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Dub Dynasty: Gideon

Welche Namen tauchen beim Thema Dub vor eurem geistigen Auge auf? Sehen wir mal von den jamaikanischen Pionieren wie King T., Lee P., Prince J. und Scientist ab und blicken nach Europa: Dann dürften es neben dem verrückten Professor, Adrian S. und Jah S. eigentlich nur noch – richtig: Alpha & Omega sein. Und das sehr zu recht, denn sie haben den europäischen Dub mit ihrem an Bassschwere und dunkler Magie nicht zu übertreffenden Stil entscheidend geprägt. Inzwischen ist das Veteranenduo Christine Woodbridge und John Spronsen durch den Sohn von Spronsen, Ben „Alpha“, zu einer regelrechten Dub Dynasty gereift, die Ende letzten Jahres ihr neues Familienwerk vorlegte: „Gideon“ (Steppas). Wie gewohnt ein „Doppelalbum“ (wie man früher sagte), mit elf Vocal-Tunes gefolgt von neun Dubs. Im Prinzip ist alles wie gewohnt: Hypnotische Beats, dröhnender (handgespielter) Bass, wirklich schöne Songs und noch schönere Dubs. Lediglich der Sound hat sich im Vergleich zu den Vorgängeralben etwas geändert. Irgendwie klingt er jetzt mehr nach Sound System: Massive Bässe und schrille Höhen – dazwischen nicht viel. „Holy Cow“ oder „Thundering Mantis“ klangen etwas runder. Vom undurchdringlichen Dschungel-Sound klassischer A&O-Produktionen ganz zu schweigen. Lediglich die Vocals stehen schön präsent im mittleren Frequenzspektrum. Ich freue mich ja sehr, dass die Dub Dynasty durchaus Wert auf Textqualität legt. „Black Woman Civilisation“ ist dafür ein schönes Beispiel. Auch sonst gibt es eher wenig Esoterisches oder Religiöses zu hören, dafür umso mehr Systemkritik. Wenn schon Text, dann so!

Bewertung: 4 von 5.
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Mark Wonder: Working Wonders in Dub

Freunden modernen Roots-Reggaes dürfte das Münchner Label Oneness-Records ein Begriff sein. Es existiert seit 2007 und wird vom Produzenten und Bassisten Moritz von Korff, Dub-Engineer Umberto Echo und Benjamin Zecher betrieben. Vor zwei Jahren habe ich an dieser Stelle Umberto Echos Album „Oneness in Dub“ ziemlich kritisch rezensiert. Brillantes Handwerk aber allzu glatte und homogene Produktionen. Nun veröffentlicht das Label die Dub-Version des Albums „Working Wonders“ (2012) von Mark Wonder: „Working Wonders in Dub“ (Oneness Records). Und ich habe wieder das gleiche Problem: Großer Sound, handgespielt, perfektes Mixing, authentischer JA-Style – aber warum um alles in der Welt sind die Rhythms nicht interessanter? Die Arrangements mögen für jamaikanische Mainstream-Roots Artists comme il faut sein, aber für ein anspruchsvolles Dub-Erlebnis fehlen Ecken und Kanten. Gleiches gilt für die Basslines: das Lead-Instrument des Dub bleibt hier ohne Prägnanz. Vielleicht hat das Konzept klassischer Dub-Versions, die auf „normalen“ Backings basieren, ausgedient. Ich habe den Verdacht, dass der „Output-Intent“ einer Rhythm-Produktion von vorne herein „Dub“ sein muss, um schlussendlich wirklich einen überzeugenden Dub hervor bringen zu können. Nur dann kann Dub mehr sein, als ein zweitrangiges Derivat – wie leider bei den Working Wonders in Dub.

Bewertung: 2 von 5.

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Various Artists: Steppin’ Forward 2

Wer Dub mal so richtig eingeprügelt bekommen möchte, sollte diesen Sampler hören. Die Bassdrum macht keine Gefangenen. Sie stampft nieder, was ihr im Weg steht. Der Bass walzt anschließend die Überreste platt. Zurück bleiben verbrannte Erde und geplatzte Trommelfelle. Der Titel bringt diese Erfahrung auf den Punkt: „Steppin’ Forward 2“ (Moonshine Recordings). 16 Tracks, die jedes Sound System rocken, von mir weitgehend unbekannten Produzenten – außer Adam Prescott und Professor Skank. Unbekannt deshalb, weil sich das Label eher in Gefilden von Dubstep herumtreibt. Aber keine Sorge: Auf der zweiten Ausgabe von „Steppin’ Forward“ dominieren Reggae-Beats, lediglich die Spielweise ist brutaler und elektronischer als gewohnt. Dub mit Headbanging-Faktor – kann auch Spaß machen.

Bewertung: 3 von 5.

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Five Star Review

Various Artists: !! Dub !! Dub !! Dub !! Vol. 2

Wer dieses Album in einem Streaming-Dienst sucht, kann durchaus verzweifeln. Die Eingabe des Titels fördert alles zu Tage – nur nicht diesen absolut hörenswerten Sampler: Various Artists, „!! Dub !! Dub !! Dub !! Vol. 2“ (Elastica). Eine spannende Sammlung von Dub-Produktionen aus aller Welt, kuratiert von Elastica-Mann TuzZy und Neil Perch von Zion Train/Universal Egg. Was die beiden hier zusammen getragen haben, lässt sich vielleicht als progressiver Sound System-Dub bezeichnen. Hä? Soll heißen: Anspruchsvolle, moderne Dub-Produktionen mit stilistischer Nähe zu Steppers – aber doch viel mehr als Bassdrum-Gestampfe und Basswalze. Also ausgeklügelte, clever komponierte Produktionen, die aber trotzdem bei Dynamik und Drive keine Kompromisse machen. Intellektuelles Sound System-Futter gewissermaßen. Mir gefällt’s ausnehmend gut. Obwohl stilistisch aus einem Guss, erweisen sich die Tracks als überraschend abwechslungsreich. Markante Melodien, inspirierte Arrangements, super Sound und stets treibende Beats haben alle. Mal schöne Gesangseinlagen, mal instrumentale Soli, mal einfach nur ein abgefahrener Mix: Langeweile kommt hier ganz und gar nicht auf. Hätte ich die Aufgabe, jemand Unwissendem zu erklären, was moderner Dub idealerweise ist, ich glaube, ich würde ihm dieses Album vorspielen.

Bewertung: 5 von 5.
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Jamaram & Umberto Echo: 2020 in Dub

Jamarams Party-Sound ist meine Sache nicht – definitiv. Deshalb war ich skeptisch, als – bereits am 10. Januar – das Album „2020 in Dub“ (Turban) von Jamaram erschien. Gemixt von Umberto Echo! Ein Preview-Album für das kommende Jahr? Wäre mal ein cooles Konzept: Die zukünftigen Hit-Singles zuerst als Dub-Mix heraus zu bringen. Aber nix da! „2020 in Dub“ versammelt diverse Tracks der vergangenen Jahre und macht daraus ein interessantes, eingängiges, unterhaltsames Dub-Album. Ja, tatsächlich: der Party-Sound weicht unter Umberto Echos Fingern und gibt den Blick frei auf grundsolide Produktionen, abwechslungsreich, inspiriert, eigenwillig und markant. Ich hatte nicht erwartet, dass sich hinter Jamarams vordergründiger Party-Attitüde so vielschichtige und kunstvoll gestaltete Produktionen verbergen. Bestes Material also für Umberto Echos Mixing-Talent (das bei seinen allzu glatten Oneness-Alben etwas auf der Strecke geblieben war). Hier gelingt es ihm wieder, schöne Dramaturgien aufzubauen und atemberaubende Dynamiken zu entwickeln – so wie wir es von ihm gewöhnt waren. Damit beweist sich mal wieder die alte Weisheit: Gute Dubs brauchen gute Rhythms.

Bewertung: 4 von 5.
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The Prophets: King Tubby’s Prophecies of Dub

Sich bei alten Dub-Alben zurecht zu finden, ist eine Kunst. Eine Kunst, die das Label Pressure Sounds zur Perfektion gebracht hat. Mit The Prophets: „King Tubby’s Prophecies of Dub“ (Pressure Sounds) haben die Label-Forensiker nun einen ziemlich verwickelten Fall aufgelöst. Die erste Herausforderung bestand darin, „King Tubby’s Prophecies of Dub“ von dem kurz davor veröffentlichten Album „King Tubby’s Prophecy of Dub“ zu unterscheiden – beide angeblich produziert von Yabby You und gemixt von King Tubby. Die zweite Herausforderung war es, den tatsächlichen Dub Mixer zu identifizieren, denn beide Alben wurden tatsächlich nicht von Tubby gemixt, sondern von Pat Kelly. Als dritte Herausforderung galt es, den wahren Produzenten heraus zu finden, denn Yabby You hatte sich die Tapes der Originalaufnahmen nur „geliehen“ – und zwar von Bunny Lee. Aber die wahren Dub-Nerds belassen es nicht bei diesen Erkenntnissen, denn natürlich müssen auch die Vokal-Originale zweifelsfrei identifiziert werden. In diesem Fall handelt es sich um Aufnahmen von Linval Thompson, Johnny Clarke, Delroy Wilson und Horace Andy – alles in den Liner-Notes der CD detailliert nachzulesen. Erschienen waren die Dub-Prophezeiungen schließlich 1976 in – wer hätte das jetzt nicht erwartet – winziger Auflage. Also mal wieder eine kriminalistische Meisterleistung des sagenhaften Reissue-Labels Pressure Sounds. Ach ja, da wäre ja auch noch die Musik! Die ist natürlich auch interessant.

Bewertung: 4 von 5.
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Dr. Israel: In Dub

Und noch ein Echo Beach Serious Classics-Release: Dr. Israel, „In Dub“ (Echo Beach). Der Doktor aka Douglas Bennett ist mir schon seit den 1990ern ein Begriff, allerdings pflegte ich ein gespaltenes Verhältnis zu seinen Produktionen. Die Nähe seines Sounds zu Punk à la Bad Brains verwehrte mir die Identifikation mit seiner Musik. Bis in die 2000er Jahre hinein, lief er mir immer wieder über den Weg – insbesondere auf Veröffentlichungen des legendären Wordsound-Labels, das klanglich irgendwo zwischen Trip Hop und Dub unterwegs war und reichlich schräge Produktionen hervor brachte. Nun bietet Echo Beach dem Grenzgänger aus Brooklyn eine Retrospektive, die sich nahezu über sein komplettes Werk von 1998 bis 2005 erstreckt. 15 ausgewählte Tracks, teils Vocals, teils Dubs, gibt es hier zu hören. Inhomogen, überraschend und durchaus herausfordernd. Nicht gerade eine Easy Listening-Erfahrung, sondern eher eine Dub-Exkursion entlang der Grenzen des Genres. Schön, das Best Of des Dr. Israel Oeuvres so kompetent kuratiert dargeboten zu bekommen.

Bewertung: 3.5 von 5.

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B. R. Stylers: In Dub

Die Echo Beach Serious Classics-Serie ist eine Zeitmaschine. Dieses Mal wurde sie auf die Jahre zwischen 2002 und 2009 eingestellt und auf die italienische Band B. R. Stylers fokussiert. Ein Projekt von Paolo Baldini, den jeder Dubhead unter dem Namen Paolo Baldini DubFiles auf dem Schirm haben dürfte. Während der Produzent und Bassist unter „DubFiles“ bis heute superbe Dub-Alben heraus bringt, stammt das letzte Lebenszeichen der B. R. Stylers von 2009. Bis jetzt, denn das Hamburger Dub-Label Echo Beach hat in den Archiven gekramt, ein „Best Of“ der Stylers zusammen gestellt, es schlicht „In Dub“ (Echo Beach) betitelt und in der Serious Classics-Serie veröffentlicht. Sagenhafte 18 Tracks sind hier versammelt. Schneller, energetischer Dub, auf rund der Hälfte der Tracks mit Vocals von Michela Graina fein garniert.

Bewertung: 3 von 5.
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Simba Khan: Brutal Tide

Jetzt schreibe ich schon so lange über Dub und werde immer noch überrascht von Produktionen, die mich so richtig catchen, ohne, dass ich sagen könnte, woran das genau liegt. So geht es mir jedenfalls mit der neuen EP „Brutal Tide“ (Dub Records) von Simba Kahn. Auf den ersten Blick drei simple Steppers-Produktionen (+ drei Versions). Digital und genau so, wie meine lieben Mitautoren des Dubblog sie nicht mögen. Bei mir aber läuft die EP in Dauerrotation. Warum? Ich versuche mal eine Erklärung: 1. Ich liebe Dynamik und Timing der Beats. Es geling mir beim Hören nicht, den Kopf still zu halten. Irgendwie passt der Groove voll auf meinen inneren Rhythmus. 2. Die Polyrhythmik der Percussions fasziniert mich. Von wegen, „simples Steppers-Gestampfe“! Hier liegen diverse Rhythmusstrukturen übereinander und verbinden sich zu einem faszinierend komplex-einfachem Muster. 3. Die Sound System-Atmo holt mich bei meinen schönsten Dub-Erinnerungen ab. Das ist Mukke, die für dunkle Nächte und hohe Lautsprechertürme geschrieben wurde – und für hunderte Dubheads, die in ihrem Rhythmus skanken. Ach ja, wer ist eigentlich Simba Khan? Ich hätte auf einen indischen Dub-Produzenten getippt. Tatsächlich aber lebt er in Belgien und ist dort Mitglied des Islanders-Sound Systems. Muss man im Blick behalten, den Mann.

Bewertung: 4 von 5.
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Jah Schulz: Right Time – Right Dub

Man könnte ja meinen, dass das wirklich wahre und echte Sound System-Futter stets aus dem UK, Frankreich oder Italien käme. Aber nix da! Mit Jah Schulz haben wir einen der besten Steppers-Produzenten überhaupt – und zwar in Stuttgart. Nachzuhören auf seinem neuen Album: „Right Time – Right Dub“ (Railroad). Wie gewohnt straighter Hardcore-Steppers, wuchtig, brutal, überwältigend. Wie gewohnt live gemischt und wie gewohnt ohne Kompromisse. Kein Wunder, dass seine Dubs in internationalen Sound Systems für Furore sorgen. Dub ist schon seit vielen Jahren das Zentrum der Welt von Michael Fiedler aka Tokyo Tower aka Jah Schulz. Unter letzterem Pseudonym konzentriert er sich auf Steppers – live und im Studio. Wobei er angeblich auch im Studio beim Mixen die Live-Methode pflegt. Ist aber nicht so wesentlich, denn was hinten raus kommt ist purer Steppers-Dub, nice gemixt, aber letztlich zählt hier Rhythmus, Atmosphäre, Härte und Bass. Und diese Ingredienzien beherrscht Herr Schulz par excellence. Wobei hier jetzt nicht der Eindruck entstehen soll, die Dubs wären stupides Gestampfe. Ganz und gar nicht. Die richtige Zeit für den richtigen Schulz-Dub kann auch Sonntag Vormittags auf dem Sofa sein. Dann ist er weniger ein physisches, als ein kognitives Erlebnis, denn fürs bewusste, analytische Zuhören bieten Schulzes Produktionen ebenfalls reichlich Input. Kurzum: Right Dub – zu jeder Zeit.

Bewertung: 4 von 5.