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19 Questions to: Braintheft
Your Name: Mathieu Pé aka Dubble Dubble (Keys and Trumpet by Braintheft, Brass Wood & Wires, The Magic Touch …)
You live in: Berlin
Titel of your latest album: Pressure Drop
What is your definition of dub?
Dub is first a minimal, mostly instrumental bass oriented, somewhat psychedelic and Trance evolution of Jamaican popular music bringing post-production techniques to the front. It started in the 60’s as an emancipation of the sound engineer as central part of the creative process. The Mixing desk became an instrument. Dub had a huge influence worldwide. The minimal and trance aspects brought a whole new time perception in popular music leading the way to all electronic styles as we know them now.
What is essential for a good dub?
Space and Bass!!!
What is the difference between a good and a bad dub?
Who am I to judge? I’d say I like or I don’t.
How would you describe your style of dub?
I try to keep up to the roots staying away from computer as much as possible, using actual instruments and analog gear. So hopefully it sounds more authentic.
What is your process of creating a typical dub-track?
Well, the good old way of doing it was first to record a song with the band. Then bounce it down to eight discrete tracks in order to mix it on the flight at the mixing board with all sort of effects connected to it. So that’s how I like to work too. I believe to get inspired by limitations.
When you’re satisfied with a dub produced by you?
If I felt the flow while mixing and there’s no major issues: I’m happy. I believe the better is the enemy of the good. Most of the time first takes have that thing you can’t reproduce.
What are your personal top 5 dub albums?
In no particular order:
Augustus Pablo: King Tubby meet Rockers uptown
Serge Gainsbourg feat. Sly and Robby: Aux armes etcetera
High Tone: Opus Incertaint
Scientist: Heavy wheight Dub
Jackie Mittoo: Champion of the Arena
Who is the greatest dub artist of all time for you?
Guess what… the King: King Tubby. The simple fact that he was the first makes him untouchable.
And who is the currently most interesting dub-artist?
The Breadwinners (Alan Redfern at Bakery Studio). Best sounding dub I heard in a long time. All analog, pure feeling. Check him out.
What is the musically most interesting decade for you? Why
The seventies for sure. Because the electrification of music brought a lot in all styles. New genres popped out everywhere. It was a very creative time. Probably because back then the music industry, the distribution, democratization of private copy, the access to musical instruments boomed like crazy.
Where is the biggest market for your music?
France is the last el-dorado. We played at the last Telerama Dub with Braintheft. It was amazing to see how young the crowd was! The venue was packed of Bass addicted youngsters! Go west!
Are you able to earn a living with your music?
Not really. And I’m not running after it otherwise I’d make compromises to do so.
Which artist would you like to work with?
There is so much… and not only in dub. I’d say Victor Rice would be one of them just to keep that list short.
What is your particular strength?
Inner peace.
What do you enjoy most about what you are doing?
Playing ! In all contexts would it be behind the mixer or instruments, at home, with friends, on stage …
What horrifies you in the studio?
The time/money factor! There’s never enough time in studio!
When not tinkering with dubs, what do you prefer to do?
Playing trumpet! Tweaking Synths!
What is the current health status of dub?
Dub and music in general knows no illness. In todays world where musical vividness tends to be measured in financial success, talking about health of a style makes little sense. Money is at the root of all evil and it affects music as everything else.
How do you see the future of dub?
It will still be there in fifty years because Dub artists have experimentation in the blood. So I guess it will keep on and on, mixing with other styles.
Alpha & Omega haben ein neues Album veröffentlicht: The Half That’s Never Been Told (Steppas Records). Ich kennen keinen Dub-Act, der seit so vielen Jahren produktiv ist, wie Alpha & Omega. Doch nicht nur das: sie sind seit rund 25 Jahren ihrem Stil so treu, dass es schwer fällt, neue Alben und Wiederveröffentlichungen voneinander zu unterscheiden. The Half That’s Neve Been Told macht da keine Ausnahmen: bassschwer, düster grollend, monoton – genau so, wie wir es lieben.
Die Resonators haben ihrem Album The Constant eine Dub-Version geschenkt und diese zusammen mit dem Originalalbum auf eine Deluxe Edition (Wah Wah 45s) gepackt. Ich habe schon die Vocal-Versionen geliebt. Die Dubs machen mich jetzt seelig.
Noch nie hatte ich von Dub for Light gehört, aber das neue Album Mindset (Dan Dada) ist mir dann doch aufgefallen. Selten so minimalistischen Dub gehört. Wird gewiss nicht mein Lieblingsalbum, aber eine spannende Hörerfahrung ist es auf jeden Fall.
Nicht nur der Sohn von Augustus Pablo macht Dubs, auch der Sohn von Jah Shaka, Young Warrior, ist im Dub-Business. Für sein Sound System hat er einige Tracks produziert, von denen nun 6 Instrumentals plus Dub-Versions auf dem Album Presents Dub Box (Jah Shaka) veröffentlicht zu hören sind. Natürlich Hardcore-Steppers, wie vom Vater gewohnt. Allerdings handelt es sich um recht simple, digitale Produktionen, die so klingen, als seien sie in einer Blechdose aufgenommen worden. Im Sound System geht das klar, auf dem Home-HiFi eher nicht.
Wenn schon digitaler Dub, dann lieber so wie auf dem Album Mangrove Meets Ganjaman_72 in 5-Track Digital Dub Vol. 1 (Fast Forward Sound). Hier wird bewusst mit dem 8-Bit-Sound à la Jahtari gespielt – und zwar virtuos. 5 Tracks von Mangrove bietet das Album, die Ganjaman_72 in bester Shwocase-Manier um Dub-Versions ergänzt hat. Nice.
Wie im Blog des öfteren zu lesen ist: Ich bin ein großer, großer Fan von Prince Fatty. In seiner Reihe Prince Fatty vs. tritt er nun gegen Mungo’s Hi Fi an (= Prince Fatty vs. Mongo’s Hi Fi (Mr. Bongo)). Was für ein Spaß! Hat zwar nicht viel mit Dub zu tun, ist aber trotzdem ein grandioses Old-School-Album im Stile der Digital-Dancehall der frühen 1990er Jahre. Absolut geeignet, um mal die Dub-Bass-Ablagerungen aus den Ohren zu blasen.
Wo wir gerade bei Nicht-Dub-Alben sind: Chronixx Debut Dread & Terrible (Chronixx Music) gefällt mir richtig gut. Hat einen unwiderstehlichen Old School-Charme und bietet zudem noch drei schöne Dubs.
So, einen hätte ich noch: Various Artists: Dub Tentacles, Vol. 5 (Fresh Poulp). Nach dem letzten, eher Dubstep-orientiertem Dub-Tentacles Vol. 4, ist das Netlabel nun wieder zu 100% Dub zurück gekehrt. Richtig so! Mit Ausnahme von Du3normal sind mir alle hier versammelten Dub-Acts unbekannt, ihr Sound gefällt mir aber trotzdem. Der Sampler bietet zwar nix aufregend Neues, ist aber trotzdem hörenswert – zumal er kostenlos zum Download bereit steht: http://www.fresh-poulp.net/releases/fpr070/
19 Fragen an: Dub Spencer & Trance Hill
Dein Name: Philipp Greter (Keyboarder und Produzent von Dub Spencer & Trance Hill)
Du lebst in: Luzern (Schweiz)
Titel eures letzten Albums: William S. Burroughs IN DUB – conducted by Dub Spencer & Trance Hill (Echo Beach 2014)
Was ist deine Definition von Dub?
Folgende Merkmale definieren für mich „Dub“:
• off-beat-feeling
• keine klaren Songstrukturen
• sehr reduziert gespielt
• wenig oder kein Gesang
• mit Effekten angereichert, so, dass der Zuhörer in die Musik abtauchen kann.
Die reale Umgebung kann dabei schon mal Entrücken. Ich liebe es, wenn man beim Hören plötzlich zweifelt, ob ein Geräusch aus den Boxen kommt, oder ob es von einem zwitschernden Vogel auf dem Fensterbrett stammt.
Was ist bei einem guten Dub unverzichtbar?
Ein tiefer warmer Bass-Sound.
Was unterscheidet einen guten von einem schlechten Dub?
Die Handschrift des Produzenten oder der Band sollte man heraushören. Darin liegt die Schwierigkeit und die Kunst. Es gibt viele Dub-Tracks, die klingen einfach zu beliebig.
Wie würdest du deinen Dub-Stil beschreiben?
Wie ich oben den „Dub“ definiert habe, mit einem psychedelischen Einschlag. Sehr prägend für unseren Stil ist der verzerrte Gitarrensound von Markus Meier, was eigentlich im Dub eher untypisch und selten ist. Des weiteren der absolut tiefe Basssound von Marcel Stalder und die Virtuosität des Schlagzeugers Julian Dillier.
Wie sieht der Entstehungsprozess eines typischen Dub-Tracks von euch aus?
Wir spielen alles live und gemeinsam in tage- und nächtelangen Aufnahme-Sessions ein. Anschliessend wird das Material durch den Dubwolf gedreht (der steht bei mir zu Hause in meinem kleinen Homestudio). Und schon fertig.
Wann bist du mit einem von euch produzierten Dub zufrieden?
Tja, das ist so eine Sache … Wenn es in meinen Ohren gut klingt, bin ich zufrieden. Meistens erst dann, wenn der Termin gekommen ist, um das Material abzuliefern ;-)
Was sind deine persönlichen Dub-Top 5-Alben?
Augustus Pablo and King Tubby: Rockers meets King Tubby in a Firehouse
The Upsetters: Blackboard Jungle Dub
Jackie Mittoo: Champion in the Arena
Rhythm & Sound: The Versions
Trentemøller: The last Resort
Wohlverstanden: Es gibt noch hunderte andere, die auch hier hin gehörten …
Wer ist für dich der größte Dub-Artist aller Zeiten?
King Tubby. Miterfinder des Dub. Mit den beschränkten Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, hat er grossartige Aufnahmen hin gezaubert!
Und wer der aktuell interessanteste Dub-Artist?
Umberto Echo. Live am Mischpult sowie als Studio-Produzent. Absolute Sahne! Darum lieben wir es auch so, mit ihm zusammen zu arbeiten (er ist natürlich auch ein ausserordentlich feiner Kerl ;-).
Was ist für dich die musikalisch interessanteste Dekade? Warum?
Jetzt und die Zukunft. Weil wir noch nicht wissen was kommt.
Was ist dein aktuelles Lieblingsalbum?
Bin leider nicht gerade auf dem aktuellsten Stand … Die Produktionen von Aldub gefallen mir sehr gut, so wie auch die Blood and Fire Sampler.
Gelingt es dir, mit Musik deinen Lebensunterhalt zu bestreiten?
Zum Teil … Als Gebrauchtwagenhändler würde man wohl besser verdienen;-)
Mit welchem Artist würdest du gerne einmal zusammen arbeiten?
Sind leider alle schon gestorben.
Was ist deine besondere Stärke?
Unsere Stärke liegt im Kollektiv. Als Live-Band schaffen wir es immer wieder, Leute mitzureissen, die eigentlich gar nichts mit Dub-Musik am Hut haben.
Was macht dir an deinem Job am meisten Spaß?
Keine Grenzen zu haben und Leute zu begeistern!
Wovor graust es dir im Studio?
Wenn die Technik nicht funktioniert und wenn das Bier alle ist …
Wenn du gerade nicht an Dubs schraubst, was machst du dann am liebsten?
Familienausflüge ;-)
Wie ist der aktuelle Gesundheitszustand von Dub?
Da muss ich den Arzt fragen. Sicher schon alt und gebrechlich. Aber wir leben ja immer länger. Ab und zu ein Lifting, dann kommt’s schon gut.
Wie siehst du die Zukunft von Dub?
Solange ich lebe, lebt auch der Dub, nachher ist es mir Wurst.
Dubblestandart: In Dub
Nach Woman in Dub – was ja kein Dub-Album war – legt Dubblestandart mit In Dub (Echo Beach) nun ein waschechtes, sortenreines Dub-Werk vor. Es besteht im Wesentlichen aus dem „Woman in Dub“-Rhythm-Material, sowie vereinzelten Tracks älterer Werke, wie z. B. Marijuana Dreams und Return from Planet Dub. Zwei Drittel der Dubs stammen aus der Feder von Paul Zasky und Robbie Ost, die beide den harten Kern von Dubblestandart bilden. Vier weitere Tracks wurden von Adrian Sherwood gemixt und einer von Rob Smith remixed. Insgesamt ein solides Paket aus guten Rhythms, in klassischer Manier zu Dubs geformt. Die Vocals der Damen sind auf vereinzelte Fragmente reduziert, auf störende Soundgimmiks wurde weitgehend verzichte und der sauber austarierte Old-School-Mix lässt die Rhythms frei fließen und sich entfalten. Auch Altmeister Adrian Sherwood liefert solides Handwerk ab. Lediglich Rob Smith schlägt mit seinem Remix von Holding You Close neue Wege in Richtung Club-Music ein. Ich hätte mir in der Tat mehr davon gewünscht – ein paar frische Ideen hätten nicht schaden können – will aber andererseits ein klassisch-schönes Album auf keinen Fall schlecht reden. Die permanente Hatz nach Innovationen verursacht sowieso nur Stress. Also freuen wir uns über den typischen, stets leicht an On-U-Sound erinnernden Dubblestandart-Sound (ohne störende Vocals ;-) und über unaufgeregte, der alten Schule verpflichtete Dub-Mixes.
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Hoppla, damit hatte ich nicht gerechnet: Im fünften Jahr ihres Bestehens, überschreitet die Evolution of Dub-Serie endlich die Zeitenwende zum digitalen Reggae. Nachdem die zuvor erschienenen sieben CD-Boxen weitestgehend in den 1970er Jahren feststeckten, steigt Evolution of Dub, Vol. 8 (Greensleeves/VP) in die Mitte der 1980er Jahre ein und spannt den Bogen bis fast in die Gegenwart. „The Search for New Life“ lautet der Untertitel der aktuellen Box und kommentiert damit den Niedergang des jamaikanischen Dubs seit Ende der 1970er Jahre fast schon zynisch. Ohne große Mühe gelang es den Dub-Kuratoren im Hause Greensleeves/VP die bisher in der Evolution-Serie erschienenen 28 Album-Rereleases allein mit Material der 1970er Jahre zu füllen. Die folgenden 30 Jahre passen nun spielend in eine 4-CD-Box – zumindest wenn die Evolutionsgeschichte auf in Jamaika produzierten Dub beschränkt bleibt. Über die Gründe, warum Dub in Jamaika so dramatisch an Beliebtheit einbüßte, während er zuerst in England und später in der ganzen Welt immer populärer wurde, darf spekuliert werden. Nicht selten ist als Erklärung zu hören, dass der Reggae-Sound des digitalen Zeitalters keine gute Grundlage für Dubs sei: zu reduziert, zu perkussiv, zu schnell. Mal sehen, ob da etwas Wahres dran ist.
Bereits im Jahr Eins nach Sleng Teng hat Prince Jammy himself gezeigt, dass digitale Rhythms und Dub kein grundsätzlicher Widerspruch sein müssen: Computerised Dub, das erste digitale Dub-Album der Reggae-Geschichte, sorgte 1986 für Furore und wurde deshalb aus gutem Grund für die vorliegende CD-Box ausgewählt. Es enthält Dubs von zehn digital produzierten Rhythms der damaligen Pioniere des neuen Sounds: Steelie & Cleevie. Star dieses Albums ist allerdings weniger der Dub-Mix als vielmehr dieser unsägliche und doch geniale 8-Bit-Sound, den die beiden Musiker ihren Billig-Keybords entlockten und zu synthetisch-schönen Reggae-Beats formten. Jahtari hält das Erbe dieses Sounds bis heute wach. Auf „Computerised Dub“ ist das Original zu hören.
Wenige Jahre später hatte Gussie Clarke in seinem Music Works-Studio den digitalen Sound des Reggae zu einem clean-polierten, ziemlich kühlen, aber auch vergleichsweise komplexen, Sound weiterentwickelt. Mitglied des Music Works-Teams war Mikey Bennet, der Anfang der 1990er Jahre zusammen mit Patrick Lindsay das Two Friends-Label gründete und im Music Works-Studio Aufnahmen für Cocoa Tea, Brian & Tony Gold, Gregory Isaacs und Shabba Ranks produzierte. Aus dieser Zeit stammt das zweite Album der Box: Voyage Into Dub, das den typischen Music Works-Sound in Reinkultur bietet – und damit unfreiwillig die Frage beantwortet, warum Dub im digitalen Zeitalter auf Jamaika keine Rolle mehr spielte: Die digitalen Rhythms, wie wir sie hier hören, widerstreben auf natürlich Weise dem Dub-Treatment. Statt des offenen, langsamen, klar strukturierten Rhythmus des Roots Reggae, zeichnen sich die digitalen Produktionen eher durch Überfrachtung, Betonung perkussiver Strukturen sowie schneller Polyrhytmik aus und wirken dadurch oft kompliziert. Auch spielte die für Dub so entscheidende Bassline eine zunehmend geringere Rolle (bis sie schließlich im Dancehall-Sound vollständig verschwand). Daher ist „Voyage Into Dub“ zwar ein interessantes Zeitdokument, aber kein gutes Dub-Album.
Mit dem nächsten Album macht die Box einen großen Sprung in das 21. Jahrhundert: Juke Boxx Dub vom Produzenten Shane Brown. Es präsentiert u. a. Dub-Versions von Chuck Fendas „Freedom of Speech“, Romain Virgos „Can’t Sleep“ und Morgan Heritages „Brooklyn & Jamaica“. Die Aufnahmen sind dem klassischen Reggae verpflichtet, wahrscheinlich handgespielt, und bauen auf dem guten, alten Fundament von Drum & Bass auf. Die perfekte Basis also für ein Dub-Reworking. Und in der Tat: hier haben wir das erste gute Dub-Album der Box. Es folgt dem Vorbild des jamaikanischen 70ies-Dub, nutzt die gleichen Techniken und kreiert einen vergleichbaren, super-klassischen Sound. Erstaunlicherweise greifen jamaikanische Produzenten jedoch bis heute keinerlei Einflüsse internationaler Dub-Produktionen auf, die den Blick über das Seventies-Vorbild hinaus führen könnten. Steppers, Dubstep oder Crossover-Experimente scheinen tabu, obwohl sie eigentlich eine fantastische Inspirationsquelle wären.
Das letzte Album der Box hat mich wirklich überrascht, obwohl es eigentlich ganz folgerichtig ist, die „Evolution of Dub“-Serie damit zu beschließen: Dub Clash von Alborosie. Komplett analog mit historischem Studio-Equipment produziert, schließt es dort an, wo Dub in den 1970ern angefangen hat. Nicht ohne Grund hat Alborosie das Album King Tubby gewidmet und rekuriert auf klassische Riddims wie „Full Up“, „Bobby Babylon“ oder „“When I Fall in Love“. Ein absolut superbes Album – und, obwohl ich höchsten Respekt vor den alten Meistern habe, muss ich sagen: das beste Album der ganzen „Evolution of Dub“.
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Ich liebe ganz orthodoxen, super-klassischen Steppers Dub: repetitiv, stoisch, körperbetont. Noch mehr aber liebe ich das Experiment: mutig, unkonventionell, schräg. Insbesondere dann, wenn Klänge unterschiedlicher Welten zueinander finden und etwas Neues, Ungehörtes erschaffen. Je ungewöhnlicher, je schräger die Fusion, desto spannender: Dub und arabische Musik, Dub und Balkan-Pop, Dub und schwedische Volkslieder – nur um ein paar aktuelle Beispiele anzuführen: allesamt großartige Kombinationen. Doch wie sieht es mit Dub und klassischer Musik aus? Kann das gehen, oder ist das doch zu abwegig? Matthias Arfmann unternahm 2006 mit Deutsche Grammophon Remixed einen ersten Versuch in diese Richtung, als er alte Karajan-Aufnahmen einem amtlichen Dub-Treatment unterzog. Was mich damals übrigens hellauf begeisterte (eine Begeisterung, die allerdings kaum jemand mit mir teilen wollte). Nun ein zweiter Vorstoß zur Integration des vermeintlich Unvereinbaren: Op’ra Dub Style von AudioArt (One Drop/Irie Ites). Der Name lässt es vermuten: Dub trifft auf Oper – und zwar verkörpert durch den klassischen Operntenor Uly E. Neuens auf der einen und einige superbe Dub-Produzenten (TVS, Dub Spencer & Trance Hill, Aldubb, Dubmatix, Dubble Dubble (Braintheft) und Tune In Crew) auf der anderen Seite. Das Ergebnis dieses Clashs ist – tja, wie soll ich es differenziert ausdrücken? – schlicht und ergreifend: genial! Es macht richtig Spaß diesem verrückten Experiment zuzuhören und festzustellen, dass Operngesang, klassisch anmutende Kompositionen (die aber alle exklusiv für dieses Album entstanden sind) und heavy duty Dub-Music kongenial zusammen klingen, als seien sie seit je her füreinander bestimmt. Diese scheinbare Selbstverständlichkeit des gar nicht selbstverständlichen wird einerseits dadurch erreicht, dass Dub-Track und Gesang stets fein aufeinander abgestimmt sind, und dass andererseits der Operngesang mehr Melodie als Wort ist. So fügt er sich – fast wie ein Instrument – nahtlos und harmonisch in das Arrangement des Dub ein. Nicht ganz unerheblich mag auch die Tatsache sein, dass Uly E. Neuens – klassisch ausgebildeter Opern-Tenor, der auf allen wichtigen Opernbühnen Frankreichs zuhause ist – sich schon seit vielen Jahren für Reggae begeistert. So verfügt er über ein gutes Gespür für die Musik beider Welten. Sieben Tracks hat er für das Album eingesungen, weitere vier bieten Remixes der Aufnahmen und zwei Tracks gibt es als Bonus oben drauf. Der letzte ist eine Produktion von Aldubb mit Ulys Interpretation der „Ode an die Freude“. Das trifft es – wie ich finde – ziemlich gut.
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Bei der Recherche zu manchen Dub-Acts komme ich mir vor, wie ein investigativer Journalist. Jedem Bit an Informationen, das ich aus dem Netz ziehe, geht ein gewundener Klickpfad über obskurste Seiten voraus. Manche Dubheads scheinen solch introvertierte Nerds zu sein, dass ihnen so etwas wie Selfmarketing einfach nicht in den Sinn kommt. Die Restless Mashaits gehören zweifellos dazu: Website under Construction, bei Facebook werden nur Fotos gepostet und bei Soundcloud natürlich keine Artist-Info. Soviel ist klar: hinter den ruhelosen Mashaits stecken Bassist und Perkussionist Stuff und Keyboarder Jill, zwei Dub-Addicts aus Genf, die seit den frühen 1990er Jahren Reggae und Dub produzieren. Die erste Dekade ihres Schaffens ist auf dem Album Kingston-Sessions 1992 – 2002 dokumentiert. Nun legen sie mit den Goulet Sessions 2003 – 2013 (Addis Records) Zeugnis über die letzten zehn Jahre ab. Während sie die Kingston Sessions (mit vorproduzierten Rhythms) in Jamaika fertig stellten, deuten die Goulet Sessions auf einen geheimen Ort in Europa hin. Laut einer auf Facebook geposteten Information waren Dean Fraser, Jonah Dan, Stepper, Deadly Headly und Scully daran beteiligt. So weit die Fakten. Kommen wir zur Verkostung: Das Album beginnt mit einem grandiosen Instrumental, das von Bläsern getrieben die Session mit enormer Dynamik eröffnet. Der darauf folgende Dub macht klar, dass die beiden Schweizer auch nach zwanzig Jahren an den Reglern alles andere als altersmilde geworden sind. Bestimmt, stetig, druckvoll aber nicht brutal oder auf den schnellen Effekt hin entwickeln sie ihre Dubs. Alles ist fein austariert, die Basslines sanft aber gewaltig, die Arrangements zurückhaltend aber inspiriert, der Mix ohne selbstgefällige Effekte, aber sehr solide. Das klingt unentschieden? Keineswegs! Der Track Ghetto Blues könnte die akustische Definition von „kompromisslos“ sein: Eine dermaßen stoische Bassline, ein so konsequent auf Repetition ausgelegtes Arrangement und ein so beseelter, klassischer Dub-Mix sind mir selten untergekommen. Dazu fantastische Bläsersätze und feine Bläser-Soli – hier passt einfach alles. Und wir sind erst bei Track 4! Es folgen weitere 7 Tracks, die dem Auftakt in nichts nachstehen. Ein superbes Dub-Album, das in mir schon die Lust auf die Sessions 2014 – 2024 weckt.
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Alborosie: Dub the System
Das musste ja so kommen: Alborosie ist so dermaßen ein in der Wolle gefärbter Old-School-Fanatiker, dass es für ihn geradezu Pflicht ist, einem Vocal-Album die Dub-Version folgen zu lassen. So hat man es schon in den 1970er Jahren gemacht, und so ist es auch 2013 gut. Also, her mit der Scheibe – die natürlich aus schwerem, schwarzen Vinyl besteht: „Dub the System“, dem Dub-Reworking des vor wenigen Monaten erschienenen Albums Sound the System (Greensleeves). Den alten Thorens hervor gekramt und die Nadel in die Rille. Tatsächlich! Musik – physisch und analog. Und was da aus den Lautsprechern schallt, passt perfekt zu dem fast vergessenen Vinyl-Ritual: nämlich klassische, analog gemixte und durch historisches Studioequipment veredelte Dubs. Keine neumodischen Spielereien, kein Dubstep, kein Steppers, keine digitale Elektronik – nur ein Man und sein Mischpult. Pupa Albo ist der Alleinunterhalter auf dieser Reise in die Sphären des originalen, jamaikanischen Dub. Es ist seine Musik durch und durch, denn er spielte nicht nur nahezu alle Instrumente selbst, sondern war auch recording engineer und natürlich auch Dub-Mixer (lediglich das Mastering überließ er Kevin Metcalfe in London). Wenn Alborosie an den Reglern sitzt, dann ist es keine Frage, wohin die Reise geht: Schon die ersten Takte – unverkennbarer Sly & Robbie-Sound – machen klar: das Album ist in jeder Note eine Huldigung an den Roots-Sound der späten 1970er Jahre, analog aufgenommen und durchweg handgespielt. Hall, Echo und das Ab- und Anschalten von Tonspuren sind hier die einzig erlaubten Effekte. Ein puristisches Setting, das allerdings schon einiger Ideen bedarf, um mehr als nur die bloße Reinkarnation des 70ies-Dub zu sein. Mehr sein bedeutet: ein Dub-Album, das der Tradition verpflichtet ist, aber unsere von 40 Jahren Dub-Erfahrung geprägte Hörgewohnheiten trotzdem zu überraschen vermag. Ist dem Sizilianer dieses Kunststück geglückt? Ich bin da nicht so sicher. Die Rhythms sind gut („Guess Who’s Comming to Dinner“ und „Zion Train“ sind darunter), die Kompositionen sind gut, die Arrangements sind auch gut und letztlich ist auch das Dub-Mixing nicht schlecht. Aber andererseits fehlt da noch etwas, um mich wirklich glücklich zu machen. Wenn das Wesen des Dub wirklich darin besteht, einen Track vollständig in seine Bestandteile zu zerlegen und zu seinem Kern, bestehend aus purem Drum & Bass, vorzudringen, um den Dub von dieser Basis aus neu aufzubauen, dann ist Alborosie nur die Hälfte des Weges gegangen. Dub the System könnte mehr Konsequenz vertragen. Nach meinem Geschmack, dürften die Dubs deutlich radikaler sein. Vielleicht scheute sich der Entertainer, der Pupa Albo zweifellos ist, sein Publikum herauszufordern, ihm die Harmonien und üppigen Arrangements zu verweigern und den unbekümmerten Spaß durch Faszination zu ersetzen. Vielleicht liebt er seine Musik aber auch zu sehr, um sie brutal zu beschneiden und umzubauen. Der Mut zu Destruktion hat ihm gefehlt – was bahnbrechende Dubs leider unmöglich macht, aber irgendwie trotzdem sympathisch ist.
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Meine Dub Top 10 des Jahres 2013
1. Dubmatix: Rebel Massive
2. earlyW~Rm: Dub Device
3. King Size Dub: Germany Downtown, Chapter 2
4. Lendublikation: Insane Dub Trips
5. Jazzmin Tutum: Share the Flame
6. Umberto Echo: Elevator Dubs
7. Abassi All Stars: Dub Conference
8. The Breadwinners: Dubs Unlimited
9. Various: Sound ‘n’ Pressure Story
10. Dreadsquad: The Riddim Machine Versions

















