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Ghost Dubs: Damaged

Das waren noch Zeiten, als Rhythm & Sound Ende der Neunziger bis Mitte der Nullerjahre mit der Fusion von Dub und Techno experimentierte. Seit dem Niedergang des Labels Burial Mix ist es ruhig geworden um diese Spielart des Dub. Natürlich gibt es Minimal-Techno-Produktionen, die unter dem Label „Dub“ vertrieben werden, aber es handelt sich dabei immer um Techno-Rhythmen, die nach Dub-Prinzipien produziert und gemixt werden. Bei Rhythm & Sound war es genau umgekehrt: Mark Ernestus und Moritz von Oswald spielten klare – wenn auch minimalistische – Reggae-Beats und mischten sie so reduziert, repetitiv und düster wie Minimal Techno. Das hat mir damals unheimlich gut gefallen. Die hypnotische, fast metaphysische Kraft der Musik hat mich tief beeindruckt. Zehn Jahre später trat Michael Fiedler, auch bekannt als Jah Schulz, auf den Plan und widmete sich dem stilistischen Erbe des Techno-Dub. Zunächst noch stärker an Steppers orientiert, dann aber immer tiefer, minimaler, konsequenter. Die beiden LPs „Dub Over Science“ und „Dub Showcase“ gaben einen deutlichen Vorgeschmack auf das, was Michael Fiedler nun unter dem Pseudonym Ghost Dubs mit seinem aktuellen Album „Damaged“ (Pressure) präsentiert. Lemmi fragte sich in seinem Kommentar bereits, „ob das wirklich noch unter dem Oberbegriff „Musik“ laufen kann, oder ob es sich nicht eher um Testtöne für Basslautsprecher handelt“. Hehe, das ist irgendwie eine genial passende Frage, denn Michaels Dubs sind so unfassbar minimalistisch, so unfassbar basslastig, so unfassbar slow motion, dass er damit wohl tatsächlich in einen Grenzbereich der Musik vordringt. Es scheint ihm mehr um das totale Erlebnis des reinen, abstrakten Sounds zu gehen, als darum, uns ein Musikstück im klassischen Sinne zu Gehör zu bringen. Dazu trägt auch das unglaubliche Mastering von Stefan Betke bei, das dem Sound eine gigantische Präsenz verleiht. Unverzichtbar sind auch das von Rhythm & Sound etablierte Rauschen und Vinylknistern sowie dieser dumpfe Unterwassersound. Das sind genau die Zutaten, die es braucht, um diese deepe, wattige und warme Atmosphäre heraufzubeschwören. Doch Atmo ist nicht alles, denn die wichtigste Zutat von „Damaged“ ist zweifellos der stets (zumindest latent) präsente Offbeat, der diese „Testklänge“ knapp, aber eindeutig im Genre des Dub verankert. Auch wenn Puristen und „Dub Connoisseurs“ wie Lemmi ein wenig die Nase rümpfen, muss ich gestehen, dass „Damaged“ für mich so etwas wie die Essenz des Dub verkörpert. Das Destillat aus 50 Jahren Bassmusik. Nur ein Quentchen weniger und es wäre kein Dub mehr, sondern wahrscheinlich ein Testton für Basslautsprecher.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Acoustic Vibes: Dub The Palace Prince Back Home

Heute werde ich den Beweis antreten, dass Reggae/Dub alle Kontinente der Erde erfasst und fest im Griff hat. Vom Südpazifik geht es direkt nach Schweden, in den hohen Norden der nördlichen Hemisphäre.

Vor einigen Jahren wandte sich Ras Teo, ein gebürtiger Schwede armenischer Abstammung, mit der Frage an Magnus „Daddy Natural“ Hjalmarsson: „Warum arbeiten wir nicht zusammen?“ Der Grund dafür war, dass der in Kalifornien lebende Ras Teo nach Hause kommen und ein Album mit schwedischen Musikern aus seiner Heimatstadt Uppsala machen wollte. Der Bassist, Produzent und Mann hinter dem Label King Solomon Productions ist Magnus „Daddy Natural“ Hjalmarsson. Er gehört zu den Gründungsmitgliedern der schwedischen Reggae-Pioniere Natural Way, die 1995 ein 17-Track starkes Album mit dem Titel „1924“ veröffentlichten. Also ließ „Daddy Natural“ seine Beziehungen spielen, trommelte ein paar Musiker zusammen und das Projekt „Coming Home“ mit Teodik Hartoonian alias Ras Teo konnte starten. Apropos Trommeln: Am Schlagzeug sitzt „Daddy Naturals“ Sohn Teodor Lindström alias „Junior Natural“. Der Kern von The Naturals besteht also aus Musikern aus Uppsala. Für die Backing Vocals sind einige schwedische Reggae-Acts wie z.B. Papa Dee und andere verantwortlich. Internationale Gesangsunterstützung kommt von Ashanti Selah und Roberto Sanchez, über dessen Label A Lone-Ark das Album vertrieben wird. Gleiches gilt für die Bläsersektion, die von Zoe Brown, Patrick „Aba Ariginal“ Tenyue und Trevor Edwards unterstützt wird.

Nach „Ras Teo & The Naturals: Coming Home“ folgt nun das Dub-Pendant „Acoustic Vibes: Dub The Palace Prince Back Home“ (King Solomon Records). Schon der erste Track „Dubkind“ beginnt mit einem schönen Nyahbinghi-Drumming, begleitet von einigen sehr schönen Flötenpassagen, die sich durch den ganzen Track schlängeln. Die eigentliche Magie des zweiten Tracks „Dub Timer“ kommt durch die Anklänge an andere Genres, wie z.B. die aus dem Jazz bekannten Blue Notes, die durch die Bläser ins Spiel gebracht werden. Natürlich könnte ich jetzt in diesem Stil weitermachen, aber ich möchte, dass ihr noch etwas zu entdecken habt. Das Album enthält unglaublich viele weiche, warme, soulige oder einfach nur schöne Klänge. Die Rhythmussektion ist immer pointiert, die gesamte Instrumentierung ist fantastisch. Butterweiche Leadgitarrenläufe, stoische Basslinien, wohltemperierte Bläser und eine etwas schräg klingende elektrische Orgel runden diesen herrlichen Sound perfekt ab.

Alles in allem ein Album, das ich schon viele Male mit wachsender Begeisterung gehört habe. „Dub The Palace Prince Back Home“ ist eine großartige Leistung aller Beteiligten. Es ist ein musikalisch mitreißendes Projekt, das von Roots über Dub zu Jazz, Soul und Nyabinghi und wieder zurück pendelt. Keine leichte Aufgabe, die hier aber mit Bravour gemeistert wurde. Gemastert wurde das Album von Tomas Boden, der hier sein ganzes Können zeigt und uns diese atemberaubende, nordisch unterkühle Platte schenkt. Ich mag diesen Sound – lasst ihn einfach auf euch wirken.

Bewertung: 4.5 von 5.

Trivia: Bisher wusste ich nicht, dass Ras Teos Familie direkte Verbindungen zu Haile Selassie I hatte. Laut Ras Teo wurde seine Familie nach dem Völkermord an den Armeniern 1915/16 von Haile Selassie aufgenommen und versorgt.

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Christoph El‘ Truento: Dubs From The Neighbourhood

Nach „Dubbin‘ Darryl: Textures“ folgt nahtlos ein weiteres Album aus dem Südpazifik, genauer gesagt aus Aotearoa, der heute am weitesten verbreiteten und akzeptierten Maori-Bezeichnung für Neuseeland. Christopher Martin James alias Christoph El‘ Truento ist für uns im Dubblog seit seinem Album „Peace Maker Dub“ kein unbeschriebenes Blatt mehr. Inzwischen hat sich Christoph El‘ Truento zu einem der besten Produzenten Aotearoas gemausert. Egal in welchem Genre – sein außergewöhnlicher Stil umfasst viele – El‘ Truento beweist immer wieder, dass es ihm in Fleisch und Blut übergegangen ist, denn er wandelt zielsicher durch die Genres und macht sie sich schlafwandlerisch zu eigen. Mit seinem neuen Album „Christoph El‘ Truento: Dubs From The Neighbourhood“ (Haymaker Records) macht er dort weiter, wo er 2019 mit dem Aotearoa Dub-Klassiker „Peace Maker Dub“ aufgehört hat und zollt den Erfindern des Dub durch seine einzigartige südpazifische Brille erneut Tribut. Das mit Spannung erwartete neue Album „Dubs From The Neighbourhood“ nimmt uns wie sein Vorgänger mit auf eine musikalische Reise, die von Roadtrips durch Kleinstädte, Sonnenschein, einsamen Stränden und tiefgrünen Urlandschaften inspiriert ist. Die Hörer erwartet ein an Komplexität gereifter Sound. Zu hören ist das klangliche Spiegelbild eines Künstlers, der ein Stück älter, reifer und weiser geworden ist. Während die idyllische Landschaft auf dem Cover typischerweise mit unbeschwerter Freude assoziiert wird, fügt das Album Details und Texturen hinzu, die auf die unvermeidliche Kehrseite von Trauer und Verlust hinweisen, die uns auf den Reisen und Unwegsamkeiten des Lebens widerfahren.

Insgesamt sind die Tracks des Albums stark vom Sound der 70er Jahre geprägt, haben aber gleichzeitig den einzigartigen psychedelischen Lo-Fi-Touch des Künstlers im modernen 2024-Stil. Lokale Einflüsse und der angenehm warme Sound des Dub-Maestros erweitern die Klangpalette. So erklingt im vorletzten Track des Albums „Things Done Changed“ eine Lap Steel Guitar, besser bekannt als Hawaii-Gitarre. Der Titeltrack erinnert an Perrys Arbeitsweise im Black Ark Studio und „Pep The Conqueror“ ist ein Remake des Cornell Campbell Klassikers „The Gorgon“, der einst auf Bunny ‚Striker‘ Lees Attack Label erschien. Wie schon auf dem Vorgängeralbum darf El‘ Truentos Sohn Pep auch diesem Klassiker seine Stimme leihen. Mit „Dubs From The Neighbourhood“ lässt El‘ Truento den Hörer von entspannten Sommertagen träumen, an denen man mit Freunden und einem guten Doobie am Strand oder am Flussufer abhängt und Gott einen guten Mann sein lässt. Auch Liebhaber des klassischen jamaikanischen Dub kommen auf ihre Kosten.

Bewertung: 4 von 5.
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Dubbin‘ Darryl: Textures (EP)

Reggae und sein Subgenre Dub haben sich bekanntlich über den ganzen Globus verbreitet und so ist es nicht verwunderlich, dass auch aus „Down Under“ hochinteressante Reggae & Dub Alben erscheinen (siehe Rezension „Nachur“). Nachdem die Springtones bereits die Reggae-Version des Kings Go Forth Kulthits „High On Your Love“ als One Drop und Dub-Version veröffentlicht hatten, folgte die Dad Bod Dubs Interpretation von „Sweet Dreams“ der Eurythmics. Präsentiert wurde das Ganze vom australischen Dub-Label Cry No More Recordings, das nun das Debütalbum von „Dubbin‘ Darryl: Textures“ veröffentlicht.
Inspiriert von der funkigeren Seite des instrumentalen Reggae, verleiht Dubbin‘ Darryl Keyboards, Orgel und Melodica seine ganz eigene Note und schafft so ein fesselndes musikalisches Erlebnis.
Die EP „Textures“ ist eine nur vier Songs umfassende psychedelische Reise durch Dub-Rhythmen mit supercoolen Jazz-Vibes. Dubbin‘ Darryl zeigt uns überzeugend, dass er mühelos tief in eine Welt aus Echos eintauchen kann. Direkt aus einem Schuppen in Witchcliffe, Südwestaustralien, kommt er mit einem eindringlichen Schwall halliger Echos über perlenden Percussions und groovenden Guiro-Beats. Darryl, der auch als Schlagzeuger der Improvisations-Dubband Dad Bod Dub bekannt ist, lässt sich von der funkigeren Soul-Seite des instrumentalen Reggae inspirieren und fügt mit verfremdeten Keyboards, Orgel und Melodica seine eigene musikalische Note hinzu. Heute nur ein Beispiel: „Muckaround Dub“ klingt, als hätte der legendäre Lee ‚Scratch‘ Perry seine magischen Finger mit im Spiel gehabt. Oder ist es doch nur ein sirenenartig gedubter Hahn, der aus den Feldern widerhallt?


„Textures“ ist die dritte Veröffentlichung des neuen australischen Dub-Labels Cry No More Recordings das von den Lebenspartnern Kellie Bennett (Bass, Guitar, Horn Samples & Production) und Clay Chipper (Beats, Guitar, Keys, Horn Samples & Production) gegründet wurde. Hier können sie ihrer Liebe zu Reggae- und Dub-inspirierten Klängen mit einer Prise Soul und Funk frönen.
Was mir zusätzlich größten Respekt abverlangt ist die Tatsache, dass alles nachhaltig produziert wird. Kellie und Clay sind der Meinung, dass gute Musik nicht die Welt kosten muss, deshalb pressen sie auf 100% recyceltem Vinyl, verwenden recycelte Verpackungen und betreiben ihr kleines Unternehmen mit Solarenergie. Außerdem respektieren und unterstützen sie die Ältesten der Whadjuk und die Gemeinschaften der First Nations. Raspekt!

Bewertung: 4 von 5.
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Bazille Noir: Goes Dub

Auf meinen gelegentlichen Streifzügen nach neuer Musik bin ich eher zufällig auf das Album „Bazille Noir Goes Dub“ gestoßen.

Das Projekt besteht in erster Linie aus dem in Hamburg beheimateten Produzenten und Musiker Jens Paulsen, der seit 2001 Musik unter dem Namen „Bazille Noir“ und in den letzten Jahren vermehrt unter „Paulsen & Stryczek“ veröffentlicht hat. Für dieses Dub-Album hat er sich mit dem Bassisten und Keyboarder Matthias Zoeller zusammengetan. Beides sind für mich unbekannte Namen und ich habe nicht näher nach Infos gesucht. Die Musik soll sprechen. Veröffentlicht wurde das Album digital auf dem Label Lemongrassmusic, das für mich bisher eher für Ambient-, Downtempo-, Electronic- oder Chillout-Veröffentlichungen stand. „Goes Dub“ vermag mich dabei sehr zu überzeugen, doch die neun Tracks beinhalten leider auch Musik, die ich gerne wegzappe, aber dazu später mehr. Es ist eher ein experimentelles Herangehen an die Thematik Reggae und Dub, was die beiden machen und genau das gibt durchaus gelungene und reizende musikalische Ergebnisse.

Der Opener „Mutualism“ beginnt mit einem entspannten, deepen Reggae-Groove-Bass, mit Bassdrum-Akkzenten auf 2 und 4, wo mir insbesondere die Hi-Hat-Arbeit sehr positiv auffällt. Auch die Basslinie ist gelungen, einzig die eingespielten Stimm-Samples, bräuchte ich nicht unbedingt. Die vom Baritonsaxophon dominierten Bläser-Arrangements, die ab der Mitte des Songs dezent, aber seidenfein dazukommen sind erste Sahne. Und mein Herz erfreut’s, denn der Song hat ein Ende und kein Fadeout. Weiter geht es mit „Rainmaker“, der in ähnlichem Stil weitergeht, Deepbass vom Feinsten. Dazu muss ich feststellen, dass der Mix und die benutzten Effekte sehr gekonnt, unaufdringlich und songdienlich daherkommen. Als Blasinstrument fungiert hier aber eine Flöte, die eher spärlich zum Einsatz kommt – also genau richtig dosiert. Auch der dritte Track passt. Es wird jedoch vom Sounddesign her etwas elektronischer und Keyboard-Arpeggios und -Delays stechen erstmal heraus, aber auch eine fette Hammond-Orgel, eine fast minimalistisch eingesetzte Trompete und eine schüchterne E-Gitarre haben ihre Auftritte. Bis jetzt bin ich begeistert und erahne bereits Ende Mai einen Anwärter auf das Album des Jahres.

„Blues Skank“ kommt dann, zwar erst nach einem gut einminütigen Intro, mit einem für meine Ohren aber zu plumpen House-Beat daher, ansonsten immer noch okay, die Gitarre ziemlich inspiriert sogar, aber eben, dieser Beat geht für mich gar nicht. Ich weiss, dass das Geschmackssache ist und es wird sicher Hörer:innen geben, die das mögen, vielleicht sogar bevorzugen, egal. So geht es dann (leider) die nächsten zwei Songs weiter.

Die drei abschliessenden Tracks sind wieder ganz in meinem Sinne. Insgesamt ist die Ästhetik des Werks sehr schön ausgewogen und kompakt gehalten. Alles passt zusammen, ich bemerke ein Konzept, ein richtiges Album aus einem Guss, das ich, abgesehen von den erwähnten drei mittleren Songs, mittlerweile schon ziemlich oft durchgehört habe. An zwei drei Stellen fantasiere ich mir sogar Anleihen am Sounduniversum von Dub Spencer & Trance Hill dazu. Durchweg ein bemerkenswert gut gelungenes Werk, das von mir dennoch nicht die Höchstnote bekommt – aber das ist reine Geschmackssache. Meinen Respekt und Goodwill haben die beiden Macher jedenfalls in hohem Maße.

Bewertung: 4 von 5.
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Alborosie: Dub Pirate

Die Dub-Alben von Alborosie haben mich bisher selten überzeugt. Natürlich bewundere ich seine technischen Fähigkeiten und auch seine Fixierung auf analoges Equipment ringt mir Anerkennung ab. Aber seine bisherigen Dub-Alben wirkten mir zu sehr nach Lehrbuch ausgeführt. Es fehlte Kreativität, Spannung und vor allem die Absicht, die Regeln des guten Geschmacks außer Kraft zu setzen. Vielleicht waren auch die den Dubs zugrund liegenden Produktionen nicht stark genug. Genau das jedenfalls vermeidet Alborosie bei seinem neuesten Dub-Werk: „Dub Pirate“ (Evolution Media), denn es basiert auf dem herausragenden Album „Soul Pirate“ aus dem Jahre 2008, mit dem ihm bekanntlich der Durchbruch als Reggae-Artist gelang. Zu Recht, denn es ist nach wie vor ein brillantes Album, von dem es allerdings bis zum heutigen Tag keine Dub-Version gab. Verrückt, da Alborosie doch ein großer Liebhaber von Dub und Studioarbeit ist. Wir wissen nicht, was ihn nun, 18 Jahre später, veranlasste, sich die alten Tracks zu schnappen und Dubs daraus zu mixen – natürlich mit seinem historischen Studio Equipment, das zuvor King Tubby oder Coxsone Dodd gehörte. Alborosie nutzt übrigens nicht nur das Equipment dieser Legenden, sondern pflegt natürlich auch die Ästhetik seiner großen Vorbilder. Daher verwundert es nicht, dass „Dub Pirate“ ganz im Stile King Tubbys gemischt wurde. Großzügig eingesetzte Echoeffekte, meisterhafte Manipulation von Hoch- und Tiefpassfiltern, virtuoses An- und Abschalten diverser Instrumentalspuren sowie teils heftige Klangmanipulation. Auf „Dub Pirate“ geht Alborosie viel rabiater, ja geradezu radikal mit den Originalaufnahmen um. Kein Vergleich zu seinen späteren Dub-Alben. Vielleicht brauchte es die historische Distanz zum Material, um „destruktiv“ damit umzugehen. Die Dubs von „Dub Pirate“ sind jedenfalls alle bemerkenswert, all Killer, no Filler. Trotzdem stechen einige besonders hervor. Z. B. „Still Dub Blazing“, mit den starken Echoeffekten auf der Gitarre, die eine surreale und packende Atmosphäre schaffen. Oder „Precious Dub“, ein Stück, das den Fokus geschickt auf die Bläsersektion legt und deren mächtige, äußerst kreativ manipulierte Klänge faszinieren. Eine besondere Stärke von „Dub Pirate“ ist zweifellos die kreative Dekonstruktion von Alborosies größten Hits. Immer schön, Anklänge an wohlbekannte Songs zu erkennen und deren Dub-Rekonstruktion zu bewundern. Zum Glück verzichtet Alborosie dabei weitestgehend auf die Verwendung von Vocal Snippets. Das Album glänzt ganz besonders mit „Natural Dub Mystic“, der Dub-Neuinterpretation seiner Zusammenarbeit mit Kymani Marley. Dieser starke Riddim war geradezu prädestiniert für ein Dub-Treatment, und Alborosie exekutiert dieses absolut meisterhaft. Das Herzstück des Tracks liegt in der treibenden Basslinie und den wiederkehrenden Bläserpartien, die von verrückt wirbelnden, räumlichen Klangeffekten umhüllt werden. Ein faszinierendes Dub-Erlebnis – wie das Album als Ganzes.

Bewertung: 4.5 von 5.
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The Loving Paupers & Victor Rice: The Ghost of Ladders

Ein Jahr nach ihrem gefeierten Album „Ladders“ legen die aus Washington DC stammenden Loving Paupers eine äußerst schöne Dub-Version desselben vor: „The Ghost of Ladders“ (Easy Star Records) – ein Titel, der sich allzu offensichtlich auf das legendäre Burning Spear-Album „Garvey’s Ghost“ bezieht und damit das Erwartungslevel unweigerlich maximal hochschraubt. Doch da niemand Geringeres als Victor Rice hier die Remix-Aufgabe übernahm (er war auch Toningenieur von „Ladders“), gibt es eine große Wahrscheinlichkeit, dass die Erwartungen erfüllt werden. Klar, seine Musik ist nicht das, was man im Soundsystem spielen würde. Irgendwie klingt sein Sound – insbesondere im Kontrast zu Burning Spear – immer ein wenig zu leicht, zu poppig, zu sehr nach Ska. Aber fürs heimische Sofa, oder als Kopfhörerbegleitung bei den täglichen Wegen durch die Stadt, sind seine Dubs eine wundervolle Musik. Der legendäre britische DJ Don Letts beschrieb den ursprünglichen Sound der Loving Paupers als beeinflusst von Sechzigerjahre Pop und Siebzigerjahre Reggae – eine Mischung, die ihre Musik einzigartig resonanzfähig mache. Womit er absolut recht hat. Ich musste beim Hören durchaus an UB40 oder Hollie Cook denken. Wobei der Sound selbstredend meilenweit vom repetitiv-schnulzigen Lovers Rock entfernt ist. Es ist poppiger Reggae im besten Sinne. Die Frage ist nun: Was wird im Dub-Mix daraus? Bekanntermaßen einem Treatment, das Stücken generell mehr Schwere und Erdung verleiht. Was wird da vom leichten Pop-Appeal übrig bleiben? Die Antwort lautet: Genau die richtige Dosis! „The Ghost of Ladders“ ist ein schlichtweg super angenehmes Dub-Album, das die vielschichtigen Arrangements der Aufnahmen offenlegt und die wahre Qualität der Musik offenbart, die sich im Original allzu gut hinter dem hellen Gesang Kelly Di Filippos verstecken konnte. Und mit dem Gesang verschwindet reduziert sich auch das Pop-Flair deutlich. Die Anspielung auf „Garvey’s Ghost“ ist vielleicht etwas zu hoch gegriffen, doch eine Analogie wird deutlich: Während „Ladders“ ein nettes Pop-Reggae-Album ist, entfaltet „The Ghost of Ladders“ regelrechte Dub-Magie – also genau jene unbeschreibbare Qualität, die auch Burning Spears Dub-Album in den Status eines Kult-Werkes hievte. Rices meisterhafter Dub-Mix nutzt die bekannten Ingredienzen Hall und Delay, um das Vertraute in etwas völlig Neues und Überirdisches zu verwandeln. „The Ghost of Ladders“ beweist wieder einmal eindrücklich, wie es Dub mühelos gelingen kann, zum Kern der Musik vorzudringen und sie in eine magisch-abstrakte Erfahrung von reinem Klang zu transzendieren. Nun soll hier nicht der Eindruck erweckt werden, als würde Rice irgendwie verkopfte Kunstmusik fabrizieren. Im Gegenteil: Durch die poppige Grundanlage der Musik bleibt sie auch in der Dub-Version zugänglich und sorgt beim Hören unweigerlich für gute Stimmung. Für mich eines der schönsten Dub-Alben der letzten Monate.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Five Star Review

Message: Showcase 1

Das A-Lone Ark Muzik Studio in Santander hat sich zu einer der aktuell interessantesten Produktionsstätten für modernen Roots Reggae entwickelt. Superbe Produktionen, handwerklich perfekt eingespielte Riddims, brillante Soundqualität und schlicht großartige Kompositionen gehören zum Markenzeichen des Studios. Hinter diesem Studio in Santander, Spanien, steckt Roberto Sánchez, ein Multiinstrumentalist, Sound Engineer und Produzent, der hier eine Gruppe höchst begnadeter spanischer Reggae-Musiker um sich geschart hat. Er und seine Crew sind verantwortlich für einige der spannendsten Alben der letzten Zeit. Z. B. Inés Pardos „My Time“, Ras Teos „Ion Man“ und I Man Cruz’ „In A Mission“, um nur einige der jüngsten zu nennen. Doch nun haben sich Sánchez und seine Mitstreiter selbst übertroffen und ein geradezu überragendes Instrumental- und Dub-Album vorgelegt: „Showcase 1“ von Message (A-Lone-Reggae). Es wurde innerhalb nur eines Wochenendes im Ark-Studio eingespielt, live, pur und direkt – und natürlich auf Magnetband, ganz so, wie es früher die Musiker in Jamaika auch gemacht haben. Genau ihnen, und dem Reggae-Sound der 1970er Jahre, zollen Sánchez & Co. mit ihrem Showcase-Album Tribut. „The soundtrack of our lives“, wie Sánchez sagt. Ihre Hommage enthält 7 Instrumentals und 7 Dub-Versionen. Lead-Instrumente sind Melodica, Posaune und manchmal auch ein Keyboard. Alle Stücke sind eigene Kompositionen der Band. Was mich am meisten begeistert, ist die tighte Produktion der Stücke. Was für ein fulminantes, energiegeladenes Spiel, welche Präzision und was für ein perfektes Timing! Ich bin überzeugt, dass sich handgemachter Reggae heute nicht besser einspielen lässt. Auch die „Song-Qualität“ der Stücke überzeugt gleichermaßen, ebenso die Arrangements. Bleibt also nur noch die Frage nach den Dub-Versionen. Da bei dem Ausgangsmaterial eigentlich nicht viel schiefgehen kann, beantwortet sie sich fast von selbst. Roberto Sánchez hat die Beats fest im Griff: Die Dubs sind spannend und abwechslungsreich – und natürlich stricktly Old School. Die Lead-Instrumente wurden hier erwartungsgemäß ihrer Dominanz beraubt, wodurch die Qualität der restlichen Musik aber nur noch deutlicher hervortritt. Wer das Album in physischer Form kauft, wird zudem mit ausführlichen Liner Notes zum Produktionsprozess beschenkt und bekommt ein paar Schwarzweißfotos der Musiker zu sehen – auch das ganz im Stil von Seventies-Vinyl.

Bewertung: 5 von 5.
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Roman Stewart: Give Thanks ‚Showcase‘

Obwohl er es mehr als verdient gehabt hätte, stand er nie in der ersten Reihe der erfolgreichen jamaikanischen Sänger. Aus diesem Grund sind die Informationen über ihn sehr spärlich. Dennoch wage ich eine These: Ohne Roman Stewart hätte es keinen Dennis Brown gegeben. Wie man in der einschlägigen Literatur nachlesen kann, hat Roman Dennis das Singen beigebracht. Die stimmlichen Ähnlichkeiten sind in der Tat frappierend, man schließe die Augen und lausche. Wen hört man? Nein, nicht den jungen Dennis Brown, sondern Roman Stewart mit einem „verschollenen“ Album. Ganz abgesehen davon, dass „Roman Stewart: Give Thanks ‚Showcase‘ “ (Thompson Sound) nie als Album konzipiert war. Einige Titel wurden bereits 1979 von Linval Thompson auf seinem Label Thompson Sound als Singles oder Maxi-Singles veröffentlicht und waren seitdem nie wieder erhältlich. Außerdem sind drei unveröffentlichte und völlig neue Tracks und ihre Dub-Versionen zu hören: Give Thanks, Give Thanks Dub, I’m In A Bad Mood, I’m In A Bad Mood Dub, Hello Baby und Hello Baby Dub.

Seine Karriere startete der 1957 geborene Roman Stewart, als kleiner Junge auf der Straße und am Pier, wo die Kreuzfahrtschiffe anlegten. Dort sang er für die Touristen, und sein Freund Freddie McGregor sammelte das Geld ein, das die Leute zu geben bereit waren. Roman war 1968 gerade 11 Jahre alt, als er seine erste Aufnahme „While I Was Walking“ als Romeo Stewart And The Tennors With Tommy McCook And The Supersonics aufnahm. Im Jahr 1974 hatte Roman seinen ersten Hit „Hooray Festival“. Ein Song aus der Feder seines älteren Bruders Neville alias Tinga Stewart und Willie Lindo. Nach seinem ersten Durchbruch gelang ihm 1976 mit dem von Tommy Cowan produzierten „Hit Song“ ein weiterer Erfolg.
Im Großen und Ganzen waren die frühen 1970er Jahre eine erfolgreiche Zeit für Roman. Er begann, neue Songs für bekannte Produzenten wie Glen Brown (Never Too Young), Derrick Harriott (Changing Times), Everton Da Silva (Rice & Peas), Phil Pratt (Fire At Your Heel) und Linval Thompson aufzunehmen. Obwohl er 1976 in die USA emigrierte, hielt er stets engen Kontakt zu seinem Heimatland und machte dort weiterhin zahlreiche Aufnahmen. Man sagt, „Rice and Peas“ sei sein bekanntester Song, den er 1979 auch für Linval Thompson aufnahm. Insgesamt nahm er mehr als 70 Singles und eine gute Handvoll Alben auf und konnte auf eine mehr als 30 Jahre währende Karriere zurückblicken. Am 25. Januar 2004 starb Roman alias Romeo oder Romie Stewart im Alter von nur 46 Jahren an einem Herzinfarkt. Am Abend zuvor hatte er ein Konzert seines guten alten Freundes Freddie McGregor besucht. Danach ging Roman zu einer Geburtstagsfeier, wo er noch zwei Lieder sang. Als Roman sein drittes Lied singen wollte, soll er das Mikrofon ausgeschaltet und über Schmerzen in der Brust geklagt haben. Später brach er zusammen und wurde ins Krankenhaus gebracht, wo er im Koma lag und am nächsten Tag starb.

Über zwanzig Jahre nach diesem tragischen Ereignis kommt nun Linval Thompson mit den verschollenen geglaubten Bändern um die Ecke. Der Gesang von Roman Stewart und die kraftvollen Riddims der Roots Radics Band wurden im Channel One Recording Studio der Hookim Brüder in der Maxfield Avenue in West Kingston, Jamaika, aufgenommen. Wie gesagt, Linval Thompson fand die Originalbänder und beauftragte Roberto Sánchez, sie in seinem A-Lone Ark Muzik Studio im spanischen Santander neu abzumischen. Dank der sachkundigen Konservierung des analogen Vintage-Sounds fühlt sich der Hörer in die frühe Dancehall-Ära zurückversetzt. Der kraftvolle Titeltrack „Give Thanks“ ist ein klassischer Roots-Song, der noch nie zuvor veröffentlicht wurde. Der Track und sein Dub-Pendant bieten einen fantastischen, basslastigen Riddim. Mit „Baby Come Back“ wendet sich Roman Stewart einem Liebeslied zu. Der Song wurde ursprünglich in England als 12? Vinyl von Cool Rockers veröffentlicht, einem kurzlebigen Ableger von Greensleeves Records, der sich auf Lovers Rock konzentrierte. Als Begleitband wurden The Revolutionaires genannt. Dass Roman sowohl in der Roots- als auch in der Lovers-Sparte des Reggae zu Hause ist, zeigt er überdeutlich. „Mr. Officer“ ist ein Stück, in dem es um die Probleme geht, die der Besitz des grünen Krauts (Herb, Lambsbread, Ganja, Kaya, Collie) mit sich bringt. Die restlichen Tracks auf dieser LP beschäftigen sich eher mit Herzensangelegenheiten, insbesondere mit Problemen, die zu Komplikationen in Beziehungen führen. Jeder Track hat seine eigenen Vorzüge und ist es wert, mehr als nur einmal gehört zu werden. Gesanglich glänzt Roman Stewart bei jedem Stück, und auch die schwergewichtigen Dubs von Roberto Sánchez sind ein echter Hörgenuss. Ein weiteres Mal hat der Dubmaster aus Nordspanien demonstriert, dass er erfahren genug ist, aus historischen Aufnahmen ein zeitgemäßes Album mit dem klassischen Sound des goldenen Zeitalters des Reggae zu schaffen.

Bewertung: 4 von 5.
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O.B.F & Iration Steppers: Revelation Time

Die Iration Steppers dürften aktuell das bekannteste Soundsystem des Globus sein. Die Sessions von Mark Iration und Dennis Rootical zählen zu den Höhepunkten der großen Soundsystem-Festivals. Ihr geradezu brutalistischer Sound in ohrenbetäubender Lautstärke ist in der Tat ein intensives Erlebnis. Ein Erlebnis, das sich allerdings zuhause auf dem Sofa, bei gemäßigter Lautstärke, kaum reproduzieren lässt. Dafür sind die Produktionen dann doch etwas zu unterkomplex. Seit einiger Zeit touren die Steppers mit dem Franzosen Rico und dessen Soundsystem O.B.F durch die Welt und mischen gemeinsam diverse Dub-Events auf. Rico und Mark liefen sich 2004 erstmals über den Weg, freundeten sich an und beschlossen, eine langfristige Zusammenarbeit zu starten. Nun liegt das albumgewordene Ergebnis dieser Zusammenarbeit vor: „Revelation Time“ (Dubquake). „We locked ourselves in the studio, writing lyrics, cooking up riddims, perfecting our production recipes, secret techniques and octopus mixes.“, beschreibt Rico die Entstehung des Albums. Herausgekommen sind 16 beeindruckende Tracks, heftig, monströs und brutal. Interessanterweise verzichtet keiner der Tracks auf Vocals – was für ein Dub-Soundsystem äußerst ungewöhnlich ist. Vielleicht haben sie ja selbst gemerkt, dass die Riddims kaum für ein instrumentales Dub-Album taugen. Allerdings muss man einwenden, dass die Vocals diesen Mangel nicht immer auszugleichen vermögen. Abgesehen von der Hymne „Love Sound System“, die einen schönen Text mit einer wirklich catchy Melodie vereint, bleibt der Rest der „Songs“ ziemlich blass. Auch wenn sich Mark, Dennis und Rico laut eigener Aussage bereits im Dub-Jahr 4000 wähnen, klingt das Album ein wenig gestrig. Statt bei jedem Track auf Massivität und Bass-Impact zu setzen, wäre ein sorgfältiges Songwriting und/oder eine differenzierte Produktion und inspiriertes Mixing angeraten gewesen. So bleibt eigentlich nur die Option, die Tracks in einem Soundsystem zu spielen, um ihre eigentliche Qualität zu „spüren“. Aber wer hat das schon zuhause?

Bewertung: 3.5 von 5.