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Best Of Deep Root

Neil Perch ist einer der wenigen, unermüdlichen Sound System-Betreiber und Produzenten, die sich Anfang der 1990er Jahre dem Dub-Sound (instrumental oder mit Gesang) verschrieben haben und heute noch aktiv sind. Unter dem Motto „Dubwise – No Compromise“ hat er den Aufstieg des UK-Dub und dessen Niedergang erlebt, hat mit Zion Train an der Spitze der Bewegung gestanden, einen Major-Deal in der Tasche und die Geschicke des Dub in der Hand gehabt. Ein wahrer Veteran und Dub-Aktivist. Seit 1998 veröffentlicht er auf seinem Label „Deep Roots“ zumeist eigene Produktionen, ausschließlich Vinyl im 7“- und 10“-Format. Nun ist Premiere, denn mit „Best Of Deep Root“ (Universal Egg/Cargo) erscheint das erste Album und die erste CD. Der Titel sagt es ja schon: versammelt sind hier die Highlights des Labels, 8 Stück an der Zahl, stets als Vocal-Version gefolgt vom Dub (also 16 Stücke insgesamt). Mich verbindet mit dem Sound von Neil Perch eine echte Hassliebe. Eigentlich will ich 20 Jahre nach dessen Erfindung keinen UK-Stepper mehr hören. Die Synthie-Sounds haben sich verbraucht, der militante Beat hat sich die Füße wund marschiert. Aber! Wenn die Dubs losstürmen, wenn der Bass explodiert und mir die Bassdrum in den Magen schlägt, wenn die intensive Energie des Rhythmus mir Schockwellen durch den Körper jagt und mein Hirn in die Windungen der Echokammer saugt, dann, ja dann bin ich wieder ein großer Fan dieses stolzen, altehrwürdigen Sounds von Mr. Perch!

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Lee Perry: Sipple Out Deh

Jeder wahre Reggae-Fan hat in seiner Plattensammlung eine kleine (oder auch große) Extra-Abteilung, die dem Werk Lee Perrys gewidmet ist. Dort befinden sich die schnell hüpfenden Upsetter-Aufnahmen aus den ganz frühen 1970er Jahren. Aber die abgegriffenen Platten stammen alle aus der Zeit zwischen 1974 und 1978, also aus jener Zeit, in der Lee Perry in seinem Black Ark-Studio hauste und dort die verrücktesten und zugleich mystischsten Sounds kreierte, die bis dahin im Reggae zu hören waren. Dabei hat der Meister auch viel Mist produziert, der bis heute immer wieder als „obskure, unveröffentlichte Kult-Aufnahmen“ vermarktet wird. Aber er hat auch (und vor allem) fantastische Meisterwerke geschaffen, die er zum Teil an Island-Rekords und zum anderen Teil an Trojan lizensierte. Letztere sind nun auf der Doppel-CD Lee „Scratch“ Perry & Friends „Sipple Out Deh – The Black Ark Years“ (Trojan/Sanctuary) erschienen – insgesamt 44 Stücke, schön chronologisch geordnet. Natürlich kennt man sie alle und hat sie, verteilt auf verschiedene Tonträger, auch schon in der Sammlung. Aber trotzdem ist es ein erhebendes Erlebnis, sie so konzentriert wieder zu hören und dabei dem Meister durch die Jahres seines Schaffens zu folgen, die Veränderung seines Stils wahrzunehmen und die Verdichtung seines Sounds, bis hin zu einem undurchdringlichen Klangdschungel, beizuwohnen. Faszinierend ist vor allem, dass Perrys Aufnahmen auch fast 40 Jahre nach ihrer Entstehung die Hörer immer noch in ihren Bann zu ziehen vermögen. Was ist es, das diese Musik zu zeitlos sein lässt? Vielleicht ist es die Tatsache, dass Perry wenig am kommerziellen Erfolg interessiert war und daher unabhängig von Marktgesetzen einfach echte Kunst kreiert hat. Vielleicht ist es aber – um etwas rationaler zu argumentieren – schlicht Perrys Konzentration auf den Sound gewesen, der seine Musik heute zu zeitgemäß erscheinen lässt. Während seine Konkurrenten richtige Hit-Songs produzierten, vergrub sich Perry immer tiefer in die Sound-Welt seines Black Ark-Studios und schuf dort ein unglaublich komplexes Klanggebilde, das seiner Zeit so weit voraus war, dass es jetzt, 2010, perfekt auf unsere heutigen, „soundorientierten“ Hörgewohnheiten passt. Aber wie dem auch sei, das Durchhören der Doppel-CD ist nicht nur schlicht und ergreifend schön, sondern es befeuert auch die Hochachtung und Wertschätzung von Perrys Genie. Leider ist es viel zu früh verglüht.

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Gappy Ranks: Put The Stereo On

Normalerweise höre ich ein neues Album zwei, drei mal und dann wirbt schon neues Material um meine Aufmerksamkeit. Doch das neue Album von Gappy Ranks, „Put The Stereo On“ (Greensleeves/Groove Attack) stellt diese Praxis auf den Kopf. Ich habe es jetzt bestimmt 10 bis 20 mal durchgehört, während neue CDs eingeschweißt auf meinem Schreibtisch liegen bleiben. Was für ein schönes Album! Produziert von den Peckings-Brüdern Chris und Duke Price, die auch für Bitty McLeans „On Bond Street“ verantwortlich zeichneten. Während sie für McLean ausschließlich auf alte Original-Treasure-Isle-Rhythms zurückgriffen (das dürfen sie aufgrund uralter Lizenzabkommen zwischen Duke Reid, Coxsone Dodd und Vater Price), kommen bei Gappy Ranks überwiegend Studio One-Produktionen zum Einsatz – und wir können einmal mehr feststellen, dass immer noch funktioniert, was Coxsone sein leben lang praktiziert hat, nämlich seine Aufnahmen aus den 1960er und 70er Jahren zu recyceln und damit stets neue Hits zu produzieren. Vielleicht ist es die Großartigkeit dieser Musik, von der die Sänger immer wieder zu schönen Songs inspiriert werden. Mr. Ranks macht da jedenfalls keine Ausnahme und bietet uns (vor allem in der ersten Albumhälfte) ein paar grandiose Retro-Songs, bei denen man sich unweigerlich in die goldenen Zeiten des Reggae zurück versetzt fühlt (und sich insgeheim dafür schämt, dass man – wie all die Rock-Altherren – immer noch auf die Musik der eigenen Jugend abfährt). Ich kann das Album gar nicht hoch genug loben. Nach meinem Geschmack ist es sogar noch viel besser als das in den Himmel gelobte McLean-Album „On Bond Street“, das mir – ehrlich gesagt – etwas zu schnulzig war. Aber da wir uns hier in England befinden, dürfen auch bei Gappy Ranks ein paar Lovers-Rock-Songs nicht fehlen – und wie das Presseinfo mitteilt, war der Oberschnulz-Song „Heaven In Her Eyes“ 13 Wochen lang die Nummer eins der britischen Reggae-Charts. Aber wenn das der Preis ist, der für den Genuss des restlichen Albums zu zahlen ist, dann zahle ich ihn mit Vergnügen.

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Dub Foundation

Nachdem nun Greensleeves mit der „Evolution of Dub“-Serie die Geschichte des Dub nacherzählt hat, wollte wohl auch Trojan die durch die Popularität von Dubstep herbeigeführte Gunst der Stunde nutzen, dies ebenfalls zu tun – allerdings in einem etwas reduzierteren Rahmen. Statt, wie Greensleeves gleich mehrere 4-CD-Boxen zu veröffentlichen, beschränkt sich Trojan auf eine Doppel-CD – allerdings mit immerhin 40 Tracks: Foundation Dub (Trojan/Sanctuary). Und da sich Trojan nicht lumpen lässt, haben sie hier eine Sammlung der besten und wichtigsten Dubs ihres Archivs zusammengestellt, beginnend in den frühen 1970er und enden Anfang der 1980er Jahre. Alle wichtigen Dub-Produzenten und Mixer der Ära des klassischen Dubs sind dabei: Augustus Pablo, King Tubby, Niney, Prince Jammy, Scientist, Linval Thompson, Bunny Lee und natürlich (und vor allem): Lee Perry. In chronologischer Folge kann man sich hier durch die Geschichte des Dub hören, verfolgen, wie sich der Sound verändert hat und wie die Mixe erst immer komplexer und schließlich wieder ganz einfach wurden, kann tief eindringen in die Dub-Mystik des Black Ark-Studios, Jammys Virtuosität lauschen und natürlich Tubbys Routine bewundern. Es ist eine Zeitreise von der Instrumentalversion zum puren Sound, von der B-Seite in die Abstraktion, von der Zweitverwertung zur eigenständigen Kunst. Eine Reise anhand absolut essenzieller Dubs, eine Reise übrigens, die gar nicht akademisch daherkommt, sondern genau das bietet, wofür Dub erfunden wurde: Spaß.

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The best of letzte Wochen

In den letzten Wochen sind bei mir viele gute Alben eingetrudelt, die alle eines miteinander verbindet: Sie enthalten keine Dubs. Aber neuerdings spielt das hier ja keine Rolle mehr, weshalb ich die Besten hier und jetzt würdige. Beginnen wir mit dem neuen Album von Famara: „The Sound Of Famara“ (famara.ch). Vor zwei Jahren hörte ich erstmals von dem Schweizer. Damals legte er sein Album „Oreba“ vor, das mir ausgesprochen gut gefiel, obwohl ich nicht per se ein Freund von afrikanischen Reggae bin. Genau das spielt der Alpenjunge: Reggae, wie er in Afrika produziert wird. Leichter, schneller, perkussiver als das jamaikanische Original. Famara bekommt diesen Stil perfekt hin, doch was seine Musik bemerkenswert macht, sind seine sehr schönen Melodien. Scheinbar mühelos reiht er einen Ohrwurm an den anderen. Während mancher jamaikanische Star im Studio erfolglos um Inspiration ringt, sprudeln sie Famara scheinbar wie von selbst aus der Feder. „The Sound Of Famara“ blickt zurück auf die zwölfjährige Karriere des „Baselers Reggae-Paradiesvogels“ (Presseinfo) und präsentiert uns seine größten Hits und ältere, aber bisher unveröffentlichte Songs sowie zwei mit Hilfe der Scrucialists neu eingespielte Tracks. Alles sehr schön – und wie gesagt: melodiös. Auf die nächsten 12 Jahre!

Wo wir gerade bei Afrika und Ideen sind: „United States Of Africa“ (VP) heißt das neue Album von Luciano und ist ein perfektes Beispiel für ein gutes Album, das aber durchaus mehr Ideen hätte gebrauchen können. Die Rhythms, eingespielt von Sly & Robbie, Dean Fraser, Steven „Lenky“ Marsden, Robbie Lynn und Mafia & Fluxy und produziert von Veteran Frenchie, sind ausnahmslos sehr gut und machen die eigentliche Attraktion des Albums aus. Doch die Songs von Luciano klingen doch größtenteils etwas uninspiriert. Seine stärksten Momente hat Luciano, wenn er ein wunderbares Remake von „Only A Smile“ der Paragons singt oder Ini Kamozes Hit-Riddim „World A Music“ neu interpretiert – also dann, wenn er gute Song-Ideen von anderen nutzen kann. So ist ein schönes, jedoch nicht sonderlich originelles Album entstanden, bei dem definitiv mehr drin gewesen wäre.

Viel drin ist ja bekanntlich in den jährlichen VP-Gold-Samplern. Passend zur WM (und somit jetzt schon total veraltet) ist folgerichtig „Reggae Gold 2010“ erschienen. Es posen vier Mädels in Phantasie-Fußballtrikots auf dem Titel: Japan, England, Amerika und natürlich Jamaika, womit die Hauptabsatzmärkte von VP wunderbar adressiert wären (während sie hinsichtlich ihrer Fußball-Kompetenz bei dieser WM ziemlich wenig zu melden hatten). Im Gegensatz dazu hat der Sampler jedoch einiges zu bieten, nämlich veritable Reggae-Hits wie „Hold You“ von Gyptian, „As We Enter“ von Nas & Damian Marley, oder „Skip To Ma Luu“ von Serani & Ding Dong. Den Sampler von 2009 hatte ich ob seines unwürdigen Inhalts kaum weiter beachtet, 2010 aber ist nun eine echte Überraschung. Nach meinen Geschmack enthält er wirklich gutes Material – auch für Reggae-Freunde, die dem Hardcore-Dancehall entwachsen sind. Aber vielleicht wandelt sich Dancehall ja gerade und gewinnt wieder mehr Eigenständigkeit gegenüber Hip Hop und R ,n‘ B. Schön wär‘s.

Und noch ein Album von VP: „Romain Virgo“ (VP) von Roman Virgo. Es ist ein toller Beleg für das rätselhafte Phänomen, dass Schlagermusik in jedem Genre irgendwie gleich klingt. Es scheint so etwas wie einen Meta-Stil „Schlager“ zu geben, der unabhängig von allen Stilmerkmalen eines Genres existiert. Leider gibt es das auch im Reggae und im schlimmeren Fall klingt es dann wie die erste Hälfte des Albums von Roman Virgo. Mit der Neuauflage des „Baylon Boops“-Riddims wandelt sich die Musik dann allerdings auf der Hälfte des Albums zu weichem, aber schönem Reggae (nur der letzte Song fungiert dann wohl als grausiger Rauswerfer). Aber ob ein gutes halbes Album Grund genug ist, sich ein ganzes zu kaufen?

Richtig Spaß hat mir hingegen der One-Riddim-Sampler „Kokoo Riddim“ (Rootdown) gemacht, das den hübschen, lustigen, beschwingten, leichten, melodiösen, hüpfenden, von Teka produzierten und von Jaqee besungenen Ska-Riddim in 17 Versions präsentiert. Fast allen Interpreten (u.a. Louie Culture, Antony B, Nosliw, Slonesta, Maxim) sind richtig gute Songs zu dem Ska-Beat eingefallen. Selten ein so abwechslungsreiches Album gehört ;-)

In den letzten Jahren machte ich stets einen großen Bogen um Dancehall, jetzt aber muss ich feststellen, dass mir das neue Album „D. O. B.“ (VP) von Busy Signal ziemlich gut gefällt. Stimmt etwas nicht mit mir? Oder stimmt etwas nicht mit dem Dancehall-Sound von Busy Signal? Ich glaube letzteres ist der Fall, denn Dancehall als Unterform von Hip Hop bietet uns Busy Signal nur in den Songs „My Money“ und „Yes Dawg“. Zum Ausgleich dafür bekommen wir dann aber mit „Busy Latino“ waschechten Salsa zu hören während „Picante“ den Pocoman-Style der 1990er Jahre reanimiert und uns mit „HiGrade“ ein äußerst nettes Remake des Stalag-Riddim präsentiert wird. „Opera“ ist hingegen ein grandios minimalistisches Werk, das nur aus wenigen Cello-Streichen besteht. Und um den Sack voll zu machen bietet uns Mr. Signal mit „One More Night“ sogar noch einen wunderschönen und kein bisschen schnulzigen Lovers-Track. Also, ich bin jetzt beim bewussten Nachhören selbst beeindruckt, wie vielseitig, wie spannend und nicht zuletzt wie schön das Album ist. Ich glaube, ich werde zum Fan von Busy Signal.

Mit großer Spannung erwartete ich das letzte Kapitel der „Reggae Anthology“ (17 North Parade/VP), das sich auf der Doppel-CD „The Definitive Collection Of Federal Records (1964-1982)“ dem gleichnamigen Label und dem Mann dahinter, Mr. Ken Khouri, widmet. Bereits in den 1950er Jahren hatte Khouri Mento-Platten produziert. 1960 kaufte er dann ein Stück Land in Kingston und gründete dort sein Studio und Presswerk „Federal Records“. Getrieben von der Vision, in Jamaika eine echte Musikindustrie entstehen zu lassen, begann er Ska, später Rocksteady und dann Reggae aufzunehmen – und zwar stets in einer sehr kommerziellen Spielweise. Ein wichtiges Standbein seines Business war es z. B., Hits anderer Produzenten in „gefälligerer“ Weise zu covern und die Platten dann in der Karibik zu vertreiben. Vor allem bei den Produktionen aus den 1970er Jahren wird die kommerzielle und auf ein internationales Publikum zielende Ausrichtung überdeutlich. Das macht die Doppel-CD – obwohl sie eine wichtige historische Dokumentation ist – in weiten Teilen ungenießbar. 1981 verkaufte Ken Khouri sein Studio und das Presswerk übrigens an den Bob Marley-Clan, der den Komplex in Tuff Gong umtaufte.

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Rocksteady – The Roots Of Reggae

In den nächsten Tagen wird der Film „Rocksteady – The Roots Of Reggae“ in Deutschland Premiere haben. Ich habe ihn mir schon vorab angeschaut, nicht zuletzt, weil ich ziemlich gespannt darauf war zu sehen, ob endlich einmal eine gute Dokumentation über die Musik Jamaikas entstanden ist. Mein DVD-Regal ist prall gefüllt mit den dubiosesten Filmen über Reggae, meist dilettantische Versuche, dem Reggae zu huldigen, statt ihn zu erklären. Die einzige glorreiche Ausnahme ist die BBC-Dokumentation „Reggae: The Story Of Jamaican Music“, ein zweistündiger Streifzug durch die Reggae-Historie mit großartigem Footage aus allen Jahrzehnten der noch kurzen Existenz unserer Lieblingsmusik, mit sehr präzisem Off-Kommentar und schönen Interviews. Doch nun gibt es: „Rocksteady – The Roots Of Reggae“ und die BBC-Doku bekommt nicht gerade Konkurrenz in meinem Regal, sondern eine gute Ergänzung. Anders als bei der BBC liegt das Interesse des Regisseurs Stascha Bader nicht so sehr in der akkuraten Vermittlung von historischen Fakten, sondern eher bei den Menschen, die dem Rocksteady Mitte bis Ende der 1960er Jahre Leben einhauchten. Und genau in dieser Hinsicht wirkt „Rocksteady – The Roots Of Reggae“ manchmal wie eine Kopie von „Buena Vista Social Club“. Hier wie dort umkreist die Kamera die gealterten Musiker, zeigt sie im Studio und auf der Bühne, weidet sich an ihren zerfurchten Gesichtern und zeigt mit einem verschmitzten Augenzwinkern die alten Recken in  Posen, die der Zuschauer normalerweise von jungen Stars gewohnt ist. Und noch etwas lässt mich unweigerlich an Wim Wenders Original denken: Wir sehen ein Jamaika, das ähnlich wie Cuba, in der Mitte des letzten Jahrhunderts stecken geblieben ist. Wir sehen romantisch verfallene Orte, pittoreske Ruinen alter Theater, Orte unschuldiger Tanzvergnügen, die  ein Jamaika vor dem Sündenfall wiederauferstehen lassen. An diesen Orten stehen die Rocksteady-Veteranen, schwelgen in Erinnerungen an eine bessere Zeit und stimmen ein Lied an. Tja, innovatives Kino ist zehn Jahre nach „Buena Vista Social Club“ etwas Anderes. Aber als Freund von Reggaes „Goldenem Zeitalter“, nämlich der Rocksteady-Zeit, schaut man gerne über die allzu konventionelle Form des Films hinweg und freut sich, Gladstone Anderson, Ken Boothe, Stranger Cole, Marcia Griffith, Rita Marley, Derrik Morgan, Judy Mowatt, Dawn Penn, Leroy Sibbles und viele andere Musiker beim Musizieren zusehen zu dürfen. Langweilig wird das zu keiner Zeit, denn Stascha Bader entwickelt durch die Abwechslung von Studio-Szenen, Interviews mit den Artists (oft in deren erstaunlich kleinbürgerlich eingerichteten Häusern aufgenommen), dokumentarischen Straßenszenen und Footage aus den 1960er Jahren, eine kurzweilige Dramaturgie, die den Film sehr unterhaltsam macht. Gleichermaßen unterhaltsam sind die superb produzierten und aufgenommenen Songs, wenn auch Stascha Bader sich leider (aber verständlicher Weise) für die absoluten „Megahits“ des Rocksteady entschieden hat, derer man eigentlich schon etwas überdrüssig ist. Aber egal. Das ist alles klagen auf höchstem Niveau. Für eine Reggae-Doku ist „Rocksteady“ wirklich hervorragend gelungen und für jeden Reggae-Connaisseur ein Geschenk des Himmels.

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Dubmatix: System Shakedown

Dubmatix – mein aktueller Dub-Held hat ein neues Album veröffentlicht: „System Shakedown“ (Echo Beach/Indigo) – und es ist gar nicht Dub! Verdammt noch mal, ein so cooles Album, und es passt nicht in meine Kolumne. Und eigentlich auch nicht in den Dubblog. Aber was soll’s. Wenn Moses nicht zum Berg kommt, dann kommt der Berg zu Moses! Also gilt ab heute: Der Dubblog weitet sein Spektrum und lässt nun alles zu, was dem Autor gefällt – und „System Shakedown“ gefällt mir ganz außerordentlich. Denn das Album bietet genau das, wofür ich Dubmatix verehre: sehr fette, kraftvolle, grandios arrangierte und instrumentierte Old School-Rhythms. Gab es schon beim Vorgänger viele Tracks mit Gastvokalisten, so hat Dubmatix jetzt Nägel mit Köpfen gemacht und (mit zwei Ausnahmen) das gesamte Album in den Dienst des Gesangs gestellt. Wie nicht anders zu erwarten, reichen sich hier die Veteranen des Genres das Micro weiter: The Mighty Diamonds, Dennis Alcapone, Gregory Isaacs, Tippa Irie und natürlich U-Brown. Flankiert werden sie von weniger bekannten Artists wie den Ragga Twins, Brother Culture oder Omar Perry. Und, ist das jetzt besser als ein reines Dub-Album? Der Purist in mir gibt zähneknirschend zu: ja, das könnte schon sein, denn die Sänger liefern ausnahmslos famose Songs ab. Songs, die die Rhythms zum brennen bringen, während die Rhythms wieder die Songs befeuern. Alles in allem also eine ziemlich eindrucksvolle Explosion, die uns hier auf die Trommelfelle knallt. Oder, um es nüchtern, objektiv und ohne persönliche Wertung zu sagen: Das Album rockt als hätte Dubmatix den Groove erfunden.

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Mos Dub

Über Funkhaus Europa bin ich heute auf ein außergewöhnliches und hochspannendes Album gestoßen: „Mos Dub“ (mosdub.com). Max Tannone, der bereits zwei Mash-Up Alben zu verantworten hat (mit Material von Radiohead und Beasty Boys), hat die Vocals des US-Rapper Mos Def extrahiert, isoliert und sie über verrückt zusammengesamplete Reggae-Backings gelegt. Scientist trifft Lee Perry, trifft Niney, trifft Wailing Souls, trifft King Tubby, trifft Errol Thompson, trifft Studio One und trifft beim schönsten Stück des Albums auf Desmond Dekkers „007“. Weitere Beschreibungen spare ich mir, da das Album hier kostenlos und legal heruntergeladen werden kann: http://mosdub.com/

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Dub (R)evolution Review

Dub Evolution, August 2010

Wer glaubte, die Evolution des Dub wäre mit der „Natural Selection“ abgeschlossen, irrte, denn nun präsentiert uns Greensleeves den „Missing Link“, also Vol. 5 der „Evolution Of Dub“-CD-Box-Serie (Greensleeves). Trotz fortgeschrittener Evolution befinden wir uns zunächst immer noch in Mitten der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts und zwar beim Musiker und Produzenten Ossie Hibbert. Er steuert zwei der vier Alben der Box bei: „Earthquake Dub“ und „Crueshal Dub“ (sic!).

„Earthquake Dub“ erschien auf dem Label von Joe Gibbs, nachdem Ossie es ihm im Tausch gegen ein Auto (Errol Thompsons Auto!) überlassen hatte. Im „Reggae: The Rough Guide“ wird es als „militantere Fortführung der „African Dub“-Serie“ beschrieben, was den Nagel ziemlich auf den Kopf trifft. Zu hören gibt es den klassischen, wohlbekannten und allseits beliebten Professionals/Aggrovators/Revolutionaries-Sound, dominiert von Sly Dunbars immer wieder faszinierenden Drumpatterns. Uptempo, leicht und doch auch zielstrebig, bestimmt und geradeaus. Ganz im Stile der Zeit, gibt es vornehmlich Wiederauflagen klassischer Rhythms zu hören wie z. B. „Pick Up The Pieces“ von den Royals oder „Declaration of Rights“ der Abyssinians.

Das zweite Ossie-Album der Box, „Crueshal Dub“, ist so obskur, dass selbst Ossie himself sich kaum noch erinnern kann, wie es zu Stande kam. Soundtechnisch liegt es eindeutig vor „Earthquake Dub“ und konzentriert sich auf die Wiederbelebung alter Studio One-Rhythms. Weniger stark und eigenständig als „Earthquake“, weiß es jedoch durch schöne, kunstvolle Dub-Mixes zu überzeugen.

Die anderen beiden Alben der Box sind ein Novum der Serie, da mit ihnen der Sprung nach England gewagt wird: „King Of The Dub Rock Part 1“ und „Part 2“. Insofern ist der Box-Titel „The Missing Link“ ja verdammt clever gewählt. Produzent beider Alben ist der britische Sound-Man Lloyd Blackford a.k.a. Sir Coxsone Sound. In den sechziger Jahren benannten sich viele britische Sound Systems nach ihren jamaikanischen Vorbildern. Und da Blackfords ärgster Widersacher sich nach Duke Reid benannt hatte, wählte Blackford folgerichtig den Namen von Clement Coxsone Dodd. „King Of The Dub Rock Part 1“ erschien 1975 und enthielt Rhythms von Dennis Bovell und Gussie Clarke. Blackford mischte die Dubs selbst und verlieh den recht unterschiedlichen Sounds so eine gewisse Einheitlichkeit. Das Album ist aus historischen Gründen als „Missing Link“ durchaus interessant, bleibt aber hinsichtlich des Hörvergnügens weit hinter „Part 2“ zurück, der erst sieben Jahre später erschien (und damit den Sprung in die 1980er Jahre vollzog). Ich hatte mir das Album im Jahr seiner Erstveröffentlichung gekauft und war einerseits fasziniert von dem satten Klang, den starken Bläsersätzen und den schönen Melodien, andererseits war ich aber auch ziemlich irritiert von den Space-Invaders-8-Bit-Sounds, die wahllos in die Tracks gemischt waren. Zum Glück wurden diese Overdubs inzwischen entfernt, so dass sich die originalen Dubs hier in ihrer ganzen ungetrübten Schönheit genießen lassen. Nach meinem Geschmack war der Old School Dub zur Entstehungszeit dieses Albums auf seinem künstlerischen Höhepunkt – nur um kurze Zeit später in Jamaika auszusterben. Ich bin gespannt, ob die Boxenserie nun mit Jah Shaka und Mad Professor in England weiter geführt wird. „Escape To The Asylum Of Dub“ wäre doch eine perfekte Fortsetzung …

Wie wäre es mit ein wenig Dub aus Australien? Der gebürtige Brite Brian May werkelt down under an diversen Musikstilen herum, die alle eines verbindet: Dub. Unter dem Pseudonym Beam Up hat er nun das Album „Terra Sonica“ (beamingproductions.com) veröffentlicht auf dem er Dubs präsentiert, die sich stilistisch nicht in ein Genre packen lassen, aber alle den Gesetzen des Dub gehorchen. Das Spektrum reicht von Worldmusic über Reggae bis Dubstep. Nach meinem Geschmack sind genreübergreifende Experimente ja prinzipiell spannend, hier aber will der Funke nicht so recht überspringen. Die Mixe sind brillant, allein an den Rhythms hapert‘s. Die könnten etwas mehr Groove gebrauchen.

Angenehm traditionell geht es hingegen auf dem neuen Album von Aldubb zu: „Aldubb Meets Ras Perez“ (MKZwo Records). Da weiß man, was man hat! Schöne Roots-Dubs, ganz unaufgeregt, ohne Anspruch auf einen Innovationspreis, einfach nur fette Basslines, große Echo-Chambers und ein schöner Old-School-Sound. Entstanden sind die Aufnahmen während vieler Probe-Sessions im hauseigenen Berliner Studio von Aldubb. Drums und Percussion hat der Dub-Meister himself eingespielt, Ras Perez übernahm den Rest. Ein Album, das gewissermaßen unbeabsichtigt entstanden ist. Beim Jammen ließen die Beiden einfach das Band mitlaufen: „Irgendwann waren es so viele Dubs, dass es einfach mal auf CD musste.“ Richtige Entscheidung! Ist ein gutes Album geworden.

Dubstep darf nicht fehlen – vor allem nicht, wenn er von Kanka kommt, jenem französischen Steppers-König, der zuletzt mit seinem Album „Don‘t Stop Dub“ unsere Nachbarn aus dem Bett katapultierte. Unter dem Pseudonym Alek 6 hat er nun das Dubstep-Album „Inside“ (Hammerbass.fr) vorgelegt, das kompromisslos hält, was wir uns von Kanka versprechen, nämlich Bass, Bass und Bass. Drum herum erklingen jetzt allerdings, anders als gewohnt, nur wenige Offbeats – statt Warrior-Style gibt es düstere Elektronik und rigiden Minimalismus. Gelegentlich lodern ein paar Jungle-Breakbeats auf, ansonsten hält sich der Ideenreichtum allerdings in Grenzen. Doch wer braucht für eine betäubende Bass-Dröhnung schon Ideen? Hauptsache die Hose flattert.

Zum Abschluss noch etwas leicht obskures, nämlich ein polnisches Dub-Album von einer Band namens DUP!: „Dup! Session In Something Like Studio“ (dupmusic.com). Das gesamte Presseinfo besteht aus diesen zwei Sätzen: „Wir heißen Dup und präsentieren stolz unser erstes Album. Wir spielen Dub-Musik und unser wichtigster Einfluss ist der Oldschool-Sound alter jamaikanischer Aufnahmen“. Knapp, aber präzise. „Old-School-Dub“ trifft die Sache ganz gut: Dubs, die fast live gespielt klingen, voller Atmosphäre, mit virtuosen Percussions und richtig schönen Basslines. Und natürlich mit Tubby-mäßigen Mixen und extra-sauberem Sound.

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Dub (R)evolution Review

Dub Evolution, Juni 2010

Und da sind sie wieder. Nach 14 Jahren Stille, gab‘s vor acht Monaten mit „Sonn und Mond“ das definitiv spannendste Dub-Album des Jahres zu hören. Und nun folgt mit „We So Horny“ schon ein weiteres Werk von Hey-O-Hansen! Was ist in die beiden Tiroler und Wahl-Berliner gefahren? Sind Michael Wolf und Helmut Erler von der Muse geküsst worden? Wenn man den kreativen Gehalt ihrer Alben zu Grunde legt, dann muss diese Frage zwingend bejaht werden. Etwas so Ungewöhnliches, Schräges und doch absolut Stimmiges ist mir ist schon seit langer Zeit nicht mehr untergekommen. Keine Sorge, wir haben es hier nicht mit verkopften Studio-Experimenten zu tun, sondern mit, wenn auch merkwürdig verschroben, so doch ganz wunderbar groovenden Dubs. Es sind Dubs, die mit Nachdruck zeigen, welch enorme kreative Spielräume das Genre bietet, und wie diese überzeugend genutzt werden können. Anders als „We So Horny“ war der Vorgänger „Sonn und Mond“ das Destillat aus 14 Jahren Dub-Forschungsarbeit und hinsichtlich des Ideenreichtums kaum zu überbieten. „We So Horny“ enthält hingegen gänzlich neues Material und opfert zwangsläufig die Vielfältigkeit des Vorgängers einer größeren stilistischen Geschlossenheit. Während „Sonn und Mond“ mit jedem Track eine andere Überraschung bot, ermöglicht es „We So Horny“, sich in den merkwürdigen (angeblich von Tiroler Volksmusik und ihrem eigenwilligen Offbeat beeinflussten) Dub-Sound der beiden Studio-Frickler einzuhören. Und was macht den Sound so eigenwillig? Gar nicht so einfach zu sagen. Vielleicht lässt es sich mit dem Begriff der „Künstlerischen Widerborstigkeit“ am besten beschreiben. Hier klingt nichts „glatt“ oder konventionell. Im Gegenteil. Die Frage lautet: Wie viel Dub-Konvention darf man über Bord werfen, ohne dass die Musik aufhört Dub zu sein? Hey-O-Hansens Antwort lautet: alles außer Echo, Bass und Offbeat. Und das Erste, was hier über Bord geht, ist das klassische Instrumentierungsschema. Deshalb hören sich die Hey-O-Hansen-Dubs zunächst falsch gespielt an, nur um im nächsten Moment folgerichtig und zwingend zu klingen. Allein schon der massive Einsatz von Blasinstrumenten ist außergewöhnlich. Hinzu kommt eine eigenwillige Mischung aus elektronischen Sounds (à la Basic Channel) und handgespielten, akustischen Instrumenten sowie eine simple, aber doch irgendwie vertrackte Polyrhythmik. Wirklich beschreiben lässt sich Hey-O-Hansens Musik nicht. Nur eines lässt sich ganz klar sagen: Sie ist großartig.

Machen wir direkt weiter mit schräger Dub-Mucke: „Japanese Dub“ (30 Hertz) von Jah Wobble & The Nippon Dub Ensemble. Das letzte, was ich von Mr. Wobble gehört habe, war sein „Chinese-Dub“-Album „Mu“ von 2005. Mit „Japanese Dub“ knüpft er nahtlos an, wo er mit „Mu“ aufgehört hat. Er ist lediglich ein kleines Stückchen weiter gen Osten gezogen. Statt des chinesische Zeichens „Mu“ prangt nun das japanische „Ma“ auf dem Cover. Die Bedeutung ist die selbe: Leere, Abwesenheit – ein in der Zen-Meditation wesentlicher Begriff – und da Dub per se meditative Qualität hat, ist er natürlich prädestiniert für Jah Wobbles esoterische Exkursionen. Diesmal führt sie uns zu ritueller Shinto-Musik, Taiko-Trommeln und Shamisen-Klängen. Die Basis aller Stücke des Albums ist stets Wobbles grollender Bass und nicht selten auch von ihm programmierte Beats (natürlich auf japanischem Equipment). Das funktioniert gar nicht schlecht, zumal Wobble sich des öfteren auf Reggae-Beats stützt. Richtig abgefahren ist der traditionelle japanische Gesang. Wer hier nicht open minded ist, der dürfte einen Schock davon tragen. Dabei ist das intonierte Lied („Kokiriko“ – angeblich das älteste Lied Japans) eigentlich sehr schön und hat eine – selbst für westliche Ohren – unglaublich eingängige Melodie. Jah Wobble war so besessen von diesem Lied, dass er es gleich vierfach, gewissermaßen als Version Excursion, aufs Album gepackt hat. Außer diesem Lied, gibt es aber noch andere nette Dinge zu entdecken: Pentatonische und chromatische Tonleitern, Kabuki-Gesang und dröhnende Trommeln zum Beispiel. Jah Wobble schont seine Zuhörer nicht – aber genau das bietet ja die Chance auf neue Entdeckungen. Und dafür danken wir Mr. Wobble-bass.

Letztes Jahr erschien das Debutalbum von Dubkasm, „Transform I“ (Sufferah‘s Choice), ein dunkles, geheimnisvolles Dub-Roots Werk mit Gastvokalisten wie African Simba, Dub Judah und, interessanter Weise, auch brasilianischen Sängern jenseits der Reggae-Szene. Nun liegt mit „Transformed in Dub“ (Sufferah‘s Choice) die Dub-Version des Albums vor. Diese ist noch dunkler, noch intensiver, noch schwerer und – nach meinem Gefühl – auch noch interessanter geworden, denn hier gilt alle Aufmerksamkeit der Musik, dem Sound, den Finessen des Mixes. Hinter Dubkasm stecken zwei Jungs aus Bristol, Digidub und DJ Stryda, die sich schon seit Kindestagen (nach dem Besuch einer Show von Jah Shaka) ganz dem „orthodoxen“ Roots-Dub verschrieben haben. Daher darf man von den beiden keine neuen Dub-Erkenntnisse erwarten, sondern eher die liebevolle Pflege der guten, alten Dub-Tradition. Wie sehr sich die beiden Bristol-Dubber über ihr neues, analoges Mischpult freuen, lässt sich auf dubcasm.com in einem netten, kleinen Filmportrait sehen.

Ok, Dreadzone. Bei diesem Namen erwachen in mir Erinnerungen an die frühen 90er Jahre, Erinnerungen an ein riesengroßes Aha-Erlebnis, als ich auf dem Dreadzone-Album „360 Degrees“ zum ersten Mal das Crossover von Leftfield und Roots-Dub hörte. In der Folge erschienen von Dreadzone weitere sagenhafte Alben, die nicht nur die nächst höhere Evolutionsstufe von Dub präsentierten, sondern auf denen auch grandiose Songs und wahnsinnig eingängige Melodien erklangen. Daher muss ich wohl kaum erwähnen, dass ich die neue CD „Eye On The Horizon“ (Dubwiser Records/Soulfood) mit zitternden Fingern auspackte. Was dann kam, lässt sich vielleicht als eine Folge von Verwirrung, Enttäuschung und schlussendlich Gefallen beschreiben. Fest steht, dass das neue Album die gigantische Erwartungshaltung nicht einlösen kann. Es schließt zwar – vor allem was Songmelodien und Arrangements betrifft – an „Second Light“ oder „Biological Radio“ an, schafft es aber nicht auf das Niveau dieser Alben. Während diese auf virtuose Weise Techno/Dance, Leftfield und Pop unter der Vorherrschaft von Dub vereinten, steuert „Eyes On The Horizon“ ganz klar durch Pop- und nicht selten sogar durch Rock-Gewässer. Auch wenn der Titel „Eyes On The Horizon“ anderes vermuten lässt, haben sich Greg Dread & Co seit den vorgenannten Alben aus den 90er Jahren, aber auch seit dem 2005 erschienenen „Once Upon A Time“, nicht wirklich weiterentwickelt. Es ist zwar böse, so etwas zu schreiben, aber ich habe das Gefühl, dass Dreadzone bei ihrem neuen Album ein wenig zu sehr in Richtung Chart-Erfolg geschielt haben. Sicherlich ist diese Kritik ein Klagen auf hohem Niveau. Unzählige Dub-Producer würden dem Himmel danken, wenn sie nur annähernd ein Album in der Qualität von „Eye On The Horizon“ fabrizieren könnten. Denn: lässt man alle Erwartungshaltungen und Vorurteile über Pop und Rock hinter sich, so wird plötzlich offensichtlich: Das neue Dreadzone-Werk ist gut. Und woran merkt man es? Schlicht und einfach daran, dass man es immer wieder auflegt und Spaß hat, es anzuhören.

Nachdem wir nun schon einige Male das „absolut letzte Volume“ der King Size Dub-Serie hinter uns haben und letztes Jahr mit „Vol. 69“ ein Sampler „außerhalb der Reihe“ ins Haus flatterte, gibt es nun: „King Size Dub Chapter 13“ (Echo Beach) – und, das ist das Schöne an Traditionen, wieder mit einem Ruts DC-Remix. Aber – jetzt mal ganz im Ernst –, ich bin froh, dass Echo Beach die legendäre Serie fortführt, denn die Sampler (Vol. 1 erschien 1995!) bieten stets eine höchst geschmackssichere Auswahl aktueller Produktionen. So auch Chapter 13, wo uns diesmal, neben einer Menge hauseigener Artists wie Noiseshaper, Up, Bustle & Out, DubXanne, Dub Spencer & Trance Hill oder Dubblestandart, auch Tracks von Dreadzone, The Vision, Aldubb oder Herbst in Peking zu gehör gebracht werden. Eine hervorragende Selection – Echo Beach weiß eben, wo der Bass spielt.