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Review

Home Run #3

Bat Recordings ist ein kleines französisches Dub-Label. Die Dub Shepherds sind wahrscheinlich dessen bekanntester Act. Klein aber fein, wie der vor wenigen Wochen erschienene, sehr schöne Sampler „Exo Fam vs. Bat Recordings“ zuletzt bewiesen hat. Nun gibt es mit „Home Run #3“ (Bat Recordings) erneut einen Label-Sampler – dieses Mal aber sogar kostenlos zum Download. Solche Angebote sind ja nicht selten. Selten hingegen ist die Qualität dieses Freeware-Samplers: Sieben überaus schöne Dubs, allesamt in charmanten Old School-Style. Ein richtiger Hit ist „Poorman Sufferation“ von Pinnacle Sound & Jolly Joseph. Hier glaubt man die Revolutionaries spielen zu hören und die Meditations singen dazu. Beim Hören der restlichen Tracks stellen sich unweigerlich Assoziationen an Scientist und Prince Jammy ein. Macht Spaß.

Bewertung: 4 von 5.

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Review Zweite Meinung

Sly & Robbie: Dub Serge

„Hä?“, dachte ich zuerst, „die haben ein 1:1-Remake von „Aux Armes, etc …“ eingespielt, Serge Gainsbourgs All-Time-Best-Seller? Dem Album, das sie ursprünglich 1979 aufgenommen hatten? Spinnen die beiden älteren Herren Sly Dunbar und Robbie Shakespeare jetzt total?“ Tja, es stimmt: „Dub Serge“ (Tabou1) von Sly & Robbie ist tatsächlich ein exaktes Remake des 1979er Originals. Selbst die komplette Band (neben Sly & Robbie) ist dieselbe, wie vor 41 Jahren: Mikey Chung, Dougie Bryan, Robby Lyn und Sticky Thompson – nur Ansel Collins fehlt. Verrückt! Aber die Geschichte dahinter rückt das Werk ins rechte Licht. Das Remake wurde bereits 2011 aufgenommen, als sich Tabou1-Label Chef Guillaume Bougard mit Sly, Robbie und der Band im Studio befand, alle Aufnahmen für ein Funk-Album eingespielt waren und noch ein ungenutzter Studiotag zur Verfügung stand. Sie beschlossen, den verbleibenden Tag für das Remake des legendären Serge Gainsbourg-Albums zu nutzen: Nur so, aus Spaß und ohne Ambitionen. Tatsächlich haben die Rhythm-Twins und ihre Co-Worker das komplette Album innerhalb von nur sechs Stunden im Kasten gehabt. Was für eine Leistung! Die Aufnahmen wanderten ins Archiv. Bougard erinnerte sich ihrer erst wieder, als Universal-Records ihn für ein Sly&Robbie-Interview anfragte, das für eine Serge Gainsbourg-Doku gefilmt werden sollte, zum Anlass des vierzigjährigen Jubiläums von „Aux Armes etc …“. „Warum nicht am Jubiläum mitverdienen“, dachte sich Bougard. Immerhin hatten Sly & Robbie 1979 für die Aufnahmen des Bestsellers nur je 250 Dollar erhalten, und keinen weiteren Cent an Tantiemen. Unglaublich, aber so war das damals in Jamaika. Also kramte Bougard die 2011er Aufnahmen hervor, dubbte sie in Windeseile (wahrscheinlich um dem ursprünglichen Aufnahmetempo gerecht zu werden) auf einem alten PC und entließ sie in die Welt. So sieht’s aus Leute: Wie kann man ein Album mit solch einer Entstehungsgeschichte negativ rezensieren? Ich bringe es nicht übers Herz – und ehrlich gesagt: Es ist gar nicht so schlecht.

Lest auch die Rezension meines Kollegen gtkriz

Bewertung: 3 von 5.
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Five Star Review

Zenzile Remixed

Das gelingt wenigen: Stilsicher zwischen Rock und Dub zu oszilieren – und dabei auch noch gelegentlich Elektronik oder Hip Hop unter zu mischen. Normalerweise landet man mit einem solchen Konzept zielsicher zwischen den Stühlen. Deshalb habe ich die französische Band Zenzile auch nie wirklich ernst genommen und Rock-Alben wie „Elements“ geflissentlich ignoriert. Lediglich die „5+1“–EP–Serie mit ihrem Reggae-Schwerpunkt war mir gelegentlich einen Blick wert. Nun aber hat die Band zwischen den Stühlen ein echtes Dub-Meisterwerk abgeliefert: „Zenzile (Remixed)“ (ODGProd). Es handelt sich um den Remix ihres Lebenswerkes, das sich über zehn Alben und sechs EPs erstreckt. Versammelt wurden die dreizehn besten und Dub-kompatibelsten Tracks ihres Oeuvres, um diese dann in die Hände einer spannenden Auswahl aktueller Dub-Koryphäen zu geben, (z. B. an die Dub Shepherds, Mahom, Tetra Hydro K, Alpha Steppa, Panda Dub oder Full Dub). Das Ergebnis ist grandios! Was für eine beeindruckende stilistische Vielfalt. Hier wird das Konzept „Dub“ wirklich ausgelotet – ohne dabei die Grenzen des Genres wirklich zu überschreiten. In jedem einzelnen Track stecken mehr Ideen, als in so manchem kompletten Dub-Album. Unglaublich inspirierte Arrangements, kunterbunter Mix diverser musikalischer Einflüsse, fette Basslines, massive Beats, Melodien und Grooves. Das Album ist die Antithese zu hypnotisch-minimalistischem Steppas-Dub. Ich liebe beides, aber dürfte ich nur ein Album auf eine einsame Insel mitnehmen, es wäre „Zenzile Remixed“. Das Album kann man ein ganzes Jahr lang hören, ohne sich zu langweilen. Kaum zu glauben, dass das vielleicht beste Dub-Album des letzten Jahres (im Dezember veröffentlicht und deshalb nicht in meiner Dub Top Ten 2019!) kostenlos über odgprod.com zum Download bereit steht.

Bewertung: 5 von 5.

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Dub Dynasty: Gideon

Welche Namen tauchen beim Thema Dub vor eurem geistigen Auge auf? Sehen wir mal von den jamaikanischen Pionieren wie King T., Lee P., Prince J. und Scientist ab und blicken nach Europa: Dann dürften es neben dem verrückten Professor, Adrian S. und Jah S. eigentlich nur noch – richtig: Alpha & Omega sein. Und das sehr zu recht, denn sie haben den europäischen Dub mit ihrem an Bassschwere und dunkler Magie nicht zu übertreffenden Stil entscheidend geprägt. Inzwischen ist das Veteranenduo Christine Woodbridge und John Spronsen durch den Sohn von Spronsen, Ben „Alpha“, zu einer regelrechten Dub Dynasty gereift, die Ende letzten Jahres ihr neues Familienwerk vorlegte: „Gideon“ (Steppas). Wie gewohnt ein „Doppelalbum“ (wie man früher sagte), mit elf Vocal-Tunes gefolgt von neun Dubs. Im Prinzip ist alles wie gewohnt: Hypnotische Beats, dröhnender (handgespielter) Bass, wirklich schöne Songs und noch schönere Dubs. Lediglich der Sound hat sich im Vergleich zu den Vorgängeralben etwas geändert. Irgendwie klingt er jetzt mehr nach Sound System: Massive Bässe und schrille Höhen – dazwischen nicht viel. „Holy Cow“ oder „Thundering Mantis“ klangen etwas runder. Vom undurchdringlichen Dschungel-Sound klassischer A&O-Produktionen ganz zu schweigen. Lediglich die Vocals stehen schön präsent im mittleren Frequenzspektrum. Ich freue mich ja sehr, dass die Dub Dynasty durchaus Wert auf Textqualität legt. „Black Woman Civilisation“ ist dafür ein schönes Beispiel. Auch sonst gibt es eher wenig Esoterisches oder Religiöses zu hören, dafür umso mehr Systemkritik. Wenn schon Text, dann so!

Bewertung: 4 von 5.
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Mark Wonder: Working Wonders in Dub

Freunden modernen Roots-Reggaes dürfte das Münchner Label Oneness-Records ein Begriff sein. Es existiert seit 2007 und wird vom Produzenten und Bassisten Moritz von Korff, Dub-Engineer Umberto Echo und Benjamin Zecher betrieben. Vor zwei Jahren habe ich an dieser Stelle Umberto Echos Album „Oneness in Dub“ ziemlich kritisch rezensiert. Brillantes Handwerk aber allzu glatte und homogene Produktionen. Nun veröffentlicht das Label die Dub-Version des Albums „Working Wonders“ (2012) von Mark Wonder: „Working Wonders in Dub“ (Oneness Records). Und ich habe wieder das gleiche Problem: Großer Sound, handgespielt, perfektes Mixing, authentischer JA-Style – aber warum um alles in der Welt sind die Rhythms nicht interessanter? Die Arrangements mögen für jamaikanische Mainstream-Roots Artists comme il faut sein, aber für ein anspruchsvolles Dub-Erlebnis fehlen Ecken und Kanten. Gleiches gilt für die Basslines: das Lead-Instrument des Dub bleibt hier ohne Prägnanz. Vielleicht hat das Konzept klassischer Dub-Versions, die auf „normalen“ Backings basieren, ausgedient. Ich habe den Verdacht, dass der „Output-Intent“ einer Rhythm-Produktion von vorne herein „Dub“ sein muss, um schlussendlich wirklich einen überzeugenden Dub hervor bringen zu können. Nur dann kann Dub mehr sein, als ein zweitrangiges Derivat – wie leider bei den Working Wonders in Dub.

Bewertung: 2 von 5.

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Various Artists: Steppin’ Forward 2

Wer Dub mal so richtig eingeprügelt bekommen möchte, sollte diesen Sampler hören. Die Bassdrum macht keine Gefangenen. Sie stampft nieder, was ihr im Weg steht. Der Bass walzt anschließend die Überreste platt. Zurück bleiben verbrannte Erde und geplatzte Trommelfelle. Der Titel bringt diese Erfahrung auf den Punkt: „Steppin’ Forward 2“ (Moonshine Recordings). 16 Tracks, die jedes Sound System rocken, von mir weitgehend unbekannten Produzenten – außer Adam Prescott und Professor Skank. Unbekannt deshalb, weil sich das Label eher in Gefilden von Dubstep herumtreibt. Aber keine Sorge: Auf der zweiten Ausgabe von „Steppin’ Forward“ dominieren Reggae-Beats, lediglich die Spielweise ist brutaler und elektronischer als gewohnt. Dub mit Headbanging-Faktor – kann auch Spaß machen.

Bewertung: 3 von 5.

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Five Star Review

Various Artists: !! Dub !! Dub !! Dub !! Vol. 2

Wer dieses Album in einem Streaming-Dienst sucht, kann durchaus verzweifeln. Die Eingabe des Titels fördert alles zu Tage – nur nicht diesen absolut hörenswerten Sampler: Various Artists, „!! Dub !! Dub !! Dub !! Vol. 2“ (Elastica). Eine spannende Sammlung von Dub-Produktionen aus aller Welt, kuratiert von Elastica-Mann TuzZy und Neil Perch von Zion Train/Universal Egg. Was die beiden hier zusammen getragen haben, lässt sich vielleicht als progressiver Sound System-Dub bezeichnen. Hä? Soll heißen: Anspruchsvolle, moderne Dub-Produktionen mit stilistischer Nähe zu Steppers – aber doch viel mehr als Bassdrum-Gestampfe und Basswalze. Also ausgeklügelte, clever komponierte Produktionen, die aber trotzdem bei Dynamik und Drive keine Kompromisse machen. Intellektuelles Sound System-Futter gewissermaßen. Mir gefällt’s ausnehmend gut. Obwohl stilistisch aus einem Guss, erweisen sich die Tracks als überraschend abwechslungsreich. Markante Melodien, inspirierte Arrangements, super Sound und stets treibende Beats haben alle. Mal schöne Gesangseinlagen, mal instrumentale Soli, mal einfach nur ein abgefahrener Mix: Langeweile kommt hier ganz und gar nicht auf. Hätte ich die Aufgabe, jemand Unwissendem zu erklären, was moderner Dub idealerweise ist, ich glaube, ich würde ihm dieses Album vorspielen.

Bewertung: 5 von 5.
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Jamaram & Umberto Echo: 2020 in Dub

Jamarams Party-Sound ist meine Sache nicht – definitiv. Deshalb war ich skeptisch, als – bereits am 10. Januar – das Album „2020 in Dub“ (Turban) von Jamaram erschien. Gemixt von Umberto Echo! Ein Preview-Album für das kommende Jahr? Wäre mal ein cooles Konzept: Die zukünftigen Hit-Singles zuerst als Dub-Mix heraus zu bringen. Aber nix da! „2020 in Dub“ versammelt diverse Tracks der vergangenen Jahre und macht daraus ein interessantes, eingängiges, unterhaltsames Dub-Album. Ja, tatsächlich: der Party-Sound weicht unter Umberto Echos Fingern und gibt den Blick frei auf grundsolide Produktionen, abwechslungsreich, inspiriert, eigenwillig und markant. Ich hatte nicht erwartet, dass sich hinter Jamarams vordergründiger Party-Attitüde so vielschichtige und kunstvoll gestaltete Produktionen verbergen. Bestes Material also für Umberto Echos Mixing-Talent (das bei seinen allzu glatten Oneness-Alben etwas auf der Strecke geblieben war). Hier gelingt es ihm wieder, schöne Dramaturgien aufzubauen und atemberaubende Dynamiken zu entwickeln – so wie wir es von ihm gewöhnt waren. Damit beweist sich mal wieder die alte Weisheit: Gute Dubs brauchen gute Rhythms.

Bewertung: 4 von 5.
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The Prophets: King Tubby’s Prophecies of Dub

Sich bei alten Dub-Alben zurecht zu finden, ist eine Kunst. Eine Kunst, die das Label Pressure Sounds zur Perfektion gebracht hat. Mit The Prophets: „King Tubby’s Prophecies of Dub“ (Pressure Sounds) haben die Label-Forensiker nun einen ziemlich verwickelten Fall aufgelöst. Die erste Herausforderung bestand darin, „King Tubby’s Prophecies of Dub“ von dem kurz davor veröffentlichten Album „King Tubby’s Prophecy of Dub“ zu unterscheiden – beide angeblich produziert von Yabby You und gemixt von King Tubby. Die zweite Herausforderung war es, den tatsächlichen Dub Mixer zu identifizieren, denn beide Alben wurden tatsächlich nicht von Tubby gemixt, sondern von Pat Kelly. Als dritte Herausforderung galt es, den wahren Produzenten heraus zu finden, denn Yabby You hatte sich die Tapes der Originalaufnahmen nur „geliehen“ – und zwar von Bunny Lee. Aber die wahren Dub-Nerds belassen es nicht bei diesen Erkenntnissen, denn natürlich müssen auch die Vokal-Originale zweifelsfrei identifiziert werden. In diesem Fall handelt es sich um Aufnahmen von Linval Thompson, Johnny Clarke, Delroy Wilson und Horace Andy – alles in den Liner-Notes der CD detailliert nachzulesen. Erschienen waren die Dub-Prophezeiungen schließlich 1976 in – wer hätte das jetzt nicht erwartet – winziger Auflage. Also mal wieder eine kriminalistische Meisterleistung des sagenhaften Reissue-Labels Pressure Sounds. Ach ja, da wäre ja auch noch die Musik! Die ist natürlich auch interessant.

Bewertung: 4 von 5.
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Dr. Israel: In Dub

Und noch ein Echo Beach Serious Classics-Release: Dr. Israel, „In Dub“ (Echo Beach). Der Doktor aka Douglas Bennett ist mir schon seit den 1990ern ein Begriff, allerdings pflegte ich ein gespaltenes Verhältnis zu seinen Produktionen. Die Nähe seines Sounds zu Punk à la Bad Brains verwehrte mir die Identifikation mit seiner Musik. Bis in die 2000er Jahre hinein, lief er mir immer wieder über den Weg – insbesondere auf Veröffentlichungen des legendären Wordsound-Labels, das klanglich irgendwo zwischen Trip Hop und Dub unterwegs war und reichlich schräge Produktionen hervor brachte. Nun bietet Echo Beach dem Grenzgänger aus Brooklyn eine Retrospektive, die sich nahezu über sein komplettes Werk von 1998 bis 2005 erstreckt. 15 ausgewählte Tracks, teils Vocals, teils Dubs, gibt es hier zu hören. Inhomogen, überraschend und durchaus herausfordernd. Nicht gerade eine Easy Listening-Erfahrung, sondern eher eine Dub-Exkursion entlang der Grenzen des Genres. Schön, das Best Of des Dr. Israel Oeuvres so kompetent kuratiert dargeboten zu bekommen.

Bewertung: 3.5 von 5.