Kategorien
Review

Dub Spencer & Trance Hill: Imago Cells

Die „Imago“ ist das aus dem Jugendstadien hervorgegangene geschlechtsreife Insekt, also die Adultform. Um eine Raube in ihr Imago zu verwandeln – einen Schmetterling (wie er auf dem Cover der neuen Albums von Dub Spencer & Trance Hill abgebildet ist) – werden im Raupenkörper so genannte „Imagozellen“ aktiv. Sie sind die Auslöser der Metamorphose. Interessanter Weise befinden sich die Imagozellen von Geburt an im Körper der Raupe, werden aber vom Immunsystem des Insekts zunächst unterdrückt. Erst, wenn es ihnen auf Dauer gelingt, sich zu behaupten und zu vermehren, wird die Metamorphose eingeleitet.
Eine interessante Geschichte, die Masi Stalder, Markus Meier, Julian Dillier und Philipp Greter da aufgespürt haben, um damit metaphorisch den Wandel ihres musikalischen Stils zu illustrieren. Denn, in der Tat, vollziehen die Luzerner Dub-Musiker mit ihrem neuen Album „Imago Cells“ (Echo Beach) eine deutliche stilistische Veränderung, nämlich von Dub zu Trance. Einen Wandel, der – laut eigener Aussage (und den Bandname legt es nahe) schon von Anfang an in der Band „steckte“. Zwar sind immer noch Offbeats zu hören, doch treibende Dance-Beats sind deutlich dominanter. Außerdem – gänzlich ungewohnt bei den Luzernern – sind die elektronische Synthie-Klänge. Zum Glück nicht in Form der für Trance typischen „Flächen“, sondern rhythmisch eingesetzt. Insgesamt erinnert mich das entfernt an den 90er-Jahre Sound von Dreadzone, Rockers Hifi oder Zion Train. Andererseits ist da aber auch noch der gewohnte, unverkennbar analog/akustisch wirkende Signature-Sound von Dub Spencer & Trance Hill. Was mir besonders gefällt: Die Musik der Viererbande groovt wie nie zuvor. Was früher teils verkopfter Dub war, ist jetzt körperorientierte Dance-Music. Ich bin gespannt, wohin die Metamorphose die vier experimentierlustigen Luzerner in Zukunft noch führen wird.

Bewertung: 4 von 5.
Kategorien
Review

The Super 20: Winds of Wareika

Mit einer Nähe zu Rico Rodriguez Meisterwerk „Man from Wareika“ haben schon einige Reggae-Alben geworben. Bei „Winds of Wareika“ (The Super 20) von The Super 20 wäre ich geneigt, diese Marketingstrategie durchgehen zu lassen, denn was die auf dem Album versammelten 12 Musiker hier abliefern, ist schlichtweg grandiose Blasinstrumentalmusik. Mastermind der Super 20, der New Yorker Saxophonist Lee Hamilton, beschwört hier die klassischen Bläserklänge von Don Drummond, Rico Rodriguez, The Crusaders oder Fela Kuti herauf und verschmilzt diese Einflüsse mit modernen Sounds a la Thievery Corporation oder Quantic. Dabei überschreitet er gelegentlich die engen Grenzen des Reggae, was aber keineswegs negativ auffällt. Mal kommt Latin zum tragen, mal klingt es nach Afro Beat. Aber immer spielt das Saxophon die Hauptrolle. Neben Hamilton haben zahlreiche weitere Musiker an der Entstehung dieses Debut-Albums mitgewirkt, was auch deutlich zu hören ist, denn die Produktionen sind reich und opulent instrumentiert. Überhaupt muss betont werden, dass die Produktionen überaus gelungen sind. Sie sind ein Gemeinschaftswerk von Hamilton und dem Bostener Produzenten und Toningenieur Craig Welsch. Die Zusammenarbeit der beiden begann in den frühen Tagen von der Band John Brown’s Body, wobei Hamilton die Bläsersektion bildete und Welsh als Tontechniker fungierte. Die beiden teilen also schon seit Jahren eine gemeinsame Vorstellung davon, was sich beim Musikmachen „gut anfühlt“. Hier zeigt sich, dass Trompete, Posaune und Saxophon mit Leichtigkeit schaffen, was der Melodica verwehrt bleibt, nämlich die nötige Ausdruckskraft zu entfalten, um Instrumentalstücke anzuführen und sie locker über Albumlänge zu tragen. Kein Wunder also, dass sich das ganze Album auch für mich supergut anfühlt.

Bewertung: 4.5 von 5.
Kategorien
Review

Dexter Dub: From Dub to Bass

Dub ist ja bekanntlich trotz seiner minimalistischen Formel ein ziemlich wandelbares Genre. Eine sehr beeindruckende Auslotung der Grenzen bietet und der Kölner Dexter Dub mit seinem neuen Album „From Dub to Bass“ (Nippes Home Productions). Der Sub-Titel ist ein Kurzmanifest von Dexters Ansatz: „Electronic Translation of Reggae Music“. Dexter in eigenen Worten: „Zentraler Drehpunkt in meinen aktuellen Produktionen ist die Liebe zu Reggae in allen Facetten und der Versuch den Reggae-Vibe in elektronische/digitale Genres, wie Dub, Dubstep, Deep Dub, Jungle, Drum‘n’Bass oder wie man es auch immer bezeichnen will, zu übersetzen“. „Übersetzen“ ist meines Erachtens nicht der treffende Begriff, denn alle aufgezählten Genres sind ja mehr oder weniger direkte Abkömmlinge von Reggae und Dub. Aber wir wissen, was Dexter meint, und so überrascht es nicht, dass er auf „From Dub to Bass“ ein ausgesprochen buntes Potpourri fast aller Stile liefert, die unter dem Begriff „Bass Music“ subsumiert werden. Manchmal kombiniert er sogar mehrer Stile in einem Track. Wunderbar eklektizistisch das Ganze, ja fast anarchistisch – und deshalb ungemein erfrischend. Bekanntlich ist nichts wohltuender, als ein beherzter Schritt über Grenzen. Eine Wohltat, die wir Freunde des Dub uns viel zu selten gönnen. Hier haben wir die Gelegenheit dazu.

Bewertung: 4 von 5.
Kategorien
Review

Culture Horn Sound System: Dublaboratory Vol. 1

Ich bin sehr d’accord damit, Russland und russische Produkte zu boykottieren. Keine Frage. Aber wie sieht es mit dem Album eines russischen Sound Systems aus? Ich denke, hier gilt der Boykott nicht – und zwar aus drei Gründen: 1. Ein russisches Dub-Album ist per se kein kommerzielles Produkt. Es nicht zu hören, fügt der russischen Wirtschaft somit keinen Schaden zu – es zu boykottieren wäre daher sinnlos. 2. Freie (!) Kunst und Kultur dient fast immer der Verständigung von Menschen und damit dem Frieden. 3. Ich gehe fest davon aus, dass die Akteure eines russischen Sound Systems der Staatsmacht gegenüber subversiv und kritisch eingestellt sind. Daher befinden wir uns auf der gleichen Seite. Daraus folgt: Ich möchte euch guten Gewissens auf das Album „Dublaboratory Vol. 1“ (Dubophonic) vom Culture Horn Sound System aufmerksam machen. Es handelt sich dabei sicher nicht um ein Dub-Meisterwerk, aber vielleicht haben die Culture Horn-Dubheads ein wenig Solidarität der Dub-Gemeinde verdient. Das Sound System aus Kremenki in the Kaluga-Region hat hier zur Feier seines zehnjährigen Bestehens die vier besten Produktionen des eigenen Oeuvres versammelt und präsentiert sie im Dublaboratory in je zwei Versionen: als Instrumental und als Dub. Ich tippe mal auf volldigitale Produktionen, Steppers Style – aber nicht brutal. Hört mal rein und schickt ein paar Kudos in den russischen Untergrund.

Bewertung: 3 von 5.
Kategorien
Review

Nocturnal Emissions: In Dub

Oha, um ein Haar hätte ich Nocturnal Emissions als unbekannten Bedroom-Producer abgetan. Doch die Web-Recherche offenbarte ein ganz anderes Bild: Die Nocturnal Emissions gibt es seit seit 1980! Damals war es noch eine echte Rockband, die Industrial und Punk spielte. In den 1990er Jahren folgte die elektronische Phase, an die sich dann eine Minimal- und Downtempo-Phase anschloss. Es gibt in dem Oeuvre der Londoner Band (die seit etlichen Jahren nur noch aus dem Gründer Nigel Ayers besteht) sogar zwei Dub-Alben jüngeren Datums. Das nun neu erschienene Album „In Dub“ (Holuzam) präsentiert eine Auswahl von acht Tracks, die alle von diesen beiden Alben stammen. Also nicht unbedingt brandneues Material, aber dennoch ziemlich spannend, denn Nigel Ayers schert sich natürlich kein Bisschen darum, wie guter Dub zu sein hat. Statt dessen liefert er äußerst schräge Minimal-Produktionen, die ohne den eindeutigen Albumtitel wahrscheinlich kaum als Dub erkennbar wären. Mit dem Mind-Set „Dub“ jedoch lässt sich das Album als großes Experiment verstehen: Wie stark lässt sich die Musik abstrahieren, ohne die Zuordnung „Dub“ gänzlich zu verlieren? Oder anders gesagt: Wie weit lässt sich Dub reduzieren, bis er aufhört, Dub zu sein? Die erstaunliche Erkenntnis: Ziemlich weit. Doch es geht Ayers keineswegs nur um Minimalismus. Seine sparsamen Tonfolgen sind interessante Hörerlebnisse und entwickeln teils sogar einen beachtlichen Groove. Wer mal über den Tellerrand des konventionellen Dub hinaus blicken will, sollte sich den Nocturnal Emissions (den feuchten Träumen) einfach mal genussvoll hingeben.

Bewertung: 3.5 von 5.
Kategorien
Review

Kanka & Art-X: Daydream

Kanka ist einer meiner Lieblinge. Eine Präferenz von mir, für die ich mich schon oft rechgtfertigen musste. Immerhin steht Kanka für sehr harten Stepper Sound, was in der Szene gerne als „seelenlos“ abgetan wird. Ich sehe das anders und schätze Kanka dafür, dass er diese maximal energetische Musik aus Bits & Bytes zusammenzucoden weiß. Auch bewundere ich seine Mixing-Virtuosität, die vor allem live absolut beeindruckend ist. Normalerweise agiert der Franzose allein. Ich stelle mir vor, wie der Dub-Nerd nachts alleine in seinem Studio sitzt und an Beats schraubt, bis seine Finger wund sind oder ihm die Ohren abfallen. Nun aber stellt er seine Musik in den Dienst des Melodicaspielers Art-X. Und plötzlich klingt auf „Daydream“ (ODGPROD) alles so sanft und kultiviert. Wo ist „mein“ Kanka geblieben? Und mal ehrlich, eigentlich ist doch klar, warum die Melodica als Kinderinstrument gilt. Ihr Klangspektrum ist wirklich extrem klein, was zwangsläufig dazu führt, dass man sich an ihrem Klang schnell satt hört. Deshalb kann ich den wenig prägnanten Melodien Art-X nicht viel abgewinnen. Kurz: Ein „normales“ Kanka-Album wäre mit lieber gewesen.

Bewertung: 3 von 5.
Kategorien
Review

Dougie Conscious Meets I David: Dub Lockdown

Weiter geht’s mit: Melodica! Ja, auch der britische Reggae-Producer I David hat eine Vorliebe für dieses Instrument. Deshalb beginnt sein neues Album „Dub Lockdown“ (Idavid Productions), das er zusammen mit Dougie Conscious aufgenommen hat, auch mit einem Melodica-Dub. Aber zum Glück bietet Track 2 schon ein anderes Lead-Instrument: Das Synthie-Keyboard. „Oh mein Gott“, denkt man unweigerlich, „was wird das für ein Album?“ Tatsächlich aber wird das Album gar nicht sooo schlecht. Zwar gibt es immer wieder Melodicas und Synthies zu hören, aber dazwischen erklingen dann auch andere Stücke, mit guten Basslines und nicen Arrangements. Ich frage mich, ob die beiden Produzenten hier ihre Solo-Produktionen einfach kombiniert haben, denn nur so ließe sich erklären, warum ca. 50 Prozent des Albums gut ist, während die andere Hälfte …

Bewertung: 3 von 5.
Kategorien
Review

Addis Pablo: Melodies from the House of Levi

Wofür steht Addis Pablo – der Sohn von Augusts Pablo? Richtig: Melodica! Womit wir wieder beim Thema wären. Vor einigen Wochen bereits erschien sein Album „Melodies from the House of Levi“ (Jahsolidrock) und es knüpft nahtlos an dessen Vorgänger an. Ach Jahre nach „In My Father’s House“ geht es wieder um ein Haus, wieder wird das Album von einem schönen Cover-Artwork von Abbayahudah geschmückt, wieder wurde es im Tuff Gong Studio aufgenommen und wieder spielt Addis Pablo Melodica – und wieder ist es ein invertiertes Showcase-Album. „Invertiert“? In der Tat! Das Label Jahsolidrock aus Amsterdam hatte hier eine clevere Idee: In dem Wissen, dass niemand ein Album mit ununterbrochenem Melodicaspiel überleben würde, beschloss Produzent Marc Baronner, auf jeden Malodica-Track die originale Vocal-Version folgen zu lassen – also in „invertierter“ Reihenfolge. Das erlaubt es, Addis Pablo zum Titelhelden zu erheben und trotzdem die besten Tracks des Back-Katalogs wieder zu verwerten. Gutes Marketing, aber auch in ästhetischer Hinsicht eine gute Entscheidung, denn das Album profitiert enorm von dieser Durchmischung. Pablo verblasst neben den Originalen zwar ein wenig, aber das Gesamtwerk ist extrem unterhaltsam.

Bewertung: 4 von 5.
Kategorien
Review

SAAND: In Dub Vol. 3

Michael Sandler ist ein in Los Angeles lebender House-Produzent, der gelegentlich Dub-Alben veröffentlicht. Soeben ist „In Dub Vol. 3“ (Tierra Sounds) erschienen. Ich finde die Produktionen genrefremder Musiker meist recht spannend, da diese oft aus dem bekannten Kanon (dank Nichtkenntnis) ausbrechen und folglich oft unkonventionelle Musik hervor bringen. Bei SAAND könnte dies auch der Fall sein, obwohl seine Dubs nicht wirklich originell sind. Aber fluffig sind sie und machen gute Laune. Fünf Tracks auf einer EP zum schnellen Verzehr zwischendurch, ein Snack für den kleinen Dub-Hunger.

Bewertung: 3.5 von 5.
Kategorien
Review

Arky Starch: Bass It Up

Das erste, was mir an „Bass It Up“ (Roar Like a Bass), dem neuen Album von Arky Starch aufgefallen ist, war sein tighter Sound. Der Bassist aus Belgien scheint herausragende Mastering-Skills zu besitzen! Respekt. Doch dann sah ich, dass genau diesen Part niemand anderes verantwortet als Mr. Dubmatix. Doch der Super Dubber aus Toronto vergolden hier nur, was ohnehin schon ordentliche Substanz hat. Arky Starch hat ihm elf solide Dubs geliefert. Schön melodiöse Kompositionen, abwechslungsreich mit Samples angereichert, arrangiert und gemixt, alles sehr uplifting und gut gelaunt. Gut so.

Bewertung: 4 von 5.