Bevor ich mich dem Verfassen dieses Artikels und der damit verbundenen Herausforderung einer anfänglich erschreckend leeren Dokumentenseite stelle, werfe ich noch schnell einen Blick ins Internet. Kurz mal in den iTunes-Store, dann einen Abstecher zu Amazon und schließlich zu meiner Lieblingsseite: junodownload.com. Und was begegnet mir dort? Ein Album, das ich ohne zu zögern, sofort zum Helden dieser Ausgabe der Dub Evolution küre: Resonators, „The Constant“ (Wah Wah). Was für ein Fund! Im strengen Sinne ist es ein Vocal-Album, allerdings sind die instrumentalen Passagen beinahe umfangreicher als der Gesangs-Anteil und außerdem liefert die Band das Dub-Album „Dub Collection“ zu „The Constant“ zum freien Download gleich mit. Doch Vocals hin- oder her: der Sound hinter dem Gesang ist eindeutig Dub – ohne allerdings mit klassischer UK-Dub zu sein. Im Gegenteil: Die Musik der neunköpfigen Band aus Brighton und London ist hundert Prozent analog und handgespielt – was zwar eigentlich nicht das richtige Material für typischen Dub-Sound ist – hier aber absolut perfekt funktioniert. Die Jungs hinter den beiden Frontfrauen spielen einfach unglaublich inspirierte Musik, voller Energie und Variationsreichtum. Wer jetzt eine typische Festival-Live-Band a là Jamaram oder Irie Révoltés erwartet, liegt falsch. Die Resonators sind von der simplen Song- und Musikauffassung solcher Bands meilenweit entfernt. Statt Mitgrölen ist hier eher connaisseurhaftes Zurücklehnen und Genießen angesagt und statt eindimensionaler Orientierung auf den Gesang der Rampensau, ist ein Song der Resonators ein organisches Ganzes, in dem Gesang, Musik und Dub-Effekte gleichwertige Rollen spielen, sich gegenseitig durchdringen und gemeinsam faszinierend komplexe und doch eingängige Musikstücke ergeben. Faszinierend ist auch die kostenlose Dub-Version des Albums, die allerdings nur fünf Tracks umfasst. Der unglaublich präsente Live-Sound der Band kommt hier noch stärker zum Tragen und kontrastiert spannungsvoll mit den typischen Studio-Dub-Effekten, was mich manchmal entfernt an das alte Dub Syndicate-Album „Pounding System“ erinnert. Andererseits kommt mir beim Hören auch Prince Fatty in den Sinn, dessen spielerisch-lockere, vor Ideenreichtum und ungestümer Spiellust strotzende Musik vom gleichen Geist beseelt ist. Nice! So, und jetzt muss ich bei facebook.com/Resonators erst mal „gefällt mir“ anklicken.
Various Artists: Dubvision III
Drei Jahre hat es gedauert, bis der Dubvisionist Felix Wolter einen neuen Sampler mit seinen Lieblings-Dubs veröffentlicht. Nun liegt er vor: Dubvision III (Perkussion & Elektronik) und ist eben so gut, wie seine beiden Vorgänger. Wieder hat der Hannoveraner zwölf ausschließlich von ihm produzierte oder zumindest remixte Tracks versammelt. Doch ist gegenüber der Dubvision II die Auswahl der Protagonisten geschrumpft. Neben ihm selbst (in unterschiedlichen Inkarnationen) gibt es nämlich nur noch die Senior Allstars und Aldubb zu hören – was aber letztendlich unerheblich ist, solange die Musik stimmt. Und das tut sie ohne jeden Zweifel. Nach meinem Geschmack, ist Mr. Wolter der vielleicht beste deutsche Dub-Produzent, auch wenn er sich in aller Bescheidenheit im Hintergrund hält und sich nicht so vermarktet, wie es ihm eigentlich zustehen würde. Hier gibt es nun einen neuen Beleg für meine Behauptung.
Meine Dub Top 10 des Jahres 2012
1. The Spy From Cairo: Arabadub
2. Aldubb: Welcome To Bassland
3. Various: Roots Tribe Showcase Vol. 2
4. Miniman: Back To Roots
5. Alpha & Omega Meets Dan I: Blessed Are The Poor
6. Ashley: Land Of Dub
7. Brain Damage: Dub Sessions
8. Shaky Norman: Universal Love
9. Dubcall: Desolation
10. The Senior Allstars: What Next?
Braintheft: Berlintendo
Mit einigen Jahren Verzögerung macht sich der Einfluss von Dubstep auf Dub nun zunehmend bemerkbar. Meist ist es lediglich der verzerrte Bass-Sound, der zitiert wird, aber es gibt auch weitreichenderen Einfluss wie z. B. bei der 2016 gegründeten und aus der Zukunft ins Jahr 2008 nach Berlin zurück gereisten Band Braintheft. Ihr soeben vorgelegtes Album „Berlintendo“ verdankt dem Dubstep rund 40 Prozent seiner Inspiration. Weitere 40 Prozent dürften dem Bass-Sound eines Bill Laswell geschuldet sein. Die verbleibenden 20 Prozent sind schließlich echter Reggae-Dub. Und genau diese, hinsichtlich meiner Lieblingsmusik recht ungünstige Verteilung verleidet mir den ungetrübten Spaß an „Berlintendo“. Das Album besteht aus drei Teilen: dem „Studio Mode“ (Studioaufnahmen), dem „Live Mode“ (Konzertmitschnitt) und dem „Versus Mode“ (Remixes), was insgesamt stolze 28 Tracks ergibt. Allen Stücken gemein ist ein entspannter, dunkler, teils verspielter, elektronischer Sound, der seine handgemachte Herkunft nicht leugnen kann. Doch trotz reichlich Schallwellen aus dem Frequenzkeller, fehlt dem Album der rechte Wumms. Mir ist die Musik zu verkopft, die Soundscapes zu langatmig und die Rhythms zu ideenlos. Wie so oft bei Bill Laswell, fehlt der Musik schlicht der Groove – von Melodien ganz zu schweigen. Alles das, was im klassischen Sinne „schön“ ist an einem Dub, wird hier zugunsten atmosphärischer Klangwelten geopfert. Einfache, aber dadurch vielleicht bestechende, Ideen werden durch komplizierte Kompositionen, reichlich Breaks, Rhythmuswechsel und aufwändige Arrangements ersetzt. Doch viel ist nicht unbedingt mehr, sind die stärksten Ideen doch oft gerade die (scheinbar) einfachsten. Dummerweise sind sie auch am schwierigsten zu bekommen.
Spätestens seit dem großen Erfolg von Fat Freddy‘s Drop befindet sich Neuseeland auf der Reggae-Weltkarte. Doch wer hätte gedacht, dass Fat Freddy‘s Drop, Trinity Roots, The Black Seeds und alle anderen Reggae-inspirierten Bands der Insel einen gemeinsamen Urahn haben: Salmonella Dub. 1992 in Christchurch gegründet, ebnete die inzwischen fünfköpfige Band den Weg für Reggae aus Kiwi-Land. Trotz ihres Namens (den sie wegen ihrer schrägen „Bad Taste“-Cover verliehen bekommen haben) ist Salmonella Dub keine Dub-Band. Das Gegenteil ist der Fall: die meisten ihrer Stücke beinhalten Vocals. Aber nicht nur das: Salmonella Dub ist eigentlich noch nicht einmal eine echte Reggae-Band. iTunes listet sie unter dem Label „Alternative“ – was schon zeigt, dass sich die Musik stilistisch nicht so recht fassen lässt. Hört man in ihr Oeuvre, weiß man auch, warum Reggae-Fans sie bisher nicht auf dem Schirm hatten. Unser Mann in Hamburg jedoch, der Label-Chef von Echo Beach, hatte natürlich längst bemerkt, dass sich unter den stolzen 22 Alben/EPs der Diskographie der eine oder andere Reggae-Dub versteckt hielt und dass allseits geschätzte Remixer wie Groove Corporation, Dreadzone oder Adrian Sherwood so manchen Song einfach zum Reggae-Dub konvertiert hatten. Wie bei der Trüffellese pickte er sich diese hocharomatischen Tracks heraus und kompilierte sie – die Zielgruppe unbestechlicher Dubheads vor Augen – zu einem richtigen, echten Dub-Album: „For The Love Of It (Echo Beach). Hardcore-Steppers sucht man hier allerdings vergebens. Das Spektrum bewegt sich eher im Bereich zwischen tendenziell poppigen Stücken, sehr rootsigen Nummern und wunderbar hypnotischen, kunstvoll gespielten und gemixten Dubs. Gelegentlich spielt ein wenig Ambient hinein und in einem Fall gibt es sogar eine coole Mischung aus Drum & Bass und Dubstep. Alles sehr schön. Für uns Freunde des Dub ist es zweifellos ein „Best Of Salmonella Dub“-Album.
The Senior Allstars: What Next?
Vor rund zwei Jahren schwärmte ich an dieser Stelle von „In Dub“, dem damals neusten Werk der Senior Allstars und zugleich dem ersten „richtigen“ Dub-Album der Instrumentalband. Damals hatten sie diverse Dub-Mixer eingeladen, vorhandenes Allstars-Material in schöne, klassische Dubs zu verwandeln. Was im Studio so gut gelang, sollte nun auch auf der Live-Bühne funktionieren. Doch wie spielt man Dub vor Publikum, ohne die Musiker zu reinen Material-Zulieferern für den Nerd hinterm Mischpult zu degradieren? Ganz abgesehen davon, dass die Live-Performance eines Tontechnikers grundsätzlich wenig unterhaltsam ist. Die von den Senior Allstars gefundene Lösung für dieses Dilemma ist so einfach, wie genial: Jeder Musiker mixt sein eigenes Instrument. Ausgestattet mit Mixer und Effekten, entsteht so im Zusammenspiel der eigentliche Dub-Mix – live & direct. Ein Konzept, das sich auf den Tourneen der Band in den letzten zwei Jahre dermaßen gut bewährte, dass die Allstars die Frage nach dem nächsten großen Album („what next?“) damit beantworteten, auf diese gleiche Weise ein ganzes Studio-Dub-Album einzuspielen – ohne Overdubs oder nachträglichen Dub-Mix. Das Ergebnis liegt nun vor und trägt den passenden Titel: „What Next?“ (Skycap). Die Frage könnte auch lauten: „Does it work?“. „Yes Sir!“ ist man versucht auszurufen, so sehr überzeugt das neue Werk. Live-Atmosphäre und schöne, kreative Dub-Mixes verbinden sich hier auf ideale Weise. Das Album entwickelt einen wunderbaren Flow, in den man sich als Zuhörer fallen lassen kann, um mal diesem oder jenem Instrument zu lauschen, um dem Groove nachzuspüren oder einem Echo durch Raum und Zeit zu folgen. Doch was ist die Form ohne den Inhalt? Die eigentlichen Stars des Albums sind weder Live-Atmosphäre noch Dub-Effekte – es sind vielmehr die ungemein schönen Kompositionen, die regelrechte Song-Strukturen entwickeln und weit über die „Loops“ hinaus gehen, auf denen manch anderes Dub- (oder gar Dubstep-) Album aufgebaut ist. Fast bekommt man den Eindruck, als seien auch diese Kompositionen live entstanden, als würden sie sich erst in dem Moment formen, indem der Ton das Instrument verlässt. Alles greift hier organisch ineinander, verbunden durch den roten Faden des Dub. Das, was hinterher als konkrete Aufnahme vorliegt, ist einmalig und unwiederholbar. Man könnte sagen, dass bei den Senior Allstars Dub zu Jazz wird, indem Dub wie ein eigenes Instrument funktioniert, das die Performance der Musiker improvisierend umspielt und alle Einzelteile eines Stücks zu einem großen, starken Groove verbindet.
Ich bin immer wieder begeistert, wo überall, rund um den Globus, großartiger Dub produziert wird. Auffällig ist nur, dass Jamaika dabei kaum eine Rolle spielt, während Europa überproportional vertreten ist: England (natürlich), Frankreich, Italien, Deutschland, Spanien, Polen – überall gibt es Dubheads, die die Fahne von instrumentaler Roots-Music hoch halten. Und natürlich – nachdem es um Twilight Circus ruhig geworden ist – jetzt auch wieder die Niederlande! Tim Baumgarten heißt hier der umtriebige Dub-Producer der Stunde, besser bekannt als Slimmah Sound – oder noch besser bekannt unter dem Namen seines Labels: Roots Tribe. 2009 machte er mit seinem „Roots Tribe Showcase Vol. 1 – Love Jah More“ donnerschlagartig auf sich aufmerksam. Dann gab es vereinzelte 10“ und 12“ bis jetzt – bis: „Roots Tribe Showcase Vol. 2“ (Roots Tribe). Wieder präsentiert Baumgarten ein Showcase-Album, das für Furore sorgen wird. Als Vokalisten mit von der Partie sind: Fitta Warri, Jah Melodie, Lyrical Benjie, Teddy Dan, Zed I und Kyle Sicarius. Sie alle bieten gute, inspirierte Songs, doch das eigentliche Highlight des Albums sind – wie sollte es anders sein – die Dubs. Offensichtlich weiß Baumgarten nicht nur als Grafikdesigner, wo der Hase läuft (sein Cover für Vol. 2 ist top!), sondern auch als Produzent und Musiker. Gemeinsam mit Gitarrist Robby Sens, hat er für den Showcase rundum gelungene Rhythms aufgenommen. Deep, deep, deep, melodiös, hypnotisch und mit einer winzigen, aber entscheidenden Spur von Live-Sound. Statt monotoner Steppers, sind hier eher filigrane, komplett durcharrangierte Tracks entstanden, denen man gleichermaßen gerne bewusst zuhört, wie man sie (wenn es die Gelegenheit denn mal gäbe!) laut und „physisch“ im Soundsystem erleben möchte.
Lee Perry ist ein Mythos. Und obwohl er – von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen – seit Ende der 1970er Jahre nichts Nennenswertes mehr auf die Reihe bekommen hat, steht sein Name (zumindest bei europäischen und amerikanischen Produzenten) nach wie vor hoch im Kurs. Dafür gibt es mehrere Gründe: Zweifellos gehörte Perry in den siebziger Jahren zu den innovativsten und kreativsten Protagonisten des Reggae – was aber niemanden interessiert hätte, wenn nicht just zu diesem Zeitpunkt der Punk sein Faible für Reggae entdeckt hätte und The Clash nicht Perrys „Police and Thieves“ gecovert hätten. Seit diesem Zeitpunkt ist im Bewusstsein Indie-Rock-sozialisierter Musikfans der Name Lee Perry eine feste Marke, die für pure (wenn auch artfremde) Innovationskraft steht. Dazu passt perfekt, dass der nunmehr rund dreißig Jahre andauernde Wahnsinn des exzentrischen Mr. Perry meist mit dem Genie seiner frühen Schaffensperiode verwechselt wird. Außerdem gilt (zumindest für jene oben erwähnte Zielgruppe) Lee Perry als Erfinder des Dub. Und da Dub bekanntermaßen die Blaupause der Remix-Kultur war, gerät Lee Perry leicht zum Urvater moderner Clubmusik. Vor diesem Hintergrund erscheint es wenig überraschend, dass der Mythos Lee Perry, vor allem von Produzenten und Musikern außerhalb des Reggae-Kontexts, gerne zur Aufwertung ihrer eigenen Werke instrumentalisiert wird. Jüngstes Beispiel für diese Praxis ist „The Orb Featuring Lee Scratch Perry Present The Orbserver In The Star House“ (Cooking Vinyl/Indigo). Nicht, dass The Orb es nötig hätte mit dem Namen Perry CD-Verkäufe zu pushen, immerhin genießt die 1988 von Alex Paterson aus der Taufe gehobene Band als Begründerin des House-Subgenres Ambient-House selbst Kultstatus. Trotzdem hege ich den starken Verdacht, dass die Wahl Perrys nicht musikalisch motiviert war. Die elektronischen Orb-Beats und Perrys scharfer, weitgehend melodiefreier Gesang harmonieren wie Apfelkuchen und Tabasco – nämlich gar nicht. Zwar geht The Orb (in der Inkarnation des Duos Alex Patterson und Thomas Fehlmann) die Sache ähnlich geschickt an, wie vor zwei Jahren Doubblestandart mit ihrem Album „Return From Planet Dub“, indem Perrys „Gesang“ eher sporadisch, wie ein Sample, eingesetzt wird und die Musik so mehr Raum bekommt – aber dann hätten Patterson und Fehlmann konsequenterweise auch gleich ein Instrumentalalbum aufnehmen können. Dieses wäre zudem keineswegs schlecht geworden – hätte dann allerdings in diesem Blog nichts zu suchen. Und das führt uns geradewegs zu der Frage, liebe Leser und Freunde des Reggae, was euch an diesem Album überhaupt interessieren könnte? Nicht viel, sofern ihr nicht auch begeisterte Hörer von Minimal-Elektronik seit, – oder wirklich fanatische Sammler von Perry-Material, die, aus Gründen der Vollständigkeit, auch dieses jüngste Perry-Tondokument der Kollektion einverleiben wollt. Sollte beides nicht zutreffen, dann könnt ihr „The Orbserver In The Star House“ sowie diesen Text getrost vergessen und bei der nächsten Rezension weiterlesen.
Dubkasm: Brixton Rec
2009 erschien mit „Transform I“ das Debut-Album von Dubkasm, dem gemeinsamen Projekt der beiden Bristoler Herren Digistep und DJ Stryda. Wer hätte jedoch gedacht, dass die beiden zu diesem Zeitpunkt bereits rund 15 Jahre im Geschäft waren und in den 1990er Jahren – also zur Hochzeit des UK-Dub – Aufnahmen für Aba Shantis Soundsystem produziert hatten. Es handelt sich um fünf Rhythms, die in Bristol aufgenommen und von Tena Stelin, Lidj Xylon und Ras Addis gevoiced wurden. Die Dub-Versions hat Aba Shanti himself, passend für die PA seines Soundsystems, gemixt. Allerdings fristeten diese Aufnahmen bis heute das Dasein von Dubplates, die außerhalb des Soundsystems, für das sie produziert wurden, nicht zu hören waren. Doch nun, nach fast 20 Jahren, erblicken sie unter dem Titel „Brixton Rec“ (Bristol Archive Records) endlich als reguläres Showcase-Album das Licht der Öffentlichkeit. Hat die Welt darauf gewartet? Nicht wirklich, aber ein wenig freut sie sich doch über die unverhoffte Lektion in europäischer Dub-History. Während die Vocal-Versionen weniger überzeugen, sind die Dubs ganz nett und vermitteln authentische UK-Soundsystem-Atmosphäre (das letzte Stück des Albums ist sogar ein Live-Mitschnitt eines Auftritts im Brixton Rec). Verrückt ist nur, dass sich die Dubs – abgesehen von der mäßigen Soundqualität – nicht sonderlich historisch anhören. Kann es sein, dass der UK-Dub und die ganze Steppers-Epigonenschule sich in den letzten zwanzig Jahren kaum weiterentwickelt haben? Erschreckend.
The Spy From Cairo: Arabadub
Was ich an Dub so liebe, ist seine Fähigkeit, sich mit allen möglichen musikalischen Stilen dieser Welt zu verbinden: Ob Minimal-Elektronik, House, Techno, Jazz, ja sogar Klassik oder – wie im vorliegenden Fall – Worldmusic. Sowohl als Rhythmus wie auch als reiner Sound ist Dub universell kompatibel. Eine These, die The Spy From Cairo mit seinem Album „Arabadub“ (Wonderwheel Recordings) nun in Perfektion und höchst beeindruckend belegt. Moreno Visini, der in einer italienischen Zigeunerfamilie aufgewachsene und nun in New York lebende Spion von Kairo, präsentiert hier eine Fusion aus Reggae-Dub und arabischer Musik, wie ich sie in dieser Qualität noch nicht gehört habe. Statt mit Samples zu arbeiten und einen typischen Worldmusic-Mash-up zu produzieren, komponierte er die Stücke, statt sie zu „bauen“ und spielte jeden einzelnen Ton des Albums akribisch und höchst kunstvoll selbst ein. Die auf Oud, Qifteli und Saz intonierten orientalischen Melodien verbinden sich deshalb wunderbar harmonisch mit den rollenden Dub-Beats zu einem einzigartigen musikalischen Flow, der weit über den Effekt des Neuen und Ungewöhnlichen hinaus bestand hat. Faszinierend ist, dass beide musikalische Komponenten ganz und gar authentisch sind und sich doch mühelos zu einer überaus stimmigen, geschlossenen, neuen Kreation fügen. Würden die Beats von den Melodien getrennt, so entstünden zwei vollwertige Alben: eines mit traditioneller arabischer Musik sowie ein klassisches Dub-Album. Zusammen ergeben sie hingegen eine Musik von selbstverständlicher Natürlichkeit, so als existiere die Synthese aus Dub und Oriental schon ewig. Das Rezept ist simpel (eigentlich ist es nichts anderes als Arabeske), aber zugleich – oder genau deshalb – wahnsinnig effektiv. Wie die Kombination von Kakao und Chili ergeben hier zwei Zutaten, die auf den ersten Blick nichts miteinander gemein haben, eine fantastische, innovative Sensation (im wahrsten Sinne). Auch wenn ich an anderer Stelle dafür plädiere, Innovation nicht per se als höchstes Gut der westlichen Kulturproduktion anzusehen, so muss ich gestehen: Wenn sie so gelingt wie auf diesem Album, dann wünsche ich mir mehr davon.









