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The Icebreakers with the Diamonds: Planet Mars Dub

Ja, weiter geht’s mit Oldies but Goldies. Nach der Ermordung von Donald „Tabby“ Shaw im März dieses Jahres und dem wenige Tage später eines natürlichen Todes verstorbenen Fitzroy “Bunny” Simpson ist das Gesangstrio The Mighty Diamonds leider nur noch Geschichte. Die Gruppe wurde 1969 in Trenchtown gegründet und hat in den über 50 Jahren ihrer Karriere vor Zigtausend Zuschauern auf der ganzen Welt gespielt. Der plötzliche Tod der beiden Protagonisten verstärkte bei mir wieder den Willen, mich intensiver mit The Mighty Diamonds und deren frühen Dub-Alben zu befassen. Nachdem ich im Dubblog bereits „Deeper Roots (Back to the Channel)“ über den grünen Klee gelobt habe, stürzte ich mich diesmal auf „The Icebreakers with the Diamonds: Planet Mars Dub“ (Virgin Records) aus 1978. Ja, ich weiß, „Tabby“ und viele andere fanden das Song-Album „Planet Earth“, das allererste Album, welches im gerade fertiggestellten Compass Point Studio eingespielt wurde, ziemlich überproduziert. Ok, ich kenne nicht die Originalbänder und ich weiß auch nicht, was Virgin Records noch an den Aufnahmen nachbearbeitet hat. Was ich weiß ist: „Planet Earth“ und sein Dub-Pendant „Planet Mars Dub“ waren damals ziemlich leicht in gut sortierten Plattenläden – auch ohne Vorbestellung – zu finden. Möglicherweise ist das einer der Gründe, weshalb beide Alben bei mir häufig auf dem Plattenteller lagen und ich bis heute jeden darauf befindlichen Ton genauestens kenne. Das Album hat vielen Reggae-Fans den „Dub-Zugang“ erleichtert.

Wie gesagt, auf den Bahamas war gerade Chris Blackwells „Compass Point Studio“ in Betrieb genommen worden. Die Icebreakers – im Grunde ein Ableger der Revolutionaries – stellten die Backing Band, Karl Pitterson produzierte und saß am Mischpult. Karl Pitterson ist auch einer meiner Helden, dem bisher viel zu wenig Beachtung zuteilwurde. Immerhin war er an Alben wie: “Rico: Man From Wareika“; „Bob Marley & Wailers: Exodus“; „IJahman: Are We A Warrior“; „The Abyssinians: Declaration Of Dub“; „Sly & Robbie: Raiders Of The Lost Dub“ und vielen anderen Alben maßgeblich beteiligt.
Pittersons Mixings sind immer wieder erfrischend. Das Wiederhören der “Planet Mars Dubs” spiegelt den gleichen entspannten Stil wider, der auch den Mighty Diamonds nachgesagt wird. Hier allerdings mit einem anderen Ansatz, denn die Hauptantriebskräfte für jeden Mix sind Reverb, Echo und Delay. Pittersons Dub-Versions zeigen nicht nur die stimmlichen Talente des Mighty Diamonds-Trios, sondern auch die starke instrumentale Virtuosität der Icebreakers. Das Album fließt in einem perfekten Tempo von Song zu Song und auch die ständig durch den Raum schwebenden Gesangsfetzen führen nochmals deutlich vor Augen und Ohren, wie unglaublich dicht der Harmoniegesang der Mighty Diamonds auf dem Höhepunkt ihrer Karriere in den späten 1970er Jahren war.
Der Gesamtsound des Albums ist unüberhörbar geprägt von Karl Pitterson, der bald für seinen raffinierten und reich produzierten Stil geschätzt werden sollte. Möglicherweise war auch die Atmosphäre in den Compass Point Studios eine Oase der Entspannung, im Vergleich zum damaligen politischen Pulverfass Kingston. Wie auch immer: “Planet Mars Dub” schafft es ziemlich erfolgreich, straffe Gesangsharmonien und starke musikalische Begleitung mit (damals) modernster Dub-Technik zu kombinieren.

Noch eine Anmerkung: „Planet Earth“ und „Planet Mars Dub“ sind ziemlich merkwürdige Kapitel in der Geschichte der Mighty Diamonds. Die Icebreakers werden auf der “Planet Mars Dub” zuerst genannt und “The Mighty Diamonds” werden einfach als “Diamonds” aufgeführt. Man spricht von rechtlichen Gründen.

Bewertung: 4 von 5.
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Carl Campbell: Zion Dub

Vor einigen Monaten habe ich bei meiner Suche nach Sly & Robbie Alben den seit Jahren vergriffenen Klassiker „Carl Campbell: Zion Dub“ ausgegraben. Das Album ist extrem rar und wurde bisher nur 1978 in limitierter Auflage bei Carl’s Records als LP veröffentlicht. Kurzzeitig war es nochmals 2017 als CD zu haben. Carl’s Records war offenbar ziemlich kurzlebig. Es erschien noch ein einziges weiteres Album, „357 Magnum Dub„, welches Winston Riley von den Technics zusammen mit Carl Campbell produzierte und veröffentlichte.
Die Aufnahmen zu „Zion Dub“ entstanden in den späten 70ern im Channel One und die Liste der Musiker, welche die Revolutionaries Inkarnation stellt, liest sich wie die Champions League jamaikanischer Session Musiker aus der Zeit. Sly & Robbie bildeten das Rückgrat der Band, dazu gesellten sich Chinna Smith, Tony Chin, Keith Sterling, Augustus Pablo, Winston Wright, Sticky, Skully & Tommy McCook. Herausgekommen ist ein ausgezeichnetes, schwergewichtiges Roots-Dub-Album, das klingt wie eine frühe Ausgabe der Roots Radics mit Scientist at the Controlls. Sämtliche Tracks beginnen mit einem Toast des in Jamaika geborenen und in Brooklyn aufgewachsenen DeeJays Mikey Jarrett. Die Kommentare zu: „Darker Shade Of Black“, „Ten To One“ und „Hot Milk“ etc. sind alle unterhaltsam und lockern so das gesamte Album auf.
DeeJay Mikey Jarrett ist eine Reggae-Legende. Als A&R-Mann für das allseits bekannte Channel One Studio gab er Künstlern wie Lone Ranger und anderen die Möglichkeit, ihre ersten Platten dort aufzunehmen. Seine erste eigene Single „Ku Bly Klan“, die 1974 in New York für das legendäre Bullwackies-Label von Lloyd Barnes gemacht wurde, war ein Hit und erzielt heute sehr hohe Preise auf dem Sammlermarkt.

Bewertung: 3.5 von 5.
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Five Star Review

Burning Spear: Original Living Dub Vol. 1

Hip Hip Hurray, what a happy Day. Burning Spear, the „Master of Roots“ is back. Sein letztes Studio-Album „Jah is real“ ist 2008 erschienen. Danach wurde es ziemlich ruhig um den „Master of Wailing“, denn er zog sich auf sein Altenteil zurück und ging „in Rente“. Endlich hat sich der 77-Jährige umentschieden und tourt wieder. So haben hoffentlich noch viele Menschen die Möglichkeit, ein Konzert von Burning Spear live zu erleben. Die meisten Konzerte, die ich mit Burning Spear gesehen habe, waren mystische Ereignisse. Live haben mich Burning Spear und seine virtuose Burning Band nie enttäuscht.
Aufgrund des freudigen Anlasses habe ich die letzten Tage damit verbracht, mir wieder einmal Burning Spears Werke – und für den Dubblog selbstverständlich bevorzugt die „Living Dubs“ – sehr aufmerksam anzuhören.
Burning Spear veröffentlichte 1978 auf Jamaika seine erste Eigenproduktion „Marcus‘ Children“. Von Island wurde die LP mit dem Titel „Social Living“ veröffentlicht und prompt von vielen als Roots-Meisterwerk gefeiert. Das Album zählt auch heute noch zu Recht zu den besten Reggae-Werken aus dieser Ära.
Kurz nach der Veröffentlichung von „Marcus‘ Children“ brachte Winston Rodney auf Jamaika „Living Dub Vol. 1“, gemixt von Silvan Morris, unter die Leute. Um diesen Original-Mix geht es auch bei der 2003 veröffentlichten „Burning Spear: Original Living Dub Vol. 1“ (Nocturne), die es tatsächlich noch bei den Streamingdiensten zu finden gibt. „Living Dub Volume 1“ in seiner Urfassung ist zweifelsfrei eine Spear‘sche Dub-Explosion. Die dargebotenen Riddims und Grooves sind die reinste Essenz hypnotischer Musik der Marke Burning Spear. Diese unglaublichen Dubs transzendieren den menschlichen Geist in die andere Dimension musikalischer Erfahrung. Da sind sie zu hören, diese unsterblichen Bass- und Drum-Rhythms, diese Echos und Reverbs, mit Spears Gesangsspur, die in den Mix ein- und ausgeblendet wird und vor allem dieser einzigartige Vibe, den nur Burning Spear bieten kann. „(Original) Living Dub Volume 1“ ist definitiv eines der Alben, welches ich auf die einsame Insel mitnähme. Lasst euch verzaubern and keep the Spear burning!

Kurze Anmerkung zur von Barry O’Hare remixten Version: Die 1992er „Living Dub Volume One“ hat eine etwas andere Titelliste als der Original-Mix und ausgerechnet der Rasta-Song „Irie Nyah Keith“ – mein Lieblingssong des Originalalbums – den Spear bereits im Studio One mit dem Titel „Zion Higher“ einsang – fehlt und wurde durch „Run Come Dub“ ersetzt. Außerdem finden wir auf der Veröffentlichung einen zusätzlichen Titel: „Hill Street Dub“. Ok, Sammler brauchen natürlich auch dieses bei Heartbeat erschienene, komplett neu abgemischte Album. Die O’Hare’sche Interpretation ist keineswegs schlecht, klingt aber, bedingt durch seine digitale Reinheit, schon anders. Deshalb werden Reggae Puristen eher „Original Living Dub Vol. 1“ den Vorzug geben.

Bewertung: 5 von 5.
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Sabab presents Revival Style

Auf Irland, der grünen Insel im Atlantik, lebt ein „Dubling“ aus Dublin namens Elias Zaidan. Als Produzent, Tontechniker und Künstler, nennt er sich selbst Sabab. Das arabische Wort Sabab bedeutet soviel wie „Anlass, Initialzündung, Impuls“. Der in Dublin geborene Halb-Libanese, Halb-Ire zieht folgerichtig seine Inspirationen aus beiden Kulturen. Gewiss hätte Sabab auch schöne irische Jigs oder libanesische Dabkehs produzieren können, beides folkloristische Tänze, die „in einer Reihe“ getanzt werden. Oder wenn er Koch geworden wäre, dann hätte er sicherlich einen mit Sumach und feinsten orientalischen Ingredienzien gefüllten Schafsmagen zubereitet. Aber wir verschwenden unsere kostbare Zeit, denn zum Glück hat Sabab eine ganz andere künstlerische Richtung eingeschlagen. Neben Avantgarde, Elektronic, Jazz und auch Filmmusik ist der Sound aus Jamaika und davon ganz besonders Dub seine große Leidenschaft, und davon gibt er uns hier eine bemerkenswerte Demonstration. „Sabab presents Revival Style“ ist sein Erstlingswerk für das Lion Charge Label und der Titel des Albums ist Programm, denn bereits „Wild Style Dub“ führt uns in die richtige Richtung. Die acht im Dubliner Gussie Edwards Studio entstandenen Tracks zeigen überzeugend das Talent, des mir bis dato unbekannten Sound Engineers, der den Old-School-Dub-Sound der späten 70er, Anfang 80er Jahre auf dieser nostalgisch-musikalischen Reise gekonnt einfängt und in die Jetztzeit transferiert. Sabab demonstriert überzeugend seine Qualität am Mischpult und seine ganz besondere Vorliebe für spacig-dubbige Sounds. Ein satter Bass, aus dem tiefsten Verlies hallende Drums – wie zu Scientists besten „King Tubby’s Sessions“ Zeiten, zischende Hi-Hats und entschleunigte Rhythmen schweben durch Raum und Zeit. Die durch Hall, Echo und tubbyeske Soundschleifen erzeugten psychedelischen Klänge klingen herrlich nostalgisch und sind dennoch stilvoll mit einem modernen Touch versehen. Abschließend stellt sich mir lediglich noch die Frage, ob Sabab das Album im Alleingang oder mit Band eingespielt hat, wovon ich bei „Revival Style“ eher ausgehe. In den Credits sind diesbezüglich leider keinerlei Angaben zu finden, was dem Album aber insgesamt keinen Abbruch macht.

Schlussendlich: Eine schöne musikalische Reise in die legendäre End-1970er-Ära Jamaikas, als noch Flyers, Steppers und Rockers auf der Insel den Ton angaben.

Bewertung: 3.5 von 5.
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Five Star Review

Paul Fox: Dub Blood

Der Sänger und Produzent Paul Fox aus Winchester UK ist hier im Dubblog ein zu Unrecht fast unbeschriebenes Blatt. Der Roots, Reggae und Dub Künstler veröffentlicht unter eigenem Namen seit 1992 Musik und hat bereits mit vielen bekannten Künstlern und Produzenten zusammengearbeitet. Auf der Liste der Künstler, die mit Paul Fox im Studio waren, finden sich solch illustre Namen wie: Nick Manasseh, Robert Tribulation, Michael Rose, Rod Taylor, Fullness, Dubheart, Jonah Dan, Brother Culture und Alpha & Omega, mit denen Paul Fox auch 2008 in Europa auf Tour war. Stark beeinflusst wurde sein Sound von Jah Shaka, Nick Manasseh, Jah Observer und Aba Shanti. Er war von deren Musik und Vibes so sehr beeindruckt, dass er Ende der 1980er selbst anfing, zu Hause im stillen Kämmerlein mit einem Vierspurgerät zu experimentieren. Mit Julian Ryan, einem Freund und Musiker, der ihn mit Jonah Dan bekannt machte, erfolgten die ersten Studio-Gehversuche in Sachen Reggae und Dub. Der Perkussionist Jonah Dan hatte ein kleines Studio in West London und die drei trafen sich regelmäßig jede Woche, um Roots Reggae einzuspielen und die passenden Dubs daraus zu fertigen. Nachdem sie ein paar Jahre lang zusammen unter dem Projekt-Namen „Shades of Black“ Aufnahmen veröffentlichten, trennten sich Anfang der 2000er ihre Wege und jeder machte sich mit der Gründung eines eigenen Studios selbständig. Mittlerweile wurden über 50 Alben veröffentlicht, auf denen Paul Fox, sei es als Produzent, Soundengineer oder Sänger, in Erscheinung trat.

Bisher habe ich es noch nicht erwähnt, aber Paul Fox schenke ich schon recht lange – auch wegen seiner ungemein angenehmen Stimme – größere Beachtung. Umso mehr war ich selbst erstaunt, dass ich die Veröffentlichung seiner beiden aktuellen Alben „Same Blood“ und „Dub Blood“ aus dem vergangenen Dezember regelrecht verpennt habe. Von allem, was ich bisher von Paul Fox gehört habe, muss „Dub Blood“ zweifellos zu seinen besten Aufnahmen gezählt werden. Pauls weiche Stimme schwebt immer wieder durch den Raum und verflüchtigt sich in melodischen, dubbigen Klanglandschaften. Der Sound erinnert vage an Jah Shaka, aber auch Mad Professor – also englischer Dub par excellence. Ich möchte jetzt nicht jeden Track explizit erwähnen, denn tatsächlich jeder hat seinen ganz besonderen Reiz. Lediglich meinen ganz persönlichen Favoriten möchte ich als Primus inter Pares hervorheben. „Living in a Dub Zone“, das Pendant zu „Warzone Part Two Refugees“ aus dem Song-Album „Same Blood“. Beginnend mit dem feinen Klang einer arabischen Oud oder türkischen Saz und richtig satten Binghi-Drums führt uns im Laufe des Songs die Textzeile: „Still wondering if all of these wars gonna cease – still wondering if I’m ever gonna live to see peace“ und explosionsartigen Kriegsgeräuschen mitten in die aktuelle Situation im Osten Europas sprich Ukraine. Der Kriegsschauplatz könnte natürlich eher die fatale Situation in Syrien widerspiegeln, denn arabeske Klänge finden sich an mehreren Stellen des Albums. Egal, der Song packt mich jedes Mal mit voller Wucht.
Eines möchte ich doch noch erwähnen, dem aufmerksamen Hörer werden auch das herrliche Binghi-Drumming bei „Burning Dub“ und „Soon is the Dub“ nicht entgangen sein. Generell gefallen mir die Percussions auf allen Tracks des Albums außerordentlich gut. „Dub Blood“ nimmt etwa in Mitte des Albums einen musikalischen Wendepunkt, denn der Rest der Tracks klingt ab da leicht symphonisch angehaucht.

Fazit: Schon sehr lange nicht mehr so ein schönes, aktuelles „Roots-Dub-Album“ zu Ohren bekommen. Für meinen Geschmack das bisher beste Album des Jahres 2022.

Bewertung: 5 von 5.
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Ras Red I: Gweithredu Dub

Soll mir mal einer sagen, dass man sich nicht doch von einer Verpackung beeinflussen lässt. Wäre auf dem Album ein Comic (Wimmel)Bild von Tony McDermott zu sehen gewesen, dann wäre ich viel früher auf dieses Oevre aufmerksam geworden. Leider prangt auf dem vorliegenden Album lediglich ein „Monchhichi“-ähnliches Wesen mit sehr geröteten Augen vor einem Soundsystem. Für Monchhichis war ich Anfang der 80er bereits viel zu alt. Heute stolperte ich wegen des walisischen Wortes „Gweithredu“ (engl. Action) erneut über dieses von mir völlig übersehene Album. Die Rede ist, wie ihr oben unschwer erkennen könnt, von Ras Red I: Gweithredu Dub. Wenn das abgebildete Wesen Ras Red I (lies „Red Eye“) stilisieren soll, dann hat er offensichtlich, feinste Sativa Landrasse konsumiert, die seiner Kreativität einen echten Kick nach vorn verpasste. Russell Squire, so heißt der Multiinstrumentalist, Produzent und Dubmaster aus Taunton, einer Stadt in der Grafschaft Somerset im Südwesten Englands, mit bürgerlichem Namen. Mit „Gweithredu Dub“ hat er eine Werkschau zusammengestellt, die man zweifellos als Hommage an die Blütezeit des Reggae Ende 1970er, Anfang 1980er verorten muss.
In England ist Ras Red I kein Unbekannter und seine Dub-Workshops sind in der Grafschaft Somerset kein Geheimnis mehr. Außerdem engagiert er sich für den Fortbestand der ältesten auf der Insel gesprochenen Sprache, dem Walisisch (Cymru > engl. Wales).
Das vorliegende Album ist eine Mischung aus fast im Alleingang eingespielten Eigenkompositionen, die neu gemixt wurden und einigen Ras Red I Favoriten, die im Laufe der letzten vier Jahre mit anderen Interpreten im eigenen Studio entstanden sind. So gefällt mir „Swine“, eine Anspielung an George Orwell’s Animal Farm, von One Style MDV (MDV = Many Different Variations) ausgesprochen gut. One Style MDV sind eine Band mit Mitgliedern afrikanischen Ursprungs aus London, die bereits auf über 30 Jahre in Sachen British Reggae zurückschauen können und mich immer leicht an Misty in Roots erinnern. Zumindest, was ihren Output anbelangt, sind sie Misty in Roots sehr ähnlich.

Mit seinen eigenen Dub-Tracks und den Dub-Remixen einiger Gastinterpreten zeigt dieses Album Ras Red I als einen vielversprechenden Grassroots-Dub Künstler. Für den sehr relaxten Mix hat dann der Meister lieber ein bisschen einer Indica Variation zu sich genommen, denn „Gweithredu Dub“ versprüht statt „Action“ eher ein wohlig warmes Laid Back Feeling. Genau das, was einen entspannten Abend ausmacht.

Bewertung: 4 von 5.
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Sylvan Morris & Harry J: Cultural Dub

Da habe ich jetzt beinahe eine halbe Ewigkeit gesucht, um ein ziemlich rares Album, welches auch noch unter falscher Flagge navigiert, ausfindig zu machen.
Wenn wir hier im Dubblog von Soundengineers sprechen, fallen im Grunde immer die gleichen Namen. Einer, der in diesem fröhlichen Reigen aber auch immer – und das völlig zu Unrecht – vergessen wird, ist Sylvan Morris. Er war beinahe in allen Studios Jamaikas zuhause. Seine Tätigkeit als Mixing-/Soundengineer begann Morris mit zarten 17 Jahren im Dynamics Studio, wo er es ca. zwei Jahre aushielt, um dann nach einem kurzen Intermezzo in Duke Reids Treasure Isle Studio, für sechs Jahre im Studio One bei Clement Dodd anzuheuern, wo Sylvan Morris dem typischen Studio One Sound seinen unverwechselbaren Stempel aufdrückte. Er gilt immer noch als der beste Engineer, der jemals in 13 Brentford Road (Studio One) am Mischpult saß. Laut eigener Aussage war Sylvan Morris während seiner Zeit bei C. S. Dodd alles in Personalunion: Elektrotechniker, Berater, Arrangeur, Toningenieur und Mixer. Lediglich für die Bezahlung sei C. S. Dodd persönlich verantwortlich gewesen und just aus diesem Grund verließ Sylvan Morris Studio One, um seine neue Arbeitsstätte im Harry J in der Roosevelt Avenue in Kingston anzutreten. Das war Mitte der 1970er und das Harry J Studio war zu jener Zeit eine der Hauptanlaufstellen der besten jamaikanischen Künstler überhaupt. Weit über tausend zum Teil unvergleichliche Songs sind während Sylvan Morris’ 16-jähriger Tätigkeit im Harry J Studio entstanden. Nur ein paar Klassiker zur Erinnerung: Bob Marley: „Natty Dread“ und „Rastaman Vibration“, The Heptones: „Cool Rasta“, Augustus Pablo: „Ital Dub“ und „Earth Rightful Ruler“, The Royal Rasses: „Vortex Dub“, Burning Spear: „Dry & Heavy“, „Marcus’ Children“ und „Man In The Hills“. Oh ja, wenn wir gerade bei Burning Spear sind, die Original „Living Dub Vol. 1 und Vol. 2“ – zwei meiner unangefochtenen Lieblingsplatten – und auch „Dub D’sco Vol. 1 und Vol. 2“ von Bunny Wailer wurden ebenfalls durch Sylvan Morris klanglich vergoldet und somit unvergessen.
Zurück zu meinem Anfangssatz: Als Sylvan Morris 1974 im Harry J Studio aufschlug, ging das „Dub-Ding“ gerade so richtig los. Ergo sind auch von Sylvan Morris ein paar weniger bekannte Dub-Alben unter eigenem Namen: „Morris On Dub“ (1975), „Reggae Workshop“ (1977) und „Cultural Dub“ erschienen. Die 1978 veröffentlichte „Cultural Dub“ finde ich von allen dreien am abwechslungsreichsten. Den Anfang macht der achtminütige „Neighbour Dub“ mit Toastings der auf dem Cover unerwähnten Big Youth & Ras Midas. Nach dem Big Youth Toast geht das Album in einen Showcase-Mix über, um dann mit einem Ras Midas Toast zu enden. „Hearts Of Dub“ featured den unvergessenen und ebenfalls unerwähnten I Roy und die Harry J Allstars klingen hier wie die Revolutionaries. Für den dritten Titel wurde der Rocksteady Evergreen „Rivers Of Babylon“ mit den Melodians neu eingespielt, der wieder in einen klassischen Dubteil übergeht, um mit einem herrlichen Toasting des „mighty Poet I Roy“ (Zitat: LKJ) zu enden. Showcase Alben waren in der Entstehungsphase dieses Albums wirklich angesagt. Bereits in den frühen 70ern hatte Harry J eine Version von „Breakfast In Bed“ mit Sheila Hilton produziert. Sylvan Morris machte daraus kurzerhand den „Breakdown Dub“. Und weiter geht die Entdeckungsreise: „World Of Dub“ heißt im Original „What Kind Of World“ und stammt von den Cables aus alten Studio One Zeiten. Im „Undermind Dub“ hört man die Stimme von John Holt. Ursprünglich stammt „Can I Change My Mind“ von Alton Ellis und wurde bereits 1968 von C. S. Dodd produziert. Den krönenden, leider viel zu kurzen Abschluss dieser Werkschau macht ein perryesker „Cultural Dub“ mit Joe White an der Melodica, fettem Gebläse und ungewöhnlich vielen Soundeffekten.

Mein Fazit: Immer wenn ich nach vielen Jahren solche Alben wiederhöre, erkenne ich, dass es immer noch diese warme, organische Musik ist, die mich für immer in ihren Bann zieht und verzaubert. Da sind sie zu finden, diese unsterblichen Basslines, die den heutigen Aufnahmen viel zu häufig fehlen und von uns alten Hasen so schmerzlich vermisst werden. Im Nachgang betrachtet bekommen wir mit „Cultural Dub“ einen kreativen Querschnitt durch die Schaffensphasen von Sylvan „The Genius“ Morris. Je tiefer ich mich in Sylvan Morris’ Arbeiten wühle, desto offensichtlicher wird, wie immens wichtig dieser Mann hinter dem Mischpult für die gesamte Entwicklung des Reggae und Dub war/ist.

Bewertung: 4 von 5.
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Ambient Warrior: Dub Journey’s

Jetzt haben wir einen erneuten Beleg dafür, dass unser kleines, feines Sub-Genre Dub zeitlos und grenzenlos ist. Angetreten hat diesen Beweis das australische Isle of Jura Label mit der offiziellen Neuauflage eines äußerst ungewöhnlichen Dub-Albums von Ambient Warrior: Dub Journey’s, das ursprünglich bereits 1995 auf dem englischen Label Lion Inc veröffentlicht wurde. Das Album ist grundsätzlich tief im Dub verwurzelt, bedient sich jedoch eines viel breiteren Spektrums, das gleichwertig verschiedenste musikalische Einflüsse und Stile aus der ganzen Welt aufnimmt und zu diesen wunderbaren Klanglandschaften zusammenfügt. Das Konzept für „Ambient Warrior“ wurde als Seitenprojekt für Ronnie Lion und Andreas Terrano geschaffen. Dem nicht ganz unbekannten Ronnie Lion war bei Aufnahmen ziemlich schnell aufgefallen, dass Andreas Terrano ein sehr talentierter Gitarrist und Keyboarder ist und so waren sich die Beiden in dem Ansinnen schnell einig, ein Oeuvre zu erschaffen, welches die vielfältigen musikalischen Einflüsse beider Protagonisten widerspiegelt. Andreas ist z. B. italienischer, armenischer und russischer Abstammung, was auf Dub Journey’s unüberhörbar zum Ausdruck kommt. Ronnie Lion aus Brixton kennen Insider als Labelbetreiber aus den Anfängen des britischen Neo-Dub.

Seit den frühesten Dubversuchen von King Tubby, Lee Scratch Perry, Augustus Pablo, Prince Jammy und wie sie alle heißen, wissen wir, dass guter Dub dich in deinem tiefsten Inneren berühren muss. Deshalb nimmt mich Ronnie Lions Slogan: „This is Ambient Warrior…coming to You from the Heart“, vorgetragen mit einer markanten Stimme (Dennis Rootical), die an Prince Far I erinnert, vom Start weg mit auf (m)eine unvergessliche Pilgerreise zum Kailash. (Kailash: Er gilt den Tibetern als heiligster Berg, wird verehrt von Hindus, Buddhisten und Bön, stellt das Quellgebiet der vier größten Ströme des indischen Subkontinents.) Wie bitte, der Kailash? Ja, weil diese typischen Klänge der tibetischen Gebetsglöckchen omnipräsent sind und immer wieder erklingen. Das Album ist wie aus einem Guss und verbreitet bei mir eine wohlig warme meditative Stimmung. Andreas Terrano webt sehr weiche Gitarrensoli und Synthesizer- /Keyboardklänge zu wunderbaren Klanglandschaften zusammen. Was der Vielseitigkeit des Albums sehr guttat, ist auch der Tatsache geschuldet, dass viele Musiker verschiedenster Genres und Instrumente an den Aufnahmen beteiligt waren. Neben südamerikanischen Elementen wie Tango und Bossa Nova (Eastern Dub; Cajun Dub); hören wir auch Harfe (Cajun Dub), russisches Akkordeon (Bayan; Southern Dub), Vibraphon und Maultrommel (The Good, the Bad and the Dub).

Meine Quintessenz des Albums lautet: Großartige Dub-Alben schleichen sich ganz langsam an dich heran. Du kannst sie einmal abspielen und sie sind „ganz nett“. Spiele sie zig-mal und ganz langsam formt sich ein Bild: kleine Details tauchen auf, der Geist des Dub und die Glückseligkeit der Wiederholung bahnen sich ihren Weg in deine Seele.

Schön, dass es noch Labels gibt, die es sich zur Aufgabe machen, solch äußerst seltene, einzigartige Dub-Klänge vor der Vergessenheit zu bewahren. Deshalb bekommt Isle of Jura für die Wiederveröffentlichung des Ambient Warrior: Dub Journey’s Albums von mir sechs von fünf Sternen.

Bewertung: 5 von 5.
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I Neurologici: I Neurologici

Bei der Flut an Dub-Alben, die uns Dub-Nerds fast täglich überrollt, werden oft Schätze übersehen, die es verdient gehabt hätten, genauer unter die Lupe genommen zu werden. Aus diesem Grund mache ich von Zeit zu Zeit gerne einmal wieder einen Streifzug durch mein Archiv und werde meist auch fündig. So geschehen mit „I Neurologici“ einem Dub-Kollektiv aus Rom, das seit seiner Gründung 1995 und Phasen des Ausprobierens, die Grundsteine ihrer Musik, eine Melange aus Roots Reggae, Dub mit kleineren ethnischen Einflüssen, schuf. Das hier vorliegende Album „I Neurologici“ wurde bereits 1999 eingespielt und als Miniauflage von 500 LPs zeitnah unter die Leute gebracht. Sechzehn Jahre später wurde „I Neurologici“ remastered und das Album durch einige „alternate Mixes“ aufgemotzt.
Bereits der erste Track „440 Hz“ kann vollstens überzeugen und hat mich mit seiner rollenden Bassline sofort am Haken. „SpaziAl Roots“ beginnt spartanisch mit Bass und Keyboard, bis sich dann majestätische Flötenklänge von Alessandro Mazzioti dazugesellen und eine dunstige Klanglandschaft zeichnen, die einigen Lee Perry „far out Moments“ nicht ganz unähnlich ist. Gefolgt von „Boleto“, einer Variation zum Maurice Ravel „Bolero“, der in der Mitte kurz ein paar punkige Rhythmen erhält, die an die frühen Bad Brains erinnern. Ich könnte jetzt jeden Track einzeln besprechen, denn jeder hat seinen ganz speziellen Reiz, doch das würde hier den Umfang sprengen. Eines sei noch hervorzuheben: Die Querflöte von Alessandro Mazziotti zieht sich wie ein roter Faden durch die Aufnahmen und der opulente Einsatz von Dub-Effekten schaffen eine satte, Bass-geladene Psychedelika.

Abschließend bleibt nur noch darauf hinzuweisen, dass das Album „fer umme“, wie der Pfälzer sagt, also für umsonst, zu haben ist. „I Neurologici“ sind heute immer noch aktiv und arbeiteten vergangenes Jahr mit Zion Train zusammen.

Bewertung: 4 von 5.
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Tsadqan: Dub Meditation

Wer sich nur ein wenig für Reggae interessiert, kommt an typischen Nyahbinghi Chants nicht vorbei. Meine ersten Kontakte mit Nyahbinghi Songs waren tatsächlich „Rastaman Chant“ von Bob Marley & The Wailers, gefolgt von Bunny Wailers „This Train“, Cultures „So long Babylon a fool I“, IJahmans „Zion Hut“, Bob Marleys „Babylon System“ und selbstverständlich Alben von Ras Michael (Dadawah) und das Paradeexemplar schlechthin: Count Ossie & The Mystic Revelation of Rastafari „Grounation“. Selbst Jimmy Cliff eröffnete seine 1980er Konzerte mit dem Nyahbinghi Chant „Bongo Man“.
Der Musikstil, den der 1976 verstorbene Rasta und Percussionist Oswald Williams alias Count Ossie zusammen mit The Mystic Revelation of Rastafari seit seinen frühen Anfängen in den späten 1950er Jahren bis zum bahnbrechenden Meilenstein „Grounation“ (1973) und darüber hinaus schufen, stellt bis heute das Fundament der „Kings-Music“, sprich des Roots Reggae.
Die Nyahbinghi-Séancen, auch Reasonings oder Grounations genannt, übten einen enorm großen Einfluss auf fast alle jamaikanischen Musiker aus, von Prince Buster, Rico, Cedric „IM“ Brooks, Tommy McCook bis Bob Marley und vielen anderen Foundation Artists. Selbst Keith Richards von den Rolling Stones, ein ausgesprochener Reggae Fan, ist vom klassischen Nyahbinghi Sound begeistert und hat darum in den frühen 1990ern zwei Alben der Wingless Angels – eine Gruppe um Justin Hinds – produziert. Seit 1993 kennt beinahe jeder Musikfreund der Welt wenigstens einen Nyahbinghi Song, nämlich „Oh Carolina“ in der Version von Shaggy. Das von Prince Buster 1958 mit den Folkes Brothers und Count Ossies Afro-Combo produzierte Original wurde 1960 veröffentlicht.

Nyahbinghi leitet sich übrigens von einer ostafrikanischen Territorialbewegung ab, die sich dem europäischen Imperialismus widersetzte und von 1850 bis 1950 in verschiedenen afrikanischen Staaten aktiv war. Diese Bewegung inspirierte in den 50er Jahren ebenfalls viele Jamaikaner sich gegen den britischen Kolonialismus zu widersetzen. Von Jamaika aus erhielt diese Musik dann ihren Namen und wurde zur musikalischen Säule der Rasta-Religion und ihrer Anhänger.

Kommen wir zum eigentlichen Projekt von „Tsadqan: Dub Meditation“, das Dub-Album zu „The Tsadiq Nyahbinghi“. Das aktuelle Album führt uns weit in die Zeit zurück, in der der Nyahbinghi-Stil zum Leben erweckt wurde. Die klassische Instrumentierung: Thunder, Funde und Repeater oder auch Kete genannt, wurde durch elektrischen Bass, sparsam eingesetzten Gitarrensoli und Keyboardinterludes zu einzigartigen Melodien zusammengefügt. Dadurch entstand eine schöne neue Mischung, in der sich Tradition und Neuzeit zu einer einzigartigen Atmosphäre verschmelzen. „Dub Meditation“ enthält zwölf Tracks, pro Track je zwei Dubs, im klassischen Nyahbinghi-Dub-Stil. Die ersten zehn Tracks wurden vom hier nicht unbekannten Nick Manasseh in seinem neuen Londoner Studio dezent, soll heißen: ohne große Dub-Spielereien, gemixt. Bei den letzen beiden Titeln des Albums handelt es sich um zwei unveröffentlichte Bonustracks aus dem Opus „Shakaroot meets Tsadqan“ und hier durfte Petah Sunday sein Mixing-Talent zeigen. Die ersten zehn Tracks sind unveröffentlichte Dub-Cuts aus dem 2020 erschienenen Album „Tsadqan – The Tsadiq Nyahbinghi“, die bis jetzt zurückgehalten und nur bei wenigen Live-Auftritten gespielt wurden.

Wer sich auf diesen typischen, unverfälschten Sound einlässt, wird die meditative Wirkung am eigenen Körper erfahren und sich wie auf den Schwingen eines Adlers in die Lüfte erheben und dahingleiten. Der Sound ist wahrlich back to the Cradle of Roots Music made in Basel, Switzerland.

Bewertung: 4.5 von 5.