Nach einer „Punky Reggae Party“ kommt oft das böse Erwachen: „Armagideon Time (Remixes)“ (Echo Beach) ist laut Cover eine weitere Zusammenarbeit von Seanie T und Aldubb. Das kann nur gut werden, freut sich der Rezensent – bis er entdeckt, dass auch hier wieder Rob Smith bei einigen Tracks seine eiskalten Finger im Spiel hat. Tja… wo Licht, da Schatten.
Wie „Punky Reggae Party“ war Seanie T’s Version von „Armagideon Time“ erstmals auf Lee Groves „Dance a Dub“ zu hören; jetzt gibt’s die Neuaufnahme des Studio One/Willie Williams-Klassiker auf dem Real Rock-Riddim als Remix-Album. Aldubb liefert fünf wunderbare gemixte Versionen ab – darunter drei Dubs und den Vokal-Track, auf dem Seanie T brillieren kann. Das Ganze mit exzellentem Band-Backing, das dem Original sehr nahe kommt – inklusive dem typischen Snare-Roll und der prominenten Real Rock-Posaune:
Das Album macht also Freude, bis ab Track 6 Rob Smith aka RSD zuschlägt: Schon die ersten grell-nervenden Kindergarten-Keyboards, die steril-staccato-artige Synth-Bassline und das Flying Cymbal offenbaren das ganze Dilemma. Wo der Computer regiert, vertschüsst sich der Vibe (auch hier bestätigen Ausnahmen die Regel). Da fragt man sich schon, warum das Echo Beach-Label immer wieder auf Rob Smith zurückgreift, wenn es etwas in Richtung Dance gehen soll. Sein Stil ist noch nicht mal mehr up-to-date, das können andere besser und zeitgemäßer, siehe Lee Groves & Konsorten. Mehr ist dazu auch nicht mehr zu sagen:
Wie bewertet man also dieses Remix-Album? Aldubb und Seanie T schrammen knapp an fünf Sternen vorbei, Rob Smith „war stets bemüht“. Macht summa summarum…
Wenn dann so ein Riddim-Album auch noch ausschliesslich mit Instrumentals oder Dubs bestückt ist, wird der Unterschied zwischen Gut und Schlecht noch deutlicher. Mickey Dread’s 1982’er „Jungle Signal„-Theme zur britischen TV-Doku „Deep Roots Music“ – verewigt in mehreren majestätischen Versionen auf dem gleichnamigen Album – gilt wohl als einer der besten Releases dieser Art (auch wenn dort, zugegebenermaßen, noch andere Dub-Versions zu hören sind).
Als negatives Gegengewicht nenne ich hier Adrian Donsome Hanson’s „Freedom Sound Riddim (Dub Mix)„. Der blasse, eintönige-platte Riddim bringt’s einfach nicht – auch wenn Herr Hanson meint, dass er ein 14 Track-Album wert ist. Letztlich muss das Erfolgsgeheimnis wohl ein gehaltvoller, eingängiger Riddim sein, der Schicht für Schicht neue Einblicke gewährt – beim zuvor erwähnten „Junge Signal“ funktioniert das prächtig; da braucht’s dann noch nicht mal mehr große Dub-Effekte.
Wie macht sich nun Seanie T/Aldubb/Rob Smiths‘ neuer „Punky Reggae Party (Remixes)„-Release (Echo Beach)? Bob Marley’s Originalversion wird wohl schwer zu toppen sein: Ein Killer Riddim mit mächtig Drive dahinter. Interessanterweise eine völlig untypisch klingende Lee Perry-Produktion, für die wohl eher Island Records verantwortlich ist – zumal der Track dort als B-Seite der „Jamming“- 7″ und 12″ erschienen ist. LSP’s Ur-Version mag wohl sehr anders geklungen haben:
Aber zurück zum neuen Material, zur Neuaufnahme mit Seanie T am Micro. Erstmals zu hören auf Lee Groves „Dance A Dub„-Album als flotter Dance-Groove mit mehr als überzeugenden Vocals, gefolgt von einer eher dem Island Records-Original entsprechenden Dub-Version auf dem „Dub for Fashion 1„-Sampler. Letztere stammt von Aldubb, der sie jetzt als Vocal-, Extended-, Riddim-Instrumental- und was-auch-immer-Version vorlegt. Einen guten Riddim kann man halt nicht killen, besonders wenn man wie Aldubb relativ nah am Original bleibt. Das gelingt noch nicht mal den notorischen-monotonen Arrangements von Rob Smith, der bei seinen Versionen wieder mal mit den ewig gleichen Sounds hantiert. Als Wiedergutmachung gibt’s dann noch einen Dub-Mix von Umberto Echo, der hier mit Abstand den schönsten Sound aus Aldubb’s Aufnahme heraus kitzelt:
Ob es sich bei den „Punky Reggae Party“-Remixes um Aldubb vs. Rob Smith, sprich: ein One- oder Two-Riddim-Album handelt, möge der Hörer entscheiden. Ich bleibe bei einem eindeutigen 1:0 für Aldubb’s Riddim; der Siegerpokal geht aber an Umberto Echo.
Als hätte der Professor nur darauf gewartet, dass King Jammy sein „Destroys the Virus With Dub“-Album heraus bringt! Nur eine Woche nach dessen Release antwortet Mad Professor mit „Covidub Illusion“ (Ariwa). Hier finden sich so illustre Titel wie „Fake News Dub“ oder „Herd Immunity“. Aber der Prof. zieht das Konzept nicht so konsequent durch wie der King, denn anders als auf dessen Album, zahlen die anderen Titel nicht auf das Corona-Konto ein. Das Cover dafür aber umso mehr! Hier zeigt sich der Professor – zumindest im Spiegelbild – als grüner Alien mit einer Corona aus Spike-Proteinen. Dabei steht er inmitten einer verrückt gewordenen Welt, in der ein Boris Johnson Party feiert, Abba von Waterloo singt und Wladimir Putin auf einer Bombe reitet. Das ist schöne alte „Dub Me Crazy“-Cover-Tradition. Ich fühle mich glatt in die 1980er Jahre gebeamt. Auch musikalisch – was bei Mad Professor aber eigentlich üblich ist. Denn er ist – zumindest gefühlt – seinem Stil stets treu geblieben. Wilde Polyrhythmen, harter, scharfer Klang, überbordend-virtuoses Mixing und ein Füllhorn an Effekten. Ich mag das nach wie vor. Allerdings verfügt er nicht immer über seinen Dubmixing-Qualitäten gerecht werdendes Basismaterial. Manche Produktionen geraten ihm einfach zu langweilig. Daraus lässt sich dann auch mit großer Kunst kein guter Dub destillieren. Nicht so auf der Covidub-Illusion! Vielleicht hat mich das psychedelisch anmutende Cover in seinen Bann gezogen, vielleicht war die Durststrecke bemerkenswerter neuer Dub-Alben seit Jahresende zu lang, oder ich höre Mad Professor zum ersten Mal seit langen wieder aufmerksam zu, aber auf „Covidub Illusion“ kann ich keine Ausfälle erkennen. Langeweile kommt nicht auf. Im Gegenteil: Mir macht das Album richtig Spaß. Anders übrigens als Jammys Virus-Werk, das mich merkwürdig kalt lässt.
Heute erscheint via Greensleeves / VP Records ein neues Dub Album von King Jammy. Nein, kein Re-Issue, sondern tatsächlich ein neues, reales, haptisches Album. Würde der Senior – er ist mittlerweile 74 Jahre alt –nicht von Zeit zu Zeit seine Bestände durchforsten und sich nochmal ans Pult begeben, Jamaikas Dub-Szene läge vollends brach. Die hohe Veröffentlichungs-Frequenz von Alborosie fällt aus der Bewertung, er ist als Zugereister ein Sonderfall. Eine lokale Next Dub Generation existiert nicht. Obwohl 2018 Teflon Zincfence mit dem vielversprechend soundkreativen Statement-Album „Dub Policy“ überraschte und mit zahlreichen Reminiszenzen an die Goldene Ära des Dub Geschichts-bewusstsein gezeigt hat. Am Ende war‘s nur ein kurzes Aufbäumen, das nicht zu einer haptischen Veröffentlichung geführt hat. Der Dubtonic Kru Gitarrist Jallanzo versucht es mit Neo-Dub ina UK Style und hat bislang ein digitales Album auf den Weg gebracht. Rory Stoneloves militant-düstere Dubs sind die positive Ausnahme, kennen aber nur Insider, die bereit sind, für LPs wie Samory I‘s „Black Gold“ sehr viel Geld in Showcase-Vinyl zu investieren (Was sich aber unbedingt rentiert!). Und das zurecht als Album des vergangenen Jahres gefeierte „Still“ des jamaikanischen Nu Roots Sängers Micah Shemaiah ist zwar ambitioniert dubwize gemischt und hat vier Dubs an Bord, entstand aber unter den Händen eines Amerikaners in Florida. Die letzten Dub-Aktien Jamaikas hält einzig Lloyd James. Nach seinem eher spannungsarmen „Waterhouse Dub“ von 2017 legt er jetzt „Destroys The Virus With Dub“ auf und demonstriert Haltung. Während sich auch Jamaika aufreibt zwischen Denken und Anders Denken, votiert der Dub-Virologe für Injektion, Lockdown, Social Distance, Quarantäne, Nachverfolgung… Jeder einzelne Track ein Fanal gegen jene, die wegen der Corona-Maßnahmen mit Bob Marleys „Get Up Stand Up“ durch die Straßen ziehen. Die Mixe basieren auf Songs von Barry Brown, Sugar Minott, Patrick Andys „Every Tongue Shall Tell“ oder Hugh Mundells „Jah Fire Will Be Burning“ von 1980, das in der Kurzform „Jah Fire“ zum Titelstück der LP mit Lacksley Castell wurde. Aus dem von Jammy 1981 mit Bläsern aufgerüsteten Remix von Black Uhurus „Time To Unite“ wird ironischerweise „Closed Border Dub“. Alle Tracks sind mit altersweiser Leichtigkeit inszeniert. Jammy hatte schon früh begonnen, seine Produktionen komplett zu digitalisieren. Jetzt dubbt er mit digitalem Equipment von digitalen Quellen. Was seinen Dubsound zwangsläufig verändert. Er schraubt die Tunes nicht mehr durch endlose Echoschleifen, sondern gestaltet sie mit klaren Basstönen als groovende Instrumentals. Der Hall rumpelt in dumpfen Kellern und wird oft von einem Gate beschnitten, darüber boostern Bläser Injektionen aus scharfem Blech. Das neue Klangdesign schafft es, selbst digitale Riddims, die Mitte der 1980er den Absturz des jamaikanischen Dub verursacht haben, organisch zu integrieren. Tracks von Junior Delgado oder Frankie Pauls „Peel Off A Mask“ von der 1987er LP „Sara“ fallen ebenso wie Gregory Isaacs Thinking Riddim von dessen 1988er LP „Come Along“ nur durch ihren maschinellen Drumsound aus dem Rahmen. Sie bilden keine Störfaktoren zwischen den analogen Playbacks. Alle Mixe leben von den Hooklines der weithin bekannten Tunes des Erfolgsproduzenten. „Destroys The Virus With Dub“ kommt auf Vinyl mit 10 Titeln, die CD-Version hat zwei mehr.
Soll mir mal einer sagen, dass man sich nicht doch von einer Verpackung beeinflussen lässt. Wäre auf dem Album ein Comic (Wimmel)Bild von Tony McDermott zu sehen gewesen, dann wäre ich viel früher auf dieses Oevre aufmerksam geworden. Leider prangt auf dem vorliegenden Album lediglich ein „Monchhichi“-ähnliches Wesen mit sehr geröteten Augen vor einem Soundsystem. Für Monchhichis war ich Anfang der 80er bereits viel zu alt. Heute stolperte ich wegen des walisischen Wortes „Gweithredu“ (engl. Action) erneut über dieses von mir völlig übersehene Album. Die Rede ist, wie ihr oben unschwer erkennen könnt, von Ras Red I: Gweithredu Dub. Wenn das abgebildete Wesen Ras Red I (lies „Red Eye“) stilisieren soll, dann hat er offensichtlich, feinste Sativa Landrasse konsumiert, die seiner Kreativität einen echten Kick nach vorn verpasste. Russell Squire, so heißt der Multiinstrumentalist, Produzent und Dubmaster aus Taunton, einer Stadt in der Grafschaft Somerset im Südwesten Englands, mit bürgerlichem Namen. Mit „Gweithredu Dub“ hat er eine Werkschau zusammengestellt, die man zweifellos als Hommage an die Blütezeit des Reggae Ende 1970er, Anfang 1980er verorten muss. In England ist Ras Red I kein Unbekannter und seine Dub-Workshops sind in der Grafschaft Somerset kein Geheimnis mehr. Außerdem engagiert er sich für den Fortbestand der ältesten auf der Insel gesprochenen Sprache, dem Walisisch (Cymru > engl. Wales). Das vorliegende Album ist eine Mischung aus fast im Alleingang eingespielten Eigenkompositionen, die neu gemixt wurden und einigen Ras Red I Favoriten, die im Laufe der letzten vier Jahre mit anderen Interpreten im eigenen Studio entstanden sind. So gefällt mir „Swine“, eine Anspielung an George Orwell’s Animal Farm, von One Style MDV (MDV = Many Different Variations) ausgesprochen gut. One Style MDV sind eine Band mit Mitgliedern afrikanischen Ursprungs aus London, die bereits auf über 30 Jahre in Sachen British Reggae zurückschauen können und mich immer leicht an Misty in Roots erinnern. Zumindest, was ihren Output anbelangt, sind sie Misty in Roots sehr ähnlich.
Mit seinen eigenen Dub-Tracks und den Dub-Remixen einiger Gastinterpreten zeigt dieses Album Ras Red I als einen vielversprechenden Grassroots-Dub Künstler. Für den sehr relaxten Mix hat dann der Meister lieber ein bisschen einer Indica Variation zu sich genommen, denn „Gweithredu Dub“ versprüht statt „Action“ eher ein wohlig warmes Laid Back Feeling. Genau das, was einen entspannten Abend ausmacht.
Angesichts des zur Zeit kargen Angebots an frischen Dub-Abenteuern ist man froh, wenn ein neues, noch dazu gutes Album – oder vielmehr eine 5 Track-EP – erscheint. Ras Sparrow, ein hierzulande nicht sonderlich bekannter Venezolaner, hat sich als Sänger/Produzent/Engineer dem Roots Reggae verschrieben und bringt mit „Dub in Stone“ (Ras Sparrow Records) seinen ersten vollwertigen Dub-Release heraus. Die Promotion dazu erledigt kurzerhand ein animiertes Video zum „Atlantis Rising Dub“:
Multiinstrumentalist Ras Sparrow, auf früheren Releases hin- und hergerissen zwischen digitalen und analogen Klängen, zeichnet sich auf „Dub in Stone“ durch feine, großteils von ihm selbst live eingespielte, handgeklöppelte Roots-Riddims aus. Das Ergebnis kann sich hören lassen: Bass-Drum und Rimshot harmonieren im Mix optimal und sind Grundlage für vier wunderbar dynamisch abgemischte One Drops – und einen gelungenen Steppers für die Freunde des 4-on-the-Floor:
Die klassisch gehaltenen Arrangements der 5 Tracks geben sich durchwegs gelungen: Langeweile oder die in Dubs mitunter zu befürchtende Leere haben hier keine Chance – dafür sorgt der Einsatz von Leadinstrumenten wie einer (nicht nervenden) Melodica oder einer Gitarre. Den Rest erledigt ein grundsolider Dub-Mix – der zwar nicht der ganz große künstlerische Wurf ist, aber auch nicht – wie zuletzt leider häufiger gehört – zwanghaft einen auf King Tubby oder Scientist macht. Eine überraschend wohltuende Erfahrung auch die Kürze des Releases: Gegenüber den übersatten, mit Durchhängern, Ladenhütern und einem gewissen Gähn-Faktor ausgestatteten Abverkaufs-Monstern gibt sich die „Dub in Stone“-EP erfrischend kurzweilig und macht Lust auf mehr – ganz so wie in den guten, alten Vinyl-Zeiten. Also ab damit in die Playlist!
Da habe ich jetzt beinahe eine halbe Ewigkeit gesucht, um ein ziemlich rares Album, welches auch noch unter falscher Flagge navigiert, ausfindig zu machen. Wenn wir hier im Dubblog von Soundengineers sprechen, fallen im Grunde immer die gleichen Namen. Einer, der in diesem fröhlichen Reigen aber auch immer – und das völlig zu Unrecht – vergessen wird, ist Sylvan Morris. Er war beinahe in allen Studios Jamaikas zuhause. Seine Tätigkeit als Mixing-/Soundengineer begann Morris mit zarten 17 Jahren im Dynamics Studio, wo er es ca. zwei Jahre aushielt, um dann nach einem kurzen Intermezzo in Duke Reids Treasure Isle Studio, für sechs Jahre im Studio One bei Clement Dodd anzuheuern, wo Sylvan Morris dem typischen Studio One Sound seinen unverwechselbaren Stempel aufdrückte. Er gilt immer noch als der beste Engineer, der jemals in 13 Brentford Road (Studio One) am Mischpult saß. Laut eigener Aussage war Sylvan Morris während seiner Zeit bei C. S. Dodd alles in Personalunion: Elektrotechniker, Berater, Arrangeur, Toningenieur und Mixer. Lediglich für die Bezahlung sei C. S. Dodd persönlich verantwortlich gewesen und just aus diesem Grund verließ Sylvan Morris Studio One, um seine neue Arbeitsstätte im Harry J in der Roosevelt Avenue in Kingston anzutreten. Das war Mitte der 1970er und das Harry J Studio war zu jener Zeit eine der Hauptanlaufstellen der besten jamaikanischen Künstler überhaupt. Weit über tausend zum Teil unvergleichliche Songs sind während Sylvan Morris’ 16-jähriger Tätigkeit im Harry J Studio entstanden. Nur ein paar Klassiker zur Erinnerung: Bob Marley: „Natty Dread“ und „Rastaman Vibration“, The Heptones: „Cool Rasta“, Augustus Pablo: „Ital Dub“ und „Earth Rightful Ruler“, The Royal Rasses: „Vortex Dub“, Burning Spear: „Dry & Heavy“, „Marcus’ Children“ und „Man In The Hills“. Oh ja, wenn wir gerade bei Burning Spear sind, die Original „Living Dub Vol. 1 und Vol. 2“ – zwei meiner unangefochtenen Lieblingsplatten – und auch „Dub D’sco Vol. 1 und Vol. 2“ von Bunny Wailer wurden ebenfalls durch Sylvan Morris klanglich vergoldet und somit unvergessen. Zurück zu meinem Anfangssatz: Als Sylvan Morris 1974 im Harry J Studio aufschlug, ging das „Dub-Ding“ gerade so richtig los. Ergo sind auch von Sylvan Morris ein paar weniger bekannte Dub-Alben unter eigenem Namen: „Morris On Dub“ (1975), „Reggae Workshop“ (1977) und „Cultural Dub“ erschienen. Die 1978 veröffentlichte „Cultural Dub“ finde ich von allen dreien am abwechslungsreichsten. Den Anfang macht der achtminütige „Neighbour Dub“ mit Toastings der auf dem Cover unerwähnten Big Youth & Ras Midas. Nach dem Big Youth Toast geht das Album in einen Showcase-Mix über, um dann mit einem Ras Midas Toast zu enden. „Hearts Of Dub“ featured den unvergessenen und ebenfalls unerwähnten I Roy und die Harry J Allstars klingen hier wie die Revolutionaries. Für den dritten Titel wurde der Rocksteady Evergreen „Rivers Of Babylon“ mit den Melodians neu eingespielt, der wieder in einen klassischen Dubteil übergeht, um mit einem herrlichen Toasting des „mighty Poet I Roy“ (Zitat: LKJ) zu enden. Showcase Alben waren in der Entstehungsphase dieses Albums wirklich angesagt. Bereits in den frühen 70ern hatte Harry J eine Version von „Breakfast In Bed“ mit Sheila Hilton produziert. Sylvan Morris machte daraus kurzerhand den „Breakdown Dub“. Und weiter geht die Entdeckungsreise: „World Of Dub“ heißt im Original „What Kind Of World“ und stammt von den Cables aus alten Studio One Zeiten. Im „Undermind Dub“ hört man die Stimme von John Holt. Ursprünglich stammt „Can I Change My Mind“ von Alton Ellis und wurde bereits 1968 von C. S. Dodd produziert. Den krönenden, leider viel zu kurzen Abschluss dieser Werkschau macht ein perryesker „Cultural Dub“ mit Joe White an der Melodica, fettem Gebläse und ungewöhnlich vielen Soundeffekten.
Mein Fazit: Immer wenn ich nach vielen Jahren solche Alben wiederhöre, erkenne ich, dass es immer noch diese warme, organische Musik ist, die mich für immer in ihren Bann zieht und verzaubert. Da sind sie zu finden, diese unsterblichen Basslines, die den heutigen Aufnahmen viel zu häufig fehlen und von uns alten Hasen so schmerzlich vermisst werden. Im Nachgang betrachtet bekommen wir mit „Cultural Dub“ einen kreativen Querschnitt durch die Schaffensphasen von Sylvan „The Genius“ Morris. Je tiefer ich mich in Sylvan Morris’ Arbeiten wühle, desto offensichtlicher wird, wie immens wichtig dieser Mann hinter dem Mischpult für die gesamte Entwicklung des Reggae und Dub war/ist.
Spoiler: „Night Nurse Dub“ (TABOU1) ist nicht der Dub-Counterpart zu Gregory Isaacs‘ bereits 40 (!) Jahre altem Meisterwerk „Night Nurse“ – selbst wenn uns das Cover des neuen Releases das auf den ersten Blick glauben machen möchte. Wär‘ ja auch eine mittlere Sensation im Reggaeland gewesen, wenn plötzlich eine Dub-Version des 1982er-Albums aufgetaucht wäre. Wir können heute nur erahnen wie es klingen würde, vermutlich aber so in etwa wie Godwin Lodge’s Extended Mix von Material Man (B-Seite der Night Nurse 10“):
Zurück zum neuen „Night Nurse Dub“: Auch hier haben wie im Original die (heutigen Restbestände der) Roots Radics alle Riddims eingespielt – nämlich ein zweites Mal im Jahr 2000, zusammen mit weiteren Tracks aus Isaacs‘ ausschweifendem Katalog. Die Absicht war ein Tribute-Album, dass sich allerdings erst einige Jahre später manifestieren sollte. Style Scott war schneller, hat sich die Bänder der Instrumentals geschnappt und 2001 auf seinem eigenen „Lion & Roots“-Label als „Style Scott & Flabba Holt: Nurse in Dub“ rausgebracht. Ich erinnere mich, dass es deswegen einigen Wirbel gab und gar von Diebstahl die Rede war. Wie auch immer, diese Bänder wurde in den On-U Sound Studios von Dub Syndicate’s live-Keyboarder und Samples-Abfeuerer Alon Adiri abgemischt – und das erschreckend lahm. Mit Dub Syndicate-Aufnahmen hatten diese Tracks herzlich wenig zu tun; Adrian Sherwood selbst war hörbar nicht involviert. Das Ergebnis war ein langweiliges, sparsam instrumentiertes und etwas leer klingendes „Dub-Album“ mit wenig wirksamen Effekten oder Samples – dafür aber mit einer störend dominanten Bass-Drum:
Fast forward ins Jahr 2003: Das Tribute-Album ist fertig und erscheint unter dem Titel „We Sing Gregory“. Sänger wie Luciano, Don Carlos, Max Romeo, Sugar Minott, Bunny Rugs und nicht zuletzt Gregory Isaacs selbst interpretieren die Cool Ruler-Klassiker, darunter das gesamte Night Nurse-Album. Herausgekommen ist ein von Gaylord Bravo abgemischtes, etwas dumpf klingendes Album, das nicht zünden will – keineswegs überraschend, den Isaac’s Gesangsstil und Diktion sind nun mal einzigartig und bieten jeder Neuinterpretation die Stirn.
2018 gab es einen Versuch, dieses Album digital als „We Sing Gregory (Deluxe Remix Edition)“ wiederzubeleben: Der 34-Track Megapack beinhaltet zahlreiche, von Dartanyan Winston abgemischte Discomixes plus die zuvor erschienen Gaylord Bravo-Mixes. Das hätte ein sattes Album werden können – sowohl vom Klang her als auch von der Spieldauer. Letztlich lag’s wieder am dumpfen Sound und den nicht wirklich aufregenden neuen Mixen, die zudem nicht im Einklang mit den älteren Mixes gemastert wurden. Das Teil kann man in seine Audiothek aufnehmen, einen triftigen Grund dafür gibt es allerdings nicht.
Womit wir endlich im Jahr 2022 und beim eigentlichen Gegenstand dieser Rezension angekommen sind. Es sind immer noch die Instrumental-Aufnahmen aus dem Jahr 2000 bzw. die 2003 mit Vocals versehenen Versionen, hier von Dartanyan Winston als reine Dubs abgemischt. Hat sich was gebessert? Nein, es sind immer noch diese schleppenden, dumpf klingenden Aufnahmen* – wohl besser als die öden 2001er-Mixes von Alon Adiri und durchaus mit mehr Effekten versehen, aber wenn’s nicht grooved, dann grooved’s halt nicht. Das Album hat es freilich auch nicht leicht, denn es wird immer mit dem 1982er Original verglichen werden – und an diesem Rubadub / Lovers Rock-Meilenstein kann man sich eigentlich nur die Zähne ausbeißen: Gregory Isaacs und die Roots Radics in Höchstform sind unschlagbar.
⭐⭐⭐
Bewertung: 2.5 von 5.
*Grundlage dieser Rezension ist der Stream von bandcamp.com, der – auch über ein gutes Sound System gehört – klanglich sehr zu wünschen übrig lässt.
Steppers zeichnet sich bekanntermaßen durch den Bassdrum-Kick auf jeder Note des 4/4-Takts aus. Merkmal (fast) aller für ein Sound System produzierter Dubs. Der Effekt besteht in einem sehr energetischem, „marschierendem“ und aggressivem Rhythmus. Viele klassische Reggae-Liebhaber hegen jedoch Vorbehalte, da er ihnen zu sehr nach stupidem Techno-Gestampfe klingt. Dass es sich mit diesem Rhythmus aber auch sehr ideenreich und originell umgehen lässt, beweisen Afrikan Dub – ein junger Produzent aus Mexiko – und Wallar Beats – ein ebenso junger Produzent aus Spanien – mit ihrem auf Wami – einem gleichermaßen jungen Label aus Argentinien – erschienenem Album Afrikan Dub & Wallar Beats: „Natural Whispers“ (Eigenverlag). Die Bassdrum stampft hier in der Tat maximal unbeirrt stoisch durch jeden Track. Das Rhythmusgeflecht drum herum jedoch macht Sperenzchen. Mal erklingt virtuose Percussion, mal Streichinstrumente, mal gar nichts. Breaks gehören zum Konzept. Ebenso Minimalismus. Und trotzdem hat das Album einen gewissen Flow, bleibt musikalisch und harmonisch. Der Bassdrum-Beat ist das Rückgrat der Musik, die Konstante im Chaos, der Polarstern beim Ritt auf den Soundwaves. Was wir hier hören ist postmoderner Steppers, Dub an der Grenze zum Zerfall in seine eklektizistischen Einzelteile. Mir macht das bewusste und konzentrierte Zuhören inklusive des Dekodierens der Zitate richtig Spaß. Ich bin mir aber sicher, dass die Tracks auch im Sound System perfekt funktionieren, wo sie das Gegenteil leisten, nämlich bewusstlos tanzende Körper anzutreiben. Eine klassische Win-Win-Situation.
Als Mitte letzten Jahres die „Excursions in Soul, Reggae, Funk & Dub“ von Soul Sugar erschienen, war es Liebe auf den ersten Blick. Mich begeisterte der samtige Retro-Sound, die an Jackie Mittoo erinnernden Klänge der Hammond-Orgel und die für Reggae sehr unorthodoxen Arrangements – und natürlich auch die Klänge aus den anderen im Titel genannten Genres. Dennoch verkniff ich mir damals eine Rezension. Doch nun ist sie zwingend, denn (bereits seit Dezember) liegt eine amtliche Dub-Version des großartigen Albums vor, Soul Sugar: „Excursions in Dub“ (Gee Recordings).
Ich muss ein wenig ausholen. Hinter Soul Sugar verbirgt sich ein „collaborative collective“, in dessen Zentrum der Franzose Guillaume Metenier steht. Er studierte bei Jazzorgel-Legende Dr. Lonny Smith und widmete seine ersten Gehversuche ganz dem Hammond-Funk der 1960er und 70er Jahre. Inzwischen ist er immer mehr in Richtung Reggae gedriftet und produziert nun einen Mix & Match-Sound zwischen Studio One und Jackie Mittoo auf der einen und Jimmy Smith und Jimmy McGriff, also Jazz, Funk und Soul auf der anderen Seite. Wie sehr Guillaume Metenier mittlerweile dem Reggae nahe steht, ist schon an der Besetzungsliste der beiden genannten Alben abzulesen. Dort sind Sly & Robbie, Blundetto und Roberto Sanchez mit von der Partie – und neben Slikk Tim und Thomas Naim natürlich auch Metenier selbst, der unter seinem mittlerweile vertrauten Alias ??Booker Gee für die Orgelsoli verantwortlich zeichnet. Ein fantastisches Album, das jetzt in seiner Reinkarnation als Dub-Version noch mal gesteigert wird. Und das sogar im ganz handfestem Sinne, denn es enthält zwei Titel mehr als das Original. Einer davon ist „Peace Treaty“ von Jahno, ein kongeniales Reworking der Jackie Mittoo-Version, die er Mitte der 1970ern für Bunny Lee aufnahm. Die Dubs wurden übrigens von den Musikern selbst gemixt – was nahe liegt, denn Sanchez, Blundetto und Janho sind versierte Dub-Produzenten. Klanglich liegen Original und Dub-Version übrigens nahe beieinander. Die Dub-Meister haben ihre eigenen Vorlagen keineswegs neu erfunden. Die Mixe sind eher klassisch-zurückhaltend. Meist sind lediglich die Soli etwas gekürzt. Lediglich der „Matumbee“-Remix von Blundetto unterscheidet sich durch seine Reduktion deutlich vom Original. Für mich ist das absolut okay, da das Original ja ohnehin kaum zu toppen ist.