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Five Star Review

Dubmatix: In Dub

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Dubmatix – der Name ist Programm: es geht um Dub. Nach einigen Dub-Releases zu Beginn seiner Karriere, schien dieses Programm jedoch in Vergessenheit geraten zu sein. Dubmatix-Alben wie System Shakedown, Renegade Rocker oder Rebel Massive sind – obwohl der Sound stets Dub ist– streng genommen keine Dub-Alben, wurden sie doch von zahlreichen Old-School-Artists gevoict. Allesamt wunderbare Alben, doch insgeheim hegte ich schon lange den Wunsch, dass Dubmatix wieder zu seinen Dub-Wurzeln zurück finden würde. Und endlich hat er meine Wünsche erhört: ein pures, reines, echtes Dub-Album des Mischpult-Meisters aus Toronto liegt frisch vor mir auf dem Tisch – und es trägt den programmatischsten aller möglichen Titel: In Dub (Echo Beach). Wer bei diesem Titel an eine Dub-Version des Dubmatix-Back-Katalogs denkt, irrt. Tatsächlich präsentiert uns Jesse King (aka Dubmatix) hier ausschließlich originales Material, speziell für In Dub aufgenommen, nach alter Manier von Hand gemischt und dezent von Orgeln, Blechbläsern oder Melodikas verziert. Es handelt sich also um ein vollwertiges Dubmatix-Album, das gleichberechtigt neben seinen anderen Releases steht und keinesfalls nur deren Derivat ist. Daher gibt es auf In Dub auch keine Kompromisse. Jeder Rhythm wurde geschaffen, um ein Dub zu werden – weshalb der Sound hier noch deeper, wuchtiger, militanter und bassgewaltiger ist, als von Dubmatix-Alben ohnehin schon gewohnt. Der King spielt virtuos mit dem Steppers-Schema, ohne jemals schematisch zu werden. Er fährt erdbebenauslösende Beats auf, ohne abgenutzte Four-to the-Floor-Klischees zu bedienen. Mit traumwandlerischer Sicherheit schlägt er einen Weg zwischen den Genres ein, bedient sich der Kraft und Wucht von Steppers und kombiniert diese mit ausgeklügelten Kompositionen und Arrangements sowie frischen Ideen. Das Ergebnis ist das Beste zweier Welten: Musik für Kopf und Bauch gleichermaßen. Daher entwickelt In Dub auch einen so phantastischen Flow. Während der Verstand sich in bewusstem Zuhören und der Analyse der Details verliert, werden Körper und Seele in überwältigende Bass-Frequenzen gebettet und sanft, aber entschieden, in die Sphären der Dub-Metaphysik entführt. Genau so hatte ich mir das gewünscht.
Rating 5 Stars

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Five Star Reggae Review

Lee „Scratch“ Perry: Back on the Controls

Lee Perry

Es ist schon tragisch. Immer, wenn mir ein neues Lee Perry-Album auf den Tisch flattert, verspüre ich mehr Pflicht als Lust, es mir anzuhören. Lee Perry war einmal DER Innovator des Reggae. Der Urheber eines fantastisch komplexen, magischen und absolut einzigartigen Sounds, geboren aus der glücklichen Begegnung von analogem Studioequipment, begnadeten Musikern, viel Marihuana und noch mehr Rum mit einem ganz speziellen Genius, der im Kopf Lee Perrys (noch diesseits der Grenze zum Wahnsinn) beheimatet war. Gegen Ende der 1970er Jahre überschritt das Genie diese Grenze und Perry wurde zu dem verschrobenen, brabbelnden Kauz, dessen monotone Monologe seither auf ungezählten Alben oft drittklassiger Reggae-Bands zu hören sind. Bands, die versuchen, aus dem legendären Namen Perrys bis heute Kapital zu schlagen. Welch Absturz, welch tragisches Schicksal. Nun ein neuer Versuch: Seit rund einem Jahr arbeitete Daniel Boyle – ein wenig bekannter britischer Reggae-Produzent – mit dem Madman an einem neuen Album. Zuvor hatte er die Ausstattung von Perrys Black Ark-Studio akribisch nachgekauft und so lange mit ihr herumexperimentiert, bis ihm schließlich gelang, was zuvor noch niemand geschafft hatte: den legendären Sound aus Perrys bester Zeit zu reproduzieren. Nun liegt das neue Werk vor, zu dem Perry nicht nur den (nennen wir es mal) Gesang beisteuerte, sondern das er angeblich auch mitproduziert hat: Lee „Scratch“ Perry: Back on the Controls. Es ist ein Doppel-Showcase-Album mit 11 Vocal-Tunes und 11 Dub-Versions und erscheint dank einer erfolgreichen Kickstarter-Kampagne auch als CD und schön bebilderte Doppel-Vinyl-Ausgabe. Top oder Flop? Kein Zweifel: Es katapultiert sich auf den Rang des wohl besten Perry-Albums der Neuzeit – einen Rang allerdings, den es sich mit Adrian Sherwoods „Dub Setter“-Album von 2010 teilen muss. Daniel Boyle (der mir bisher noch nicht untergekommen war) und Perry haben hier ein amtliches Meisterwerk geschaffen, indem sie den Black Ark-Sound zwar kopieren, glücklicherweise aber darauf verzichten (mit einer Ausnahme) die alten Stücke neu aufzubrühen. Statt dessen gehen die beiden eigene Wege, präsentieren starke, eigenständige, mit warmen Bläsersätzen durchzogene Rhythms, dosieren Lee Perrys Gebrabbel sehr angemessen, entlocken ihm sogar einige gute Melodien und bieten als Bonus zudem noch fantastische Dub-Versions. Auch Perry scheint erkannt zu haben, dass er da etwas ganz Besonderes in den Händen hält, weshalb er sich dazu entschlossen hat, sein ehrenvolles Upsetter-Label wiederzubeleben, um dem Album eine würdige Heimat zu bieten. Willkommen zurück, Mr. Perry.
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Review

Addis Pablo: In My Father’s House

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Addis Pablo – der Name deutet schon geschickt an, was in ihm steckt: Addis Pablo ist tatsächlich der Sohn des legendären Augustus Pablo. Und man glaubt es kaum: Auch er spielt Melodika. Aufmerksamkeit ist dem jungen Musiker also gewiss – ebenso jedoch auch ein enormer Erwartungsdruck, der auf ihm und seinem Debut-Album lastet. Eben jenes legt er nun unter dem marketingtechnisch geschickt gewählten Titel In My Fathers House (Jahsolidrock) vor. Eingespielt von der österreichischen Band House of Riddim, produziert vom Holländer Marc Baronner und publiziert auf dem Amsterdamer Label Jahsolidrock, ist das Album eine rein europäische Angelegenheit. Es enthält 17 Tracks, wovon 5 reine Vocal-Tunes sind – ohne Beteiligung von Addis Pablo. Bleiben also 12 Tracks, zu denen des berühmten Vaters Sohn brav sein Melodikaspiel beigesteuert hat. Okay, dagegen ist nichts zu sagen, aber eine beeindruckende künstlerische Leistung, die den Artist-Namen auf dem Album rechtfertigt, ist das nicht gerade. Zumal House of Riddim so tight aufspielt, dass Pablos doch recht dünnes Melodikaspiel kaum dagegen ankommt – geschweige denn, dass es selbstbewusst den Lead-Platz in der Mitte der Stücke einzunehmen vermag. Die Melodica wirkt oft eher wie ein Begleitinstrument und die Melodien wirken eher improvisiert statt komponiert. Wir müssen also leider konstatieren: Addis Pablos Debut wird der hohen Erwartungshaltung nicht ganz gerecht. Ist es deshalb ein schlechtes Album? Nicht wirklich, denn House of Riddim holt die Kohlen aus dem Feuer. Die Rhythms sind ohne jeden Zweifel solide. Aber trotzdem: als Dub-Freund werde ich mit dem doch einigermaßen mainstreamigen und etwas ecken- und kantenlos wirkenden Sound der Österreicher nicht so recht warm. Was als Backing hinter guten Songs (wie z. B. Chezideks Thanks and Praise) perfekt funktioniert, muss nicht auch als Instrumental oder gar als Dub eine gute Figur machen. Da letzteres aber auch gar nicht erst versucht wurde, darf man dem Album fehlendes Dub-Mixing allerdings nicht vorwerfen. Aber Eingedenk an Augustus, hätte ich es mir eigentlich gewünscht.
Rating 3 Stars

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Reggae Review

Mishmash Vol. 1

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Alpha & Omega haben ein neues Album veröffentlicht: The Half That’s Never Been Told (Steppas Records). Ich kennen keinen Dub-Act, der seit so vielen Jahren produktiv ist, wie Alpha & Omega. Doch nicht nur das: sie sind seit rund 25 Jahren ihrem Stil so treu, dass es schwer fällt, neue Alben  und Wiederveröffentlichungen voneinander zu unterscheiden. The Half That’s Neve Been Told macht da keine Ausnahmen: bassschwer, düster grollend, monoton – genau so, wie wir es lieben.

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Die Resonators haben ihrem Album The Constant eine Dub-Version geschenkt und diese zusammen mit dem Originalalbum auf eine Deluxe Edition (Wah Wah 45s) gepackt. Ich habe schon die Vocal-Versionen geliebt. Die Dubs machen mich jetzt seelig.

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Noch nie hatte ich von Dub for Light gehört, aber das neue Album Mindset (Dan Dada) ist mir dann doch aufgefallen. Selten so minimalistischen Dub gehört. Wird gewiss nicht mein Lieblingsalbum, aber eine spannende Hörerfahrung ist es auf jeden Fall.

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Nicht nur der Sohn von Augustus Pablo macht Dubs, auch der Sohn von Jah Shaka, Young Warrior, ist im Dub-Business. Für sein Sound System hat er einige Tracks produziert, von denen nun 6 Instrumentals plus Dub-Versions auf dem Album Presents Dub Box (Jah Shaka) veröffentlicht zu hören sind. Natürlich Hardcore-Steppers, wie vom Vater gewohnt. Allerdings handelt es sich um recht simple, digitale Produktionen, die so klingen, als seien sie in einer Blechdose aufgenommen worden. Im Sound System geht das klar, auf dem Home-HiFi eher nicht.

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Wenn schon digitaler Dub, dann lieber so wie auf dem Album Mangrove Meets Ganjaman_72 in 5-Track Digital Dub Vol. 1 (Fast Forward Sound). Hier wird bewusst mit dem 8-Bit-Sound à la Jahtari gespielt – und zwar virtuos. 5 Tracks von Mangrove bietet das Album, die Ganjaman_72 in bester Shwocase-Manier um Dub-Versions ergänzt hat. Nice.

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Wie im Blog des öfteren zu lesen ist: Ich bin ein großer, großer Fan von Prince Fatty. In seiner Reihe Prince Fatty vs. tritt er nun gegen Mungo’s Hi Fi an (= Prince Fatty vs. Mongo’s Hi Fi (Mr. Bongo)). Was für ein Spaß! Hat zwar nicht viel mit Dub zu tun, ist aber trotzdem ein grandioses Old-School-Album im Stile der Digital-Dancehall der frühen 1990er Jahre. Absolut geeignet, um mal die Dub-Bass-Ablagerungen aus den Ohren zu blasen.

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Wo wir gerade bei Nicht-Dub-Alben sind: Chronixx Debut Dread & Terrible (Chronixx Music) gefällt mir richtig gut. Hat einen unwiderstehlichen Old School-Charme und bietet zudem noch drei schöne Dubs.

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So, einen hätte ich noch: Various Artists: Dub Tentacles, Vol. 5 (Fresh Poulp). Nach dem letzten, eher Dubstep-orientiertem Dub-Tentacles Vol. 4, ist das Netlabel nun wieder zu 100% Dub zurück gekehrt. Richtig so! Mit Ausnahme von Du3normal sind mir alle hier versammelten Dub-Acts unbekannt, ihr Sound gefällt mir aber trotzdem. Der Sampler bietet zwar nix aufregend Neues, ist aber trotzdem hörenswert – zumal er kostenlos zum Download bereit steht: http://www.fresh-poulp.net/releases/fpr070/

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Dubblestandart: In Dub

In Dub

Nach Woman in Dub – was ja kein Dub-Album war – legt Dubblestandart mit In Dub (Echo Beach) nun ein waschechtes, sortenreines Dub-Werk vor. Es besteht im Wesentlichen aus dem „Woman in Dub“-Rhythm-Material, sowie vereinzelten Tracks älterer Werke, wie z. B. Marijuana Dreams und Return from Planet Dub. Zwei Drittel der Dubs stammen aus der Feder von Paul Zasky und Robbie Ost, die beide den harten Kern von Dubblestandart bilden. Vier weitere Tracks wurden von Adrian Sherwood gemixt und einer von Rob Smith remixed. Insgesamt ein solides Paket aus guten Rhythms, in klassischer Manier zu Dubs geformt. Die Vocals der Damen sind auf vereinzelte Fragmente reduziert, auf störende Soundgimmiks wurde weitgehend verzichte und der sauber austarierte Old-School-Mix lässt die Rhythms frei fließen und sich entfalten. Auch Altmeister Adrian Sherwood liefert solides Handwerk ab. Lediglich Rob Smith schlägt mit seinem Remix von Holding You Close neue Wege in Richtung Club-Music ein. Ich hätte mir in der Tat mehr davon gewünscht – ein paar frische Ideen hätten nicht schaden können – will aber andererseits ein klassisch-schönes Album auf keinen Fall schlecht reden. Die permanente Hatz nach Innovationen verursacht sowieso nur Stress. Also freuen wir uns über den typischen, stets leicht an On-U-Sound erinnernden Dubblestandart-Sound (ohne störende Vocals ;-) und über unaufgeregte, der alten Schule verpflichtete Dub-Mixes.
Rating 4 Stars

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Evolution of Dub, Volume 8: The Search for New Life

Evolution of Dub 8

Hoppla, damit hatte ich nicht gerechnet: Im fünften Jahr ihres Bestehens, überschreitet die Evolution of Dub-Serie endlich die Zeitenwende zum digitalen Reggae. Nachdem die zuvor erschienenen sieben CD-Boxen weitestgehend in den 1970er Jahren feststeckten, steigt Evolution of Dub, Vol. 8 (Greensleeves/VP) in die Mitte der 1980er Jahre ein und spannt den Bogen bis fast in die Gegenwart. „The Search for New Life“ lautet der Untertitel der aktuellen Box und kommentiert damit den Niedergang des jamaikanischen Dubs seit Ende der 1970er Jahre fast schon zynisch. Ohne große Mühe gelang es den Dub-Kuratoren im Hause Greensleeves/VP die bisher in der Evolution-Serie erschienenen 28 Album-Rereleases allein mit Material der 1970er Jahre zu füllen. Die folgenden 30 Jahre passen nun spielend in eine 4-CD-Box – zumindest wenn die Evolutionsgeschichte auf in Jamaika produzierten Dub beschränkt bleibt. Über die Gründe, warum Dub in Jamaika so dramatisch an Beliebtheit einbüßte, während er zuerst in England und später in der ganzen Welt immer populärer wurde, darf spekuliert werden. Nicht selten ist als Erklärung zu hören, dass der Reggae-Sound des digitalen Zeitalters keine gute Grundlage für Dubs sei: zu reduziert, zu perkussiv, zu schnell. Mal sehen, ob da etwas Wahres dran ist.

Comuterised Dub

Bereits im Jahr Eins nach Sleng Teng hat Prince Jammy himself gezeigt, dass digitale Rhythms und Dub kein grundsätzlicher Widerspruch sein müssen: Computerised Dub, das erste digitale Dub-Album der Reggae-Geschichte, sorgte 1986 für Furore und wurde deshalb aus gutem Grund für die vorliegende CD-Box ausgewählt. Es enthält Dubs von zehn digital produzierten Rhythms der damaligen Pioniere des neuen Sounds: Steelie & Cleevie. Star dieses Albums ist allerdings weniger der Dub-Mix als vielmehr dieser unsägliche und doch geniale 8-Bit-Sound, den die beiden Musiker ihren Billig-Keybords entlockten und zu synthetisch-schönen Reggae-Beats formten. Jahtari hält das Erbe dieses Sounds bis heute wach. Auf „Computerised Dub“ ist das Original zu hören.

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Wenige Jahre später hatte Gussie Clarke in seinem Music Works-Studio den digitalen Sound des Reggae zu einem clean-polierten, ziemlich kühlen, aber auch vergleichsweise komplexen, Sound weiterentwickelt. Mitglied des Music Works-Teams war Mikey Bennet, der Anfang der 1990er Jahre zusammen mit Patrick Lindsay das Two Friends-Label gründete und im Music Works-Studio Aufnahmen für Cocoa Tea, Brian & Tony Gold, Gregory Isaacs und Shabba Ranks produzierte. Aus dieser Zeit stammt das zweite Album der Box: Voyage Into Dub, das den typischen Music Works-Sound in Reinkultur bietet – und damit unfreiwillig die Frage beantwortet, warum Dub im digitalen Zeitalter auf Jamaika keine Rolle mehr spielte: Die digitalen Rhythms, wie wir sie hier hören, widerstreben auf natürlich Weise dem Dub-Treatment. Statt des offenen, langsamen, klar strukturierten Rhythmus des Roots Reggae, zeichnen sich die digitalen Produktionen eher durch Überfrachtung, Betonung perkussiver Strukturen sowie schneller Polyrhytmik aus und wirken dadurch oft kompliziert. Auch spielte die für Dub so entscheidende Bassline eine zunehmend geringere Rolle (bis sie schließlich im Dancehall-Sound vollständig verschwand). Daher ist „Voyage Into Dub“ zwar ein interessantes Zeitdokument, aber kein gutes Dub-Album.

Juke Box Dub

Mit dem nächsten Album macht die Box einen großen Sprung in das 21. Jahrhundert: Juke Boxx Dub vom Produzenten Shane Brown. Es präsentiert u. a. Dub-Versions von Chuck Fendas „Freedom of Speech“, Romain Virgos „Can’t Sleep“ und Morgan Heritages „Brooklyn & Jamaica“. Die Aufnahmen sind dem klassischen Reggae verpflichtet, wahrscheinlich handgespielt, und bauen auf dem guten, alten Fundament von Drum & Bass auf. Die perfekte Basis also für ein Dub-Reworking. Und in der Tat: hier haben wir das erste gute Dub-Album der Box. Es folgt dem Vorbild des jamaikanischen 70ies-Dub, nutzt die gleichen Techniken und kreiert einen vergleichbaren, super-klassischen Sound. Erstaunlicherweise greifen jamaikanische Produzenten jedoch bis heute keinerlei Einflüsse internationaler Dub-Produktionen auf, die den Blick über das Seventies-Vorbild hinaus führen könnten. Steppers, Dubstep oder Crossover-Experimente scheinen tabu, obwohl sie eigentlich eine fantastische Inspirationsquelle wären.

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Das letzte Album der Box hat mich wirklich überrascht, obwohl es eigentlich ganz folgerichtig ist, die „Evolution of Dub“-Serie damit zu beschließen: Dub Clash von Alborosie. Komplett analog mit historischem Studio-Equipment produziert, schließt es dort an, wo Dub in den 1970ern angefangen hat. Nicht ohne Grund hat Alborosie das Album King Tubby gewidmet und rekuriert auf klassische Riddims wie „Full Up“, „Bobby Babylon“ oder „“When I Fall in Love“. Ein absolut superbes Album – und, obwohl ich höchsten Respekt vor den alten Meistern habe, muss ich sagen: das beste Album der ganzen „Evolution of Dub“.
Rating 3 Stars

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Five Star Review

AudioArt: Op’ra Dub Style

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Ich liebe ganz orthodoxen, super-klassischen Steppers Dub: repetitiv, stoisch, körperbetont. Noch mehr aber liebe ich das Experiment: mutig, unkonventionell, schräg. Insbesondere dann, wenn Klänge unterschiedlicher Welten zueinander finden und etwas Neues, Ungehörtes erschaffen. Je ungewöhnlicher, je schräger die Fusion, desto spannender: Dub und arabische Musik, Dub und Balkan-Pop, Dub und schwedische Volkslieder – nur um ein paar aktuelle Beispiele anzuführen: allesamt großartige Kombinationen. Doch wie sieht es mit Dub und klassischer Musik aus? Kann das gehen, oder ist das doch zu abwegig? Matthias Arfmann unternahm 2006 mit Deutsche Grammophon Remixed einen ersten Versuch in diese Richtung, als er alte Karajan-Aufnahmen einem amtlichen Dub-Treatment unterzog. Was mich damals übrigens hellauf begeisterte (eine Begeisterung, die allerdings kaum jemand mit mir teilen wollte). Nun ein zweiter Vorstoß zur Integration des vermeintlich Unvereinbaren: Opra Dub Style von AudioArt (One Drop/Irie Ites). Der Name lässt es vermuten: Dub trifft auf Oper – und zwar verkörpert durch den klassischen Operntenor Uly E. Neuens auf der einen und einige superbe Dub-Produzenten (TVS, Dub Spencer & Trance Hill, Aldubb, Dubmatix, Dubble Dubble (Braintheft) und Tune In Crew) auf der anderen Seite. Das Ergebnis dieses Clashs ist – tja, wie soll ich es differenziert ausdrücken? – schlicht und ergreifend: genial! Es macht richtig Spaß diesem verrückten Experiment zuzuhören und festzustellen, dass Operngesang, klassisch anmutende Kompositionen (die aber alle exklusiv für dieses Album entstanden sind) und heavy duty Dub-Music kongenial zusammen klingen, als seien sie seit je her füreinander bestimmt. Diese scheinbare Selbstverständlichkeit des gar nicht selbstverständlichen wird einerseits dadurch erreicht, dass Dub-Track und Gesang stets fein aufeinander abgestimmt sind, und dass andererseits der Operngesang mehr Melodie als Wort ist. So fügt er sich – fast wie ein Instrument – nahtlos und harmonisch in das Arrangement des Dub ein. Nicht ganz unerheblich mag auch die Tatsache sein, dass Uly E. Neuens – klassisch ausgebildeter Opern-Tenor, der auf allen wichtigen Opernbühnen Frankreichs zuhause ist – sich schon seit vielen Jahren für Reggae begeistert. So verfügt er über ein gutes Gespür für die Musik beider Welten. Sieben Tracks hat er für das Album eingesungen, weitere vier bieten Remixes der Aufnahmen und zwei Tracks gibt es als Bonus oben drauf. Der letzte ist eine Produktion von Aldubb mit Ulys Interpretation der „Ode an die Freude“. Das trifft es – wie ich finde – ziemlich gut.
Rating 5 Stars

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Five Star Review

Restless Mashaits: Goulet Sessions 2003 – 20013

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Bei der Recherche zu manchen Dub-Acts komme ich mir vor, wie ein investigativer Journalist. Jedem Bit an Informationen, das ich aus dem Netz ziehe, geht ein gewundener Klickpfad über obskurste Seiten voraus. Manche Dubheads scheinen solch introvertierte Nerds zu sein, dass ihnen so etwas wie Selfmarketing einfach nicht in den Sinn kommt. Die Restless Mashaits gehören zweifellos dazu: Website under Construction, bei Facebook werden nur Fotos gepostet und bei Soundcloud natürlich keine Artist-Info. Soviel ist klar: hinter den  ruhelosen Mashaits stecken Bassist und Perkussionist Stuff und Keyboarder Jill, zwei Dub-Addicts aus Genf, die seit den frühen 1990er Jahren Reggae und Dub produzieren. Die erste Dekade ihres Schaffens ist auf dem Album Kingston-Sessions 1992 – 2002 dokumentiert. Nun legen sie mit den Goulet Sessions 2003 – 2013 (Addis Records) Zeugnis über die letzten zehn Jahre ab. Während sie die Kingston Sessions (mit vorproduzierten Rhythms) in Jamaika fertig stellten, deuten die Goulet Sessions auf einen geheimen Ort in Europa hin. Laut einer auf Facebook geposteten Information waren Dean Fraser, Jonah Dan, Stepper, Deadly Headly und Scully daran beteiligt. So weit die Fakten. Kommen wir zur Verkostung: Das Album beginnt mit einem grandiosen Instrumental, das von Bläsern getrieben die Session mit enormer Dynamik eröffnet. Der darauf folgende Dub macht klar, dass die beiden Schweizer auch nach zwanzig Jahren an den Reglern alles andere als altersmilde geworden sind. Bestimmt, stetig, druckvoll aber nicht brutal oder auf den schnellen Effekt hin entwickeln sie ihre Dubs. Alles ist fein austariert, die Basslines sanft aber gewaltig, die Arrangements zurückhaltend aber inspiriert, der Mix ohne selbstgefällige Effekte, aber sehr solide. Das klingt unentschieden? Keineswegs! Der Track Ghetto Blues könnte die akustische Definition von „kompromisslos“ sein: Eine dermaßen stoische Bassline, ein so konsequent auf Repetition ausgelegtes Arrangement und ein so beseelter, klassischer Dub-Mix sind mir selten untergekommen. Dazu fantastische Bläsersätze und feine Bläser-Soli – hier passt einfach alles. Und wir sind erst bei Track 4! Es folgen weitere 7 Tracks, die dem Auftakt in nichts nachstehen. Ein superbes Dub-Album, das in mir schon die Lust auf die Sessions 2014 – 2024 weckt.
Rating 5 Stars

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Review

Alborosie: Dub the System

Dub the System

Das musste ja so kommen: Alborosie ist so dermaßen ein in der Wolle gefärbter Old-School-Fanatiker, dass es für ihn geradezu Pflicht ist, einem Vocal-Album die Dub-Version folgen zu lassen. So hat man es schon in den 1970er Jahren gemacht, und so ist es auch 2013 gut. Also, her mit der Scheibe – die natürlich aus schwerem, schwarzen Vinyl besteht: „Dub the System“, dem Dub-Reworking des vor wenigen Monaten erschienenen Albums Sound the System (Greensleeves). Den alten Thorens hervor gekramt und die Nadel in die Rille. Tatsächlich! Musik – physisch und analog. Und was da aus den Lautsprechern schallt, passt perfekt zu dem fast vergessenen Vinyl-Ritual: nämlich klassische, analog gemixte und durch historisches Studioequipment veredelte Dubs. Keine neumodischen Spielereien, kein Dubstep, kein Steppers, keine digitale Elektronik – nur ein Man und sein Mischpult. Pupa Albo ist der Alleinunterhalter auf dieser Reise in die Sphären des originalen, jamaikanischen Dub. Es ist seine Musik durch und durch, denn er spielte nicht nur nahezu alle Instrumente selbst, sondern war auch recording engineer und natürlich auch Dub-Mixer (lediglich das Mastering überließ er Kevin Metcalfe in London). Wenn Alborosie an den Reglern sitzt, dann ist es keine Frage, wohin die Reise geht: Schon die ersten Takte – unverkennbarer Sly & Robbie-Sound – machen klar: das Album ist in jeder Note eine Huldigung an den Roots-Sound der späten 1970er Jahre, analog aufgenommen und durchweg handgespielt. Hall, Echo und das Ab- und Anschalten von Tonspuren sind hier die einzig erlaubten Effekte. Ein puristisches Setting, das allerdings schon einiger Ideen bedarf, um mehr als nur die bloße Reinkarnation des 70ies-Dub zu sein. Mehr sein bedeutet: ein Dub-Album, das der Tradition verpflichtet ist, aber unsere von 40 Jahren Dub-Erfahrung geprägte Hörgewohnheiten trotzdem zu überraschen vermag. Ist dem Sizilianer dieses Kunststück geglückt? Ich bin da nicht so sicher. Die Rhythms sind gut („Guess Who’s Comming to Dinner“ und „Zion Train“ sind darunter), die Kompositionen sind gut, die Arrangements sind auch gut und letztlich ist auch das Dub-Mixing nicht schlecht. Aber andererseits fehlt da noch etwas, um mich wirklich glücklich zu machen. Wenn das Wesen des Dub wirklich darin besteht, einen Track vollständig in seine Bestandteile zu zerlegen und zu seinem Kern, bestehend aus purem Drum & Bass, vorzudringen, um den Dub von dieser Basis aus neu aufzubauen, dann ist Alborosie nur die Hälfte des Weges gegangen. Dub the System könnte mehr Konsequenz vertragen. Nach meinem Geschmack, dürften die Dubs deutlich radikaler sein. Vielleicht scheute sich der Entertainer, der Pupa Albo zweifellos ist, sein Publikum herauszufordern, ihm die Harmonien und üppigen Arrangements zu verweigern und den unbekümmerten Spaß durch Faszination zu ersetzen. Vielleicht liebt er seine Musik aber auch zu sehr, um sie brutal zu beschneiden und umzubauen. Der Mut zu Destruktion hat ihm gefehlt – was bahnbrechende Dubs leider unmöglich macht, aber irgendwie trotzdem sympathisch ist.
Rating 4 Stars

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Five Star Review

Tomas Hegert: Dub på Svenska

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1964 erschien das heute legendäre Jazz-Album Jazz på Svenska (Jazz auf schwedisch). Auf ihm interpretierte der Pianist Jan Johansson alte schwedische Volkslieder als Jazz-Instrumentals. Es war ein in Schweden bahnbrechendes Album, das sich über eine Million mal verkaufte und die Entwicklung des skandinavischen Jazz stark beeinflusste. In einer dunklen Winternacht, 46 Jahre später, beschloss ein anderer schwedischer Musiker, Tomas Hegert, wahrscheinlich inspiriert vom minimalistischen, nur aus Klavier und einem tiefen, ruhigen akustischen Bass bestehenden Sound des Original-Albums, ein neues musikalisches Projekt zu starten: Jazz på Svenska in Dub! Nun liegt das Ergebnis als Download-Album vor und trägt den stolzen Titel Dub på Svenska. Es ist mit Abstand das spannendste und zugleich schönste Dub-Album, das mir in den letzten Monaten untergekommen ist. Kongenial setzt Hegert den warmen Sound von Johansson in fein arrangierte und zugleich kraftvoll-dynamische Dub-Beats um, die nicht selten von eher untypischen Instrumenten wie z. B. einer akustischen Gitarre bereichert werden. Die melancholisch-schönen Melodien der alten Volkslieder, von Johansson einst ausschließlich auf dem Klavier interpretierte, erklingen nun, von Instrumenten wie Xylophon, Akkordeon, Posaune, Melodika oder Geige gespielt, fast schwebend über dem erdenschweren Sound von Drum & Bass. Was in der Beschreibung ziemlich schräg klingt, ist in Wirklichkeit die perfekte Kombination zweier vermeintlicher Gegensätze: wie z. B. Schokolade und Chili – die Synästhesie zweier Welten. Einen ähnlichen Ansatz pflegen übrigens Hey-O-Hansen, mit ihrer Kombination tiroleser Bergmusik und Dub. Auch die Twinkel Brothers Inna Polish Stylee kommen mir in den Sinn oder Mahala Rai Banda mit ihrem Balkan Reggae. Auch wenn Puristen die Nase rümpfen, ich glaube, dass Dub genau dafür gemacht wurde: das Experiment zu wagen.
Rating 5 Stars