Vor nicht ganz einem Jahr schwärmte ich von einer Entdeckung aus Stockholm: „Sheya Mission: Nine Signs & Heavy Dub“, produziert von Jonahgold, einem wundervoll entspannten Album voller wohliger Dub-Sounds. Nun hat der Bursche aus dem hohen Norden schon wieder zugeschlagen: Rob Symeonn „Indigenous in Dub“ (Goldheart Music). Es basiert auf dem (von ihm selbst produzierten) Vocal-Album „Indigenous“ von 2014 – einem recht schlichten „Brot- und Butter-Album“, wie es ein anderer Rezensent einmal nannte. Doch welch unglaubliche Metamorphose hat es bei seiner Wandlung zur Dub-Version durchgemacht! Plötzlich sind sie da, der warme Sound, die weichen Beats, der entspannte Mix – alles, was es für ein klassisches Dub-Werk so braucht. Es ist nichts spektakuläres, sondern einfach nur schönster Dub zum wohlfühlen.
Dubcon: mArtian Dub Beacon
Ich hatte mich schon oft gefragt, was eigentlich aus Ryan Moore und seinem Twilight Dub Circus geworden ist. In den 1990er und 2000er Jahren war er überaus aktiv, produzierte Dubs am laufenden Band, die er später dann zunehmend mit Vocals jamaikanischer Foundation-Artists dekorierte. Irgendwie fehlte seinen Werken zwar immer ein Quäntchen Esprit, aber der Sound war superb. Zwei Jahre ist es inzwischen her, dass er wieder auf sich aufmerksam machte. Allerdings nicht als Twilight Circus, sondern als Dubcon – einem Kooperationsprojekt mit cEvin Key. cEvin Key? Ist das nicht …? Stimmt, das ist der Mitbegründer von Skinny Puppy, jener Post-Industrian/Electronica-Band aus den 1980er Jahren. Mit Reggae und Dub hatte die so viel zu tun wie Twilight Circus mit einem Zirkus. Aber, wie es schon so oft zu beobachten war, nicht selten sind es die Genre-Outsider, die die spannendsten Ideen haben. Bei Dubcons neustem Werk „mArtian Dub Beacon“ (Metropolis) würde ich jetzt nicht so weit gehen, von Innovation zu sprechen, aber ein interessantes musikalisches Statement geben die beiden so gegensätzlichen Musiker damit durchaus ab. Zunächst einmal die Musik: hundert Prozent Dub auf Reggae-Basis. Also, keine Angst vor artfremden Experimenten. Und wenn man erst mal weiß, dass u. a. Ryan Moore dahinter steckt, dann ist die Ähnlichkeit zum Twilight-Sound frappierend. Aber was die Dubcon-Produktionen besonders sein lässt, ist die Kombination aus brachialen Bass-Beats und ihrem rigiden Minimalismus. Also auf der einen Seite die volle Packung, auf der anderen die Reduktion auf das Minimum. Das Ergebnis ist ein irgendwie üppiger Minimalismus. Dubstep lässt grüßen – doch was bei diesem meist kalt und technisch rüber kommt, klingt hier warm, atmosphärisch und analog – wie ein gemütliches Lagerfeuer auf dem Mars.
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Jacob Miller: Who Say Jah No Dread?
Ein Jacob Miller Album im Dubblog? Stimmt, es hätte hier nichts zu suchen, wären da nicht die ganzen Dub- und Instrumental-Versionen von Augustus Pablo, die rund zwei Drittel des Albums Jacob Miller: „Who Say Jah No Dread?“ (VP) ausmachten. Die Aufnahmen stammen aus der Mitte der 1970er Jahre, also vor Millers Aufstieg zum Reggae-Superstar. Sein Frühwerk gewissermaßen, das er für Augustus Pablo einsang und das so schöne Klassiker umfasst wie „Keep on Knocking“, „Baby I Love You So“ oder „Each One Teach One“. Doch was wären die Songs ohne die atemberaubenden Rhythm-Tracks von Pablo? Nicht Miller, sondern Pablo ist hier der Star des Albums, das übrigens erst 1992 das Licht der Welt erblickte und nun, als auf doppelte Größe angeschwollenes, adipöses Super-Rerelease vorliegt. Bestand schon das Original zu 50 Prozent aus Dubs, so wurden jetzt weitere hinzugefügt, so dass auf ein Jacob Miller-Vocal mindestens zwei Instrumental-Versions folgen. Ein Showcase XXL, könnte man sagen. Ich muss gestehen, dass ich mich an dem Sound der typischen 1970er-Dubs eigentlich satt gehört habe – außer an den Produktionen von Augustus Pablo (und Lee Perry, natürlich). Pablos Musik (und ich meine hier nicht das Melodikaspiel) hat eine ganz eigene, dunkle Moll-Atmosphäre, die in den rund 40 Jahren ihres Bestehens absolut nichts an Qualität eingebüßt hat. Immer wieder überwältigend, in sie einzutauchen.
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VP/Greensleeves fährt fort mit der Aufarbeitung des Augustus Pablo-Erbes. Die Wahl fällt dieses Mal auf die bekannte Compilation „Original Rockers“ (VP). Ursprünglich 1979 als 10-Track-LP auf Greensleeves erschienen, versammelte die Scheibe einige der spannendsten Pablo-Produktionen aus der zweiten Hälfte der 1970er Jahre. In den folgenden Jahren erfuhr das Album diverse Reinkarnationen, wuchs 1987 beim Sprung auf CD um ein paar Tracks an – und dann noch einmal 2001, als das erste Remaster veröffentlicht wurde. Doch verglichen mit dem, was jetzt vorliegt, waren das halbherzige Unternehmungen. Denn erst jetzt, 37 Jahre nach der Erstveröffentlichung, gibt es die einzig wahre Deluxe-Edition dieser grandiosen Zusammenstellung von Augustus Pablo-Meisterwerken, erweitert um zusätzliche 13 Tracks, im Original-Cover und in einer Soundqualität, wie sie zuvor niemals zu hören war. Auch historischer Akkuratesse verpflichtete man sich: Bei der Erstveröffentlichung wünschte sich Greensleeves „Tubby’s Dub Song“ auf dem Album, Pablo konnte allerdings die Original-Bänder nicht finden und schickte statt dessen „Pablo’s Theme Song“, eine andere Version des Stückes, die aber als „Tubby’s Dub Song“ betitelt wurde. Nun hat alles seine Richtigkeit: Track 4 heißt jetzt korrekt „Pablo’s Theme Song“ und „Tubby’s Dub Song“ gibt’s als Bonus. Darüber hinaus findet der Dub-Freund weitere Pablo/Tubby-Juwelen wie z. B. „Love Won’t Come Easy“ von den Heptones (in zwei Versionen) oder Cassava Rock mit dem jungen Big Youth oder auch„Africa Dub“ und „Lightning Flash“, alles fantastische Instrumentals und Dubs, die ihre betörende Schönheit bis heute nicht verloren haben.
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Und wieder ein Rerelease einer 70ies-Dub-Rarität: „Observation Of Life Dub“ (Burning Sounds) von der reichlich obskuren Band Page One – hinter der sich allerdings die Studio Crew des Produzenten Winston „Niney“ Holness verbirgt. Das Album ist die Dub-Version von „Better Days“, dem 1978 erschienenen Album der Heptones. Also haben wir es hier mit absolut klassischem Dub zu tun: lockere Uptempo-Beats, üblicher Mix, routiniert und sicher. Drei Stücke fallen auf: „Way of Life“ hat einen hübschen Rockers-Drumstyle, „Observer’s Style“ profitiert von schönen, treibenden Percussions und „Africa’s Time Now“ – mein Favorit – ist außergewöhnlich dunkel und reduziert. Nichts, um darüber aus dem Häußchen zu geraten, aber reinhören schadet auch nicht.
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Dub ist tendenziell eine eher dunkle Musik. Magisch, mystisch, metaphysisch – tief und schwer. Doch wie wäre es mal mit der kompletten Antithese zu unserem Lieblings-Sound: Eine fröhliche, beschwingte, optimistische Musik, die zu einem sonnigen Sommermorgen auf dem Land passt? Hier ist sie: Marcel-Philipp: „Morning Sessions Vol. 1“ und „Morning Sessions Vol. 2“ (Ashera Records). Der junge Multiinstrumentalist aus Baden-Württemberg präsentiert uns hier 24 auf zwei Alben verteilte, so ungemein beschwingte Instrumentals, dass es eine pure Freude ist. Wer beim Hören der „Morning Sessions“ nicht die Sonne aufgehen spürt, muss unverbesserlicher Misanthrop sein. Sein Sound erinnert mich an jene Studio One-Aufnahmen, bei denen Jackie Mittoo in die Tasten griff und der Groove nur so strömte. Auch bei Marcel-Philipp spielt die Orgel eine Hauptrolle – direkt nach der Melodica, jenem Instrument, das untrennbar mit dem Namen Augustus Pablo verknüpft ist. Die ihrem Klang innenwohnende Einfachheit und kindliche Unschuld passen kongenial zu den schlichten und dadurch nur umso schöneren Melodien, die Marcel-Philipp ihr entlockt. Auch das Arrangement der meist an frühen Reggae erinnernden Uptempo-Beats der Instrumentals zeichnet sich durch Einfachheit aus. Wer will, könnte das für naiv und unterkomplex halten. Ich hingegen neige dazu, an dieser durch und durch optimistischen Musik einfach Spaß zu haben.
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United Nations of Dub Weekender
In knapp einem Monat ist es wieder so weit: Der United Nations of Dub-Weekender lädt zum Tanz. Meiner bescheidenen Meinung nach dürfte dieses dreitägige Event an der Küste von Wales als das Mekka des Dubs gelten. Hier ist der Ort, an dem die führenden UK-Roots- und Dub-Soundsystems aufspielen und die wichtigsten Protagonisten der Szene sich versammeln. Wer Dub in seiner authentischen Form, also als ein aus meterhohen Boxentürmen sich entladendes, grollendes Bass-Gewitter erleben möchte, ist hier goldrichtig. Tagsüber an den schönen Küsten von Wales spazieren gehen, wunderschöne britische Gärten und Burgen anschauen und nachts dann in ein Meer aus Bass abtauchen – klingt das nicht verlockend? Ich werde auf jeden Fall wieder dort sein.
Congo Natty: Jungle Revolution in Dub
Der Mann, der früher Rebel MC war, mit „Street Tuff“ einen massiven Ska-Pop-Hit hatte, sich danach dem Jungle verschrieb, in der Versenkung verschwand und erst 2003 unter dem Namen Congo Natty wieder auftauchte, veröffentlichte 2013 mit „Jungle Revolution“ ein viel beachtetes neues Jungle/Drum & Bass-Album. Nun, zwei Jahre später, erscheint der Remix dieses Albums: „Jungle Revolution in Dub“ (Big Dada). Was die Sache für uns interessant macht: Unter den Remixern befinden sich eine ganze Menge namhafter Dub-Produzenten, wie z. B. Dubkasm, Adrian Sherwood, Young Warrior, Joe Ariwa, Mungos Hi-Fi, Vibronic und Conscious Sounds. Daher verwundert es auch nicht, dass, obwohl „Jungle Revolution“ mit Reggae nicht allzu viel zu tun hatte, „Jungle Revolution in Dub“ ein – sagen wir mal: progressives – Dub-Album mit signifikantem Reggae-Anteil geworden ist. Das Label beschreibt es als „a kind of echo chamber of styles and sounds“ und trifft es damit ziemlich gut. Reggae, Dub, Jungle, UK-Bass Music – alles findet hier zueinander. Doch statt sich zu einem organischen Ganzen zu verbinden und sich dem kontinuierlichen Groove des Dub anzuschmiegen, stehen die Elemente allzu oft unvermittelt nebeneinander. Beats, Styles, Samples, Vocals wechseln oft schon nach wenigen Takten – aus Sicht des Dub-Puristen lässt sich hier durchaus von „Überproduktion“ sprechen. Doch es gibt auch einige herausragende Tracks, in denen der Geist von Dub zu spüren ist, wie z. B. beim „Rebel“-Remix von Joe Ariwa, sowie bei King Yoofs und Conscious Sounds Versionen von „Micro Chip“. Absolut verrückt ist Mungos Hi-Fi-Beitrag: Ein Remix in Form einer gewaltigen Bass-Lawine. An ihrem Track zeigt sich, was bei einem guten Dub letztendlich wirklich zählt: die strickte Konzentration auf eine starke Idee. Denn der Geist des Dub besteht in Reduktion, nicht in Konfusion.
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Capital Letters: Wolverhampton in Dub
Im März letzten Jahres veröffentlichen die UK-Reggae Veteranen Capital Letters mit „Wolverhampton“ ihr erstes neues Album seit 25 Jahren. Hier nun kommt die Dub-Version: „Wolverhampton in Dub“ (Sugar Shack). Ein richtig schönes, entspanntes, qualitätsvolles Dub-Album, das mit UK-Steppers so viel zu tun hat, wie Michelangelo Buonarroti mit Jackson Pollock. Sanft fließen die Dubs dahin, oft Reworkings bekannter Riddims, manchmal hart an der Grenze zum Lovers-Rock, aber nie kitschig oder langweilig. Der gepflegte Dub älterer Herren, die schon so viel Reggae gehört und selbst gemacht haben, um sich nichts mehr beweisen müssen. Ein souveräner Sound, der keine Angst vor einfacher Schönheit hat. Passt perfekt in den Sonntagnachmittag.
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Russ D: Calabash Dub Vol. 2
Frenchie, das Maximum Sound-Mastermind, hat ein kleines Neben-Hobby: Das Label „Calabash“, auf dem er in Zusammenarbeit mit Russ D. – wir kennen ihn noch als eine Hälfte der UK-Pioniere The Disciples – heavy duty UK-Roots und -Dub produziert. Die bisher entstanden Singles wurden auf inzwischen zwei Alben zusammen gefasst: „Calabash Selection Vol. 1“ und „Calabash Selection Vol. 2“. Zu beiden gibt es auch je ein Dub-Counterpart, von denen uns hier und jetzt das im November erschienene „Calabash Dub Vol. 2“ (Maximum Sound) interessiert. Das ist nämlich ausnehmend gut geworden. Warum? Wahrscheinlich, weil Russ D. immer noch weiß, wie die Vibes eines UK-Soundsystems entzündet werden. Immerhin war er mal Hausproduzent von Jah Shaka und somit einer der Geburtshelfer des UK-Dub. Seine Clabash-Prouktionen zeigen, dass er keineswegs in der Vergangenheit stehen geblieben ist, sondern weiß, wie moderner Steppers zu klingen hat, wie Dub bis zum bersten mit Energie aufzuladen ist und wie die unbändige Kraft von Drum und Bass zu entfesseln sind – ohne dabei in geistloses Gestampfe zu verfallen. Okay, es gibt ein, zwei Stellen, wo der Sound ein wenig antiquiert klingt und wer dazu neigt, Dub mit den Ohren statt mit dem Bauch zu hören, mag sich gelegentlich einen höheren Grad an Komplexität wünschen. Doch wer Spaß daran hat, Dub laut zu genießen und die Vibes nicht nur zu hören sondern zu spüren, kann sich hier von grollenden Basslines und messerscharfen Beats ins Dub-Nirwana davon tragen lassen. Auch sehr schön: Russ D. hat drei bekannte Maximum Sound-Riddims nachgebaut, so dass wir Tarrus Rileys „Chant Rastafari“, Lucianos „Perilous Times“ und Yami Bolos „Jah is the Fire“ als gewaltige Dub-Versions hören können.










