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Weeding Dub: Still Looking For

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Das letzte Album von Weeding Dub, war meine Sache nicht. Inzwischen sind zwei Jahre vergangen und der Dub-Produzent aus dem französischen Lille hatte Zeit seine Skills zu verbessern. Nun liegt sein neues Opus vor: „Still Looking For“ (Wise & Dubwise) und ich muss sagen: Wow, der Bursche nimmt keine Gefangenen! Nannte er zuletzt noch Mad Professor als Einfluss, so dürfte er jetzt eher Kanka, Vibronics oder Iration Steppas nennen. Entsprechend simple sind seine Beats gebaut – doch in der Einfachheit liegt die Kraft. Der erste Track beginnt als Wolf im Schafspelz mit einem klassischen Cello-Quartett, das unversehens in eine Drum und Bass-Orgie mündet, die Streicher zum Lead-Instrument werden lässt und mich ganz enorm an die frühere Aufnahme der Twinkle Brothers, „Inna Higher Heights“ erinnert. Es folgen fünf hart gesottene Vocal-Tracks und dann sechs amtliche Steppers-Dubs, die zeigen, wo der Hammer hängt. Eigentlich machen solche Dubs erst im Sound-System so richtig Spaß, doch wer – wie ich natürlich – ordentlich große Boxen sein Eigen nennt und zusätzlich – wie ich – noch einen Subwoofer befeuert, der kann sich auch in den eigenen vier Wänden von den brachialen Weeding-Beats betören lassen, sofern die Statik und der Nachbar mitspielen.

Rating 4 Stars

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Five Star Review

Mad Professor and the Robotics featuring Lee Scratch Perry: Black Ark Classics in Dub

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Bei Alben, in deren Titel der Name Lee Perrys auftaucht, bin ich reflexhaft skeptisch. Zu oft schon wurde ich Opfer einer hemmungslosen „Perryploitation“. Doch da Mad Professor eigentlich ein seriöser Typ ist und er zudem clever genug war, neben „Perry“ auch „Black Ark“ in den Titel zu schreiben, klickte ich neugierig hinein, in das neue Album „Mad Professor and the Robotics featuring Lee Scratch Perry: Black Ark Classics in Dub“ (Ariwa). Und siehe da, der verrückte Professor hat tatsächlich mal wieder eine verrückte Idee in die Tat umgesetzt und ein kleines, feines Konzept-Meisterwerk vollbracht: Lee Perry-Klassiker (allerdings nicht nur aus der Black Ark-Ära) nachproduziert und sie zu großartigen, modernen Dubs und Instrumentals verarbeitet. Gelegentlich steuert Perry ein paar Vocals bei, was aber klar geht. Meistens hören wir pure Dubs, virtuos instrumentiert und arrangiert, druckvoll eingespielt und natürlich akademisch-raffiniert vom Professor gemixt. Und obwohl hier alles so schön modern klingt, ist es dem Professor und seinen begnadeten Robotics gelungen, den Vibe der alten Originalaufnahmen herauf zu beschwören. Hätte Lee Perry seine Black Ark nicht zerstört und würde heute noch produzieren – die Chancen stünden nicht schlecht, dass seine Aufnahmen sich genau so anhören würden. Hier sind sie alle, die lieben Klassiker: „Party Time“, „Soul Fire“, „Groovy Situation“, „Roast Fish and Cornbread“, „Zion Blood“ und viele andere mehr. Ich kann das Album gar nicht hoch genug loben. Zu dumm, dass Mad Professor in den letzten Jahren auch so viel mittelmäßige Musik produziert und veröffentlicht hat. Womöglich kostet diese Praxis dem „Black Ark Classics In Dub“-Album jetzt die Aufmerksamkeit, die es verdient hätte, um als neuer Dub-Klassiker in die Geschichte des Genres einzugehen.

Rating 5 Stars

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Five Star Review

Dub Spencer & Trance Hill: Physical Echoes

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Und da reiten sie wieder: Dub Spencer und Trance Hill! Ihr neues Album trägt den schönen Titel „Physical Echoes“ (Echo Beach), der gewiss auf die geradezu physische Hörerfahrung anspielt, die ihre gewaltigen Bassfrequenzen stets ermöglichen. Typisch für die vier Schweizer ist ihr minimalistischer, handgespielter Dub-Sound, der nicht selten psychedelisch, trance-hafte Züge annimmt. Ihr neustes Werk baut auch auf diesem soliden Fundament, doch scheint die hierauf errichtete Sound-Architektur einen kleinen Evolutionssprung zu vollziehen. Der raue, rockige Charme ihrer früheren Alben weicht hier einem stärker elektronisch geprägten Klang. Die ganze Anmutung wirkt dichter, intensiver und noch „dubbiger“. Im Kontrast dazu gibt es aber auch geradezu beschwingte, melodiöse Dubs, wie „Polar“ oder „Wanna Ride“ und mit „Hyperactive Echo“ sogar so etwas wie Dub-Funk. Es ist also gar nicht so einfach, das Album auf den Punkt zu bringen. Mir scheint, dass die Jungs hier die Tür zu etwas neuem aufstoßen, ohne schon komplett hindurch gegangen zu sein. Und mir scheint auch, dass das, was da kommt, verdammt gut sein wird – denn „Physical Echoes“ zählt für mich schon zu den spannendsten Alben des Dub-Quartetts.

Rating 5 Stars

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Revolutionaries: Musical Dub Attack

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Und noch ein Reissue: „Musical Dub Attack“ (DKR) der Revolutionaries. Hier von einem Reissue zu sprechen, ist allerdings schon recht gewagt, denn das Original ist 1976 bei Virgin-Records lediglich als White-Label in Minimalauflage erschienen. Aber erzählen wir die Geschichte der Reihe nach: „Musical Dub Attack“ ist tatsächlich die Dub-Version von I Roys „Musical Shark Attack“ aus dem gleichen Jahr – nur, dass es eigentlich umgekehrt war: Das Dub-Album existierte schon, als Virgin Records im Channel One-Studio nach einem neuen I Roy-Album fragte. Also Toastete I Roy über das Dub-Material und beides ging dann zusammen nach England: Ein Dub-Album und ein I Roy-Album. Letzteres erhielt von Virgin eine amtliche Veröffentlichung, während das arme Dub-Gegenstück nur als häßliche Testpressung mit weißem Label heraus gebracht wurde. Doch das Entlein wurde zum Schwan, denn verrückte Dub-Sammler schlagen sich seitdem um die wenigen Exemplare und preisen seine Qualität und Schönheit in höchsten Tönen. Deeper Knowledge Records aus Brooklyn betätigte sich nun als Spielverderber und wiederveröffentlichten das sagenhafte Dub-Album jetzt nonchalant als ordinäre Vinyl- und CD-Ausgabe. Tja, so kann’s gehen. Jetzt muss sich zeigen, ob die hier versammelten Dub-Attacken auch ohne den Status des raren Sammlerobjektes überzeugen und bestehen können. Zu hören gibt’s den klassischen, Mid-70er Channel One-Sound mit Sly Dunbars virtuosen Rockers-Trommelwirbeln – direkt vom Original-Band gemastert – und so manchen, aus der Rocksteady-Ära bekannten Riddim. Der Mix lässt sich am treffendsten mit „routiniert“ beschreiben. Meine Einschätzung: schönes Album. Kult? Eher nicht.

Rating 3 Stars

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Five Star Review

Blundetto: World of Dub

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Es gibt Dub-Alben, die fallen einfach so vom Himmel. Ohne Ankündigung, ohne vorherige große Erwartungen, ohne dass jemand auf sie gewartet hätte. Plötzlich sind sie da und wollen von mir angeklickt werden. „World of Dub“ (Heavenly Sweetness) von Blundetto ist so ein Album. Weder sein unscheinbarer Titel, noch das simple einfarbige Cover ließ mich im entferntesten vermuten, welch unglaubliche Dub-Schatz sich hier verbirgt. Blundetto war mir zwar entfernt ein Begriff. Sein Debut-Album „Bad Bad Things“ von 2010 hatte ich mal durchgehört, aber ohne dass es einen bleibenden Eindruck bei mir hinterließ. Zwei Alben später hatte ich den Pariser Musiker, der seine Tunes in einer kleinen Zweizimmerwohnung in der Nähe des Gare du Nord zwischen einer gigantischen Vinyl-Plattensammlung, alten Aufnahmegeräten, exotischen Instrumenten und übervollen Aschenbechern aufzunehmen pflegt, schon wieder vergessen. Zu unrecht, wie sich jetzt zeigt, denn seine schrägen, souligen Reggae-Produktionen, wie sie auf dem Vocal-Album „World Of“ zu hören sind, klingen durchaus spannend. Trotzdem sind sie kein Vergleich zu dem, was Max Guiget alias Blundetto nun auf der Dub-Version dieses Albums gezaubert hat. „World of Dub“ ist eine Klasse für sich. Es ist ein Paradebeispiel dafür, wozu Dub – wenn sein Konzept richtig verstanden und konsequent umgesetzt wird – im Stande ist. Aus den souligen, manchmal etwas sperrigen Stücken des Originals sind hier gewaltige Bass-Wunder geworden, vollständig dekonstruiert und neu Interpretiert. Das Ergebnis ist ein merkwürdig widersprüchlicher Sound: einerseits absolut reduziert, fast schon minimalistisch, andererseits jedoch voller „analoger“ Atmosphäre und schräger Ideen, die manchmal an Adrian Sherwoods Frühwerk denken lassen. Manchmal aber auch an Lee Perrys Drum-Machine-Experimente oder daran, wie Bob Marleys Song „Work“ auch hätte klingen können: dunkel, geheimnisvoll und magisch. Oft sind es ja die Genre-Aussenseiter, die so spannende Sachen produzieren, weil sie sich einfach nicht um Regeln und Konventionen scheren. Blundetto ist so ein Typ und in seiner verrückten World of Dub können wir eine neue Spezies von Dub entdecken, die uns noch lange faszinieren wird.

Rating 5 Stars

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Augustus Pablo Presents: Rockers International

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Hier haben wir das Reissue eines Reissues: „Augustus Pablo Presents Rockers International“ (VP). Das Doppelalbum besteht aus 28 Tracks, die es zuvor in Form zweier Releases gab: Vol. 1, unter dem Titel „Rockers International“ erstmals 1980 in Jamaika veröffentlicht und dann 1991 wieder von Greensleeves, sowie Vol. 2, eine Kompilation, die Greensleevs im Folgejahr 1992 unter dem Titel „Rockers International 2“ nachschob. Beide Alben präsentieren essenzielle Pablo-Produktionen der 1970er Jahre und dürften bei jedem Reggae-Sammler wahrscheinlich längst im Regal stehen. Ersteres hat seinen Schwerpunkt bei den Vocal-Produktionen des 1980er-Originals, die Greensleeves beim Rerelease um vier Instrumental-Cuts von „El Rockers“ ergänzte. Letzteres bietet neben fantastischen Vocal-Tracks, wie z. B. Junior Delgados „Away With You Fussing and Fighting“ oder Jacob Millers „Each One Teach One“ acht Instrumentals und Dubs, die zweifellos zu dem Besten gehören, was Pablo produziert und die King Tubby-Crew je gemixt hat. Also insgesamt das richtige Material, um uns Dubheads in Verzückung zu versetzen – zumal die Produktionen hier in einer bisher ungehörten Qualität erklingen. Alle 28 Tracks wurden nämlich von Kevin Metcalfe superb remastert: crisp, dynamisch und wunderbar differenziert. Eine besondere Erwähnung verdient zudem die Vinyl-Ausgabe des Doppelalbums, deren Matrizen logischerweise neu geschnitten wurden und die von atemberaubender Sound-Qualität ist. Wer’s pragmatischer mag: „Rockers International“ ist auch im Stream verfügbar und klingt auch hier klasse. Die perfekte Gelegenheit, um sich von dem inzwischen rund 40 Jahre alten Sound des begnadeten Produzenten und Melodikaspielers erneut faszinieren und beglücken zu lassen.

Rating 4 Stars

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Charts

Meine Dub-Top Ten 2015

  1. Aldubb: A Timescale of Creation – Symphony No. 1 in Dub minor
  2. Zion Train: Land of the Blind
  3. Blundetto: World of Dub
  4. Vibration Lab: Brass Plant EP
  5. Mad Professor and the Robotics featuring Lee Scratch Perry: Black Ark Classics in Dub
  6. International Observer: Touched
  7. Detroit Boys: Sexy Jamaicans
  8. Imhotep: Kheper Dub
  9. Umberto Echo: The Name of the Dub
  10. Dubvisionist: DV IV
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Mafia & Fluxy: Introducing the Pharmacist

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Mit einem Dub-Album von Mafia & Fluxy hatte ich jetzt nicht gerechnet. Doch hier ist es: „Introducing the Pharmacist“ (Mafia & Fluxy). Es enthält moderne, handgespielte Dubs, die aber ganz im Stil des jamaikanischen Old School-Dub produziert und gemischt sind und so manch klassischen Riddim, wie z. B. Johnny Clarkes „Declaration of Rights“ oder Johnny Osbournes „Truth and Rights“ zitieren. Ganz in der Tradition eines Scientist, oder Peter Chemist scheint auch der Pharmacist zu stehen, der hier offenbar für den Mix verantwortlich zeichnet. Drei Toningeneure waren an der Entstehung des Albums beteiligt: Calvin „So So“ Francis, Gussie P. und Carlton McLeod. Ob sie sich das Pseudonym teilen? Der Mixing-Style der einzelnen Tracks unterscheidet sich nämlich durchaus voneinander. Vor allem die minimalistischeren Dubs würde ich ohne Zögern Gussie P. zuschreiben. Diese sind es auch, die mich aufgrund ihrer meditativen Kraft besonders faszinieren. Hier findet Dub ganz zu sich selbst. Wie überhaupt das ganze Album so klingt, als wollten die beiden britischen Multiinstrumentalisten, Studiomusiker und Produzenten beim europäischen Dub-Hype in Zukunft ein gewichtiges Wörtchen mitreden. Nur zu! Ich bin ganz Ohr.

Rating 4 Stars

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TVS: Deep Steppaz Dub

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Dass der Dubvisionist auch anders kann, stellt er mit dem Album „Deep Steppaz Dub“ (Time Tools Recordings) klar. Hier geht es nicht länger um virtuos ausgetüftelte, analoge Dub-Sounds, sondern schlicht um fette digitale Beats und abgrundtiefe Basslines. Ich muss sagen: Ich stehe drauf. Zumal das, was Felix Wolter uns hier auftischt, entgegen eigener Aussage, gerade kein „Steppas“ im klassischen Brutalo-Sinne ist. Wenn ein Feingeist wie er „Steppas“ produziert, dann ist es viel mehr als stupides Four to the Floor. Dann ist es trotz digitaler Produktion Reggae im besten Sinne: clever komponiert, raffiniert arrangiert – das allerdings mit einer Extraportion Energie. Acht der hier versammelten zehn Dubs stammen aus den Jahren zwischen 2004 und 2008, die für das Album allerdings neu remixed wurden. Der furiose erste Track „Steppaz Dream“ sowie „Hard Times“ sind hingegen neue Produktionen. Mir hat es jedoch ganz besonders „Roots Stepper“ angetan – eine schöne Reminiszenz an den (von Felix Wolter verehrten) Mad Professor und dessen legendären Dub „Kunta Kinte“.

Rating 4 Stars

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Dubvisionist: DV IV

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Der Dubvisionist aus Hannover ist der wahre Künstler unter den hiesigen Dub-Mixern und -Produzenten. Ein alter Meister, der alle Finessen des Handwerks kennt und mal mit kühnem Schwung die große Komposition auf die Leinwand wirft, ein anderes Mal wie Godefridus Schalcken mit feinem Pinsel kleinste Details ausarbeitet. Er ist Frickler, Tüfter, und großer Sound-Künstler zugleich. Und wie bei einem alten Meister nicht anders zu erwarten, ist seine Kunst fein, subtil und tiefgründig. Folgerichtig trägt sein neues Werk auch den bescheidenen, sachlichen Titel „DV IV“ (Perkussion & Elektronik) und huldigt dem zeitlosen, organischen Sound handgespielter Musik. Hier ist fast alles analog: „echtes“ Schlagzeug, „echte“ Mikrophone und „echte“ Bandmaschinen. Erst wenn all diese natürlichen Zutaten für einen seiner warmen, reichhaltigen Dubs vorliegen, bringt der Visionist den Computer ins Spiel und kombiniert sie zu einem komplexen, fein abgestimmten und absolut zeitgemäßen Dub-Meisterwerk, das in dieser Qualität allein mit den alten jamaikanischen Methoden dann doch nicht möglich gewesen wäre. Die meisten dieser Tracks entstanden in Zusammenarbeit mit Markus Dassmann von den Senior Allstars. Die beiden spielten Drums, Percussions, Bass, Gitarre und Keyboards selbst ein. Bei einigen Tracks lieferte Marco Baresi von der Far East Band noch ein paar Drumtakes dazu. Zwei weitere faszinierende Tracks im Stile eines frühen Lee Perry entstanden in Zusammenarbeit mit Blunt Command. Was im klassischen Dub-Style beginnt, nähert sich gegen Ende des Albums zunehmend einer anderen Seite unseres Visionisten: den Sphären entspannten Downtempos, gipfelnd im letzten Track „Highway to Heaven“, der das Werk sanft ausklingen lässt.

Rating 4 Stars