Stanley Bryan, besser bekannt als Ranking Barnabas oder einfach nur Barnabas, wurde von den Reggae-Geschichtsschreibern schlichtweg übersehen. Daher gilt er mit hoher Wahrscheinlichkeit als eine der am meisten unterschätzten Persönlichkeiten in der Geschichte des Reggae. In seiner Funktion als Tontechniker im legendären Channel One Recording Studio in der 29 Maxfield Avenue in Kingston, Jamaika, spielte Barnabas eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung der klanglichen Identität unzähliger Reggae-Klassiker. An der Seite von Chef-Engineer und Miteigentümer Ernest Hoo Kim trug er wesentlich dazu bei, eine Ära des Sounds zu definieren, die noch heute über Generationen hinweg nachhallt.
Barnabas war unter anderem für seine technische Virtuosität und intuitive Musikalität bekannt und geschätzt und wurde zu einem unverzichtbaren Partner unzähliger Reggae-Legenden wie Gregory Isaacs, The Gladiators, Sugar Minott, Jah Thomas, Yabby You oder Augustus Pablo und Scientist. Ob er am Mischpult oder hinter dem Schlagzeug saß, sein „Spiel“ brachte jedem Musikstück Klarheit, Tiefe und Groove.
Vergangenes Jahr starb Barnabas am 18. August 2025 unerwartet und viel zu früh im Alter von nur 65 Jahren. Sein plötzlicher Tod hat zahlreiche seiner Kollegen regelrecht geschockt. Scientist, der eng mit Barnabas im Channel One zusammengearbeitet hat, sagte zu dieser traurigen Nachricht: „Barnabas my colleague and friend at Channel One Studio, 29 Maxwell Avenue, has contributed to help build reggae. Many people don’t know he was a wonderful person, a great engineer and drummer who contributed to the building of reggae. His legacy must be told to those who don’t know. I am saddened by him leaving this Earth.“
Und genau das ist mein Vorhaben: Stanley „Barnabas“ Bryan wuchs im Kingston der 1960er Jahre auf, wo er schon früh mit der lebendigen Musikkultur der jamaikanischen Hauptstadt in Berührung kam. Im Jahr 1972 bat eine Nachbarin, die eine Bar betrieb und deren von den Hoo Kim Brüdern gemietete Jukebox gerade an einem Freitagabend versagte, den 12-jährigen Stanley, zum Channel One Studio zu gehen, damit die Hoo Kims sofort jemanden zur Reparatur schicken konnten. So kam Stanley am Türsteher vorbei und konnte vom Jukebox-Problem in der Bar berichten. Von Anfang an war Stanley vom regen Treiben im Channel One fasziniert.
Barnabas, wie er inzwischen auch von seinen Schulkameraden genannt wurde, liebte Musik über alles: „Ich bin in Kingston aufgewachsen, wo Musik überall zu hören war. Ich hörte die Soundsystems spielen, spürte die Vibrations und war tief bewegt. Es war, als würde mich die Musik rufen.“ Nachdem er mit seiner Mutter gegenüber des Channel One gewohnt hatte, kam er jetzt regelmäßig nach der Schule im Studio vorbei. Mit der Zeit fiel allen auf, dass Barnabas ein grundehrlicher, zuverlässiger, junger Mann war, der Botengänge oder Besorgungen fürs Channel One machte und auch immer ohne Aufforderung das Wechselgeld ablieferte. Barnabas wurde Teil des Studioteams. Er schaute vielen Schlagzeugern, insbesondere Sly Dunbar, aufmerksam über die Schultern, lernte und übte fleißig im Studio. Eines Tages schenkte ihm Sly ein Schlagzeug, der Rest ist Geschichte. Ähnlich verlief es mit Ernest Hoo Kim am Mischpult, den Barnabas stundenlang bei seiner Tätigkeit beobachtete. Dann, im Jahr 1976, war es endlich so weit; Barnabas machte seinen ersten Mix. Seitdem ist er über Jahrzehnte hinweg auf unglaublich vielen herausragenden Alben, genannt oder ungenannt, als Mann am Mischpult oder Schlagzeug zu hören. Als Musiker stellte er sein rhythmisches Genie unter anderem Gruppen wie Jah Stone, New Breed, den Itals oder den Gladiators zur Verfügung. Sein charakteristischer Schlagzeugstil, der oft als „Control Balance Groove“ beschrieben wird, war mehr als nur Technik; es war eine Philosophie des Riddim, die den Herzschlag des Genres prägte. Als DJ Ranking Barnabas hinterließ er zusammen mit Gregory Isaacs unauslöschliche Spuren auf Tracks wie „Can I Change My Mind“, „I Will Never Love Again“ und „Tumbling Tears“.
Nach all den genannten Aspekten ist es umso erstaunlicher, dass tatsächlich nur ein einziges Album existiert, das ausschließlich den Namen Barnabas trägt. Es wurde noch nicht einmal von Ernest oder Joseph Hoo Kim produziert. Phil Pratt war derjenige, der „Ranking Barnabas: The Cold Crusher“ in einer kleinen Stückzahl Ende der 1970er Jahre herausbrachte. Danach verschwand das Album für beinahe ein halbes Jahrhundert von der Bildfläche und wurde verständlicherweise zum kostbaren Sammlerstück. Nun kommt Helmut Philipps ins Spiel, der vor gut einem Jahr von den italienischen Jamdung Records gefragt wurde, ob er eine Empfehlung für die Wiederveröffentlichung eines Dub-Albums hätte. Ohne lange zu überlegen, sollte es für Helmut Philipps „The Cold Crusher“ sein. Ein Werk mit zehn Dubs, die alle auf Gesangsproduktionen von Phil Pratt aus den späten 1970er Jahren basieren. Barnabas schöpft für „The Cold Crusher“ aus dem Vollen und kreiert exquisite Dubs von Ken Boothe, Horace Andy, Freddie McKay und Jimmy London Songs. Der größte Teil der Dubs stammt vom Blackstones Album „Insight“, das 1979 veröffentlicht wurde. Beim Anhören wird sofort deutlich, dass Barnabas’ Fokus besonders auf dem Bass und dem Schlagzeug liegt. Die Percussion und die kraftvollen, rollenden Basslines zusammen mit den hervorragenden Bläsern versetzen mich sofort in eine Zeit zurück, als das Channel One Studio in der 29 Maxfield Avenue das angesagteste Studio in Kingston war. Da das Channel One nicht unbedingt für komplexe technische Klanglandschaften bekannt ist, denke ich, dass auch niemand etwas Derartiges hier erwartet. Stattdessen sind diese schleppenden Beats, hypnotischen Basslines, krachenden Snares und kosmischen Echos zu hören, die schon seit Mitte der 70er Jahre weit über Kingston hinausreichen.
Insgesamt handelt es sich um ein wunderschönes, äußerst rares, klassisches Dub-Album aus der absoluten Blütezeit des Reggae/Dub, versehen mit exzellenten Linernotes von Helmut Philipps und David Katz, die bislang noch nie zusammengearbeitet haben. Das Album, bzw. die LP ist, zusammen mit dieser Fülle an Informationen, ohne Übertreibung ein Muss und eine wunderbare Ergänzung für jede Sammlung. Die LP erlebt heute, am 06.02., in einer Auflage von 500 Exemplaren ihre lang überfällige Wiederveröffentlichung und ist gleichzeitig eine bedauerlicherweise viel zu späte Würdigung von Barnabas’ Fähigkeiten als Dub-Mixer, die er nicht mehr erleben durfte. Eine Hommage an einen weiteren unbesungenen Helden dieses Genres, die längst überfällig ist. Mit dem Tod von Stanley „Barnabas“ Bryan schließt sich ein weiteres Kapitel der Reggae-Geschichte. Sein Einfluss hingegen wird in jeder Bassline, jedem Snare-Schlag und jeder Dubplate, die zu seinem Gedenken erklingt, weiterhin deutlich nachhallen.
PS: Falls ihr euch fragt, woher ihr Beth Lessers ikonisches Bild bereits kennt, dann schaut euch „Drum Sound: More Gems From The Channel One Dub Room – 1974 To 1980“ (Pressure Sound #55) aus dem Jahr 2007 an.
