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HabooDubz: Obudubz

Als hätten alle nur auf den Frühling gewartet, purzeln in den letzten Wochen massenweise spannende Dub-Produktionen herein. Vielleicht ist es aber auch nur die Ausbeute von inzwischen mehreren Monaten Home-OfficeStudio.

Dieses Album bereitet mir zur Zeit jedenfalls die meiste Freude: „Obudubz“ (Culture Dub) von HabooDubz. Ja, da verwechselt man schnell mal Artist- und Albumname. Hinter dem niedlichen HabooDubz – der Name würde gut als Titel für ein Kinderbuch taugen – steckt der Globetrotter Gabor Polaak. Er wurde in Budapest musikalisch sozialisiert, ist nach Manchester ausgewandert, dann nach London gezogen, anschließend nach Kambodscha emigriert, ausgiebig durch Mexiko gereist und schließlich in die ungarische Heimat zurückgekehrt. Bei seiner Weltumrundung hat er mannigfaltige musikalische Einflüsse aufgesaugt, die nun, beim Dub-Produzieren wieder raus müssen und seiner Musik diesen wunderbaren kosmopolitischen Flair verpassen. Eigentlich handelt es sich um Worldmusic inna Dub-Style. Im wahrsten Sinne: Heavy Bass und Steppers bilden meist die solide Basis, auf der dann exotische Instrumental-Sperenzchen aufbauen. Klingt nach klassischem Muster, doch Polaaks Kunst zeichnet sich gerade durch die organische Verbindung der beiden Ebenen aus. Ihm gelingt es genau das zu vermeidet, was wir beim Dub nicht selten zu hören bekommen: Ein 0815-Beat und darüber, völlig losgelöst, eine Melodica (oder ein anderes stereotypes Solo-Instrument). Das Gegenteil ist bei HabooDubz der Fall: In virtuosen Arrangements fusionieren exotische Harmonien und Rhythmusbasis zu hochspannenden Musik-Trips, denen sich wunderbar analytisch zuhören lässt, die aber auch ordentlich in den Körper fahren und Bewegungsdrang auslösen. Um die faszinierenden World-Sounds nicht auf exotische Melodien oder Samples zu beschränken, fügt Polaak oft typische Percussions hinzu oder setzt ungewöhnliche Melodieinstrumente rhythmisch ein. Nicht zuletzt sorgt auch der Mix dafür, dass die Tracks einer regelrechten Dramaturgie folgen, die stets für überraschende Wendungen und Stimmungswechsel sorgt. Das Beste zum Schluss: Da der ungarische Kosmopolit der Welt Gutes tun will, bietet er seine brillante Musik über die Culture Dub-Seite bei Bandcamp kostenlos zum Download an. Verrückt, aber äußerst sympathisch.

Bewertung: 4.5 von 5.
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The Dub Chronicles: Simba (Return to the Throne)

Im beständigen Flow an Dub-Sounds aus aller Welt, gibt es gelegentlich Produktionen, die ragen heraus wie riesige Felsbrocken. Eine flüchtige Sneak-Preview genügt, um zu wissen: Wow, das hier ist etwas Besonderes. Ein solcher Fels ist das neue Album der Dub Chronicles: „Simba (Return to the Throne)“ (Brothers in Dub). Was für ein Sound! Tight, crisp & heavy. „Two soldiers creating the soundscapes of an entire army“ – wie sich die beiden Brüder aus Toronto selbst beschreiben. Wer sich die Youtube-Videos anschaut, in der Jonathan und Craig Rattos in einsamer Zweisamkeit stoisch ihre Riddims einspielen, fragt sich in der Tat, wie dieser Army-Sound mit so geringen Mitteln erzeugt werden kann. Craig spielt Schlagzeug und Jonathan sitzt hinter einem Keyboard, auf dem er Piano, Orgel, Melodica und – man glaubt es kaum – sogar Bass spielt.


Die Brüder aus Toronto befinden sich seit dem Erscheinen ihres Albums „Kingston“, 2018, in meiner Wahrnehmunssphäre. Ein Jahr später folgte dann „The TakeOver“, über das ich begeistert schrieb, es atme den Jazz-Vibe mit jeder Note. Nun ist mit „Simba“ das dritte Album der Brothers in Dub erschienen und überragt die beiden Vorgänger – und das, obwohl einige der Simba-Tracks auf den Aufnahmen von „The TakeOver“ basieren. Hier wie dort ist der Jazz-Vibe prägend, ebenso wie die schönen Instrumentalmelodien. Aber die Arrangements auf „Simba“ wirken noch „reicher“ und harmonischer und der Sound noch dynamischer. Vielleicht liegt das auch am dritten Rattos-Bruder, Ryan, der hier als Gastmusiker das Gitarrenspiel beigesteuert hat. Anders als bei den Vorängeralben, gibt es auf „Simba“ zudem vier Vocal-Tunes, die sich jedoch wunderbar in den Instrumental-Sound eingliedern und das Gesamtwerk ihrerseits mit äußerst schönen Melodien bereichern. Das Album ist übrigens ein Showcase. Die zweite ist die Dub-Version der ersten Hälfte – gemixt von Casey Burnett. Interessant, aber nicht unbedingt zwingend. Das einzige, was aber wirklich mißlungen ist: Das Cover! Ein Löwe (mit Krone!) im Abendrot vor dem Mount Meru? Okay, „Simba“ wurde inspiriert durch eine Kenja-Reise von Jonathan (und bekanntermaßen bedeutet „Sima“, Löwe). Aber ist es wirklich sinnvoll, die eigenwillige Musik des Trios in solch einem visuellen Klischee zu verpacken?

Bewertung: 4.5 von 5.
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Dub Garden: Doctor Wind In Dub

Jedes Mal, wenn ich das vorliegende Album höre, denke ich, dass ich es unbedingt im Dubblog besprechen sollte. Dub Garden sind eine vierköpfige Truppe – zwei Mädels und zwei Jungs – aus Thessaloniki, die in Sachen trip-hoppiger Musik seit 2016 unterwegs sind. Im Sommer 2017 veröffentlichten sie ihr erstes Album: „Doctor Wind“, dem sie 2019 eine Dub-Überarbeitung in Form von Dub Garden: „Doctor Wind In Dub“ folgen ließen. Trip Hop(pige) Formationen aus Anfang der 1990er wie: Massive Attack, Portishead, Thievery Corporation, Groove Corporation, Waldeck, Kruder & Dorfmeister u. v. a. haben maßgeblich dazu beigetragen, dass mein Interesse an Dub über die vielen Jahre nicht gelitten hat und ich immer noch tief in der Materie bin. Ganz besonders muss ich aus der Zeit noch zwei Alben hervorheben: Massive Attack/Mad Professor: „No Protection“ und Groove Corporation: „Co-Operation Dub“, die mir das Fehlen guten, aktuellen, jamaikanischen Dubs wesentlich erträglicher machten. Haargenau dieses Erbe vertreten die griechischen Dub Garden mit ihrem hier vorliegenden Album „Doctor Wind In Dub“, einem Trip Hop-Album, das sehr stark vom Dub beeinflusst ist. Die acht um die vier Minuten langen Tracks reflektieren verschiedenste Musikeinflüsse und nehmen uns mit sehr angenehmen Gesangseinsprengseln, stoischen Basslines, wohl akzentuierten Gitarren-Licks auf eine melodische und ebenso groovige Reise von den frühen Neunzehnneunzigern bis heute. Über teils ethnische, Blues- aber auch Ambient-Elemente begeben wir uns auf weniger bekanntes Dubterrain und ausgelatschte Dubpfade.
Kurz: Wir haben hier eine großartige Mischung aus traditionellem Dub und Innovation. „Doctor Wind In Dub“ ist zeitlos und vertreibt hoffentlich nicht nur mir die schlechten Vibes, welche die „Infamitäten des Lebens“ gelegentlich mit sich bringen.

Bewertung: 4 von 5.
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Five Star Review

Alborosie: Back-A-Yard Dub

Es ist Freitag, der 23. April, heute erscheint Alborosies sechstes Dub Album. Machen wir uns nichts vor, der Kandidat ist damit gekürt. Man wird „Back-A-Yard Dub“ kaum von der Pole Position der diesjährigen Dub-Charts verdrängen können. Weil es nicht nur grandios klingender, moderner Old School Dub in der Tradition echter Versions ist, sondern auch ein für sich allein funktionierendes Hörereignis, das selbst ohne Deejay, Dancehall oder Sound System mit mörderischen Wellen alles wegbläst, was sich ihm in den Weg stellt. Das Album ist das Pendant zu der vor wenigen Wochen veröffentlichten Wailing Souls LP „Back A Yard“, die Alborosie mit viel Eighties Tamtam, Simmons und Synthie Drums in seinem Studio produziert hat. Flabba Holt von den Roots Radics hat den Bass gespielt, Tyrone Downie von den Wailers die Keyboards. Nachdem das Kraft strotzende Alterswerk der Wailing Souls im Kasten war, hat Puppa Albo die „Alborosie Dub Station“ angeschmissen. Es ist sein neuestes Spielzeug, ein von ihm entwickeltes Plug-In, das in der Lage ist, die typischen Effekte aus King Tubbys Studio zu reproduzieren. Wobei der Hall und der Sound des Tubby Tape-Echos weniger spektakulär, aber doch sehr nice sind. Absolut krass jedoch der digitale Nachbau des High Pass Filters. In Kombination mit der Instrumentenvielfalt der Wailing Souls Vorlage und den Dubskills von Alborosie sorgt das neue Effektboard für ein monströses Spektakel. Montiert zu einem anarchischen Ping-Pong-Exzess voller Hall- und Filtereffekte, die man so noch nicht gehört hat. Vergleichbar mit der Soundgewalt eines Groucho Smykle. Der aber muss zusätzliche Keyboards aufnehmen, um seinen Wall Of Sound zu inszenieren. Alborosie dagegen profitiert von der Vielschichtigkeit seiner Produktion und packt für den Dub noch ein paar gefühlte dB mehr drauf. No matter what the people say, these sounds lead the way! Sein Mix ist wie eine Verkaufsempfehlung für das von ihm entwickelte Gerät, und erste Reaktionen in den Social Media lassen bereits erkennen, dass dieses Plug-In in nächster Zeit den Dub auf breiter Fläche beherrschen wird. Dass die LP „Back-A-Yard Dub“ heißt – und damit meint: zurück in Jamaika – und die Verpackung an die Ästhetik der alten Stempeldruck Cover erinnert, spielt nicht nur zufällig darauf an, dass Alborosies Dub dort entsteht, wo er herkommt. Gäbe es 10 Sterne, diese LP würde 15 kriegen.

PS: Als der Text geschrieben wurde, waren noch keine Streaming-Links freigeschaltet. Hörproben gibt’s hier. Oder man vertraut dem Rezensenten und besorgt sich gleich die LP. Das Vinyl wird’s eh nicht ewig geben.

Bewertung: 5 von 5.
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Reggae Angels with Sly & Robbie: Remember Our Creator – Fox Dubs

Kalifornien scheint ein Brutkasten für Talente zu sein, die Reggae mit allen möglichen Einflüssen verbinden – Rock, Pop, Soul, Hip-Hop. Da wären etwa Rebelution, Tribal Seeds, Iya Terra, Slightly Stupid, Long Beach All Stars, John Brown’s Body usw. usf. Das macht sich in der Musik selbst, in den Arrangements, im Mix, und in den Lyrics bemerkbar. Da ist mehr oder weniger Party angesagt, ein wenig Sozialkritik darf auch sein. Wie immer bestätigen Ausnahmen die Regel – dazu zähle ich etwa Groundation, aber auch die die Reggae Angels. Letzteren Act gibt’s seit 1992; er besteht mehr oder weniger aus Sänger Peter Wardle mit wechselnden Backing-Bands – was nicht weiter interessant oder erwähnenswert wäre, wenn… ja wenn da nicht Sly & Robbie’s Taxi Gang seit einigen Jahren im Studio und bisweilen auch live den musikalischen Teppich für die Reggae Angels ausbreiteten.

Seit mittlerweile drei Alben sind die Riddim Twins an Wardle’s Seite; immer abgemischt von Jim Fox, der die Tracks dann noch einer extra Dub-Behandlung unterzieht. Ergibt zusammen das satte Vocal/Dub-Package, das dann als Doppel-Album daherkommt. Ähnlich funktioniert’s auch beim neuen Album „Remember Our Creator“, wobei die Dubs diesmal als eigenes Album angeboten werden: „Remember Our Creator – Fox Dubs“ (Kings Music International). Allein die Liste der an den Aufnahmen Mitwirkenden lässt erkennen, dass Peter Wardle extrem gut mit der jamaikanischen Reggae-Szene vernetzt ist und die entsprechenden Kapazunder in den Kingstoner Anchor- und One Pop-Studios versammeln konnte. Das Ganze dann nicht in JA abzumischen, sondern in Jim Fox‘ Hände zu legen, scheint geradezu genial.

Nun kann man von Wardle‘s Gesang halten was man möchte – mich erinnert er an Roots-Recken wie Cedric Myton oder Lascelle Bulgin; die Backing-Vox (u.a. seine Tochter) hingegen an die Melody Makers minus dem Feuer von Cedella Marley. Mit seinen durchaus positiven, Gott-zentrierten Texten prägt er jedenfalls auch das musikalische Geschehen, sprich die Arrangements. Es ist schön, dass Sly Dunbar hier mal vorwiegend One Drops spielt und so eine solide Roots-Grundlage für die ausgeklügelten Arrangements bietet, die exzellent umgesetzt sind. Auf den Track mit Drum-Machine hätte ich freilich verzichten können; er demonstriert aber sehr gut den Unterschied zwischen Mensch und Maschine – gerade wenn’s um Gefühl und eine gewisse Sanftheit geht:

Wobei wir eigentlich bei Jim Fox gelandet sind, der bei „Remember Our Creator“ bzw. „Remember Our Creator – Fox Dubs“ für den Klang verantwortlich ist. Er ist zweifellos ein Meister seines Fachs und spielt in einer Liga mit Steven Stanley und Godwin Logie; entsprechend ausgewogen und facettenreich sein typisch unaufgeregtes Klangbild. Wunderbar die tiefergelegte, satte, weiche und gleichzeitig präzise Bass-Drum, die eine tolle Dynamik liefert und das Herz des Rezensenten höher schlagen lässt. Fox schafft es sogar, Aggro-Sax-Player Dean Fraser einen Dämpfer zu verpassen bzw. soundmäßig tief ins Geschehen zu integrieren, anstatt ihn kreischend oben drauf zu setzen – ein Kunststück für sich. Nicht ganz so gut gelungen Dunbar’s Hi-Hat, die zu trocken und laut daherkommt und etwas zu viel Einblick in die aktuell nicht-ganz-so-exakte Beckenarbeit des Drummers bietet. Die – wenn man das so dramatisch sehen will – Katastrophe des Albums ist aber ein kitschig-aufdringliches Keyboard Marke Korg & Konsorten. Sowas hörte man zuletzt in den 1980ern, als sich genrefremde Musiker am Reggae vergingen. Ich laste das Peter Wardle selbst an, der Keyboards spielt und sich hier wohl mit ein paar Overdubs eingebracht hat. Schuldig auch Jim Fox; er hätte diese Keys im Mix vergraben können. 

Was soll man machen – er ist halt ein guter Kerl, der Jim. Deshalb wollen wir ihm auch den zwar klanglich brillanten, aber doch recht unspektakulären Dub-Mix nachsehen. Es ist nun mal sein Markenzeichen als Dub-Mixer: Das Original wird nicht groß verändert, sondern vorwiegend durch dezente Delays ergänzt. Wer das mag, nennt diesen Vorgang „veredeln“; ich behaupte aber: Das Edle an „Remember Our Creator – Fox Dubs“ ist der wunderbar ausgeglichene Sound, der schon beim Abmischen des Vocal-Albums entstanden ist. Minus dem Kitsch-Keyboard, wohlgemerkt.

Bewertung: 3.5 von 5.
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Fatman Riddim Section Meets the Lickshots: Big Man Sound

Wie schön, „African Beat“ mal wieder in einer richtig amtlichen Reggae-Version zu hören. Die Melodie dieses – im Original von Bert Kaempfert komponierten – Instrumentals gehört zu meinen absoluten Lieblingen. Überhaupt könnte ich die klassischen (meist dem Studio One entsprungenen) Riddims ständig hören. Machen wir uns nichts vor: Die Basslines u. a. von „Heavenless“, „Real Rock“, „Bobby Babylon“, „Full Up“, „Drum Song“, „Rockfort Rock“, „Swing Easy“, „My Conversation“ sowie die kleinen, dazugehörigen Orgelmelodien oder Bläsersätze sind bis heute unübertroffen (wenn wir Sleng Teng mal ausklammern). Wer, wie ich, so viel Spaß an den alten Kamellen hat, kann nun jubeln, denn die legendäre Fatman Riddim Section hat im Zusammenspiel mit den Lickshots eine überaus charmante EP vorgelegt, die sich fünf klassischen Hit-Riddims inna Dub-Style widmet: „Big Man Sound“. Die Fatman Riddim Section kennen wir noch aus unzähligen Produktionen der 1970er Jahre – vor allem aber als Teil der Inner Circle Band. Vom einstigen Trio scheint jetzt allerdings nur noch Gitarrist Roger Lewis aktiv zu sein. Bei den Lickshots handelt es sich hingegen um eine ehemalige Ska-Band, die schon vor einigen Jahren mit ihrem superbem Album „The Lickshots“ den Weg zum Reggae gefunden hat. Eine ungewöhnliche, aber offenbar kongeniale Kombination. Die Big Man Sound-EP ist jedenfalls eine überaus gelungene Hommage an die goldene Ära des Reggae – wenn auch mit den fünf Tracks leider im Miniaturformat. Sauber produziert, instrumentiert und eingespielt und ganz klassisch im Dancehall-Style Dub-gemixt. Es gibt sogar ein wenig Minimal-Toasting wie in den Zeiten von King Stitt – hier ist allerdings Micro Don (vom New Yorker Rice and Peas-Kollektiv) für die Ansagen verantwortlich. Niceness all around!

Bewertung: 4.5 von 5.
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Alpha Steppa: #streetdub, Vol. 1

Bekanntermaßen ist Dub keine Live-Musik. Trotzdem ist es möglich, Dub-Tracks spontan auf der Straße zu produzieren, oder in einer Bergbahn, oder auf einer grünen Wiese, oder im Auto oder oder in der U-Bahn, oder … Ben Alpha hat daraus ein Konzept gemacht: „Meine Idee war es, mich und die Artists aus der Komfortzone – also dem Studio oder der Bühne – herauszuholen und zugleich eine Art musikalisches Tagebuch zu schreiben.“ erklärt er, „Deshalb nahmen wir das Album live auf den Straßen von Großbritannien, Frankreich, Mexiko, Spanien, den USA, Irland und der Tschechischen Republik auf.“ Wie das von Statten ging, lässt sich auf dem Youtube-Kanal von Steppas Records verfolgen. Noch diese Woche wird dort Folge 50 der Streeddubs erscheinen.

Das Album „#streetdub Vol. 1“ ist nun eine Sammlung von 23 (!) so entstandener Dubs. Es handelt sich im engeren Sinne nicht um ein reines Dub-Album, denn neben Dubs von Ben und seiner Tante, sind vor allem viele Vocals zu hören, u. a. von Ras Tinny, Nai-Jah, Awa Fall, Fikir Amlak, Ashanti Selah u. a. Logischerweise wurden die Stücke nicht auf den Straßen komponiert und eingespielt. Die Backings waren bereits vorhanden und sind größtenteils von den Alpha Steppa-Studio-Alben bekannt. Lediglich das Voicen und der Live-Dub-Mix geschah an der frischen Luft. Manchmal auch die Aufnahme zusätzliche Instrumente, wie z. B. Violine, Trompete, Gitarre und Harfe von Dubzoic & The Mariachis. Auch reine Unplugged-Dubs (nur Querflöte und Gitarre) sind zu hören.

Nicht alles klingt auf Studio-Sound-Niveau, dafür aber wird man oft mit schöner Szenerie im Hintergrund entschädigt – oder aber dem grauen Bild des urbanen Alltags. In den Videos sind die Lyrics übrigens untertitelt – durchaus hilfreich. Mit dem großartigen Effekt, dass die oft kämpferisch-sozialkritischen Texte auf der Live-Bühne einer realen Stadt eine frappierende Bedeutungsintensität entwickeln. „Wir nutzen die Videos als Gelegenheit, um Themen zu beleuchten, die für uns wichtig sind.“ sagt Ben, „Es ist eine Art Dub-Aktivismus.“ Erstaunlich, dass sein Konzept allein durch die Verschiebung des Kontextes, weg von der Bühne hinein ins reale Leben, so brillant aufgeht. Deshalb – so ehrlich muss man sein – sind die Videos das Original und das vorliegende Album „nur“ die Kopie. Aber die kann man, anders als die Videos, auch konsumieren, während man einen Blog-Artikel schreibt.

Bewertung: 4 von 5.
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Zion Train: Illuminate in Dub

Das ist sie nun – wenn auch nicht mehr taufrisch –, die Dub-Version des neuen Zion Train-Albums aus dem letzten Jahr: „Illuminate in Dub“ (Universal Egg). Kann ein gutes Zion Train-Album durch ein Dub-Reworking noch besser werden? Im Fall von „Illuminate in Dub“ fällt meine Antwort eindeutig aus: Ja, kann es. Okay, wir verlieren hier einen Großteil der durchweg guten und engagierten Lyrics des Originals, aber dafür gewinnen wir deutlich mehr musikalische Prägnanz. Das mag an dem Dub-Mixdown und besserem Mastering liegen, vor allem aber natürlich daran, dass hier – anders als bei der Vocal-Version – die Musik vom „Backing“ zum „Fronting“ wird. Neil Perch hat hier keine Dekonstruktion und minimalistischen Dub-Neuaufbau betrieben, sondern hat die Komplexität der Tunes weitgehend bewahrt. Der Präsenz-Effekt entsteht lediglich aus der Verschiebung des Fokus auf die Musik und den dynamischeren Klang. „Illuminate in Dub“ ist also keine Neuerfindung, sondern ziemlich nah am Original gebaut – und trotzdem besser. Zumal die meist grandiosen Hooklines der Vocal-Versions auch im Dub zu hören sind.

Bewertung: 4 von 5.
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Roots Makers: In Dub

Manchmal kommt man einfach nicht weiter, und das muss man schlussendlich auch akzeptieren. Es gibt da dieses neue Dub-Album (eigentlich sind’s zwei Alben), über dass sich zum Zeitpunkt dieser Rezension so gut wie nichts bzw. nur herzlich wenig Informatives erfahren lässt. Und das, obwohl die Band / die Musiker / das Produzenten-Konglomerat eine eigene Website, eine Facebook-Page, einen Instagram-Account und einen YouTube-Kanal betreibt; die Herrschaften mögen auch nicht auf Anfragen reagieren. Insofern ist vieles, was hier zu lesen, reine Mutmaßung.

… und so waren es einmal drei Menschen, vermutlich aus einem frankophonen Land stammend, die sich zusammengerottet haben um ein im klassischen Stil gehaltenes Dub-Album einzuspielen. Nicht sonderlich einfallsreich „Roots Makers in Dub“ benannt, ist es der Counterpart zu einem Instrumental-Release, der sich – no na – simpel „Roots Makers“ betitelt. Beide sind am selben Tag erschienen, und die Künstler nennen sich… *gähn* …Roots Makers.

Man möge sich von dieser Einfallslosigkeit nicht täuschen lassen; der Name ist Programm: Hier liegt eines der besten Roots-Dub-Alben des noch jungen Jahres vor; das dazugehörige Instrumental Album lässt ebenso große Freude aufkommen. Die Riddims sind eingängig, im klassischen Stil instrumentiert und superb abgemischt; da findet selbst der Rezensent wenig zu mosern. Nun ja, vielleicht hätte der Drummer sich mit den Fills ein wenig zurückhalten können und es besteht der Verdacht, dass da keine Bläser live im Studio waren – das war’s aber auch schon. 

Zum Dub-Mix gibt’s leider (oder Gott sei Dank?) nicht viel zu sagen: Klassische Effekte, bestens platziert; nicht zu dominant, aber auch nicht unter der Wahrnehmungsschwelle. Kurzum: Es fügt sich alles gut zusammen und ergibt in Summe ein feines Dub-Album, das man sehr gern weiter empfiehlt – vor allem in Kombination mit den Instrumentals.

Die drei Roots Makers bieten übrigens auf Ihrer Website die einzelnen Tracks als Übungstracks an – also mal ohne Schlagzeug, dann mal ohne Bass, Gitarre usw. Für (angehende) Reggae-Musiker im Lockdown geradezu ideal, möchte man meinen.

Letztlich bleibt zu hoffen, dass die Qualität der Musik die Hörer*innen überzeugt, denn Promotion ist augenscheinlich keine Stärke der Roots Makers. In diesem Sinne meine vorbehaltslose Empfehlung: Reinhören & genießen. 

Bewertung: 4.5 von 5.

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Sumac Dub: Ex-Home Session

Selten habe ich so viel Zeit zuhause verbracht, wie in den letzten Wochen. Corona sperrt uns in unseren Wohnungen und Häuser ein. Diese Klausur ist quälend, kann aber auch Quell großer Kreativität sein. Auf Tom Dorne aka Sumac Dub scheint das zuzutreffen, denn er hat gerade eine herausragende, wunderschön melancholische EP mit dem vielsagenden Titel „Ex Home-Session“ (ODGProd) veröffentlicht. Nicht nur verweist der Titel auf die heimische Isolation (im schönen Grenoble), sondern er knüpft auch an Toms „Jam Session Vol. 1“ von 2019 an. Nahtlos, denn hier wie dort überwiegt ein ruhiger, meditativer Sound, durchzogen von Ambient-Geräuschen wie z. B. Vogelgezwitscher und manchmal begleitet vom Violinen- oder Klavierspiel des Meisters himself. Auch die aus Reden oder Lesungen gesampleten Vocals sind typisch für die beiden Werke. Es ist aber vor allem die „Ex-Home Session“, die mich ih ihren Bann zieht. Die magische Stimmung der ersten Tracks ist überwältigend. Tieftraurig, düster, schwer und doch kraftvoll. Sanfte Beats mit dosierten Klavier-Akkorden und melancholischem Geigenspiel garniert. Unfassbar schön. Dann folgt der Track „Imminent Departure“ und mit ihm eine Sound-Metamorphose zu Dub-Techno – was schockierend, aber absolut schlüssig ist. Die warm pluckernden Minimal-Techno-Beats führen nur logisch fort, was die beiden vorangegangenen Tracks „Petit Prince“ und „The Hadal Tone“ begonnen haben.

Verblüfft haben mich allerdings die beiden letzten beiden Tracks, denn sie stammen von den Bass Trooperz. Keine Ahnung, ob Tom bei denen mitmischt oder ob er deren Tracks hier nur als Dubs abmischt. Jedenfalls passen auch sie perfekt ins Gesamtwerk, featuren schönes Sitar-Spiel und atmosphärisches Wellenrauschen – drehen dann bei den Beats aber deutlich auf. Das setzt einen positiven und energetischen Schlusspunkt hinter eine der schönsten Dub-EPs der Corona-Zeit.

Bewertung: 5 von 5.