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Various, „Dub Zealand“

Zur Zeit ist Fat Freddie’s Drop zweifellos der musikalische Exportstar Neuseelands (zumindest, was unser Genre betrifft). Aber die Insel hat noch deutlich mehr Dub zu bieten, wie der neue Sampler „Dub Zealand“ (Green Queen Music) beweist, der uns vierzehn äußerst schöne Dub-Tracks präsentiert. Das Grundelement fast aller hier versammelten Stücke ist dieser merkwürdig weiche, entspannte und manchmal subtil verschroben wirkende Sound, der offensichtlich typisch für die Musik der Kiwis ist. Einige der neuseeländischen Dub-Protagonisten des Samplers sind uns übrigens  wohlbekannt: The Black Seeds, Unitone HiFi, International Observer, The Nomad und Katchafire. Andere gilt es unbedingt neu zu entdecken wie z. B. den Dub Terminator, der hier einen fantastischen Science-Fiction-Track geliefert hat, oder Jefferson Belt, dessen Drummachine und Gesangsfragmente spontan an Lee Perry denken lassen; oder Jstar & Dr. Cat, die uns beweisen, dass Qualitäts-Dubstep auch am anderen Ende der Welt angekommen ist. Ich bin jedenfalls bass erstaunt, dass Neuseelands Dub-Landschaften so reich blühen. Vielleicht gibt es eine Seelenverwandschaft zwischen den Bewohnern der „Inseln“ Jamaika und Neuseeland – und natürlich England!

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Review Sonstiges

„Transnational Dubstep“ vs. Forty Thieves Orkestar, „Last Band Standing“

Dubstep – der große Hype der letzten Jahre. Nach anfänglicher Begeisterung, trat bei mir schnell Ernüchterung ein: Verglichen mit Dub war Dubstep oftmals schlicht langweilig. Außerdem fehlt der Reggae-Offbeat, was die Sache ohnehin schon fragwürdig macht. Jetzt aber bin ich auf ein ausgesprochen spannenden und nach meinem Geschmack auch sehr, sehr guten Dubstep-Sampler gestoßen: „Generation Bass Presents: Transnational Dubstep“ (Six Degrees). Was den hier präsentierten Dubstep so außergewöhnlich macht, ist der titelgebende „transnationale“ Sound. Denn hier mischen sich der Wobble-Bass und die Percussion-Loops mit Elementen traditioneller Weltmusik, wie arabische Chants, Cumbia, Balkan-Beats, Gipsy Swing, Sufi-Music oder gar fernöstlichen Harmonien. Das Ergebnis ist eine absolut organische Verbindung von Dubstep und Weltmusik. Aus gewöhnlich eher eintönigem Dubstep wird hier ein wahres Feuerwerk aus Polyrhythmik, synkopierten Beats, fremder Melodien und schräger Instrumentierung. Kompiliert wurde der Sampler übrigens vom Betreiber des einflussreichen Dubstep-Blogs generationbass.com.

Gehen wir noch einen Schritt weiter und überschreiten mit „Last Band Standing“ (Enja) vom Forty Thieves Orkestar, die Grenze von Dub und Reggae in Richtung Worldmusic vollständig. Seit 1994 gibt es die bunt gemischte Combo aus London und Istanbul, die Balkan Gypsy-Beats und Bauchtanz mit starken Reggae- und Dub-Einflüssen verbindet. Blechbläser, Klarinetten, Violinen, Akkordeon und perkussive Beats werden sich hier zu einer faszinierenden Melange, bei der man stets einen Reggae-Beat durchklingen zu hören glaubt. Die Rhythmen sind wunderbar komplex und doch uneingeschränkt groovy, die Melodien eingängig und doch fremd und der Studiomix zurückhaltend und doch voller Finesse. Ich glaube, es ist nicht zu verbergen, dass ich mich in dieses Album verliebt habe – auch, wenn eine Nähe zu Dub nur mit gutem Willen attestiert werden kann. Das Album bietet aber alles, was guter Dub haben muss: gute Instrumentalmusik, interessante Beats, virtuose Studioarbeit, tolle musikalische Ideen und nicht zuletzt einen fetten Groove. Es fehlen nur die Bassdominanz und die Dubeffekte – die für Dub allerdings konstatierend sind. Tja, ich kann es drehen und wenden: Dub ist es zwar nicht – aber es ist trotzdem super!

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Review

Dub Spencer & Trance Hill, „The Clashification Of Dub“ vs. Jamaram, „In Dub“

Da habe ich vor kurzem noch das Joe Stummer-Tribute „Shatter The Hotel“ auf Platz 10 meiner Dub-Top-Ten 2010 gewählt, da kommt schon ein neues Clash-Tribute ins Haus: Dub Spencer & Trance Hill, „The Clashification Of Dub“ (Echo Beach). Die vier schweizer Space-Cowboys bieten uns hier eine rockig, düstere Dubification bekannter Clash-Hits. Handgespielt, ein Sound mit Ecken und Kanten, klassisch und mit viel Sorgfalt und Liebe zum Detail gedubbt. Das Ganze klingt fast wie eine Live-Produktion, ungeschliffen, rockig und doch voller Reggae-Vibes. Beim ersten Hören ist mir die brillante Qualität des Albums allerdings gar nicht so bewusst geworden, was verdeutlicht, dass wir es hier nicht mit vordergründigen, eingängigen Beats zu tun haben, sondern im Gegenteil mit durchaus komplexen und hintergründigen Instrumentals, vollständig durchkomponiert und von einer spannungsvollen Dramaturgie bestimmt. Hinzu kommt diese düstere, fast psychedelische Atmosphäre – dieser Funke Wahnsinn in der Musik, der sie ein wenig unzugänglich, aber zugleich auch so verführerisch macht. Mit The Clash hat diese dubifizierte Neuinterpretation nur noch am Rande zu tun. Joe Strummers Songs scheinen lediglich ein Startpunkt für die ausgedehnten musikalischen Exkursionen der Space Cowboys gewesen zu sein, Exkursionen, hinein in die weite Prärie psychedelischer Transzendenz, immer weiter, bis ihre Silhouetten vor dem flirrenden Feuerball der untergehenden Sonne in der Ferne verschwinden.

Neben „Clashification“ schickt das sympathische Hamburger Dub-Label Echo Beach (was würden wir ohne es machen?), ein zweites, grundverschiedenes Dub-Album ins Rennen: „Jamaram In Dub“ (Echo Beach). Statt rau, düster und rockig zu klingen, bieten Jamaram hundert Prozent Niceness: Positive, energetische Rhythms, voller Sturm und Drang, denen man den Spaß der achtköpfigen Band anhört. Das ist keine ins Transzendentale driftende Musik, sondern einfacher, großartiger Reggae – virtuos gedubbt von Umberto Echo. Ein schöner, warmer Sound, handgespielt, sehr abwechslungsreich und inspiriert. Empfiehlt sich bei Dub Spencer & Trance Hill das aufmerksame Hinhören, so entfaltet „Jamaram in Dub“ seine Wirkung viel unmittelbarer. Die positiven Kraft dieser Musik springt einen förmlich an. Wer sie hört, kommt gut drauf. Und der Dub-Wizzard Mr. Echo tat gut daran, diesen Drive nicht einem allzu komplizierten Mix zu opfern. Er agiert zurückhaltend im Hintergrund und gibt der Musik Raum zur Entfaltung. Jamaram und Dub Spencer & Trance Hill – man muss sie alle beide (oder alle drei?) lieben!

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Reggae Review

Blue Riddim Band, „Tribute“

Ich habe schwer den Eindruck, dass die amerikanischen Bands langsam besser werden. Was mich das vermuten lässt? „Tribute“ (Rougher Records, Download oder über den deutschen Vertrieb), der Blue Riddim Band! Statt sich dem Roots-Reggae zu verschreiben, wie ihn nahezu alle anderen US-Reggae-Bands spielen (und dass meist mit einem eklatenten Grooove-Defizit), widmen die acht Musiker ihr Tribute den Originators der jamakanischen Musik, Coxsone Dodd und Duke Reid. Dazu haben sie schlicht und ergreifend ihre Lieblingssongs aus der Ära des Ska, Rocksteady und frühen Reggae instrumental neu interpretiert und anschließend durch den Dubwolf gedreht. Was dabei heraus gekommen ist, klingt verdammt authentisch. „Love Without Feeling“ der Heptones, „Only A Smile“ der Paragons, „Baba Boom“ der Jamaicans oder „Fatty Fatty“ der Heptones erklingen in einem von Bläsern getragenem, mit Orgel verzierten und einem luftigen Schlagzeug befeuerten Sound. Fast meint man das Knacken alter Vinylplatten zu vernehmen. Selbst die Dub-Effekte klingen irgendwie nach Studio One. Da kann man sich natürlich fragen, warum man sich statt des Originals ein US-Remake anhören soll. Die schlichte Antwort könnte lauten: Weil das Remake verdammt viel Spaß macht.

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Review

Scholars Word, „Dub Collection“

Bereits 2009 erschienen, doch jetzt erst über einen deutschen Vertrieb erhältlich, ist „Dub Collection“ (Scholars Word) zweifellos eines der besten Dub-Alben, das in jüngerer Zeit in den USA produziert wurde. Bei Scholars Word handelt es sich eigentlich um eine ganz normale, amerikanische Reggae-Band, die solo oder als Backing Band vieler jamaikanischer Artists bereits unzählige Male durch die USA getourt sind, den deutschen Reggae-Fans aber – verständlicher Weise – bisher verborgen geblieben ist. So sind bis 2009 – von uns unbemerkt – fünf Alben entstanden, deren Best Of-Selection unter die Finger des Dub-Meisters Jahboo geraten sind und anschließend in Form solider Dub-Mixes auf das vorliegende Album gepackt wurden. Ich kenne die Originale nicht, aber eines ist ganz eindeutig: Die Dubs sind superb! Die vierköpfige Band hat ernsthaft verstanden, was Groove ist. So kraftvolle Beats, so exakt auf den Punkt, so zielsicher ins Herz des Roots-Addicts, dass es eine pure Freude ist. Der Sound ist dabei wunderbar weich, warm, entspannt und doch energiegeladen, die Riddims sind großartig. Gekrönt wird das Ganze von überaus angenehmen Melodien, einem soliden Mix und vor allem der faszinierenden Eigenschaft, unweigerlich ein gutes Gefühl zu verbreiten, sobald das Album erklingt.

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Dub (R)evolution Review

Dub Evolution Januar 2011

Die interessanteste Dub-Neuerscheinung des noch frischen Jahres kommt aus Münster, von den Senior Allstars, und trägt den schlichten aber dafür umso trefferenden Titel „In Dub“ (Skycap). Es ist gewissermaßen ein Geburtstagsgeschenk, das sich die Jungs gegönnt haben, denn als das Projekt 2009 geboren wurde, waren die Senioren 10 Jahre und fünf eigenständige Alben (also ohne Dr. Ring Ding) alt. „Von Anfang an ist Dub zwar ein wichtiges Element unserer (Instrumental-)Musik gewesen“, erklärt Thomas Hoppe, Schlagzeuger der Band, „aber ein richtig ordentliches Dub-Album war schon lange mein Traum“. Wie schön, dass sich so ein Traum auch umsetzen lässt. Mein lieber Riddim-Autorenkollege Karsten Frehe steuerte Kontakte zu einigen der zur Zeit interessantesten Dub-Produzenten bei, so dass sich eine illustre Schar an Sound-Tüftlern und Dub-Maniacs einfand, die insgesamt 14 Tracks der Senior Allstars in „richtig ordentliche“ Dubs zu verwandeln. Karsten hat jedem der 9 Dub-Meister im Booklet einen kleinen, informativen Text gewidmet: Umberto Echo (München), Alldub (Berlin) und Dubvisionist (Hannover), Webcam HiFi (Frankreich), Dubolic (Kroatien), Victor Rice (Brasilien), Crazy Baldhead (USA), El Bib (England) und Avatar (Irland). Alle haben ihre Arbeit sehr gut gemacht und saubere Dub-Mixes abgeliefert – Dub Mixes wohlgemerkt, keine Remixes. Es ging um das gute alte Tontechniker-Handwerk und nicht darum, neue Spuren einzuspielen und aus einem relaxten, Jazz-inspirierten Instrumental eine düstere Dubstep-Nummer zu zaubern. Daher ist es nicht ganz leicht, stilistische Unterschiede der verschiedenen Akteure herauszuhören. Der leichte, lockere Uptempo-Sound der ehemaligen Ska-Band bleibt auch für die Dub-Version prägend. Im direkten Vergleich einiger Tracks vom letzen Senior Allstars-Album „Hazard“ mit ihren Dubs fällt allerdings auf, dass die Originale wahrscheinlich besser gemastert wurden. Die Präsenz und Klarheit des Original-Sounds ist schlicht fantastisch. Dafür erhalten die Dubs mehr Tiefe und Schwere, der Sound wirkt konzentrierter. Insgesamt also ein schönes Dub-Reworking, das gerade im Vergleich zu den Originalen faszinierend anzuhören ist.

Ein ähnliches Konzept verfolgt das britische Reggae-Kollektiv Pama International mit dem neuen Album „Pama International Meet Mad Professor: Rewired! In Dub“ (Rockers Revolt). Auch hier wurde ein bekannter Dub-Produzent, nämlich der verrückte Professor himself, eingeladen, bestehende Tracks zu dubben, und zwar die des 2009 erschienenen Pama-Albums „Outernational“. Der Professor hat hier alles gegeben, aber was kann er retten, wenn schon die Basis nicht richtig stimmt? Anders als die Senior Allstars hat Pama International nämlich keine so guten Rhythms gebaut, keine melodischen Basslines komponiert und keine wirklich spannenden Arrangements kreiert. Daher plätschern die Tracks einigermaßen uninspiriert daher, auch wenn Mad Professor viel Hall draufgegeben und sich am Mischpult die Finger wundgeschraubt hat. Dass mich das Dub-Album so wenig zu beeindrucken weiß, wundert mich schon, denn „Outernational“ gefiel mir eigentlich gar nicht so schlecht. Aber im direkten Vergleich wird deutlich, dass das Original sehr vom Gesang profitiert, der eine schöne Mischung aus James Brown, Desmond Dekker und Jimmy Cliff ist. Ist doch interessant zu sehen, dass die Effekte des Dub nicht geeignet sind, mangelnde musikalische Qualität zu kaschieren. Das Gegenteil ist der Fall: Dub konzentriert sich auf das Wesentlich und lässt Mängel dadurch um so deutlicher hervortreten.

Noch so ein Fall: Wieder geht es um den Dubmix vorhandenen Materials, nur ist der Dub-Master in diesem Fall niemand anderes als der wiederauferstandene Scientist: „Scientist Launches Dubstep Into Outer Space“ (Tectonic). Dem armen Kerl blieb zwar das Pama-Album erspart, aber dafür musste er Dubstep remixen. Gibt es eine Musik, die sich weniger für einen Dub-Mix eignet als Dubstep? Was will man bei dieser Minimal-Music noch mixen? Scientist wusste das offensichtlich auch nicht, weshalb sich seine Dubs nicht sonderlich von den Originalen unterscheiden – die übrigens in Form einer Doppel-CD praktischer Weise direkt beigelegt wurden. Anders jedoch als bei Mad Professor, ist das „Rohmaterial“ in diesem Falle gar nicht so übel. Bisher unveröffentlicht, stammen die Tracks von Dubstep-Koryphäen wie Kode 9, Shackleton, Distance, Digital Mystikz u.a. Wer einer Exkursion in Dubstep-Gefilden nicht abgeneigt ist, kann ja mal reinhören. Wer jedoch erwartet, den Scientist zu hören, den er aus den frühen 1980er Jahren kennt, wird eine herbe Enttäuschung verdauen müssen.

Aus Japan kommt ein von Glen Brown produziertes und von King Tubby gemischtes Dub-Album zu uns: „Big Dub – 15 Dubs From Lost Tapes“ (Rock A Shacka). Dub Vendor in England verkauft das gute Stück für 22 Pfund (26 Euro) zuzüglich Versandkosten. Ein exklusives Vergnügen also, der (zudem noch limitierten) CD zu lauschen. Und mit welchen Sensationen wartet die Luxus-Cd auf? Zum Beispiel mit Dubs zu Stücken wie „Never Too Young To Learn“, „Father Of The Living“, „Away With The Bad“, „Merry Up“, „As Long As There Is You“, „When I Fall In Love“ – aber auch mit Dubs von bisher unbekannten Stücken (schließlich reden wir hier von „lost Tapes“). Wie zu erwarten, ist der Glen Brown-Sound auch hier eher trocken und spröde und Tubby verfährt in bekannter Manier damit: Das Wenige reduziert er noch weiter, lässt gelegentlich Gitarre oder Keyboards anklingen, jubelt kräftig Echo drüber, nur um es dann wieder den mächtigen Zwei, Drum & Bass, zu opfern. Wir haben es hier mit einem wahrhaft minimalistischen Werk zu tun und ich muss zugeben, dass ich mich beim Hören durchaus gelangweilt habe – großem Meister und großer Kunst zum Trotz. Mir ist der Sound eine Nummer zu karg und die Dub-Mixes zu klassisch. Nach meinem Geschmack eher ein Album für die Sammlung, als fürs Hörvergnügen.

So, damit wäre ich mit der Jahresauftakt-Kolumne durch, die – wie ich gerade feststellen muss – fast vollständig aus Verrissen besteht. Das fängt ja gut an!

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Dub (R)evolution Review

Dub Evolution, November 2010

Ich bin ein großer Freund des Minimalen, was vielleicht meine Vorliebe für Dub erklärt, denn Dub ist eine minimalistische Musik. Das Großartige an Dub ist aber, dass dieser Minimalismus nicht langweilig wird, denn innerhalb seiner engen Grenzen, bietet Dub einen wahren Kosmos an Möglichkeiten. In einer Komposition aus wenigen Elementen, hat die Veränderung eines einzelnen der Elemente eine viel größere Relevanz fürs Ganze, als in einer Komposition, die aus sehr vielen Elementen besteht. Dub zu produzieren heißt daher, die musikalischen Elemente sehr präzise zu komponieren und zu manipulieren. Statt ein vorhandenes Musikstück mit Effekten aufzupeppen, geht es um das genaue Gegenteil, nämlich darum, Musik so weit zu reduzieren, dass jeder einzelne Bestandteil, jedes Instrument, jeder Ton, dessen Klang und Kontext Bedeutung gewinnt. Aus diesem Grund, ist das Anhören von Dub eine andere Erfahrung als der Genuss eines „normalen“ Musikstücks. Während wir einem normalen Musikstück folgen wie einer Erzählung, also gewissermaßen „gegenständlich“ mit einem klaren Fokus auf Gesangsmelodie und Text, betreten wir bei Dub einen abstrakten akustischen Raum, in dem sich unsere Aufmerksamkeit nicht an einem bevorzugten Gegenstand festhalten kann, sondern vielmehr jedem Einzelnen sowie zugleich dem Ganzen gilt. Vielleicht rührt daher der meditative Charakter von Dub: Er evoziert beim Hörer einen Zustand der vollständigen Offenheit und Achtsamkeit.

Beim Hören von Alborosies neuem Album „Dub Clash“ (Shengen/Import) erging es mir wieder genau so. Es ist eine Musik, in deren Tiefe man als Hörer eintaucht und sie in fast meditativem Zustand, aber mit hellwachem Geist, erlebt. Hier ist jedes Detail sorgsam ausgewählt, platziert und arrangiert. Alles ist am richtigen Platz, nichts dürfte fehlen, ohne dass das austarierte Gleichgewicht der Komposition zerstört würde. Hier haben wir den glücklichen Fall, dass hervorragende Produktionen einer kongenial ausgeklügelten Dub-Prozedur unterzogen wurden, mit dem Ergebnis, dass die Dubs besser sind als die Vocal-Originale. Während Albos Songs zweifellos gut sind, so bleibt es doch den Dubs vorbehalten, das musikalische Erlebnis zu einer wirklich faszinierenden, reichen Erfahrung werden zu lassen. Ein wichtiger Grund für das Zustandekommen dieser Erfahrung ist Alborosies Vorliebe für gute, alte, analoge Studiotechnik, der seine Musik einen unglaublich reichen, warmen und harmonischen Sound verdankt, voller Komplexität und Tiefe. Seine andere Vorliebe gilt klassischen Riddims wie z. B. „Bobby Babylon“, „Full Up“ oder „When I Fall In Love“, was nicht nur schöne Basslines garantiert, sondern ebenfalls ein interessanten Aspekt des dem Dub eingeschriebenen Minimalismusprinzips darstellt. „Analoge Studiotechnik“ und „klassische Riddims“ klingt nach Old School – und das ist es auch und zwar volle Kanne. Nicht ohne Grund widmet Albo das Album King Tubby. Vor allem das erste Stück, das bezeichnender Weise mit „Tribute To The King“ betitelt ist, könnte von eben jenem gemischt worden sein. Doch im weiteren Verlauf emanzipiert sich Alborosie von der Vorlage und findet zu seinem eigenen Sound, der mit einem Bein in der Klassik, mit dem anderen aber im Hier und Jetzt steht. Je weiter das Album voranschreitet, desto reduzierter und hypnotisierender werden die Dubs, gewinnen an Erdung und Intensität und ziehen den Hörer immer tiefer in ihren Bann, bis schließlich die letzten Töne des sechzehnten Tracks verklingen und man aus der musikalischen Meditation erwacht – erfrischt und befriedigt und ein wenig verwundert darüber, warum diese großartige Musik Dub in Jamaika ausgestorben ist und erst ein Europäer sie dorthin zurück bringen muss.

Aus dem Heimatland Alborosies, Italien, kommt auch die Wicked Dub Division, ein typischer Vertreter der sehr starken Dub- und Roots-Szene jenseits der Alpen. Soeben ist das erste Album der Division erschienen: „The Singles Collection“(WDD/Download). Darauf bieten sie in gewisser Hinsicht ein echtes Kontrastprogramm zu Albos „Dub Clash“, denn statt ausgeklügelter Kompositionen und feinfühliger Mixe, geht‘s hier dubtechnisch voll auf die 12: Steppers galore, wuchtig, brutal, kompromisslos. Aufgebaut als Showcase-Album, gibt‘s stets zuerst die A-Seite der Single und dann den Dub. Doch nicht selten ist die Vokalversion ebenfalls ein Dub und der Gesang eher rudimentär vorhanden. Wer auf diese Art von UK-Steppers-Neuinterpretation steht, der könnte sich auch mal das etwas ältere Album von R.estistence in Dub, „Avampuest Dub“ (Alambic Conspiracy/Download) anhören.

2003 erschien das Pink-Floyd-Remake „Dub Side Of The Moon“. Damals schrieb ich in dieser Kolumne (ja, so lange gibt es sie schon!): „Schade, dass hier eine Menge Energie und eine noch größere Menge Innovationswillen auf das falsche Projekt verschwendet wurden. Vielleicht musste es aber mal versucht werden, um das Thema abhaken zu können – denn auch im Scheitern liegt die Chance zur Erkenntnis“. So kann man sich irren. Was ein Urteil hinsichtlich des Scheiterns im musikalischen Sinne betrifft, nehme ich nichts zurück. Im kommerziellen Sinne ist das Projekt jedoch alles andere als gescheitert. Unzählige (wahrscheinlich) Rock-Fans, stürzten sich auf das Album und ließen es zu einem der erfolgreichsten der Dekade werden. Anlass genug für die Easy Star All-Stars um Lem Oppenheimer, den Relaunch zu relaunchen. Dazu haben die Amis vor allem britische Dubber wie Groove Corporation, Dreadzone, Adrian Sherwood oder Mad Professor angeheuert, um Remixe von „Dub Side“ zu erstellen. Das Ergebnis ist nun „Dubber Side Of The Moon“ (Easy Star/Broken Silence) betitelt und krankt nach meiner Auffassung an den gleichen Unzulänglichkeiten wie „Dub Side“, nämlich daran, dass die Pink Floyd-Rock-Songs einfach nicht mit Reggae harmonieren. Die Produktionen sind oft gar nicht so schlecht, doch unverständlicher Weise haben viele Remixer die Gesangspassagen in ihre Dubs übernommen und damit das Ergebnis ungenießbar gemacht. Aber vielleicht stehe ich mit meiner Meinung auch alleine da. Meine Reggae-Facebook-Freunde haben sich jedenfalls ziemlich positiv über das Album geäußert und vor allem Mad Professor gelobt, der hier angeblich zu alter Größe zurück findet. Na ja, ich wollte es nur erwähnt haben …

Easy Star bedient den amerikanischen Markt übrigens auch mit den Produktionen der neuseeländischen Band The Black Seeds, die nun – wie passend – auch ein Remix-Album vorlegen: „Specials – Remixes And Versions From Solid Ground“ (Best Seven). Wie der Titel bereits klar stellt, haben wir es hier mit einem Remix ihres letzten Albums zu tun, wobei zu erwähnen ist, dass es sich bei den Remixes keineswegs ausschließlich um Dubs handelt. Überhaupt ist den Black Seeds mit dem klassischen Begriff von Dub nicht wirklich beizukommen. Ihr musikalischer Mix aus Reggae, Funk, Soul, Afro-Beat und recht untypischem (und witziger Weise stark an Fat Freddy‘s Drop erinnernden) Gesang, lässt einfach keinen deepen Dub-Mix zu. Die Musik klingt zu luftig, zu gutgelaunt und ist stets mehr Song statt Sound. Wer also auf der Suche ist nach einem eher unkonventionellen, souligen Reggae-Album mit gelegentlichen Dub-Exkursionen, der sollte sich die Specials mal zu Gemüte führen. Ansonsten reicht „Solid Ground“ als Begleitmusik zum Sonntagsfrühstück vollkommen aus.

Das dänische Chill-Out-Label Music For Dreams hatte ich bisher nicht auf dem Schirm, obwohl Labelchef Kenneth Bager schon seit geraumer Zeit EPs mit Dub-inspirierter elektronischer Musik veröffentlicht. Nun ist die Compilation der EP-Compilations erschienen: „World Dub Pastry Vol. 1-5“ (Music For Dreams/Download). Auf ihr finden sich 20 Tracks, die sich vielleicht am besten als Ibiza-Chill-Out-Dubs bezeichnen lassen und sich stilistisch irgendwo zwischen Minimal-House und Reggae-Dub mit gelegentlichen Worldmusic-Einsprengseln einordnen lassen. Die Musik hat einen schönen warmen Klang, sanfte Beats und einen entspannten Flow. Gefällt mir eigentlich ganz gut, obwohl es mir nicht gelingt, mich länger als zehn Minuten auf die Musik zu konzentrieren. Ich habe das Album jetzt bestimmt schon fünf mal gehört und kann mich darin immer noch nicht orientieren. Den durchweg sehr feinfühlig produzierten Stücken fehlt es schlicht und ergreifend an Ecken und Kanten. Statt nach vorne ins Bewusstsein zu dringen, streben die Tracks in den Hintergrund, bilden einen Soundtrack, der eher gefühlt statt bewusst wahrgenommen werden will. Was fast schade ist, denn die Beats, Sounds und Samples, die hier zum Einsatz kommen, sind für sich genommen richtig gut, nur im Zusammenspiel verlieren sie an Prägnanz und werden zur Klangtextur. Da aber genau das der Anspruch von Chill-Out-Music ist, gibt es hier eigentlich rein gar nichts zu meckern. Es gibt immer Situationen im Leben, wo man genau solche Musik gebrauchen kann.

So ziemlich das Gegenteil von Chill Out bietet das Netlabel Subbass (http://www.subbass.blogsport.de), das sich Dubsptep aus Deutschland verschrieben hat. Bereits im August veröffentlichte Label-Chef Uwe Heller die erste Labelcompilation „Subbass – Dubstep Made In Germany“. Darauf finden sich durchgängig hochwertige, klasse produzierte, energiegeladene Tracks, die voller Ideen stecken und zusammen ein äußerst abwechslungsreiches Album ergeben. Statt länger darüber zu lesen, hört es euch doch selber an. Es steht kostenlos zum Download bereit: http://subbass.blogsport.de/releases/

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Sonstiges

Dubmix Dub Top Ten 2010

1. Lee Perry & Adrian Sherwood: „Yellow Fever“ vom Album „Dub Setter“
2. Alborosie: „Can’t Stand Dub“ vom Album „Dub Clash“
3. Dubmatix: „Deep Dark Dub“ vom Album „System Shakedown“
4. Carlton Jackson & The Upsetters: „Dub History“ vom Album „Sound System Scratch“
5. Hey-O-Hansen: „Jungle“ vom Album „We So Horny“
6. The Revolutionaries: „Fancy Dub Up“ vom Album „Crueshal Dub“ (Teil von Evolution Of Dub Vol. 5)
7.  The Revolutionaries: „Earthquake Dub“ vom Album „Earthquake Dub“ (Teil von Evolution Of Dub Vol. 5)
8. Sir Coxsone Sound: „Born To Love“ vom Album „King Of The Dub Rock“ (Teil von Evolution Of Dub Vol. 5)
9. Sir Coxsone Sound: „Zion Bound“ vom Album „King Of The Dub Rock Part 2“ (Teil von Evolution Of Dub Vol. 5)
10. Dubblestandart: „Optimism (Subatomic Sound System Dubstep Refix)“ vom Album „Marijuana Dreams“
11. Dubkasm: „Seven Times Seven“ vom Album „Transformed In Dub“
12. Ras Amerlock: „Troubled Again“ vom Album „Jahtarian Dubbers Vol. 2“
13. O’Luge & Kornerstone All-Stars: „Spanish Bombs“ vom Album „Shatter The Hotel“

Download (MP3, 61 MB): Dubblog_Top_Ten_2010

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Charts Review

Meine Dub Top 10 des Jahres 2010

1. Adrian Sherwood & Lee Perry: Dubsetter
2. Alborosie: Dub Clash
3. Dubmatix: System Shakedown
4. Lee Perry: Sound System Scratch
5. Hey-O-Hansen: We So Horny
6. Various: Evolution Of Dub Vol. 5
7. Dubblestandart: Marijuana Dreams
8. Dubkasm: Transformed in Dub
9. Various: Jahtarian Dubbers, Vol. 2
10. Various: Shatter The Hotel

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Review

Prince Fatty: Supersize

Aah, Prince Fatty! Ich liebe seine Musik. Entdeckt habe ich Mike Pelanconi 2008, dank seines grandiosen Old School-Dub Albums „Survival Of The Fattest“. Das ist positiver, melodiöser, absoluter Wohlfühl-Dub aus dem UK. Weit, weit weg vom militanten Steppers oder meditativem Minimal. Einfach nur uplifting.
Nun, zwei Jahre später präsentiert Fatty sein neues Werk: „Supersize“ (Mr. Bongo) und es ist – kaum zu glauben – KEIN Dub-Album (zumindest weitgehend). Wieder hat Mr. Pelanconi superbe Old School-Produktionen kreiert, hat sie dann aber, statt sie nur durch den Dub-Wolf zu drehen, Koryphäen wie Winston Francis, Little Roy, Dennis Alcapone, Hollie Cook (Tochter des Sex-Pistols-Drummers Paul Cook) und Horseman gegeben, damit diese sich an ihnen gütlich tun. Natürlich konnten sie nicht anders, als zu dieser grandiosen Musik tolle Songs abzuliefern. Und so ist ein überaus schönes, klassisches Reggae-Album entstanden, auf dem man jeden Song mitsingen und jeden Groove in Tanzschritte umsetzen möchte. Natürlich fehlen auch Dubs nicht, wie etwa „Roof Over My Head“, eine Variation über den bekannten Song der Mighty Diamonds. Mein absoluter Favorit ist aber Little Roys Stück „Christopher Columbus“. Da geht mir schlicht das Herz auf und ich weiß wieder ganz genau, warum Reggae meine Musik ist.