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Aquarius Rock: The Hip Reggae World of Herman Chin-Loy

Herman Chin-Loy war von Kindheit an musikbegeistert. Zu Unrecht wird Herman Chin-Loy viel zu oft einfach vergessen, wenn die ganz Großen der Dub-Geschichte aufgezählt werden. Dabei gehört er mit seinem „Aquarius Dub“ aus 1973 im Grunde zu den Speerspitzen dieses Genres. Bevor er 1969 im zarten Alter von 21 Jahren seinen eigenen Plattenladen Aquarius und sein eigenes Label eröffnete, verkaufte er Schallplatten, arbeitete in Plattenläden und legte als DJ in einigen der angesagtesten Clubs Kingstons auf.

Obwohl er für die Gesangsspuren verantwortlich war, waren es seine fabelhaften Instrumentalstücke, die seine frühe Karriere am besten definieren und auf die sich diese Zusammenstellung konzentriert. Herman Chin Loy hat einen Sound, der so unverwechselbar ist wie kaum ein anderer im Reggae. Wie Lee Scratch Perry, war auch er stets auf das Schräge und Ungewöhnliche spezialisiert. Seine Labels Scorpio und Aquarius sind für einige der innovativsten Instrumentalstücke des Reggae verantwortlich. Von seinem Plattenladen in Kingston aus konnte er Anfang der 70er Jahre die „Street“-Vibes vieler seiner jungen, hippen Kunden perfekt einfangen. Anfangs entstanden seine ersten Instrumentalplatten unter dem Namen Augustus Pablo. Bis ein dünner junger Mann namens Horace Swaby mit einer Melodica in seinem Laden auftauchte. Herman gab dem jungen Swaby den Namen Augustus Pablo und nahm ihn mit ins Studio. Der Rest ist Geschichte.

Hier auf „Aquarius Rock“ (Pressure Sounds) haben wir einige der lebendigsten funky Reggae-Tracks, die je auf Jamaika gemacht wurden. Es gibt auch eine Handvoll Vokal-Tracks, aber auch die sind Killas. Die auf dem Album versammelten Instrumentalstücke zeigen eindrucksvoll Hermans frühe Studiokarriere. Chin-Loy machte sich im Studio die Talente der Hippy Boys (auch als The Upsetters II bekannt) und der Now Generation zunutze und begann, eine Flut von Instrumentals zu veröffentlichen, auf die sich diese Zusammenstellung verstärkt konzentriert. Die von Keyboards dominierten Stücke wurden Augustus Pablo zugeschrieben, unabhängig davon, wer tatsächlich an den Tasten saß. Von dem jungen Melodica-Spieler, der bei Chin-Loy aufgetaucht war, veröffentlichte der Produzent dessen erste Single „Iggy Iggy“ ebenfalls unter dem Pseudonym Augustus Pablo. Horace Swaby behielt seinen neuen Künstlernamen bei und landete immer wieder Hits, allen voran „East of the River Nile“, mit dem er seinen unverwechselbaren Far-East-Sound etablierte.

Auf „Aquarius Rock“ findet sich ein halbes Dutzend klassischer Pablo/Swaby-Solosingles, bei denen der Produzent zum Teil auch als DJ fungiert. Einige Aufnahmen sind mit Instrumentalstücken kombiniert, was die außergewöhnliche Arbeit der Band und die erstaunliche Kreativität von A. Pablo selbst noch mehr unterstreicht. Das musikalische Können ist durchweg phänomenal, sei es bei den Instrumentalstücken der Band, den Soloausflügen der Bläser, den mitreißenden Melodica-Stücken und natürlich den von Keyboards dominierten Stücken. Diese Instrumentalstücke sowie die Solostücke von A. Pablo machen den Großteil des vorliegenden Sets aus. Zwei Vokalstücke stammen von Alton Ellis, der sein „Alton’s Official Daughter“ sauber, jedoch etwas ungeschliffen vorträgt, während Dennis Brown das „Song My Mother Used to Sing“ gefühlvoller beisteuert. Eine unbekannter Archie McKay singt „Pick Up the Pieces“, das nichts mit dem Klassiker der Royals zu tun hat. Beres Hammond präsentiert hier eine seiner frühesten Aufnahmen, ein unglaublich warmes „No More War“, gefolgt von Hermans „No More Version“. Weniger bekannt als sein Cousin Leslie Kong, verdient Herman Chin-Loy dennoch die vollste Aufmerksamkeit, und diese Compilation ist eine längst überfällige Hommage an eines der einflussreichsten Talente des Reggae. Die feinen Scat-Intros stammen alle von Herman Chin-Loy höchstpersönlich.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Fire feat. Adrian Sherwood: Live

Meine Rezension möchte ich mit einem recht herzlichen Dank an lemmi beginnen. Er war derjenige, welcher mich auf dieses unglaublich fremdartige und doch faszinierende Projekt aufmerksam machte. Asche auf mein Haupt: Die Veröffentlichung im Januar dieses Jahres habe ich komplett verschlafen.

Mir ist sonnenklar, dass diese Platte nicht jedermanns Geschmack treffen wird. Möglicherweise gefällt sie mir gerade deshalb umso mehr. Die Aufnahmen zu „Fire feat. Adrian Sherwood“ (Salgari Records) sind bereits am 04. Oktober 2020 beim Turiner Jazz Festival, in Italien, entstanden. Ein musikalisches Audio-Video-Projekt, das so ambitioniert ist, dass ich die Biografie der Band gerne als Lackmustest für das heranziehe, was auf dieser Platte heraufbeschworen wird: Fire feat. Adrian Sherwood ist eine Kollision von elektronischer Musik, Dub, Jazz, Global Beats, Field Recordings und visueller Kunst. Es ist die Verdichtung musikalischer und visueller Sprachen, die sowohl für die Künstler als auch das Publikum allumfassend ist. Fünf gestandene Musiker, eine englische Dub-Legende – Adrian Sherwood, die absolute »Schutzgottheit« des englischen Dub – und ein Videokünstler lassen die Techniken des zeitgenössischen elektronischen Jazz mit Live-Dubbing und der Echtzeit-Aufführung eines Films kollidieren. Zwischen Publikum und Musikern wurde der Film auf der Bühne auf eine Leinwand projiziert.

Jetzt wurden endlich diese faszinierenden Live-Aufnahmen dem Publikum zugänglich gemacht. Das höchst bemerkenswerte Ensemble wurde vom Trompeter Ivan Bert (Dark Magus Orchestra, Emma for Peace, Jazz TO Nepal) gegründet. Zur Crew gesellten sich: Saxofonist Gianni Denitto (Zion Train, T.U.N., Kora Beat), der Vibraphonist und Perkussionist Pasquale Mirra – einer der vielseitigsten und inspiriertesten Jazz-Vibraphonisten Europas – (Mop Mop, C-mon Tigre), der Drumer Filoq (Italian Institute of Cumbia, Uhuru Republic, Vinicio Capossela), sowie der Multiinstrumentalist, Gitarist und Produzent Marco „Benz“ Gentile (Africa Unite, Meg, Architorti). Für die Visuals dieses Multimedia-Projekts war Riccardo Franco-Loiri aka Akasha verantwortlich.

Kurzum: Das Resultat ist lysergisch. Es wurden beruhigende und beunruhigende Atmosphären geschaffen. Die Wechsel zwischen menschlichen Stimmen und bizarren exotischen Elementen sowie zwischen Jazzelementen und postindustrieller Einsamkeit wurden perfekt in das Gesamtkonzept integriert. Die Band, aber auch Adrian Sherwood sind wahrlich »on fire«. Durch Sherwoods genialen Dub-Mix mit z. T. schon lange vergessenen Samples von Prince Far I, Andy Fairley, Dub Syndicate und Albert Einstein wird das Endprodukt noch überproportional verstärkt. Da sind sie, die ungehörten Sounds, denn On .U Sound presents: „Tunes from the Missing Channel“! Die Interaktion zwischen Fire und Sherwood ist atemberaubend. So etwas kann meines Erachtens nur der open-minded, schon immer alle Konventionen brechende, A. M. Sherwood. Einzigartig!

Bewertung: 4.5 von 5.
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Rougher All Stars: Dub Me Like That

Erinnert sich noch jemand an den legendären Auftritt der Blue Riddim Band aus Kansas, Missouri? Die erste amerikanische Reggae-Band, die 1982 beim legendären Reggae Sunsplash auftrat und in den frühen Morgenstunden vor rund 14.000 Zuschauern den Jarrett Park in Montego Bay mit einem sensationellen Auftritt zum Kochen brachte. Die knapp 36-minütige LP „Alive in Jamaica“ (Flying Fish) aus dem Jahr 1986 dokumentiert diesen spektakulären Gig, der vom Rockers Magazine zur besten Performance des viertägigen Festivals gekürt und vier Jahre später für den Grammy Award für das beste Reggae-Album des Jahres nominiert werden sollte.

Ja, aber was haben die Rougher All Stars mit der Blue Riddim Band zu tun? Eine ganze Menge. Beide Bands kommen aus Kansas und sind im Grunde eins, wie das 2013 erschienene Album „Blue Riddim Band Meets Rougher All Stars: Enter The Riddim“ (Rougher Records) zeigt. Einige der beteiligten Musiker wie die Multiinstrumentalisten Todd „Bebop“ Burd aka „The Little General“ und Emily „Goldie/Goldilocks“ Madison spielten in beiden Bands. Die beiden waren auch für die Co-Produktion und den Mix des o. g. Albums verantwortlich, auf dem sich der Song „Do Me Like That“ befindet, der wiederum für den Titel des neuen Albums Pate stand, von dem hier die Rede sein soll.
Weitere zehn Jahre später erscheint nun „Rougher All Stars: Dub Me Like That“ (Rougher Records) und die Rougher All Stars sind inzwischen zum Duo geschrumpft. Die acht sorgfältig ausgearbeiteten Dubs und Instrumentals wurden von Todd „Bebop“ Burd und Emily „Goldie/Goldilocks“ Madison produziert, geschrieben und arrangiert. „Dub Me Like That“ spiegelt die Musik der Pioniere dieses Genres wider. Mit gebührendem Respekt vor dem musikalischen Erbe verkörpert dieses Album den Geist der ganz Großen des klassischen Reggae. Todd Burds und Emily Madisons Engagement für Authentizität ist in jedem Ton des Albums zu hören. Von pulsierenden Basslinien bis hin zu komplexen Bläserarrangements wurde jeder Track in Echtzeit mit Gastmusikern aufgenommen. Die Dub-Effekte wurden sparsam, aber gezielt eingesetzt, und das Spektrum der dargebotenen Tracks reicht von schnelleren Ska-ähnlichen Nummern bis hin zu klassischen Dub-Takes. Kurzum, das Ergebnis spiegelt unbestritten die wahre Essenz des zeitlosen Reggae-Dub-Sounds wider. Burd erklärt im Interview: „Wir wollten ein Album machen, das der goldenen Ära des Dub Tribut zollt, aber auf die uns eigene Art und Weise. Während wir unseren Wurzeln treu bleiben, verleihen die subtilen Jazz-Nuancen dem Sound eine einzigartige Note, was meiner Meinung nach zu einem fesselnden Erlebnis führt.“ Weiter fügt Emily Madison hinzu: „Wir wollten ein Album schaffen, das die Zeit überdauert. Darum hoffen wir, dass die Leute noch viele Jahre diese Stücke hören werden.“ Zu wünschen wäre es den Rougher All Stars allemal.

Bewertung: 4 von 5.
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The Grapes of Dub: Combat Dub

Fangen wir mal mit Fragen an: „Wer würde das im Radio spielen? Welcher Veranstalter würde es wagen, dieses Material live zu präsentieren? Woher kommt diese Musik?“ Der legendäre Moderator John Peel, einst eine Institution in der britischen Radiolandschaft, ist leider schon lange (2004) tot. Er hätte sicherlich „The Grapes of Dub: Combat Dub“ (Giant Pulse Records) in seiner Sendung ein Forum geboten und einem breiteren Publikum vorgestellt. Auch das ON .U-Sound-Mastermind Adrian Sherwood hat bereits Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre im Londoner Berry Street Studio einen ähnlich vertrackten Sound produziert und sich über alle existierenden Regeln, Gesetze und Grenzen hinweggesetzt.

Auch ich kann sagen, dass ich mich seit Erscheinen des Albums intensiv mit ihm beschäftigt habe, denn von Zeit zu Zeit braucht auch mein Geist solche, etwas schwer zugängliche, psychedelische Hörerlebnisse. Das liegt nicht unbedingt an der Einnahme irgendwelcher bewusstseinsverändernder Substanzen. Abstrakte Klänge, die durch den unverhohlenen Einsatz und Missbrauch modernster Technik entstehen, finde ich schon immer sehr spannend und erfrischend. Edgar Varèse, Karlheinz Stockhausen oder CAN sind da nur einige Beispiele.

Über die Grapes of Dub habe ich im »Netz« sehr wenig gefunden, außer, dass die Aufnahmen im Puzzle Studio in Barcelona entstanden sind und im Mai dieses Jahres veröffentlicht wurden. Weitere Information zu den acht Tracks habe ich keine … null, nix, nada. So bleibt mir nur die akustische Annäherung, und die hat es in sich. Zu hören ist eine freie Rhythmusgestaltung, die auf den Prinzipien des Reggae basiert und doch von musikalischer Avantgarde in Verbindung mit harter Punk-Ethik beeinflusst ist. Klanglich ist „Combat Dub“ eine weitgehend instrumentale Angelegenheit, mit Hunderten von Effekten, entfernt klingenden Geräuschen und ohne erkennbare Gesangssamples. Im Grunde lässt sich der Sound in keine bestimmte Kategorie einordnen. Die Klangexperimente mit aktiven Frequenzen, aus dem Takt geratenen Geräuschen, Rhythmen innerhalb von Rhythmen und endlosen Bandbearbeitungen finde ich wie zu alten African Head Charge, New Age Steppers und Barmy Army Zeiten extrem spannend. Ja, der On .U Sound Addict wird bei „Combat Dub“ mühelos viele Parallelen heraushören, dennoch ist den Grapes of Dub über 40 Jahre nach den Vordenkern aus dem Berry Street Studio ein sehr spannender Hightech-Rhythmus-Mix aus menschlichen, tierischen und maschinellen Geräuschen gelungen. Solche Sounds bekommt man leider viel zu selten zu hören. Diese Kopfmusik finde ich schlicht und ergreifend großartig!

Bewertung: 4 von 5.
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Spellbreakers: Spellbreakers

Hoboken ist ein Stadtteil an der Schelde im Süden von Antwerpen (Belgien) mit ca. 40.000 Einwohnern. Es war bis 1983 eine eigenständige Gemeinde und im 16. Jahrhundert auch Namensgeber für eine der zahlreichen niederländischen Siedlungsgründungen am Hudson, direkt auf der anderen Flussseite des heutigen New York. Hoboken-Studio, war da nicht mal was?

Kingston Echo, der Gitarrist, Produzent und Soundengineer der Spellbreakers, gibt die Richtung vor und erzählt: „Ich liebe jamaikanische Musik, seit ich ein Kind war. Dieses Projekt ist das Ergebnis meiner Experimente mit dem Aufnahmeequipment, das ich über die Jahre gesammelt habe, um meine Bands aufzunehmen. Ich habe versucht, dem rauen, ungeschliffenen Gefühl der alten jamaikanischen Aufnahmen, die ich so sehr liebe, treu zu bleiben. Das bedeutet, dass diese Aufnahmen komplett analog und alles andere als perfekt sind.“ So klingt das selbst betitelte Debütalbum der „Spellbreakers“ (Bona-Fi Records). Die Mission lautet: zurück zu den alten Spiel- und Aufnahmetechniken. Die Rhythmussektion wird live im Hinterhofstudio von Kingston Echo aufgenommen und mit altem analogen 16-Spur-Equipment abgemischt. Dabei präsentiert die Band aus dem Stadtteil Hoboken ihre ganz eigene, respektvolle Interpretation des Roots-Reggae der Blütezeit, mit sparsamen Anspielungen an den britischen Reggae der 70er und 80er Jahre.

Das Album beginnt mit dem über sechsminütigen Flame Of Clarity, das auf einem Riddim basiert, der stark an Bob Marleys „Natural Mystic“ erinnert. Von weitaus größerem Interesse für den Dubblog sind allerdings die sechs Dub-Versionen der vorhergehenden Vocal-Tracks, was keineswegs heißen soll, dass die Vocal-Tracks nichts taugen. Wie gesagt, auch der „Clarity Dub“ weckt Erinnerungen an Bob Marley. Beim darauf folgenden „Growing Dub“ glänzt eine bemerkenswerte Bläser-Sektion, das Tempo wird merklich angezogen und Carlton „Carly“ Barretts „zischelnde“ Drum Patterns kommen mir dabei immer wieder in den Sinn. Offenbar ist Missing Link, der Drummer der Spellbreakers, ein glühender Verehrer von Carlys Drumming. Im grundsoliden „Deliverance Dub“ hören wir Gesangsfragmente, der brasilianisch stämmigen Sängerin Juli Jupter, die sich im Vergleich zu den zuvor veröffentlichten 12 Inch-Singles stimmlich deutlich weiterentwickelt hat. Egal ob es sich um einen langsamen One-Drop oder einen schnelleren Riddim handelt, sie singt beide mit Finesse. Außerdem haben Juli Jupter und Missing Link auch das schöne Cover gestaltet. Bei den Spellbreakers liegt vom Mixing bis zum Coverdesign alles in den Händen der Band. Mir persönlich gefällt besonders „House of Dub“ mit seinem schleppenden Rhythmus und den immer wieder aufblitzenden Horn- und Orgelpassagen. Bei „Dub Your Step“ sind Gesangsfragmente von Missing Link zu hören, der im Original den Gesang übernommen hat.
Alles in allem ein solides Album mit sehr viel klassischem Touch, nicht mehr und nicht weniger. Ob man das noch braucht, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Der Gitarrist und Produzent Kingston Echo und der Drummer Missing Link sind beide Mitglieder der Hoboken Hi-Fi Hausband, die auch als Hi-Flyers bekannt ist.

Bewertung: 3.5 von 5.
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Some Dub Stories: Chapter One

Annecy, das Venedig der Alpen, ist zweifellos eine der schönsten Kleinstädte der Welt. Die Hauptstadt der Haute Savoie ist berühmt für ihre grandiosen Sehenswürdigkeiten und den zweitgrößten natürlichen See Frankreichs auf 446 m Höhe. Zu den Attraktionen der ostfranzösischen Region Auvergne-Rhône-Alpes gehört nun auch eine Band, die mir bisher völlig unbekannt war: Some Dub Stories. Die vierköpfige Crew, die bereits im Vorprogramm von Zenzile und High Tone aufgetreten ist, hat vor knapp zwei Wochen ihr Debütalbum Some Dub Stories: Chapter One (Alpine Records) vorgestellt, ein umfangreiches und multidisziplinäres Projekt.

Das Team besteht aus Etienne Doutreleau an Trompete, Flügelhorn und Melodica, Boris Lacombe am Schlagzeug, Clément Gros an den Gitarren und Lucien Leclerc an Bass und Soundmaschinen, der auch für den Mix verantwortlich ist. Vier Musiker, die ihre Erfahrungen in so unterschiedlichen Formationen wie Hubris, Dub Silence oder Lamuzgueul gesammelt haben, beherrschen die Kunst, Pop, Psychedelic, elektronische Musik und Dub intelligent zu verbinden. Ein farbenfrohes und kraftvolles Hybridprojekt. Das futuristische Elektronik-Dub-Universum dieser Gruppe von jungen Musikern bietet einen frechen Dub Roots Mix, der ebenso verrückt wie poetisch ist. Zum Gesamtkonzept gehören auch sehr schön animierte Clips von Lucas Roig, die die Geschichte und die Abenteuer der kosmischen Schildkröte Obaba zusätzlich illustrieren.

Die Dub-Basis der einzelnen Tracks ist solide ausgearbeitet und öffnet sich in Richtung traditioneller Dub-Sounds, bevor sie sich mit den vielfältigen Einflüssen der Gruppe vermischen. Getragen von einem Hip-Hop-Rhythmus, einem meditativen Bass und einer melodiösen Trompete entsteht eine organische Atmosphäre, die Funken sprüht. So bietet „Salmon Swing Syndicate“ mit „blechblasigem“ Roots-Dub eine schöne Reise zwischen Sommerstrand und Unterwasser-Krabben-Dance. Die Protagonistin Obaba findet sich Pfeifchen schmauchend in einem warmen, farbenfrohen Universum wieder und entdeckt die Inselparty des „Salmon Swing Syndicate“ – eines meiner Highlights des Albums. Oder die langsamen, sich wiederholenden melodischen Bassschleifen, die uns in die Welt von „Purple Tribe“ gleiten lassen, gefolgt von einem kontrollierten, vertrauten Dub-Beat. Getragen von einem schwebenden Gitarrenriff gesellt sich bald eine jazzige Trompete hinzu. Die Klänge werden immer vielfältiger und bald entfaltet sich der Zauber von Some Dub Stories: Wir werden eingehüllt in eine elektroakustische Dub-Symphonie, vorgetragen von hochkarätigen Musikern. Die Musik ist traumhaft schön, doch die Botschaft von „Purple Tribe“ bleibt politisch, wie die Sprachsamples im Track zeigen, die flüstern: „Make racism wrong again!“

Some Dub Stories erzählen mit ihrer Musik die Geschichte von Obaba, der kosmischen Schildkröte, an den Grenzen mehrerer Universen. Zurück auf der Erde, in einer postapokalyptischen Atmosphäre, berichtet Obaba von ihrer Odyssee und lässt uns für knapp 44 Minuten in ein gelungenes kosmisches Dub-Epos eintauchen.

Bewertung: 4 von 5.
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The Thugs: Holy Cobra Dub

Der Multiinstrumentalist Nicola Giunta ist auch Filmemacher, Klangkünstler und Komponist von Soundtracks für Kurzfilme, Werbespots, Dokumentarfilme, Videokunst, Stummfilme, Tanzperformances und Animationen. Darüber hinaus ist er ein international anerkannter bildender Künstler, dessen Xerox-Kunstwerke als Plattencover und Poster für zahlreiche Musikerkollegen dienten. Außerdem ist er Gründer und Mastermind der Lay Llamas, einer der wichtigsten Bands des sogenannten New Italian Occult Psychedelic, die bereits eine beachtliche Anzahl von Alben und mehrere Singles veröffentlicht haben. Der Musikstil der Lay Llamas lässt sich kurz als eine intelligente Mischung aus Hawkwind, den frühen Talking Heads und dem repetitiven Stil deutscher Krautrockbands wie CAN und NEU beschreiben. Nicola Giuntas Faible für Krautrock zeigt sich besonders in der Zusammenarbeit mit Damo Suzuki, dem legendären CAN-Sänger, der mit seiner unverwechselbaren Stimme Can-Stücke wie „Spoon“, „Vitamin C“ und „Mother Sky“ – zumindest für mich – einzigartig gemacht hat.

Zu den zahlreichen Metamorphosen von Nicola Giunta gehört nun auch „The Thugs: Holy Cobra Dub“ (Love Boat Records).
The Thugs sind Nicola Giunta und Edoardo Guariento, der auch Schlagzeuger der Metal-Core-Band 3ND7R aus Padua ist. Die Idee entstand im Sommer 2021, als Nicola Giunta Edoardo Guariento einige Songs von Jah Shaka aus der „Commandments Of Dub“-Reihe vorspielte. Dieser war sofort so begeistert, dass er zur nächsten Session sein Schlagzeug in Giuntas Heimstudio mitbrachte. Die beiden nahmen einige Takes auf, bei denen Giunta auch als eine Art Live-Dubmaster mit einem kleinen Mischpult und ein paar Echo- und Hallpedals improvisierte. Nach einigen dieser Sessions wählte Giunta die besten Takes aus und baute darauf die ersten beiden Thugs-Tracks, wobei er Gitarre, Bass, Orgel und Percussion selbst einspielte. In den folgenden Monaten entwickelte Nicola Giunta immer wieder neue Tracks, bei denen er auch verschiedene Drumcomputer aus den 70er und 80er Jahren einsetzte, um so einen eher post-punkigen und psychedelischen Sound zu entwickeln. Aber „Holy Cobra Dub“ ist kein Indie-Album geworden, sondern ein vom Reggae beeinflusstes Dub-Album, das am Ende des Tages immer noch wie ein Indie-Album klingt, wenn auch mit jamaikanischen Gewürzen und Zutaten. Der Geist von Lee Perry, King Tubby und vor allem Adrian Sherwood schwebt über dem ganzen Projekt. ON .U Sound Kenner hören Anleihen bei Mark Stewart, African Head Charge, Audio Active, aber auch bei den Suns of Arqa. Ja, „Holy Cobra Dub“ entpuppt sich schon nach wenigen Sekunden als exzellentes Dub-Album.
Die zwölf Tracks wurden fast ausschließlich mit Vintage-Instrumenten eingespielt und tauchen in den Roots-Sound der mittleren bis späten 70er Jahre ein. Sie haben genau diese raumgreifende, tiefgründige Attitüde, dieses Gefühl des ständigen Erfindens, das auch die Arbeiten eines Lee Scratch Perry ausmachte. Gleichzeitig haben die Tracks diese psychedelische Zentrifugalkraft, die entweder explizit oder öfter in den Details versteckt ist. Das erinnert mich dann eher an den düstersten Post-Punk von damals. Der Gesang wurde mit einem alten 70er-Jahre Audiometer aufgenommen. Das gesamte Design und Layout wurde komplett von Nicola Giunta entworfen und soll an den Look jamaikanischer Dub-Alben aus dieser Zeit erinnern.
Kurz zum Konzept: Thugs oder Thuggees ist ein englisches Lehnwort aus dem Sanskrit und bedeutet ursprünglich „Betrüger“ oder „Gauner“. Es ist aber auch der Name einer historischen Bruderschaft von religiös verbrämten Mördern und Straßenräubern. Die Schätzungen über die Zahl ihrer Opfer schwanken zwischen 50.000 und über einer Million. Ihre Blütezeit erlebte die Bruderschaft im vorkolonialen Indien. Sie wurde Anfang des 19. Jahrhunderts von der britischen Kolonialmacht zerschlagen.
Nicola Giunta gefiel die Vorstellung, dass sich diese Sekte in unterirdischen Heiligtümern trifft und geheimnisvolle Rituale für ihre Göttin Kali (Göttin des Todes) vollzieht. Jedes Lied und jeder Titel handelt auf die eine oder andere Weise von ihren Aktivitäten.
Der „Holy Cobra Dub“ erscheint mit seiner vertrauten und zugleich unbekannten Musik wie ein geheimnisvoller Fund aus einer Zeit, die man zwischen 1975 und 1982 datieren kann.

Bewertung: 4.5 von 5.

“Holy Cobra Dub is truuuly immersive – a Great Leap Forward” – Mark Stewart (The Pop Group, Maffia, New Age Steppers, On-U Sound)

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Five Star Review

Kubix: Guitar Chant (Deluxe Edition)

Auch wenn man es vordergründig meinen könnte: Kubix ist keinesfalls der Sohn von Talentix, dem „Sichelmacher“ aus Lutetia (Paris), der einigen aus dem Asterix-Band V „Die goldene Sichel“ bekannt sein dürfte. Vielmehr ist Kubix ein äußerst talentierter Gitarrist, Produzent und Komponist, der bereits 2005 sein eigenes Label, Attik Productions, gründete. In den Jahren 2015 und 2017 gewann er einen Grammy Award als Gitarrist.
Geboren wurde Xavier ‚Kubix‘ Bègue 1980 in einem der Pariser Vororte. Begeistert vom Gitarrenspiel seines Vaters, beschloss er als Teenager auch dieses Instrument zu lernen. Danach spielte er relativ schnell in Rock- oder Reggae-Bands. Seine Virtuosität an der Gibson führte bald dazu, dass er als Begleitmusiker Künstler wie Barrington Levy, Lee Scratch Perry, IJahman Levi, Horace Andy, Ken Boothe, Mo’Kalamity und viele andere auf den größten Festivals begleitete. Als gefragter Session-Musiker spielte Kubix auch bei einigen französischen Reggae-Bands wie Meta & The Cornerstones und den Colocks, deren „Sur Les Sentiers Du Dub“ aus 2013, leider auch im Dubblog bisher keinerlei Erwähnung fand. Ein weiterer überzeugender Beweis, dass die Franzosen weit mehr als nur langweiligen, monotonen Steppers drauf haben.

Sein erstes Solo-Album „Kubix: Guitar Chant“ (Attic Productions) erschien 2020. Im November 2022 wurden die ursprünglichen elf Tracks um fünf zusätzliche Vocal-Tracks erweitert und als Deluxe Edition erneut veröffentlicht. Das Hauptelement des Albums ist natürlich die Gitarre, aber Kubix hat es tatsächlich verstanden, renommierte Musiker um sich zu scharen, die alle genügend Freiraum erhielten, ihre Virtuosität und Spielfreude unter Beweis zu stellen. So hören wir die japanische Pianistin Aya Kato (Kymani Marley, Sean Paul, Mykal Rose, Meta & The Cornerstones …), den Keyboarder Marcus Urani (Groundation) oder noch wesentlich überraschender: Der legendäre Bassist und Sänger der Gladiators, Clinton Fearon, spielt bei dem Gladiators-Trademark-Track „Mix Up“ den Bass. Bei „Still Standing“ mit klassischen Nyahbinghi Drums und „The Walk“ hören wir den legendären Vin Gordon an der Posaune (Bob Marley, Skatalites, Burning Spear …). Weitere bekannte Gäste auf dem Album sind: Eric „Rico“ Gaultier (Faya Dub & Faya Horns) und Matthieu Bost (Bost & Bim) am Saxofon, Manjul an den Percussions und Manudigital am Bass.
Das Album wurde zwischen Paris (Wise Studio) und New York (Rift Studio) aufgenommen und vereint nicht weniger als 21 Musiker. Geleitet wurden die Aufnahmen von Fabrice Boyer alias Fabwize (Bost & Bim) und/oder Sébastian Houot (Tu Shung Peng), der auch für das Mixing verantwortlich zeichnet. Zum krönenden Abschluss übernahm Jim Fox in den Lion & Fox Recording Studios das Mastering. Ein unglaublich schönes Album, das auch seine Inspirationen aus Kubix’ musikalischen Fähigkeiten und Erfahrungen seiner langen Karriere schöpft. Mal klingt die Gitarre nach George Benson, mal nach Wes Montgomery, mal nach Ernest Ranglin.
Kurz: Wem jazzlastige Instrumental-Alben à la Monty Alexander und Ernest Ranglin gefallen, wird auch bei „Guitar Chant“ genüsslich mit der Zunge schnalzen. Wieder einmal ein vom Dubblog viel zu spät entdecktes Meisterwerk.

Bewertung: 5 von 5.
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Five Star Review

Jah Shaka Meets Aswad in Addis Ababa Studio

Unglaublich: Jah Shaka alias „The Zulu Warrior“, einer der rätselhaftesten Künstler, Produzenten und Pioniere des Reggae und Dub, die Speerspitze der Londoner Soundsystemkultur ist tot. Er starb (vermutlich) am 12.04.2023. Sein präzises Alter und die Todesursache wurden nicht bekannt gegeben.
Jah Shaka von dem noch nicht einmal sein bürgerlicher Name bekannt ist, war bereits zu Lebzeiten eine Ikone. Geboren wurde er in Chapleton, der Clarendon Parish auf Jamaika. Noch als Kind kam er 1956 mit seinen Eltern als Teil der Windrush-Generation nach London. Für ihn und seine Zeitgenossen waren Musik schon immer ein wichtiges Werkzeug, um die feindliche, rassistische Umgebung zu kompensieren, in der sie sich befanden. Mit ein paar Schulfreunden gründete er 1962 eine Reggae-Band. Ende der 1960er trat er dem lokalen Soundsystem Freddie Cloudburst bei, das ihn zur Musikindustrie führte.

Von der Rastafari- und der US-Bürgerrechts-Bewegung inspiriert, gründete Jah Shaka kurze Zeit später sein eigenes Soundsystem. Ein Schlüsselmoment war, als er 1976 bei einem Clash gegen Lloyd Coxsone antrat, eines der zu der Zeit angesagtesten Soundsystems in England. Es endete damit, dass Coxsone einsehen musste, dass er verloren hatte und den Dance abbrach. Das Jah Shaka-Soundsystem war wenige Jahre nach seiner Gründung das angesehenste Soundsystem außerhalb Jamaikas. Später zeigten sich auf Jah Shakas Dances regelmäßig bekannte Persönlichkeiten der Londoner Reggae-Szene, wie etwa Earl Sixteen oder auch Yabby You.

Ende der 1970er startete Shaka ein eigenes Label, auf dem er seit Anfang der 1980er Jahre eigene Produktionen veröffentlichte, wie die „Commandments of Dub“ Serie. Es entstanden im Laufe der Zeit auch mehrere Kollaborationen mit namhaften britischen Künstlern, wie Aswad und Mad Professor, die aber teilweise auf anderen Labels erschienen. Hinzu kamen auch Aufnahmen mit Horace Andy, Max Romeo und den Twinkle Brothers. Mehrmals reiste er nach Jamaika und produzierte dort in King Tubby’s legendärem Studio in Waterhouse oder im Music Works Studio von Gussie Clarke u. a. mit Veteranen wie Willie Williams und Max Romeo, aber auch mit jungen Musikern wie Icho Candy.

In den 1980ern war Jah Shaka eigentlich abseits des Mainstreams, denn der Trend ging zu digitalen Sounds und Slackness. Während sein Soundsystem mit einem einzelnen Plattenspieler neben dem Mischpult antrat, hielt Shaka als Rastafari an seinem „Roots and Culture“-Programm unbeirrt fest. Neben sozialkritischen Anliegen griff er schon immer vor allem spirituelle Themen der Rasta-Kultur auf, begleitet von donnerndem Bass und monoton-hypnotischen Sounds, mit denen er sein Publikum in Trance-ähnliche Zustände versetzte. Seine Dances entwickelten von Anfang an eine mystische Atmosphäre, die dem Publikum oftmals mehr religiösen oder politischen Veranstaltungen zu gleichen schienen, als gewöhnlichen Party-Veranstaltungen. Jah Shakas Verständnis der Musik war immer spiritueller Art.

Viele britische Dub-Künstler wurden durch Jah Shaka inspiriert, wie beispielsweise die Disciples, aber auch die Slits. Insgesamt entwickelte Jah Shaka einen großen musikalischen Einfluss auf den gesamten britischen Dub und ganz speziell auch auf die Entwicklung von Jungle und Drum & Bass.

Bei einem Hausbrand im Jahr 2000 wurde Shaka schwer verletzt und war lange Zeit außer Gefecht gesetzt. Danach setzte er – stark wie immer – seine Liveauftritte wieder fort und tourte regelmäßig in Großbritannien und gelegentlich andernorts in Europa, den USA oder Japan.

Jah Shaka unterstützte in Jamaika und Ghana verschiedene Sozialprojekte, wie Schulen, Krankenhäuser und Fußball-Jugendmannschaften und war bis zu seinem Tod aktiv. Gerade noch vor ein paar Tagen hat er seine Tourdaten für dieses Jahr bekannt gegeben. Er wollte in ein paar Londoner Clubs und Musikfestivals in Großbritannien auftreten. Darüber hinaus wollte er für seine vielen japanischen Fans durch Japan touren.

Eigentlich wollte ich noch kurz die „Commantments of Dub Chapter Two“ (Jah Shaka Music) besprechen. Da haben mir dann die einschlägigen Streaming-Dienste einen fetten Strich durch die Rechnung gemacht. Dennoch bin ich mir sehr sicher, dass auch „Jah Shaka meets Aswad in Addis Ababa Studio“ (Jah Shaka Music) ein erstklassiges Album ist, welches auch euren Nerv trifft. Dieses Set wurde 1985 veröffentlicht, im selben Jahr, in dem der computergesteuerte „Sleng Teng“ Riddim eines Prince Jammy über Jamaika fegte und danach im Reggae nichts mehr so war wie zuvor. In England war „Jah Shaka meets Aswad“ ein Riesenerfolg und schaffte es in die britischen Reggae-Charts.
Dieses 7-Track-Album, mit gerade einmal knapp 30 Minuten Spiellänge, wurde von Aswad eingespielt und komponiert. Produziert, arrangiert und abgemischt wurde es von Jah Shaka. Geniale 30 Minuten Magie, die Aswad vor ihrer Pop-Reggae-Ära in Spitzenform präsentieren. Von „Addis Ababa“ bis hin zu „Shaka Special“ oder „Rockers Delight“ sind es die Kompositionen, die auf monotonen, mächtigen Bass-Lines, Drums und Keyboards basieren, welche die Stärke dieses Albums und ganz besonders Jah Shakas ureigenen Sound ausmachen. Jeder Track nimmt dich mit. Der „Drum Dub“ ist eine Version des Studio One Klassikers „Drum Song“, im Original von Jackie Mittoo, und das „Aswad Special“ ist Augustus Pablos „Cassava Piece“, welches als „King Tubby meets Rockers uptown“ noch viel bekannter ist.

Jah Shaka, du Magier am Mischpult, du soziokultureller Basisarbeiter und kreativer Echokämmerer, ruhe in Frieden.

Bewertung: 5 von 5.
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Biblical: Well Read Dubs

Biblical ist ein kultureller Sänger / Sing Jay, dessen einzigartiger Gesangsstil seit der Veröffentlichung seines ersten Albums „Inborn Precepts“ (2007) bestimmt vielen bereits aufgefallen ist. Er wuchs in einem nordkalifornischen Haushalt mit einem starken Hang zu Reggae und Rastafari auf. Musik nahm für ihn schon immer eine bedeutende Rolle ein. Sie war für ihn von Anfang an Nahrung für Seele und Geist. Beginnend mit den klassischen Roots-Reggae-Interpreten Bob Marley & The Wailers und Burning Spear, um nur zwei zu nennen, wurden die Lehren Rastafaris und die Begeisterung für jamaikanische Roots Music schon in jungen Jahren tief in sein Herz gepflanzt.

Nachdem Biblical bereits über zehn Alben veröffentlicht hat, folgt jetzt sein neuestes Album „Well Read Dubs“ (Trinity Farm Music). Das Pendant zur im April 2022 veröffentlichten „Well Read“ ist sein allererstes Dub-Album. Insgesamt zehn der ursprünglich elf Tracks wurden einer superben Dub-Veredelung unterzogen. Eingespielt wurde das Album mit der in Barcelona ansässigen Reggae-Band „Go A Chant“. Hinter dem Pseudonym „Go A Chant“ verbirgt sich auch der Musiker, Produzent und Kopf der Band – Manel (katalanische Form des Vornamens Manuel) Guerra. Der Musiker und Engineer hat bereits mehrfach, auch live, mit Künstlern wie Midnite/Akae Beka, Army, Tuff Like Iron, Ancient King, Iqulah und Prezident Brown zusammengearbeitet. Interessant: Als prägende musikalische Einflüsse nennt Manel Guerra einmal nicht Bob Marley & the Wailers an erster Stelle. Allen voran haben es ihm der mystische Burning Spear und ganz besonders Augustus Pablo angetan, dessen Far East Sound ihn ganz besonders beeindruckt und geprägt hat. Aber auch Einflüsse zeitgenössischer Künstler wie Midnite/Akae Beka von den US Virgin Islands sind problemlos auszumachen.

Die meisten Tracks, die auf „Well Read Dubs“ zu finden sind, erinnern sehr stark an den Sound, die Stimmung und die Vibes, welche z. B. die Band Midnite mit ihrem charismatischen Frontmann Vaughn Benjamin von den Jungferninseln in die Reggae-Welt getragen haben. Das Album beginnt sehr verhalten, mit zum Teil sphärischen Synthie-Klängen. Gefolgt von „ Dubfullness“ mit einer locker hüpfenden Orgel und tollen Percussions. Bei fast allen Tracks fällt die starke Gitarrenarbeit von Russ „Tuff Lion“ Williams angenehm auf – ganz egal ob an der Akustischen oder Elektrischen. Seine Beiträge tragen einen großen Anteil zum Gesamtbild der „Well Read Dubs“ bei. Der „Lion my Dub“ ist angereichert mit einem feinen, dezenten Melodika-Spiel. Generell ist die Grundstimmung des Albums angenehm entspannt, ja beinahe meditativ. Manchmal kommt Biblicals Stimme wie ein zusätzliches Instrument daher. Die im Raum frei schwebenden Gesangsfragmente sind mehr Lautmalerei denn Gesang und verleihen dem ganzen Klangkosmos eine weitere Facette. Keiner der Titel ist komplett „stript to the Bone“. Eine kleine, tragende Melodie ist immer auszumachen.
Alles in allem ist „Well Read Dubs“ ein sehr unterhaltsames Album mit mystischen Anklängen, die auch gerne mal wie bei „One Dub“ in jazzige Gefilde abdriften.
Achtung: Das Album erfordert meines Erachtens aufmerksames Hören und eignet sich weniger als pure Hintergrundmusik. Wenn man sich aber auf dieses zum Teil ungewöhnliche Album einlässt, offenbart es unglaubliche Dimensionen. So ging es jedenfalls mir, der die letzten Wochen das Album täglich hörte und mit wachsender Begeisterung schätzen lernte.

Noch zum Abschluss ein kleines Schmankerl für Gitarrenfreunde: „Tuff Lion: Ten Strings“ ein wunderschönes, gitarrenlastiges, etwas dubbiges Instrumentalalbum.

Bewertung: 4 von 5.