, ob die Boxenserie nun mit Jah Shaka und Mad Professor in England weiter geführt wird. „Escape To The Asylum Of Dub“ wäre doch eine perfekte Fortsetzung …
Wie wäre es mit ein wenig Dub aus Australien? Der gebürtige Brite Brian May werkelt down under an diversen Musikstilen herum, die alle eines verbindet: Dub. Unter dem Pseudonym Beam Up hat er nun das Album „Terra Sonica“ (beamingproductions.com) veröffentlicht auf dem er Dubs präsentiert, die sich stilistisch nicht in ein Genre packen lassen, aber alle den Gesetzen des Dub gehorchen. Das Spektrum reicht von Worldmusic über Reggae bis Dubstep. Nach meinem Geschmack sind genreübergreifende Experimente ja prinzipiell spannend, hier aber will der Funke nicht so recht überspringen. Die Mixe sind brillant, allein an den Rhythms hapert‘s. Die könnten etwas mehr Groove gebrauchen.
Angenehm traditionell geht es hingegen auf dem neuen Album von Aldubb zu: „Aldubb Meets Ras Perez“ (MKZwo Records). Da weiß man, was man hat! Schöne Roots-Dubs, ganz unaufgeregt, ohne Anspruch auf einen Innovationspreis, einfach nur fette Basslines, große Echo-Chambers und ein schöner Old-School-Sound. Entstanden sind die Aufnahmen während vieler Probe-Sessions im hauseigenen Berliner Studio von Aldubb. Drums und Percussion hat der Dub-Meister himself eingespielt, Ras Perez übernahm den Rest. Ein Album, das gewissermaßen unbeabsichtigt entstanden ist. Beim Jammen ließen die Beiden einfach das Band mitlaufen: „Irgendwann waren es so viele Dubs, dass es einfach mal auf CD musste.“ Richtige Entscheidung! Ist ein gutes Album geworden.
Dubstep darf nicht fehlen – vor allem nicht, wenn er von Kanka kommt, jenem französischen Steppers-König, der zuletzt mit seinem Album „Don‘t Stop Dub“ unsere Nachbarn aus dem Bett katapultierte. Unter dem Pseudonym Alek 6 hat er nun das Dubstep-Album „Inside“ (Hammerbass.fr) vorgelegt, das kompromisslos hält, was wir uns von Kanka versprechen, nämlich Bass, Bass und Bass. Drum herum erklingen jetzt allerdings, anders als gewohnt, nur wenige Offbeats – statt Warrior-Style gibt es düstere Elektronik und rigiden Minimalismus. Gelegentlich lodern ein paar Jungle-Breakbeats auf, ansonsten hält sich der Ideenreichtum allerdings in Grenzen. Doch wer braucht für eine betäubende Bass-Dröhnung schon Ideen? Hauptsache die Hose flattert.
Zum Abschluss noch etwas leicht obskures, nämlich ein polnisches Dub-Album von einer Band namens DUP!: „Dup! Session In Something Like Studio“ (dupmusic.com). Das gesamte Presseinfo besteht aus diesen zwei Sätzen: „Wir heißen Dup und präsentieren stolz unser erstes Album. Wir spielen Dub-Musik und unser wichtigster Einfluss ist der Oldschool-Sound alter jamaikanischer Aufnahmen“. Knapp, aber präzise. „Old-School-Dub“ trifft die Sache ganz gut: Dubs, die fast live gespielt klingen, voller Atmosphäre, mit virtuosen Percussions und richtig schönen Basslines. Und natürlich mit Tubby-mäßigen Mixen und extra-sauberem Sound.
Dub Evolution, Juni 2010
Und da sind sie wieder. Nach 14 Jahren Stille, gab‘s vor acht Monaten mit „Sonn und Mond“ das definitiv spannendste Dub-Album des Jahres zu hören. Und nun folgt mit „We So Horny“ schon ein weiteres Werk von Hey-O-Hansen! Was ist in die beiden Tiroler und Wahl-Berliner gefahren? Sind Michael Wolf und Helmut Erler von der Muse geküsst worden? Wenn man den kreativen Gehalt ihrer Alben zu Grunde legt, dann muss diese Frage zwingend bejaht werden. Etwas so Ungewöhnliches, Schräges und doch absolut Stimmiges ist mir ist schon seit langer Zeit nicht mehr untergekommen. Keine Sorge, wir haben es hier nicht mit verkopften Studio-Experimenten zu tun, sondern mit, wenn auch merkwürdig verschroben, so doch ganz wunderbar groovenden Dubs. Es sind Dubs, die mit Nachdruck zeigen, welch enorme kreative Spielräume das Genre bietet, und wie diese überzeugend genutzt werden können. Anders als „We So Horny“ war der Vorgänger „Sonn und Mond“ das Destillat aus 14 Jahren Dub-Forschungsarbeit und hinsichtlich des Ideenreichtums kaum zu überbieten. „We So Horny“ enthält hingegen gänzlich neues Material und opfert zwangsläufig die Vielfältigkeit des Vorgängers einer größeren stilistischen Geschlossenheit. Während „Sonn und Mond“ mit jedem Track eine andere Überraschung bot, ermöglicht es „We So Horny“, sich in den merkwürdigen (angeblich von Tiroler Volksmusik und ihrem eigenwilligen Offbeat beeinflussten) Dub-Sound der beiden Studio-Frickler einzuhören. Und was macht den Sound so eigenwillig? Gar nicht so einfach zu sagen. Vielleicht lässt es sich mit dem Begriff der „Künstlerischen Widerborstigkeit“ am besten beschreiben. Hier klingt nichts „glatt“ oder konventionell. Im Gegenteil. Die Frage lautet: Wie viel Dub-Konvention darf man über Bord werfen, ohne dass die Musik aufhört Dub zu sein? Hey-O-Hansens Antwort lautet: alles außer Echo, Bass und Offbeat. Und das Erste, was hier über Bord geht, ist das klassische Instrumentierungsschema. Deshalb hören sich die Hey-O-Hansen-Dubs zunächst falsch gespielt an, nur um im nächsten Moment folgerichtig und zwingend zu klingen. Allein schon der massive Einsatz von Blasinstrumenten ist außergewöhnlich. Hinzu kommt eine eigenwillige Mischung aus elektronischen Sounds (à la Basic Channel) und handgespielten, akustischen Instrumenten sowie eine simple, aber doch irgendwie vertrackte Polyrhythmik. Wirklich beschreiben lässt sich Hey-O-Hansens Musik nicht. Nur eines lässt sich ganz klar sagen: Sie ist großartig.
Machen wir direkt weiter mit schräger Dub-Mucke: „Japanese Dub“ (30 Hertz) von Jah Wobble & The Nippon Dub Ensemble. Das letzte, was ich von Mr. Wobble gehört habe, war sein „Chinese-Dub“-Album „Mu“ von 2005. Mit „Japanese Dub“ knüpft er nahtlos an, wo er mit „Mu“ aufgehört hat. Er ist lediglich ein kleines Stückchen weiter gen Osten gezogen. Statt des chinesische Zeichens „Mu“ prangt nun das japanische „Ma“ auf dem Cover. Die Bedeutung ist die selbe: Leere, Abwesenheit – ein in der Zen-Meditation wesentlicher Begriff – und da Dub per se meditative Qualität hat, ist er natürlich prädestiniert für Jah Wobbles esoterische Exkursionen. Diesmal führt sie uns zu ritueller Shinto-Musik, Taiko-Trommeln und Shamisen-Klängen. Die Basis aller Stücke des Albums ist stets Wobbles grollender Bass und nicht selten auch von ihm programmierte Beats (natürlich auf japanischem Equipment). Das funktioniert gar nicht schlecht, zumal Wobble sich des öfteren auf Reggae-Beats stützt. Richtig abgefahren ist der traditionelle japanische Gesang. Wer hier nicht open minded ist, der dürfte einen Schock davon tragen. Dabei ist das intonierte Lied („Kokiriko“ – angeblich das älteste Lied Japans) eigentlich sehr schön und hat eine – selbst für westliche Ohren – unglaublich eingängige Melodie. Jah Wobble war so besessen von diesem Lied, dass er es gleich vierfach, gewissermaßen als Version Excursion, aufs Album gepackt hat. Außer diesem Lied, gibt es aber noch andere nette Dinge zu entdecken: Pentatonische und chromatische Tonleitern, Kabuki-Gesang und dröhnende Trommeln zum Beispiel. Jah Wobble schont seine Zuhörer nicht – aber genau das bietet ja die Chance auf neue Entdeckungen. Und dafür danken wir Mr. Wobble-bass.
Letztes Jahr erschien das Debutalbum von Dubkasm, „Transform I“ (Sufferah‘s Choice), ein dunkles, geheimnisvolles Dub-Roots Werk mit Gastvokalisten wie African Simba, Dub Judah und, interessanter Weise, auch brasilianischen Sängern jenseits der Reggae-Szene. Nun liegt mit „Transformed in Dub“ (Sufferah‘s Choice) die Dub-Version des Albums vor. Diese ist noch dunkler, noch intensiver, noch schwerer und – nach meinem Gefühl – auch noch interessanter geworden, denn hier gilt alle Aufmerksamkeit der Musik, dem Sound, den Finessen des Mixes. Hinter Dubkasm stecken zwei Jungs aus Bristol, Digidub und DJ Stryda, die sich schon seit Kindestagen (nach dem Besuch einer Show von Jah Shaka) ganz dem „orthodoxen“ Roots-Dub verschrieben haben. Daher darf man von den beiden keine neuen Dub-Erkenntnisse erwarten, sondern eher die liebevolle Pflege der guten, alten Dub-Tradition. Wie sehr sich die beiden Bristol-Dubber über ihr neues, analoges Mischpult freuen, lässt sich auf dubcasm.com in einem netten, kleinen Filmportrait sehen.
Ok, Dreadzone. Bei diesem Namen erwachen in mir Erinnerungen an die frühen 90er Jahre, Erinnerungen an ein riesengroßes Aha-Erlebnis, als ich auf dem Dreadzone-Album „360 Degrees“ zum ersten Mal das Crossover von Leftfield und Roots-Dub hörte. In der Folge erschienen von Dreadzone weitere sagenhafte Alben, die nicht nur die nächst höhere Evolutionsstufe von Dub präsentierten, sondern auf denen auch grandiose Songs und wahnsinnig eingängige Melodien erklangen. Daher muss ich wohl kaum erwähnen, dass ich die neue CD „Eye On The Horizon“ (Dubwiser Records/Soulfood) mit zitternden Fingern auspackte. Was dann kam, lässt sich vielleicht als eine Folge von Verwirrung, Enttäuschung und schlussendlich Gefallen beschreiben. Fest steht, dass das neue Album die gigantische Erwartungshaltung nicht einlösen kann. Es schließt zwar – vor allem was Songmelodien und Arrangements betrifft – an „Second Light“ oder „Biological Radio“ an, schafft es aber nicht auf das Niveau dieser Alben. Während diese auf virtuose Weise Techno/Dance, Leftfield und Pop unter der Vorherrschaft von Dub vereinten, steuert „Eyes On The Horizon“ ganz klar durch Pop- und nicht selten sogar durch Rock-Gewässer. Auch wenn der Titel „Eyes On The Horizon“ anderes vermuten lässt, haben sich Greg Dread & Co seit den vorgenannten Alben aus den 90er Jahren, aber auch seit dem 2005 erschienenen „Once Upon A Time“, nicht wirklich weiterentwickelt. Es ist zwar böse, so etwas zu schreiben, aber ich habe das Gefühl, dass Dreadzone bei ihrem neuen Album ein wenig zu sehr in Richtung Chart-Erfolg geschielt haben. Sicherlich ist diese Kritik ein Klagen auf hohem Niveau. Unzählige Dub-Producer würden dem Himmel danken, wenn sie nur annähernd ein Album in der Qualität von „Eye On The Horizon“ fabrizieren könnten. Denn: lässt man alle Erwartungshaltungen und Vorurteile über Pop und Rock hinter sich, so wird plötzlich offensichtlich: Das neue Dreadzone-Werk ist gut. Und woran merkt man es? Schlicht und einfach daran, dass man es immer wieder auflegt und Spaß hat, es anzuhören.
Nachdem wir nun schon einige Male das „absolut letzte Volume“ der King Size Dub-Serie hinter uns haben und letztes Jahr mit „Vol. 69“ ein Sampler „außerhalb der Reihe“ ins Haus flatterte, gibt es nun: „King Size Dub Chapter 13“ (Echo Beach) – und, das ist das Schöne an Traditionen, wieder mit einem Ruts DC-Remix. Aber – jetzt mal ganz im Ernst –, ich bin froh, dass Echo Beach die legendäre Serie fortführt, denn die Sampler (Vol. 1 erschien 1995!) bieten stets eine höchst geschmackssichere Auswahl aktueller Produktionen. So auch Chapter 13, wo uns diesmal, neben einer Menge hauseigener Artists wie Noiseshaper, Up, Bustle & Out, DubXanne, Dub Spencer & Trance Hill oder Dubblestandart, auch Tracks von Dreadzone, The Vision, Aldubb oder Herbst in Peking zu gehör gebracht werden. Eine hervorragende Selection – Echo Beach weiß eben, wo der Bass spielt.
Dub Evolution, April 2010
Hinter dem schönen Namen Jahtari verbirgt sich ein kleines Label aus Leipzig, das vor einigen Jahren als Experiment gestartet ist und sich zunächst – wie der Name vermuten lässt – dem 8Bit-Sound früher Computer wie Atari und dem C64 mit seinem berühmten dreistimmigen SID-Soundchip verschrieben hatte. Das Experiment bestand darin, eine so beseelte Musik wie Reggae mit Hilfe von mathematischen Algorithmen zu spielen. Ein Experiment übrigens, das King Jammy und Steely & Cleevie bereits Mitte der 1980er Jahre gelungen war. Doch während Jammys „Computerized Reggae“ aufgrund des Unvermögens damaliger Computertechnik retortenmäßig „digital“ klang und dieses Stadium mit der Verfügbarkeit besserer Soundchips alsbald überwunden wurde, ist für Jan Gleichmar, dem Gründer und Chef von Jahtari, genau dieser Sound das Ziel allen Strebens. Er hat ihm das Jahtari-Label auf den Leib geschneidert und sammelt hier seine eigenen Produktionen wie auch die Gleichgesinnter Laptop-Frickler. Die „Jahtarian Dubbers“-Alben, dessen zweites Kapitel jetzt ganz frisch vorliegt, sind so etwas wie die Manifeste dieses Sounds. „Jahtarian Dubbers, Vol. 2“ (jahtari.org/) präsentiert uns nun 13 Tracks vollsynthetischen „Digital Laptop Reggaes“, durch etliche Software-Echo-Chambers gejagt und mit Space-Invaders-Sounds angereichert. Manche Stücke bieten zudem grundsolide Vocals wie z. B. „Puff That Weed“, auf dessen pluckernden Bit-Folgen die virtuose Soom T reitet wie auf einem rasenden Bobby-Car. Vor dem geistigen Auge sieht man billige Netbooks heißlaufen und China-iPhone-Clones vibrieren. Und genau hier liegt der Reiz dieser schrägen Musik: Das (absichtlich) primitive Instrumentarium sondert richtig echte, wirkliche und wahrhaftige Reggae-Tunes ab. Fetter Bass, steifer Offbeat, solide Drums und groovender Beat. Der ganze Klangkosmos „Reggae“ schrumpft hier auf seine minimalen, konstruktiven Elemente – und klingt dabei auch noch richtig gut. Super Mario trifft auf Basic Channel, reggaewise. Nur ein interessantes Experiment, oder gelungene Musik, die auch ohne mitgelieferte Theorie bestehen kann? Die Antwort lautet: 42!
Dub-Reworkings bekannter Pop-Songs sind offensichtlich en vogue. Easy Star Records hat sich bereits Pink Floyd, die Beatles und Radiohead vorgenommen, Echo Beach unterzog The Police einer eingehenden Verdubbung und nun trifft es mit „Shatter The Hotel“ auch den ehemaligen Clash-Sänger Joe Strummer. Ausgelöst wurde diese Welle von „Dub Side Of The Moon“, einem Album, das seit 2003 unglaubliche 90.000 mal verkauft wurde. Je bescheuerter das Konzept, desto erfolgreicher, scheint es. Und da Konzepte dieser Art leicht zu erdenken sind, versucht jeder mal sein Glück. Dies ungefähr waren meine Gedanken, als ich „Shatter The Hotel“ (www.strummerville.com) in die Finger bekam. Fast schon widerwillig hörte ich rein. OK, das war passabel. Nach dem zweiten Hören war es dann schon ganz in Ordnung. Beim dritten Hören ertappte ich mich dann schon beim Mitsingen. Mittlerweile – muss ich zugeben – bin ich ganz angetan von Joe Strummers posthumem Dub-Tribute. Das große Plus des Albums ist schlicht und ergreifend die solide Songbasis. Richtige Ohrwürmer sind das! Umgesetzt in saubere, funktionale und unaufgeregte Dub-Versions kann man nichts dagegen sagen. Angetrieben durch die eingängigen Melodien und häufigere Gesangsbegleitung ist hier so etwas wie guter Pop-Dub-Reggae entstanden. Anders als bei den oben genannten Alben, wurden die Stücke auf „Shatter The Hotel“ nicht alle von einer Band eingespielt, sondern von bekannten wie unbekannten Produzenten der internationalen Reggae-Szene beigesteuert. So macht der unfehlbare Dubmatix aus Kanada mit „London Calling“ den Anfang, wird dann von Dub Antenna, den Creation Rockers und den Dub Cats sowie einer Reihe weiterer unbekannter Produzenten/Bands gefolgt. Sound und Style gleichen sich aber so sehr, dass sich alles zu einem homogenen Album verbindet – um es positiv auszudrücken. Die Verkaufserlöse gehen übrigens an die Joe Strummer-Stiftung, die junge Musiker fördert.
Anfang des neuen Jahrtausends veröffentlichten Mafia und Fluxy eine Albenserie unter dem Titel „Reggae Heights“, in der sie alte Vocals auf von ihnen neu eingespielte Backings kopierten. Ein Album der Serie war Barry Browns Oeuvre gewidmet und präsentierte sieben Dubs als Bonus-Material. Wem das zu wenig war, der hat jetzt die Möglichkeit mit dem Album „Barry Brown In Dub“, das nur als digitaler Release erhältlich ist, weitere sechs Dubs zu erwerben. Und da die beiden britischen Rhythm-Brothers wirklich grundsolide Instrumental- und Mixarbeit geleistet haben, ist diese Anschaffung wärmstens zu empfehlen. Und wer dann noch mehr Dub-Stoff braucht, der kann mit „Dub Anthems“ gleich zur vollen Dröhnung greifen. Hier bieten Mafia & Fluxy gleich 15 ihrer besten Dubs aus jener Zeit. Fette, fette, fette Tracks, deren massive Basslines die Teller vom Tisch vibrieren. Einen Innovationspreis gibt es zwar nicht aber die Dub-Handwerkskammer vergibt eine Auszeichnung für herausragende Verarbeitungsqualität (gesponsert von der Porzellanindustrie). Hier wird so mancher alte, gut bekannte und lieb gewonnene Riddim zu Gehör gebracht („Anthems“ halt) wie z. B. „King Tubby Meets Rockers Uptown“, Marleys „Forever Loving Jah“, „Open The Gate“, „Warriors Charge“ und natürlich „Realrock“.
Bevor unsere vergnügliche Dub-Stunde zu Ende geht, werfen wir noch einen Blick in die Revival-Selection und finden hier wieder einmal ein ultra-rares Album, das (wie sollte es anders sein) das Pressure Sounds Label für uns ausgegraben hat: „Prince Jammy Presents Strictly Dub“ (www.pressure.co.uk). Aufgenommen in den späteren 1970er Jahren und Anfang der 1980er in Kleinstauflage in New York erschienen, bietet es uns einen Einblick in Jammys Frühwerk, das noch an Tubbys Mischpult in der Dromilly Avenue entstanden ist. Produziert, arrangiert, gemixt und geremixt wurde es vom Prince himself, eingespielt von Jamaikas Cream der Session-Musiker jener Zeit: Sly & Robbie, Ansel Collins, Gladstone Anderson, Bobby Ellis, Deadly Hedley, Sticky Thompson (u. a.). Eine illustre Combo, die hier schöne Versionen klassischer Rhythms wie etwa „Baba Boom“, Ali Baba“ oder „Shenk I Sheck“ zum Besten geben. Interessant sind die Titel der Stücke: „Brookly Dub“, „Bronx Fashion Dub“, „Immigrant Dub“ oder „42nd Street Dub“. Marketing jamaica-wise, denn die Veröffentlichung des Album war schließlich für New York vorgesehen. Und wie hört es sich an? Gut! Nicht spektakulär, aber sehr schön. Dank der Klassiker stimmt die Basis und Dank der brillanten Musiker stimmt auch die Umsetzung. Locker, uptempo gespielt, luftiger Klang, volle Arrangements mit sehr, sehr schöner Percussion. Jammys Mix ist nett und angemessen. Richtig spannend wird es dann bei den beiden Bonus-Tracks, die aus einer – laut Presseinfo – „etwas späteren Periode“ stammen. Sie klingen geradezu experimentell im Vergleich zum Rest. Heftigerer Sound, ordentlich Druck und ein charmanter Distortions-Effekt, der zwischen die Beats fährt. Da hat Jammy in kurzer Zeit offenbar viel dazu gelernt.
Neue Alben: Umberto Echo und Aldubb
Nachdem Umberto Echo vor drei Jahren noch mit dem Dubtrain durch deutsche Lande brauste, begibt er sich mit seinem neuem Album nun auf Weltreise: Dub The World (Echo Beach). Laut eigener Aussage hat der junge Münchner Produzent und Multiinstrumentalist Phillip Winter aka Umberto Echo auf mehr als 80 Alben mitgewirkt, alle Genres von Rock über Klassik und Jazz bis Reggae durchmessen und mit Jahcoustix, Jamaram und Headcornerstone bayrische Reggae-Geschichte geschrieben. Anders als beim Vorgängeralbum Dubtrain, nimmt sich Herr Echo diesmal fremde Produktionen verschiedener Bands vor und unterzieht sie einer ausgeklügelten Verdubbungsprozedur. Unter den 15 Dub-Tracks finden sich Stücke aus 13 Ländern u. a. von Gentleman, Katchafire, Steel Pulse, Dub Inc., Up Bustle & Out, Dubblestandart, Stereo MCs, Seeed, Dub Spencer & Trance Hill. Sound und Spielweise variieren naturgemäß recht stark, was das Album vielleicht etwas inhomogen, zugleich aber auch wunderbar abwechslungsreich macht. Umberto Echos virtuose Mixe fügen letztlich alles zu einem großen, unterbrechungsfreien Dub-Opus zusammen, das fantastisch klingt und voller Ideen und Überraschungen steckt: Rhythmuswechsel, Stilwechsel, Klangwechsel, akustische Instrumente, dann wieder Echo-Kammer galore, Samples und eingestreute Original-Vocals – andere Produzenten machen aus dem Material fünf Alben. Umberto Echo packt alles in die 15 Tracks – jedoch so relaxed und kontrolliert, dass alles ganz selbstverständlich klingt, niemals bemüht, verkopft oder überproduziert. Eine überaus spannungsvolle wie angenehme akustische Weltreise, auf die der Hörer hier geschickt wird, angetrieben von tief im Schiffsrumpf pluckernden Bässen. Der Blick schweift über ein Meer sanfter Soundwellen in dem Delphine ihre Kunststücke vorführen. Und abends beim Captain‘s-Dinner wird Reggae gespielt!
Während Umberto Echo den Süden der Republik mit Dub-Vibes beschallt, vibriert Berlin unter den Schallwellen von Aldubb, laut eigener Aussage „einer der vielbeschäftigsten Dub-Remixer Deutschlands“. Vielbeschäftigt ist er in der Tat, denn wenn er nicht im Planet Earth Studio hinter dem Mischpult sitzt, dann spielt er bei der Digital Roots Band oder bei Dark Light Drums, tritt solo im „Dubwohnzimmer“ auf oder mischt mit beim Irieland Soundsystem, das jedes Jahr das „Berlin Dub Festival“ veranstaltet. Wer sich so sehr einer Musik verschreibt, für die der Begriff „Special Interest“ fast schon eine Untertreibung darstellt, der muss zwangsläufig missionarisch motiviert sein. Und so verwundert es nicht, dass Aldubb sein neues Album Gottes Wort widmet: „Let There Be Dub“ (One Drop). And there was dub! 18 Tracks feinstes Material im Spektrum von Steppers zu Dubstep, feist abgemischt und schlicht groundshaking. Damit die Zuhörer beim Durchgeschütteltwerden nicht das Bewusstsein verlieren, hat Mr. Dub-It-All an strategischen Punkten schön melodiöse Vocal-Tracks untergemischt, heavy Steppers-Tunes mit sanfteren One-Drops abgewechselt und lässt gelegentlich auch mal einen verzerrten Dubstep-Bass für die Dröhnung sorgen. Hinzu gesellen sich nette Sound-Spielereien, Samples und Mini-Melodien. Zusammen eine perfekte Dramaturgie, die ein sehr vielfältiges, zugleich aber auch in sich geschlossenes, durchkomponiertes Album ausmacht – obwohl die 18 Tracks tatsächlich eine Best-Of-Werkschau der letzten vier Jahre sind und viele Stücke bereits auf Vinyl erschienen sind. Vier gute Jahre, wie es scheint. Doch die Aussicht auf vier Jahre Wartezeit bis zum nächsten Aldubb-Album ist eine Katastrophe.
































