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King Size Dub: Germany Downtown, Chapter 2

King Size Dub

Wer schön regelmäßig diese Dub-Rubrik liest, wird wissen, dass es in Deutschland eine ziemlich rege – und vor allem im Vergleich zum UK, zu Frankreich und Italien, eine ausgesprochen innovative Dub-Szene gibt. Das Hamburger Label Echo Beach widmete in der Vergangenheit bereits zwei King Size Dub-Sampler (1997 und 2004) dem Dub aus Deutschland. Nun liegt die dritte Bestandsaufnahme vor: „King Size Dub: Germany Downtown, Chapter 2“ (Echo Beach). 18 Tracks, die eine klare Botschaft vermitteln: noch nie war Dub outa Germany so gut wie heute. Das wird schon beim ersten Track mehr als deutlich: „Let There Be Dub“, Alldubbs ultimatives Dub-Manifest in einem beeindruckenden Remix. Mit wuchtig grollendem, dem Dubstep entlehntem Wobble-Bass, erschafft der Dub-Gott das ganze Genre, auf dass es sich Drum & Bass zum Untertan mache. Wie das geht, demonstriert sogleich Track Nr. 2: „Honeybadger“ von Chassy Wezar (der Sohn des Hamburger Dub-Veteranen Matthias Arfmann). In bester Major Lazer-Manier kombiniert er hier Samples von Yabby Yous Klassiker „Conquerin Lion“ mit der hellen Stimme Onejirus und mixt daraus einen grandiosen, clubtauglichen Dub, der locker das Potential hat, weit über die eingefleischte Fanbase des Dub hinaus für Furore zu sorgen. Ziemlich abgefahren ist hingegen die Kombination eines Dub Spencer & Trance Hill-Dubs mit klassischem Operngesang, was auf dem Track „Credo“ absolut wunderbar funktioniert. Noch einen drauf legen Hey-O-Hansen und Jazzmin Tutum mit ihrem ebenso skurril-schrägen, wie genialem Tune „Africa Don‘t“, auf dem der typische Tirol-Dub der Wahlberliner auf die Dub-Poetry von Mrs. Tutum trifft. Diese kleine Auswahl macht schon klar: das Interesse deutscher Dub-Artists gehört dem Experiment, dem Überschreiten von Genre-Grenzen und dem in Frage stellen von Konventionen. Mir gefällt das. Obwohl ich Steppers-Dub als „Software“ fürs Soundsystem wirklich liebe, so gehört mein Herz doch einem offenen, progressiven Verständnis von Dub, das keine Tabus akzeptiert, Tradition zwar respektiert, aber auch beherzt mit ihr bricht und in unbekanntes Terrain durchstartet. Das kann natürlich scheitern. Doch „King Size Dub: Germany Downtown, Chapter 2“ beweist in 18 Fällen, dass es auch wunderbar gelingen kann.

My verdict: Great sampler with innovative dubs made in Germany.
My rating: 8,5 (out of 10)
Check it out: Juno

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Fade 2: Interzone Dub

Interzone Dub

Da ist mir letztens ein ziemlich cooles Album über meinen Klickpfad bei Soundcloud gelaufen: „Interzone Dub“ (Black Redemption) von Fade 2. Super deeper Soundsystem-Dub mit fantastischen Basslines und hypnotischen Beats. Was mir besonders gefällt: Trotz Four to the Floor-Steppers-Basis, haben wir es hier mit richtig schönen Kompositionen zu tun. Da stecken echte Melodien in den Bassnoten und gelegentlich ergreift auch mal ein Sänger das Wort. Der Sound ist warm und wohlig, der Mix eher zurückhaltend, die Beats hingegen kraftvoll und treibend. Alles sehr schön. Wer Fade 2 eigentlich ist? Keine Ahnung. Ich habe selten erlebt, dass Musiker entweder so bescheiden hinter ihrer Musik zurück treten, oder aber Internetphobiker sind wie Fade 2. Also muss die Musik genügen – und das tut sie.

My verdict: Heavy soundsystem-dub with great basslines and hypnotic beats.
My rating: 8 (out of 10)
Check it out: Juno

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The Orb Featuring Lee Scratch Perry: Present The Orbserver In The Star House In Dub

The-Orb-Dub

Verrisse spare ich mir gerne, aber zu einem Album wie „The Orb Featuring Lee Scratch Perry: Present The Orbserver In The Star House“, das Ende letzten Jahres erschien, muss man einfach Stellung beziehen. Meines lautete: Lee Perry und The Orb passen zusammen wie das Plancksche Strahlungsgesetz und Micky Maus. Hinzu kommt: Perry ist schlimm, wie in den letzten 30 Jahren nicht anders gewohnt. Die Elektronik von The Orb ist hingegen ganz in Ordnung – hat nur leider mit Reggae nichts zu tun. Doch nun, knapp ein halbes Jahr später, machen The Orb endlich Nägel mit Köpfen, denn sie präsentieren mit „The Orb Featuring Lee Scratch Perry: Present The Orbserver In The Star House In Dub“ (Cooking Vinyl) eine Remix-Version des obigen Albums, auf der Perry in zumindest 50 Prozent der Tracks den Mund halten muss. Und zwar auf den 11 Instrumentalversionen, die zwar nach wie vor nichts mit Reggae zu tun haben, aber trotzdem – und das hört man erst jetzt ohne Perrys Redeschwall so richtig – ziemlich klasse sind. Statt öder House-Beats, bieten sie abgefahrene Rhythmuskonstruktionen, gespickt mit zahllosen Samples der analogen Musikwelt. Manche Tracks lassen eher an Funk, Afrobeat oder vertrackte Minimal-Produktionen denken, als dass sie gängige House-Klischees bedienen. Eigentlich haben die beiden Orb-Hintermänner hier so etwas wie Dub produziert, ihn allerdings durch die Unterschlagung des Reggae-Offbeats geschickt getarnt. Und noch etwas fehlt: Hall & Echo. Doch keine Sorge, genau das bieten die anderen 12 Tracks – allesamt Remixe dreier Songs: „Golden Clouds“, „Soulman“ und „Ball Of Fire“. Richtig spannend für Dubheads (mit Reggae-Offbeat-Vorliebe) sind davon allerdings nur vier Stücke, nämlich jene, bei denen Minimal-Produzent Deadbeat und Dub-Über-Producer Mad Professor an den Reglern saßen. Ersterer hat Perry & The Orb in eine Echokammer geschickt, aus der es scheinbar kein Entkommen gab. Vollkommen hypnotisch, geradezu mystisch, wabert sein Basic Channel-Minimal-Beat durch Zeit und Raum, während Perrys auf Silben gekürzte Vokals scheinbar endlos widerhallen. Mad Professor hat in seinem „Remix“ dem Orb-Original offenbar gar nicht vertraut und einen komplett neuen Reggae-Rhythmus unterlegt. Ich finde: es ist einer seiner besten Dubs der letzten Jahre geworden.

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Dubstep-Remix-Contest mit BENGA

Zur Feier seines neuen Albums „Chapter 2“ veranstaltet der Star der britischen Dubstep-Szene in Kooperation mit der Künstler-Plattform Talenthouse einen Remix-Contest für seine Fans. Benga lädt DJs, Remixer und Produzenten aus der ganzen Welt ein, ihren eigenen Spin auf die erste Single des Albums mit dem Titel ‚Forefather feat. Kano‘ zu geben.  Für den Wettbewerb werden die Original-Stems zur Verfügung gestellt. Jedes Genre, jeder Musikstil ist willkommen! Der Remix des Gewinners wird gemeinsam mit dem offiziellen Remix-Bündel veröffentlicht und auf allen offiziellen Online-Kanälen von Benga promotet. Das ist eine Riesenchance für Musiker, schlagartig bekannt zu werden. Zusätzlich gibt es $ 1.000.
Wer an dem Remix-Contest mit Benga teilnehmen möchte, muss seinen Track bis 30. Mai 2013 auf Talenthouse.com hochgeladen haben. Vom 31. Mai bis 07. Juni kann über die eingereichten Remixe in einem öffentlichen Voting abgestimmt werden. Der Votingsieger gewinnt 500 US-Dollar und jede Menge Promotion. Benga selbst wird gemeinsam mit Kano den Gewinner bestimmen!
Weitere Infos gibt es hier: http://bit.ly/10rIwPm

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Mahala Rai Banda: Balkan Reggae

Balkan Reggae

Ich habe ein neues Naturgesetz entdeckt! Ich bin sehr stolz auf diese Entdeckung und ich publiziere sie hier zum ersten Mal. Also: immer, wenn man den hiesigen Worldmusic-Sender anschaltet, folgt spätestens nach dem dritten Lied ein Reggae-Stück. Dabei muss es sich nicht unbedingt um eine echte Reggae-Produktion handeln. Es kann auch z. B. ein Cumbia-Digital-Track mit deutlichem Reggae-Offbeat sein, oder ein Nouvelle Chanson mit Reggae-Backing. Dieses Gesetzt bestätigt sich nun kontinuierlich seit ca. fünf Jahren. Was lässt sich daraus ableiten? Ganz einfach: Die Worldmusic-Szene ist vom Reggae-Rhythmus durchsetzt. Egal, aus welchem Winkel der Welt ein Stück kommt, ein Reggae-Beat passt immer dazu. Die Nähe von Reggae zu Bhangra haben Sly & Robbie schon vor fast zwanzig Jahren bewiesen, dass Balkan-Beats und Reggae perfekt zusammen passen, hört jedes Kind, und dass Tecno Brega oder Cumbia Digital Reggae mit anderen Mitteln sind, liegt auf der Hand. Daher ist es nur konsequent, dass die rumänische Gypsy-Band Mahala Rai Banda den Remix ihrer letzten Single „Balkan Reggae“ in die Hände von Reggae-Dub-Koryphäen gelegt hat und ganz stilecht in den gleichnamigen One-Riddim-Dub-Sampler „Balkan Reggae“ (Asphalt Tango) verwandeln ließ. So bekamen u.a. Nick Manasseh, Mad Professor, Vibronics oder gar Kanka die Gelegenheit, Balkan-Funk in wuchtige, instrumentale Reggae-Dub-Tunes zu verwandeln. Das kann nix werden? Völlig falsch! Auch wenn single-minded Reggae-Puristen die Nase rümpfen, ich liebe das Album, gerade weil es Konventionen über den Haufen wirft und unverschämt postmodern zwei musikalische Welten miteinander vermischt. Das Ergebnis ist jedenfalls echter Reggae, mit hervorragenden Balkan-Bläsersätzen, einer coolen Bassline und wirklich schönen Melodien. So habe ich Dub noch nie gehört – aber ich will unbedingt mehr davon.

Hörprobe bei iTunes

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Jazzmin Tutum: Share the Flame

Jazzmin Tutum

Dub Poetry ist ein paradoxer Hybrid aus zwei gegensätzlichen Bestandteilen. Erstens Dub: Eine Instrumentalmusik, welche die Aufmerksamkeit der Zuhörer ganz auf Rhythmus und Sound konzentriert. Zweitens Poetry: Gesprochene Gedichte, eine anspruchsvolle Textform also, die vom Zuhörer höchste Aufmerksamkeit fordert. Dub und Poetry – eigentlich können die beiden Konkurrenten um das Ohr der Zuhörer nicht zusammen passen. Und da wäre noch ein Problem: Dub ist ebenfalls anspruchsvoll, und nicht zuletzt deshalb very special interest. Gleiches gilt für Poesie. Auch sie ist kein Bestseller. Minus und minus ergibt in diesem Fall nicht plus, sondern minus zwei, was – poetisch gesprochen – die perfekte Erklärung für die beinahe Nichtexistenz des Genres Dub Poetry ist. Umso erstaunlicher, dass nun, gefühlte 200 Jahre nach dem Wirken eines Linton Kwesi Johnson und 300 Jahre nach dem eines Mutabaruka, tatsächlich, wahrhaftig und wirklich ein neues Dub-Poetry-Album erscheint: „Share the Flame“ (Universal Egg) von Jazzmin Tutum. Es klingt ganz so, als würde die in Japan als Kind einer jamaikanischen Mutter und eines gabunesischen Vaters geborene, in Jamaika aufgewachsene und nun in Freiburg lebende Poetin ein Genre, das trotz (oder gerade wegen) seiner impliziten Widersprüche so faszinierend ist, im Alleingang reanimieren. Na gut, „Alleingang“ stimmt nicht ganz, denn sie hat sich, mit überaus sicherer Hand, die exakt richtigen Partner für ihr Projekt ausgewählt: Neil Perch (auch ausführender Produzent), Ralf Freudenberger (Jazzmins langjähriger, musikalischer Kollaborateur), Madtone, Brain Damage und – kongenialer geht es nicht – Hey-O-Hansen! Fünf unterschiedliche Styles – zusammen gehalten von Jazzmins eindringlicher Sprechstimme und ihren cleveren, engagierten, manchmal rätselhaften aber stets assoziationsstarken Lyrics. Wie zur Bestätigung meiner oben erwähnten These, dass Dub und Poetry um die Aufmerksamkeit der Zuhörer konkurrieren, trägt dabei mal der Dub und mal die Poetry den Sieg davon. Bei den drei Hey-O-Hansen-Stücken – die definitiv meine Favoriten sind – ist es der Dub: der schräge Tirol-Dub-Sound der beiden Exil-Österreicher ist so eigenwillig, dass Jazzmins Stimme sich zwangsläufig ins Gesamtkunstwerk einfügen muss. Das von ihr in steter Wiederholung rezitierte deutsche Volkslied „Hejo, spann den Wagen an“ wird so zu einem teils surrealen, teils magisch-mystischen, auf jeden Fall aber grandios einzigartigen Hörerlebnis. Bei den anderen Produktionen müssen die Dubs der charismatischen Poetin den Vortritt lassen. Z. B. bei dem beeindruckenden, von Madtone & Neil Perch aufgenommenen, „Dis Ya Time“ – einer sehr viel einfacheren aber musikalisch wie textlich äußerst faszinierenden Produktion, der eine eigentümlich fatalistisch-aggressive Stimmung innewohnt. Auch Braind Damages orientalisch anmutender Titel „New World Order“ mit einer, für Jazzmins Verhältnisse, geradezu explizit und im Klartext formulierten, politischen Anklage, zählt zu meinen Lieblingsstücken des Albums. Selbst Jazzmins Rezitationen ohne Musikbegleitung sind, dank ihrer eindringlichen Intonation, faszinierend und spannend. Wer Lust verspürt, sich mal wieder so richtig in ein Album zu vertiefen, jeder Note und jedem Wort genau zuzuhören, wird mit „Share the Flame“ reich beschenkt.

Hörprobe bei iTunes

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Dubmatix: Rebel Massive

Rebel Massive

Ich hatte schon befürchtet, dass Jesse King, der Mr. Dubmatix, uns in Richtung Mainstream verlassen würde. Nach dem etwas lieblichen „System Shakedown“ und den Club-orientierten Remixen auf „Clash of the Titans“ lag diese Vermutung nicht so fern. Aber nein! Das Gegenteil ist der Fall. Sein neues Album „Rebel Massive“ (Echo Beach), das am 19. April erscheinen wird, ist genau so, wie wir Dubheads es uns wünschen: kompromisslos, pur, ehrlich, solide und vor allem: rebellisch und massiv. Dubmatix bleibt seinem kraftvollen Sound nicht nur treu, sondern legt sogar noch eine Schippe drauf. Statt Dancehall-Spaß und Lovers-Gemütlichkeit, scheint Dubmatix – in bester Rebellen-Manier – den Globus mittels wuchtiger Bass-Wellen kräftig in den Hintern treten zu wollen (wo genau der ist, darf jeder für sich selbst bestimmen). Die Musik hat etwas ausgesprochen Militantes an sich – auch wenn Tenor Fly vom Showdown in der Dancehall toastet, so bleibt kein Zweifel daran, dass Dubmatix mit seinem heftigen Beat an einen ganz anderen Showdown denkt. Horace Andy hingegen scheint den tonnenschweren Rhythm seines Songs intuitiv richtig verstanden zu haben, wenn er eindringlich vom Weltuntergang singt. Es ist unüberhörbar: „Rebel Massiv“ ist kein „schönes“ – es ist vielmehr ein im wahrsten Sinne des Wortes „erschütterndes“ Album.

Dubmatix spielt virtuos mit dem Steppers-Sound, ohne in die abgenutzten Klischees dieses Genres zu verfallen. Er beherrscht es virtuos, Rhythms zu bauen, die sowohl konzentriert und auf den Punkt, als auch reich und voller Details sind. Atemberaubend ist dabei immer wieder die unbändige Kraft der Dubmatixschen Beats. Das Timing seiner Tracks ist so perfekt, dass die Wirkmacht jedes einzelnen Instrumentes sich in absoluter Synchronität zu den anderen entlädt. Der aufrechte, hochdynamische Dubmatix-Groove ist schlicht einzigartig. Und das erklärt auch, warum seine Alben trotz aller beteiligten Sänger sehr gut in der Schublade des Dub aufgehoben sind. Denn anders als bei „normalen“ Songs, bei denen Musik die Funktion eines „Backings“ erfüllt, geht es bei Dubmatix immer zuerst um die Musik. Stimme bzw. Gesang sind hier lediglich gleichrangiges Instrument – wozu auch der Mix, der den Gesang niemals in den Vordergrund stellt, beiträgt.

In der zweiten Hälfte des Albums wird der Dubmeister aus Toronto allerdings etwas versöhnlicher, die Beats klingen etwas weicher und Vokalisten wie Manchez, U-Roy und Cornell Campbell kommen ausführlicher zu Wort. Statt elf Tracks lang Prügel einzustecken, darf der Zuhörer auf den letzten Metern wieder zur Besinnung kommen, auf dem Luciano-Track „Seeds Of Love“ den Klängen einer lieblichen Flöte lauschen und etwas Hoffnung schöpfen. Wenn, ja, wenn da nicht noch der finale Track „Liberation“ wäre, der ihm, einem Boxer gleich, der gerade mit einem hoffnungsvollen Lächeln auf den Lippen die Fäuste sinken lässt, eine brutale gerade Rechte verpasste und ihn damit auf direktem Wege zu Track 1 zurück beförderte. Okay, mir soll‘s recht sein.

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Interview

20 Fragen an: Aldubb

Dein Name: Aldubb
Du lebst in: Berlin
Titel deines letzten Albums oder deiner letzten EP: Aldubb meets Diana Levi 10″ EP / Welcome to Bassland CD

Was ist deine Definition von Dub?
Schwer zu sagen. Remixte Reggae Musik mit wenig Vocalanteil, ich bestehe ja auch immer auf den Unterschied zwischen Dub und „Soundsystem“/“Steppas mit Gesang“. Dann gibt es noch eine ganze Welt voller Dub, der mit Reggae eigentlich gar nix zu tun hat und trotzdem Dub heißt. Also für mich gibt es da kaum Grenzen, wenig Vocal, das ist vielleicht das Wichtigste – neben einem bassbetonten Arrangement und dem Mix natürlich.

Was unterscheidet einen guten von einem schlechten Dub?
Mein Gehirn. Definitiv festmachen kann ich das nicht, manche Sachen find ich gut, manche nicht so. Als Producer hab ich die blöde Angewohnheit immer mit einem analytischem Ohr zu hören, das nervt manchmal, weil ich immer drüber nachdenke wie jetzt dies oder jenes gemacht wurde, oder ich analysiere den Mix, aber ob ein Dub gut oder schlecht ist, sagt mir das nicht, das ist zum Glück immer noch ein bisschen Magie.

Wie würdest du deinen Dub-Stil beschreiben?
Jetzt wird’s langsam fies… Kommt immer aufs Projekt an, meine eigenen Sachen gehen von rootsig über „Steppas mit Gesang“ bis Techdub oder gar Dubstep. Beliebt bin ich als Remixer wegen meiner Wobbelbässe in Verbindung mit King Tubby mässigen Delay Styles. Das Space Echo ist mein wichtigstes Instrument ;-)

Wie sieht der Entstehungsprozess eines typischen Dub-Tracks von dir aus?
Ich mache erst mal einen „Song“ – falls es eine Gesangsspur gibt. Dann teile ich das Arrangement in Instrumentengruppen auf und arrangiere den Song neu indem ich die klassischen Dub-Sachen mache, also muten, Delays, Hall, eigentlich läuft es da recht klassisch, wie King Tubby und Lee Perry das auch machten. Ich zerschneide auf digitaler Ebene die Spuren manchmal recht radikal, oder ersetze beispielsweise eine Bassspur durch einen Synthesizer. Einen richtig „typischen“ Dubtrack von mir kann ich mir grade nicht so richtig vorstellen. Ein Track den ich immer noch feiere ist „Let there be dub“ da ist irgendwie alles drin, mystische Sprechvocals mit Augenzwinkern, gefilterte Wobblebässe, digitale Drumsounds mit viel Effekt, aber auch echte Percussion und Riddimsection.

Wann bist du mit einem von dir produzierten Dubs zufrieden?
Mal ziemlich schnell – das ist oft ein gutes Zeichen, manchmal dauert es ewig (was aber auch nichts Schlechtes sein muss). Ich hab mir angewöhnt die Versionen immer ne Weile liegen zu lassen, und auch mal Personen meines Vertrauens vor zu spielen. Irgendwann erkläre ich den Song dann für fertig. Ich tue mich damit allerdings leichter, wenn es eine Deadline oder release Datum gibt. Am schlimmsten ist es, wenn ich meine eigenen Sachen mache, da könnte ich ewig weiter feilen, da setzte ich mir machmal selber Deadlines ;-)

Was sind deine persönlichen Dub-Top 5-Alben?
Dub Chemists: Light up your Chalice
Paul St Hilaire: Unspecified
East meets West: Time is the Master
King Tubby: Declaration of Dub
Lee Perry: Kung Fu Meets the Dragon

Wer ist für dich der größte Dub-Artist aller Zeiten?
Lee Perry

Und wer der aktuell interessanteste Dub-Artist?
Kein plan, ich höre recht wenig aktuellen Dub. Was ich weiß, ist, dass das letzte Mad Professor Album nicht so toll war. Richtig abgefeiert hab ich bisher alles von Benga, aber das ist ja Dubstep …

Was ist für dich die musikalisch interessanteste Dekade? Warum?
Die 70ger, da wurde so ziemlich alles erfunden, was auch heute noch Bestand hat, Punk, House, Metal, HipHop, Funk – Reggae gab es schon ’ne Weile, aber auch da kamen in den 70ger die besten und radikalsten Sachen raus. Dub hatte seine große Zeit, Rockbands experimentierten mit allem möglichen, Elektro-Avantgarde. Heute ist es schwer was Neues zu machen.

Was hörst du außer Dub?
So ziemlich alles, außer Gothik, Wave und Depeche Mode. Wenn’s beim Metal zu progressiv wird, steig ich auch aus. Ich mag repetative Musik, aber nicht zu minimal. Eine gewisse Punk-Attitüde find ich auch wichtig, allzu glatte Produktionen mag ich in keiner Stilrichtung.

Was ist dein aktuelles Lieblingsalbum?
Haha, Cultural Roots: Drift Away From Evil ist zwar nicht mehr ganz aktuell, hab ich aber grade für mich entdeckt. Errol Brown ist einer der besten am Mischpult!

In welcher Form kaufst du deine Musik: Vinyl, CD, Download, Abo? Warum?
Am liebsten Vinyl, wenn möglich, aber auch CD. Download hab ich noch nie gemacht, ich finde immer noch, dass man Musik auch ins Regal stellen muss, warum auch immer. Eigentlich kaufe ich überhaupt nicht mehr viel Musik, ich höre den ganzen Tag soviel im Studio und dann noch mein eigenes Zeug. Als Konsument hör ich Musik sowieso lieber im Club oder am besten auf ’nem Open Air, zuhause echt wenig.

Gelingt es dir, mit Musik deinen Lebensunterhalt zu bestreiten?
Ich bestreite meinen Unterhalt mit dem Planet Earth Studio – also durchaus zum Großteil mit Musik. Mein Label One-Drop Music macht hingegen keinen Gewinn. Also wenn man Karaoke und Hörbücher im weitesten Sinne als Musik einstuft, dann ja ;-)

Mit welchem Artist würdest du gerne einmal zusammen arbeiten?
Mutabaruka, Linton Kwesi Johnson …

Was ist deine besondere Stärke?
Viel Erfahrung. Ich habe das Gefühl, dass, je länger ich das mache, ich immer besser höre. Ausserdem hilft es mir oft, dass ich einige Instrumente, insbesondere Drums und Bass, auch selber spiele. Was ich immer unterschätze, ist mein Wissen über Studiotechnik und Geräte im allgemeinen. Ich finde es normal zu wissen, was ein Kompressor macht, und wie man eine Patchbay benutzt. Aber viele Produzenten benutzen leider immer mehr Presets und wissen gar nicht mehr was ein Treshhold ist, oder wie man einen Auxweg benutzt. Das hört man irgendwie.

Was macht dir an deinem Job am meisten Spaß?
Zufriedene Kunden. Aber gewählt habe ich diesen Job, weil ich schon immer gern von Musikequipment und Instrumenten umgeben war. Die menschliche Seite hab ich erst im Studioalltag kennen und schätzen gelernt. Es gibt nix Geileres, als wenn ein Musiker das Gefühl hat, das perfekte Studio gefunden zu haben.

Wovor graust es dir im Studio?
Abgesehen von Einbruch, Feuer und technischen Problemen, die den ganzen Betrieb aufhalten, nervt mich, wenn Leute nicht wissen, was sie wollen und immer wieder alles von vorne machen wollen. Es gibt „Rapper“ die fangen dann im Studio an auf Youtube ihren Beat zu suchen, und den Text zu schreiben. Ich berechne dafür mittlerweile knallhart die Stunden, aber nerven tut das trotzdem.

Wenn du gerade nicht an Dubs schraubst, was machst du dann am liebsten?
Reisen.

Welche Musik-Website steuerst du am liebsten an?
Soundcloud.

Wie siehst du die Zukunft von Dub?
Dub ist eigentlich zeitlos. Alle paar Jahre inspiriert Dub mal einen neuen Musikstil, zuletzt Dubstep, früher House und Triphop. Ich bin sehr gespannt. Ich denke, Reggaesongs remixen wird immer irgend jemand, das macht einfach zu viel Spass, als dass es irgendwann aufhören würde.

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Sound ’n‘ Pressure Story

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Als ich Anfang der 1990er Jahre die Dub-Version von „Warm The Nation“ hörte, war es wie eine Offenbarung für mich. UK-Dub war in das Zentrum meines Blickfeldes getreten und dieser Track verkörperte den neuen Sound wie kein zweiter. Noch heute kann ich diese Faszination beim erneuten Hören wieder spüren. Die Bassline ist schlichtweg grandios, und trägt den stoisch treibenden Steppers-Beat, der in überaus reizvollem Kontrast zum betont langsamen Spiel der Melodika steht. Und dann wäre da noch diese winzige Melodie, die immer wieder sporadisch anklingt. Ein großer Wurf – wie auch Anthony Cummins, Adam Holden, Mark Evans und Hamish Brown erkannten, nachdem sie den Track als Dubplate an verschiedene UK-Soundsystems gegeben hatten. Die Reaktion darauf war so überwältigend, dass die Vier direkt beschlossen, ein eigenes Label zu gründen – das sie Sound ,n‘ Pressure tauften – „Warm The Nation“ als reguläre 12“-Single zu veröffentlichen und sogleich weitere Tracks aufzunehmen. Bis das Label 1995 seine Pforten wieder schloss, entstanden insgesamt fünf 12“-Singles, von denen allerdings nur vier veröffentlicht wurden. Reggaearchive-Records, das neue Label, das sich die Pflege des Erbes des UK-Reggae auf die Fahnen geschrieben hat und zuletzt mit einer schönen Label-Kompilation von Fashion Records auf sich aufmerksam machte, hat nun alle vier Singles sowie die lediglich als Dubplate in Umlauf gebrachte fünfte 12“ schön chronologisch auf der CD „Sound ’n‘ Pressure Story“ (Reggaearchive-Records) zusammen gestellt und mit umfangreichen Linernotes versehen. In dieser Zusammenstellung wird deutlich, wie eigenständig der Sound des Labels seinerzeit war. Sein ureigendstes Charakteristikum war es, einen relativ schnellen Steppers-Beat mit der absoluten Langsamkeit des restlichen Arrangements eines Stückes zu kontrastieren. So scheint sich die Bassline kaum von den Tieftönern lösen zu wollen, die Echos schallen endlos zwischen rechtem und linkem Kanal hin und her und die von Melodika oder Keyboard intonierten Melodien fließen zäh wie Honig, während das Schlagzeug in schnellem Schritt durch den Track marschiert. Auch nach über 15 Jahren UK-Dub, haben die fünf Sound ,n‘ Pressure-Stücke wenig von ihrer Faszination verloren. Wie schön, dass sie nun den Sprung ins Zeitalter der digitalen Verfügbarkeit geschafft haben.
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Umberto Echo: Elevator Dubs

Umberto Echo

Im Dub gibt es zwei extreme Positionen: die eine wird markiert von stoisch repetitiven Beats, rigorosem Minimalismus und einer fast hypnotischen Wirkung auf die Hörer. Die entgegengesetzte Position versteht Dub als großes Experimentierfeld, als offenen Raum, als Forschungslabor, in dem den Geheimnissen des Sounds nachgespürt wird. Jedes hier seit 2001 besprochene Album befindet sich irgendwo zwischen diesen Polen. Die Alben von Rhythm & Sound verkörpern in bisher unübertroffener Weise die erste Position. Für die zweite Position kann es kein einziges, ikonisches Album geben, denn auf einem weiten Feld haben logischerweise viele Werke Platz. Ein Album, das sich aber zweifellos einen prominenten Platz auf diesem Feld sichern wird, ist „Elevator Dubs“ (enja) von Umberto Echo. Die Website „House Of Reggae“ verurteilte das Album etwas vorschnell als „Jazz-Platte mit Effekten“. Ein (Fehl-)urteil, das sich beim flüchtigen „Reinhören“ schnell einstellt, durch konzentriertes „zuhören“ aber schnell widerlegt werden kann. Obwohl jeder Track des Albums für sich leicht verständlich und zugänglich ist, so ist es das Album als Gesamtheit keineswegs. Das liegt vor allem an dem von Umberto Echo ausgewählten, ziemlich disparatem Material. Da der Münchner Dub-Wizzard für viele Bands aus einem weiten musikalischem Spektrum als Produzent und Toningenieur arbeitet und außerdem vielfältige musikalische Vorlieben jenseits des Reggae hat (siehe Interview auf dubblog.de), verwundert es nicht, dass sein neues Dub-Album ein vor unterschiedlichen musikalischen Stilen nahezu überquellendes Füllhorn ist. Neben Reggae gibt es hier auch Afrobeat, Popsongs, Dubstep, Elektronik, und ja, auch Jazz zu hören. Was mich begeistert, ist die Tatsache, dass diese Vielfalt in keinster Weise beliebig wirkt. Das Gegenteil ist der Fall: egal ob Jazz oder Reggae, Umberto Echos Bearbeitung macht aus der Vielfalt ein konsistentes, schlüssiges und spannendes Werk. Obwohl ich kein ausgesprochener Jazz-Fan bin, folge ich ihm hier gebannt bei jeder Note, bin fasziniert von dem Ideenreichtum seines Mixes, bewundere den durchgängigen Flow der Stücke, schätze die Ausgewogenheit der Effekte und liebe vor allem den mal eleganten, mal geradezu hypnotischen Groove der Musik. Ich kenne Musik nur vom Zuhören, nicht vom Machen, aber bei den Elevator Dubs bilde ich mir ein, die Entwicklung der Tracks, ihre andauernde Verbesserung von Version zu Version bis hin zum ausgewogenen Ergebnis regelrecht nachfühlen zu können. In Reggae und Dub begegnet man selten so perfekten, so sorgfältigen, in ihrer stilistischen Bandbreite so außergewöhnlichen und doch vollkommen harmonischen und zugänglichen Produktionen. Well done, Mr. Echo!

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