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Alborosie: Dub the System

Dub the System

Das musste ja so kommen: Alborosie ist so dermaßen ein in der Wolle gefärbter Old-School-Fanatiker, dass es für ihn geradezu Pflicht ist, einem Vocal-Album die Dub-Version folgen zu lassen. So hat man es schon in den 1970er Jahren gemacht, und so ist es auch 2013 gut. Also, her mit der Scheibe – die natürlich aus schwerem, schwarzen Vinyl besteht: „Dub the System“, dem Dub-Reworking des vor wenigen Monaten erschienenen Albums Sound the System (Greensleeves). Den alten Thorens hervor gekramt und die Nadel in die Rille. Tatsächlich! Musik – physisch und analog. Und was da aus den Lautsprechern schallt, passt perfekt zu dem fast vergessenen Vinyl-Ritual: nämlich klassische, analog gemixte und durch historisches Studioequipment veredelte Dubs. Keine neumodischen Spielereien, kein Dubstep, kein Steppers, keine digitale Elektronik – nur ein Man und sein Mischpult. Pupa Albo ist der Alleinunterhalter auf dieser Reise in die Sphären des originalen, jamaikanischen Dub. Es ist seine Musik durch und durch, denn er spielte nicht nur nahezu alle Instrumente selbst, sondern war auch recording engineer und natürlich auch Dub-Mixer (lediglich das Mastering überließ er Kevin Metcalfe in London). Wenn Alborosie an den Reglern sitzt, dann ist es keine Frage, wohin die Reise geht: Schon die ersten Takte – unverkennbarer Sly & Robbie-Sound – machen klar: das Album ist in jeder Note eine Huldigung an den Roots-Sound der späten 1970er Jahre, analog aufgenommen und durchweg handgespielt. Hall, Echo und das Ab- und Anschalten von Tonspuren sind hier die einzig erlaubten Effekte. Ein puristisches Setting, das allerdings schon einiger Ideen bedarf, um mehr als nur die bloße Reinkarnation des 70ies-Dub zu sein. Mehr sein bedeutet: ein Dub-Album, das der Tradition verpflichtet ist, aber unsere von 40 Jahren Dub-Erfahrung geprägte Hörgewohnheiten trotzdem zu überraschen vermag. Ist dem Sizilianer dieses Kunststück geglückt? Ich bin da nicht so sicher. Die Rhythms sind gut („Guess Who’s Comming to Dinner“ und „Zion Train“ sind darunter), die Kompositionen sind gut, die Arrangements sind auch gut und letztlich ist auch das Dub-Mixing nicht schlecht. Aber andererseits fehlt da noch etwas, um mich wirklich glücklich zu machen. Wenn das Wesen des Dub wirklich darin besteht, einen Track vollständig in seine Bestandteile zu zerlegen und zu seinem Kern, bestehend aus purem Drum & Bass, vorzudringen, um den Dub von dieser Basis aus neu aufzubauen, dann ist Alborosie nur die Hälfte des Weges gegangen. Dub the System könnte mehr Konsequenz vertragen. Nach meinem Geschmack, dürften die Dubs deutlich radikaler sein. Vielleicht scheute sich der Entertainer, der Pupa Albo zweifellos ist, sein Publikum herauszufordern, ihm die Harmonien und üppigen Arrangements zu verweigern und den unbekümmerten Spaß durch Faszination zu ersetzen. Vielleicht liebt er seine Musik aber auch zu sehr, um sie brutal zu beschneiden und umzubauen. Der Mut zu Destruktion hat ihm gefehlt – was bahnbrechende Dubs leider unmöglich macht, aber irgendwie trotzdem sympathisch ist.
Rating 4 Stars

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Tomas Hegert: Dub på Svenska

dub pa svenska

1964 erschien das heute legendäre Jazz-Album Jazz på Svenska (Jazz auf schwedisch). Auf ihm interpretierte der Pianist Jan Johansson alte schwedische Volkslieder als Jazz-Instrumentals. Es war ein in Schweden bahnbrechendes Album, das sich über eine Million mal verkaufte und die Entwicklung des skandinavischen Jazz stark beeinflusste. In einer dunklen Winternacht, 46 Jahre später, beschloss ein anderer schwedischer Musiker, Tomas Hegert, wahrscheinlich inspiriert vom minimalistischen, nur aus Klavier und einem tiefen, ruhigen akustischen Bass bestehenden Sound des Original-Albums, ein neues musikalisches Projekt zu starten: Jazz på Svenska in Dub! Nun liegt das Ergebnis als Download-Album vor und trägt den stolzen Titel Dub på Svenska. Es ist mit Abstand das spannendste und zugleich schönste Dub-Album, das mir in den letzten Monaten untergekommen ist. Kongenial setzt Hegert den warmen Sound von Johansson in fein arrangierte und zugleich kraftvoll-dynamische Dub-Beats um, die nicht selten von eher untypischen Instrumenten wie z. B. einer akustischen Gitarre bereichert werden. Die melancholisch-schönen Melodien der alten Volkslieder, von Johansson einst ausschließlich auf dem Klavier interpretierte, erklingen nun, von Instrumenten wie Xylophon, Akkordeon, Posaune, Melodika oder Geige gespielt, fast schwebend über dem erdenschweren Sound von Drum & Bass. Was in der Beschreibung ziemlich schräg klingt, ist in Wirklichkeit die perfekte Kombination zweier vermeintlicher Gegensätze: wie z. B. Schokolade und Chili – die Synästhesie zweier Welten. Einen ähnlichen Ansatz pflegen übrigens Hey-O-Hansen, mit ihrer Kombination tiroleser Bergmusik und Dub. Auch die Twinkel Brothers Inna Polish Stylee kommen mir in den Sinn oder Mahala Rai Banda mit ihrem Balkan Reggae. Auch wenn Puristen die Nase rümpfen, ich glaube, dass Dub genau dafür gemacht wurde: das Experiment zu wagen.
Rating 5 Stars

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Weeding Dub: Inna Digital Age

Inna Digital Age

Das ist mal eine interessante Selbsteinschätzung: Der Dub-Produzent Weeding Dub aus Lille verortet sich als „the missing link“ zwischen Mad Professor und Zion Train! Wow, das ist spezifisch. Ich hatte da eigentlich bisher keinen Link vermisst, aber jetzt, wo er da ist, muss ich sagen: Ich hätte ihn mir anders vorgestellt. Denn Weeding Dub steht weder für virtuoses Dub Mixing noch für ausufernde Exkursionen ins House-Genre. Ich sehe ihn eher in der Arena des Steppers. Dort fährt er zweifellos schweres Geschütz auf: pralle Beats, wuchtige Basslines und eine drängende, militante Aggressivität. Manchmal klingt sein neues Album „Inna Digital Age“ (Contol Tower Records) mir allerdings etwas zu 8-Bit mäßig, etwas zu mechanisch, etwas zu Old School-digital – aber das ist angesichts des Albumtitels offensichtlich ja Konzept. Was aber wirklich nicht so richtig funktioniert, sind die sechs eingestreuten Vocal-Tunes. Hier hat Weeding Dub bei der Auswahl einfach kein glückliches Händchen bewiesen. Mal klingt der Sänger wie ein Abiturient, der zum ersten Mal vor dem Micro steht, mal hat die Sängerin zwar engagierte, aber schlicht dumme Lyrics parat. Richtig gut funktioniert hingegen das Zusammenspiel mit Housman Horns, deren Bläsermelodien den cleanen Computerbeats ein wenig Wärme verleihen. Außerdem bietet der Housman-Track auch noch richtig gutes Dub-Mixing. Hier ist tatsächlich eine gewisse Nähe zu früheren Zion-Train-Aufnahmen herauszuhören. Mehr davon wäre gut gewesen.

My verdict: Brutal steppers-sound with a 8-bit-feel. That’s okay. But the singing is definitely not okay. What I liked most is the track with Housman Horns. I wished, there were more of this.
My Rating: 6 (out of 10)
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Linval Thompson & The Revolutionaries: Boss Man‘s Dub

Boss Man's Dub

Es soll ja Leute geben, die alte Original-Vinyl-Dub-Alben sammeln und für einzelne Werke bei Auktionen Unsummen ausgeben. Linval Thompsons & The Revolutionaries „Boss Man‘s Dub“ (Hot Milk) dürfte ein solches, teures Album gewesen sein, denn als es 1979 das Licht der Welt erblickte wurde ihm lediglich ein White-Labe-Pre-Release in minimaler Auflage zu Teil. Ein Sammler-Stück par Excellence, das fortan „The Lost 1979 Dub Album“ genannt wurde. Nun liegt es, ganz profan, als CD-Release vor und bietet 11 Produktionen aus der Feder Linval Thompsons, dessen Gesang auf manchen Tracks sporadisch zu hören ist. Produziert wurde es 1979, wahrscheinlich zeitgleich mit „Negrea Love Dub“  und „Outlaw Dub“. Wie diese wurde „Boss Man‘s Dub“ im Channel One Studio aufgenommen, doch anders als bei den vorgenannten, ist nicht klar, wo und vom wem das Album gemischt wurde. Musikalisch liegt es natürlich, wenig überraschend, sehr nah bei den beiden Schwester-Alben. Der Dub-Mix ist absolut klassisch, kein herausragendes Meisterwerk, dessen Urheber unbedingt ergründet werden müsste. Hervorzuheben wären allerdings die exzellenten Linernotes von David Katz, der nicht nur (allerdings vergeblich) versucht, Licht in das Dunkel der Entstehungsgeschichte des Albums zu bringen, sondern in seinem Text en passant auch die Genese des Dub und die Biographie von Linval Thompson zum Besten gibt. Respekt.

My verdict: A classical, rare album from 1979. Sounds similar to „Negrea Love Dub“  und „Outlaw Dub“. It’s okay, but not worth the fuss. The liner notes are brillant.
My rating: 6 (out of 10)
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Dub Club: Signs & Wonders in Dub

Dub Club

Wir alle lieben den Dub-Sound der 70er und frühen 80er Jahre, oder? Wir alle haben Stunden, Tage, Wochen, ja Monate damit zugebracht, die Dubs der Fatman Riddim Section, der Revolutionaries, der Roots Radics und all der anderen jamaikanischen Studio-Heroen anzuhören. Es war der perfekte Sound zu seiner Zeit. Die Epoche des klassischen Dub – ein abgeschlossenes, historisches Ereignis. Im gegenwärtigen Zeitalter des Eklektizismus, ist es diese Epoche, die mit Vorliebe zitiert, gesamplet und, ja auch geplündert wird. Doch das, was Postmodernisten wie Prince Fatty, Dubmatix oder Alborosie aus den Steinen jener Epoche heute bauen, ist eine Interpretation jener Zeit, ein Reflex auf sie, vielleicht auch eine Huldigung, aber es ist etwas neues, zeitgemäßes, eigenständiges. Welchen Sinn hätte es, die Musik der goldenen Ära einfach nur zu kopieren? Besser als das Original kann die Kopie nicht sein. Also, welche Daseinsberechtigung hat sie? Diese Frage stellte sich Tom Chasteen wahrscheinlich nicht. Seit dem Jahr 2000 betreibt er in Los Angeles den Dub Club, der sich ganz dem Rub-A-Dub-Sound verschrieben hat. Irgendwann besann sich Chasteen, dass die Foundation-Artists, deren 45s er wöchentlich auf den Plattenteller legte, arbeitslos in Jamaika abhingen und nur allzu bereit wären, für ein paar Dollar Songs für den Dub Club einzuspielen. Also organisierte Chasteen Sessions in LA und Jamaika, Rhythms für das Projekt aufzunehmen. Das Ergebnis war das Album „Foundation Come Again“ (siehe letzte Riddim). In alter Sitte wurden aus den Rhythms auch zwei Dub-Alben generiert: „Signs & Wonders in Dub“ und „Bubble Dub“, die nun beide zusammen – etwas verwirrend – unter dem Titel „ Signs & Wonders in Dub“ (Stones Throw Records) als digitaler Download zur Verfügung stehen. Darauf zu hören gibt es eine Menge klassischer Riddims, exakt nachgespielt im authentischen Sound. Ich bin nicht der Meinung, dass die Welt diese beiden Alben gebraucht hätte, muss aber andererseits zugeben, dass es schon Spaß macht, sie im Hintergrund laufen zu lassen. Na ja, geistiger Anspruch und des Fleisches Lust sind nicht immer der gleichen Meinung – sozusagen.

My  verdict: The album is an exact reincarnation of the Rub-A-Dub-Style. Nothing more. But who want’s a mere copy, when the original is still available?
My rating: 5 (out of 10)
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Robo Bass HiFi: 16 Bit Skanks

16 Bit Skanks

„Robo Bass HiFi zelebriert aktuellen Elektro-Reggae-Sound in allen Facetten. Angefangen von Roots und Dub über Dubstep/Drumstep bis zu Future Jungle, UK-DIGITAL und D’n’B findet sich alles in ihrem Repertoire“ – so der Info-Text zum neuen Projekt von Fluxer M. a. k. a. Markus Kammann a. k. a. Robo Bass HiFi. Uff, dem muss man erst mal folgen können. Gemeint ist damit ein recht hybrider Sound, der meines Erachtens irgendwo zwischen Major Lazer und Jungle liegt, dabei gelegentliche (mit Reggae-Offbeats gefüllte) Breaks einschiebt und gesamplete Vocals von Cutty Ranks oder Bounty Killer darüber streut. Nun liegt das erste Album mit diesem Sound vor: Robo Bass HiFi, „16 Bit Skanks“ (Select Cuts). Hochenergetisch das Ganze und vollgestopft mit verrückten Ideen. Sofern man sich nicht gerade in einem Zustand ekstatischer Verzückung befindet und in der Lage ist, dem musikalischen Feuerwerk bewusst zuzuhören, kann man nur staunen über die unzähligen Schichten an Sounds, die hier übereinander liegen, die sich im Dub-Mix unentwegt abwechseln; und immer dann, wenn man glaubt, zu wissen, was gerade gespielt wird, wieder von neuem überraschen. Als Dub-Purist kann man dieses musikalische Inferno für überproduziert halten – ich halte es für aufregend und schätze es sogar sehr, nach dem Konsum der Bass-Lawinen anderer Dub-Produktionen, die Ohren mal so richtig mit schnellen Beats durchgepustet zu bekommen.
Nach den ersten sechs Tracks des Albums wandelt sich der Sound übrigens ganz erheblich. Der Sturm und Drang des ersten Teils verflüchtigt sich zugunsten eher klassischer Reggae-Beats, denn Track 7 bis 14 sind Remixe von Stücken aus dem Echo Beach Back-Katalog. So erfahren z. B. Dubmatix, Groove Corporation oder Dubblestandart das Robo Bass-Treatment, was – und das muss leider konstatiert werden – ein wenig zur Masche gerät. Eingestreute Schranz-Passagen, verzerrte Basslines und Brutalo-FX fügen sich nicht sonderlich harmonisch in die vorhandenen, sehr guten Produktionen – verwandeln sie andererseits aber auch nicht in neue Kreationen. Auf mich wirkt das irgendwie halbherzig.
Markus Kammann, der schöpferische Geist hinter diesem Projekt, hat übrigens eine spannende Biografie: 1988 gründete er die legendäre Wuppertaler Beatbox und 1990 dann Groove Attack. Ich bin sehr gespannt, ob das Robo Bass HiFi Soundsystem auch so eine Erfolgsgeschichte wird.

My verdict: A hybrid sound somewhere between Major Lazer and Jungle with lots of reggae-offbeats – always changing, always surprising, always full of ideas. The second half of the album looses it’s power.
My rating: 8 (out of 10)
Check it out: Juno

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earlyW~Rm: Dub Device

Dub Device

Ich bin immer wieder erstaunt, wie vielfältig das Genre Dub ist. Selbst ein Sub-Genre, müsste es der Logik nach eher ein recht beschränktes Spielfeld haben. Natürlich ist das Prinzip des Dub im Sinne eines Remix universell, doch auch in seinem engeren Sinne, als Spielform von Reggae, bringt Dub stets neue Klänge und Konzepte hervor. Schönes Beispiel dafür ist das neue Album „Dub Device“ (Renegade Media) von earlyW~Rm: obwohl stricktly Laptop-Dub, eröffnet es doch bisher unerhörte Klangwelten. Mich lässt der Sound an große, schwerfällig-träge Maschinen denken, die stoisch und unaufhaltsam ihre rhythmische Arbeit verrichten. Jeder Track wirkt wie ein kurzer Ausschnitt aus einem immer währenden, träge rollenden Beat. Ein Ausschnitt aus der Unendlichkeit. Obwohl vom Old School-Dub inspiriert, hat der Sound etwas futuristisches: Elektronische Klänge voller Erdenschwere – ein reizvoller Kontrast.
Der frühe Wurm produziert seine merkwürdig postindustriellen, retro-futuristischen – manchmal entfernt an Mad Professor erinnernden – Klänge übrigens in Toronto, wo auch Dubmatix sein Unwesen treibt. Vor exakt 10 Jahren schuf er seinen ersten Dub, nachdem er sich durch Funk, R & B, Acid Jazz, House und Drum & Bass gearbeitet hatte. Acht Jahre dauerte es, bis schließlich 2011 sein Debut-Album „Natty Droid“ erschien. Der typische earlyW~Rm-Sound war hier bereits voll entwickelt, nur die Konsequenz, mit der er ihn in Rhythms gießt, ist auf „Dub Device“ noch ausgeprägter. Ein faszinierendes Album, und ich hoffe sehr, dass wir von earlyW~Rm noch viel zu hören bekommen, bevor der frühe Vogel ihn frisst.

My verdict: Although stricktly laptop-dub, it opens up unheard worlds of sound. Each track is like a snippet from a perpetual, slow rolling beat.
My rating: 8,5 (out of 10)
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Sattatree: Human Legalization

Sattatree

Es ist heutzutage schon eine ziemliche Seltenheit, dass ein Album seine Dub-Version gleich mitbringt. Sattatrees neues Werk „Human Legalization“, das als Doppel-CD erscheint, hat den Dub-Mix direkt mit im Digipack. Ein Blick auf das Label-Logo lässt erahnen, woher die Liebe zum Dub rührt: One Drop – es ist das Label von Aldubb, der das Album aufgenommen und gemixt hat. Logischerweise stammen auch die Dubs aus seiner Feder. Und logischerweise sind Sound und Dub-Mix superb: Schön Old-School, dennoch druckvoll und in klassischer Manier gemixt. Da gibt‘s nix zu meckern – wenn da nicht der Live-Sound der Band wäre. Vielleicht bin ich zu dogmatisch, aber von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen (wie z. B. Dub Syndicates „Pounding System“, Dub Trio, Trance Hill & Umberto Echo), darf Dub nicht live gespielt klingen. Was In der Vocal-Version absolut stimmig ist, führt als Dub bei mir zu Irritationen. Dub als reine Studiomusik muss tight, pur und direkt klingen. Der „luftige“ Sound einer Bühne passt mir da einfach nicht ins Konzept. Erschwerend kommt hinzu, dass die Sattatree-Backings alleine, ohne den Gesang, nicht genug Standing haben. Die Rhythms sind gut, solange sie einer Gesangsstimme dienen. Auf sich alleine gestellt, fehlt ihnen jedoch die Kraft und vielleicht auch die kompositorische Raffinesse. Da ein Dub sich auf das Wesentliche beschränkt, so müssen die wenigen Elemente, aus denen er besteht, besonders stark sein. 90 Prozent der Backings, die im Mainstream-Reggae Einsatz finden, sind für Dubs ungeeignet – so meine (gewagte) These. Womit vielleicht auch erklärt wäre, warum moderner Dub heute nur noch selten das Derivat eines Reggae-Songs ist. Ein Dub ist ein Dub – und zwar von Anfang an. Deshalb fasse ich mal kühn zusammen: „Human Legalizaion“ mag ein gutes Vocal-Album sein, ein gutes Dub-Album ist es leider nicht.

My verdict: Good dub-mixes, but I don’t like the live-atmosphere of the sound. The rhythms are also a bit weak.
My rating: 5,5 (out of 10)
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Dreadzone: Escapades

Escapades

Als ich Dreadzone Anfang der 1990er Jahren zum ersten Mal hörte, war es so etwas wie ein Erweckungserlebnis für mich. Dub wies hier erstmals deutlich über den Horizont des Genres hinaus. Dreadzone fusionierten Reggae, Dub, Elektronik und das, was damals „Leftfield“ genannt wurde, zu einem ungemein harmonischen Ganzen, dem typischen Dreadzone-Sound, der gänzlich neu und aufregend war. Folgerichtig ließ die Band den Reggae-Kontext schnell hinter sich, unterschrieb bei Virgin Records und verzeichnete 1996 mit „Little Britain“ sogar einen veritablen UK-Charts-Hit. Wahrscheinlich war kaum einem der damaligen Käufer klar, dass er eine Dub-Platte erwarb. Zu sehr war die Dub-DNA verborgen unter vielschichtigen Rhythmen, genrefremden Melodien (die eher an Folk, denn an Reggae denken ließen) und ungewöhnlichen Instrumentierungen. Nun, 20 Jahre nach Gründung der Band, und 17 Jahre nach „Little Britain“ erscheint das neue Album der Briten: „Escapades“ (Dubwiser Records). Inzwischen ist der Dreadzone-Sound, an dem die Band um Greg Roberts und Leo Williams unbeirrt fest hält, längst nicht mehr so spannend wie vor 20 Jahren. Zudem ist in der Hälfte der Stücke des neuen Albums die bisher so wohl gehütete Dub-DNA verloren gegangen. Sie musste Pop- und Rock-Genen weichen, aus denen ein paar ziemlich kommerziell anmutende Tracks (z. B. „Too Late“, Feat. Mick Jones) hervorgegangen sind. Schlimm! – Aber da wäre ja noch die andere Hälfte von „Escapades“, immerhin fünf Stücke, die bewahrt haben, wofür Dreadzone zwei Dekaden lang stand. Genannt seien hier die Songs „Rise Up“ oder „Next Generation“, beide mit Vocals von Earl 16. Auch wenn der Sound in den 90ern stecken geblieben scheint („Next Generation“ könnte auf dem Album „Second Light“ von 1996 veröffentlicht worden sein), so handelt es sich doch um gut gemachte Songs mit starken Melodien, ordentlich Reggae-Offbeat und dem klassischen Dreadzone-Dub-Feel. Was gibt‘s daran auszusetzen? Das Problem liegt wahrscheinlich weniger bei Dreadzone, als bei mir, dem ehemaligen Dreadzone-Verehrer, der dem neuen Album mit zu hohen Erwartungen begegnet. Wäre Dreadzone seinerzeit nicht so wahnsinnig „Avantgarde“ gewesen, dann würde es mich jetzt nicht so schmerzen zu erkennen, dass sie mit ihrer aktuellen Musik der Zeit hoffnungslos hinterher hinken. Es ist nicht fair, aber Dreadzone bewerte ich mit sehr hohem Maßstab. Wie sonst sollten wahre Innovatoren gemessen werde? Und hier ist Dreadzone vom Giganten zum Zwerg geschrumpft. Leider.

My verdict: Half of the album isn’t dub anymore. The other half is quite good, but doesn’t satisfy my super high expectations. Dreadzone seems to be stuck in the 90ies.
My rating: 5 (out of 10)
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Abassi All Stars: Dub Conference

Dub Conference

Dub ist ja bekanntermaßen die Mutter aller Remixe. Auf die Idee, den Remix zu remixen, kamen vor Neil Perch schon andere, doch der UK-Dub-Pionier setzt diese Idee mit seiner seit 2009 laufenden Reihe „Abassi All Stars Meet …“ bisher am schönsten um. Die Reihe besteht aus inzwischen elf 7“-Singles aus farbigem Vinyl, die jeweils zwei Dub-Versionen eines Rhythms präsentieren: auf der einen Seite die Version von Neil Perch, auf der anderen die eines befreundeten Dub-Produzenten. Nun liegen die elf A-Seiten mit den Versionen von Neil schön handlich gebündelt in Form des neuen Albums der Abassi All Stars vor: „Dub Conference“ (Universal Egg). Die spannende Möglichkeit, zwei Versionen eines Dubs miteinander vergleichen zu können, besteht in dieser Form zwar leider nicht mehr, aber die hier versammelten elf Tracks sind so gut, dass es schade wäre, aus Platzgründen nur die Hälfte von ihnen hören zu können (eigentlich wäre ein Dub-Doppelalbum hier perfekt gewesen). Ich bin von der Dub Conference, die Neil Perch hier mit seinem Alter Ego, den Abassi All Stars, abhält, ziemlich begeistert. Alle Tracks basieren auf kraftvollen, abwechslungsreichen und sehr schön melodischen Produktionen, die Neil entweder im Alleingang oder als Co-Produktion realisiert hat. Bereits der erste Track, „New World Dub“, der zusammen mit den Vibronics entstanden ist, gibt mit seiner melodiösen, geradezu hüpfenden Bassline die Marschrichtung Soundsystem vor. „Acropolis Dub“ schließt nahtlos an und protzt mit einem beeindruckenden, an Dubstep gemahnenden, verzerrten Bass. „Solar System Dub“ lässt mich mit seinem extrem akzentuierten Offbeat und den Elektro-Anklängen unweigerlich an frühe Zion Train-Produktionen denken. Ebenso der Track „African Pressure“, in dem die House-Elemente noch präsenter sind. Auch „Better Collie“ zählt zu meinen Favoriten: Zu einem heftigen Steppers-Beat mit wobbelnder Bassline erläutert Longfingah wortreich die Vorzüge guten Ganjas, bevor der Tune in einen beeindruckenden Dub durchstartet. Obwohl alle Tracks nah am UK-Steppers gebaut sind, vermeiden sie ausgetretene Pfade und glänzen statt dessen mit Ideenreichtum und starken Kompositionen. Gutes Sound System-Material, das auch zuhause funktioniert – sofern die Lautsprecherboxen groß genug sind!

My verdict: Strong dubs, great compositions. Made for soundsystems but avoids the UK-steppers cliché.
My rating: 7,5 (out of 10)
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