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Indy Boca: Many Roads

Einmal quer durch den Reggae-Gemischtwarenhandel, hier und da und dort zugegriffen, alles einmal grob durchgeschüttelt und fertig ist das Debut „Many Roads“ (Sweet Waters Music) von Indy Boca. Also eigentlich vom französischen Indy Boca Soundsystem, das hier in Zusammenarbeit mit dem SawaSound Studio das Album gestemmt hat. Ich hab’s ja nicht so mit Überraschungstüten, die jeden glücklich machen sollen – und tatsächlich, da gibt’s feine Roots-Riddims, rhythmisch dröge 4-on-the-floor Soundsystem-Tracks, mal instrumental und dann wieder mit Vocals, und zu guter Letzt doch noch zwei Dubs. Eine Mischung, die mir üblicherweise aufstößt, wenn nicht gar für eine gröbere musikalische Verstimmung sorgt. Dem ist hier erfreulicherweise nicht ganz so – denn es gibt etwas, dass die Tracks verbindet und quasi zu einer Familie werden lässt: Ein unglaublich schöner, satter, tiefer, druckvoller und doch ausgefeilter Sound. Wer auch immer das Album abgemischt hat – Chapeau, großartig, danke für den Ohr-Orgasmus.

Vor den Vorhang bitte auch der Verantwortliche für die vielen schönen Samples, die als solche für mich anfangs nicht zu erkennen waren – so scheinen etwa die Streicher live für die Tracks eingespielt worden zu sein, so perfekt fügen sie sich ins Arrangement und wiederum den Mix ein. Die Realität wird natürlich eine andere sein, denn die allerwenigsten Acts aus dem Reggaeland könnten sich ein Streichorchester im Studio leisten – und wenn doch, dann sicher nicht für‘s Debut-Album. Wie auch immer, das Ergebnis allein zählt – und da hilft es natürlich, dass die Samples den Stücken niemals als Gimmick aufgepfropft, sondern als integraler Bestandteil zu verstehen sind.

Wie bewertet man also dieses musikalisches Sammelsurium, insbesondere wenn der Rezensent es bekannterweise nicht so mit digitalem 120 bpm Soundsystem/UK Dub hat? Er drückt beide Augen zu, lässt sich in den warmen Bass der Roots-Tracks fallen und vergibt satte 4 Sterne – wobei ich gut nachvollziehen kann, dass der eine oder andere Hörer sich einen mehr gewünscht hätte.

Bewertung: 4 von 5.
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Marcel-Philipp Meets Scientist

Marcel-Philipp ist auf den Dub-Geschmack gekommen, entstammen doch seine drei letzten Alben allesamt diesem Genre. Doch nach „Dub You Crazy“ und „Can’t Get Enough of Dub“ liegt nun ein ganz spezielles Album vor: „Marcel-Philipp Meets Scientist“ (Ashera). Was für eine spannende Zusammenarbeit: Der Multiinstrumentalist und Schöpfer luftig-leichter Reggae-Kompositionen trifft auf den Dub-Großmeister und Kreateur bleischwerer Mixes.

Wie kam es zu dieser bemerkenswerten Zusammenarbeit?

Marcel-Philipp: „Ende 2019 kam der erste Kontakt zustande als ich an der Planung einer Scientist Audio Engineering Master Class in Deutschland beteiligt war. Mitte 2021 habe ich ihm dann das Rohmaterial für einen Track von mir geschickt. Zu Beginn war das Projekt eigentlich auch nur auf einen Track begrenzt doch wir waren beide vom Ergebnis begeistert. Deshalb haben wir beschlossen, ein komplettes Album umzusetzen.“

Wie lange habt ihr an dem Album gearbeitet?

Marcel-Philipp: „Mit seiner Erfahrung und seinen Fähigkeiten hatte er das ganze Album innerhalb weniger Tage fertig. Die russische Künstlerin Lera (lastcaress), die ich mit dem Cover-Design beauftragt hatte, konnte aus Termingründen erst Ende September liefern, weshalb ich den Release-Termin in den November 2021 legte.“

Was schätzt du an der Arbeit von Scientist?

Marcel-Philipp: „Viele der von Scientist gemischten Alben gehören soundmäßig zu meinen absoluten Lieblingen. Während der Zusammenarbeit war der Kontakt zwischen uns sehr intensiv und ich konnte Einblicke in seine Vorgehensweisen und sein Wissen im Bereich Audio Engineering bekommen.“

Was ist das Geheimnis von Scientist?

Marcel-Philipp: „Noch vor der Erstellung des Dub Tracks haucht Scientist dem Gesamtsound seine spezielle Magie ein. Alle Alben, die von Scientist gemischt wurden, haben diesen einzigartigen Sound. Bei ihm beginnt alles mit dem Schlagzeug-Sound. Seiner Aussage nach, kann er jeden seiner tausenden gemischten Tracks nur am Sound der Kick-Drum ausmachen. Auf die Frage nach dem Vorgehen beim Mixing der Bass Gitarre antwortete er „The bass guitar drives the kick“. Seine Obsession für den Sound ist unfassbar. Die Kombination aus technischer und wissenschaftlicher Herangehensweise gepaart mit seinen künstlerischen Fähigkeiten und dem Interesse am Ausprobieren macht ihn zu dem was sein Künstlername aussagt: einen Wissenschaftler.“

Du bist ganz offenbar ein Fan von Scientist. Wo kommt deine Bewunderung für ihn her?

Marcel-Philipp: „Bei mir beginnt der ganze Schaffensprozess mit den Instrumentalversionen. Aus Mittel zum Zweck habe ich mich deswegen früh intensiv mit Mixing und Mastering auseinandergesetzt. Schon vor Jahrzehnten habe ich den Klang, speziell der Kick und der Snare, von Scientist Tracks analysiert. Nicht um diesen Sound zu kopieren, sondern um zu verstehen, wie und was er da macht. Als sich die Möglichkeit einer Zusammenarbeit bot, war ich sehr dankbar und enorm gespannt was Scientist mit meinen Instrumentals anstellen würde.“

Und, was hat er mit ihnen gemacht? Wie unterscheiden sich seine Dubs von deinen?

Marcel-Philipp: „Scientist machte große Anpassungen am Sound von Kick und Snare. Die Melodika als Lead-Instrument bekommt bei ihm viel Platz und ist im Vergleich zu meinen Dubs viel mehr präsent. Aus technischer Sicht spielt Scientist beim Einsatz vom Delay viel mit dem Feeback und auch die Verwendung des High-Pass Filters ist bei ihm omnipräsent.“

Bleibt das Joint Venture mit Scientist eine Ausnahme, oder planst du auch mit anderen Dub-Meistern zusammenarbeiten?

Marcel-Philipp: „Ich selbst strebe nicht an, bestimmte Sounds zu reproduzieren und lasse mich bei meinen eigenen Mixes von meinem Gefühl leiten. Aus Komponisten-Sicht sind Kooperationen daher sehr interessant und ich würde mich freuen, wenn ich in Zukunft auch mit anderen Dub-Meistern zusammenarbeiten könnte. Ich höre in meiner Freizeit viel Dub-Musik und bin immer wieder bei den Neuerscheinungen sehr positiv überrascht.“

Klingt so, als wärest du jetzt von deinen Instrumentals voll auf Dub umgestiegen?

Marcel-Philipp: „Mein Hauptfokus liegt immer noch auf den Instrumentals, denn ohne diese kann ich keinen Dub produzieren. Die drei Dub Alben sind ein Ergebnis der vielen Instrumentals die ich in den letzten Jahren fertiggestellt habe. Ich freue mich nun aber wieder darauf viele neue Tracks einzuspielen. Also werden von mir als nächstes wieder ein oder mehrere Instrumental-Alben erscheinen, bevor ich dann auch diese in Dubs verwandele.“

Bewertung: 4 von 5.
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I Neurologici: I Neurologici

Bei der Flut an Dub-Alben, die uns Dub-Nerds fast täglich überrollt, werden oft Schätze übersehen, die es verdient gehabt hätten, genauer unter die Lupe genommen zu werden. Aus diesem Grund mache ich von Zeit zu Zeit gerne einmal wieder einen Streifzug durch mein Archiv und werde meist auch fündig. So geschehen mit „I Neurologici“ einem Dub-Kollektiv aus Rom, das seit seiner Gründung 1995 und Phasen des Ausprobierens, die Grundsteine ihrer Musik, eine Melange aus Roots Reggae, Dub mit kleineren ethnischen Einflüssen, schuf. Das hier vorliegende Album „I Neurologici“ wurde bereits 1999 eingespielt und als Miniauflage von 500 LPs zeitnah unter die Leute gebracht. Sechzehn Jahre später wurde „I Neurologici“ remastered und das Album durch einige „alternate Mixes“ aufgemotzt.
Bereits der erste Track „440 Hz“ kann vollstens überzeugen und hat mich mit seiner rollenden Bassline sofort am Haken. „SpaziAl Roots“ beginnt spartanisch mit Bass und Keyboard, bis sich dann majestätische Flötenklänge von Alessandro Mazzioti dazugesellen und eine dunstige Klanglandschaft zeichnen, die einigen Lee Perry „far out Moments“ nicht ganz unähnlich ist. Gefolgt von „Boleto“, einer Variation zum Maurice Ravel „Bolero“, der in der Mitte kurz ein paar punkige Rhythmen erhält, die an die frühen Bad Brains erinnern. Ich könnte jetzt jeden Track einzeln besprechen, denn jeder hat seinen ganz speziellen Reiz, doch das würde hier den Umfang sprengen. Eines sei noch hervorzuheben: Die Querflöte von Alessandro Mazziotti zieht sich wie ein roter Faden durch die Aufnahmen und der opulente Einsatz von Dub-Effekten schaffen eine satte, Bass-geladene Psychedelika.

Abschließend bleibt nur noch darauf hinzuweisen, dass das Album „fer umme“, wie der Pfälzer sagt, also für umsonst, zu haben ist. „I Neurologici“ sind heute immer noch aktiv und arbeiteten vergangenes Jahr mit Zion Train zusammen.

Bewertung: 4 von 5.
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Five Star Review

High Tone Meets Zenzile: Zentone, Chapter 2

Man muss konstatieren: Corona hat auch sein Gutes! Diese beiden (!) Alben, nämlich: High Tone Meets Zenzile – Zentone, Chapter 2 (Jarring Effects). Was für ein fulminantes Dub-Werk! Hervorgegangen aus der deprimierendsten aller Pandemien, fünfzehn Jahre nach dem „Chapter 1“. Offenbar haben die neun Musiker der zwei profiliertesten Dub-Bands Frankreichs es in der Einsamkeit ihrer Homeoffices nicht länger ausgehalten und sich ganz konspirativ für eine Woche in Lyon im Studio eingeschlossen, um – ja unglaublich – von Angesicht zu Angesicht miteinander zu musizieren. Ohne viel Studio-Rocket Science (ganz im Gegensatz zu „Chapter 1“). Statt dessen mit einem einfachen Sound System-Setting, spontan, direkt und improvisiert. Alles, was zählte war der zwischenmenschliche Vibe. Das Ergebnis ist atemberaubend. Zwei Alben voller fantastischer, inspirierter Kompositionen mit insgesamt 22 Tracks, die vor Wärme, Intensität und echter Schönheit nur so strotzen. Katalysator dieser Qualität war offenbar die pure Lust an der persönlichen Begegnung – vielleicht gepaart mit ein paar während der Lockdowns angestauten musikalischen Ideen aller Beteiligten. Substanz statt Effekt lautete das Motto. Alle Tracks wurden live produziert und anschließend auf analogen Konsolen gemixt. Der Sound ist warm, komplex und voller Dynamik. Hier stimmt einfach alles. Und natürlich passt zu solch einem Ansatz die Einbeziehung von Sängern. Ja, tatsächlich! Ich bin eigentlich Dub-Purist, aber hier liefern Nai-Jah, Nazamba, Jolly Joseph und Rod Taylor einen absolut essenziellen Beitrag zur musikalischen Vielfalt, ohne dabei den Dub-Vibe auch nur im Geringsten zu schmälern. Ihre Performances – vor allem Nai-Jahs und Nazambas – sind einfach grandios.

Okay, jetzt muss aber noch die Geschichte mit den zwei Alben aufklärt werden: Zenzile und High Tone haben während ihrer Woche in Lyon insgesamt zehn Rhythms aufgenommen. Zenzile hat sich anschließend alle zehn Stück vorgeköpft, gemixt und zu einem Album zusammen gestellt, das als CD oder Download gekauft werden kann. High Tone hat sich hingegen nur die vier Rhythms vorgenommen, für die ein Sänger aufgenommen wurde und präsentiert sie im Showcase-Style: Vocal-Version, Instrumental-Version, Dub-Version – und kommt so auf zwölf Tracks, die als Doppel-Vinyl angeboten werden (sie könne aber auch als Download erworben werden). Um die Sache jetzt aber schön kompliziert zu machen, gibt es noch eine Streaming-Variante. Diese besteht aus den zehn Zenzile-Mixes sowie den vier Vocal-Versions von High Tone. Alles klar?

Echte Dub-Nerds werden die Mixes natürlich miteinander vergleichen und feststellen, das High Tone traditioneller ans Werk geht und mit seinen Mixes auf den Sound System-Einsatz zielt, während Zenzile zu etwas verspielteren, Sofa-kompatiblen Ansätzen neigt. Ich kann mich aber gar nicht entscheiden, was mir besser gefällt – deshalb höre ich stets beide Alben hintereinander.

Bewertung: 5 von 5.
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Kanka: My Bubble

Bass is the Base of Dub! Eine ebenso simple, wie evidente Tatsache. Klar: Bass ist natürlich nicht alles (aber alles ist im Dub ohne Bass nichts!). Aber Bass macht – zumindest bei mir – mindestens fünfzig Prozent dessen aus, was ich an Dub liebe. Alles andere muss sich die verbleibenden Prozent teilen. Und deshalb bin ich ein Fan von Kanka, jenes bescheidenen französischen Dub-Nerds, der seine Musik regelmäßig kostenlos zum Download anbietet. Kanka ist DER Mann des Basses. Abgesehen von Alpha & Omega kenne ich keinen Dub-Artist, der so tonnenschwere Basslines produziert, wie er. In seiner Musik ist Bass die alles durchdringende dunkle Materie. Alles existiert IM Bass, nicht daneben, darüber oder darunter. Der Bass ist allumfassend. Nun ist mit „My Bubble“ sein neues Album erschienen. Ich rate dazu, es auf einem guten HiFi-System – am besten mit voluminösem Subwoofer – anzuhören, die Massage der Eingeweide zu genießen und auch dann nicht abzuschalten, wenn der zu Notreparaturen herbei gerufene Statiker bereits in der Tür steht. Noch besser ist es natürlich, Kanka in einem Live-Soundsystem zu erleben. Der kleine Mann steht in stoischer Ruhe hinter seinem Mischpult, nie hebt sich sein Blick ins Publikum, nie spricht er auch nur ein Wort. Aber die Musik, die er durch die Lautsprechertürme schickt, bringt die Erde zum beben. Der Titel des Albums, „My Bubble“ macht schon klar, dass nur wir Hardcore-Dub-Nerds, Kankas Zielgruppe sind. Wir, die wir mit ihm in einer Dub-Filterblase stecken und diese Art von Musik zu genießen wissen. Ich gebe zu, dass seine Musik keine Raffinesse besitzt, dass sie keine frischen Ideen enthält und an Minderkomplexität grenzt. Geschenkt. Aber ich schätze das, was aus dem Verzicht all dieser Zutaten erwächst: Eine absolute Konzentration auf das Wesentlich: Bass & Rhythmus. Die Wirkung ist hypnotisierend. Ein Trance-Ritt durch die Abgründe der dunklen Materie. Das Album gibts bei odgprod.com zum kostenlosen Download.

Bewertung: 4 von 5.

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Roots Organisation: Stricktly Recreational

Ich habe es ja schon so oft gesagt: „Instrumentaler Reggae ist ein gigantischer, supranationaler, omnipräsenter Über-Hype!“ Ehrlich! Hier haben wir wieder ein perfektes Beispiel dafür: „Stricktly Recreational“ von der Roots Organisation. Und wieder kommt dieses Bläser-getriebene, fulminante Werk aus den Alpen – wie zuletzt die „Winds of Matterhorn“. Doch anders als die Winde, verortet sich die Wurzel-Organisation mehr im Klangspektrum des Jazz – was immer auch einwenig nach Ska klingt, obwohl die EP frei ist von entsprechenden Rhythmen. Als Produzent zeichnet aDUBta verantwortlich. Er nahm die neunköpfige Band im Grazer Stressstudio live auf – was hilft, den Sound zu erklären. Da ich Blechbläser im Reggae und insbesondere auch im Dub sehr mag und auch viel mit deren Soli anfangen kann, gefällt mir die EP ausnehmend gut. Der Sound ist luftig, die Arrangements äußerst abwechslungsreich und das Tempo beschwingt. Der Mix vermittelt sogar gelegentlich dezent ein wenig Dub-Appeal. Nice.

Bewertung: 4 von 5.
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Dubinator: Police in Helicopter

Regelmäßigen Leser*innen des dubblogs.de und Hörer*innen der „deep in dub“-Playlist auf Spotify gelte ich (hoffentlich) als Verfechter der klassischen Machart von Dubs, basierend auf möglichst in Moll gehaltenem Roots-Reggae. Damit sind weniger die wegweisenden Aufnahmen aus den 1970ern und 1980er gemeint; vielmehr liegen mir entsprechende Neuproduktionen am Herz – vor allem des besseren/weiterentwickelten Sounds und der neuen technischen und daraus resultierenden künstlerischen Möglichkeiten wegen. Und doch gibt es immer wieder mal Ausnahmen von meinem Lieblingsschema: Sound, Bassline und Dub-Technik stimmen, es gibt immer wieder musikalische „aha“-Erlebnisse und wunderbare Sample- und Sound-Überraschungen – aber es ist halt kein Roots-Reggae.

Um genau so ein Ausnahme-Album dreht sich diese Rezension: „Police in Helicopter“ (Echo Beach) vom bislang bis auf eine nicht ganz so gut gelungene EP kaum in Erscheinung getretenen Dubinator. Wer sich hinter diesem Moniker verbirgt und wie er musikalisch sozialisiert wurde wäre zwar interessant, entzieht sich aber jeglicher Recherche – auch das Label selbst hält sich bedeckt, darum soll’s auch uns nicht weiter interessieren. Im Mittelpunkt steht sowieso Dubinator‘s Musik, und die – wage ich es zu sagen? – erinnert mich durchaus an Arbeiten von Lee Scratch Perry und lässt Spekulationen zu, wie er wohl heute klingen könnte, hätte er seine Karriere als Produzent weitergeführt. 

So manchem Leser wird dieser Vergleich einem Sakrileg (wenn nicht gar einer Blasphemie!) gleichkommen – aber hört unvoreingenommen in das Album rein und Parallelen zu Perry’s obskureren Tracks – etwa von der feinen Kompilation „Arkology“ – offenbaren sich. Da wie dort ist der Einsatz von Audiosnippets als Effekt essentiell; was bei LSP etwa Motorengeräusch oder das Muhen eines Rinds ist, kommt beim Dubinator in einer unglaublichen Vielzahl an Samples daher. Für Unterhaltung ist also gesorgt; es gibt bei „Police in Helicopter“, auch nach oftmaligen Hören, viel zu entdecken: Da fliegt der Hubschrauber einmal quer durch den Gehörgang, Sirenen heulen, ein verfremdeter Orchester-Tusch blitzt immer wieder auf, ein Rainmaker rieselt sanft vor sich hin; stellenweise hält scheinbar ein Sopran-Chor einen einzelnen Ton, eine Frau doziert (vermutlich) über die Globalisierung, usw. usf. Wohlgemerkt: Das alles und mehr passiert allein schon im ersten, titelgebenden Track. 

Ein Album wie eine Wundertüte: Man fast gar nicht was da alles zum Vorschein kommt; musikalisch bewegt es sich durch eine Vielzahl an Stilen, die durch Reggae-Elemente und Dub-Techniken zusammengehalten werden. Darüber hinaus kann der Dubinator eine gewisse Neigung zum Dancefloor nicht abstreiten, obwohl er auch mit geistiger Nahrung – sprich literarischen Aufnahmen von Alan Moore, William S. Burroughs oder Yello’s Dieter Meier – aufwarten kann. Weitere Mitwirkende: Dub Pistols‘ Seanie T, Bass-Legende Doug Wimbish, Max Romeo, Dubmatix, Rob Smith, Sly & Robbie als auch die B-52’s in Form feiner Samples. 

Und so ist „Police in Helicopter“ ein erstaunlich vielfältiges Album geworden, für das sich der Dubinator einmal quer durch den Back-Katalog des Echo Beach-Labels gesampelt haben dürfte, inklusive Reminiszenzen an Dubblestandart, On-U Sound und Lee Scratch Perry. Wer also Interesse und Muße hat, dem schickt dieser Release auf eine wunderbar-erstaunliche Entdeckungsreise, die sich insbesondere für Reggae-Enthusiasten lohnt.

Bleibt schlussendlich noch die sehr gelungene Album-Illustration zu erwähnen – eine zeitgemäße Adaption des „They Harder They Come“-Covers, bei dem man schon genauer hinsehen darf um die vermeintlich subtilen Unterschiede wahrnehmen und geniessen zu können. Mir macht sowas Freude und ist sicher mit ein Grund, warum „Police in Helicopter“ als Gesamtpaket eine sehr gute Bewertung verdient hat.

Bewertung: 4.5 von 5.
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DJ Drez: Good Crush Dub Sessions

Dub, gefühlt langsamer als langsam, karg instrumentiert und dazwischen das Gefühl von viel leerem Raum. Das kann man mögen, muss man aber nicht. Ich habe mich für’s erstere entschieden und DJ Drez‘ neues Album „Good Crush Dub Sessions“ (Nectar Drop) in Dauerschleife gehört – wobei ein einzelner Durchgang schon ziemlich lange dauert, zumal der letzte Track ein Continuous Live-Mix ist, der mit einer Länge von gut 48 Minuten aufwartet:

Ich habe seit dem Album „Jahta Beat: The Lotus Memoirs“ den Werdegang von DJ Drez verfolgt, ihn aber in eine mehr oder weniger obskure HipHop/Kirtan/Soundscape/Dub-Ecke gestellt. Und in der Tat, der Mann kommt ursprünglich aus dem HipHop, wie man den rumpelten Drums in vielen seiner Werken anhört. Irgendwann muss er sich in Richtung Yoga und Meditation begeben haben, wie Kirtan-Alben – auf denen seine Frau Marti Nikko die Mantras gibt – nachvollziehen lassen. Aber auch auf diesen kann er seine HipHop-Roots und bisweilen auch eine geheime Vorliebe für Reggae und Dub nicht verbergen.

Diese Vorliebe präsentiert er jetzt auf „Good Crush Dub Sessions“ sozusagen nahezu in Reinform. Klassische Instrumentierung, etwas spartanisch und holprig mit Anklängen von bekannteren Riddims eingespielt, trifft auf gemäßigte Dub-Effekte, alles ziemlich laid-back dargeboten. Mich lässt diese ruhige Gelassenheit mitunter ein wenig nervös werden, in Sinne von „dauert ganz schön lange bis die Snare den nächsten Beat setzt“. Das könnte aber gut zum Praktizieren von Yoga-Asanas passen.

Ich rate allen, sich unvoreingenommen mit diesem Release auseinanderzusetzen. Ich meine, dass er trotz aller traditioneller Machart etwas Spezielles zu bieten hat, wie seht ihr das?

Bewertung: 3.5 von 5.
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Roots of Creation: Dub Free or Die, Vol. 1

Manche Alben entziehen sich vehement der Schubladisierung, entziehen sich der eindeutigen Verortung im musikalischen Universum: Etwa wenn ein Konglomerat aus verschiedenen Musikrichtungen und Spielarten die eindeutige Zuordnung verweigert. Als aktuelles Beispiel dafür könnte „Dub Free or Die, Vol. 1“ (Bombshelter Records) von Roots of Creation dienen. Die Band aus New Hampshire war prä-Corona wohl ein gut gebuchter Live-Act, der sich ob seiner Reggae-Rock-Jam-Hybriden für Festivals mit der vorrangigen Zielgruppe Campus-Jungvolk bestens eignet. Insofern unterscheidet sie herzlich wenig von ihren erfolgreichen Reggae-Rock-Kollegen von der Westküste – Slightly Stupid, Iya Terra, Rebelution & Konsorten. Ob die allerdings auch so nah an ihrem Publikum sind, dass sie die mitgröhl-Basslinie schlechthin im Programm haben, wage ich zu bezweifeln:

So eine Reggae-Dampfhammer-Version von „Seven Nation Army“ funktioniert natürlich live am besten; für uns im direkten Vergleich aber interessanter die auf „Dub Free or Die, Vol. 1“ enthaltene Dub-Version mit markantem Melodica-Einsatz:

Der White Stripes-Titel ist sicher der augenfälligste Track des Albums – steht aber keineswegs stellvertretend für die restlichen Titel, deren Arrangements doch einen Ticken elaborierter sind. Wer also Fan von bombastischen, halsbrecherischen Bläsersätzen, ausufernden Gitarrensoli und mitunter rockigen Drum-Pattern ist, wird seine Freude am von Roots of Creation selbst produzierten Album haben – wird es aber möglicherweise eher als Instrumental-Werk denn als Dub-Release schätzen.

Ja, das hat schon was von Artrock, von Big Bands, von theatralischen Rock-Overtüren á la Jim Steinman – bleibt aber rhythmisch und produktionstechnisch meist im Reggae bzw. Dub verwurzelt. Diese Mischung macht’s wohl aus; sie läßt „Dub Free or Die, Vol. 1“ erfrischend anders klingen. Die Schublade „Außergewöhnliches“ würde sich dafür durchaus anbieten… der geneigte Hörer möge entscheiden.

Bewertung: 3.5 von 5.
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Bob Marley in Dub conducted by Cpt. Yossarian

Bob Marley’s Musik ist wie ein guter Freund. Kennt, vertraut und schätzt man seit langem; begleitet durch Hochs und Tiefs, macht gute Laune oder spendet Trost. Es sind Worte und Töne wie in Stein gemeißelt – so perfekt, dass ihnen nichts mehr hinzuzufügen ist.

Oder so perfekt, dass ihnen niemand etwas anhaben kann: Wir alle kennen Marley-Covers zuhauf, und nur die allerwenigsten werden den Originalen halbwegs gerecht oder können der Komposition einen neuen Aspekt abgewinnen. Zu den wenigen, geglückten Unterfangen muss man das letztjährige Album „BOB“ der Österreichisch/Deutschen Kapelle So&So feat. Captain Yossarian (= Manuel Da Coll, Schlagzeuger von LaBrassBanda) zählen. Es ist der gelungene Versuch, Marley’s Klassiker von einer Blaskapelle interpretieren zu lassen – und zwar, von Drums, Gitarre und Harmonika abgesehen, nahezu ausschließlich von Blasinstrumenten. Da wird die Tuba glatt zum Bass, und das bleibt nicht die einzige Überraschung: Jeder Track featured einen Soloinstrumentalisten – und das sind dann auch schon mal bekannte Musiker*innen von den Biermösl Blosn, der folkshilfe, der Mnozil Brass oder von LaBrassBanda. Was „BOB“ letztlich aber ausmacht ist das Festhalten an den Originalarrangements bei gleichzeitiger maximaler Interpretationsfreiheit. Ein gelungener Spagat, der das Album zurecht aus dem Groß an Marley Covers herausragen lässt:


… und weil das Ganze so schön und facettenreich ist, könnte man doch einen Schritt weiter gehen: Warum also nicht mit dem Material ein Dub Album produzieren? Es braucht dazu nur einen Captain Yossarian, sprich Manuel da Coll, der die Tracks dubbt und das Echo Beach-Label, das für Experimente dieser Art gerne zu haben ist. Das Ergebnis ist jetzt als „Bob Marley in Dub conducted by Cpt. Yossarian“ (Echo Beach) erschienen und führt „BOB“ überraschenderweise wieder in konservativere Gefilde zurück. Der Dub Mix, eher klassisch-zurückhaltend angelegt, zeichnet sich durch das aus, was nicht mehr zu hören ist. Die Spielfreude diverser Blasinstrumente weicht so einer behäbigen Reise durch einen mit Echo und Hall erweiterten Klangraum, der den Wiedererkennungswert der Marley-Klassiker beträchtlich schmälert und damit neuen Klangnuancen eine Chance gibt – etwa wenn die Bass-Tuba die „Exodus“-Bassline zum stampfenden Furiosum geraten lässt. Spätestens dann ist erkennbar, dass die Kombi Marley, Blaskapelle und Dub kein Spaßexperiment ist, sondern „serious business“.

Wer aufgeschlossen ist, ist hier klar im Vorteil. Professionelle Kapellen sorgen mit ihrem künstlerischen Anspruch dafür,  dass Blasmusik jenseits des Dorfjugendorchester-Niveaus ihren Schrecken  verloren hat, und „Bob Marley in Dub conducted by Cpt. Yossarian“ und das wunderbare „BOB“-Album sind dafür ausgezeichnete Beispiele und Belege. Mehr vom Gleichen, bitte!

Bewertung: 4 von 5.