1964 erschien das heute legendäre Jazz-Album Jazz på Svenska (Jazz auf schwedisch). Auf ihm interpretierte der Pianist Jan Johansson alte schwedische Volkslieder als Jazz-Instrumentals. Es war ein in Schweden bahnbrechendes Album, das sich über eine Million mal verkaufte und die Entwicklung des skandinavischen Jazz stark beeinflusste. In einer dunklen Winternacht, 46 Jahre später, beschloss ein anderer schwedischer Musiker, Tomas Hegert, wahrscheinlich inspiriert vom minimalistischen, nur aus Klavier und einem tiefen, ruhigen akustischen Bass bestehenden Sound des Original-Albums, ein neues musikalisches Projekt zu starten: Jazz på Svenska in Dub! Nun liegt das Ergebnis als Download-Album vor und trägt den stolzen Titel Dub på Svenska. Es ist mit Abstand das spannendste und zugleich schönste Dub-Album, das mir in den letzten Monaten untergekommen ist. Kongenial setzt Hegert den warmen Sound von Johansson in fein arrangierte und zugleich kraftvoll-dynamische Dub-Beats um, die nicht selten von eher untypischen Instrumenten wie z. B. einer akustischen Gitarre bereichert werden. Die melancholisch-schönen Melodien der alten Volkslieder, von Johansson einst ausschließlich auf dem Klavier interpretierte, erklingen nun, von Instrumenten wie Xylophon, Akkordeon, Posaune, Melodika oder Geige gespielt, fast schwebend über dem erdenschweren Sound von Drum & Bass. Was in der Beschreibung ziemlich schräg klingt, ist in Wirklichkeit die perfekte Kombination zweier vermeintlicher Gegensätze: wie z. B. Schokolade und Chili – die Synästhesie zweier Welten. Einen ähnlichen Ansatz pflegen übrigens Hey-O-Hansen, mit ihrer Kombination tiroleser Bergmusik und Dub. Auch die Twinkel Brothers Inna Polish Stylee kommen mir in den Sinn oder Mahala Rai Banda mit ihrem Balkan Reggae. Auch wenn Puristen die Nase rümpfen, ich glaube, dass Dub genau dafür gemacht wurde: das Experiment zu wagen.
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Interview: Dubmatix
Man muss sich an einen neuen Gedanken gewöhnen: der beste Dub und Dub-orientierte Reggae kommt nicht länger aus England oder Frankreich (auch nicht aus Deutschland oder gar Jamaika). Er kommt aus: Kanada! Denn dort sitzt der zur Zeit fleißigste, talentierteste und wohl auch cleverste Produzent des Genres: Dubmatix. Er ist nicht nur ein Studiovirtuose par excellence, sondern auch ein unglaublich reflektierter Künstler und Perfektionist, der mit seinem untrüglichen Gespür für den ultimativen Groove Produktionen raushaut, die den gegenwärtigen State of the Art des Genres definieren. When music hits, you feel no pain – zum Glück, kann man nur sagen, denn die Rhythms von Dubmatix schlagen mit unbändiger Kraft zu. Doch diese Kraft erwächst nicht aus Bass und noch mehr Bass, sondern ist das Ergebnis eines feinst ausgeklügelten Arrangements und perfekt sitzenden Timings, das jedes einzelne Element der Musik zur höchsten Wirkungsentfaltung bringt. Vor 10 Jahren hat dieser studierte Musiker die Arbeit aufgenommen und seither 6 brillante Alben produziert (Dub und Vocal). Nun verrät er, wie seine Musik entsteht und was ihre besondere Qualität ausmacht.
Was ist deine Definition von Dub?
Space! Raum, experimentieren und Freiheit. Im Zentrum von Dub stehen Drum & Bass. Sie bilden das Fundament. Der Song, die Instrumentierung, die Effekte und das Arrangement dienen lediglich dazu, dieses Fundament zu stärken. Dub ist eines der wenigen Musikgenres, die nahezu unbegrenzte Freiheit bieten – alles ist möglich. Für mich ist Dub die höchste Form des musikalischen Ausdrucks. Es gibt keine festen Regeln.
Dein Vater ist ein recht bekannter Jazz-Musiker. Hat er deine musikalische Entwicklung beeinflusst?
Mein Vater spielte Blues, Funk, Rock, Jazz – einfach alles, und wir hatten stets Bands bei uns zu Hause, mit denen mein Vater probte. Außerdem durfte ich bereits als kleines Kind bei Tourneen mitfahren und habe auch viel Zeit im Studio verbracht. Meine Eltern waren auch Reggae-Fans und hörten schon den jungen Bob Marley. Mein Vater spielte während der frühen 70er Jahre in einer der ersten Reggae-Bands in Toronto. Im Laufe der Jahre hat mich das alles stark beeinflusst: die Plattensammlung meines Vaters, die Musik, die er selbst spielte – und natürlich auch die Ermutigung meiner Eltern, ein Instrument zu lernen und jede Art von Musik auszuprobieren. Das alles schuf den Kern dessen, was ich heute in musikalischer Hinsicht bin.
Du hast ein abgeschlossenes Musikstudium. Wie wirkt sich die akademische Ausbildung auf Deine Musik aus?
Ich habe bereits als kleines Kind angefangen Schlagzeug zu spielen. Mit 11 Jahren bot man mir die Möglichkeit, ein zweites Instrument zu lernen: Tuba oder Bass. Es war eine leichte Wahl – ich entschied mich ohne zu zögern für den Bass. Also habe ich die nächsten 7 Jahre gelernt, Kontrabass zu spielen. Ich lernte Musik zu lesen, Musik zu interpretieren und als Teil eines Ensembles zu spielen. Es war eine fantastische Erfahrung. Zeitgleich lernte ich auch Klavierspielen und nahm Jazz-Gitarren-Stunden. Das alles hat mich schließlich befähigt, musikalische Ideen zu begreifen, sie umzusetzen, aufzunehmen, zu mixen und schließlich auch zu veröffentlichen.
Man würde erwarten, dass so jemand eher Klassik oder zumindest Jazz spielt. Wie bist du zum Reggae gekommen?
Ich habe viel Klassische Musik gehört, aber auch viel Blues, Rock, Metal, Punk, Hip Hop, Funk und Reggae – praktisch jedes Genre. Aber da ist etwas am Reggae, das mich besonders anspricht. Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass meine beiden wichtigsten Instrumente, Drum & Bass, zugleich die wichtigsten Instrumente des Reggae sind. Außerdem bietet Reggae mit seinen Sub-Genres eine so vielfältige musikalische Landschaft, in der man herumtoben und experimentieren kann, dass mich das ungemein inspiriert. Eines guten Skanks werde ich zudem nie überdrüssig. Und überhaupt ist Reggae eine unglaublich erhebende, positive Musik. Ich liebe Marleys Textzeile: „When music hits, you feel no pain“. Sie drückt genau das aus, wofür die musikalische Kunstform „Reggae“ steht.
In wie fern hilft dir deine musikalische Ausbildung bei der Produktion von Reggae?
Ich habe in den letzten 25 Jahren die meiste Zeit in Studios verbracht und viel mit Stilen und Techniken experimentiert. Ich habe gelernt, genau zu verstehen, was ich da mache und wie ich bestimmte Sounds kreieren kann. Aber meine eigentliche Ausbildung bestand darin, mir die Reggae-Produktionen der 70er Jahre anzuhören, und herauszufinden, wie sie diesen trockenen Drum-Sound hingekriegt haben, oder wie sie es angestellt haben, den Bass so weit und fett klingen zu lassen, oder warum es so gut klingt, wenn die Bläser leicht verstimmt spielen, oder wie sie diesen unglaublich perkussiven Gitarren-Skank produziert haben. Diese Kenntnisse sind ganz entscheidend in meiner heutigen Studioarbeit. So wie man lernt, indem man z. B. ein Jimi Hendrix-Solo Note für Note nachspielt, so habe ich versucht, King Tubby-Mixe „nachzuproduzieren“ und die sauber-polierten Marley-Aufnahmen oder den reduzierten Sound eines Burning Spear nachzuahmen.
Deine Produktionen sind komplex und unglaublich detailreich, zugleich aber klingen sie ganz einfach und klar. Wie machst du das? Was ist dein Ansatz, Reggae zu produzieren?
Experimentieren und schichten, konstruieren und dekonstruieren, das sind die wesentlichen Elemente. Ich starte stets mit einem Drum-Muster oder einer Bassline – von da aus entwickelt sich der ganze Song. Ich probiere viel aus: One Drop, Stepper, Half Step, Blend, etc. – so lange bis ich das perfekte Drum-Muster zur Bassline (oder umgekehrt) gefunden habe. Sobald ich einen Drum & Bass-Rhythm habe, mit dem ich zufrieden bin, schichte ich die Instrumente übereinander: Organ-Bubbles, Organ-Skanks, Piano-Skanks, Guitar-Skanks, Gitarrenriffe, Orgelriffe, Synthis (wenn‘s passt), Percussion, etc. Wenn der Track so weit steht, dann kann es sein, dass ich mich entscheide, das programmierte Schlagzeug durch ein live gespieltes zu ersetzen oder die Bassline neu aufzunehmen. Ich vertiefe mich so lange in die kleinsten Details, bis alles perfekt aufeinander abgestimmt ist. Für mich ist Musik wie ein Puzzle, wo jedes Stück seinen Platz hat. Jedes Instrument, jeder Effekt, jeder Sound hat seine ganz spezifischen Position. Den letzte Schritt bildet schließlich das Hinzufügen der Effekte: Echo, Hall, Reverb, Phasers, Sound-FX, Cymbal-Crashes, Drum-Rolls.
Dann höre ich aufmerksam hin. Hat das Stück einen durchgängigen Flow, von Anfang bis ganz zum Schluss? Sind da belanglose Elemente, die ich ohne Verlust entfernen kann? Manchmal entferne ich einen ganzen Refrain oder eine Strophe, wenn ich das Gefühl habe, dass das Stück irgendwo einen Hänger hat. Wenn ich beim Hören mit den Gedanken abschweife, dann ist das ein Zeichen für mich, das Stück zu kürzen oder umzustrukturieren.
Erst wenn ich das Stück anhören kann, ohne dass mich noch irgend etwas stört, dann weiß ich, dass ich mit der Arbeit fertig bin. Ich bin da sehr eigen. Es kann ein einziger Hi-Hat-Beat sein, den ich nicht mag, der mir unangenehm auffällt. Dann setze ich mich hin und bastle so lange an ihm herum, bis er endlich stimmt. Erst dann bin ich zufrieden.
Gerade in letzter Zeit hast du viele Vocal-Tunes aufgenommen. Wie wählst du die Artists aus, mit denen du arbeiten möchtest? Wie kontaktierst du sie? Gibst du ihnen vor, was sie singen sollen?
Als ich 2007 für mein Album „Renegade Rocker“ anfing, Artists meine Rhythms voicen zu lassen, habe ich sie fast alle über Myspace kontaktiert. Ranking Joe, Pinchers, Sugar Minott, Mykal Rose, Linval Thompson – alle über Myspace! Heute läuft das über Promoter, Tour-Manager und Freunde.
In der Regel schicke ich den Artists einige ausgewählte Rhythms von mir und lasse sie entscheiden, welchen sie voicen wollen. Für mich ist genau das der Grund, warum ich mit ihnen arbeiten möchte: Ich möchte ihren Vibe auf dem Rhythm haben. Sie sollen singen, was ihnen in den Sinn kommt. Normalerweise produziere ich spezifische Rhythms für einzelne Artists, genau in dem Stil, der zu ihnen passt. So habe ich Alton Ellis zum Beispiel einen Rocksteady-Rhythm geschickt. Sobald ich die Vocals bekomme, nehme ich sie mir intensiv vor. Der Großteil der Vocals, die auf meinen Produktionen zu hören sind, wurden mehr oder weniger stark editiert. Manchmal entferne ich ganze Strophen oder teile sie auf, oder ich erschaffe einen Refrain aus einer Hookline, die ich irgendwo in einer Strophe entdeckt habe. Stets mit dem Ziel, die Gesamtproduktion zu bereichern. Eine wichtige Technik, die ich entwickelt habe, besteht einfach darin, einem Song Raum zum atmen zu gewähren. Bei fast allen meinen Tracks ist das zu hören: Nach einem Refrain setzt der Gesang erst nach frühestens vier Takten wieder ein. Statt dessen können vielleicht die Bläser einsetzen, oder ich lasse einfach die Musik laufen. Es ist mir ganz wichtig, dass der Gesang Ebbe und Flut hat, also dynamisch in die Musik eingebettet ist und den Song niemals dominiert.
Was inspiriert dich?
Reisen und Touren öffnet mir die Ohren für neue Musikstile und neue Sounds, mit denen ich dann unbedingt experimentieren möchte. Bei unserer Tour im letzten November zum Beispiel, hörten wir während der Fahrt zwischen zwei Auftritten stundenlang MUSE. Der Sound bohrte sich in meinen Kopf. Als ich dann wieder zu Hause im Studio war und Songs für mein Album „Rebel Massive“ aufnahm, ließ ich einige dieser Ideen in den Song mit Prince Jazzbo (R.I.P.) einfließen. Gleiches gilt für bestimmte Steppers-Sounds, die mir begegnet waren, ebenso für Dubstep und Jungle. Momentan inspiriert mich Congo Natty, der Erinnerungen an den 90ies-Jungle in mir weckt.
Weeding Dub: Inna Digital Age
Das ist mal eine interessante Selbsteinschätzung: Der Dub-Produzent Weeding Dub aus Lille verortet sich als „the missing link“ zwischen Mad Professor und Zion Train! Wow, das ist spezifisch. Ich hatte da eigentlich bisher keinen Link vermisst, aber jetzt, wo er da ist, muss ich sagen: Ich hätte ihn mir anders vorgestellt. Denn Weeding Dub steht weder für virtuoses Dub Mixing noch für ausufernde Exkursionen ins House-Genre. Ich sehe ihn eher in der Arena des Steppers. Dort fährt er zweifellos schweres Geschütz auf: pralle Beats, wuchtige Basslines und eine drängende, militante Aggressivität. Manchmal klingt sein neues Album „Inna Digital Age“ (Contol Tower Records) mir allerdings etwas zu 8-Bit mäßig, etwas zu mechanisch, etwas zu Old School-digital – aber das ist angesichts des Albumtitels offensichtlich ja Konzept. Was aber wirklich nicht so richtig funktioniert, sind die sechs eingestreuten Vocal-Tunes. Hier hat Weeding Dub bei der Auswahl einfach kein glückliches Händchen bewiesen. Mal klingt der Sänger wie ein Abiturient, der zum ersten Mal vor dem Micro steht, mal hat die Sängerin zwar engagierte, aber schlicht dumme Lyrics parat. Richtig gut funktioniert hingegen das Zusammenspiel mit Housman Horns, deren Bläsermelodien den cleanen Computerbeats ein wenig Wärme verleihen. Außerdem bietet der Housman-Track auch noch richtig gutes Dub-Mixing. Hier ist tatsächlich eine gewisse Nähe zu früheren Zion-Train-Aufnahmen herauszuhören. Mehr davon wäre gut gewesen.
My verdict: Brutal steppers-sound with a 8-bit-feel. That’s okay. But the singing is definitely not okay. What I liked most is the track with Housman Horns. I wished, there were more of this.
My Rating: 6 (out of 10)
Check it out: Juno
Es soll ja Leute geben, die alte Original-Vinyl-Dub-Alben sammeln und für einzelne Werke bei Auktionen Unsummen ausgeben. Linval Thompsons & The Revolutionaries „Boss Man‘s Dub“ (Hot Milk) dürfte ein solches, teures Album gewesen sein, denn als es 1979 das Licht der Welt erblickte wurde ihm lediglich ein White-Labe-Pre-Release in minimaler Auflage zu Teil. Ein Sammler-Stück par Excellence, das fortan „The Lost 1979 Dub Album“ genannt wurde. Nun liegt es, ganz profan, als CD-Release vor und bietet 11 Produktionen aus der Feder Linval Thompsons, dessen Gesang auf manchen Tracks sporadisch zu hören ist. Produziert wurde es 1979, wahrscheinlich zeitgleich mit „Negrea Love Dub“ und „Outlaw Dub“. Wie diese wurde „Boss Man‘s Dub“ im Channel One Studio aufgenommen, doch anders als bei den vorgenannten, ist nicht klar, wo und vom wem das Album gemischt wurde. Musikalisch liegt es natürlich, wenig überraschend, sehr nah bei den beiden Schwester-Alben. Der Dub-Mix ist absolut klassisch, kein herausragendes Meisterwerk, dessen Urheber unbedingt ergründet werden müsste. Hervorzuheben wären allerdings die exzellenten Linernotes von David Katz, der nicht nur (allerdings vergeblich) versucht, Licht in das Dunkel der Entstehungsgeschichte des Albums zu bringen, sondern in seinem Text en passant auch die Genese des Dub und die Biographie von Linval Thompson zum Besten gibt. Respekt.
My verdict: A classical, rare album from 1979. Sounds similar to „Negrea Love Dub“ und „Outlaw Dub“. It’s okay, but not worth the fuss. The liner notes are brillant.
My rating: 6 (out of 10)
Check it out: Amazon
Dub Club: Signs & Wonders in Dub
Wir alle lieben den Dub-Sound der 70er und frühen 80er Jahre, oder? Wir alle haben Stunden, Tage, Wochen, ja Monate damit zugebracht, die Dubs der Fatman Riddim Section, der Revolutionaries, der Roots Radics und all der anderen jamaikanischen Studio-Heroen anzuhören. Es war der perfekte Sound zu seiner Zeit. Die Epoche des klassischen Dub – ein abgeschlossenes, historisches Ereignis. Im gegenwärtigen Zeitalter des Eklektizismus, ist es diese Epoche, die mit Vorliebe zitiert, gesamplet und, ja auch geplündert wird. Doch das, was Postmodernisten wie Prince Fatty, Dubmatix oder Alborosie aus den Steinen jener Epoche heute bauen, ist eine Interpretation jener Zeit, ein Reflex auf sie, vielleicht auch eine Huldigung, aber es ist etwas neues, zeitgemäßes, eigenständiges. Welchen Sinn hätte es, die Musik der goldenen Ära einfach nur zu kopieren? Besser als das Original kann die Kopie nicht sein. Also, welche Daseinsberechtigung hat sie? Diese Frage stellte sich Tom Chasteen wahrscheinlich nicht. Seit dem Jahr 2000 betreibt er in Los Angeles den Dub Club, der sich ganz dem Rub-A-Dub-Sound verschrieben hat. Irgendwann besann sich Chasteen, dass die Foundation-Artists, deren 45s er wöchentlich auf den Plattenteller legte, arbeitslos in Jamaika abhingen und nur allzu bereit wären, für ein paar Dollar Songs für den Dub Club einzuspielen. Also organisierte Chasteen Sessions in LA und Jamaika, Rhythms für das Projekt aufzunehmen. Das Ergebnis war das Album „Foundation Come Again“ (siehe letzte Riddim). In alter Sitte wurden aus den Rhythms auch zwei Dub-Alben generiert: „Signs & Wonders in Dub“ und „Bubble Dub“, die nun beide zusammen – etwas verwirrend – unter dem Titel „ Signs & Wonders in Dub“ (Stones Throw Records) als digitaler Download zur Verfügung stehen. Darauf zu hören gibt es eine Menge klassischer Riddims, exakt nachgespielt im authentischen Sound. Ich bin nicht der Meinung, dass die Welt diese beiden Alben gebraucht hätte, muss aber andererseits zugeben, dass es schon Spaß macht, sie im Hintergrund laufen zu lassen. Na ja, geistiger Anspruch und des Fleisches Lust sind nicht immer der gleichen Meinung – sozusagen.
My verdict: The album is an exact reincarnation of the Rub-A-Dub-Style. Nothing more. But who want’s a mere copy, when the original is still available?
My rating: 5 (out of 10)
Check it out: Juno
Robo Bass HiFi: 16 Bit Skanks
„Robo Bass HiFi zelebriert aktuellen Elektro-Reggae-Sound in allen Facetten. Angefangen von Roots und Dub über Dubstep/Drumstep bis zu Future Jungle, UK-DIGITAL und D’n’B findet sich alles in ihrem Repertoire“ – so der Info-Text zum neuen Projekt von Fluxer M. a. k. a. Markus Kammann a. k. a. Robo Bass HiFi. Uff, dem muss man erst mal folgen können. Gemeint ist damit ein recht hybrider Sound, der meines Erachtens irgendwo zwischen Major Lazer und Jungle liegt, dabei gelegentliche (mit Reggae-Offbeats gefüllte) Breaks einschiebt und gesamplete Vocals von Cutty Ranks oder Bounty Killer darüber streut. Nun liegt das erste Album mit diesem Sound vor: Robo Bass HiFi, „16 Bit Skanks“ (Select Cuts). Hochenergetisch das Ganze und vollgestopft mit verrückten Ideen. Sofern man sich nicht gerade in einem Zustand ekstatischer Verzückung befindet und in der Lage ist, dem musikalischen Feuerwerk bewusst zuzuhören, kann man nur staunen über die unzähligen Schichten an Sounds, die hier übereinander liegen, die sich im Dub-Mix unentwegt abwechseln; und immer dann, wenn man glaubt, zu wissen, was gerade gespielt wird, wieder von neuem überraschen. Als Dub-Purist kann man dieses musikalische Inferno für überproduziert halten – ich halte es für aufregend und schätze es sogar sehr, nach dem Konsum der Bass-Lawinen anderer Dub-Produktionen, die Ohren mal so richtig mit schnellen Beats durchgepustet zu bekommen.
Nach den ersten sechs Tracks des Albums wandelt sich der Sound übrigens ganz erheblich. Der Sturm und Drang des ersten Teils verflüchtigt sich zugunsten eher klassischer Reggae-Beats, denn Track 7 bis 14 sind Remixe von Stücken aus dem Echo Beach Back-Katalog. So erfahren z. B. Dubmatix, Groove Corporation oder Dubblestandart das Robo Bass-Treatment, was – und das muss leider konstatiert werden – ein wenig zur Masche gerät. Eingestreute Schranz-Passagen, verzerrte Basslines und Brutalo-FX fügen sich nicht sonderlich harmonisch in die vorhandenen, sehr guten Produktionen – verwandeln sie andererseits aber auch nicht in neue Kreationen. Auf mich wirkt das irgendwie halbherzig.
Markus Kammann, der schöpferische Geist hinter diesem Projekt, hat übrigens eine spannende Biografie: 1988 gründete er die legendäre Wuppertaler Beatbox und 1990 dann Groove Attack. Ich bin sehr gespannt, ob das Robo Bass HiFi Soundsystem auch so eine Erfolgsgeschichte wird.
My verdict: A hybrid sound somewhere between Major Lazer and Jungle with lots of reggae-offbeats – always changing, always surprising, always full of ideas. The second half of the album looses it’s power.
My rating: 8 (out of 10)
Check it out: Juno
earlyW~Rm: Dub Device
Ich bin immer wieder erstaunt, wie vielfältig das Genre Dub ist. Selbst ein Sub-Genre, müsste es der Logik nach eher ein recht beschränktes Spielfeld haben. Natürlich ist das Prinzip des Dub im Sinne eines Remix universell, doch auch in seinem engeren Sinne, als Spielform von Reggae, bringt Dub stets neue Klänge und Konzepte hervor. Schönes Beispiel dafür ist das neue Album „Dub Device“ (Renegade Media) von earlyW~Rm: obwohl stricktly Laptop-Dub, eröffnet es doch bisher unerhörte Klangwelten. Mich lässt der Sound an große, schwerfällig-träge Maschinen denken, die stoisch und unaufhaltsam ihre rhythmische Arbeit verrichten. Jeder Track wirkt wie ein kurzer Ausschnitt aus einem immer währenden, träge rollenden Beat. Ein Ausschnitt aus der Unendlichkeit. Obwohl vom Old School-Dub inspiriert, hat der Sound etwas futuristisches: Elektronische Klänge voller Erdenschwere – ein reizvoller Kontrast.
Der frühe Wurm produziert seine merkwürdig postindustriellen, retro-futuristischen – manchmal entfernt an Mad Professor erinnernden – Klänge übrigens in Toronto, wo auch Dubmatix sein Unwesen treibt. Vor exakt 10 Jahren schuf er seinen ersten Dub, nachdem er sich durch Funk, R & B, Acid Jazz, House und Drum & Bass gearbeitet hatte. Acht Jahre dauerte es, bis schließlich 2011 sein Debut-Album „Natty Droid“ erschien. Der typische earlyW~Rm-Sound war hier bereits voll entwickelt, nur die Konsequenz, mit der er ihn in Rhythms gießt, ist auf „Dub Device“ noch ausgeprägter. Ein faszinierendes Album, und ich hoffe sehr, dass wir von earlyW~Rm noch viel zu hören bekommen, bevor der frühe Vogel ihn frisst.
My verdict: Although stricktly laptop-dub, it opens up unheard worlds of sound. Each track is like a snippet from a perpetual, slow rolling beat.
My rating: 8,5 (out of 10)
Check it out: Soundcloud
24 Questions to: Zion Train
Your name: Neil Perch
You live in: Cologne
Title of your latest album or your last EP: Dub Conference by Abassi All Stars 2013, previously State Of Mind by Zion Train 2011.
What is your definition of Dub?
Dub is psychedelic reggae … deconstructed and reinterpreted by the mixing engineer.
What is essential for a good dub?
Essential for a good dub is a good tune/ song to start with and a talented, open minded mixing engineer.
You are a pioneer of UK-produced dub. How did you get into the business?
I got into dub by being hugely affected by sound systems, mainly Jah Shaka – once I heard that, I had to make music like it.
You produce dub-music for more than 20 years now. Do you still enjoy it?
In fact I produce dub for over 25 years now and every day I remember I am one of the lucky people who earns their living with something they love and that touches other people“s hearts – so yes, I still enjoy it.
What was your biggest success and your biggest failure?
My biggest success is always avoiding categorisation. My biggest failure is not YET converting the whole of humanity into dub loving pacifists.
How has the dub-music-scene changed, since you started your business? When was the best time?
Dub music has gone international since I started in it when it was not even well known in the UK. At the same time the intenet has started and multiplied, Cds were born and since then CDs and vinyl have died so the scene has changed hugely – what remains the same is the basic positivity that always comes with Dub. The best time is yet to come … of course.
How would you describe your style of dub?
I would describe my style of Dub as open minded.
What is your process of creating a typical dub-track?
I have no typical process of producing a Dub track as I like to take a different approach everytime I work in the recording studio – I treat it as a personal challenge. However in general first a musical idea, then record it, back it up with instruments, sonic texture and arangements, then deconstruct into dub using the chosen method of the day.
What do you like best about dub-music?
I like the mental space Dub music provides – a universal language with no need for words.
What are your personal top 5 dub albums?
Israel Vibration: Israel Dub
Aswad: New Chapter Of Dub
King Tubby: Dub Jackpot
Burning Spear: Living Dub
Creation Rebel: Starship Africa
Who is the greatest dub artist of all time for you?
King Tubby is the greatest Dub artist of all time for me.
And who is the currently most interesting dub artist?
Radikal Guru (PL) and Gentlemans Dub Club (UK).
What is the musically most interesting decade for you? Why?
Musically most interesting decade 68-78 due to the technology explosion, the political and social changes that rocked the worked at the time.
What is your current favorite album?
Revolver by the Beatles.
What is your opinion on dubstep?
Dubstep is an interesting musical phenomenom with an occassional good tune – but like most musical explosions, it is 95% rubbish.
Are you able to earn a living with your music?
I have earnt my living for 25 years solely through music.
What is your particular strength?
Discipline, honour and respect.
What do you enjoy most about what you are doing?
The thing I enjoy most about what I do is FREEDOM – particularly the freedom of self expression.
When not tinkering with dubs, what do you prefer to do?
When not tinkering with Dubs I prefer to tinker with my dog.
Is there something you still want to achieve? A big goal?
I still need to achieve converting the world into pacifist Dub lovers – so I will stick to that task.
Where and how do you see yourself 10 years from now?
I guess I will be right here on planet earth still try to achieve converting the world into pacifist Dub lovers.
If you could choose the one most essential track from your oeuvre, which one would it be?
I never listen to my own music outside of the studio or performance, many of my tracks are important for personal reasons but I hope never have to choose an essential track.
How do you see the future of Dub?
The future of Dub, is more global spread, more diverse influences, more people diluting it, stealing the essence and making money from it but hopefully more peace and love through the spread of this good vibes sound and attitude.
If time and money wouldn’t count: What project would you like to start?
I would deweaponise the globe and feed every hungry mouth there is.
Sattatree: Human Legalization
Es ist heutzutage schon eine ziemliche Seltenheit, dass ein Album seine Dub-Version gleich mitbringt. Sattatrees neues Werk „Human Legalization“, das als Doppel-CD erscheint, hat den Dub-Mix direkt mit im Digipack. Ein Blick auf das Label-Logo lässt erahnen, woher die Liebe zum Dub rührt: One Drop – es ist das Label von Aldubb, der das Album aufgenommen und gemixt hat. Logischerweise stammen auch die Dubs aus seiner Feder. Und logischerweise sind Sound und Dub-Mix superb: Schön Old-School, dennoch druckvoll und in klassischer Manier gemixt. Da gibt‘s nix zu meckern – wenn da nicht der Live-Sound der Band wäre. Vielleicht bin ich zu dogmatisch, aber von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen (wie z. B. Dub Syndicates „Pounding System“, Dub Trio, Trance Hill & Umberto Echo), darf Dub nicht live gespielt klingen. Was In der Vocal-Version absolut stimmig ist, führt als Dub bei mir zu Irritationen. Dub als reine Studiomusik muss tight, pur und direkt klingen. Der „luftige“ Sound einer Bühne passt mir da einfach nicht ins Konzept. Erschwerend kommt hinzu, dass die Sattatree-Backings alleine, ohne den Gesang, nicht genug Standing haben. Die Rhythms sind gut, solange sie einer Gesangsstimme dienen. Auf sich alleine gestellt, fehlt ihnen jedoch die Kraft und vielleicht auch die kompositorische Raffinesse. Da ein Dub sich auf das Wesentliche beschränkt, so müssen die wenigen Elemente, aus denen er besteht, besonders stark sein. 90 Prozent der Backings, die im Mainstream-Reggae Einsatz finden, sind für Dubs ungeeignet – so meine (gewagte) These. Womit vielleicht auch erklärt wäre, warum moderner Dub heute nur noch selten das Derivat eines Reggae-Songs ist. Ein Dub ist ein Dub – und zwar von Anfang an. Deshalb fasse ich mal kühn zusammen: „Human Legalizaion“ mag ein gutes Vocal-Album sein, ein gutes Dub-Album ist es leider nicht.
My verdict: Good dub-mixes, but I don’t like the live-atmosphere of the sound. The rhythms are also a bit weak.
My rating: 5,5 (out of 10)
Check it out: Juno
Dreadzone: Escapades
Als ich Dreadzone Anfang der 1990er Jahren zum ersten Mal hörte, war es so etwas wie ein Erweckungserlebnis für mich. Dub wies hier erstmals deutlich über den Horizont des Genres hinaus. Dreadzone fusionierten Reggae, Dub, Elektronik und das, was damals „Leftfield“ genannt wurde, zu einem ungemein harmonischen Ganzen, dem typischen Dreadzone-Sound, der gänzlich neu und aufregend war. Folgerichtig ließ die Band den Reggae-Kontext schnell hinter sich, unterschrieb bei Virgin Records und verzeichnete 1996 mit „Little Britain“ sogar einen veritablen UK-Charts-Hit. Wahrscheinlich war kaum einem der damaligen Käufer klar, dass er eine Dub-Platte erwarb. Zu sehr war die Dub-DNA verborgen unter vielschichtigen Rhythmen, genrefremden Melodien (die eher an Folk, denn an Reggae denken ließen) und ungewöhnlichen Instrumentierungen. Nun, 20 Jahre nach Gründung der Band, und 17 Jahre nach „Little Britain“ erscheint das neue Album der Briten: „Escapades“ (Dubwiser Records). Inzwischen ist der Dreadzone-Sound, an dem die Band um Greg Roberts und Leo Williams unbeirrt fest hält, längst nicht mehr so spannend wie vor 20 Jahren. Zudem ist in der Hälfte der Stücke des neuen Albums die bisher so wohl gehütete Dub-DNA verloren gegangen. Sie musste Pop- und Rock-Genen weichen, aus denen ein paar ziemlich kommerziell anmutende Tracks (z. B. „Too Late“, Feat. Mick Jones) hervorgegangen sind. Schlimm! – Aber da wäre ja noch die andere Hälfte von „Escapades“, immerhin fünf Stücke, die bewahrt haben, wofür Dreadzone zwei Dekaden lang stand. Genannt seien hier die Songs „Rise Up“ oder „Next Generation“, beide mit Vocals von Earl 16. Auch wenn der Sound in den 90ern stecken geblieben scheint („Next Generation“ könnte auf dem Album „Second Light“ von 1996 veröffentlicht worden sein), so handelt es sich doch um gut gemachte Songs mit starken Melodien, ordentlich Reggae-Offbeat und dem klassischen Dreadzone-Dub-Feel. Was gibt‘s daran auszusetzen? Das Problem liegt wahrscheinlich weniger bei Dreadzone, als bei mir, dem ehemaligen Dreadzone-Verehrer, der dem neuen Album mit zu hohen Erwartungen begegnet. Wäre Dreadzone seinerzeit nicht so wahnsinnig „Avantgarde“ gewesen, dann würde es mich jetzt nicht so schmerzen zu erkennen, dass sie mit ihrer aktuellen Musik der Zeit hoffnungslos hinterher hinken. Es ist nicht fair, aber Dreadzone bewerte ich mit sehr hohem Maßstab. Wie sonst sollten wahre Innovatoren gemessen werde? Und hier ist Dreadzone vom Giganten zum Zwerg geschrumpft. Leider.
My verdict: Half of the album isn’t dub anymore. The other half is quite good, but doesn’t satisfy my super high expectations. Dreadzone seems to be stuck in the 90ies.
My rating: 5 (out of 10)
Check it out: not available yet








