Kategorien
Review

Zion Train: Dissident Sound

Diese Jahr wird Zion Train 35 Jahr alt. Damit zählt die Band, das Label, das Sound System, kurz: Neil Perch zu den absoluten Veteranen des Genres. Ich kann mich auch noch gut an ein von Nicolai (Echo Beach) 1994 in Köln organisiertes Konzert erinnern, wo ich Zion Train zum ersten Mal live erlebte. Im gleichen Jahr veröffentlichte Zion Train das wegweisende Album „Siren“ und unterschieb kurz danach beim Mayor-Label (heute Warner). Es war die Zeit, in der wir alle glaubten, Dub sei auf dem Weg zum Mainstream. Weit gefehlt! Und zum Glück, wie wir heute wissen. Ein Ausverkauf hätte dem Dub seiner Seele beraubt. Lange Rede, kurzer Sinn: Zion Train ist was ganz besonderes und ich freue mich immer sehr über die (seltenen) Releases. Jetzt ist es endlich wieder so weit. Soeben erschien „Dissident Sound“ (Universal Egg). Ich vermute, dass die außergewöhnliche Qualität der Produktionen von Neil Perch darin besteht, dass er Dubs wie Songs versteht und entwickelt. Wie ein guter Song, braucht auch ein Dub eine Idee, ein zentrales Element, dass ihn einzigartig macht. Das kann eine außergewöhnliche Bassline sein, melodiöse Bläsersätze, ein inspiriertes Soloinstrument, oder ähnliches. Wesentlich ist der melodiöse Aspekt. Die Melodie macht aus dem Dub ein songähnliches Instrumentalstück. Und genau das ist die Spezialität von Zion Train. Jedes Album (abgesehen vom Frühwerk) ist ein Werk von ganz eigenem Charakter – unverwechselbar und einzigartig. Hinzu addieren sich natürlich noch die notwendigen Tugenden der Dub-Produktion: Inspirierte Instrumentierung, cleveres Arrangement, sauberes Handwerk (mit echten Instrumenten), crisper Sound, fetter Bass, radikaler Dub-Mix. Warum zähle ich das alles auf? Weil „Dissident Sound“ das alles in Idealform bietet. Ich lasse mich sogar dazu hinreißen zu behaupten, dass es eines der besten Alben von Zion Train überhaupt ist. Wie schon der Vorgänger „Illuminate“, wurde auch „Dissident Sound“ in Deutschland aufgenommen. Auch hat Paolo Baldini wieder Bass und Gitarre beigesteuert und Sängerin Cara ist auf drei Tracks ebenfalls zu hören. Das Album wurde vollständig mit „echten“ Instrumenten eingespielt und von Neil mit analogem Equipment gemixt. Auch wenn ich sonst ein Verfechter digitaler Produktionen bin, so muss ich konstatieren, dass „Dissident Sound“ massiv von dem analogen und handgemachtem Sound profitiert – was aber auch mit der Anarcho-Attitüde zusammen hängen kann, die das Album mit Titel und Cover so ostentativ vertritt.

Bewertung: 4.5 von 5.
Kategorien
Review

Mad Professor Meets Channel One: Round Two

Der Verrückte Professor und das Channel One Sound System lassen es gemütlich angehen. Zwischen der ersten und der zweiten Runde ihres Schlagabtauschs liegen inzwischen sieben Jahre. Eine Zeitspanne, die ich massiv unterschätzt hatte, denn die erste Rund war mir noch allzu präsent – was allerdings nicht unbedingt an der Musik lag, sondern vielleicht eher daran, dass ich die beiden Kontrahenten generell sehr schätze und sich mir vor allem das großartige Cover eingeprägt hatte. Die Dubs der ersten Runde waren nämlich durchaus enttäuschend. Vor allem der Sound der Channel One-Dubs war grottenschlecht. Nun liegt mit Mad Professor Meets Channel One: „Round Two“ (Ariwa) das Nachfolgealbum vor und eines fällt sofort auf: Zumindest das britische Sound System hat dazu gelernt. Der Sound ist nämlich schon mal ganz ordentlich, die Produktionen jedoch (keine Ahnung, wer sie eingespielt hat), sind mir im Vergleich zu den furiosen Live-Auftritten von Channel One immer noch zu harmlos. Nur der letzte Track, „Straight to Mad Professor’s Head“ hat die Magie und die Wucht, die ich von einem Sound System vom Schlage Channel One’s erwarte. Leider weiß sich der Professor nicht adäquat zu wehren. Seine Dubs sind – wie gewohnt – komplex arrangiert und virtuos gemixt und der Sound ist über jeden Zweifel erhaben, aber wie fast immer in jüngerer Zeit, sind sie kompositorisch enttäuschend. Die Tracks haben einfach keine Ecken und Kanten. Sie bleiben blutleer, die Basslines sind schwach und Melodien kaum vorhanden. Aber gut, der Professor hat sein Lebenswerk längst vollbracht. Er hat so viele brillante Dubs gezaubert, wie wahrscheinlich niemand anderes. Freuen wir uns lieber darüber, dass er es verweigert in Rente zu gehen und immer noch an den Knöpfen dreht.

Bewertung: 3 von 5.
Kategorien
Review

Elijah Salomon: Salomon Dub

Wie gut ein Old School-Dub-Konzept heute umgesetzt werden kann, beweist Elijah Salomon mit seinem Album „Salomon Dub“ (One Champ). Es wurde von der Züricher Band Dubby Conquerors handgespielt und in Jamaika von Bobby Digital in dessen Digital B-Studio aufgenommen, anschließend von John John in King Jammy’s Studio und von Joe Ariwa im Londoner Ariwa-Studio gemixt. Zudem basiert es auf einem Vocal-Album („Salomon“ von 2022). Klassischer geht es kaum. Und so klingt es auch – allerdings in einer überragenden Sound-Qualität, wie sie im Zeitalter der Klassik undenkbar gewesen wäre. Der schweizer Sänger, Multiinstrumentalist, Komponist und Produzent Elijah Salomon ist vor allem durch seine auf Schweizerdeutsch gesungenen Texte bekannt geworden. Ich hatte ihn jedoch nicht so richtig auf meinem Schirm. Das hat „Salomon Dub“ jetzt schlagartig geändert. Dass klassisch interpretierter Dub so frisch und inspiriert klingen kann, ist eine wahre Freude. Auch haben mich die Mixes von John John und Joe Ariwa positiv überrascht. Ersteren hatte ich als digitalen Dancehall-Produzenten abgespeichert und letzteren stets als einigermaßen uninspirierten Sohn von Mad Professor abgetan. Beide belehren mich nun eines besseren, denn sie liefern hier perfektes Handwerk und ein Feuerwerk an Ideen. Wahrscheinlich kommt die Inspiration von der exzellenten Produktion, die Elijah selbst verantwortete und den beiden vorgelegt hat. Credit dafür dürfte auch den Dubby Conquerors gebühren, denn die Präzision ihres Spiels ist atemberaubend. Ich kann mir „Salomon Dub“ weniger in einem Sound System, als vielmehr mit Kopfhörern in der U-Bahn vorstellen, denn den vielen Details der Produktion und den Mixes will aufmerksam gelauscht werden.

Bewertung: 4.5 von 5.
Kategorien
Review

Some Dub Stories: Chapter One

Annecy, das Venedig der Alpen, ist zweifellos eine der schönsten Kleinstädte der Welt. Die Hauptstadt der Haute Savoie ist berühmt für ihre grandiosen Sehenswürdigkeiten und den zweitgrößten natürlichen See Frankreichs auf 446 m Höhe. Zu den Attraktionen der ostfranzösischen Region Auvergne-Rhône-Alpes gehört nun auch eine Band, die mir bisher völlig unbekannt war: Some Dub Stories. Die vierköpfige Crew, die bereits im Vorprogramm von Zenzile und High Tone aufgetreten ist, hat vor knapp zwei Wochen ihr Debütalbum Some Dub Stories: Chapter One (Alpine Records) vorgestellt, ein umfangreiches und multidisziplinäres Projekt.

Das Team besteht aus Etienne Doutreleau an Trompete, Flügelhorn und Melodica, Boris Lacombe am Schlagzeug, Clément Gros an den Gitarren und Lucien Leclerc an Bass und Soundmaschinen, der auch für den Mix verantwortlich ist. Vier Musiker, die ihre Erfahrungen in so unterschiedlichen Formationen wie Hubris, Dub Silence oder Lamuzgueul gesammelt haben, beherrschen die Kunst, Pop, Psychedelic, elektronische Musik und Dub intelligent zu verbinden. Ein farbenfrohes und kraftvolles Hybridprojekt. Das futuristische Elektronik-Dub-Universum dieser Gruppe von jungen Musikern bietet einen frechen Dub Roots Mix, der ebenso verrückt wie poetisch ist. Zum Gesamtkonzept gehören auch sehr schön animierte Clips von Lucas Roig, die die Geschichte und die Abenteuer der kosmischen Schildkröte Obaba zusätzlich illustrieren.

Die Dub-Basis der einzelnen Tracks ist solide ausgearbeitet und öffnet sich in Richtung traditioneller Dub-Sounds, bevor sie sich mit den vielfältigen Einflüssen der Gruppe vermischen. Getragen von einem Hip-Hop-Rhythmus, einem meditativen Bass und einer melodiösen Trompete entsteht eine organische Atmosphäre, die Funken sprüht. So bietet „Salmon Swing Syndicate“ mit „blechblasigem“ Roots-Dub eine schöne Reise zwischen Sommerstrand und Unterwasser-Krabben-Dance. Die Protagonistin Obaba findet sich Pfeifchen schmauchend in einem warmen, farbenfrohen Universum wieder und entdeckt die Inselparty des „Salmon Swing Syndicate“ – eines meiner Highlights des Albums. Oder die langsamen, sich wiederholenden melodischen Bassschleifen, die uns in die Welt von „Purple Tribe“ gleiten lassen, gefolgt von einem kontrollierten, vertrauten Dub-Beat. Getragen von einem schwebenden Gitarrenriff gesellt sich bald eine jazzige Trompete hinzu. Die Klänge werden immer vielfältiger und bald entfaltet sich der Zauber von Some Dub Stories: Wir werden eingehüllt in eine elektroakustische Dub-Symphonie, vorgetragen von hochkarätigen Musikern. Die Musik ist traumhaft schön, doch die Botschaft von „Purple Tribe“ bleibt politisch, wie die Sprachsamples im Track zeigen, die flüstern: „Make racism wrong again!“

Some Dub Stories erzählen mit ihrer Musik die Geschichte von Obaba, der kosmischen Schildkröte, an den Grenzen mehrerer Universen. Zurück auf der Erde, in einer postapokalyptischen Atmosphäre, berichtet Obaba von ihrer Odyssee und lässt uns für knapp 44 Minuten in ein gelungenes kosmisches Dub-Epos eintauchen.

Bewertung: 4 von 5.
Kategorien
Review

Mellow Mood & Paolo Baldini DubFiles: Mañana Dub

An Mellow Mood – der italienischen „en vogue“ Reggae Combo mit den Dreadlocks-Zwillingen an den Mikros – mögen sich die Geister scheiden: Den einen ist’s zu viel Dancehall, den anderen zu viel Roots und dann gibt’s noch jene, die Patois singende Wohlstands-Europäer für hochnotpeinlich halten. Zum Glück interessiert uns Mellow Mood hier nur peripher, denn tatsächlich geht’s in erster Linie um Paolo Baldini, der als Produzent, Tontechniker und Mix-Meister bei allen Produktionen der Band eine federführende Rolle einnimmt.

Über Baldini braucht man wohl keine großen Worte mehr zu verlieren – seine Produktionen für diverse Künstler sind generell von hoher Qualität; richtig glänzen kann er aber bei seinen Dub-Mixes: Das sind musikalische Rammböcke, deren Punch die Speaker-Membranen einer Zerreißprobe unterziehen. Da jagt ein Dub-Effekt den anderen; zwischen Echo- und Hall-Attacken fiept’s und blubberts, dass es eine Freude ist.

Das gilt natürlich auch für Mellow Mood’s aktuellen Release „Mañana Dub„, den Baldini im Gegensatz zum extrem komprimiert klingenden Vokal-Album „Mañana“ herrlich basslastig tönen läßt: So gesättigt und gleichzeitig dynamisch muss Dub 2023 klingen.

Damit wäre der „Mañana Dub“ eigentlich ein Anwärter für eine 5 Sterne-Review, wenn… ja wenn da nicht der Wunsch nach etwas moderneren Sounds bestünde. Mellow Mood bzw. Produzent Baldini zeigen sich hier nicht sonderlich experimentierfreudig, siehe/höre die Drum- und Percussions-Samples oder die Synth-Sounds. Das mag Meckern auf hohem Niveau sein – soll aber aufzeigen, dass da doch noch ein wenig Luft nach oben ist.

Bewertung: 4.5 von 5.
Kategorien
Review

Groundation Meets Brain Damage: Dreaming from an Iron Gate

Ist es wirklich schon mehr als 20 Jahre her, dass Groundation’s Meilenstein-Album „Hebron Gate“ erschienen ist? Ich erinnere mich noch, dass mich der famose, aber längst nicht mehr aktive Ixtulluh-Vertrieb mit dem Album bemusterte. Es war keinesfalls Liebe auf den ersten Blick; es hat damals schon seine Zeit gebraucht, bis ich mich mit dem Release auseinandergesetzt habe: Braucht man denn noch eine unbekannte Band, wenn – ganz im Gegensatz zu heute – massenhaft andere neue Releases um Aufmerksamkeit buhlen? Mein Zögern war nachträglich gesehen ein Fehler, denn beim ersten Reinhören ist mir die Kinnlade gefühlt in den Schoss gefallen. Das war Reggae, wie ich ihn mir schon seit Jahren gewünscht hatte: Bodenständiger Roots mit ansprechenden Texten und diversen Jazz- und Blues-Sprenkeln, die das Ganze so richtig interessant machten: Hier waren offenkundig versierte Musiker am Werk, die Einflüsse aus anderen Genres geltend machten. Dass das Album unter der Ägide von Jim Fox eingespielte wurde und entsprechende (Sound-)Qualitäten hat, steigerte das Interesse – offensichtlich nicht nur meines, wie das Feedback der Reggae-Community gezeigt hat (obwohl es auch einige Vorbehalte gegenüber Harrison Stafford’s gewöhnungsbedürftiger Stimme gab). Ein Vergleich mit den beiden Vorgänger-Alben offenbart den Quantensprung in der Entwicklung von Groundation – und so wurde „Hebron Gate“ letztlich die (noch nicht so elaborierte) Blaupause für alle nachfolgenden Alben der Band; zumindest so lange diese Besetzung – u.a. mit Marcus Urani und David Cachere an Hammond-Orgel bzw. Trompete – existierte. Was folgte, war eine steile Karriere im Reggae-Universum – insbesondere in Europa, wo Groundation als erfolgreicher Live-Act quasi alles bespielte, was den Namen Bühne verdiente; die großen Festivals sowieso. 

Nach „Hebron Gate“ erschienen die EP „Dragon War“ bzw. das Album „Dub Wars“, die Dub-Versionen einiger Album-Tracks enthielten – sehr geschmackvolle Arbeiten dank Jim Fox, der die schlichte Schönheit der Instrumentals in den Vordergrund stellte und sie einem unaufgeregtem Dub-Treatment unterzog.

Fast Forward nach 2023; Groundation gibt’s noch immer (wenn auch in nahezu gänzlich anderer Besetzung) und hat’s nach wie vor drauf, wie der letztjährige Release „One Rock“ eindrucksvoll bewiesen hat. Urgestein Harrison Ford – der sich offensichtlich die Rechte am Groundation-Katalog sichern konnte – nimmt das „Hebron Gate“-Jubiläum zum Anlass, sich nochmal mit dem Album auseinander zu setzen. Das hätte durchaus eine remasterte Deluxe-Ausgabe werden können – mit unveröffentlichten Tracks, die damals schon zu schlecht für den Release waren, oder mit holprigen Studio-Outtakes, die niemand wirklich braucht. Stattdessen hat er die Idee, die Originalbänder Martin Nathan aka Brain Damage zu überlassen, der die Tonspuren auseinanderdröselt, einmal soundmäßig hochglanzpoliert, das Ganze dann (mitunter höchst eigenwillig) wieder zusammensetzt und mit einigen zusätzlichen Instrumentalspuren bzw. Soundeffekten versieht. Es ist wohl kein Zufall, dass sich im Titel “Dreaming from an Iron Gate“ (Baco Records) das Wort „Dub“ nicht wiederfindet; das wäre auch zu kurz gegriffen. Das neue Album ist vielmehr eine tiefgehende, mitunter psychodelische Reise in die Eingeweide von „Hebron Gate“. 

Hier gibt’s Vieles zu entdecken, dass im Originalmix untergegangen war und erst jetzt durch den an heutige Hörgewohnheiten angepassten Sound offenbart wird – etwa die fein ziselierte Drum- und Beckenarbeit von Paul Spina oder so manche Background-Vocals, die offenbar vor 20 Jahren der Mix-Schere zum Opfer fielen. So entsteht des öfteren der Eindruck, als befände man sich mitten in einer akustischen Dokumentation über die alten Aufnahmen, in der immer wieder auf zuvor niemals gehörte Besonderheiten hingewiesen wird. Ob allerdings die neu eingespielten, zusätzlichen Tonspuren notwendig waren, kann man durchaus hinterfragen: Oft sind sie hilfreich, um die Atmosphäre zu verdichten; manchmal hingegen scheinen sie sich wohl selbst die Sinnfrage zu stellen. Strittig auch die Ausflüge ins… nun ja, ins Psychodelische. An und für sich keine uncharmante Idee, es bremst aber den natürlich Flow der Riddims: Da grooved’s ganz fein dahin und mit einem Mal, bar jeglicher Vorwarnung, dröhnen und schwurbeln (neu eingespielte) Synths dahin… ein wenig Richtung Pink Floyd, möchte man meinen. Dass kann man als Bereicherung sehen oder als Sakrileg, gewöhnungsbedürftig ist es allemal.

Womit vieles, wenn auch nicht alles zu diesem Release gesagt ist. Für weitere Meinungen und Diskussionen bieten sich wie immer das nachstehende Kommentar-Tool an. Bleibt noch die Einschätzung des Rezensenten, der sich hin- und hergerissen sieht: Einmal verblüfft und begeistert das Album, dann langweilt es, dann wiederum entdeckt man Neues und Ungehörtes; manchmal tut der Ausflug ins Psychodelische gut, manchmal nervt er nur. Hängt die Stern-Vergabe gar von der Tagesverfassung ab? Ich gehe also bei der Bewertung auf Nummer sicher und setze zeitgleich auf das eigenständige Urteilsvermögen der hiesigen Dubologen: Was haltet Ihr von „Dreaming from an Iron Gate“?

Bewertung: 4 von 5.
Kategorien
Review

Alpha & Omega: Dubplate Selection Vol. 4

Ehrlich gesagt, weiß ich nicht mehr, was ich noch über Alpha & Omega schreiben soll. Ich habe es nicht gezählt, schätze aber, dass ich bereits ca. 5000 Rezensionen zur Musik der beiden verfasst habe. Darin wurde alles gesagt – mehrfach! Aber andererseits hat das Duo einen festen Platz in meinem Dub-Herz, so dass ich es nicht über mich bringe, einen neuen Release der beiden zu ignorieren. Deshalb also, hier ist er, Alpha & Omega: „Dubplate Selection Vol. 4“. Darauf gibt es das zu hören, was immer von A&O zu hören ist: Mystischer Dschungel-Dub, etwas nachlässig produziert und meist von mittlerer bis schlechter Sound-Qualität. Aber die hypnotische Kraft, die ihren Dubs zueigen ist, wirkt auch hier mit unverminderter Wucht. Auf der „Dubplate Selection Vol. 4“ haben sie zum vierten Mal Aufnahmen versammelt, die zuvor als Dubplates im Einsatz waren. Darunter verstehen die beiden alternative Mixe ihrer Produktionen, die sie exklusiv für bestimmte Sound Systems erstellen. Da das Duo recht produktiv ist und ständig neue Dubs produziert, wächst auch die Zahl ihrer exklusiven Dubplate-Mixe. Kurz: Es war also Zeit für ein Volume 4. Richtig gut gefällt mir hier der Umgang mit den Vocal-Fragmenten von Ras Tinny, Nai-Jah und Joe Pilgrim. Absolut minimalistisch eingesetzt, prägen sie die Dubs mit winzige Melodien. Sie blitzen auf, wie Sonnenstrahlen, die auf den Grund des Dschungels vordringen. Schöne Vorstellung!

Bewertung: 3.5 von 5.
Kategorien
Review

I Kong meets JahWahZoo: Zoo to the Dub

Was man früher noch als Kuriosum bestaunt hätte, ist heute selbstverständliche Realität: Roots-Reggae und Dub haben ihre Heimat in allen Ecken der Welt gefunden. So auch in der chinesischen Sichuan-Provinz, wo sich die siebenköpfige Combo JahWahZoo zusammengefunden hat, um erstaunlich authentisch klingenden Reggae zu spielen. Gleich ihr Debut „Zoo Party“ und dessen Dub-Counterpart „Zoo Dubby“ wurden von Nick Manasseh vor ort produziert – was durchaus Rückschlüsse auf das musikalische Können der Band zulässt.

Das zweite Album war – nicht weniger erstaunlich – eine Kollaboration mit I Kong, dem aus der im Reggae-Universum nicht unbekannten jamaikanischen Kong-Familie stammenden Veteranen mit chinesischen Wurzeln. „Zoo to the Roots“ wurde 2020 veröffentlicht und kann sich ob der gelungenen Tunes hören lassen: Roots to the core, made in Chengdun.

In guter alter Tradition ist nun (endlich) das entsprechende Dub-Album erschienen: „Zoo to the Dub“ – mangels Mandarin-Kenntnissen muss ich nicht nur beim Namen des Labels passen, sondern auch bei den weiteren Details zur Produktion. Die Recherche legt nahe, dass Skunga Kong – der Sohn von I Kong – am Mischpult saß; genaueres weiß unter Umständen der eine oder andere Leser und teilt es hier mit. Letztlich zählt aber was sich in unseren Gehörgängen wiederfindet; und das ist fein abgemischter Dub, dem solide, handgeklöppelte Riddims zugrunde liegen.

Dazu gibt’s zwei Empfehlungen – eine, sich voll und ganz auf „Zoo to the Dub“ einzulassen und sich an den Dubs zu erfreuen; die andere Empfehlung wäre, sich wieder mal durch das Oeuvre von I Kong zu hören – der Vokal-Release „Zoo to the Roots“ bietet sich als passender Einstieg an.

Bewertung: 4 von 5.

Kategorien
Review

DubXanne: Popwave in Dub

Guido Craveiro’s Projekt „Dubxanne“ meldet sich nach langer Pause wieder zurück – sind denn wirklich schon unglaubliche 15 Jahre seit „Police in Dub“ vergangen? Hört man sich einmal quer durch’s neue Album „Popwave in Dub“ (Echo Beach) spielt Zeit keine Rolle mehr: Craveiro’s Produktionen sind damals wie heute einwandfrei produziert und abgemischt, der Sound sehr ausgeglichen und hochglanzpoliert. Womit wir aber schon beim ersten Kritikpunkt wären: So brilliant-saubere Produktionen begeistern vorderhand, nach mehrmaligen Hören machen sich allerdings Ermüdungserscheinungen breit. Alles ist so schön ordentlich, dass man Kratzer ins Vinyl machen möchte um ein wenig Schäbigkeit zu generieren. Bevor sich die Vinyl-Freunde unter uns empören: Diese Rezension basiert auf dem Stream des Albums.

Der Albumtitel „Popwave in Dub“ gibt die Richtung vor: Reggae-fizierte Coverversionen von 80er-Jahre Titel, irgendwo zwischen New Wave und simplen Pop angesiedelt – einmal querbeet sozusagen. Das gelingt manchmal beeindruckend gut, wie die vorab-Auskoppelungen von Kate Bush’s „Running Up That Hill“ und Blondie’s „Heart of Glass“ oder das furiose „Tainted Love“ zeigen; manchmal weniger gut (Depeche Mode’s „It’s no good“, Visage’s „Fade to Grey“) und einmal überhaupt nicht: Cindy Lauper’s Kaugummi-Pop „Girls Just Want to Have Fun“ gibt’s hier in der männlichen Variante, die jegliche Spritzigkeit des Originals missen läßt.

Das Album bietet schlussendlich noch sechs Dub-Versionen an, die uns naturgemäß am meisten interessieren: Die Mixes sind zeitgemäß, aber bei den Effekten etwas zurückhaltend. Letzteres muss nicht immer von Nachteil sein, insbesondere wenn man das repetitive Element in den Vordergrund stellen oder schlicht die Atmosphäre verdichten möchte. Siehe (bzw. höre) die gelungenen Dub Versionen von The Cure’s trägem „Lullaby“ und Blondie’s „Heart of Glass“. „Girls Just Want to Have Fun“ hingegen ist auch als Dub ein Reinfall – da war nichts mehr zu retten.

So ein hit & miss-Album ist schwer zu bewerten, und die Anzahl der Sterne kann nur ein bedachter Kompromiss sein. Auf der Haben-Seite gibt’s also ein nette Idee, eine gekonnte Produktion und einige schöne Titel und Dubs. Negativ machen sich der klinisch-saubere Sound und der eine oder andere Fehlgriff bei der Song-Auswahl; den Cindy Lauper-Totalausfall kann man auch nicht ignorieren. Möge sich daher jeder seine eigene Meinung bilden; für’n Rezensenten überwiegen letztlich die Positiva.

Bewertung: 3.5 von 5.
Kategorien
Review

The Thugs: Holy Cobra Dub

Der Multiinstrumentalist Nicola Giunta ist auch Filmemacher, Klangkünstler und Komponist von Soundtracks für Kurzfilme, Werbespots, Dokumentarfilme, Videokunst, Stummfilme, Tanzperformances und Animationen. Darüber hinaus ist er ein international anerkannter bildender Künstler, dessen Xerox-Kunstwerke als Plattencover und Poster für zahlreiche Musikerkollegen dienten. Außerdem ist er Gründer und Mastermind der Lay Llamas, einer der wichtigsten Bands des sogenannten New Italian Occult Psychedelic, die bereits eine beachtliche Anzahl von Alben und mehrere Singles veröffentlicht haben. Der Musikstil der Lay Llamas lässt sich kurz als eine intelligente Mischung aus Hawkwind, den frühen Talking Heads und dem repetitiven Stil deutscher Krautrockbands wie CAN und NEU beschreiben. Nicola Giuntas Faible für Krautrock zeigt sich besonders in der Zusammenarbeit mit Damo Suzuki, dem legendären CAN-Sänger, der mit seiner unverwechselbaren Stimme Can-Stücke wie „Spoon“, „Vitamin C“ und „Mother Sky“ – zumindest für mich – einzigartig gemacht hat.

Zu den zahlreichen Metamorphosen von Nicola Giunta gehört nun auch „The Thugs: Holy Cobra Dub“ (Love Boat Records).
The Thugs sind Nicola Giunta und Edoardo Guariento, der auch Schlagzeuger der Metal-Core-Band 3ND7R aus Padua ist. Die Idee entstand im Sommer 2021, als Nicola Giunta Edoardo Guariento einige Songs von Jah Shaka aus der „Commandments Of Dub“-Reihe vorspielte. Dieser war sofort so begeistert, dass er zur nächsten Session sein Schlagzeug in Giuntas Heimstudio mitbrachte. Die beiden nahmen einige Takes auf, bei denen Giunta auch als eine Art Live-Dubmaster mit einem kleinen Mischpult und ein paar Echo- und Hallpedals improvisierte. Nach einigen dieser Sessions wählte Giunta die besten Takes aus und baute darauf die ersten beiden Thugs-Tracks, wobei er Gitarre, Bass, Orgel und Percussion selbst einspielte. In den folgenden Monaten entwickelte Nicola Giunta immer wieder neue Tracks, bei denen er auch verschiedene Drumcomputer aus den 70er und 80er Jahren einsetzte, um so einen eher post-punkigen und psychedelischen Sound zu entwickeln. Aber „Holy Cobra Dub“ ist kein Indie-Album geworden, sondern ein vom Reggae beeinflusstes Dub-Album, das am Ende des Tages immer noch wie ein Indie-Album klingt, wenn auch mit jamaikanischen Gewürzen und Zutaten. Der Geist von Lee Perry, King Tubby und vor allem Adrian Sherwood schwebt über dem ganzen Projekt. ON .U Sound Kenner hören Anleihen bei Mark Stewart, African Head Charge, Audio Active, aber auch bei den Suns of Arqa. Ja, „Holy Cobra Dub“ entpuppt sich schon nach wenigen Sekunden als exzellentes Dub-Album.
Die zwölf Tracks wurden fast ausschließlich mit Vintage-Instrumenten eingespielt und tauchen in den Roots-Sound der mittleren bis späten 70er Jahre ein. Sie haben genau diese raumgreifende, tiefgründige Attitüde, dieses Gefühl des ständigen Erfindens, das auch die Arbeiten eines Lee Scratch Perry ausmachte. Gleichzeitig haben die Tracks diese psychedelische Zentrifugalkraft, die entweder explizit oder öfter in den Details versteckt ist. Das erinnert mich dann eher an den düstersten Post-Punk von damals. Der Gesang wurde mit einem alten 70er-Jahre Audiometer aufgenommen. Das gesamte Design und Layout wurde komplett von Nicola Giunta entworfen und soll an den Look jamaikanischer Dub-Alben aus dieser Zeit erinnern.
Kurz zum Konzept: Thugs oder Thuggees ist ein englisches Lehnwort aus dem Sanskrit und bedeutet ursprünglich „Betrüger“ oder „Gauner“. Es ist aber auch der Name einer historischen Bruderschaft von religiös verbrämten Mördern und Straßenräubern. Die Schätzungen über die Zahl ihrer Opfer schwanken zwischen 50.000 und über einer Million. Ihre Blütezeit erlebte die Bruderschaft im vorkolonialen Indien. Sie wurde Anfang des 19. Jahrhunderts von der britischen Kolonialmacht zerschlagen.
Nicola Giunta gefiel die Vorstellung, dass sich diese Sekte in unterirdischen Heiligtümern trifft und geheimnisvolle Rituale für ihre Göttin Kali (Göttin des Todes) vollzieht. Jedes Lied und jeder Titel handelt auf die eine oder andere Weise von ihren Aktivitäten.
Der „Holy Cobra Dub“ erscheint mit seiner vertrauten und zugleich unbekannten Musik wie ein geheimnisvoller Fund aus einer Zeit, die man zwischen 1975 und 1982 datieren kann.

Bewertung: 4.5 von 5.

“Holy Cobra Dub is truuuly immersive – a Great Leap Forward” – Mark Stewart (The Pop Group, Maffia, New Age Steppers, On-U Sound)