Kategorien
Review

Reggae Angels with Sly & Robbie: Remember Our Creator – Fox Dubs

Kalifornien scheint ein Brutkasten für Talente zu sein, die Reggae mit allen möglichen Einflüssen verbinden – Rock, Pop, Soul, Hip-Hop. Da wären etwa Rebelution, Tribal Seeds, Iya Terra, Slightly Stupid, Long Beach All Stars, John Brown’s Body usw. usf. Das macht sich in der Musik selbst, in den Arrangements, im Mix, und in den Lyrics bemerkbar. Da ist mehr oder weniger Party angesagt, ein wenig Sozialkritik darf auch sein. Wie immer bestätigen Ausnahmen die Regel – dazu zähle ich etwa Groundation, aber auch die die Reggae Angels. Letzteren Act gibt’s seit 1992; er besteht mehr oder weniger aus Sänger Peter Wardle mit wechselnden Backing-Bands – was nicht weiter interessant oder erwähnenswert wäre, wenn… ja wenn da nicht Sly & Robbie’s Taxi Gang seit einigen Jahren im Studio und bisweilen auch live den musikalischen Teppich für die Reggae Angels ausbreiteten.

Seit mittlerweile drei Alben sind die Riddim Twins an Wardle’s Seite; immer abgemischt von Jim Fox, der die Tracks dann noch einer extra Dub-Behandlung unterzieht. Ergibt zusammen das satte Vocal/Dub-Package, das dann als Doppel-Album daherkommt. Ähnlich funktioniert’s auch beim neuen Album „Remember Our Creator“, wobei die Dubs diesmal als eigenes Album angeboten werden: „Remember Our Creator – Fox Dubs“ (Kings Music International). Allein die Liste der an den Aufnahmen Mitwirkenden lässt erkennen, dass Peter Wardle extrem gut mit der jamaikanischen Reggae-Szene vernetzt ist und die entsprechenden Kapazunder in den Kingstoner Anchor- und One Pop-Studios versammeln konnte. Das Ganze dann nicht in JA abzumischen, sondern in Jim Fox‘ Hände zu legen, scheint geradezu genial.

Nun kann man von Wardle‘s Gesang halten was man möchte – mich erinnert er an Roots-Recken wie Cedric Myton oder Lascelle Bulgin; die Backing-Vox (u.a. seine Tochter) hingegen an die Melody Makers minus dem Feuer von Cedella Marley. Mit seinen durchaus positiven, Gott-zentrierten Texten prägt er jedenfalls auch das musikalische Geschehen, sprich die Arrangements. Es ist schön, dass Sly Dunbar hier mal vorwiegend One Drops spielt und so eine solide Roots-Grundlage für die ausgeklügelten Arrangements bietet, die exzellent umgesetzt sind. Auf den Track mit Drum-Machine hätte ich freilich verzichten können; er demonstriert aber sehr gut den Unterschied zwischen Mensch und Maschine – gerade wenn’s um Gefühl und eine gewisse Sanftheit geht:

Wobei wir eigentlich bei Jim Fox gelandet sind, der bei „Remember Our Creator“ bzw. „Remember Our Creator – Fox Dubs“ für den Klang verantwortlich ist. Er ist zweifellos ein Meister seines Fachs und spielt in einer Liga mit Steven Stanley und Godwin Logie; entsprechend ausgewogen und facettenreich sein typisch unaufgeregtes Klangbild. Wunderbar die tiefergelegte, satte, weiche und gleichzeitig präzise Bass-Drum, die eine tolle Dynamik liefert und das Herz des Rezensenten höher schlagen lässt. Fox schafft es sogar, Aggro-Sax-Player Dean Fraser einen Dämpfer zu verpassen bzw. soundmäßig tief ins Geschehen zu integrieren, anstatt ihn kreischend oben drauf zu setzen – ein Kunststück für sich. Nicht ganz so gut gelungen Dunbar’s Hi-Hat, die zu trocken und laut daherkommt und etwas zu viel Einblick in die aktuell nicht-ganz-so-exakte Beckenarbeit des Drummers bietet. Die – wenn man das so dramatisch sehen will – Katastrophe des Albums ist aber ein kitschig-aufdringliches Keyboard Marke Korg & Konsorten. Sowas hörte man zuletzt in den 1980ern, als sich genrefremde Musiker am Reggae vergingen. Ich laste das Peter Wardle selbst an, der Keyboards spielt und sich hier wohl mit ein paar Overdubs eingebracht hat. Schuldig auch Jim Fox; er hätte diese Keys im Mix vergraben können. 

Was soll man machen – er ist halt ein guter Kerl, der Jim. Deshalb wollen wir ihm auch den zwar klanglich brillanten, aber doch recht unspektakulären Dub-Mix nachsehen. Es ist nun mal sein Markenzeichen als Dub-Mixer: Das Original wird nicht groß verändert, sondern vorwiegend durch dezente Delays ergänzt. Wer das mag, nennt diesen Vorgang „veredeln“; ich behaupte aber: Das Edle an „Remember Our Creator – Fox Dubs“ ist der wunderbar ausgeglichene Sound, der schon beim Abmischen des Vocal-Albums entstanden ist. Minus dem Kitsch-Keyboard, wohlgemerkt.

Bewertung: 3.5 von 5.
Kategorien
Review

Fatman Riddim Section Meets the Lickshots: Big Man Sound

Wie schön, „African Beat“ mal wieder in einer richtig amtlichen Reggae-Version zu hören. Die Melodie dieses – im Original von Bert Kaempfert komponierten – Instrumentals gehört zu meinen absoluten Lieblingen. Überhaupt könnte ich die klassischen (meist dem Studio One entsprungenen) Riddims ständig hören. Machen wir uns nichts vor: Die Basslines u. a. von „Heavenless“, „Real Rock“, „Bobby Babylon“, „Full Up“, „Drum Song“, „Rockfort Rock“, „Swing Easy“, „My Conversation“ sowie die kleinen, dazugehörigen Orgelmelodien oder Bläsersätze sind bis heute unübertroffen (wenn wir Sleng Teng mal ausklammern). Wer, wie ich, so viel Spaß an den alten Kamellen hat, kann nun jubeln, denn die legendäre Fatman Riddim Section hat im Zusammenspiel mit den Lickshots eine überaus charmante EP vorgelegt, die sich fünf klassischen Hit-Riddims inna Dub-Style widmet: „Big Man Sound“. Die Fatman Riddim Section kennen wir noch aus unzähligen Produktionen der 1970er Jahre – vor allem aber als Teil der Inner Circle Band. Vom einstigen Trio scheint jetzt allerdings nur noch Gitarrist Roger Lewis aktiv zu sein. Bei den Lickshots handelt es sich hingegen um eine ehemalige Ska-Band, die schon vor einigen Jahren mit ihrem superbem Album „The Lickshots“ den Weg zum Reggae gefunden hat. Eine ungewöhnliche, aber offenbar kongeniale Kombination. Die Big Man Sound-EP ist jedenfalls eine überaus gelungene Hommage an die goldene Ära des Reggae – wenn auch mit den fünf Tracks leider im Miniaturformat. Sauber produziert, instrumentiert und eingespielt und ganz klassisch im Dancehall-Style Dub-gemixt. Es gibt sogar ein wenig Minimal-Toasting wie in den Zeiten von King Stitt – hier ist allerdings Micro Don (vom New Yorker Rice and Peas-Kollektiv) für die Ansagen verantwortlich. Niceness all around!

Bewertung: 4.5 von 5.
Kategorien
Review

Alpha Steppa: #streetdub, Vol. 1

Bekanntermaßen ist Dub keine Live-Musik. Trotzdem ist es möglich, Dub-Tracks spontan auf der Straße zu produzieren, oder in einer Bergbahn, oder auf einer grünen Wiese, oder im Auto oder oder in der U-Bahn, oder … Ben Alpha hat daraus ein Konzept gemacht: „Meine Idee war es, mich und die Artists aus der Komfortzone – also dem Studio oder der Bühne – herauszuholen und zugleich eine Art musikalisches Tagebuch zu schreiben.“ erklärt er, „Deshalb nahmen wir das Album live auf den Straßen von Großbritannien, Frankreich, Mexiko, Spanien, den USA, Irland und der Tschechischen Republik auf.“ Wie das von Statten ging, lässt sich auf dem Youtube-Kanal von Steppas Records verfolgen. Noch diese Woche wird dort Folge 50 der Streeddubs erscheinen.

Das Album „#streetdub Vol. 1“ ist nun eine Sammlung von 23 (!) so entstandener Dubs. Es handelt sich im engeren Sinne nicht um ein reines Dub-Album, denn neben Dubs von Ben und seiner Tante, sind vor allem viele Vocals zu hören, u. a. von Ras Tinny, Nai-Jah, Awa Fall, Fikir Amlak, Ashanti Selah u. a. Logischerweise wurden die Stücke nicht auf den Straßen komponiert und eingespielt. Die Backings waren bereits vorhanden und sind größtenteils von den Alpha Steppa-Studio-Alben bekannt. Lediglich das Voicen und der Live-Dub-Mix geschah an der frischen Luft. Manchmal auch die Aufnahme zusätzliche Instrumente, wie z. B. Violine, Trompete, Gitarre und Harfe von Dubzoic & The Mariachis. Auch reine Unplugged-Dubs (nur Querflöte und Gitarre) sind zu hören.

Nicht alles klingt auf Studio-Sound-Niveau, dafür aber wird man oft mit schöner Szenerie im Hintergrund entschädigt – oder aber dem grauen Bild des urbanen Alltags. In den Videos sind die Lyrics übrigens untertitelt – durchaus hilfreich. Mit dem großartigen Effekt, dass die oft kämpferisch-sozialkritischen Texte auf der Live-Bühne einer realen Stadt eine frappierende Bedeutungsintensität entwickeln. „Wir nutzen die Videos als Gelegenheit, um Themen zu beleuchten, die für uns wichtig sind.“ sagt Ben, „Es ist eine Art Dub-Aktivismus.“ Erstaunlich, dass sein Konzept allein durch die Verschiebung des Kontextes, weg von der Bühne hinein ins reale Leben, so brillant aufgeht. Deshalb – so ehrlich muss man sein – sind die Videos das Original und das vorliegende Album „nur“ die Kopie. Aber die kann man, anders als die Videos, auch konsumieren, während man einen Blog-Artikel schreibt.

Bewertung: 4 von 5.
Kategorien
Review

Zion Train: Illuminate in Dub

Das ist sie nun – wenn auch nicht mehr taufrisch –, die Dub-Version des neuen Zion Train-Albums aus dem letzten Jahr: „Illuminate in Dub“ (Universal Egg). Kann ein gutes Zion Train-Album durch ein Dub-Reworking noch besser werden? Im Fall von „Illuminate in Dub“ fällt meine Antwort eindeutig aus: Ja, kann es. Okay, wir verlieren hier einen Großteil der durchweg guten und engagierten Lyrics des Originals, aber dafür gewinnen wir deutlich mehr musikalische Prägnanz. Das mag an dem Dub-Mixdown und besserem Mastering liegen, vor allem aber natürlich daran, dass hier – anders als bei der Vocal-Version – die Musik vom „Backing“ zum „Fronting“ wird. Neil Perch hat hier keine Dekonstruktion und minimalistischen Dub-Neuaufbau betrieben, sondern hat die Komplexität der Tunes weitgehend bewahrt. Der Präsenz-Effekt entsteht lediglich aus der Verschiebung des Fokus auf die Musik und den dynamischeren Klang. „Illuminate in Dub“ ist also keine Neuerfindung, sondern ziemlich nah am Original gebaut – und trotzdem besser. Zumal die meist grandiosen Hooklines der Vocal-Versions auch im Dub zu hören sind.

Bewertung: 4 von 5.
Kategorien
Review

Roots Makers: In Dub

Manchmal kommt man einfach nicht weiter, und das muss man schlussendlich auch akzeptieren. Es gibt da dieses neue Dub-Album (eigentlich sind’s zwei Alben), über dass sich zum Zeitpunkt dieser Rezension so gut wie nichts bzw. nur herzlich wenig Informatives erfahren lässt. Und das, obwohl die Band / die Musiker / das Produzenten-Konglomerat eine eigene Website, eine Facebook-Page, einen Instagram-Account und einen YouTube-Kanal betreibt; die Herrschaften mögen auch nicht auf Anfragen reagieren. Insofern ist vieles, was hier zu lesen, reine Mutmaßung.

… und so waren es einmal drei Menschen, vermutlich aus einem frankophonen Land stammend, die sich zusammengerottet haben um ein im klassischen Stil gehaltenes Dub-Album einzuspielen. Nicht sonderlich einfallsreich „Roots Makers in Dub“ benannt, ist es der Counterpart zu einem Instrumental-Release, der sich – no na – simpel „Roots Makers“ betitelt. Beide sind am selben Tag erschienen, und die Künstler nennen sich… *gähn* …Roots Makers.

Man möge sich von dieser Einfallslosigkeit nicht täuschen lassen; der Name ist Programm: Hier liegt eines der besten Roots-Dub-Alben des noch jungen Jahres vor; das dazugehörige Instrumental Album lässt ebenso große Freude aufkommen. Die Riddims sind eingängig, im klassischen Stil instrumentiert und superb abgemischt; da findet selbst der Rezensent wenig zu mosern. Nun ja, vielleicht hätte der Drummer sich mit den Fills ein wenig zurückhalten können und es besteht der Verdacht, dass da keine Bläser live im Studio waren – das war’s aber auch schon. 

Zum Dub-Mix gibt’s leider (oder Gott sei Dank?) nicht viel zu sagen: Klassische Effekte, bestens platziert; nicht zu dominant, aber auch nicht unter der Wahrnehmungsschwelle. Kurzum: Es fügt sich alles gut zusammen und ergibt in Summe ein feines Dub-Album, das man sehr gern weiter empfiehlt – vor allem in Kombination mit den Instrumentals.

Die drei Roots Makers bieten übrigens auf Ihrer Website die einzelnen Tracks als Übungstracks an – also mal ohne Schlagzeug, dann mal ohne Bass, Gitarre usw. Für (angehende) Reggae-Musiker im Lockdown geradezu ideal, möchte man meinen.

Letztlich bleibt zu hoffen, dass die Qualität der Musik die Hörer*innen überzeugt, denn Promotion ist augenscheinlich keine Stärke der Roots Makers. In diesem Sinne meine vorbehaltslose Empfehlung: Reinhören & genießen. 

Bewertung: 4.5 von 5.

Kategorien
Five Star Review

Sumac Dub: Ex-Home Session

Selten habe ich so viel Zeit zuhause verbracht, wie in den letzten Wochen. Corona sperrt uns in unseren Wohnungen und Häuser ein. Diese Klausur ist quälend, kann aber auch Quell großer Kreativität sein. Auf Tom Dorne aka Sumac Dub scheint das zuzutreffen, denn er hat gerade eine herausragende, wunderschön melancholische EP mit dem vielsagenden Titel „Ex Home-Session“ (ODGProd) veröffentlicht. Nicht nur verweist der Titel auf die heimische Isolation (im schönen Grenoble), sondern er knüpft auch an Toms „Jam Session Vol. 1“ von 2019 an. Nahtlos, denn hier wie dort überwiegt ein ruhiger, meditativer Sound, durchzogen von Ambient-Geräuschen wie z. B. Vogelgezwitscher und manchmal begleitet vom Violinen- oder Klavierspiel des Meisters himself. Auch die aus Reden oder Lesungen gesampleten Vocals sind typisch für die beiden Werke. Es ist aber vor allem die „Ex-Home Session“, die mich ih ihren Bann zieht. Die magische Stimmung der ersten Tracks ist überwältigend. Tieftraurig, düster, schwer und doch kraftvoll. Sanfte Beats mit dosierten Klavier-Akkorden und melancholischem Geigenspiel garniert. Unfassbar schön. Dann folgt der Track „Imminent Departure“ und mit ihm eine Sound-Metamorphose zu Dub-Techno – was schockierend, aber absolut schlüssig ist. Die warm pluckernden Minimal-Techno-Beats führen nur logisch fort, was die beiden vorangegangenen Tracks „Petit Prince“ und „The Hadal Tone“ begonnen haben.

Verblüfft haben mich allerdings die beiden letzten beiden Tracks, denn sie stammen von den Bass Trooperz. Keine Ahnung, ob Tom bei denen mitmischt oder ob er deren Tracks hier nur als Dubs abmischt. Jedenfalls passen auch sie perfekt ins Gesamtwerk, featuren schönes Sitar-Spiel und atmosphärisches Wellenrauschen – drehen dann bei den Beats aber deutlich auf. Das setzt einen positiven und energetischen Schlusspunkt hinter eine der schönsten Dub-EPs der Corona-Zeit.

Bewertung: 5 von 5.
Kategorien
Review

Nachur: Cicada Sessions

Okay, okay, der hottest Shit ist das 2013 entstandene Album „Nachur: Cicada Sessions“ tatsächlich nicht. Aber eines der interessanteren, die ich in letzter Zeit in meinem Archiv wiederentdeckt habe. Anfang 2012 machten sich zwei Multiinstrumentalisten, der Neuseeländer Isaac Chambers (Produktion, Programmierung, Sampling, Recording, Keyboards, Percussion) und der Kanadier Prosad (Sitar, Gitarre, Didgeridoo, Bansuri, Melodika, Keyboards, Percussion) daran, ihre einzigartigen Ideen, Einflüsse und vielfältigen Fähigkeiten zu kombinieren, um Live-Electronica zu kreieren. Die zwei Protagonisten stellten kurzerhand ein temporäres Studio in einem alten Bus zusammen. Anschließend fuhren sie zum neuseeländischen „Abel Tasman National Park“ mit Blick auf den Ozean und begannen ihre Songs zu komponieren. Die dabei entstandenen „Cicada Sessions“ leiten offenbar ihren Namen von den Zikaden ab. Wer einmal Zikaden in einem südfranzösischen Pinienwald an einem Sommertag gehört hat, kann sich die Geräusche lebhaft vorstellen. Deshalb wurde das Album ausschließlich nachts produziert. Die Aufnahmen begannen bei Sonnenuntergang und dauerten meist bis Sonnenaufgang. Viele andere Naturgeräusche, auch die Zikaden, fanden dennoch ihren Weg auf die leider etwas zu kurz geratene EP. Wenn es nach mir ginge, könnte das Album auch gerne doppelt so lang sein, und ich würde mich immer noch nicht langweilen. Viele der Soli wurden in einem einzigen Take aufgenommen und keinerlei Overdubs unterzogen.
Inspiriert von Dub, Roots, Jazz & Downbeat Electronica, verschmilzt „Nachur“ (sprich Nature) moderne digitale Produktionen mit erdigen analogen Klängen. Die Songs werden gefühlvoll mit Dub-Elementen wie Delay und Hall kombiniert, wodurch tiefe atmosphärische Klanglandschaften entstehen. Elektronische Beats und Reggae-Basslines werden schwerelos mit Sitar, Gitarre, Bansuri (indische Bambusflöte), Didgeridoo und Melodika verwoben. Epische Gitarrensoli, die an David Gilmour von Pink Floyd erinnern, werden mit östlichen Sitar- und indigenen Instrumenten arrangiert, um den Hörer auf eine wahre Klangreise mitzunehmen.
Das Ziel des „Nachur“ Projektes war, einfach eine Musik zu schaffen, die Positivität und den tiefen Respekt zur Natur vermittelt. Das Ergebnis kann sich hören lassen, denn herausgekommen ist ein optimistisches und anregendes Klangwerk.

Bewertung: 4 von 5.
Kategorien
Review

Marcel-Philipp: Dub You Crazy & Can’t Get Enough of Dub

Ich gewinne zusehends mehr den Eindruck, dass sich Reggae-Instrumentals neben Dub einen festen Platz im Reggae (zurück) erobern. Auch hierzulande ist ein waschechter Multi-Instrumentalist am Werk: Marcel-Philipp. Vor nunmehr fünf Jahren schwärmte ich von seinem Debut „Morning Sessions Vol. 1“ – einem unfassbar optimistisch-unbeschwerten, sonnendurchfluteten Instrumentalalbum, geprägt von betörenden Melodien. Nun, vier Instrumentalalben später, legt er mit „Dub You Crazy“ und „Can’t Get Enough of Dub“ seine ersten beiden Dub-Alben vor. „Ich hatte schon früh eine konkrete Vorstellung im Kopf, wie mein erstes Dub-Album klingen soll.“, erklärt er, „Aber um diese Vorstellung zu verwirklichen, musste ich lange nach dem passenden Equipment, Setup und Workflow suchen und damit herum experimentieren.“ Was ja umso mehr einleuchtet, da Marcel-Philipps handgespielter, offener und luftiger Sound – trotz des Verzichts auf Gesang – meilenweit vom gewohnten Dub-Klang entfernt ist. Daher verwundert es nicht, dass „Dub You Crazy“ und „Can’t Get Enough Dub“ akustisch ziemlich aus dem Dub-Rahmen fallen, klingen die Dubs doch eher nach einem Live-Konzert am Sonntagvormittag, statt nach verrauchtem Keller-Club kurz vor Sonnenaufgang. Aber es gibt ja keine Regel, wie Dub „richtig“ zu klingen hat. Erlaubt ist erst einmal alles. Wer sich auf Marcel-Philipps Sound einlässt, entdeckt sehr schöne Arrangements, cleveres Mixing und jede Menge positiver Vibes – dunkele Dub-Magie aber weniger. Womit wir dann zwangsläufig bei der interessanten Frage sind, wo Marcel-Philipp die Grenze zwischen Instrumental und Dub zieht. „In meinen Instrumentalversionen sorge ich für eine Balance zwischen Melodie- und Rhythmusinstrumenten. Die Melodien der Solo-Instrumente erzählen eine Geschichte. Die restlichen Instrumente bilden das Fundament.“, erläutert er. „Ich will einen ehrlichen und authentischen Sound ohne Hall- und Delay-Effekte. Die Instrumente sollen so klingen, als stünden sie direkt vor mir. Bei meinen Dubs sind hingegen Bass und Schlagzeug im Vordergrund. Von den Melodien der Solo-Instrumente verwende ich dann meist nur einen kleinen Auszug, während ich hinsichtlich der Effektauswahl im Gegensatz zum Minimalismus meiner Instrumentals keine Grenzen kenne.“ Genau hier liegt aber auch eine kleine Schwäche der beiden Alben. Marcel-Philipps Musik lebt genau von der Balance, die er hier beschreibt. Die Melodien sind essenziell. Werden sie dem Mix geopfert, geht verloren, was die besondere Qualität seiner Musik eigentlich ausmacht. Drum & Bass können diese Lücke nicht immer füllen. Deshalb bleiben für mich die Instrumentals das Maß der Dinge.

Bewertung: 3.5 von 5.

Kategorien
Review

Lee Groves: Dance a Dub

Wie sehr liebte ich den Sound von Rockers Hi Fi, Dreadzone, Groove Corp., More Rockers und anderen progressiven Dub-Bands, die in den 1990er Jahren Dance-Music und Dub zu einem aufregenden, neuen Sound verschmolzen. Einem Sound, der nicht einfach nur Dance-Beats mit Dub-Ingredienzien versah. Nein, es war eine völlige Neuerfindung, die wunderbar komplexe Beats mit Reggae-Basslines und Offbeats synthetisierte. Break Beat, Industrial, Drum and Bass, Indietronic, Ambient und ja, auch House und Techno beeinflussten diesen Sound. Das waren Zeiten! Ich schrieb damals großspurig von der „Zukunft des Dub“. Tja, weit gefehlt. Der Sound evaporierte über die Jahre ins Nichts und von den alten Recken ist eigentlich nur noch Dreadzone mit mittelmäßigen Releases übrig geblieben. Aber zum Glück gibt es den brillanten Back-Katalog von Echo Beach und zum Glück gibt es Lee Groves. Ersterer enthält die passenden Tunes und letzterer hat den Dance/Dub-Groove der 90er mit der Muttermilch aufgesogen. Führt man nun beides zusammen entsteht: „Dance a Dub“ (Echo Beach) – eine glorreiche Renaissance des einst so progressiven Dub-Sounds. Lee Groves hat es einfach drauf, Tunes von den Dub Pistols, Dubblestandart, dem Dub Syndicate, und vielen anderen mehr, original so klingen zu lassen, als wären sie in Birmingham des Jahres 1995 aufgenommen worden. Dazu hat Mr. Groves die Vorlagen kräftig umgemodelt, overdubbed, mit einem ordentlichen Schuss Bewegungsenergie versehen und druckvoll abgemischt. Perfekt, wie ich finde. Was im Übrigen nicht verwundert, denn Lee Groves ist beinharter Musikprofi. Angefangen hat er mit der Programmierung von Sound-Karten für die angesagtesten Synthesizer der frühen 90er Jahre, Sounds die sich prominent in Stücken von Vangelis oder den Pet Shop Boys finden. Danach gründete er PuSH-Records, – unter anderem mit Spencer Graham von Dreadzone (!). In seiner Produzentenkarriere reihten sich anschließend Big Names aneinander: Depeche Mode, Marilyn Manson, Janet Jackson, Craig David, Goldfrapp, Beck, Britney Spears, Black Eyed Peas und sogar Janet Jackson. Und nun, zur Krönung seiner Laufbahn: Dance a Dub!

Bewertung: 4.5 von 5.

Kategorien
Review

Raiders of the Lost Dub

1981 begann für Indiana Jones die Jagd nach dem verlorenen Schatz, was nicht nur im Kino ein Beben auslöste. Noch im selben Jahr reagierte die gerade boomende Dubwelt auf den Hype mit „Raiders of the Lost Dub“. Es war nicht das erste Mal, dass sich Dubalben von Hollywood inspirieren ließen – man denke nur an „Star Wars Dub“, „Scientist & Jammys Strike Back“ oder die „Tough Guys“ der Fatman Riddim Section – doch selten wurde so dreist kopiert wie in diesem Fall. Das Cover-Artwork war eine Kopie des „Raiders Of The Lost Ark“ Soundtracks von John Williams, sogar der Schriftzug war identisch. Island Records hatte die Fälschung abgesegnet, schließlich stammten die Vocalversionen der Dubs aus ihrem Greatest Hits Katalog. Burning Spears „Social Living“ und I Jah Mans „Moulding“ waren von Karl Pitterson durch das Effektboard gezogen worden, „Man Next Door“ in der Version der Paragons bekam eine Dubbehandlung durch Steven Stanley. Sechs der zehn Titel hatten Sly & Robbie produziert und selbst gedubbt, darunter Junior Delgados „Fort Augustus“ und „Guess Who’s Coming To Diner“ von Black Uhuru, die mit vier Songs an der Jagd teilnahmen. Das Album war davon geprägt, dass sich die Studio-Technik nicht mehr auf vier Spuren beschränkte und der Zugriff beim Dubben dadurch variabler geworden war. Dementsprechend hart und modern wirkten die Mixe, als die LP noch im selben Jahr wie Film und Soundtrack veröffentlicht wurde. So schnell wie sie kam, verschwand sie auch wieder. Es heißt, rechtliche Probleme wegen des Covers hätten dazu geführt, dass „Raiders of the Lost Dub“ nie nachgepresst wurde. Music On Vinyl hat das Brutal-Deluxe-Dub-Abenteuer durch ein entstaubtes Master aufgefrischt und die LP nach knapp 40 Jahren zum ersten Mal im Original Artwork wieder aufgelegt. (Der leicht geänderte Text erschien zuerst in RIDDIM 01/21)

Bewertung: 4 von 5.