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Phil Pratt & Friends: The War Is On – Dub Style

Das 1995 ins Leben gerufene Revival-Reggae-Label Pressure Sounds hat Phil Pratt durch essenzielle Veröffentlichungen wie „Phil Pratt Thing“, „Safe Travel 1966–1968“, die Dub-Kollektion „Dial M For Murder“, Horace Andys „Get Wise“ sowie „Zion Hill“ von Bobby Kalphat & The Sunshot All Stars bereits in den Fokus der Reggae- und Dub-Szene gerückt. Im letzten Jahr wurde ein weiteres begehrtes Sammlerstück mit dem Titel „Phil Pratt & Friends: The War Is On – Dub Style“ wieder auf den Markt gebracht. Eventuell wurde nochmal der verstärkten Nachfrage Rechnung getragen, nachdem „The War Is On – Dub Style“ von Pressure Sounds bereits 2018 veröffentlicht wurde. Dieses äußerst gesuchte Dub-Album war seit seiner ersten Veröffentlichung in den frühen 1980er Jahren nicht mehr zu finden und wurde zu einem gefragten Sammlerexemplar.

Die beeindruckende Karriere des jamaikanischen Produzenten George Phillips, besser bekannt als Phil Pratt, reicht bis in die Rocksteady-Ära der 1960er Jahre zurück. Zusammen mit seinem Schulfreund Ken Boothe sang er „Sweet Song For My Baby“. In den 1970er Jahren erzielte er als Produzent bedeutende Erfolge mit Titeln wie „My Heart Is Gone“ von John Holt, „They Talk About Love“ von Pat Kelly, „Gee Baby“ von Al Campbell und „I’m Not For Sale“ oder „Artibella“ von Ken Booth. Nach seinem Umzug nach London Anfang der 1980er Jahre wurden seine Produktionen zunehmend in den Easy Street Studios in Bethnal Green, London abgemischt. Dort arbeitete er eng mit dem Toningenieur Stuart Breed zusammen, ein sehr junger Mann Anfang zwanzig, der eigentlich mit Reggae nichts zu tun hatte und im Grunde vom Rock/Pop (Roxy Music, Japan) kam. Phil Pratt kam mit den im Kingstoner Joe Gibbs Studio eingespielten Bändern und beauftragte Stuart Breed „The War Is On – Dub Style“ zu mischen. Das Album spiegelt perfekt Phil Pratts typische Arbeitsweise zu jener Zeit wider. Die Aufnahmen entstanden in einem Studio auf Jamaika, bevorzugt Channel One oder Joe Gibbs, während die Overdubs und der Mix in den Londoner Easy Street Studios stattfanden. Unter den Musikern, die für „The War Is On – Dub Style“ die Riddims einspielten, waren Sly Dunbar (Schlagzeug und Percussion), Robbie Shakespeare und Lloyd Parks (Bass), Lloyd „Gitsy“ Willis (Lead-Gitarre), Winston „Bo Peep“ Bowen (Rhythmus-Gitarre) sowie Bobby Kalphat (Keyboards und Melodica). Den Keyboarder Bobby Kalphat schätzte Phil Pratt ganz besonders, was man immer wieder nachlesen kann. Er empfand Kalphats Melodica-Parts in vielen Teilen gelungener als die von Augustus Pablo. Vor allem wurden sie auch nicht so in den Vordergrund gemixt, wie bei vielen Augustus Pablo Aufnahmen der Fall.
Das ursprüngliche Album hatte acht Tunes, darunter Dubs von Ronnie Davis’ Errol Dunkley Version von „Black Cinderella“ und John Holts „Strange Things“. Der Titeltrack „The War Is On“ repräsentiert einen neuen, trockeneren Sound, der sehr stark von Drum & Bass geprägt ist und an frühe Scientist Arbeiten mit den Roots Radics erinnert. „Easy Street Special“ ist eine Dub-Version von „Black Cinderella“ und „Dancing Kid“ können wir Owen Grays „Hear We Them A Say“ zuordnen. Alle erwähnten Dubs zeigen Bobby Kalphats Melodica-Spiel, das nicht so dominant wirkt, wie wir es von Aufnahmen eines Augustus Pablo gewohnt sind. Das ursprüngliche Album endet mit „Earth Movement“, einem etwas schnelleren Stück voller schöner Bläserarrangements. Wer die CD kauft, bekommt noch vier Bonusstücke, von denen drei ursprünglich auf 10-Zoll-Vinyl erhältlich waren, gefolgt von einem Bobby Kalphat Instrumental. Besonders Owen Gray fällt mit dem beeindruckenden „Hear We Them A Say“ sofort auf, einem kraftvollen Roots-Song, der energisch daherkommt. Danach folgt Ronnie Davis mit einer mitreißenden Version von „Strange Things“, einem Stück, das von Horace Andy geschrieben und durch John Holt bekannt gemacht wurde. Außerdem überzeugt er erneut in „Black Cinderella“, das ursprünglich 1972 von Errol Dunkley für Jimmy Radway aufgenommen wurde. Die CD endet mit dem schönen Bobby Kalphat Intrumental „My Time“.

Am Mittwoch, dem 25.02.2026, verstarb nun Phil Pratt im Alter von 82 Jahren in seiner Wahlheimat London, wo er über 40 Jahre lebte und ein Restaurant betrieb. Mit ihm stirbt wieder eine tragende Säule des Roots Reggae und Dub. Ohne den Grassroots Producer Phil Pratt, der Künstler wie Horace Andy, Dennis Brown, Big Youth, Dennis Alcapone, Dillinger, Barnabas, King Sighta, Earl George (George Faith), Bobby Kalphat und ganz viele andere unter seine Fittiche nahm und eine Plattform bot, wäre unsere Reggae- und Dubwelt um einiges ärmer.
R.I.P. George Phillips aka Phil Pratt

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Milton Henry: Branches And Leaves

Milton Henry ist mit absoluter Sicherheit nicht der bekannteste jamaikanische Sänger, aber sicherlich nicht der untalentierteste. Das vorliegende Album „Milton Henry: Branches And Leafs“ (A-Lone Productions) ist weder ein altes Bullwackies Album noch ein brandneues Release. Es ist das dritte Album, des 2022 verstorbenen Sängers, Gitarristen und Arrangeurs aus dem Jahr 2013.

In den sechziger Jahren war Milton Henry in verschiedenen Musikgruppen aktiv. Zusammen mit Keith Blake, der besser als Prince Alla bekannt ist, und Roy Palmer gründete er 1966 „The Leaders“. Dieses Trio nahm 1968 zusammen mit der Lynn Taitt Band für Joe Gibbs den Song „Hope Some Day“ auf. Da war Milton Henry gerade 18 Jahre alt. Nach zwei weiteren Aufnahmen für Gibbs wandte er sich anderen musikalischen Projekten zu. Danach ging er zu Lee Perry, um sein Glück als Solokünstler zu versuchen. Für Lee „Scratch“ Perry nahm er seine Debütsingle „No Bread And Butter“ auf, die fälschlicherweise Milton Morris zugeschrieben wurde. Darüber hinaus existieren noch ein paar Klassiker, die in Lee Perrys Black Ark Studio entstanden, wie z. B. eine Interpretation des Impressions Klassikers „Gypsy Woman“ oder seine ersten Songs „This World“ und „Follow Fashion“ als King Medious über dem „Fever“ Riddim der Upsetters.

1979 folgte der Umzug nach New York, wo bereits eine große Gemeinde jamaikanischer Musiker in der Diaspora lebte. Gleich nach seiner Umsiedelung zeigte Milton Henry erst einmal kein weiteres Interesse, noch als Sänger unterwegs zu sein. Als Verkäufer von Vinylschallplatten, der zwischen New York und Jamaika pendelte, lernte er zwangsläufig Lloyd „Bullwackie” Barnes kennen, und bereits kurze Zeit später war er tief in die täglichen Abläufe von Wackie’s eingebunden. Milton Henry leitete den Verkauf, und das gesamte Marketing und hatte sogar Ersatzschlüssel für das Studio, falls „Bullwackie“ persönlich mal nicht am Platz war. Natürlich führten seine Talente unweigerlich dazu, dass er wieder selbst Musik machte, und 1985 wurde schließlich sein lang ersehntes Album „Who Do You Think I Am?“ veröffentlicht. Tatsächlich sagen schon ein paar Namen, die an diesem Album arbeiteten, bereits über die Qualität alles aus: Sugar Minott, Max Romeo – Backing Vocals; Sly Dunbar; Jackie Mittoo und die Bullwackie Posse selbstverständlich. Zwei Jahre später folgte dem Debütalbum noch das weniger beachtete „Babylon Loot“ Album.

Mehr als 25 Jahre vergingen, bis Milton Henry zusammen mit Roberto Sanchez das Showcase-Album „Branches And Leaves“ veröffentlichte. Der spanische Produzent begann im Jahr 2013 mit der Zusammenarbeit und zauberte in seinem A-Lone-Ark-Muzik-Studio die passenden organischen Roots-Riddims, die Henry dann in Bullwackies Studio in New York einsang. Das dritte Album von Milton Henry enthält sechs eigene Songs sowie deren Dubs mit Titeln wie „Rastafari Cannot Die” und „Let Go The Ego”. Diese beiden Songs wurden bereits im Juni 2013 auf einer 12″-Platte von Iroko Records veröffentlicht. Weitere Songs wie „Crisis”, „Rastaman Beware” und „Gimme Gimme” runden dieses außergewöhnliche Album ab, das voller positiver, zur Reflexion anregender Botschaften ist. Milton Henry beeindruckt mich mit seiner ruhigen, tiefen und souligen Stimme, die von den kraftvollen Riddims der Lone Ark Riddim Force untermalt wird. Ein erstklassiges Roots-Album voller Poesie, das die gegenwärtige globale Situation mit ihren wirtschaftlichen und spirituellen Problemen ideal widerspiegelt.

Eines muss man Roberto Sanchez wirklich lassen: Er hat ein gutes Gespür und ein sicheres Händchen dafür, alte Foundation-Veteranen mit einem gelungenen Album wieder in Erinnerung zu bringen. Außerdem beweist er uns immer wieder, dass er ein hervorragender europäischer Dub-Master par excellence ist, der es versteht, völlig unaufgeregte, entspannte Dubs aus einer längst vergangenen Zeit zu zaubern.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Ranking Barnabas: The Cold Crusher

Stanley Bryan, besser bekannt als Ranking Barnabas oder einfach nur Barnabas, wurde von den Reggae-Geschichtsschreibern schlichtweg übersehen. Daher gilt er mit hoher Wahrscheinlichkeit als eine der am meisten unterschätzten Persönlichkeiten in der Geschichte des Reggae. In seiner Funktion als Tontechniker im legendären Channel One Recording Studio in der 29 Maxfield Avenue in Kingston, Jamaika, spielte Barnabas eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung der klanglichen Identität unzähliger Reggae-Klassiker. An der Seite von Chef-Engineer und Miteigentümer Ernest Hoo Kim trug er wesentlich dazu bei, eine Ära des Sounds zu definieren, die noch heute über Generationen hinweg nachhallt.
Barnabas war unter anderem für seine technische Virtuosität und intuitive Musikalität bekannt und geschätzt und wurde zu einem unverzichtbaren Partner unzähliger Reggae-Legenden wie Gregory Isaacs, The Gladiators, Sugar Minott, Jah Thomas, Yabby You oder Augustus Pablo und Scientist. Ob er am Mischpult oder hinter dem Schlagzeug saß, sein „Spiel“ brachte jedem Musikstück Klarheit, Tiefe und Groove.

Vergangenes Jahr starb Barnabas am 18. August 2025 unerwartet und viel zu früh im Alter von nur 65 Jahren. Sein plötzlicher Tod hat zahlreiche seiner Kollegen regelrecht geschockt. Scientist, der eng mit Barnabas im Channel One zusammengearbeitet hat, sagte zu dieser traurigen Nachricht: „Barnabas my colleague and friend at Channel One Studio, 29 Maxwell Avenue, has contributed to help build reggae. Many people don’t know he was a wonderful person, a great engineer and drummer who contributed to the building of reggae. His legacy must be told to those who don’t know. I am saddened by him leaving this Earth.“
Und genau das ist mein Vorhaben: Stanley „Barnabas“ Bryan wuchs im Kingston der 1960er Jahre auf, wo er schon früh mit der lebendigen Musikkultur der jamaikanischen Hauptstadt in Berührung kam. Im Jahr 1972 bat eine Nachbarin, die eine Bar betrieb und deren von den Hoo Kim Brüdern gemietete Jukebox gerade an einem Freitagabend versagte, den 12-jährigen Stanley, zum Channel One Studio zu gehen, damit die Hoo Kims sofort jemanden zur Reparatur schicken konnten. So kam Stanley am Türsteher vorbei und konnte vom Jukebox-Problem in der Bar berichten. Von Anfang an war Stanley vom regen Treiben im Channel One fasziniert.
Barnabas, wie er inzwischen auch von seinen Schulkameraden genannt wurde, liebte Musik über alles: „Ich bin in Kingston aufgewachsen, wo Musik überall zu hören war. Ich hörte die Soundsystems spielen, spürte die Vibrations und war tief bewegt. Es war, als würde mich die Musik rufen.“ Nachdem er mit seiner Mutter gegenüber des Channel One gewohnt hatte, kam er jetzt regelmäßig nach der Schule im Studio vorbei. Mit der Zeit fiel allen auf, dass Barnabas ein grundehrlicher, zuverlässiger, junger Mann war, der Botengänge oder Besorgungen fürs Channel One machte und auch immer ohne Aufforderung das Wechselgeld ablieferte. Barnabas wurde Teil des Studioteams. Er schaute vielen Schlagzeugern, insbesondere Sly Dunbar, aufmerksam über die Schultern, lernte und übte fleißig im Studio. Eines Tages schenkte ihm Sly ein Schlagzeug, der Rest ist Geschichte. Ähnlich verlief es mit Ernest Hoo Kim am Mischpult, den Barnabas stundenlang bei seiner Tätigkeit beobachtete. Dann, im Jahr 1976, war es endlich so weit; Barnabas machte seinen ersten Mix. Seitdem ist er über Jahrzehnte hinweg auf unglaublich vielen herausragenden Alben, genannt oder ungenannt, als Mann am Mischpult oder Schlagzeug zu hören. Als Musiker stellte er sein rhythmisches Genie unter anderem Gruppen wie Jah Stone, New Breed, den Itals oder den Gladiators zur Verfügung. Sein charakteristischer Schlagzeugstil, der oft als „Control Balance Groove“ beschrieben wird, war mehr als nur Technik; es war eine Philosophie des Riddim, die den Herzschlag des Genres prägte. Als DJ Ranking Barnabas hinterließ er zusammen mit Gregory Isaacs unauslöschliche Spuren auf Tracks wie „Can I Change My Mind“, „I Will Never Love Again“ und „Tumbling Tears“.

Nach all den genannten Aspekten ist es umso erstaunlicher, dass tatsächlich nur ein einziges Album existiert, das ausschließlich den Namen Barnabas trägt. Es wurde noch nicht einmal von Ernest oder Joseph Hoo Kim produziert. Phil Pratt war derjenige, der „Ranking Barnabas: The Cold Crusher“ in einer kleinen Stückzahl Ende der 1970er Jahre herausbrachte. Danach verschwand das Album für beinahe ein halbes Jahrhundert von der Bildfläche und wurde verständlicherweise zum kostbaren Sammlerstück. Nun kommt Helmut Philipps ins Spiel, der vor gut einem Jahr von den italienischen Jamdung Records gefragt wurde, ob er eine Empfehlung für die Wiederveröffentlichung eines Dub-Albums hätte. Ohne lange zu überlegen, sollte es für Helmut Philipps „The Cold Crusher“ sein. Ein Werk mit zehn Dubs, die alle auf Gesangsproduktionen von Phil Pratt aus den späten 1970er Jahren basieren. Barnabas schöpft für „The Cold Crusher“ aus dem Vollen und kreiert exquisite Dubs von Ken Boothe, Horace Andy, Freddie McKay und Jimmy London Songs. Der größte Teil der Dubs stammt vom Blackstones Album „Insight“, das 1979 veröffentlicht wurde. Beim Anhören wird sofort deutlich, dass Barnabas’ Fokus besonders auf dem Bass und dem Schlagzeug liegt. Die Percussion und die kraftvollen, rollenden Basslines zusammen mit den hervorragenden Bläsern versetzen mich sofort in eine Zeit zurück, als das Channel One Studio in der 29 Maxfield Avenue das angesagteste Studio in Kingston war. Da das Channel One nicht unbedingt für komplexe technische Klanglandschaften bekannt ist, denke ich, dass auch niemand etwas Derartiges hier erwartet. Stattdessen sind diese schleppenden Beats, hypnotischen Basslines, krachenden Snares und kosmischen Echos zu hören, die schon seit Mitte der 70er Jahre weit über Kingston hinausreichen.

Insgesamt handelt es sich um ein wunderschönes, äußerst rares, klassisches Dub-Album aus der absoluten Blütezeit des Reggae/Dub, versehen mit exzellenten Linernotes von Helmut Philipps und David Katz, die bislang noch nie zusammengearbeitet haben. Das Album, bzw. die LP ist, zusammen mit dieser Fülle an Informationen, ohne Übertreibung ein Muss und eine wunderbare Ergänzung für jede Sammlung. Die LP erlebt heute, am 06.02., in einer Auflage von 500 Exemplaren ihre lang überfällige Wiederveröffentlichung und ist gleichzeitig eine bedauerlicherweise viel zu späte Würdigung von Barnabas’ Fähigkeiten als Dub-Mixer, die er nicht mehr erleben durfte. Eine Hommage an einen weiteren unbesungenen Helden dieses Genres, die längst überfällig ist. Mit dem Tod von Stanley „Barnabas“ Bryan schließt sich ein weiteres Kapitel der Reggae-Geschichte. Sein Einfluss hingegen wird in jeder Bassline, jedem Snare-Schlag und jeder Dubplate, die zu seinem Gedenken erklingt, weiterhin deutlich nachhallen.

Bewertung: 4.5 von 5.


PS: Falls ihr euch fragt, woher ihr Beth Lessers ikonisches Bild bereits kennt, dann schaut euch „Drum Sound: More Gems From The Channel One Dub Room – 1974 To 1980“ (Pressure Sound #55) aus dem Jahr 2007 an.

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Soulcraft & Masso Narradi: Book Of Life Chapter 1 (Dare To Walk The Path Of Righteous)

Das trifft sich doch hervorragend, um das Thema Balkan ein wenig abzurunden. Die serbische Gruppe Soulcraft aus Belgrad, manchen möglicherweise durch ihre Zusammenarbeit mit Hornsman Coyote bekannt, hat ein neues Album herausgebracht. Für das aktuelle Album „Soulcraft & Masso Narradi: Book Of Life, Chapter 1 (Dare To Walk The Path Of Righteous)“ hat die Band das Jazz-Bläser-Trio Masso Narradi ins Studio eingeladen. Die EP umfasst vier Instrumentalstücke und die dazugehörigen Dub-Pendants. Veröffentlicht wird das Opus vom niederländischen Label Earth Works Outernational aus Amsterdam.

Soulcraft wurde im Jahr 2013 ins Leben gerufen und setzt sich aus erfahrenen Musikern der örtlichen Reggae-, Blues- und Punk-Szene zusammen. Sie sind seit über zwanzig Jahren in der Belgrader Musikszene aktiv und setzen sich für den Erhalt und die Verbreitung von Reggae ein. Die Band lässt sich vom Roots-Reggae der 70er- und 80er-Jahre sowie von den Botschaften von Künstlern wie Burning Spear, Bob Marley, Peter Tosh, Steel Pulse, Misty in Roots und weiteren inspirieren. Soulcraft hat sich mittlerweile als eine der aktivsten Reggae-Gruppen im ehemaligen Jugoslawien einen Namen gemacht. Zudem arbeiten sie eng mit dem in Frankreich lebenden guyanischen Sänger Ras Mac Bean zusammen, mit dem sie auch befreundet sind.

Im Sommer 2024 traf man sich im Belgrader Sick Touch Studio mit dem Jazz-Trio Masso Narradi, um ein paar neue Stücke einzuspielen. Mithilfe der drei renommierten Blechbläser aus der serbischen Jazzszene entstanden unglaubliche 24 Tracks. Davon sollen sechzehn Stücke später noch als Chapter II und Chapter III veröffentlicht werden. Die bisher vorliegenden acht Tracks aus Chapter I bieten eine kraftvolle Reise durch Roots, Reggae, Dub und Jazz. Sie folgen der Tradition großer Künstler wie Rico Rodriguez, Nils Petter Molvær zusammen mit Sly & Robbie sowie den Skatalites. Die Aufnahmen und die Produktion des Albums wurden vollständig von der Band zusammen mit Aleksandar Markovic, auch bekannt als Echomer, umgesetzt. Der Klang ist sowohl warm als auch klar, und die Abmischungen wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Die Instrumentals sowie deren Dub-Pendants können als sehr gelungen bezeichnet werden, zumal bereits bei den Instrumentals nicht mit Hall und Echo gegeizt wurde. Für die leidenschaftlichsten Dub-Enthusiasten und Plattensammler ist eine Vinyl-Ausgabe für den Frühling 2026 vorgesehen!

Bewertung: 4 von 5.

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Balkan Dub System: Balkan Dub System

Wie in den Kommentaren zu den „Charts 2025“ bereits angeklungen, ist schon etwas Wahres dran, dass im Jahr 2025 viele ziemlich gute Dub-Alben erschienen sind. Teilweise war es eine riesige Flutwelle, die über unsere Dubheads hinweg geschwappt ist. Und deshalb wäre beinahe das „Balkan Dub System” mit seinem gleichnamigen Album in der Flut von mir unbeachtet untergegangen. Hätte ich gewusst, dass sich hinter dem „Balkan Dub System” ein neues Projekt des sehr umtriebigen und vielseitigen kroatischen Multiinstrumentalisten Ognjen Zecevic alias Egoless verbirgt, wäre mir das nicht passiert. Egoless ist seit 2007 in der Musikbranche tätig. Zunächst trat er der Band Stillness aus der Region Split-Zagreb bei. Danach folgte fast zwanzig Jahre eine beeindruckende Laufbahn in der globalen Bass-, Dub- und Dubstep-Szene. Auch seine Auftritte beim Seasplash in Istrien oder in einigen der besten Clubs Großbritanniens sowie eine Tour durch amerikanische und kanadische Städte machten ihn über den Atlantik hinweg bekannt. Mit seinem Album „Dubternal“ landete er beim renommierten britischen Soundsystem-Label Deep Medi Musik, das von Londons führendem Dubstep-Innovator Mala von Digital Mystikz betrieben wird. In Kroatien wurde „Dubternal“ mit dem Elektor und Ambasador für das Album des Jahres ausgezeichnet.

Kurz nach all den Auszeichnungen reifte bei Egoless bereits ein neues Konzept. Dieses entstand exakt an der Schnittstelle zwischen Ost und West mit seiner turbulenten Geschichte, komplexen Vergangenheit und fahrenden Völkern. Der Balkan war schon immer ein Schmelztiegel unterschiedlicher Kulturen, geprägt von Jahrhunderten der Migration, Konflikten und des regen Austauschs. Aus dieser Vielfalt von Traditionen, Sprachen und Religionen entstand der Raum für Egoless‘ neue musikalische Vision. Daraus resultierte ein Album mit sieben Tracks, das tief in den musikalischen Traditionen des Balkans und des Nahen Ostens verwurzelt ist. Das neue Projekt und gleichnamige Album von Ognjen Zecevic „Balkan Dub System” kombiniert geschickt Roots Dub, Oriental Dub und Weltmusik zu einer akustischen Fusion mit den traditionellen Instrumenten des Balkans, darunter Saz, Santur, Duduk, Ney, Kaval, Darbuka und Bendir. Als einziger zusätzlicher Musiker spielte Roko Margeta auf der türkischen Ney und der mazedonischen Kaval, während alle anderen Instrumente von Egoless selbst eingespielt und gemischt wurden.
Ok, solche Projekte sind nicht völlig neu. Wir kennen ähnliche Klänge von Moreno Visini alias The Spy from Cairo, dennoch gefällt mir das vorliegende Album ausgesprochen gut. Auch, weil es einfach etwas Besonderes ist.

Bewertung: 4 von 5.
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Charts Review

Dubblog Jahres-Charts 2025

Das Jahr geht zu Ende und wir servieren euch unsere Best of the Best-Auswahl des Jahres 2025. Natürlich unverschämt subjektiv und ganz arrogant ohne weitere Begründung. Wir sind gespannt darauf, wie ihr unsere Auswahl beurteilt – und was dieses Jahr eure Favorites waren. Schreibt’s in die Kommentare.

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Total Hip Replacement: In Dub

Mit „In Dub“ (Echo Beach) legt die dänische Band Total Hip Replacement ein Album vor, das ihre warmen, souligen und von Highlife beeinflussten Reggae-Kompositionen durch die Hände ausgewählter Dub-Produzenten laufen lässt – und das Ergebnis ist ebenso vielfältig wie überraschend. Die Band aus Aarhus, die zuletzt mit Musikern aus Ghana gearbeitet hat, öffnet ihre Songs hier für Neuinterpretationen, die mal reduziert, mal poppig, mal tief bassig und mal leichtfüßig daherkommen. Bemerkenswert ist dabei, dass viele der beteiligten Dub-Mixer in Deutschland leben: Aldubb, der Dubvisionist, Dr. Markuse und Oliver Frost prägen das Album maßgeblich, während MF DUB aus Dänemark und Dubmatix aus Toronto als internationale Gäste herausragen. Erschienen ist „In Dub“ passenderweise bei Echo Beach in Hamburg – und damit ist der Großteil dieser Produktion letztlich ein deutsches Dub-Projekt, das die Vielfalt der hiesigen Szene widerspiegelt.
Die Mixe selbst schwanken in ihrer Qualität: Einige sind atmosphärisch dicht und wirklich spannend, andere sind zwar virtuos, leiden aber etwas unter dem Ausgangsmaterial. Was mich persönlich weniger überzeugt, ist der immer wieder durchscheinende Originalgesang, der manchen Dub-Versionen die wünschenswerte Tiefe nimmt. Dazu kommen einzelne poppigere Klangästhetiken aus den Ursprungstracks, die im Dub-Kontext nicht immer optimal funktionieren. Trotzdem ist das Album hörenswert und vielseitig – ein schöner Showcase der deutschen Dub-Mixkultur und ein interessanter neuer Blick auf die Band Total Hip Replacement – die mir tatsächlich bisher unbekannt war.

Bewertung: 4 von 5.

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Five Star Review

The Alien Dub Orchestra: Play the Breadminster Songbook

Es passiert nicht oft, dass man ein Dub-Album hört und sofort merkt: Hier öffnet sich gerade eine Tür, von der man bis eben gar nicht wusste, dass sie existiert. „The Alien Dub Orchestra Plays the Breadminster Songbook“ (Alien Transistor) ist genau so ein Moment. Für mich ist es die schrägste, ungewöhnlichste und dabei wohl innovativste Dub-Veröffentlichung der letzten Jahre – und ein beeindruckender Beweis dafür, wie weit Dub gehen kann, wenn man sich frei macht von Traditionen, Produktionsdogmen und Erwartungshaltungen.
Das Projekt selbst ist schon außergewöhnlich. Das Alien Dub Orchestra ist ein zusammengesetzter Haufen bayerischer Musiker*innen – unter anderem aus dem Umfeld von The Notwist und G.Rag y los hermanos Patchekos. Ihr Ansatz: die Songs des britischen Dub-Exzentrikers Elijah Minnelli aus dessen sogenanntem Breadminster Songbook als komplette Band einzuspielen. Minnelli, der seine „fransigen, melancholischen Hymnen an seine Heimat“ sonst – nach eigener Aussage – in einem feuchte Keller am Computer zusammenschraubt, wurde selbst von der Idee überrumpelt. „Echte Profis spielen etwas, das man selbst zusammengepuzzelt hat – das ist überwältigend“, sagt er. Und tatsächlich: Seine schräge Musik klingt plötzlich so, wie sie vielleicht schon immer von ihm intendiert war.
Das Album arbeitet sich durch Minnellis cumbia-infizierten Dub-Reggae – aber statt digitaler Loops und Rough-Mix-Atmosphäre gibt es hier eine voll instrumentierte, fast schon anarchisch bunte Bandbesetzung: Guiro, Akkordeon, Melodica, Sousaphon, Trompete, allerlei Percussion. Es klingt, als hätte man in einem Münchner Hinterhof-Kollektiv alte Studio-One-Aufnahmen, europäische Folk-Tradition und südamerikanische Rhythmen gleichzeitig wiederentdeckt und kurzerhand miteinander verschraubt. Schräg? Ja. Aber vor allem mind blowing.
Stücke wie „Vine and Fig Tree“ zeigen, was passiert, wenn man Minnellis rätselhaft schöne Melodien plötzlich aus Holz und Blech statt aus Bits und Bytes formt: Die Harmonien werden greifbar, der Bass (diesmal als johlende Sousaphon-Line!) bekommt diese körperliche Wärme, die man nur mit echten Luftsäulen und echten Händen bekommt. Bei anderen Nummern – etwa „Slats“ – fragt man sich beinahe, ob Minnellis Original nicht unbewusst für diese Band gedacht war. So natürlich, so eigen, so rund klingt das.
Und dann kommt der zweite Teil des Albums – der eigentliche Mindfuck: die Dub-Versions! Eine kreisrunde Metamorphose, die das Projekt endgültig in den Experimentalraum jenseits von Dub-Konventionen katapultiert. Für diese Dubs holte Minnelli den Soundkünstler Raimund Wong dazu, der mit einem anarchischen Setup aus Tape-Maschinen und Effektketten arbeitet. Alles wurde One-Take gemischt: Minnelli an den Fadern, Wong mit Filtern und Effekten, die den Dub zerlegen, verzerren, verflüssigen.
„Pundit Dub“ ist dabei vielleicht das beste Beispiel – ein hypnotischer, droniger Trip, der sich in psychedelische Schwaden auflöst und klingt, als würde das gesamte Album durch ein Portal in eine fremde Dimension gleiten. Es ist kein klassischer Dub und will auch keiner sein. Es ist Dub als Idee, als Kollaps, als radikale Öffnung der Form.
Am Ende ist „Play the Breadminster Songbook“ nichts weniger als eine Liebeserklärung an Dub als lebendiges Prinzip. Folk, Cumbia, Dub, Avantgarde – alles kollidiert, überschneidet sich, verschmilzt miteinander, ohne je beliebig zu werden. Die Musik wirkt wie eine dauernde Transformation, ein offener Dialog zwischen Minnellis digitaler Intimität und dem analogen Überschwang einer Band, die sichtbar Freude daran hat, Regeln zu missachten.
Ich würde bilanzieren: Dieses Album zeigt, wie weit Dub seit King Tubby gekommen ist – und dass es immer noch möglich ist, ihn zu dehnen, zu verbiegen und trotzdem seinen Kern strahlen zu lassen. „Play the Breadminster Songbook“ ist schräg, mutig, verspielt und visionär. Für mich das innovativste Dub-Projekt der letzten Jahre. Ein Meisterwerk des Unkonventionellen.

Bewertung: 5 von 5.

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Lone Ark Riddim Force: Soul Rebel in Dub

Soul Rebel in Dub“ der Lone Ark Riddim Force (A-Lone/Evidence) ist für mich eines dieser Alben, die man nicht nur hört, sondern irgendwann einfach kennt. Viele der Vocal-Versionen aus dem Lone-Ark-Kosmos – mit Alpheus oder Ras Teo – habe ich über die Jahre ohnehin verinnerlicht, und genau deshalb fühlt sich dieses Dub-Set so vertraut an. Roberto Sánchez, der in seinem Studio in Santander seit Jahren unzählige fantastische Tracks produziert, hat sich hier schon fast selbst übertroffen. Jeder Track ein Killer – no Filler – wie wir früher zu sagen pflegten. So viele musikalische Ideen auf einen Haufen gab es selten – auch nicht von Roberto Sánchez. Was mich an diesem Album besonders packt, ist die kongeniale Rocksteady und Early-Reggae-Ästhetik. Die Rhythms haben die leichtfüßige Beschwingtheit, jener goldenen Ära – aber hier eben mit satten, zeitgenössischen Sound. Die gezupften Gitarrenmelodien sind wunderschön, die Bläser sitzen perfekt, nichts ist überladen oder aufgeblasen. Und da Sánchez eher sparsam mit Dub-Effekten umgeht – teilweise klingt es fast wie klassische B-Seiten-Versionen –, wirkt das Ganze auf eine sehr angenehme Art entschlackt: klare Räume, klare Ideen, keine selbstzweckhafte Effekte, sondern musikalische Substanz.

Bewertung: 4.5 von 5.
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Flying Vipers: World Inversion

Endlich mal wieder ein Dub-Album im klassischen Sinne, nämlich als Instrumental-Mix auf Basis eines Vocal-Albums. „World Inversion“ (Easy Star Records“ von den Flying Vipers ist die Dub-Version von „Off World“, jenem wunderschön, souligem Album vom April diesen Jahres. Während „Off World“ mit Kellee Webbs Vocals, Sozialkritik, Cover-Raritäten und jazzigen Gastmomenten ein ziemlich großes Panorama aufgezogen hat, zieht sich World Inversion zurück in den Maschinenraum des Klangs – dorthin, wo Rhythmen dekonstruiert werden, Melodien auftauchen und wieder verschwinden und die Welt hinter dem Mix plötzlich größer wirkt als die davor. Die Vipers rekonstruieren ihr Material aus „Off World“ auf charmant verschrobene Weise: manchmal fast werkgetreu, manchmal völlig ins Off gedreht. Es klingt, als hätten sie die Songs durch einen Spiegel geschickt, der die Proportionen verschiebt, aber die Essenz erhält. Die Grooves sind tief, die Räume offen, die Echos weitschweifend. Es verkörpert die Idealform klassischen Dubs – bis hin zur durch und durch analogen Klangästhetik.
Die Gastauftritte sind kleine Sternschnuppen im Mix: Earl Sixteen, dessen Stimme jeden Dub vergoldet; Roger Miller von Mission of Burma, der mit Gitarren und Cornet kurz die Tür zu einer ganz eigenen Parallelwelt aufstößt; und natürlich wieder Brandee Younger an der Harfe, die schon auf „Off World“ dieses schwer greifbare, schwebende Element beigesteuert hat. Hier wirkt sie wie ein Licht, das durch schwere Dub-Nebel dringt.
Was ich besonders schätze, ist, dass World Inversion nicht versucht, modern oder progressiv aufzutreten. Es ist stolz darauf, Dub zu sein – im klassischen Sinne. Bass und Drum im Zentrum, die Effekte als Kompass, die Melodien als flüchtige Schatten. Es gleitet, ohne zu eilen. Es groovt, ohne aufzudrehen. Es ist psychedelisch, aber nie kitschig. Für mich ist das genau die Art Dub, die man sowohl konzentriert hören als auch nebenbei fühlen kann.
Die Produktion – gemixt von John “JBo” Beaudette – ist ein weiterer Grund, warum das Album so gut funktioniert. Der Klang ist warm, satt, erdig, aber mit genügend Luft zwischen den Schichten, damit jedes Echo seine eigene Bahn ziehen kann. Ein Album, das sich wie eine liebevolle Umarmung anfühlt, eines, das nicht glänzt, sondern leuchtet.

Bewertung: 4.5 von 5.