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Five Star Review

Sumac Dub: Ex-Home Session

Selten habe ich so viel Zeit zuhause verbracht, wie in den letzten Wochen. Corona sperrt uns in unseren Wohnungen und Häuser ein. Diese Klausur ist quälend, kann aber auch Quell großer Kreativität sein. Auf Tom Dorne aka Sumac Dub scheint das zuzutreffen, denn er hat gerade eine herausragende, wunderschön melancholische EP mit dem vielsagenden Titel „Ex Home-Session“ (ODGProd) veröffentlicht. Nicht nur verweist der Titel auf die heimische Isolation (im schönen Grenoble), sondern er knüpft auch an Toms „Jam Session Vol. 1“ von 2019 an. Nahtlos, denn hier wie dort überwiegt ein ruhiger, meditativer Sound, durchzogen von Ambient-Geräuschen wie z. B. Vogelgezwitscher und manchmal begleitet vom Violinen- oder Klavierspiel des Meisters himself. Auch die aus Reden oder Lesungen gesampleten Vocals sind typisch für die beiden Werke. Es ist aber vor allem die „Ex-Home Session“, die mich ih ihren Bann zieht. Die magische Stimmung der ersten Tracks ist überwältigend. Tieftraurig, düster, schwer und doch kraftvoll. Sanfte Beats mit dosierten Klavier-Akkorden und melancholischem Geigenspiel garniert. Unfassbar schön. Dann folgt der Track „Imminent Departure“ und mit ihm eine Sound-Metamorphose zu Dub-Techno – was schockierend, aber absolut schlüssig ist. Die warm pluckernden Minimal-Techno-Beats führen nur logisch fort, was die beiden vorangegangenen Tracks „Petit Prince“ und „The Hadal Tone“ begonnen haben.

Verblüfft haben mich allerdings die beiden letzten beiden Tracks, denn sie stammen von den Bass Trooperz. Keine Ahnung, ob Tom bei denen mitmischt oder ob er deren Tracks hier nur als Dubs abmischt. Jedenfalls passen auch sie perfekt ins Gesamtwerk, featuren schönes Sitar-Spiel und atmosphärisches Wellenrauschen – drehen dann bei den Beats aber deutlich auf. Das setzt einen positiven und energetischen Schlusspunkt hinter eine der schönsten Dub-EPs der Corona-Zeit.

Bewertung: 5 von 5.
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Nachur: Cicada Sessions

Okay, okay, der hottest Shit ist das 2013 entstandene Album „Nachur: Cicada Sessions“ tatsächlich nicht. Aber eines der interessanteren, die ich in letzter Zeit in meinem Archiv wiederentdeckt habe. Anfang 2012 machten sich zwei Multiinstrumentalisten, der Neuseeländer Isaac Chambers (Produktion, Programmierung, Sampling, Recording, Keyboards, Percussion) und der Kanadier Prosad (Sitar, Gitarre, Didgeridoo, Bansuri, Melodika, Keyboards, Percussion) daran, ihre einzigartigen Ideen, Einflüsse und vielfältigen Fähigkeiten zu kombinieren, um Live-Electronica zu kreieren. Die zwei Protagonisten stellten kurzerhand ein temporäres Studio in einem alten Bus zusammen. Anschließend fuhren sie zum neuseeländischen „Abel Tasman National Park“ mit Blick auf den Ozean und begannen ihre Songs zu komponieren. Die dabei entstandenen „Cicada Sessions“ leiten offenbar ihren Namen von den Zikaden ab. Wer einmal Zikaden in einem südfranzösischen Pinienwald an einem Sommertag gehört hat, kann sich die Geräusche lebhaft vorstellen. Deshalb wurde das Album ausschließlich nachts produziert. Die Aufnahmen begannen bei Sonnenuntergang und dauerten meist bis Sonnenaufgang. Viele andere Naturgeräusche, auch die Zikaden, fanden dennoch ihren Weg auf die leider etwas zu kurz geratene EP. Wenn es nach mir ginge, könnte das Album auch gerne doppelt so lang sein, und ich würde mich immer noch nicht langweilen. Viele der Soli wurden in einem einzigen Take aufgenommen und keinerlei Overdubs unterzogen.
Inspiriert von Dub, Roots, Jazz & Downbeat Electronica, verschmilzt „Nachur“ (sprich Nature) moderne digitale Produktionen mit erdigen analogen Klängen. Die Songs werden gefühlvoll mit Dub-Elementen wie Delay und Hall kombiniert, wodurch tiefe atmosphärische Klanglandschaften entstehen. Elektronische Beats und Reggae-Basslines werden schwerelos mit Sitar, Gitarre, Bansuri (indische Bambusflöte), Didgeridoo und Melodika verwoben. Epische Gitarrensoli, die an David Gilmour von Pink Floyd erinnern, werden mit östlichen Sitar- und indigenen Instrumenten arrangiert, um den Hörer auf eine wahre Klangreise mitzunehmen.
Das Ziel des „Nachur“ Projektes war, einfach eine Musik zu schaffen, die Positivität und den tiefen Respekt zur Natur vermittelt. Das Ergebnis kann sich hören lassen, denn herausgekommen ist ein optimistisches und anregendes Klangwerk.

Bewertung: 4 von 5.
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Marcel-Philipp: Dub You Crazy & Can’t Get Enough of Dub

Ich gewinne zusehends mehr den Eindruck, dass sich Reggae-Instrumentals neben Dub einen festen Platz im Reggae (zurück) erobern. Auch hierzulande ist ein waschechter Multi-Instrumentalist am Werk: Marcel-Philipp. Vor nunmehr fünf Jahren schwärmte ich von seinem Debut „Morning Sessions Vol. 1“ – einem unfassbar optimistisch-unbeschwerten, sonnendurchfluteten Instrumentalalbum, geprägt von betörenden Melodien. Nun, vier Instrumentalalben später, legt er mit „Dub You Crazy“ und „Can’t Get Enough of Dub“ seine ersten beiden Dub-Alben vor. „Ich hatte schon früh eine konkrete Vorstellung im Kopf, wie mein erstes Dub-Album klingen soll.“, erklärt er, „Aber um diese Vorstellung zu verwirklichen, musste ich lange nach dem passenden Equipment, Setup und Workflow suchen und damit herum experimentieren.“ Was ja umso mehr einleuchtet, da Marcel-Philipps handgespielter, offener und luftiger Sound – trotz des Verzichts auf Gesang – meilenweit vom gewohnten Dub-Klang entfernt ist. Daher verwundert es nicht, dass „Dub You Crazy“ und „Can’t Get Enough Dub“ akustisch ziemlich aus dem Dub-Rahmen fallen, klingen die Dubs doch eher nach einem Live-Konzert am Sonntagvormittag, statt nach verrauchtem Keller-Club kurz vor Sonnenaufgang. Aber es gibt ja keine Regel, wie Dub „richtig“ zu klingen hat. Erlaubt ist erst einmal alles. Wer sich auf Marcel-Philipps Sound einlässt, entdeckt sehr schöne Arrangements, cleveres Mixing und jede Menge positiver Vibes – dunkele Dub-Magie aber weniger. Womit wir dann zwangsläufig bei der interessanten Frage sind, wo Marcel-Philipp die Grenze zwischen Instrumental und Dub zieht. „In meinen Instrumentalversionen sorge ich für eine Balance zwischen Melodie- und Rhythmusinstrumenten. Die Melodien der Solo-Instrumente erzählen eine Geschichte. Die restlichen Instrumente bilden das Fundament.“, erläutert er. „Ich will einen ehrlichen und authentischen Sound ohne Hall- und Delay-Effekte. Die Instrumente sollen so klingen, als stünden sie direkt vor mir. Bei meinen Dubs sind hingegen Bass und Schlagzeug im Vordergrund. Von den Melodien der Solo-Instrumente verwende ich dann meist nur einen kleinen Auszug, während ich hinsichtlich der Effektauswahl im Gegensatz zum Minimalismus meiner Instrumentals keine Grenzen kenne.“ Genau hier liegt aber auch eine kleine Schwäche der beiden Alben. Marcel-Philipps Musik lebt genau von der Balance, die er hier beschreibt. Die Melodien sind essenziell. Werden sie dem Mix geopfert, geht verloren, was die besondere Qualität seiner Musik eigentlich ausmacht. Drum & Bass können diese Lücke nicht immer füllen. Deshalb bleiben für mich die Instrumentals das Maß der Dinge.

Bewertung: 3.5 von 5.

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Lee Groves: Dance a Dub

Wie sehr liebte ich den Sound von Rockers Hi Fi, Dreadzone, Groove Corp., More Rockers und anderen progressiven Dub-Bands, die in den 1990er Jahren Dance-Music und Dub zu einem aufregenden, neuen Sound verschmolzen. Einem Sound, der nicht einfach nur Dance-Beats mit Dub-Ingredienzien versah. Nein, es war eine völlige Neuerfindung, die wunderbar komplexe Beats mit Reggae-Basslines und Offbeats synthetisierte. Break Beat, Industrial, Drum and Bass, Indietronic, Ambient und ja, auch House und Techno beeinflussten diesen Sound. Das waren Zeiten! Ich schrieb damals großspurig von der „Zukunft des Dub“. Tja, weit gefehlt. Der Sound evaporierte über die Jahre ins Nichts und von den alten Recken ist eigentlich nur noch Dreadzone mit mittelmäßigen Releases übrig geblieben. Aber zum Glück gibt es den brillanten Back-Katalog von Echo Beach und zum Glück gibt es Lee Groves. Ersterer enthält die passenden Tunes und letzterer hat den Dance/Dub-Groove der 90er mit der Muttermilch aufgesogen. Führt man nun beides zusammen entsteht: „Dance a Dub“ (Echo Beach) – eine glorreiche Renaissance des einst so progressiven Dub-Sounds. Lee Groves hat es einfach drauf, Tunes von den Dub Pistols, Dubblestandart, dem Dub Syndicate, und vielen anderen mehr, original so klingen zu lassen, als wären sie in Birmingham des Jahres 1995 aufgenommen worden. Dazu hat Mr. Groves die Vorlagen kräftig umgemodelt, overdubbed, mit einem ordentlichen Schuss Bewegungsenergie versehen und druckvoll abgemischt. Perfekt, wie ich finde. Was im Übrigen nicht verwundert, denn Lee Groves ist beinharter Musikprofi. Angefangen hat er mit der Programmierung von Sound-Karten für die angesagtesten Synthesizer der frühen 90er Jahre, Sounds die sich prominent in Stücken von Vangelis oder den Pet Shop Boys finden. Danach gründete er PuSH-Records, – unter anderem mit Spencer Graham von Dreadzone (!). In seiner Produzentenkarriere reihten sich anschließend Big Names aneinander: Depeche Mode, Marilyn Manson, Janet Jackson, Craig David, Goldfrapp, Beck, Britney Spears, Black Eyed Peas und sogar Janet Jackson. Und nun, zur Krönung seiner Laufbahn: Dance a Dub!

Bewertung: 4.5 von 5.

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Raiders of the Lost Dub

1981 begann für Indiana Jones die Jagd nach dem verlorenen Schatz, was nicht nur im Kino ein Beben auslöste. Noch im selben Jahr reagierte die gerade boomende Dubwelt auf den Hype mit „Raiders of the Lost Dub“. Es war nicht das erste Mal, dass sich Dubalben von Hollywood inspirieren ließen – man denke nur an „Star Wars Dub“, „Scientist & Jammys Strike Back“ oder die „Tough Guys“ der Fatman Riddim Section – doch selten wurde so dreist kopiert wie in diesem Fall. Das Cover-Artwork war eine Kopie des „Raiders Of The Lost Ark“ Soundtracks von John Williams, sogar der Schriftzug war identisch. Island Records hatte die Fälschung abgesegnet, schließlich stammten die Vocalversionen der Dubs aus ihrem Greatest Hits Katalog. Burning Spears „Social Living“ und I Jah Mans „Moulding“ waren von Karl Pitterson durch das Effektboard gezogen worden, „Man Next Door“ in der Version der Paragons bekam eine Dubbehandlung durch Steven Stanley. Sechs der zehn Titel hatten Sly & Robbie produziert und selbst gedubbt, darunter Junior Delgados „Fort Augustus“ und „Guess Who’s Coming To Diner“ von Black Uhuru, die mit vier Songs an der Jagd teilnahmen. Das Album war davon geprägt, dass sich die Studio-Technik nicht mehr auf vier Spuren beschränkte und der Zugriff beim Dubben dadurch variabler geworden war. Dementsprechend hart und modern wirkten die Mixe, als die LP noch im selben Jahr wie Film und Soundtrack veröffentlicht wurde. So schnell wie sie kam, verschwand sie auch wieder. Es heißt, rechtliche Probleme wegen des Covers hätten dazu geführt, dass „Raiders of the Lost Dub“ nie nachgepresst wurde. Music On Vinyl hat das Brutal-Deluxe-Dub-Abenteuer durch ein entstaubtes Master aufgefrischt und die LP nach knapp 40 Jahren zum ersten Mal im Original Artwork wieder aufgelegt. (Der leicht geänderte Text erschien zuerst in RIDDIM 01/21)

Bewertung: 4 von 5.

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New Age Steppers: Avant Gardening

Was? Hä? Ein neues Album der New Age Steppers? Wir haben das New Age doch längst hinter uns gelassen. Was machen die dann noch hier? Ein wenig Recherche bringt es an den Tag: Bei dem heute erschienenen Album „Avant Gardening“ handelt es sich natürlich nicht um neues Material. Hier sind vielmehr seltene Dubs, Versions und unveröffentlichte Tracks aus dem On .U-Tresor versammelt. Entstehungszeit: 1980 – 1983. Achtung: Wir haben es hier mit teils äußerst experimentellem musikalischem Gut zu tun, bei dem es spontan einleuchtet, warum es bisher unveröffentlicht geblieben ist. Andererseits ist es aus heutiger Sicht auch absolut verblüffend zu sehen, wie avantgardistisch Mr. Sherwood früher gegärtnert hat und welch verrückten Gewächse er heranzog. Ich erinnere mich auch noch dunkel an das leicht verstörende Album „Spaceship Africa“ – auch von seiner Hand –, das zweifellos die vorderste Spitze der damaligen Dub-Vorhut markierte. „Avant Gardening“ ist ihm dicht auf den Fersen. Ganz schön verkopft, aber echte, hartgesottene On-U-Fans (wie Lemmi) werden daran natürlich trotzdem ihren Spaß haben.

Wer es ganz genau wissen will: „Aggro Dub-Version“ ist eine Version von „Some Love“ aus dem dritten New Age Steppers-Album „Foundation Steppers“ von 1983. Der Track wurde 2004 bereits auf der japanischen CD-Reissue veröffentlicht. „Send For Me“ wurde am 12. Juni 1983 in den Southern Studios für eine zuvor unveröffentlichte BBC Radio 1 John Peel Session aufgenommen. „Izalize“ wurde 1980 aufgenommen und auf der japanischen CD-Neuauflage des selbstbetitelten Debütalbums der Steppers im Jahr 2003 veröffentlicht. Dieser Rhythm bildete übrigens auch die Grundlage für den Track „Snakeskin Tracksuit“ auf dem African Head Charge-Album „Environmental Studies“. „Unclear“ ist eine Dub-Version des Tracks „Guiding Star“, der sich auf dem zweiten Steppers-Album „Action Battlefield“ befindet. Eine Version dieses Rhythmus erschien auch auf dem Album „Threat To Creation“ als „Eugenic Device“. „Singing Love“ ist ein Jah Woosh-DJ-Cut von „Love Forever“, der ursprünglich Teil des 12″-Discomixes war, der 1981 auf der Rückseite der „My Love“-Maxi erschien und erstmals in dieser bearbeiteten Form auf der japanischen CD-Neuauflage des Debütalbum im Jahr 2003 wiederveröffentlicht wurde. „I Scream (Rimshot)“ war 1981 die B-Seite der Single „My Love“ (war dann aber in keiner der späteren New Age Steppers-Veröffentlichungen mehr enthalten). Die Vocals stammen übrigens von Ari-Up. „Avant Gardening“ wurde 1980 aufgenommen und ursprünglich veröffentlicht auf der japanischen CD-Neuauflage des Steppers-Debütalbums aus dem Jahr 2003. „World Wide Version“ ist ein Dub von „My Whole World“ vom Album „Action Battlefield“, aufgenommen 1981 und ursprünglich auf der japanischen CD-Neuauflage im Jahr 2004 veröffentlicht. Das Clavinet darauf wurde von Kishi Yamamoto gespielt. „Some Dub“ schließt das Album und ist eine ziemlich andere Interpretation des „Some Love“-Rhythms, der 1983 während der Sessions für „Foundation Steppers“ aufgenommen wurde. Geballte Information – Dank an Discogs.

Bewertung: 4 von 5.
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Sly & Robbie: Red Hills Road

Fast habe ich den Eindruck, dass die Welt inzwischen bereit ist für instrumentalen Reggae. Mag sein, dass die stets wachsende Popularität von Dub der kleinen Schwester „Instrumentals“ den Weg bereitet hat. Es kann aber auch sein, dass es manchen Dancehall-Afficionados – ausgehungert vom Minimalismus der Beats zwischen Hip Hop und Trap – inzwischen nach sattem Sound, rollenden Grooves und echten Arrangements verlangt (wir alle werden älter). Clive Hunts phantastisches Album „Blue Lizzard“ sowie das superbe „Jamaica By Bus“ von Addis Records – beide erst vor wenigen Wochen erschienen – wecken da Hoffnung. Ganz zu schweigen von „Manasseh Meets Praise“ oder den schönen Alben von Marcel-Philipp – alles beeindruckende Instrumentalwerke jüngeren Datums. Für die Kollegen aus der Ska-Fraktion wahrscheinlich Standard, versetzt es uns Reggae-Hörer*innen in Aufregung. Und nun kommen auch noch Sly & Robbie mit ihrem neuen Instrumentalalbum „Red Hills Road“ (Taxi) um die Ecke – kein Dub, wohlgemerkt. „Ich hege eine große Liebe für instrumentalen Reggae.“, erklärt Sly Dunbar, „In Zeiten von Ska und Rocksteady gab es viele Instrumentals, doch danach nicht mehr. Insbesondere nicht bei Dancehall“. Ganz ähnlich entwickelte sich ja auch die Dub-Musik. In Zeiten volltönender Roots-Rhythms blühte das Genre, um dann – zumindest in Jamaika – mit dem Aufkommen digitaler Dancehall Beats schließlich das Zeitliche zu segnen. Nur außerhalb der Insel lebt das Genre weiter und bildet heute eine Reggae-Parallelwelt, die selbst den Globetrotter Sly überrascht und vom gewaltigen „Rumbeling Sound“ europäischer Dub-Soundsytems schwärmen lässt: „Europa ist ein Riesenmarkt für Dub – Dub ist dort einfach nice“. Aber Sly & Robbie wären nicht die Riddim Twins, wenn sie einfach nur Trends nachlaufen würden. Mit ihrem Lebenswerk in der Tasche und den Schäfchen wahrscheinlich halbwegs im Trockenen, müssen sich die beiden nichts mehr beweisen und machen einfach ihr Ding, jenseits von Trends, Mainstream-Erwartungen und Chart-Platzierungen (ganz so wie sie es schon immer gern gemacht haben). Mit dieser entspannten Haltung entstanden im Pop-Studio der beiden körperlich so unterschiedlichen wie seelisch eng verwandten Zwillinge verrückte Instrumental-Tunes, die jeglichem Konzept sowie stilistischer Einheitlichkeit spotten. Der kleinste gemeinsame Nenner besteht darin, dass ein Großteil der Tunes versucht, Dancehall instrumental zu denken. Es gibt aber auch Kumina- und Mento-Anleihen, schmalzige Soul-Schnulzen sowie uralte Aufnahmen aus den 1990er Jahren. Die Sammlung „Album“ zu nennen, ist jedenfalls Hochstapelei. Aber, was soll ich sagen: hier passt nichts zusammen, Dancehall in Form von Instrumentals funktioniert definitiv nicht und Schnulzen mit Dean Fraser-Saxofonspiel braucht auch niemand – und dennoch ist „Red Hills Rd.“ ein irgendwie charmantes Werk. Die schrullig skurrilen Produktionen, das radikale Wechselbad der Sounds (alles muss raus) sowie die Unverfrorenheit, mit dem guten Reggae-Geschmack so böse zu brechen, verleiht „Red Hills Rd.“ den Status „hörenswert“.
Übrigens war die Red Hills Road in den 1970er Jahren die Straße der Nightclubs in Kingston. Hier haben sich Sly & Robbie kennen und schätzen gelernt, als sie in konkurrierenden Clubs spielten (Sly in „Tit for Tat“ und Robbie in „Evil People“) und die Pausen nutzten, um sich gegenseitig zu besuchen und zuzuhören. Das Album ist also so etwas wie eine Hommage an diese legendäre Straße – in deren Hausnummer 30 sich außerdem bis heute das Studio der beiden befindet.

Bewertung: 3.5 von 5.

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Dub Attack

Zwei kurze Jahre lang, zwischen 1979 und ’80, brachte das ursprünglich mit Bunny Lee verbundene ATTACK Label, das zu der Zeit bereits Trojan gehörte, exorbitant knallende Maxis raus, die meisten erkennbar am gelb unterlegten Logo, mit roten Lettern auf dunkelgrünem Grund. In einigen Fällen wurde auch mit blauem Trojan Label gepresst. Insgesamt gab es 25 Stück, von denen die meisten heute heiß begehrt sind wegen der hier und nur hier zu findenden Mixe von Prince Jammy und Scientist. Darunter extended Killer-Versions von Barry Browns „Living As A Brother“, „Separation“ und „Cool Pon Your Corner“, Morwells „Kingston Twelve Tuffy“, Linval Thompsons „Pop No Style“ und Michael Rose’s „Born Free“. Das Bild mit den Labels dieser Maxis stammt aus dem Booklet einer merkwürdig zusammen gestellten DoCD, auf der man, abgetrennt von den Vocals, 19 jener Attack-Dubs als – wie es das Booklet nennt – „generöses“ Bonusmaterial findet. Dabei auch die zuvor erwähnten Titel. Aufhänger der Kompilation jedoch sind zwei ganz andere Dub-Alben, die stilistisch absolut nicht zueinander passen. Zum einen „A.1 Dub“, 1980 von Blacka Morwell in Kingston gemischt, mit Dubs zu der Morwells LP „Cool Runnings“ von 1979 sowie Mixen der „Taxi“ und „Get In The Groove“ Riddims. Zum anderen „Cry Tuff Dub Encounter Chapter IV“, dem Gegenstück zu Prince Far Is „Voice Of Thunder“, ein Jahr später in London von Adrian Sherwood gemischt. Obwohl die Linernotes der DoCD sich bemühen, einen Link zwischen den Alben herzustellen und beide LPs einzeln betrachtet hervorragend sind, die Attack-Bonus-Dubs sind der wahre Grund, warum man dieses Set besser nicht verpassen sollte. Zumal man für jede einzelne dieser Maxi deutlich mehr Geld investieren müsste als für die stets preiswerten DoCDs des englischen Re-Issue Labels Doctor Bird. (Eine kürzere Version des Textes erschien in RIDDIM 01/21)

Bewertung: 4 von 5.

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Interview

Interview mit Thomas Blanchot (Mato)

Dein Name: Thomas „Mato“ Blanchot
Du lebst in: Paris, Frankreich
Dein aktuelles Album: Scary Dub

Wie lautet deine persönliche Definition von Dub?

Ich würde sagen Dub ist Klangkunst. Es ist ein einzigartiger Stil, der die totale Kontrolle des Tracks beansprucht – sowohl was die Komposition (durch Edits) als auch den Mix (durch Effekte) betrifft. Was wir heute als Remix kennen, hat seinen Ursprung vor langer Zeit im Dub. Voraussetzung dafür war eine neue Art von Künstler: Der Dub-Mixer. Tatsächlich habe die Beatles den Weg dafür geebnet, als sie ihre Tontechniker feuerten und selbst die Kontrolle über die Aufnahmetechnik übernahmen. Das Studio selbst – also Equipment samt Tontechniker – ist zweifellos ein vollwertiges Bandmitglied, wenn Musik aufgenommen wird. Die Tonspuren werden dann zu grenzenlos formbaren Material; ähnlich dem improvisierenden Stil im Jazz. Letztlich geht‘s darum jeden Moment, jede Note bzw. Melodie zu veredeln.

„Unterschiedlichste Musikstile als Reggae-Dub zu adaptieren – das ist mein Markenzeichen.“

Braucht Dub eine Referenz, etwa einen Vokal-Counterpart oder kann er als Selbstzweck für sich allein im Studio entstehen? 

Am Beginn stand die durch den Mix bearbeitete Version eines Titels. Das sind die Wurzeln von Dub, der mit anwachsendem Repertoire zum eigenen Stil avancierte. Produzenten wie Mad Professor oder Jah Shaka haben hingegen haben eigene Dub-Tracks aufgenommen und nicht auf bereits existierendes Material zurückgegriffen. Ich sehe meine Produktionen irgendwo dazwischen; ich suche nach bekannten Titeln, die sich gut adaptieren lassen und produziere sie neu – nur um sie dann dubben zu können. Ich brauche also unbedingt eine Referenz zu meiner Arbeit und sehe Dub als Counterpart zu etwas bereits Existierendem. Meine Referenzen find sich allerdings nicht im Reggae; dass ist das Besondere an meiner Arbeit.

Natürlich kann man alles dubben – einige Stile sind dafür besser geeignet als andere. Ein hypnotischer, melodischer Reggae-Bass kann den Hörer für Stunden in Trance fallen lassen, während ein harmonisch-unterstützender Pop-Bass diese Tragkraft nicht besitzt. Ein melodischer Bass, der rhythmische Skank und die Platzierung von Drum-Fills sind jedoch unbestrittene Elemente eines gelungenen Dub-Rezepts.

„Ich sehe Dub als Counterpart zu etwas bereits Existierendem.“

Gibt es Grundvoraussetzung bei der Dub-Produktion?

Kenntnis und ein Gefühl für die Kultur ist immer ein guter Beginn – das Wissen, welche Techniken es gibt und in welchen Aufnahmen sie bisher benutzt wurden, bereichert ungemein und bietet Orientierung. Ich habe Stunden um Stunden Dub gehört bis mir die Ohren geblutet haben. Der weitere Weg eines Dub-Novizen ist zu lernen und zu versuchen, die Klassiker des Genres zu reproduzieren. Wenn man das alles verdaut und durch hat, dann „ist“ man Dub, dann kann man sich in dieser Kunst ausdrücken. Wer den Klang beherrscht, kann eine Geschichte ohne Worte erzählen.

Wie sieht der Entstehungsprozess eines typischen Dub-Tracks von Mato aus?

Unterschiedlichste Musikstile als Reggae-Dub zu adaptieren- das ist meine künstlerische Identität, mein Markenzeichen. Und es ist ein gutes Mittel, die Musikrichtung Dub Menschen vorzustellen, die einen völlig anderen musikalischen Horizont haben. Durch bekannte Melodien erwecke ich nicht nur Gefühle und Erinnerungen, sondern auch Neugier. Das ist meine Art, Musik universell und mein Publikum divers zu halten; ich und meine Produktionen lassen sich nicht von einer einzelnen Community vereinnahmen.

Die Melodie ist das Um & Auf meiner Dub-Adaptionen. Ich benötige eine faszinierende Melodie, die ich durch Tempo und Arrangement fein-tune. Die Rhythmik muss natürlich fließen: Ob Steppers, Rockers, One Drop – wenn’s nicht passt, wird’s wieder geändert. Wichtig ist, die Aufnahme nicht zu verwässern; es muss eine Adaption bleiben – keinesfalls eine komplette Umwandlung.

„Die Melodie ist das Um & Auf meiner Dub-Adaptionen.“

Auf meinen Aufnahmen wird alles live eingespielt und keine Samples verwendet. Ich selbst spiele Keyboards, Drums/Percussions und Bass; je nach Bedarf kommen noch andere Musiker dazu. Gelegen kommt, dass ich mir im Laufe der Zeit eine breite Palette an Sounds und verschiedensten Instrumenten zulegen konnte – etwa Percussions, Vintage-Synths, SynDrums und dergleichen.

Der beste Teil meiner Arbeit ist aber der Mix: Von der alten Schule kommenden, habe mit unterschiedlichen Boards und Techniken gearbeitet. Seit 15 Jahren verwende ich nur mehr Pro Tools; es erlaubt mir die Mixes solange wie notwendig zu überarbeiten. Ich verwende auch viele alte Gerätschaften wie den Roland Space Echo RE-201, verschiedene Spring Reverbs (Federhall), Vintage Phasers, selbst Zusammengebasteltes usw.

Mato-Produktionen haben einen typischen, „cleanen“ Sound, der mich an Produktionen der frühen 1980er erinnert – ist das beabsichtigt?

Ich bin ein großer Fan der 70’s und 80’s Sounds, will sie aber nicht nachahmen – ich versuche lediglich die Tonspuren meinem eigenem Hörempfinden anzupassen. Ich bin jedenfalls ein großer Fan des Channel One-Sounds – das ist mein persönlicher Meilenstein, den es zu erreichen gilt. Dieser Sound profitiert noch von der Glut der 1970er, hat allerdings bereits einen klareren, präziseren Klang. Noch eine kleine Dosis „2.0“ dazu und fertig ist der Mato-Sound.

Die Drums auf Deinen Aufnahmen haben einen ganz eigenen, unverkennbaren Klang – weich, aber mit einem heavy Punch. Lass‘ mich raten: Du spielst die Drums selbst. 

Richtig! Ich habe mit 13 Jahren zu spielen begonnen, weil mein Bruder einen Drummer für seine Band gebraucht hat. Nach einiger Erfahrung habe ich eine Reggae Band gegründet – oder besser gesagt: ein Orchester mit Bläsersatz und allem Drum & Dran. Das war mir nicht nur in der Musik eine wichtige Lektion: Die anderen zu hören, sich untereinander wahrzunehmen.

Nach der Schule habe ich begonnen, Schlagzeug zu studieren – zuerst in Frankreich, dann weiter in den USA, wo ich die Los Angeles Music Academy 1998 abgeschlossen habe. Ich bin also an erste Stelle Drummer, der seine Riddims einspielt. Ich adjustiere und stimme meine Trommeln präzise um den Sound zu erreichen, den ich mir vorstelle. Das ist wahrscheinlich die zeitintensivste Arbeit in meinen Produktionen, aber Ursprung meiner eigenen Klang-Identität. Die Drums müssen immer präsent und präzise sein; holprig dürfen sie nur sein, wenn ich Hip-Hop mache (ich bin ein großer Fan von Dr. Dre). Das Geheimnis ist also gelüftet: Hinter einem Album des Dub Mix-Produzenten Mato steckt tatsächlich das Album eines Drummers!

In Deinen Produktionen gibt’s nicht den extra-heavy Bass, den man sich vom Dub erwartet. Er scheint eher zurückhaltend, möglicherweise um sich an europäische Hörgewohnheiten anzupassen. Wie wichtig ist Dir Sound generell?

Wie bei jeder Musikrichtung gibt es im Dub unterschiedliche Möglichkeiten und niemals nur einen Weg, um zum Ziel zu kommen. Selbst wenn ich alle Mittel nutze, kann ich immer noch meinen eigenen Stil einbringen. Als Drummer liebe ich kraftvolle Bässe – es gibt nichts Effektiveres in meiner Musik als den Sub-Bass denn ich verwende. Aber im Gegensatz zu anderen Stilen, in denen der Bass in den Vordergrund gemixt wird, bevorzuge ich die herkömmliche, ausgewogenen Abmischung. Ich würde das nicht als Europa-bezogen sehen … mein Publikum findet sich in aller Welt.

Deine geniale Version von Daft Punk’s „Homework“ hat mich damals umgehauen und ich schätze auch die darauffolgenden Alben sehr. Woher kommt Deine Inspiration, wie wählst Du die Themen für Deine Konzeptalben aus?

Danke für die netten Worte. Wie gesagt – im Grunde genommen bin ich Schlagzeuger, und als Instrumentalist ist es schwer, in der internationalen Musikszene Fuß zu fassen – selbst wenn man viele unterschiedliche Stile beherrscht. Ich bin in der glücklichen Lage, alles was ich mag in meine Musik reinpacken zu können: Die Drums sind mein Superstar; Melodien werden mit Echos, Sound-Gimmicks, Delays und vielen anderen Effekten komplettiert – herrlich!

„Die Drums sind mein Superstar.“

Ich suche nach ansprechenden Konzepten, die mir die Umsetzung meiner musikalischen Vorstellungen erlauben. Angefangen habe ich mit zwei Alben mit Reggae-Covers klassischer französischer Chansons (Anm.: „Il est cinq heures, Kingston s’eveille 1 und 2“), denen die entsprechenden Dub-Alben folgten (Anm.: „Il est cinq heures in Dub 01 und 02“). Dann produzierte ich vier Reggae-Hip-Hop-Remix Alben, die mich international bekannt gemacht haben. Schlussendlich habe ich mit der Serie von Konzept-Alben begonnen, die ich seither laufend ausbaue. Glücklicherweise fehlt’s nicht an Inspiration – die Arbeit am nächsten Album hat schon längst begonnen. 

Üblicherweise starte ich mit einer Konzept-Idee – wobei es wichtig ist, dass die in Frage kommende Titel starke Melodien haben, ins Reggae-Rhythmus-Gefüge überführbar und … ja, auch spirituell akzeptabel sind. So entstehen durch simple Soundgimmicks Titel wie „Close Encounters of the Third Kind Dub“ oder elaborierte, komplex arrangierte Stücke wie „Enter the Dragon Dub“ (Anm.: beide vom „Hollywoo Dub“-Album). 

„Mein Heiliger Gral ist das ‚Classical Dub‘-Album.“

Den aktuelle „Scary Dub“-Release kann man durchaus als Sequel zu „Hollywoo Dub“ sehen, obwohl es ursprünglich nicht so geplant war. Mein „Heiliger Gral“ ist allerdings das „Classical Dub“-Album – es hat mich unendlich viel Zeit und Energie gekostet, klassische Musik als Dub zu adaptieren.

Beim „Homework“-Album hat mich übrigens der Manager von Daft Punk kontaktiert und ein Vorab-Exemplar verlangt. Ich war sehr nervös und habe ein „no way“ als Antwort erwartet – Daft Punk hatten den Ruf knallhart zu sein, wenn es um ihre Musik ging. Letztlich haben sie aber nur gefragt, ob Sie das Album auf einer Party spielen dürften – das Teil war damit genehmigt!

Die Tracks von „Scary Dub“ wirken auf mich wie kurze Comic-Strips mit all den Horror-Soundeffekten. Stimmst Du mir zu oder siehst Du die Tracks in einem anderen Licht?

Ich stimme absolut zu. Wie in der dubblog.de-Review sehr gut erklärt ist, bin ich Konzeptkünstler. Meine Konzept-Alben laden zu einer Reise mit unvorhergesehen Ereignissen ein; sozusagen ein akustisches Abenteuer innerhalb eines vorgegebenen Rahmens, das in seiner Form aber eindeutig neu ist. 

Wenn das Konzept ist, Filmmusik von Horror-Klassikern als Dubs zu adaptieren, dann bietet die Leichtigkeit von Humor natürlich einen interessanten Blickwinkel dafür. Sind nicht Angst und Fröhlichkeit zwei unkontrollierbare Zwillingsemotionen? Es ist allerdings wichtig, die Musik selbst nicht zu verunglimpfen – ich habe da großen Respekt vor. 

In meiner „Dub Top 5“ finden sich übrigens zwei Alben, die zu meinen Inspirationsquellen gehören und sehr gut zu meiner eigenen Arbeit passen – Mikey Dread’s „African Anthem“ und „Scientist Rids The World Of The Evil Curse Of The Vampires“. Ohne jeden Zweifel haben mich die von Henry „Junjo“ Laws produzierten Scientist-Konzeptalben immer schon zutiefst beeindruckt!

Die Reviews von »Scary Dub« auf dubblog.de haben gutes Feedback bekommen – abgesehen von der Kritik, dass manche Deiner Dubs zu kurz geraten sind und mit Fade-outs enden – oder sind gerade diese nur +/- 3 Minuten langen Tracks Teil Deines Erfolgs? 

Ich bin old-school unterwegs – selbst wenn ich gegensätzliche Musikrichtungen verbinde, möchte ich die klassischen Stilmittel beibehalten. Meine Geschichten sind kurz, aber gehaltvoll – auch, um die Aufmerksamkeit des Hörers nicht zu verlieren. Wir neigen ja z.B. dazu, gedanklich abzuschweifen, wenn jemand zu viel bzw. zu lange redet. Insofern: Ja, das kurze Pop-Format ist wohl Teil meines Rezepts. Letztlich geht es immer um die Story – die man so arrangieren kann, dass sie mit einem Ausrufezeichen oder mit Auslassungspunkten enden. Diese Fade-outs interpretiere ich als einen Traum, der sich verflüchtigt und verschwindet. 

„Das kurze Pop-Format ist wohl Teil meines Rezepts.“

Was bringt die Zukunft für Mato? Gibt es ein Konzept für das nächste Album, möchtest Du schon etwas dazu sagen?

Das neue Projekt wird ein Soul/Jazz/Funk-Tribute, das mir sehr am Herzen liegt. Letzten Herbst habe ich eine erste Single daraus veröffentlicht – eine Dub-Adaption von Herbie Hancock’s „Maiden Voyage“ und eine neue Version von „Also sprach Zarathustra“, die von Jazzpianisten Eumir Deodato inspiriert ist. Als nächstes kommen 45er von Kool & the Gang, Bill Withers und sicherlich noch mehr Singles bevor das Album veröffentlicht wird. Bleibt dran, das wird großartig!

Wird es einmal ein Mato-Album geben, das statt Dub-Adaptionen selbstgeschriebenes Original-Material enthält?

Ja, und das Projekt ist bereits fertig: Eine EP mit 4 Tracks, die ich alle selbst komponiert habe. Es ist ein Mix aus meinen Lieblings-Stilrichtungen: Reggae/Dub-Jazz/Soul/Funk und Disco. Und diesmal sind die Tracks mindestens 5 bis 6 Minuten lang und für den Einsatz in Clubs gedacht. Auf „Scary Dub“ gibt es übrigens schon drei von mir geschriebene Titel um das Album zu komplettieren. Es gibt ja leider keine sofort wiederkennbaren Melodien für Dracula, Frankenstein oder die Mumie – also habe ich selbst welche geschrieben.

Wenn Zeit und Geld keine Rolle spielen würden – welches Projekt würdest Du gerne realisieren?

Tatsächlich musste ich immer mit dem arbeiten, was gerade zur Verfügung stand. Meinen ersten Dub habe ich auf einem 4 Track-Tape aufgenommen; mit einem Mikrophon für die Drums, einem Roland Synthesizer und einem Delay-Pedal für die Gitarren. Heute habe ich ein gut ausgestattetes Studio, aber die musikalische Idee ist immer noch mehr wert als das ganze Equipment.

„Die musikalische Idee ist immer noch mehr wert als das ganze Studio-Equipment.“

Ich bin jetzt in der glücklichen Lage, dass ich machen kann was ich liebe und arbeite auch mit einem Label zusammen, das mich in all meinen Entscheidungen unterstützt. Das gestattet mir, meine Musik mit so vielen Menschen wie möglich zu teilen – was schon ein Projekt für sich ist.

Das „Classical Dub“-Album hat mich gelehrt, dass es Zeit und Erfahrung braucht, um klassische Musik mit einem gewissen Flow als Dub umzusetzen; deshalb plane ich ein Opern-Dub Projekt – eigentlich mehr eine musikalische Komödie, die ich eines Tages verwirklichen möchte. Auch dazu benötigt es mehr Inspiration als finanzielle Möglichkeiten; es soll ja „nur“ ein Album werden und keine Live-Show. Das wird ein anspruchsvolles Projekt. Mal sehen wie es sich entwickelt.

Wie siehst Du das Aufleben von Dub und Roots Reggae, dass seit einiger Zeit in Europa stattfindet? Es gibt viele europäische Produktionen, die mitunter authentischer klingen als der aktuelle jamaikanische Output.

Es ist großartig! Musik von einer kleinen Insel infiziert die ganze Welt und gegen Reggaemylitis braucht’s noch nicht mal Impfungen!

Spaß beiseite, Jamaica ist ein sehr armes Land und Gewalt ist auf der Insel allgegenwärtig. Aktuelle Produktionen sind Ausdruck dieser Gegenwart und die jamaikanische Regierung fördert nun mal kein Roots & Culture – ganz im Gegenteil. Gott-sei-Dank gibt es weltweit viele Botschafter, die Roots & Culture am Leben erhalten: Reggae-Musiker, -Sänger, -Produzenten, -Sound Systems, -Labels und -Tontechniker finden sich überall – und sie setzen Zeichen. Es ist halt wie bei jeder Schöpfung: Letztlich entrinnt sie dem Schöpfer und macht sich selbständig.

Wen hältst du für den größten Dub-Künstler aller Zeiten?

Es gibt heute so viele talentierte Künstler und jeder davon hat seine eigenen Helden – für mich sind es die Altvorderen, die Erfinder des Dub: Scientist ist wahrscheinlich mein Sound-Vorbild, aber King Tubby ist der Schöpfer der Dub-Kunst wie wir sie heute kennen. Paul „Groucho“ Smykle ist mein dritter Dub-Hero – man braucht die Credits gar nicht erst zu lesen, wenn man seine atemberaubenden Dub Mixes hört. Sie sind von den ersten Takten an sofort wiedererkennbar. Was für eine Kunst, was für ein Können, was für eine Raffinesse! Ewig schade, dass Groucho diesen Weg nicht weiter gegangen ist.

Und wer ist aktuell der interessanteste Dub-Artist?

Es gibt jetzt eine Reihe von Bands in Europa, die Dub auch live performen – mit Videos, Lichtchoreographie usw. Sie haben damit einen sehr modernen Stil entwickelt, der mit aktuellen Mainstream-Musikdarbietung mithalten kann. 

Was sind deine persönlichen Top 5 Dub-Alben?

Die Auswahl ist mir sehr schwer gefallen – die Liste meiner Top-Dub Alben ist sehr lang. Hier ein Versuch, die wichtigsten fünf zu nennen:

Scientist – Scientist Rids The World Of The Evil Curse Of The Vampires 
Black Uhuru – The Dub Factor
Mickey Dread – African Anthem
Sly & Robbie – A Dub Experience
King Tubby & The Aggrovators – King Tubby’s „Controls“

Anmerkung der Redaktion: Um des Sprachflusses willen haben wir in diesem Interview auf Gendern verzichtet.

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Five Star Review

Blundetto: Good Good Dub

Auf dieses Album habe ich mich so richtig gefreut: Blundetto, „Good Good Dub“ (Heavenly Sweetness). Gefährlich, denn eine solche Vorfreude mündet aufgrund der hohen Erwartungen ja nicht selten in einer Enttäuschung. Doch nicht bei „Good Good Dub“! Das Album des Franzosen ist schlicht very good good! Natürlich handelt es sich um die Dub-Version des im letzten Jahr erschienenen Albums „Good Good Things“ – das wiederum ein verspäteter Nachfolger von „Bad Bad Things“ ist. Wer Blundetto nicht kennt: Es handelt sich um den Franzosen Max Guiget, der seine Musik in einer kleinen Zweizimmerwohnung in der Nähe des Gare du Nord zwischen einer gigantischen Vinyl-Plattensammlung, alten Aufnahmegeräten, exotischen Instrumenten und übervollen Aschenbechern aufzunehmen pflegt. Verschrieben hat er sich globalen Sounds – insbesondere Latin – und maximal entspannten Rhythmen voller rauchiger Atmosphäre. Reggae hört man auf seinen „normalen“ Alben eher selten. Ganz anders jedoch auf deren Dub-Counterparts! Blundetto weiß nämlich, was Dub wirklich benötigt: Ein Reggae-Fundament. Okay, so richtig solide ist es manchmal nicht, aber das wäre für den Sound-Nerd auch zu einfach. Seine Kunst besteht vielmehr darin, exotische Zutaten zu einem faszinierenden Sound-Amalgam zu verschmelzen, das von intensiver, dichter – manchmal durchaus melancholischer – Atmosphäre geprägt ist. Wer sich darauf einlässt, die fette Atmosphäre in vollen Zügen einatmet, Ohren und Geist öffnet, kann nicht anders, als dieser Musik zu erliegen; sich in sie fallen zu lassen wie in ein Bett aus Zuckerwatte und schließlich voller Genuss zu versinken. Wunderschön! Nur sieben Tracks – dafür aber mit so viel emotionalem Gehalt wie anderswo sieben Alben.

Bewertung: 5 von 5.