Bass is the Base of Dub! Eine ebenso simple, wie evidente Tatsache. Klar: Bass ist natürlich nicht alles (aber alles ist im Dub ohne Bass nichts!). Aber Bass macht – zumindest bei mir – mindestens fünfzig Prozent dessen aus, was ich an Dub liebe. Alles andere muss sich die verbleibenden Prozent teilen. Und deshalb bin ich ein Fan von Kanka, jenes bescheidenen französischen Dub-Nerds, der seine Musik regelmäßig kostenlos zum Download anbietet. Kanka ist DER Mann des Basses. Abgesehen von Alpha & Omega kenne ich keinen Dub-Artist, der so tonnenschwere Basslines produziert, wie er. In seiner Musik ist Bass die alles durchdringende dunkle Materie. Alles existiert IM Bass, nicht daneben, darüber oder darunter. Der Bass ist allumfassend. Nun ist mit „My Bubble“ sein neues Album erschienen. Ich rate dazu, es auf einem guten HiFi-System – am besten mit voluminösem Subwoofer – anzuhören, die Massage der Eingeweide zu genießen und auch dann nicht abzuschalten, wenn der zu Notreparaturen herbei gerufene Statiker bereits in der Tür steht. Noch besser ist es natürlich, Kanka in einem Live-Soundsystem zu erleben. Der kleine Mann steht in stoischer Ruhe hinter seinem Mischpult, nie hebt sich sein Blick ins Publikum, nie spricht er auch nur ein Wort. Aber die Musik, die er durch die Lautsprechertürme schickt, bringt die Erde zum beben. Der Titel des Albums, „My Bubble“ macht schon klar, dass nur wir Hardcore-Dub-Nerds, Kankas Zielgruppe sind. Wir, die wir mit ihm in einer Dub-Filterblase stecken und diese Art von Musik zu genießen wissen. Ich gebe zu, dass seine Musik keine Raffinesse besitzt, dass sie keine frischen Ideen enthält und an Minderkomplexität grenzt. Geschenkt. Aber ich schätze das, was aus dem Verzicht all dieser Zutaten erwächst: Eine absolute Konzentration auf das Wesentlich: Bass & Rhythmus. Die Wirkung ist hypnotisierend. Ein Trance-Ritt durch die Abgründe der dunklen Materie. Das Album gibts bei odgprod.com zum kostenlosen Download.
Ich habe es ja schon so oft gesagt: „Instrumentaler Reggae ist ein gigantischer, supranationaler, omnipräsenter Über-Hype!“ Ehrlich! Hier haben wir wieder ein perfektes Beispiel dafür: „Stricktly Recreational“ von der Roots Organisation. Und wieder kommt dieses Bläser-getriebene, fulminante Werk aus den Alpen – wie zuletzt die „Winds of Matterhorn“. Doch anders als die Winde, verortet sich die Wurzel-Organisation mehr im Klangspektrum des Jazz – was immer auch einwenig nach Ska klingt, obwohl die EP frei ist von entsprechenden Rhythmen. Als Produzent zeichnet aDUBta verantwortlich. Er nahm die neunköpfige Band im Grazer Stressstudio live auf – was hilft, den Sound zu erklären. Da ich Blechbläser im Reggae und insbesondere auch im Dub sehr mag und auch viel mit deren Soli anfangen kann, gefällt mir die EP ausnehmend gut. Der Sound ist luftig, die Arrangements äußerst abwechslungsreich und das Tempo beschwingt. Der Mix vermittelt sogar gelegentlich dezent ein wenig Dub-Appeal. Nice.
Regelmäßigen Leser*innen des dubblogs.de und Hörer*innen der „deep in dub“-Playlist auf Spotify gelte ich (hoffentlich) als Verfechter der klassischen Machart von Dubs, basierend auf möglichst in Moll gehaltenem Roots-Reggae. Damit sind weniger die wegweisenden Aufnahmen aus den 1970ern und 1980er gemeint; vielmehr liegen mir entsprechende Neuproduktionen am Herz – vor allem des besseren/weiterentwickelten Sounds und der neuen technischen und daraus resultierenden künstlerischen Möglichkeiten wegen. Und doch gibt es immer wieder mal Ausnahmen von meinem Lieblingsschema: Sound, Bassline und Dub-Technik stimmen, es gibt immer wieder musikalische „aha“-Erlebnisse und wunderbare Sample- und Sound-Überraschungen – aber es ist halt kein Roots-Reggae.
Um genau so ein Ausnahme-Album dreht sich diese Rezension: „Police in Helicopter“ (Echo Beach) vom bislang bis auf eine nicht ganz so gut gelungene EP kaum in Erscheinung getretenen Dubinator. Wer sich hinter diesem Moniker verbirgt und wie er musikalisch sozialisiert wurde wäre zwar interessant, entzieht sich aber jeglicher Recherche – auch das Label selbst hält sich bedeckt, darum soll’s auch uns nicht weiter interessieren. Im Mittelpunkt steht sowieso Dubinator‘s Musik, und die – wage ich es zu sagen? – erinnert mich durchaus an Arbeiten von Lee Scratch Perry und lässt Spekulationen zu, wie er wohl heute klingen könnte, hätte er seine Karriere als Produzent weitergeführt.
So manchem Leser wird dieser Vergleich einem Sakrileg (wenn nicht gar einer Blasphemie!) gleichkommen – aber hört unvoreingenommen in das Album rein und Parallelen zu Perry’s obskureren Tracks – etwa von der feinen Kompilation „Arkology“ – offenbaren sich. Da wie dort ist der Einsatz von Audiosnippets als Effekt essentiell; was bei LSP etwa Motorengeräusch oder das Muhen eines Rinds ist, kommt beim Dubinator in einer unglaublichen Vielzahl an Samples daher. Für Unterhaltung ist also gesorgt; es gibt bei „Police in Helicopter“, auch nach oftmaligen Hören, viel zu entdecken: Da fliegt der Hubschrauber einmal quer durch den Gehörgang, Sirenen heulen, ein verfremdeter Orchester-Tusch blitzt immer wieder auf, ein Rainmaker rieselt sanft vor sich hin; stellenweise hält scheinbar ein Sopran-Chor einen einzelnen Ton, eine Frau doziert (vermutlich) über die Globalisierung, usw. usf. Wohlgemerkt: Das alles und mehr passiert allein schon im ersten, titelgebenden Track.
Ein Album wie eine Wundertüte: Man fast gar nicht was da alles zum Vorschein kommt; musikalisch bewegt es sich durch eine Vielzahl an Stilen, die durch Reggae-Elemente und Dub-Techniken zusammengehalten werden. Darüber hinaus kann der Dubinator eine gewisse Neigung zum Dancefloor nicht abstreiten, obwohl er auch mit geistiger Nahrung – sprich literarischen Aufnahmen von Alan Moore, William S. Burroughs oder Yello’s Dieter Meier – aufwarten kann. Weitere Mitwirkende: Dub Pistols‘ Seanie T, Bass-Legende Doug Wimbish, Max Romeo, Dubmatix, Rob Smith, Sly & Robbie als auch die B-52’s in Form feiner Samples.
Und so ist „Police in Helicopter“ ein erstaunlich vielfältiges Album geworden, für das sich der Dubinator einmal quer durch den Back-Katalog des Echo Beach-Labels gesampelt haben dürfte, inklusive Reminiszenzen an Dubblestandart, On-U Sound und Lee Scratch Perry. Wer also Interesse und Muße hat, dem schickt dieser Release auf eine wunderbar-erstaunliche Entdeckungsreise, die sich insbesondere für Reggae-Enthusiasten lohnt.
Bleibt schlussendlich noch die sehr gelungene Album-Illustration zu erwähnen – eine zeitgemäße Adaption des „They Harder They Come“-Covers, bei dem man schon genauer hinsehen darf um die vermeintlich subtilen Unterschiede wahrnehmen und geniessen zu können. Mir macht sowas Freude und ist sicher mit ein Grund, warum „Police in Helicopter“ als Gesamtpaket eine sehr gute Bewertung verdient hat.
Dub, gefühlt langsamer als langsam, karg instrumentiert und dazwischen das Gefühl von viel leerem Raum. Das kann man mögen, muss man aber nicht. Ich habe mich für’s erstere entschieden und DJ Drez‘ neues Album „Good Crush Dub Sessions“ (Nectar Drop) in Dauerschleife gehört – wobei ein einzelner Durchgang schon ziemlich lange dauert, zumal der letzte Track ein Continuous Live-Mix ist, der mit einer Länge von gut 48 Minuten aufwartet:
Ich habe seit dem Album „Jahta Beat: The Lotus Memoirs“ den Werdegang von DJ Drez verfolgt, ihn aber in eine mehr oder weniger obskure HipHop/Kirtan/Soundscape/Dub-Ecke gestellt. Und in der Tat, der Mann kommt ursprünglich aus dem HipHop, wie man den rumpelten Drums in vielen seiner Werken anhört. Irgendwann muss er sich in Richtung Yoga und Meditation begeben haben, wie Kirtan-Alben – auf denen seine Frau Marti Nikko die Mantras gibt – nachvollziehen lassen. Aber auch auf diesen kann er seine HipHop-Roots und bisweilen auch eine geheime Vorliebe für Reggae und Dub nicht verbergen.
Diese Vorliebe präsentiert er jetzt auf „Good Crush Dub Sessions“ sozusagen nahezu in Reinform. Klassische Instrumentierung, etwas spartanisch und holprig mit Anklängen von bekannteren Riddims eingespielt, trifft auf gemäßigte Dub-Effekte, alles ziemlich laid-back dargeboten. Mich lässt diese ruhige Gelassenheit mitunter ein wenig nervös werden, in Sinne von „dauert ganz schön lange bis die Snare den nächsten Beat setzt“. Das könnte aber gut zum Praktizieren von Yoga-Asanas passen.
Ich rate allen, sich unvoreingenommen mit diesem Release auseinanderzusetzen. Ich meine, dass er trotz aller traditioneller Machart etwas Spezielles zu bieten hat, wie seht ihr das?
Manche Alben entziehen sich vehement der Schubladisierung, entziehen sich der eindeutigen Verortung im musikalischen Universum: Etwa wenn ein Konglomerat aus verschiedenen Musikrichtungen und Spielarten die eindeutige Zuordnung verweigert. Als aktuelles Beispiel dafür könnte „Dub Free or Die, Vol. 1“ (Bombshelter Records) von Roots of Creation dienen. Die Band aus New Hampshire war prä-Corona wohl ein gut gebuchter Live-Act, der sich ob seiner Reggae-Rock-Jam-Hybriden für Festivals mit der vorrangigen Zielgruppe Campus-Jungvolk bestens eignet. Insofern unterscheidet sie herzlich wenig von ihren erfolgreichen Reggae-Rock-Kollegen von der Westküste – Slightly Stupid, Iya Terra, Rebelution & Konsorten. Ob die allerdings auch so nah an ihrem Publikum sind, dass sie die mitgröhl-Basslinie schlechthin im Programm haben, wage ich zu bezweifeln:
So eine Reggae-Dampfhammer-Version von „Seven Nation Army“ funktioniert natürlich live am besten; für uns im direkten Vergleich aber interessanter die auf „Dub Free or Die, Vol. 1“ enthaltene Dub-Version mit markantem Melodica-Einsatz:
Der White Stripes-Titel ist sicher der augenfälligste Track des Albums – steht aber keineswegs stellvertretend für die restlichen Titel, deren Arrangements doch einen Ticken elaborierter sind. Wer also Fan von bombastischen, halsbrecherischen Bläsersätzen, ausufernden Gitarrensoli und mitunter rockigen Drum-Pattern ist, wird seine Freude am von Roots of Creation selbst produzierten Album haben – wird es aber möglicherweise eher als Instrumental-Werk denn als Dub-Release schätzen.
Ja, das hat schon was von Artrock, von Big Bands, von theatralischen Rock-Overtüren á la Jim Steinman – bleibt aber rhythmisch und produktionstechnisch meist im Reggae bzw. Dub verwurzelt. Diese Mischung macht’s wohl aus; sie läßt „Dub Free or Die, Vol. 1“ erfrischend anders klingen. Die Schublade „Außergewöhnliches“ würde sich dafür durchaus anbieten… der geneigte Hörer möge entscheiden.
Bob Marley’s Musik ist wie ein guter Freund. Kennt, vertraut und schätzt man seit langem; begleitet durch Hochs und Tiefs, macht gute Laune oder spendet Trost. Es sind Worte und Töne wie in Stein gemeißelt – so perfekt, dass ihnen nichts mehr hinzuzufügen ist.
Oder so perfekt, dass ihnen niemand etwas anhaben kann: Wir alle kennen Marley-Covers zuhauf, und nur die allerwenigsten werden den Originalen halbwegs gerecht oder können der Komposition einen neuen Aspekt abgewinnen. Zu den wenigen, geglückten Unterfangen muss man das letztjährige Album „BOB“ der Österreichisch/Deutschen Kapelle So&So feat. Captain Yossarian (= Manuel Da Coll, Schlagzeuger von LaBrassBanda) zählen. Es ist der gelungene Versuch, Marley’s Klassiker von einer Blaskapelle interpretieren zu lassen – und zwar, von Drums, Gitarre und Harmonika abgesehen, nahezu ausschließlich von Blasinstrumenten. Da wird die Tuba glatt zum Bass, und das bleibt nicht die einzige Überraschung: Jeder Track featured einen Soloinstrumentalisten – und das sind dann auch schon mal bekannte Musiker*innen von den Biermösl Blosn, der folkshilfe, der Mnozil Brass oder von LaBrassBanda. Was „BOB“ letztlich aber ausmacht ist das Festhalten an den Originalarrangements bei gleichzeitiger maximaler Interpretationsfreiheit. Ein gelungener Spagat, der das Album zurecht aus dem Groß an Marley Covers herausragen lässt:
… und weil das Ganze so schön und facettenreich ist, könnte man doch einen Schritt weiter gehen: Warum also nicht mit dem Material ein Dub Album produzieren? Es braucht dazu nur einen Captain Yossarian, sprich Manuel da Coll, der die Tracks dubbt und das Echo Beach-Label, das für Experimente dieser Art gerne zu haben ist. Das Ergebnis ist jetzt als „Bob Marley in Dub conducted by Cpt. Yossarian“ (Echo Beach) erschienen und führt „BOB“ überraschenderweise wieder in konservativere Gefilde zurück. Der Dub Mix, eher klassisch-zurückhaltend angelegt, zeichnet sich durch das aus, was nicht mehr zu hören ist. Die Spielfreude diverser Blasinstrumente weicht so einer behäbigen Reise durch einen mit Echo und Hall erweiterten Klangraum, der den Wiedererkennungswert der Marley-Klassiker beträchtlich schmälert und damit neuen Klangnuancen eine Chance gibt – etwa wenn die Bass-Tuba die „Exodus“-Bassline zum stampfenden Furiosum geraten lässt. Spätestens dann ist erkennbar, dass die Kombi Marley, Blaskapelle und Dub kein Spaßexperiment ist, sondern „serious business“.
Wer aufgeschlossen ist, ist hier klar im Vorteil. Professionelle Kapellen sorgen mit ihrem künstlerischen Anspruch dafür, dass Blasmusik jenseits des Dorfjugendorchester-Niveaus ihren Schrecken verloren hat, und „Bob Marley in Dub conducted by Cpt. Yossarian“ und das wunderbare „BOB“-Album sind dafür ausgezeichnete Beispiele und Belege. Mehr vom Gleichen, bitte!
Wer sich nur ein wenig für Reggae interessiert, kommt an typischen Nyahbinghi Chants nicht vorbei. Meine ersten Kontakte mit Nyahbinghi Songs waren tatsächlich „Rastaman Chant“ von Bob Marley & The Wailers, gefolgt von Bunny Wailers „This Train“, Cultures „So long Babylon a fool I“, IJahmans „Zion Hut“, Bob Marleys „Babylon System“ und selbstverständlich Alben von Ras Michael (Dadawah) und das Paradeexemplar schlechthin: Count Ossie & The Mystic Revelation of Rastafari „Grounation“. Selbst Jimmy Cliff eröffnete seine 1980er Konzerte mit dem Nyahbinghi Chant „Bongo Man“. Der Musikstil, den der 1976 verstorbene Rasta und Percussionist Oswald Williams alias Count Ossie zusammen mit The Mystic Revelation of Rastafari seit seinen frühen Anfängen in den späten 1950er Jahren bis zum bahnbrechenden Meilenstein „Grounation“ (1973) und darüber hinaus schufen, stellt bis heute das Fundament der „Kings-Music“, sprich des Roots Reggae. Die Nyahbinghi-Séancen, auch Reasonings oder Grounations genannt, übten einen enorm großen Einfluss auf fast alle jamaikanischen Musiker aus, von Prince Buster, Rico, Cedric „IM“ Brooks, Tommy McCook bis Bob Marley und vielen anderen Foundation Artists. Selbst Keith Richards von den Rolling Stones, ein ausgesprochener Reggae Fan, ist vom klassischen Nyahbinghi Sound begeistert und hat darum in den frühen 1990ern zwei Alben der Wingless Angels – eine Gruppe um Justin Hinds – produziert. Seit 1993 kennt beinahe jeder Musikfreund der Welt wenigstens einen Nyahbinghi Song, nämlich „Oh Carolina“ in der Version von Shaggy. Das von Prince Buster 1958 mit den Folkes Brothers und Count Ossies Afro-Combo produzierte Original wurde 1960 veröffentlicht.
Nyahbinghi leitet sich übrigens von einer ostafrikanischen Territorialbewegung ab, die sich dem europäischen Imperialismus widersetzte und von 1850 bis 1950 in verschiedenen afrikanischen Staaten aktiv war. Diese Bewegung inspirierte in den 50er Jahren ebenfalls viele Jamaikaner sich gegen den britischen Kolonialismus zu widersetzen. Von Jamaika aus erhielt diese Musik dann ihren Namen und wurde zur musikalischen Säule der Rasta-Religion und ihrer Anhänger.
Kommen wir zum eigentlichen Projekt von „Tsadqan: Dub Meditation“, das Dub-Album zu „The Tsadiq Nyahbinghi“. Das aktuelle Album führt uns weit in die Zeit zurück, in der der Nyahbinghi-Stil zum Leben erweckt wurde. Die klassische Instrumentierung: Thunder, Funde und Repeater oder auch Kete genannt, wurde durch elektrischen Bass, sparsam eingesetzten Gitarrensoli und Keyboardinterludes zu einzigartigen Melodien zusammengefügt. Dadurch entstand eine schöne neue Mischung, in der sich Tradition und Neuzeit zu einer einzigartigen Atmosphäre verschmelzen. „Dub Meditation“ enthält zwölf Tracks, pro Track je zwei Dubs, im klassischen Nyahbinghi-Dub-Stil. Die ersten zehn Tracks wurden vom hier nicht unbekannten Nick Manasseh in seinem neuen Londoner Studio dezent, soll heißen: ohne große Dub-Spielereien, gemixt. Bei den letzen beiden Titeln des Albums handelt es sich um zwei unveröffentlichte Bonustracks aus dem Opus „Shakaroot meets Tsadqan“ und hier durfte Petah Sunday sein Mixing-Talent zeigen. Die ersten zehn Tracks sind unveröffentlichte Dub-Cuts aus dem 2020 erschienenen Album „Tsadqan – The Tsadiq Nyahbinghi“, die bis jetzt zurückgehalten und nur bei wenigen Live-Auftritten gespielt wurden.
Wer sich auf diesen typischen, unverfälschten Sound einlässt, wird die meditative Wirkung am eigenen Körper erfahren und sich wie auf den Schwingen eines Adlers in die Lüfte erheben und dahingleiten. Der Sound ist wahrlich back to the Cradle of Roots Music made in Basel, Switzerland.
Die meisten Dub-Alben gehorchen einer durchgehende Stilistik – vom ersten bis zum letzten Track. Ist das Logic-Pro-Setting ein mal gefunden, kann es von Track zu Track kopiert werden. Das Kollaborationsprojekt der beiden Produzenten Ksanti & Owl Trackers: „Time Lapse“ bricht mit diesem Muster und gleicht vielmehr einer Reise durch verschiedene Stile, musikalische Einflüsse, Stimmungen und Tempi. Das Spektrum reicht von sanftem Steppers, über indische Einflüsse bis zu Lo-Fi- und Electro-Dub. Und das in nur vier Tracks (und einem Zwischenspiel)!
Bei Ksanti & Owl Trackers handelt es sich um zwei französisch Produzenten. Ksanti ist ein Dubmaker aus Bordeaux, mit Vorliebe für progressiven Steppers und musikalischen Experimenten in Richtung Electro, Chill und manchmal Lo-Fi Sounds. Owl Trackers ist hingegen ein Dubmaker aus der Pariser Region, der Dub mit Electro-, Trip-Hop- oder Techno-Einflüssen verbindet und zu faszinierenden Sound-Landschaften verwebt.
„Time Lapse“ führt uns im Zeitlupentempo durch diese Landschaften. Die Dubs strahlen eine ungemein kontemplative Ruhe aus während zugleich ein Gefühl der Erhabenheit entsteht, mit dem wir auf die Schönheit der imaginären musikalischen Landschaft blicken. Klingt etwas schwülstig, macht aber – wenn man sich darauf einlässt – den großen Reiz dieser vier Tracks aus. Hört mal rein. Der Download ist kostenlos.
Seit geraumer Zeit scheint es internationaler Trend zu sein, aktuellen Produktionen einen eindeutigen Zeitstempel zu verpassen – im Sinne von „back to the past“: Das Teil klingt zwar wie aus den 1970ern oder 1980ern, ist aber brandneu. Mitunter entsteht der Eindruck, dass man mit Musik zu tun hat, die originaler als das Original tönt. Sämtliche Ingredienzien, die anno dunnemal Reggae auf seinen Weg zum Zenit begleiteten, werden aufgeboten, um den Hörer*innen eine Déjà-vu-Erlebnis der besonderen Art zu bieten: Vintage-Instrumente und -Studioequipment, klassische Arrangements und ein Songwriting, wie man es heute im Genre nicht mehr kennt. Voilá: Alles wie in der guten alten Zeit, nur viel besser.
Wer sich so eine Produktion antut, muss seine Hausaufgaben gemacht haben und sich intensiv mit den historischen Aufnahmen auseinandergesetzt haben; muss wissen, wie man diesen speziellen Sound aus Instrumenten und Mischpult raus kitzelt; muss sich in die klassisch-genrespezifische Stimmführung bzw. deren Arrangements vertieft haben – Reggae-Pflichtfächer, sozusagen. Das kommt in etwa einem Uni-Abschluss im Fach „Vintage Reggae 101“ gleich, und ich ziehe meinen Hut vor jedem, der sich so gründlich mit der Materie auseinandersetzt.
Chapeau also vor Roberto Sanchez aka Lone Ark, der diese Aufgabe perfekt gemeistert und als Produzent verinnerlicht hat – wie man unter anderem auf Earl Sixteen’s „Natty Farming“ oder Ras Teo’s „Ten Thousand Lions“ nachhören kann, inklusive wunderbar-erdiger Dub Versionen. Nun ist Sanchez aber nicht nur Instrumentalist und Toningenieur mit eigenem Studio, er steht auch als Sänger vor’m Mikro – man erinnere sich nur an seine etwas steifen Vocals, die er als Frontmann seiner Basque Dub Foundation eingesungen hat. Dieses Manko hat er inzwischen behoben, wie man auf seinem neuen Release „Lone Ark Meets The 18th Parallel: Showcase Vol. 1“ nachhören kann:
Wunderbar, der Rezensent könnte nicht zufriedener sein: Superbe Produktion; klares, bodenständiges und druckvolles Mixing; Echo & Hall fliegen herrlich tief und nicht zuletzt: Schöne, weiche Vocals transportieren Harmonien im typischen Vokal-Trio-Stil. Und doch kommt gerade bei obigen „Build an Ark (Extended Mix)“ ein seltsames Gefühl auf. Hab‘ ich das nicht schon mal gehört? Der Chorus scheint von den Wailing Souls, die Strophen von Black Uhuru… ist das nicht die Gesangslinie von „Shine Eye Gal„? Der Text beginnt sogar ähnlich: „I rise early looking some tea…“ (Michael Rose) vs. „Early in the morning while I make i-self a cup of tea…“ (Roberto Sanchez). Hmmm… Stirnrunzeln ist angesagt – geht’s noch jemanden so?
Ob beabsichtigt oder nicht, Wiederholungen oder Ähnlichkeiten sind wohl unvermeidbar beim historisch akkuraten Heraufbeschwören der glorreichen alten Zeiten. Letztlich kann es aber nie zu viel des Guten sein, und wir haben mit dem Lone Ark/ The 18th Parallel-Showcase Vol. 1 einen sehr gelungenen Release vor uns, der vorbehaltlos weiterempfohlen werden kann – insbesondere auch was die Dubs betrifft: Sanchez läßt hier die Snare durch die Soundszenerie rollen, der Gesang spuckt stakkatoartig Echos aus – KingTubby hätte es vermutlich nicht anders gemacht. Mir dämmert: Man muß die Welt nicht beständig neu erfinden; manchmal ist es auch wohltuend, die alten Qualitäten aufzubereiten und damit ein Stück Geschichte im hier & jetzt zu zelebrieren. Soll heissen: Nach Vol. 1 kommt bekanntlich Vol. 2, und ich freu mich jetzt schon d’rauf.
Wir Dubheads leben in unserer kleinen, hermetischen Dub-Blase und feiern unser very, very special interest Sub-Genre als den Nabel der Welt. Einen Nabel, dessen Existenz 99,999999 Prozent der Menschheit allerdings noch nicht einmal erahnen. Im Vergleich zu Rock, Pop und Hip Hop lebt die Musik, um die wir Zeitlebens kreisen, absolut in Verborgenen. Geradezu zynisch ist diese Unbekanntheit angesichts der Tatsache, dass die Abkömmlinge von Dub, wie z. B. Discomixes, Remixes oder Bass Music, längst Teil des Mainstreams geworden sind. Aber was soll’s? Solange es noch Musiker und Produzenten gibt, die unsere Blase mit Nachschub versorgen, kann es uns ja egal sein, ob die Welt da draußen Notiz von uns nimmt. Und doch … Irgendwie regt sich der Missionar in mir: „Hey Leute, hört euch das hier mal an. Es wird euer Leben verändern!“. Na, ja, man wird träumen dürfen. Aber in der Tat eröffnet sich gerade eine fantastische Chance, zwar nicht dem Mainstream, aber doch musikinteressierten Menschen außerhalb unserer Blase einen Blick auf die Schönheit von Dub zu gewähren: „Late Night Tales Presents Version Excursion Selected by Don Letts“. Late Night Tales ist eine Compilation-Reihe, die seit 2001 Artists und DJs einlädt, tief in ihre persönliche Sammlung einzutauchen und den „ultimate late night mix“ zu kuratieren. Vor 20 Jahren war das ein komplette neues und äußerst beliebtes Konzept. Wir erinnern uns z. B. an die äußerst populäre KJ Kicks-Reihe, oder an die legendären Fabric-Compilations. Was diese CD-Serien damals so interessant machte: Mit aufwändigem Marketing richteten sie sich an ein aufgeschlossenes Musikpublikum und ermöglichten den versammelten Genre-Produktionen eine unvergleichliche Reichweite. Im Spotify-Zeitalter ist das vielleicht nicht mehr ganz so bedeutsam – funktioniert aber immer noch. Deshalb ist es schon etwas ganz Besonderes, wenn eine Serie wie „Late Night Tales“ (laut GQ der „Rolls Royce unter den Serien“) den DJ, Radio-DJ und Filmemacher Don Letts einlädt, ein Dub-Album zu kuratieren.
Wer, wenn nicht Don Letts, wäre der perfekte Mann, um dieses missionarische Crossover anzuführen, steht er doch seit je her für die Mischung diverser Musikkulturen und Dub. “A disciple of sound system, raised on reggae n’ bass culture my go to sound was dub. Besides being spacious and sonically adventurous at the same time, its most appealing aspect was the space it left to put yourself ‘in the mix’ underpinned by Jamaica’s gift to the world – bass. But that’s only half the story as the duality of my existence meant I was also checking what the Caucasian crew were up to not to mention the explosion of black music coming in from the States.“ Erläutert Don Letts seinen musikalischen Hintergrund und fährt fort: „That’s why „Late Night Tales Presents Version Excursion“ crosses time, space and genre, from The Beach Boys to The Beatles, Nina Simone to Marvin Gaye, The Bee Gees to Kool & The Gang, The Clash to Joy Division and beyond. You’d think it impossible to draw a line between ‚em? But not in my world. Fortunately, the ‘cover version’ has played an integral part in the evolution of Jamaican music and dub covers were just a natural extension.”
Was für eine coole Idee! Da Dub – zumindest in Letts Auffassung – Remix bedeutet, offeriert er hier ausschließlich Versions von Songs, die außerhalb des Reggae entstanden sind. Ein starkes Konzept, das nicht nur ästhetisch eine Runde Sache, sondern ideal geeignet ist, ein Mainstream-Publikum außerhalb des Reggae anzusprechen.
Ja, Don Letts ist der Missionar, der ich gerne wäre. Sich seiner Chance bewusst, begnügte er sich zudem keineswegs damit, eine schnöde Titelliste bei Late Night Tales einzureichen, sondern macht aus seiner kleinen Dub-Ausstellung ein richtiges Meisterwerk, indem er das Remix-Prinzip von Dub nicht nur zum Prinzip seiner Auswahl an Cover Versions, sondern auch zum Prinzip seiner Präsentation machte. Deshalb sind 13, seiner 21 Tracks „Exclusives“, also Remixe, bzw. Re-Dubs historischer Produktionen, die von Leuten wie Mad Professor, Scientist oder Dennis Bovell erstellt wurden.
Tja, der Mann ist konzeptverliebt – bin ich aber auch und kann daher seine Late Night Tales Version Excursions nur in den höchsten Tönen loben. Da die ganze Sache mit ordentlichem Budget und viel Marketing und aufgezogen wird, gibt es auch ein unterhaltsames Video, in dem Letts die Kriterien seiner Auswahl erläutert und ein paar Anekdoten zu den einzelnen Titeln zum Besten gibt. Cooler Typ und reichlich eloquent. Ein geborener Ambassador of Dub.