2001 gründete sich die achtköpfige Band Pama International, die ihre Musik als „Dub Fuelled Ska Rocksteady & Reggae“ beschreibt. In dieser Beschreibung steckt bereits ein gewisser Widerspruch, denn Dub und Ska und Rocksteady passen eigentlich nicht gut zusammen (wenn man das Werk von Victor Rice mal außen vor lässt). 2006 unterschrieb die Band bei Trojan Records einen Plattenvertrag – als erste Band nach 30 Jahren. Doch bereits zwei Jahre später war der Spaß schon wieder vorbei. Die Pamas gründetem darauf hin ihr eigenes Label „Rockers Revolt“ und nahmen das Album „Love Filled Dub Band“, das als eines ihrer besten gilt. Obwohl das Album (gemäß seines Titels) bereits von starken Dub-Elementen geprägt war, wurde der Londoner Sound-Tüftler Wrongtom damit beauftragt, eine Dub-Version herzustellen. Doch seine Aufnahmen verschwanden im Nirvana und blieben (angeblich) bis ins Jahr 2022 verschollen. Nun sind sie auf wundersame Weise wieder aufgetaucht und nun auf dem Album „Pama I’ntl Meets Wrongtom in Dub“ (Happy People) zu hören. Eine große Geschichte um ein einigermaßen schlichtes Album. Ja, Wrongtom hat ordentlich gedubbt, aber das Ergebnis bleibt irgendwie farblos. Vielleicht liegt das aber auch an dem ausgesprochenen Retro-Stil der Aufnahmen. Magie, Tiefe, Intensität und Spiritualität guter aktueller Produktionen sucht man hier vergeblich. Der Sound bleibt vergleichsweise unverbindlich und belanglos. Ja, das Ganze wirkt durchaus etwas uninspiriert – ebenso wie das Cover. Wer allerdings jamaikanischen Dub der 1970er Jahre mag, könnten hier jedoch anderer Meinung sein.
Wer Lust auf krachenden Steppers hat, ist bei Le Faune Stepper richtig. Auf seinem neuen Album „Paradoxe“ (ODG) knallt die Bassdrum im Stakkato auf den Floor. Dazu gibt es teils ganz schlimme Synthie-Sounds. So schlimm, dass es schon wieder Spaß macht. Und natürlich viel, viel Bass. Da hinter Le Faune Stepper der versierter Trompeter Robin Pavie steckt, hören wir zudem viele schöne Bläsersoli, die gar manchmal an Balkan-Sounds erinnern. Überhaupt muss man Pavie einige Phantasie bei der Komposition seiner Dubs zugestehen. So schmücken viele feine Melodien die oft brachial anmutenden Steppers-Beats. Fast schade, dass der Faun durch seine verzerrten Bässe und brutalen Beats die kunstvollen Aspekte seiner Arbeit so verschleiert. Andererseits ist gerade der Kontrast zwischen fein ausgearbeiteten Elementen und brutaler Anarchie reizvoll. Wie alle ODG-Alben, steht auch „Paradoxe“ zum freien Download zur Verfügung. Es ist auch im Stream verfügbar – und wer eine gut Tat vollbringen möchte, kann es auch bei Bandcamp auch kaufen.
Bristol, die englische Stadt, am Fluss Avon gelegen, hat spätestens 1991 mit den Trip Hop Künstlern Massive Attack, Tricky und Portishead ein musikalisches Universum hervorgebracht. Doch die musikalische Geschichte der Stadt geht viel weiter zurück. The Equals mit Eddy Grant wurden Mitte der 1960er hier gegründet. Die Reggaebands Talisman, Black Roots und The Pop Group mit Mark Stewart folgten Mitte/Ende der 1970er. Der mit On .U Sound verbandelte Gary Clail trat auch aus Bristol kommend 1991 ins Rampenlicht. Das sind lediglich eine Handvoll Beispiele, die Liste Bristol’scher Musikkünstler könnte ich noch ellenlang fortführen, ginge es hier nicht im Wesentlichen um Dub Cuts from Eeyun & The Co-Operators: Vibrations from the Bionic Tabernacle (Woodland Records). Eeyun & The Co-Operators wurden zwar in Manchester gegründet, sind aber einige Zeit später nach Bristol umgesiedelt. Im Mittelpunkt des ganzen Projekts steht der Produzent, Soundengineer, Songwriter und Instrumentalist Eeyun Purkins und seine Waggle Dance Studios. Im April 2019 erschien von den Co-Operators & Friends das Album, „Rhythms From The Kitchen Sink“, dem im November 2020 „Beating The Doldrums“ folgte. Erst ein Jahr später sollte die Quintessenz der seither unveröffentlichten Dubs aus den ersten beiden LPs das Licht der Welt erblicken. Eeyun Purkins mischte die Dubs bereits als „Rhythms from the Kitchen Sink“ und „Beating the Doldrums“ entstanden, doch die Mixe blieben bisher unveröffentlicht. Noch nicht einmal auf eine Single haben es die Tracks nach dem Mixdown geschafft. Jetzt sind sie als „Name your Price“-Download zu haben. Die Dub-Tracks wurden allesamt umbenannt: „Murder at Midnight“ ft. Joe Yorke (Kitchen Sink) wurde zu „On Humanby Corner“, „The Thief & the Liar“ (Doldrums) wurde zu „Higher & Higher“. Der starke Einfluss klassischer Reggae-Dub-Alben aus den 1970ern auf Eeyuns Arbeit als Musiker und Produzent ist sämtlichen Dubs deutlich anzuhören. Eeyun Purkins fand es am besten, die Stimmung und den Klang so nah wie möglich an den ursprünglichen Vokalmischungen zu belassen und auch die Originalversionen zu verwenden. Das gelungene Endresultat gibt ihm vollkommen recht. Eine Künstlerin muss ich noch ausdrücklich erwähnen: Es ist die Songwriterin Perkie (making punks cry since 2006) mit ihrer wunderbaren Stimme, die offensichtlich auch Eeyun Purkins fasziniert haben muss, denn der Not Forgotten Dub aka Crazy Woman ft. Perkie aus Kitchen Sink ist der einzige Track auf dem ganzen Album, durch den gelegentlich Songfragmente schweben. Für mich Gänsehaut pur.
Und nun weiter viel Spaß beim Entdecken und Entschlüsseln der Tracks. Kleiner Tipp: Vibrations from the Bionic Tabernacle beginnt mit einem Dub vom „Doldrums“-Album gefolgt von einem Dub vom „Kitchen Sink“-Album und immer abwechselnd so weiter.
Der 1978 in Barcelona geborene Gerard Casajús Guaita ist uns besser unter seinem Künstlernamen Chalart58 bekannt. Bei der 2003 gegründeten katalanischen Band La Kinky Beat, die eine wilde Mischung aus Rock, Reggae, Punk, Ska, Rocksteady, Raggamuffin, Dub, Drum & Bass, Jungle und Hip-Hop spielte, war er als Schlagzeuger beschäftigt. Danach trat Chalart58 als Gründer des Plattenlabels La Panchita Records ins Rampenlicht. Das war ca. 2014/2015 und seitdem fällt mir die Panchita Dub School immer wieder sehr positiv auf. Vergangenes Jahr veröffentlichten Manu Chao, der nicht das erste Mal mit Chalart58 zusammenarbeitete, zusammen mit ihm das Album: Inna Reggae Style (La Panchita Dub School), welches leider schon vergriffen ist. Insgesamt positiv festzuhalten ist, dass alle bisherigen Veröffentlichungen des Labels nicht unbedingt in Richtung Mainstream-Musikindustrie schielen und dennoch bestens dafür geeignet sind, unser kleines, feines Genre einem breiteren Publikum näherzubringen.
Nach vielen überzeugenden Alben des Labels folgt nun eine neue Ausgabe der La Panchita Dub School: Soul Rock Reggae (La Panchita Records). Auf Seite eins des Albums zeigt jede, der hier versammelten fünf jungen, teilweise jazzig klingenden, Soulsängerinnen: Désirée Diouf, Brigitte Emaga, Reina Blava, Emma Yuzz, Eipriil zu eingängigen Reggae-Rhythmen ihre gesanglichen Qualitäten. Auf Seite zwei folgen anschließend fünf sehr knackige Dub-Versionen, die von den „Studenten der Akademie“: Bone Lema, ZRP Beats, Pau Senserrich unter der Aufsicht und den aufmerksamen Ohren ihres „Lehrers“ Chalart58 produziert und gemixt wurden. Klassische Showcase-Alben haben, dank Roberto Sánchez und Chalart58, wieder Konjunktur und deshalb höre ich auch „Soul Rock Reggae“ bevorzugt als Showcase. Welche Herangehensweise der eigenen Hörgewohnheit eher entspricht, sollte man aber je nach Gusto für sich selbst entscheiden.
Viele mögen wegen seines rockigen Charakters keinen amerikanischen Reggae. Dennoch hat „Rock-Reggae“ angesichts der großen Zahl amerikanischer Bands (Tribal Seeds, Groundation, Slightly Stoopid, SOJA, Passafire, Stick Figure u. v. a.) und ihres Erfolges längst den Status eines Subgenres erlangt. Selbst Bob Marley & The Wailers hatten teilweise zwei Lead-Gitarristen (Al Anderson & Junior Marvin) in ihrer Standardbesetzung, die gelegentlich auch ordentlich los rockten. Also im Grunde genommen nichts wesentlich Neues. Zu den exponierten amerikanischen Bands gehören seit einiger Zeit auch die 2010 gegründeten „Arise Roots“. Die Band wurde mit der Absicht gegründet, eine neue und einzigartige Roots-Reggae-Band zu bilden, welche die kollektiven Leidenschaften der sechs Musiker widerspiegelt. „Arise Roots“, die Band aus den Straßen von Los Angeles, verfolgte von Anbeginn ein Ziel: Einen frischen Reggae-Sound mit modernem Feeling zu kreieren, der alle Lebensbereiche, Altersgruppen und Rassen anspricht, ohne das wahre Roots-Reggae-Feeling zu beeinträchtigen. Im Jahr 2020 veröffentlichten die sechs Musiker ihr viertes, von der Kritik gelobtes, Album „Pathways“ (Ineffable Records). Vor ein paar Tagen (27.01.) wurde nun das erste Dub-Album der Band: „Dubways“ (Ineffable Records) veröffentlicht. Wie der Name bereits ahnen lässt, eine komplette Dub-Version der „Pathways“. Das Album wurde von den Zion I Kings, der Dreifaltigkeit des modernen, amerikanischen Reggae, gemischt. Durch ihre Arbeiten im letzten Jahrzehnt haben die Zion I Kings eine Art musikalische Rückführung des Reggae zu seinen Wurzeln geschaffen und so klingt auch „Dubways“, aber eben wie die amerikanische, rockigere, Roots-Reggae-Variante. Wir hören hervorragend eingespielten, organischen und sehr entspannten Dub-Sound mit Yamaha Keyboards, fetter Bassgitarre, verspielten E-Gitarren-Soli, vibrierenden Drums und angenehm dahin schwebenden Songfragmenten aus dem Original-Album. Ganz besonders angetan hat es mir Lead-Gitarrist Robert Sotelo, der seine unverwechselbare Handschrift von Riffs und Licks dem Gesamtsound hinzufügt. Insgesamt – auch dank Zion I Kings – ein sehr gelungenes, entspanntes Album von Amerikas Westküste.
Vor ziemlich genau einem Jahr wurde dieses Album in Frankreich durch Onlyroots Records neu aufgelegt. Man habe kein Interesse an Promo, hieß es damals, ihre Platten würden sich auch so verkaufen. Klar, im inneren Zirkel der Nerds, der Rest der Welt kriegt aber nix mit. Ein Gespür dafür, dass eine derartige Haltung eine der Ursachen ist warum Reggae und Dub inzwischen auf einem eigenen, unbeachteten Kometen siedeln, fehlt hier völlig. Doch für eine derartige Weltunoffenheit sind Platten wie diese einfach zu gut!Chanting Dub With The Help Of The Fathersteckte bisher in einem blassblauen Cover. Jetzt ist das ursprüngliche Artwork mit Selassie-Foto rot-gelb-grün unterlegt. Die original LP erschien 1978 mit grünem Schriftzug auf dem Rockers Label von Augustus Pablo und kostet inzwischen einen mittleren dreistelligen Betrag. Nachpressungen hatten rote Schrift auf gelbem Label, sind aber auch kaum noch zu finden. Parallel zu den Dubs kam ein ultra-rares, titel- und coverloses Deejay-Album von Prince Mohammad (i.e. George Nooks) auf Hungry Town. Bei einigen Exemplaren wurde damals aus Prince „Price“, als hätte man geahnt, dass für die Deejay-LP mal ein vierstelliger Betrag aufgerufen wird. Die Dubs basieren auf Tunes wie „New Broom“, „Youths Of Today“ und „Don’t Let Problems Get You Down“ von Horace Andy, Roman Stewarts „If I Had A Hammer“ und Lacksley Castells „Love In Your Heart“. Das neue Vinyl rumort deftig in den Leerrillen, was aber bei den lautstarken, von Prince Jammy bei King Tubby gemischten Dubs untergeht. Ein All Killer No Filler Reissue, das bei Only Roots immer noch erhältlich ist. Vielleicht erbarmt man sich ja irgendwann und legt auch die Prince Mohammad LP neu auf. Und überdenkt mal die eigene Einstellung zur Öffentlichkeitsarbeit.
Roots Inspiration – ein UK Soundsystem/Studio bzw. eine lose Ansammlung von Musikern rund um Hughie Izzachar – legen ein neues Dub-Album vor: „By the Rivers of Water“ (Eigenverlag) heißt das Teil, abgemischt von Al Breadwinner aus, wie sollte es anders sein, Manchester, einem der UK-Hotspots für „all things Reggae“.
Ich habe noch Roots Inspiration’s 2020er „Organic Roots Vol. 1„-Album in guter Erinnerung: Es hält, was der Titel verspricht: Wunderbarer Roots-Dub in mitunter schönen, rauhen Soundgewändern, für die Dougie Wardrop verantwortlich zeichnet. Die Dub-Effekte sind auch nicht von schlechten Eltern: Herr Wardrop läßt’s mitunter krachen, das die Wand wackelt. Dieses Album als Referenz genommen, kommt „By the Rivers of Water“ nicht ganz so gut weg, was in erster Linie an Al Breadwinner’s Sound (und nicht den Dub-Effekten!) zu liegen scheint.
Der obige Video-Track kommt entsprechend besser rüber als die finale Version auf dem Album. Davon abgesehen: Geht es nur mir so oder sind des öfteren die live-Video-Aufnahmen aus den Studios die besseren Versionen? Der Vergleich scheint das auch bei diesem Track zu bestätigen: Die Effekte sind ungleich schöner und prominenter platziert.
Womit wir beim letzten Thema wären: Dem Album-Sound schlechthin. Breawinner’s Mix erinnert des öfteren an Mafia & Fluxy-Alben, die durchwegs (Ausnahmen bestätigen die Regel) in den niedereren Hz-Bereichen dröge dahinwummern: Eine superweiche Kick-Drum verschmilzt dermaßen mit einem nicht minder weichen Synth-Bass, sodass eine blubbernd-weiche Sound-Masse entsteht. Hier eine Bassline auszumachen, fällt schwer… und das klingt dann so:
Es lebe also der Rimshot, der das Ganze doch noch rausreißt. Ähnlich ergeht es, wenn auch in geringerem Ausmaß, den Tracks auf „By the Rivers of Water“. Möglicherweise wird der eine oder andere Dubhead diesen Sound schätzen – ich hingegen bevorzuge eine Kick-Drum mit Punch und eine klar definierte Basslinie.
Dem Leser bleibt wohl nichts anderes über, als sich selbst eine Meinung zu bilden; dafür gibt’s die beiden oben genannten Roots Inspiration-Alben als Stream auf den diversen Plattformen, Bandcamp hingegen bietet ungleich mehr Material von Roots Inspiration und Al Breadwinner an. Möge es ein Hörvergnügen werden!
Jazz oder Reggae? Reggae oder Jazz? Es ist fast alles da – One Drop, Key- und Gitarren-Skank, allein beim Bass hapert’s ein wenig: Virtuos gespielt, aber die hypnotische Wiederholung mag sich einfach nicht auf Dauer einstellen. Das und die Bläser(sätze) sind der massive Jazz-Anteil an der neuen EP des Drop Collective; simpel „Drop Collective meets Chalart58 in Dub“ nennt sie sich, erschienen beim notorisch bekannten Brixton Records-Label. Der Titel könnte nicht aussagekräftiger sein – was drauf steht, ist drin: Mit dem für den Dub-Mix verantwortlichen Produzent Chalart58 erhält man summasummarum eine kleine (4 Tracks) Portion katalanischer Klangkunst aus Barcelona.
10 Mann/Frau hoch – da mag sich schon der Gedanke an eine Kapelle, wenn nicht gar an eine Big Band einstellen – so klingt’s stellenweise. Freilich ist der heftige Jazz-Anteil nicht jedermann’s Sache, auch begeistern die Vokal-Fetzen einer doch recht belanglos klingenden Stimme nicht; aber die Tracks wachsen zweifellos, je öfter man sie hört. Schuld daran ist Chalart58, der mit seinem Mix feinste, wenn auch klassische Dub-Effekte aus dem doch etwas langweilig geratenem Vokal-Gegenstück „Come Shine“ heraus kitzelt.
Ich empfehle diese EP all jenen, die Groundation schätzen und gewillt sind, noch ein paar größere Schritte in Richtung Jazz zu machen; anderen wird das Ganze möglicherweise etwas zu intellektuell klingen. Gebt dem Teil eine Chance.
Ein neuer Name mit altbekannten Protagonisten aus dem Sound-System-Dub-Umfeld der West-Londoner Nachbarschaft von Ladbroke Grove und Notting Hill. Hier entstand in den späten 70ern das Coverfoto, hier hat Nick Manasseh sein Studio The Yard, wo er zusammen mit David Hill die Soul Revivers ins Leben gerufen hat. Beide sind eher dem linken Flügel der jamaikanischen Musik zugetan und lieben die Roots der 70er Jahre. Der eine war Steppaz-Influencer der ersten Stunde und hat mit Sound Iration gespielt, der andere wurde nach seiner Zeit bei den Ballistic Brothers Berater für Label wie Soul Jazz oder Auralux. Mit Musikern der lokalen Jazz- und Reggae-Szene produzierten Manasseh und Hill im Yard das Album „On The Grove“, eine Kollektion von Vocal- und Instrumental-Tunes. Daran beteiligt unter anderen der Gitarrist und Gründer der Band Galliano und der Ruff Cut Drummer Adrian McKenzie, dessen filigran-virtuoses Spiel in dem Retro & Roots Set die stilistische Brücke zur Gegenwart baut. Die Hälfte der Songs sind jazzig angehauchte Instrumentals, zwei davon dienen dem Gitarristen Ernest Ranglin als Vorlage für Improvisationen. Ein opulenter Bläsersatz ist mit Veteranen wie Henry Tenyue, der schon auf Aswads „Live & Direct“ dabei war, und jungen Stars der Szene besetzt. Darunter die Trompeterin Sheila Maurice-Grey, deren Afro-Jazz-Band Kokoroko derzeit in London alles abräumt. Sie spielt das Solo auf der Instrumental-Version zu Earl 16s „Where The River“. Die Vocaltunes stammen durchweg von prominenten Artists. Earl 16 hat noch einen zweiten Tune, basierend auf seinem 1976 für Augustus Pablo aufgenommen Song „Changing World“. Der Song erlebt hier seine Auferstehung als „Got To Live“ und ist jetzt gesegnet mit einem Bläserthema für die Ewigkeit. Der 1997 verstorbene jamaikanische Sänger Devon Russel, den Manasseh noch kurz vor dessen Tod aufgenommen hat, singt Curtis Mayfields „Underground“. Das alte Studio One Playback „Tripe Girl“ der Heptones wird aufgefrischt für einen neuen Song der Soul-Sängerin Alexia Coley. Und Ken Boothe steuert einen Tune bei, über den David Rodigan sagt: „Glaubt mir, mit der Zeit wird ‚Tell Me Why‘ als einer seiner größten Tracks angesehen werden.“ Es war klar, dieses Album brauchte ein Dub-Pendant. Und es war ebenso klar, dass die Dubs analog am Mischpult entstehen mussten. „In Zeiten in denen Musik komplett am Computer entsteht“ sagt Nick Manasseh, „bleibt das Mischen von Dub ein Bereich, in dem Old School Mischpulte sowie Filter-, Hall- und Echogeräte unersetzlich sind für das organische Gefühl von Dub.“ Dort wo die Aufnahmen von „On The Grove“ entstanden, hat Manasseh auch „Grove Dub“ gemischt. Von der Musik hinter den Gesängen schuf er filigrane, zu keinem Zeitpunkt grobschlächtige Mixe, über die sich ein Netz malerischer Echos spannt. Schon der Auftakt „Meanwhile Dub“ zelebriert die Dubkunst als dynamisches Wechselspiel zwischen Offbeat, Posaunen-Fills und Drum’n’Bass-Parts. Der dezente Charme des unaufdringlichen Openers setzt sich fort in den weiteren Titeln, bei denen die ursprünglichen Sänger und Instrumentalisten nur noch Farbtupfer liefern. Am Computer wäre etwas anderes entstanden, da ist sich Manasseh sicher, seine Mixe stehen für den Augenblick in dem sie passieren: „Dub ist spontan. Du entscheidest on the fly und es dauert genauso lange wie der Tune läuft. Drei Minuten dreißig und du hast einen Dub.“ Die Veröffentlichung beider Alben auf dem renommierten Acid Jazz Label zeigt den hohen Stellenwert beider Platten, die vom NuJazz-Hype Londons genauso geprägt sind wie von den goldenen Jahren der Dread & Roots Ära.
Hä, was hat den Eighties-Pop-Ikone Robert Palmer mit Reggae zu tun? Ihr wisst es nicht? Hier ist die ganze Geschichte:
Robert Palmer ist weithin bekannt (vielleicht inzwischen aber auch vergessen) für seine Auftritte in eleganten Anzügen, mit einer Band bestehend aus Fotomodellen ohne Kabeln in ihren Instrumenten. Aber der 2003 verstorbene Sänger war mehr als der Dandy der MTV-Generation. Als Palmer mit „Addicted to Love“ und „Simply Irresistible“ in Deutschland die Charts eroberte, blickte der weltoffene Brite bereits auf eine höchst respektable Diskographie zurück, die weit über Steam-Hammer-Pop hinausging.
Als Teenager entdeckte der im Norden Englands aufgewachsene Robert Palmer seine Leidenschaft für schwarze Musik aus den USA und spielte in einigen Soul- und R&B-inspirierten Bands, bevor er von Chris Blackwell für sein neues Label Island unter Vertrag genommen wurde. Nach dem in New Orleans aufgenommenen Debüt „Sneaking Sally Through The Alley“ mit den Meters als Begleitband, zog Palmer nach New York und entdeckte den Reggae für sich: Er nannte sein Album „Pressure Drop“ (1975) nach dem Song von Toots & The Maytals, den er coverte. Nach einem weiteren Umzug auf die Bahamas wurde das Album „Double Fun“ im von Blackwell eingerichteten Compass Studio in Nassau produziert, inklusive des Klassikers „Every Kinda People“, der später passenderweise von Chaka Demus & Pliers gecovert wurde. In jenen Tagen besuchte Palmer auch das Black Ark Studio von Lee „Scratch“ Perry in Jamaika, in der Hoffnung, ein wenig vom Geist des ansässigen Reggae-Genies zu profitieren. Allerdings verlief die Session nicht wie erhofft: Die einheimischen Rastas hatten Spaß daran, den weißen Sänger zu ärgern, der von Perry produzierte Mix „Best of Both Worlds“ blieb unveröffentlicht (inklusive Dub), und am Ende erschien nur die Single B-Seite “Love Can Run Faster“. Nach dieser Folge stellte Palmer mit den Alben „Secrets“ und „Clues“ sowie dem Disco-Funk „Looking For Clues“ die Weichen für die Achtziger und die Chart-Highlights seiner Karriere: Rockgitarren, Prince-inspirierter Funk und schließlich The Power Station mit den Chic-Musikern Tony Thompson und Bernard Edwards sowie John und Andy Taylor von Duran Duran.
»Aber was wäre passiert, wenn an diesem Tag im Black Ark Studio alles glatt gelaufen wäre? Wenn Palmer an Jamaika und seinen Vibes festgehalten und all seine vergangenen und zukünftigen Hits in diesem legendären Studio produziert hätte?« fragt das Presse-Info von Echo Beach und das Label gibt auch gleich eine Antwort in Form des Albums »Palmer in Dub« (Echo Beach).
Mitgewirkt daran haben interessante Musiker: Schlagzeuger Achim Färber (Automat, Ben Lucas Boysen), Klangkünstler Max Loderbauer (Ambiq, Moritz von Oswald Trio), Bassist Zeitblom (Automat, Pole) und Ingo Krauss (Tonmeister, Teilmischung, ehemals Conny Plank Studio), und DEADBEAT (Scott Monteith) sowie Doug Wimbish.
Das Ergebnis ist – sagen wir mal: Interessant. Perry wäre damit sicher nicht d’accord gewesen. Abgesehen davon, das Robert Palmers mit Echos überhäufte Stimme nur stört, sind auch die Rhythms nicht wirklich gut geworden. Sie klingen schlicht monoton und uninspiriert. Der Sound wirkt stumpf und selbst der Bass entfaltet keine Dynamik. Erschwerend hinzu kommt, dass mache Songs bis zu drei mal (in leicht unterschiedlichen Mixen) auf dem Album wiederholt werden. Von dem Song »Jonny & Mary« gibt es sogar ein eigenes Remix-Album mit 8 Versionen des Stücks. Das Verrückte dabei: Es ist abwechslungsreicher als »Palmer in Dub«. Wir hier im dubblog lieben die Arbeit von Echo Beach, aber mit »Palmer in Dub« kann uns unser Lieblingslabel nicht überzeugen.