Als mir dieses Album auf meinen Streifzügen durchs weltweite Web begegnete, war ich spontan begeistert: „10DUBB“ (Dog Earr) von 16FLIP. So kryptisch wie die Namen, sind auch die Personen, die sich dahinter verbergen. Infos zu ihnen gibt es kaum, und wenn, dann sind sie auf japanisch. So viel scheint mir als gesichert: 16FLIP sind drei japanische Youngsters mit HipHop-Vorgeschichte. Mit 10DUBB legen sie nun ein wirklich verrücktes, hundert Prozent eklektizistisches Dub-Album vor, das mehr mit primitivistischer Sample-Technik als mit klassischem Dub zu tun hat, aber trotzdem – oder gerade deswegen – eine akustische Sensation ist. Die Jungs haben hier (von abgenudeltem Vinyl kopierte) Versatzstücke unterschiedlicher Genres grob mit der Schere ausgeschnitten und zu Loops und Rhythms zusammen getackert – jedem gestandenen Studio-Engineer dürften sich die Nackenhaare aufstellen. Doch wenn man sich von allen Vorurteilen emanzipiert und einfach mal mit unschuldigem Ohr hinhört, dann ist das Ergebnis schlicht genial. Die groben Samples verbinden sich zu akustisch unglaublich reichhaltigen Rhythms, die völlig abstrakt und im Detail doch ganz gegenständlich sind, die Ordnung und Präzision leugnen und doch eine fantastische Dynamik erzeugen, die so simpel gestrickt sind und doch ein komplexes Hörerlebnis im Kopf der Hörer auslösen. Mich erinnert das Prinzip und der Sound an die frühen Loop-Experimente von Steve Reich – nur mit dem Abstand von fünfzig Jahren Pop-Musikgeschichte.
Kategorie: Review
DJ Vadim: Dubcatcher Instrumentals
Ich muss zugeben: DJ Vadims erstes Reggae-Werk, das Album „Dubcatcher“, hat mir nicht gefallen. Zu hektisch, zu viele Zutaten, zu viele Gastvokalisten. Nun liegt die Instrumentalversion des Albums vor: „Dubcatcher Instrumentals“ (BBE Records). Wir haben hier also die reinen Backings – keine Dubs, aber auch keine DJs und Sänger mehr. Und siehe da: auf einmal wird „Dubcatcher“ richtig spannend. Erst hier lässt sich der Ideenreichtum der Produktionen goutieren. Erst jetzt kann sich der Mix aus Reggae und Rare-Grooves entfalten und seinen Charme ausspielen. Hier zeigt sich eindrucksvoll, dass weniger oft mehr ist. Denn die Instrumentals sind bereits so vollgestopft mit Samples, Stilzitaten, Effekten, Breaks und schrägen Sounds, dass die zusätzlichen Vocals auf „Dubcatcher“ das Fass einfach zum überlaufen brachten. Diese Instrumentals sind auch nicht unbedingt das, was im Reggae als Backing bezeichnet wird. Dafür sind sie viel zu kompliziert. Und genau das ist auch der Grund, warum man einen Dub-Mix auch keineswegs vermisst: es gibt so viel zu hören, dass Dub-Effekte schlichtweg überflüssig sind. Wir haben es hier also mit „richtigen“ Instrumentals im klassischen Sinne zu tun – nicht mit Dubs; und doch glaube ich, dass wir Freunde des Dub viel Spaß mit ihnen haben können.
Ich bin immer wieder erstaunt, welch schöne Dub-Produktionen hier in Deutschland entstehen. Viele davon fristen ein Dasein weit unterhalb des Radars der hiesigen Reggae-Community. Wie zum Beispiel: „Back to Westmoreland“ von Thee Balancer, veröffentlicht auf bandcamp.com. 71 Minuten, aufgeteilt auf nur acht, nah an Minimal-Elekronik gebaute Tracks. Keines der Stücke läuft kürzer als acht Minuten. Jedes ist eine faszinierende, hypnotische Hörerfahrung, eine akustische Reise durch unendlichen, von trägen Beats gekrümmten Raum und relative Zeit. Die Stücke beginnen stets ganz unscheinbar, entwickeln sich dann zu einem minimalistischen Beat, der zunächst wenig spannend erscheint, dann aber zunehmend größere hypnotische Sogwirkung entfaltet, bis der hörende Geist völlig in das Raum-Zeit-Kontinuum des Dubs eintaucht und sich selbst vergisst. Wer nur mal schnell reinhört und mit Fast Forward durch die Tracks stürmt, wird den Reiz des Albums nicht einmal ansatzweise erahnen können. Seinen Höhepunkt – und zugleich kathartisches Finale – erreicht das Album mit dem letzten Track „To be Pretty Sucks“. 16 Minuten läuft der Live-Dub, umspielt von Samples, Sounds, Hall und Echo. Ein gigantischer Dub, der ganz entfernt Erinnerungen an Basic Channel wach werden lässt. Superb.
Mad Professor: Dubbing With Anansi
Der verrückte Professor ist unermüdlich. Eigentlich sollte man meinen, dass er bereits alle in dieser Welt möglichen Dubs schon einmal produziert und gemixt hat. Aber nein, ihm fällt tatsächlich immer noch etwas Neues ein. Obwohl … als wirklich „neu“ lassen sich seine Dubs nicht mehr bezeichnen. Deuten wir es positiv: er ist seinem Stil treu geblieben. Das gilt auch für sein neues Werk: „Dubbing With Anansi“ (Ariwa). Es klingt wie alle anderen Werke des Mad Professors seit den frühen 1980er Jahren – und ist doch etwas Besonderes. Das liegt vielleicht an einigen vage vertrauten Riddims von z. B. Keith Hudson („Felt We Felt the Strain“), Dennis Brown („Want to Be No General“) oder Jammy’s („Sun is Shining“, „Johnny Dollar“), vielleicht aber auch an den vielen kleinen Referenzen an afrikanische Musik. Ganz sicher aber liegt es an den beiden Musikern: Horseman an den Drums – und vor allem der großartige Black Steel an nahezu allen anderen Instrumenten. Dem Album ist seine analoge Machart anzuhören. Trotz der typischen, oft hart und technisch anmutenden Soundeffekte des Professors, hat das Album Wärme und Seele. Hier blitzt die Virtuosität des verrückten Professors und die Spielfreude seiner Musiker wieder auf, die ich und viele Dub-Fans an Neil Frasers Frühwerk so schätzen. Den merkwürdigen Titel des Albums (der natürlich Bezug auf die afrikanischen Sounds des Albums nimmt) deutet der Professor auf seine ganz eigene Art: „Anansi ist ein mythischer Volksheld, der die Verschleppung aus Afrika überlebt hat. Er wird meist als halb Mensch, halb Spinne dargestellt und gilt als schlauester Bewohner des Dschungels. Im Studio ist Anansi niemand anderes als der Dubbing-Engineer“. Wenn man dabei den Professor vor Augen hat, so, wie er sich gerne darstellt, mit beiden Händen am Mischpult, die Finger wie Spinnenbeine über die Regler gespreizt, dann weiß man, wer hier der smarteste Engineer sein soll. Ich finde, er hat den Titel verdient.
Dub Dynasty: Thundering Mantis
Hier ist es, das zweite Werk der Dub Dynasty: „Thundering Mantis“ (Stappas Records). Der Name Dub Dynasty ist Konzept, denn dahinter verbergen sich: Ben Sprosen, John Sprosen und Christine Woodbridge. John und Christine sind Alpha & Omega. Ben ist der Sohn von John und der Neffe von Christine und nennt sich Alpha Steppa. Wir haben es hier also mit einer wahren Dub-Dynastie zu tun. Zu dritt legen sie nun ihr zweites gemeinsames Album vor, das nahtlos fortsetzt, wofür Alpha & Omega seit den späten 1980er Jahren stehen: heavy, hardcore Steppas. Stoisch auf die Trommelfelle einprügelnde Bass-Beats, mystische, repetitive Gesangs-Samples und ein perry-esker Urwald-Sound. Nichts für schwache Nerven. Die erste Hälfte des Albums präsentiert Vocal-Versionen, die zweite steigt ab in die düstere Unterwelt des Dub. Ben Alphas mutmaßlichem Einfluss ist es zu verdanken, dass der undurchdringliche A&O-Sound etwas klarer und definierter geworden ist, die Beats noch etwas knackiger. „Thundering Mantis“ ist nicht das, was man als „schönes Album“ bezeichnen würde. Es gleicht eher einem Tritt in den Allerwertesten. Aber genau kann man manchmal ja gut gebrauchen.
Nach „Seen“ und „Felt“ legt uns der International Observer (hinter dem sich der britische Producer Tom Baily verbirgt, der in den 1980er-Jahren die Pop-Band „The Thomson Twins“ leitete) nun sein drittes Album vor: „Touched“ (Dubmission). Obwohl der Name nur die Logik der Serie fortzusetzen scheint, ist er mit Bedacht gewählt, denn bei den Tracks auf dem neuen Album handelt es sich um eine Sammlung von Remixes – also um fremde Tracks, an die er Hand angelegt hat. Zeitlich umspannt die Sammlung die letzten 15 Jahre und enthält Stücke von den Black Seeds, dem Bombay Dub Orchestra, Banco De Gaia, Pitch Black oder Warp Technique – um nur die bekanntesten zu nennen. Doch trotz der heterogenen Herkunft der Tracks, klingt das Album sehr geschlossen und ganz und gar typisch nach International Observer. Melodiöse, warme, behagliche Beats sind sein Markenzeichen, bis ins letzte Detail sorgsam arrangiert und austariert. Seine Stücke besitzen einen unwiderstehlichen Flow. Sie fließen völlig entspannt und doch alles andere als spannungslos. Seien es die Samples indischer Musik im Stück des Bombay Dub Orchesters, die sanften Bläsersätze und Akkordeons im Pitch Black-Remix oder die Vocal-Samples im WarpTechnique-Dub, stets sind es diese Details, die ein Stück akzentuieren, es prägen und die Aufmerksamkeit der Hörer durch die Beats leiten. Oft sind es auch winzige Melodiefetzen aus dem großen Fundus des Reggae, die hier für angenehme Déjà-Vus sorgen (nur um danach die nagende Frage zu hinterlassen: „woher kenne ich diesen Bläsersatz, dieses Gesangsfragment?“). Tom Baily gehört meines Erachtens zu den spannendsten, zeitgenössischen Dub-Produzenten. Ich könnte definitiv mehr von seiner Musik gebrauchen. Durchschnittlich alle drei Jahre ein Album ist einfach zu wenig.
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Was macht einer der profiliertesten Dub-Visionäre Deutschlands, wenn ihm der Sinn mal nicht nach Visionen, sondern so richtig nach klassischen Roots und traditionellen Dub-Sounds steht? Er gibt dem Verlangen nach, gründet ein Label, das mit einem Fuß in der Heimat, mit dem anderen in Jamaika steht und nimmt einfach ein paar richtig geile Old-School-Rhythms auf. Die Rede ist hier natürlich vom Dubvisionist aus Hannover, Felix Wolter, der zusammen mit Lennart Tacke jüngst das Label 117 Records gegründet hat. Felix produziert hier vor Ort die Rhythms und Lennart, der in Mandeville, Jamaika lebt, lässt sie auf der Insel voicen. Mit „Step-A-Riddim“ (117 Records) haben sie soeben ihre erste EP vorgelegt. Warrior King und Bionic Clarke geben darauf schöne, markante Lyrics zum Besten, und unsere heimischen Top-Musiker Marco Baresi (Gentleman), Markus Dassman (Senior Allstars) und Felix himsel steuern wunderbar beseelte, handgespielte Musik dazu. Den titelgebenden Rhythm hören wir hier gleich sechs mal: zwei Vocals, zwei Dubs und zwei Instrumentals – und ich könnte locker noch mehr vertragen. Der Start des jungen Labels ist absolut vielversprechend. Haltet durch und gebt uns mehr von dem Stoff!
Dub Weekender
Wer mal ein ganzes Wochenende in einem Meer von Bass baden möchte, sollte vom 24.–26. April 2015 in Wales sein. Hier findet zum dritten Mal der „United Nations of Dub-Weekender“ statt. Die Premiere 2013 – die von Weltuntergangs-Scheefällen im März begleitet wurde – hatte ich mir nicht entgehen lassen. Meine Tickets für 2015 habe ich schon. Wäre schön, Euch dort zu treffen ;-)
United as One
Die bekannten Dub-Net-Labels Dubkey und Dub-O-Phonic haben ein gemeinsames Album veröffentlicht: „United as One“ (Dubkey/Dub-O-Phonic). Doch statt nur Tracks aus dem Back-Katalog der beiden Labels zusammenzustellen, hat man hier ein richtiges Konzeptalbum geschaffen: Je zwei Artists der beiden Häuser haben exklusiv für das Album komponierte Tracks beigesteuert, die dann zwischen Dubkey und Dub-O-Phonic ausgetauscht wurden, um sie von Vocal-Artists des jeweils anderen Stalls voicen zu lassen. Anschließend kamen die Tracks wieder zurück nach Hause, wo Remixes und Dubs erstellt wurden. Das Ergebnis sind insgesamt 16 Tracks, basierend auf vier Riddims, mit jeweils einer Vocal-Version. Kling kompliziert, ist aber sehr einfach und sehr gelungen. Letztlich sind es vier kleine Dub-Version-Excursions, die ausloten, was sich mit einem Rhythm und zwei Mischpulten so alles anstellen lässt. Ich geben zu, es ist ein Konzept für wahre Dub-Connaisseure. Alle anderen werden nie verstehen, warum es spannend sein kann, sich vier mal vier Mixe eines Rhythms anzuhören (und ich muss zugeben: erklären könnte ich es ihnen auch nicht).
Tuff Scout Allstars: Inna London Dub
Tuff Scout ist ein ziemlich interessantes Reggae-Label aus London, das sich auf Retro-Produktionen spezialisiert hat. Es ist kein Rerelease-Label wie z. B. Pressure Sounds, denn die Rhythms werden neu produziert und anschließend von Foundation-Artists oder aktuellen Talenten gevoiced. „Retro“ ist hier aber dennoch der richtige Begriff, denn die Produktionen klingen allesamt so, als wären sie in den 1970er Jahren in Jamaika entstanden. Erstaunlich, wie es Jake Travis und Gil Cang – den beiden Masterminds des Labels – gelingt, den Sound so authentisch hinzubekommen. Alle bisherigen Releases waren 7“- oder 10“-Singles. Jetzt liegt das erste Album des Labels vor – und es ist ein Dub-Album: „Inna London Dub“ (Tuff Scout). Versammelt sind hier zehn Dub-Versions von Stücken aus dem inzwischen recht umfangreichen Katalog des Labels. Der Old-School-Sound ist absolut frappierend und auch der Dub-Mix hört sich an, als hätten Tubby oder Scientist höchstpersönlich an den Reglern gedreht. Doch die Tuff Scouts können auch anders: hört man genau hin, dann fällt auf, dass es den einen oder anderen Track gibt, der sich vom jamaikanischen Vorbild emanzipiert hat und ein moderneres Dub-Verständis pflegt. Sehr schön, wie auf dem Album 70er-Roots und Steppers miteinander verwoben sind. Wer auf alten jamaikanischen Dub steht, aber nichts gegen ein Quäntchen mehr Schmackes bei der Produktion hat und auch gelegentliche Steppers-Anflüge nicht verschmäht, wird mit „Inna London Dub“ glücklich.










