Das 1995 ins Leben gerufene Revival-Reggae-Label Pressure Sounds hat Phil Pratt durch essenzielle Veröffentlichungen wie „Phil Pratt Thing“, „Safe Travel 1966–1968“, die Dub-Kollektion „Dial M For Murder“, Horace Andys „Get Wise“ sowie „Zion Hill“ von Bobby Kalphat & The Sunshot All Stars bereits in den Fokus der Reggae- und Dub-Szene gerückt. Im letzten Jahr wurde ein weiteres begehrtes Sammlerstück mit dem Titel „Phil Pratt & Friends: The War Is On – Dub Style“ wieder auf den Markt gebracht. Eventuell wurde nochmal der verstärkten Nachfrage Rechnung getragen, nachdem „The War Is On – Dub Style“ von Pressure Sounds bereits 2018 veröffentlicht wurde. Dieses äußerst gesuchte Dub-Album war seit seiner ersten Veröffentlichung in den frühen 1980er Jahren nicht mehr zu finden und wurde zu einem gefragten Sammlerexemplar.
Die beeindruckende Karriere des jamaikanischen Produzenten George Phillips, besser bekannt als Phil Pratt, reicht bis in die Rocksteady-Ära der 1960er Jahre zurück. Zusammen mit seinem Schulfreund Ken Boothe sang er „Sweet Song For My Baby“. In den 1970er Jahren erzielte er als Produzent bedeutende Erfolge mit Titeln wie „My Heart Is Gone“ von John Holt, „They Talk About Love“ von Pat Kelly, „Gee Baby“ von Al Campbell und „I’m Not For Sale“ oder „Artibella“ von Ken Booth. Nach seinem Umzug nach London Anfang der 1980er Jahre wurden seine Produktionen zunehmend in den Easy Street Studios in Bethnal Green, London abgemischt. Dort arbeitete er eng mit dem Toningenieur Stuart Breed zusammen, ein sehr junger Mann Anfang zwanzig, der eigentlich mit Reggae nichts zu tun hatte und im Grunde vom Rock/Pop (Roxy Music, Japan) kam. Phil Pratt kam mit den im Kingstoner Joe Gibbs Studio eingespielten Bändern und beauftragte Stuart Breed „The War Is On – Dub Style“ zu mischen. Das Album spiegelt perfekt Phil Pratts typische Arbeitsweise zu jener Zeit wider. Die Aufnahmen entstanden in einem Studio auf Jamaika, bevorzugt Channel One oder Joe Gibbs, während die Overdubs und der Mix in den Londoner Easy Street Studios stattfanden. Unter den Musikern, die für „The War Is On – Dub Style“ die Riddims einspielten, waren Sly Dunbar (Schlagzeug und Percussion), Robbie Shakespeare und Lloyd Parks (Bass), Lloyd „Gitsy“ Willis (Lead-Gitarre), Winston „Bo Peep“ Bowen (Rhythmus-Gitarre) sowie Bobby Kalphat (Keyboards und Melodica). Den Keyboarder Bobby Kalphat schätzte Phil Pratt ganz besonders, was man immer wieder nachlesen kann. Er empfand Kalphats Melodica-Parts in vielen Teilen gelungener als die von Augustus Pablo. Vor allem wurden sie auch nicht so in den Vordergrund gemixt, wie bei vielen Augustus Pablo Aufnahmen der Fall.
Das ursprüngliche Album hatte acht Tunes, darunter Dubs von Ronnie Davis’ Errol Dunkley Version von „Black Cinderella“ und John Holts „Strange Things“. Der Titeltrack „The War Is On“ repräsentiert einen neuen, trockeneren Sound, der sehr stark von Drum & Bass geprägt ist und an frühe Scientist Arbeiten mit den Roots Radics erinnert. „Easy Street Special“ ist eine Dub-Version von „Black Cinderella“ und „Dancing Kid“ können wir Owen Grays „Hear We Them A Say“ zuordnen. Alle erwähnten Dubs zeigen Bobby Kalphats Melodica-Spiel, das nicht so dominant wirkt, wie wir es von Aufnahmen eines Augustus Pablo gewohnt sind. Das ursprüngliche Album endet mit „Earth Movement“, einem etwas schnelleren Stück voller schöner Bläserarrangements. Wer die CD kauft, bekommt noch vier Bonusstücke, von denen drei ursprünglich auf 10-Zoll-Vinyl erhältlich waren, gefolgt von einem Bobby Kalphat Instrumental. Besonders Owen Gray fällt mit dem beeindruckenden „Hear We Them A Say“ sofort auf, einem kraftvollen Roots-Song, der energisch daherkommt. Danach folgt Ronnie Davis mit einer mitreißenden Version von „Strange Things“, einem Stück, das von Horace Andy geschrieben und durch John Holt bekannt gemacht wurde. Außerdem überzeugt er erneut in „Black Cinderella“, das ursprünglich 1972 von Errol Dunkley für Jimmy Radway aufgenommen wurde. Die CD endet mit dem schönen Bobby Kalphat Intrumental „My Time“.
Am Mittwoch, dem 25.02.2026, verstarb nun Phil Pratt im Alter von 82 Jahren in seiner Wahlheimat London, wo er über 40 Jahre lebte und ein Restaurant betrieb. Mit ihm stirbt wieder eine tragende Säule des Roots Reggae und Dub. Ohne den Grassroots Producer Phil Pratt, der Künstler wie Horace Andy, Dennis Brown, Big Youth, Dennis Alcapone, Dillinger, Barnabas, King Sighta, Earl George (George Faith), Bobby Kalphat und ganz viele andere unter seine Fittiche nahm und eine Plattform bot, wäre unsere Reggae- und Dubwelt um einiges ärmer.
R.I.P. George Phillips aka Phil Pratt
