Mato ist ein echter Konzeptkünstler. Er käme nie auf den Gedanken, einfach mal ein paar nice Dubs aufzunehmen und sie dann auf ein Album mit einem Titel wie „Corona-Dubs“ zu packen. Never! Bei ihm braucht es ein gehaltvolles Thema, sei es Hollywood-Filmmusik, große Klassik – oder zumindest ein Daft Punk-Meisterwerk. Mato ist immer für eine Überraschung gut. So auch dieses Mal: Erneut hat er sich der Filmmusik zugewandt, jedoch mit Genre-Ausrichtung: „Scary Dub“ (Stix Records). Wer den blutigen Schriftzug auf dem Cover sieht, muss nicht lange überlegen: Es geht um Horrorfilme, quer durch die Jahrzehnte: von Dracula und Frankenstein über Exorzist und Halloween bis Akte X und die Mumie. Ein witziges Konzept, das wunderbare Samples erlaubt. Das Problem ist nur, dass das Horror-Genre, anders als z. B. der Western, keine großen und allseits bekannten Soundtracks hervor gebracht hat. Wer daher auf Wiedererkennungseffekte und schaurig-wohlige Filmerinnerungen hofft, wird unweigerlich enttäuscht. Bleibt also die nackte Musik. Und da wären wir dann bei einem Dutzend leichtfüßiger Tracks in typischer Mato-Manier, ohne rechte Bodenhaftung, dafür voller spaßiger Sample-Anekdoten. Schade, schade, denn der konzeptbesessene Franzose baut an sich einfallsreich arrangierte Dubs und liefert einen präzisen Sound – Qualitäten mit denen sich mehr erreichen ließe. Meine Theorie: Als Backings hinter schönen Vocals wäre seine Musik klasse. Als Dub taugt sie trotz Hall und Echo weniger.
Als Designer habe ich den falschen Musikgeschmack. Das Cover-Artwork im Genre Dub gehört zu den schlechtesten auf dem Musikmarkt – was mir bei nahezu jedem neuen Release, den ich musikalisch so richtig feiere, zugleich großes visuelles Leid zufügt. Das liegt entweder daran, dass Dub-Producer so sehr auf den akustischen Sinn fokussiert sind, dass ihnen keine Kapazität mehr fürs Auge bleibt, oder aber es liegt daran, dass sie gezwungen sind, ihre Musik unter fatal prekären Umständen zu produzieren und sich Kosten für angemessenes Grafikdesign schlicht nicht leisten können. Tragisch! Aber hier haben wir endlich, endlich mal eine fantastische Ausnahme von der Regel: JahYu: „Center of Gravity“ (Steppas). Das Cover ist großartig. Was für eine schöne Illustration! Ich bräuchte das gute Stück als Vinyl in 30 x 30 cm! Natürlich weckt ein solches Cover hohe Erwartungen. Ebenso das Label: Steppas Records von Ben Alpha – Home of Alpha Steppa, Alpha & Omega und einigen anderen herausragende Dub-Artists. Zu letzteren gehört auch JahYu. Er lebt und arbeitet in Hamburg, ist koreanischer Abstammung und produziert höchst interessante Dub-Musik im Grenzbereich zwischen Dub, Dubstep und Bass Music. Sein Markenzeichen: Auf traditionellen koreanischen Instrumenten eingespielte ätherische Melodien, die über schweren Dub-Beats schweben. Dieser reizvolle Kontrast ist nicht grundsätzlich neu. Augustus Pablo und in seiner Folge unzählige andere Instrumentalisten haben ihn genutzt, um spirituell anmutenden Dub zu produzieren. Daher verwundert es nicht, dass das Adjektiv „spirituell“ auch stets verwendet wird, um JahYus Musik zu charakterisieren. Und wir wissen ja alle, dass Ben Alpha auch voll auf spirituell-meditativen Dub abfährt. Ich muss aber sagen, dass ich die Beats des Hamburgers eigentlich noch viel spannender finde, als seine koreanischen Instrumente. Denn JahYus Beat-Konstruktionen transzendieren ein ums andere Mal das bekannte Steppers-Muster in Richtung Neuland (zumindest für Dub-Verhältnisse) und sorgen so für frische Hör-Erfahrungen. So entsteht über die Albumlänge eine schöne Bass-Odyssee, mal über steiniges, raues Gelände und dann wieder durch die sanft wiegenden Wellen des Offbeats. Spannend und erlebnisreich bis zum Schluss. Kurz gesagt: Cover und Musik passen bestens zusammen.
Jah Schulz hat nachgelegt: „Dub Over Science“ (Basscomesaveme). Ob der Titel ein Kommentar zur Corona-Pandemie ist? Falls ja, dann zweifellos in dem Sinne, „probieren geht über studieren“, denn genau das macht Jah Schulz hier. Ein gewagtes Experiment im Grenzbereich zwischen Mystik und Wissenschaft. Während Dr. Schulz sonst dazu neigt, den wissenschaftlichen Diskurs mit eher wuchtigen Argumenten im Steppers-Style voran zu treiben, hat er nun beschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen – im wahrsten Sinne. So taucht er für „Dub Over Science“ hinab in die Marianengraben-Tiefseestation. Dort unten hat er ein Studio, in dem die Zeit langsamer vergeht, weshalb auch die dort produzierten Tracks mit halber Geschwindigkeit ablaufen. Was im Übrigen die Frequenz von den bisher von ihm gewohnten 16 Hz auf 8 Hz halbiert. Das lässt sich hier oben auf der Erde mit dem menschlichen Gehör natürlich nicht mehr wahrnehmen, ist aber als leichtes Erdbeben deutlich zu spüren. Die Forschungsfrage lautet: Wie tief muss der Bass noch runter geschraubt werden, um den Erdboden so stark in Vibration zu versetzen, dass die dadurch erzeugten Mikrodruckwellen den SARS-CoV-2-Virus im Dauerbeschuss zerbröseln lassen? Aus dieser bahnbrechenden Erkenntnis ließe sich in kürzester Zeit ein Dub-Vakzin entwickeln, dass alle Menschen heilen könnte – ganz ohne Nadelstich! Bei mir funktioniert es jedenfalls schon: Seit ich das Album über meinen Subwoofer laufen lasse, fühle ich mich ausgesprochen gesund.
Allein schon ein Albumtitel wie „Ghetto Dub“ lässt auf ein veritables One Drop-Bassmonster aus den tiefsten 1970ern, Marke „Blackheart Man“, hoffen. Wenn als Artist dann auch noch ein majestätisch-ehrwürdiges „Ancient Mountain“ angeführt wird, steigt die Erwartung ins Unermessliche: So ein Album hat keine andere Wahl als entweder fetzgeil oder grottenschlecht zu sein; dazwischen gibt’s Null Spielraum. Aber wie das nun mal ist mit vorgefassten Meinungen: Sie halten der Realität nicht stand. Und so staunt der Rezensent nicht schlecht, als er entdeckt, dass es sich hier um eine deutsche Produktion handelt. Eine ausgiebige Recherche und ein Interview später ist die Welt wieder in Ordnung und das Album in Perspektive gesetzt. Also mit Kopfsprung rein in die Materie und her mit den Hardcore-Facts:
Ancient Mountain ist Label, Studio und musikalisches Projekt von Martin Musch und Markus Dassmann. Während letzterer als Multiinstrumentalist Bass, Gitarre, Piano, Orgel und Melodica einspielt, steuert Musch Schlagzeug und Mix bei und ist damit im wahrsten Sinn des Wortes tonangebend. Für alle, die Linernotes lesen, ist der Drummer kein Unbekannter – mit Uwe Banton’s Movements, der Sharp Axe Band oder Irie Miah’s Massive Vibes ist er längst fixer Teil der deutschen Reggae-Szene; über Markus Dassmann von den Senior Allstars braucht man wohl kein Wort mehr zu verlieren.
„Ghetto Dub Vol. 2“ (Ancient Mountain Records) ist nicht die erste Zusammenarbeit der beiden; auf dem 2020 erschienen De Soto-Album „Silverado Days“ hatte Dassmann den Lead und setzte seine musikalischen Vorstellungen um. Das wird im direkten Hörvergleich offensichtlich: „Silverado Days“ könnte durchaus als zugänglicheres Senior Allstars-Album durchgehen; zwar bei weitem nicht so kopflastig, aber vom Mix her ein typischer Altherren-Release: flacher als flach. „Das sind nahezu 15 Jahre alte Homestudio-Aufnahmen, die Markus im Alleingang fertig eingespielt und gemischt hat – ich habe lediglich die Drums beigesteuert“, erklärt Musch. „Für die Ancient Mountain-Aufnahmen hingegen nutzen wir ein professionelles Analog-Studio, wo noch eine Hammondorgel mit Leslie-Speaker steht; es gibt ein Klavier, ein Wurlitzer E-Piano, eine Riesenauswahl an alten (Röhren-)Mikros und die entsprechende Technik dazu.“ Danach geht‘s mit den Old School-Aufnahmen ins eigene Ancient Mountain Studio, wo Musch die Sachen „hybrid“, sprich mit Hilfe von ausgesuchten analogen EQ’s und Kompressoren, Federhall und einem kleinen Pult abmischt.
Ghetto Dub Vol. 2 und sein (derzeit nur auf Bandcamp erhältlicher) Vorgänger Vol. 1 sind – entgegen der vom Titel herrührenden Erwartungen – von der klassischen Idee der B-Sides und Versions beseelt. „Als „Ghetto Dub“ bezeichnen wir eine Spielart des Reggae – den klassisch hart gespielten und reduzierten Channel One-Sound in Moll, wie ihn die Revolutionaries oder die Roots Radics zu ihrer Blütezeit Ende der 1970er bis Anfang der 80er gepflegt haben.“ Davon ab gesehen, so Musch, bedeute „Ghetto“ fernab vom soziokulturellen Kontext natürlich auch einen Raum beschränkter Möglichkeiten und Improvisation. Soll heißen: Keiner der Tracks wurde mit der Absicht eines Album-Releases aufgenommen. Es ist vielmehr die klassische Resteverwertung – aus einem Sammelsurium an musikalischen Ideen, dass sich im Laufe der Zeit angesammelt hat und zu Schade zum Wegwerfen war; von musikalischen Bruchstücken, die anderswo doch nicht veröffentlicht wurden und übrig blieben. Das tut der Qualität des Materials allerdings keinen Abbruch: „Was bei Ancient Mountain letztlich zählt, sind gute Songs und ein spezieller Analogsound.“
Die Übung ist durchaus gelungen: „Ghetto Dub Vol. 2“ glänzt zwar nicht mit rauschenden Dub-Effekten – dafür sind die simplen und damit umso eingängigeren Basslines bestes klassisches Reggae-Handwerk. Martin Musch gibt dazu kongenial seinen besten Sly Dunbar: „Wir können unseren musikalischen Background nun mal nicht verleugnen: Channel One, Sly & Robbie, die Roots Radics usw. sind musikalischen Riesen, die diesen einzigartigen Sound geschaffen haben und den wir zu reproduzieren versuchen.“
Keine Frage, originäre Sounds und qualitativ hochwertiger Klang sind Musch persönlich wichtiger als flashige Effekte: „Wir nutzen ausschließlich akustische Instrumente. Ein Flügel, der mit zwei Kondensatormikrofonen abgenommen wird, klingt eben immer noch anders als die beste Emulation.“ Gerade bei den Drums, die Musch überwiegend ohne Clicktrack eingespielt hat, kommt die analoge Aufnahmetechnik den Hörgewohnheiten sehr entgegen. „Mit meinem Hintergrund als Schlagzeuger versuche ich einen spannenden Kontrast zwischen weichen Sounds und perkussiven Elementen zu schaffen. Viel Sound kommt natürlich auch aus den Fingern, sprich der langjährigen Erfahrung. Ohne einen versierten Universalmusikern wie Markus Dassmann würde Ancient Mountain sicher anders klingen.“
Also Routine und Können versus kreativem Wagemut? Nun ja, mit „Ghetto Dub Vol. 2“ wird sicher nicht King Tubby‘s Wiederauferstehung abgefeiert – dafür setzten Musch und Dassmann auf kleine Bass-Juwelen und den klassischen, aber heute um Welten besser klingenden analogen Sound: Channel One Deluxe, sozusagen. Allein zwei mediokre Ausflüge ins Funkige stören den Album-Flow und mindern den positiven Gesamteindruck – ohne sie wäre das Album wahrscheinlich die in sich stimmigste Resteverwertung ever.
Radikal Guru habe ich auf dem Schirm seit mir Neil Perch (Zion Train) vor ca. sieben Jahren einmal sagte, dass er ihn für einen der interessantesten Dub-Artists halte. Seitdem blicke ich immer äußerst erwartungsfroh auf neue Veröffentlichungen des polnischen Dub-Wunderknaben, aber ich muss gestehen, so richtig begeistert war ich nie – was zweifellos an der durch Neil geschürten, allzu hohen Erwartungshaltung liegen dürfte. Nun besteht wieder eine neue Gelegenheit mein Bild des Gurus doch noch in Richtung „genial“ zu verschieben, denn sein neues Album „Beyond the Borders“ (Moonshine Recordings) ist draußen. Eines vorweg: Wie bei den Vorgängern handelt es sich nicht um ein reines Dub-Album. Sechs der zehn Tracks sind Vocal Tunes – allerdings gebaut auf waschechtem Dub-Fundament. Und ja, der radikale Guru wird seinem Namen gerecht: Wie gewohnt sind seine Sounds hard & heavy. Eine Qualität, die durch die knackige Produktion noch verstärkt wirkt. Scharfe Vocals von Tenor Youthman, Troy Berkley oder Lady Skavya unterstützen den Effekt zudem. Aber ich bin auch wieder etwas enttäuscht; irgendwie ist mir die Musik zu eindimensional, zu unspektakulär, zu konventionell für einen Mann, der sich radikal nennt. Auch den Vokalisten ist (vielleicht mit Ausnahme von Tenor Youthman) nicht viel eingefallen. Da hilft es auch nicht, wenn der Guru verhalten mit Dubstep, Hip Hop oder Trap spielt.
Das Produzenten-Konglomerat Zion I Kings sollte mittlerweile keine unbekannte Größe mehr sein, vereint es doch das Beste der Häuser Zion High Productions, Lustre Kings und I Grade. Alle drei verbindet man mit Reggae aus den US-Virgin Islands, und dort in erster Linie mit den Produktionen für Vaughn Benjamin bzw. seinen Midnite- und Akae Beka-Inkarnationen. Das Ergebnis waren mitunter sehr feine Alben wie „Infinite Quality“ / „Infinite Dub“ (Lustre Kings Productions), „Livicated“ (Zion High Productions) oder die superbe Alben-Trilogie „Beauty for Ashes„, „Ride Tru“ und „Portals“ (I Grade Productions).
Obwohl unmittelbar hintereinander erschienen, waren die letztgenannten I Grade-Alben freilich niemals als Triplett konzipiert. Und doch verbinden sie nicht nur exzellente Produktion, erstklassiger Sound und für Vaughn Benjamin-Verhältnisse geradezu hitverdächtige Hooklines; es ist auch Style Scott’s unverkennbares Schlagzeug, das die meisten dieser Tracks immens aufwertet. Es war vermutlich eine seiner letzten und, wie ich meine, besten Sessions. So gut, dass sich die Zion I Kings aus traurigem Anlass zusammenfanden und aus diesen Aufnahmen ein Dub-Tribute abmischten: „Dub in Style – A Zion I Kings Tribute to Style Scott„.
Und so ist der Dub-Gigant entstanden, an dem sich alle nachfolgenden Zion I Kings-Dub Releases zu messen hatten. Mittlerweile sind wir bei „Zion Ites Dub – Zion I Kings Dub Vol. 4“ (Zion High Productions) angekommen, und ich gebe unumwunden zu: Ohne Style Scott ist das Ganze nur die Hälfte wert, verdient aber durchaus das Prädikat ‚Gelungen‘. Es mag sich diesmal zwar partout keine Bassline in der Hörschnecke einnisten; der eine oder andere gelungene Bläsersatz scheint dafür aber durchaus geeignet zu sein. An der Produktion selbst ist, typisch Zion I Kings, wenig aussetzen – vom zeitlosen, auf Echo und Hall konzentrierten Dub-Mix unter Verzicht auf weiteren soundtechnischen Schnickschnack bis hin zum Dynamik-konservierenden Mixdown waren altgediente Profis am Werk. Einzig die Kick-Drum kommt ein wenig dumpf daher, macht sich so aber erstaunlich gut in den mitunter meditativ angelegten Klanglandschaften:
Hier scheint auch die zugegebenermaßen etwas seltsame Stärke des Albums zu liegen: Obwohl abwechslungsreich, hat sich selbst nach oftmaligem Hören kein Track als Favorit herauskristallisiert. „Zion Ites Dub“ scheint so eine akustische Reise durch eine weite Ebene zu sein, die von vorn anfängt, sobald sie zu Ende ist. Dafür könnte man natürlich den gedrückten „Repeat“-Button verantwortlich machen – aber ich habe kein Bedürfnis, das zu ändern.
Der Hype um das Imperium wird niemals aufhören. Daher hat Secret Records die vor vier Jahren wiederaufgelegte „Star Wars Dub“ LP von Burning Sounds noch einmal in „authentischem“ roten Vinyl nachgepresst. Es ist eine dieser gesuchten Dub LPs, die Phil Pratt Ende der 70er ohne weitere Informationen an das englische Label verdealt hat, deren Erstpressungen immer in buntem Vinyl kamen. Man hört, die Heimatstation der Tracks war das Channel One Studio und im Maschinenraum saß Sly Dunbar. Aber man muss lange durch die jamaikanische Galaxie cruisen, um auf Originale wie Jimmy Londons „Ride On“ oder „Open The Gate“ von Well Pleased & Satisfied zu stoßen. Schwer zu sagen wer gemischt hat. Dennoch, trotz Darth Vader auf dem Cover, dramatisch an Wissenswertem vorbei fliegenden Linernotes und gelegentlichem Knacken der Pressung erleidet man bei den Mixen keine Bruchlandung. (Eine frühere Version des Textes erschien in RIDDIM 04/20)
Heutzutage gibt es verdammt gute aber auch viele sehr gleichförmige Dubs. Wenige davon sind wirklich schlecht. Trotzdem sind die meisten davon nicht so faszinierend und beeindruckend, dass sie nicht nach zwei- bis dreimaligem Hören auf lange Zeit oder sogar für immer im Archiv verschwinden. Eine dieser positiven Überraschungen ist der Mexikaner Rafael Hernandez aka Tor.Ma In Dub mit seinem neuen Album: „I Dub You! Vol. 1“. Tor.Ma In Dub ist Musiker, Produzent und DJ, der große Begeisterung für die meisten Formen elektronischer Musik: Psytrance, Goa, Progressive & Ethnic Trance, Dub, Ambient, Jazz und Reggae hegt. Viele dieser Genres werden auch auf der aktuellen EP „I Dub You! Vol. 1“ mit unterschiedlicher Gewichtung verwendet. Wobei der Schwerpunkt zweifelsfrei auf der Dub-Reggae-Seite und der elektronischen Tanzmusik liegt. Die Idee hinter „I Dub You! Vol. 1“ ist so genial wie simpel. Tor.Ma In Dub setzte sich ans Mischpult und fertigte aus purem Vergnügen Remixe oder Versions von Tracks der Künstler und Genres, die seinen Musikgeschmack nachdrücklich beeinflussten. Herausgekommen ist eine wahrlich wilde, ich möchte eher sagen, gewagte Mischung: Gorillaz, 2Pac feat. Dr. Dre, The Doors, Rage against the Maschine, Chemical Bros und Sublime. Boah, geht das zusammen? Für meinen Geschmack schon. Solch eine abgefahrene Mischung finde ich einfach nur weltklasse. Alleine den Gorillaz: „Clint Eastwood“ Track habe ich damals im Original schon richtig abgefeiert. Als Dub ist er geradezu phänomenal. Über die Dub-Veredelung des all time Klassikers der Doors: „Riders on the Storm“ – Jim Morrisons allerletzter Song zu Lebzeiten – freue ich mich ganz besonders. Insgesamt ist diese EP eine völlig ausgeflippte Mischung mit zum Teil sehr rhythmisch treibenden Kompositionen, die sowohl ideal für die Tanzfläche sind, als auch das trippige Kopfhörer-Erlebnis garantieren. Wer so etwas zustande bringt, hat wie Adrian Sherwood auch keinerlei Berührungsängste und schaut ganz weit über den Tellerrand. Meines Erachtens entwickeln gerade Künstler wie Sherwood (sowieso), Kutiman, DubRajah, Dreadzone oder jetzt Tor.Ma In Dub das Genre entscheidend weiter und geben ihm neue, frische Impulse. Insgesamt eine sehr positive, vor allem kreative Weiterentwicklung des Dub. Freue mich jetzt schon auf Vol. 2!
Selten habe ich einen so stilsicheren Old School-MC wie Longfingah gehört. Schon mit seinen frühen Aufnahmen als Sänger von Illbilly Hitec war er mir positiv aufgefallen. Nicht nur mir, denn es folgten Produktionen u. a. mit Mungo’s HiFi, Zion Train und Dubmatix. Mit „Urban Mystic“ folgte dann ein Album und nun liegt mit „The Longfingah Attack“ eine richtig schöne neue EP mit vier Vocal-Tunes und vier Dubs vor. Doch dem MC gebührt hier nicht das alleinige Lob: Die italienische Live-Dub-Band R.Esistance in Dub hat kongenial passende Dub-Rhythms geliefert; niemand geringeres als Paolo Baldini hat produziert und die Dubs gemischt. Ein überaus starkes deutsch-italienisches Gesamtpaket. Einziger Kritikpunkt: Ein ganzes Album wäre mir erheblich lieber gewesen – aber vielleicht liegt ja die Würze in der Kürze.
Schon mal von der „Bordeaux Dub School“ gehört? Noch nicht? Sie besteht aus zwei Akteuren: The Dub Machinist und Gary Clunk – welche wiederum in den Fußstapfen von Manutension und Improvisators Dub wandeln. Was sagt uns das? Das schöne südfranzösische Städtchen ist auf Dub gebaut! Und wie! Das Album „Dub Machinist Meets Gary Clunk“ (Culture Dub Records) legt darüber beredtes Zeugnis ab. Entstanden im Untergrund von Bordeaux, bietet es dreizehn tonnenschwere Dubs, die Saint-André – die berühmte gotische Kathedrale – so stark erschütterten, dass der Turm einstürzte (weshalb die Kathedrale nun ohne Turm da steht). Also Vorsicht, wenn ihr das Album abspielt – tut es nur mit genügend Sicherheitsabstand zu hohen Gebäuden! Ich höre es aus Sicherheitsgründen nur über Kopfhörer, was zwar die wohligen Vibrationen im Brustkorb vermissen lässt, aber die nötige Lautstärke erlaubt, nach der diese Steppers-Orgie verlangt. Doch das Album hat viel mehr als nur Bassgestampfe zu bieten; die beiden Franzosen haben auch schöne One Drops sowie einen ganzen Haufen guter Ideen in den Tracks unter gebracht. Kleine, feine Melodien zum Beispiel, orientalische und indische Klänge, clevere Rhythmuskonstruktionen und sogar sehr abwechslungsreiche, spannungsvolle Mixe -. Das alles in einer super tighten Produktion. Wer jetzt an Kanka denkt, liegt richtig. So langsam beginnt man den Bordeaux-Style zu verstehen.