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Nat Birchall meets Al Breadwinner: Tradition Disc in Dub

Der britische Saxophonist/Flötist Nat Birchall feierte bereits 2019 sein zwanzigjähriges Bestehen als Bandleader. Sein Spezialgebiet ist eigentlich zeitgenössischer, spiritueller Jazz im Stile von John Coltrane. Bevor Nat Birchall zum Jazz wechselte, war Reggae seine große Leidenschaft und ist es gewissermaßen auch heute noch. Er wuchs in den 1970ern auf, Reggaes Belle Epoque, als der Stil den Ton angab, der als „Roots-Reggae“ in die Musikgeschichte eingehen sollte. Birchall unternahm fast wöchentlich Einkaufstouren von seiner ländlichen Heimat Lancashire im Norden Englands in das nahe gelegene Liverpool, um die neuesten Jamaika Importe in den Fachgeschäften der Stadt zu kaufen. In einem Interview berichtete Nat Birchall: „Ich habe mein ganzes Geld für diese Platten ausgegeben und die meisten Leute in meinem Dorf kommentierten meinen Musikgeschmack mit: „Was zum Teufel ist das denn? Du bist aber schräg drauf!“
Für Birchalls musikalische Entwicklung ebenso prägend war Count Ossie (Oswald Williams), der Mann, der den typischen Nyahbinghi-Percussionsstil entwickelte, den Rastas bei ihren tagelangen Grounations spielen. Ein wesentliches und exemplarisches Beispiel dieser fabelhaften Grounations, in Rockfort nahe Wareika Hill im Osten Kingstons, ist die in nur drei aufeinanderfolgenden nächtlichen Sessions eingespielte „(Count Ossie &) The Mystic Revelation Of Rastafari – Grounation“ (Ashanti, 1973). Diese Triple-LP genießt einen sehr hohen Stellenwert in Birchalls Plattensammlung als auch seiner Musikwelt. Bei den meisten dieser legendären Aufnahmen war Cedric „IM“ Brooks sowohl Arrangeur als auch am Tenorsaxophon zu hören. Auf dem Meilenstein „Grounation“, der in keiner seriösen Sammlung fehlen sollte, ist der Jazz-Einfluss offenkundig und sprudelt aus jeder Rille – außer bei den Narrations. Die führenden Saxophonisten dieser Ära: Cedric „IM“ Brooks, Tommy McCook, Roland Alphonso weckten Nat Birchalls Interesse für dieses Instrument und beeinflussten ihn stark in seinem Entschluss, Saxophon zu spielen.
Im Jahr 2018 gründete dann Nat Birchall zusammen mit dem in Manchester ansässigen Dub-Produzenten Al Breadwinner „Tradition Disc“. Das Label veröffentlichte bisher die beiden, nicht nur in Fachkreisen hochgelobten, Alben Nat Birchall meets Al Breadwinner feat. Vin Gordon: „Sounds Almighty“ und Vin Gordon: „African Shores”.
Nun folgt der dritte Streich: Nat Birchall meets Al Breadwinner: „Tradition Disc in Dub” (Tradition Disc). Was wir diesmal serviert bekommen, ist ein richtig relaxtes Dub-Album mit schönen Nyahbinghi-Percussions à la Mystic Revelation Of Rastafari und klassischen Dub à la King Tubby. Wie nicht anders zu erwarten, ist „Tradition Disc in Dub” wieder ein sehr schönes, qualitativ hochwertiges Album geworden, das sicherlich auch all denen gefallen wird, die bereits „Soul Almighty” und „African Shores” zu schätzen wissen/wussten.
„Tradition Disc in Dub” wurde wieder mit Tape und analogem Equipment eingespielt. So wie wir das schon seit einigen Jahre von Al Breadwinner gewohnt sind. An der Besetzung wurde nichts Wesentliches verändert: Nat Birchall und Al Breadwinner spielen sämtliche Instrumente, außer Posaune (Vin Gordon) oder Trompete (David Fullwood von den Crispy Horns). Das neue Werk wird meines Erachtens eine ähnliche Begeisterung hervorrufen wie seine Vorgänger, die ich allen nur ans Herz legen kann. Herrlich rootsige Riddims, schöne Horn-Sections, schwere Bass-Lines, Nyahbinghi-Percussions und wie in einer Schlangengrube zischelnde Drums im klassischen flying Cymbals-Style ziehen in ihren Bann. Wie auf dem Album-Cover bereits zu erwarten, hören wir eine Hommage an die guten alten King Tubby/Bunny Lee/Augustus Pablo/Aggrovators Zeiten. Es herrscht eine milde, schon beinahe sanftmütige, magische Stimmung. Auf jeden Fall machen diese Dubs im klassischen Stil immer noch richtig Laune und sind so hinreißend, dass sie selbst einer Steinkopfstatue auf den Osterinseln ein Lächeln auf das Gesicht zaubern könnten.

Bewertung: 4 von 5.

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C Jones meets Ale X: Kalimba is my Telephone in Dub

Man sieht sich immer zweimal. Habe ich eben noch Robbie Ost von den Go East-Studios einen „nicht sonderlich beeindruckenden Mix“ unterstellt, biegt ein neues Album um die Ecke, dass mir die Ohren schlackern lässt – im allerpositivsten Sinn, wohlgemerkt. Ich habe selten einen so schön ausbalancierten Mixdown gehört – und das obwohl hier offensichtlich Soundschicht über Soundschicht gelegt und ein wunderbarer analoger Dub-Effekt dem anderen folgt. Das Ganze ergibt ein dicht verwobenes Netz an Klängen, dass auch nach dem x-ten Mal hören immer noch neues, Ungehörtes offenbart. Und ja, an diesem wirklich beeindruckenden Mix hat Robbie Ost mitgewirkt und er findet sich auf dem Album „C Jones meets Ale X: Kalimba is my Telephone in Dub“ (Echo Beach).

Ich habe vollstes Verständnis für alle, denen weder Artist noch Albumtitel etwas sagen; mir ging’s nicht anders. Deshalb hier ein Schnelldurchlauf: Ale X ist Ali Tersch, Drummer von Dubblestandart und Supermax, der auch mit Steel Pan-Musiker Courtney Jones und Flötistin Lore Grutschnig als Trio „Steel Pan meets Kalimba“ unterwegs war. Während die trinidadische Steel Pan allgemein bekannt sein dürfte, handelt es sich bei der Kalimba um das afrikanische “Daumenklavier“, das heute noch in Simbabwe zeremoniell benutzt wird um mit den Ahnen in Verbindung zu treten. Ali Tersch und Lore Grutschnig haben das Instrument weiterentwickelt und als elektrifizierte Versionen bei Auftritten eingesetzt: 

Fünf Jahre nach dem Tod von Courtney Jones hat Ali Tersch aka Ale X jetzt Studioaufnahmen des Trios finalisiert. Ursprünglich als regulärer Release geplant, entstand beim langwierigen Mischen der Tracks die Idee eines Dub-Albums. Dessen Titel „Kalimba is my Telephone in Dub“, so Ale X, steht metaphorisch für den Kontrast zwischen neuester digitaler und jahrtausendealter musikalischer Kommunikation – letztlich ist er aber auch Ausdruck der Verbundenheit mit dem verstorbenen Courtney Jones.

Electro Dub? World Dub? Ale X wehrt sich gegen die Schubladisierung – und in der Tat fällt eine Zuordnung der Musik schwer. Erinnerungen an die mittlerweile bereits 20 Jahre alte Howie B/Sly & Robbie Produktion „Drum & Bass Strip to the Bone“ werden geweckt – könnte man das neue Album als eine zeitgemäße Weiterentwicklung dieses Konzepts unter Einsatz der heutigen technischen Möglichkeiten begreifen? Ale X sieht den Vergleich als Kompliment; waren und sind Sly & Robbie für ihn nach wie vor federführend. Tatsächlich hat er nicht nur mit den ursprünglichen Studioaufnahmen gearbeitet, sondern auch mit Audio-Snippets und Field Recordings, die u.a. bei Reisen – etwa in Indien – entstanden sind. Die Hauptrollen kommen aber den Elektro-Kalimbas und der Steel Pan zu – beide waren für den Rezensenten mitunter erst nach oftmaligem Hören als solche erkennbar. Das macht auch den Reiz des Albums aus: Steel Pan, Flöte, Kalimbas, Percussions – alles mit an Bord; aber niemals „in your face!“, sondern diffizil im Mix integriert und verwoben, sodass sich immer wieder neue Nuancen offenbaren.

Deshalb dem Album eine naive-liebliche, vielleicht sogar belehrende Ethno-World Music-Mentalität zu unterstellen, wäre ein fataler Fehler: Ale X sorgt mit Loops und Beats für anständigen Groove und nutzt Dub-Techniken nicht nur für einzelne Effekte, sondern als Stilmittel – oder als eigenständiges Instrument, wenn man so will. Das Ganze ergibt zusammen ein wunderbares Klangpaket, das sich anfänglich vielleicht etwas spröde zeigt – nur um sich dann nach und nach zu öffnen und seine vielen Klanggeheimnisse preiszugeben. Letztlich kein Dub-Album im konservativsten Sinn – aber ein gehaltvolles, durch & durch gelungenes Debut eines versierten Musikers.

(…und für die extrem schöne Cover Art leg’ ich doch glatt noch einen halben Stern d’rauf)

Bewertung: 4.5 von 5.

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Five Star Review

The Higher Notes: Double Salute

Nein, das ist beim besten Willen kein Dubalbum, aber gleich vorweg eines der besten Instrumentalalben, die ich in letzter Zeit zu hören bekam. Das Album von The Higher Notes: „Double Salute“ (Roots Unity Music) wächst mit jedem Hören und ist wortwörtlich ein „Double Salute“, eine ganz tiefe Verbeugung und Ehrenbezeugung an die Anfänge und die Helden unserer Lieblingsmusik. Was The Higher Notes im Amsterdamer Earth Works Studio geschaffen haben, wird sowohl unsere alten, bereits verstorbenen Helden Tommy McCook, Roland Alphonso, Jackie Mittoo als auch die Produzenten dieser Ära Coxsone Dodd, Duke Reid, Leslei Kong und Prince Buster im Jenseits in Verzückung versetzen – falls dies möglich ist. Der Gedanke gefällt mir jedenfalls. Die insgesamt elf Ska- und Rocksteady-Tunes, von denen nur zwei Coverversionen (Smoke Rings; Solitude) sind, strotzen nur so vor Musikalität und Hooklines, denen sich eigentlich nur ein Gehörloser entziehen kann. Was die Earth Works Posse um Jan „King“ Cooper, Ras P (Peter Klaasen), Uta J. Maruanaya unter Beihilfe von Richard „High Notes“ De Ruige und Milan Van Wingerden hier abliefern, ist aller Ehren wert. Darüber hinaus ist „Double Salute“ eine wunderbare Hommage an den herrlich warmen, sorgfältig arrangierten und orchestrierten Bigband-Sound der 1950er Jahre, der von Vertretern wie Duke Ellington, Benny Goodman, Count Basie, Glen Miller und Eric Dean gespielt wurde, um nur ein paar Größen zu nennen. Jan „King“ Cooper, Ras P (Peter Klaasen), Uta J. Maruanaya haben so viel Zeit, Perfektion und Herzblut in das Projekt „Double Salute“ gesteckt, dass es eine wahre Freude ist, dem Werk zu lauschen. Nichts wurde dem Zufall überlassen, Band und Produzent haben mit größter Sorgfalt die passenden Instrumente, analogen Verstärker und Mikrofone ausgewählt. Selbst auf die Mikrofonplatzierung wurde großes Augenmerk gelegt, um einen möglichst authentischen Klang zu erzeugen. Meines Erachtens ist das perfekt gelungen. Für mich passt auf diesem Meisterwerk jeder kleinste Ton.

Bewertung: 5 von 5.
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Irie Miah & the Massive Vibes: Dub Conference

Die gute alte Dub Conference, 1976 von Harry Mudie und King Tubby ins Leben gerufen, tagt immer noch. Heute am Rednerpult: Irie Miah & the Massive Vibes, auf dem Podium einige von Deutschlands profiliertesten Dub-Mixern: The Dubvisionist, Dr. Mabuse, MrtnDrms, Biba Sattadub und Chris Sattadub vom Kunterbunt Soundsystem sowie The Dub Ape himself. Auf „Dub Conference“ (Gemelo) erörtern sie die Tracks des Miah-Albums „Times of Trouble“ von 2018. Während der eine Hall ins Feld führt, kontert der andere mit Echo, mancher dreht alle Spuren auf, andere schalten sie nach ausgeklügeltem Plan ab. Die musikalischen Argumente fliegen hin und her, alle sehr kreativ erdacht und akribisch formuliert. Doch trotz aller Kontroversen sind sich alle Podiumsteilnehmer bei einer Sache einig: beim Bass. Hier wagt niemand Abstriche zu machen. Ein Kompliment gilt auch dem technischen Konferenzteam hinter den Kulissen: Der Sound der Übertragung ist fantastisch. Einen Mitschnitt der Konferenz gibt es auf Vinyl. Inzwischen wird sie dann auch weltweit ausgestreamt.

Bewertung: 4 von 5.

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Destroy Babylon: Dub of Ages Vol. 2: DB Meets Prince Polo

Wenn sich eine Band nach einem Bad Brains Track benennt, kann man im Grunde schon mit ziemlicher Sicherheit voraussagen, woher der Wind weht. Destroy Babylon sind fünf Freunde aus Boston, Massachusetts, die sowohl im Reggae/Dub-, Hip-Hop- und Post-Punk-Ethos ihre musikalischen Wurzeln haben. Das Album „Dub of Ages Vol. 2: DB Meets Prince Polo“ ist zwar bereits 2010 entstanden, was dem Ganzen aber keinen Abbruch tut.
Alleine das geniale Cover erinnert mich an die fantastische Cover-Gestaltung eines Tony McDermott, mit der er viele Scientist Alben aus dessen Anfangsphase unverkennbar machte. Billy Szeflinski alias Prince Polo, ist ein in Brooklyn, NY ansässiger Dub-Produzent, Musiker und Sound-Engineer. Er ist schon seit den späten 90ern unter anderem im Reggae aktiv und hat als Toningenieur in den Kennel Studios schon eine beachtliche Anzahl von Werken einiger Reggae-Künstler abgemischt. Die Liste reicht von: Eek A Mouse, Lee Perry, I Wayne, Rebelution und andere. Selbst Clive Chin von VP Records hat eine große Anzahl von Originalbändern, die über 30 Jahre im Studio in Jamaika verstaubten, zur Restaurierung in Prince Polos Obhut übergeben, was auch den Stellenwert Prince Polos unter amerikanischen Sound-Engineers zeigt. Da lag es doch für Destroy Babylon nahe, den Sound-Wizard aus Brooklyn auch einmal einige Tracks ihres Repertoires veredeln zu lassen. Prinz Polos große Stärke liegt in seinen Fertigkeiten am Mischpult. Als Engineer ist er in Bestform, wenn er die Freiräume voll ausnutzt, um elektrisierende Soundtopografien zu erschaffen. Im Gegensatz zu vielen anderen Dub-Produzenten nutzt Prince Polo seine besonderen Fähigkeiten, um die Mixing-Techniken auch auf andere Genres (z. B. Cumbia) als Dub/Reggae anzuwenden. Somit ist er auch hier mehr als prädestiniert, die etwas punkigen Rhythmen der Destroy Babylon zu einer punky-dubby-Party zu verknüpfen.
„Don’t Use Your Mind on Me“, „Old Version Way“ und „Angry People“ sind im Ursprung Originale von Keith Hudson, einem sträflich unterschätzten Produzenten aus den frühen Tagen des Reggaes, wie ich meine. Keith Hudson war übrigens der Erste, der ein Reggae-Konzeptalbum auf den Markt brachte. „In Your Easy Chair (Mr. President)“ haben Lee Perry und The Heptones komponiert und „Journey Of Dub“ stammt aus der Feder der Pianistin/Harfenistin Alice Coltrane. Somit ist auch klar, dass wir ein im Reggae relativ seltenes Instrument zu hören bekommen, die Harfe. Sie ist auch in „Blue Eyes Vulture“ zu hören. Trotz vieler Cover-Versions bekommen wir keinen schalen Aufguss alter, reichlich bekannter Tracks geboten, sondern ein richtig schönes, abwechslungsreiches Dub-Album. Mir taugt’s richtig!

Bewertung: 4 von 5.
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Paolo Baldini Dubfiles meets Dubblestandart: Dub Me Crazy

Letztlich kann ich Releases nur anhand der zeitlichen Entwicklung der Künstler halbwegs (!) objektiv einschätzen. So festigt sich meine Meinung zu einem Album tatsächlich erst dann, wenn ich auch dessen Vorgänger und dessen Nachfolger gehört habe. Ohne diesen Vorher-nachher-Vergleich erschließt sich mir lediglich ein spontaner Eindruck; nicht mehr als eine Momentaufnahme ohne Bezugspunkt – und ich stehe nicht an zu sagen, dass das mitunter die bescheidene Grundlage für meine Rezensionen im dubblog ist. Bei Debuts funktioniert diese vergleichende Kritik per se nicht; bei allen anderen stelle ich die Frage, was sich im Laufe von drei aufeinander folgenden Album-Releases geändert hat. Gab es einen Richtungswechsel, personelle Veränderungen, verschiedene Produzenten oder Mixing-Engineers? Bewegen sich die Alben in unterschiedlichen Klangwelten, gibt es divergierende Konzepte oder vielleicht gar Qualitätsschwankungen; in welchem Verhältnis steht das jeweilige Werk zur musikalischen Realität seiner Zeit? Kurzum: Ich lote aus, wie und in welchem Ausmaß eine durch verschiedene Umstände bedingte (Weiter-)Entwicklung stattgefunden hat. Schlussendlich beschäftigen wir uns mit einem kreativen Bereich, mit Kunst – und die ist per se nicht statisch.

Bei Paul Zasky und seinem Dubblestandart-Konglomerat konnte man unlängst durchaus eine künstlerische Entwicklung festzustellen, wenn auch leider eine rückläufige – gab es doch zuletzt mit dem Album „Dubblestandart & Firehouse Crew present Reggae Classics“ einen unerwarteten, veritablen Qualitätseinbruch. Wir erinnern uns: Weder Zasky noch die Firehouse Crew waren der Aufgabe gewachsen, Monumente der Reggae-Geschichte neu zu interpretieren. Auch Mixmeister Robbie Ost ist mit seinem nicht sonderlich beeindruckenden Mix mehr oder weniger gescheitert – vermutlich war aus den Aufnahmen, die im krassen Gegensatz zum feinen Vorgänger-Album „Dub Realistic“ stehen, nicht mehr rauszuholen. Ein Paolo Baldini hingegen, der wie Zasky Bassist ist und auf eine ähnlich lange Geschichte im Reggae-Business zurückblicken kann, entzieht sich meines Erachtens einem zeitlichen Vergleich: Seine Produktionen und Dub Mixes, von „Paolo Baldini Dubfiles at Song Embassy Papine Kingston 6“ über Mellow Moods „Large Dub“ bis hin zum „Dolomite Rockers“-Release zeichnen sich durch eine durchwegs gleichbleibend hohe Qualität aus – was sowohl die kreativen als auch soundtechnischen Aspekte betrifft.

Just die beiden hat das Echo Beach-Label jetzt für ein Albumlänge zusammengespannt: „Paolo Baldini Dubfiles meets Dubblestandart“ featured ältere und neuere Dubblestandart-Tracks, die Baldini mit Dub-Mixes überarbeitet hat. Nicht wirklich überraschend funktioniert diese Kombi ausnehmend gut und ich bin versucht, dem italienische Dub-Mixer den „Midas Touch“ anzudichten: Es scheint sich alles, was er in seinem Studio anfasst, zu musikalischem Edelmetall zu verwandeln. 

Wie macht der Kerl das? Ich kann nur vage Vermutungen anstellen; aber vor meinem geistigen Auge verteilt Baldini erst mal eine Handvoll Dreck auf die Tracks und nimmt damit der Musik die Dubblestandart-eigene Perfektion, die mitunter in Sterilität mündet. „Squeaky clean“ ist wohl der passende Anglizismus dafür. Als nächstes dürfte Baldini die Tracks auseinanderklamüsern um das Gute vom weniger Guten zu trennen – nur um dann den einen oder anderen neuen Sound wieder behutsam hinzuzufügen, ohne dass aus dem Musikstück ein nicht wiederzuerkennender Mutant wird. Das Resultat ist ein hörbar gut durchlüftetes Basismaterial, in das er seine Dub-Effekte bestens platzieren kann. 

Dieser Prozess – wie auch immer er in der Realität tatsächlich aussehen mag – wirkt wie eine Verjüngungskur, zumal Paolo Baldini beim Dub-Mixing mit einer gefühlten Portion Respektlosigkeit an die Sache herangeht: Das ist nichts vorsichtig oder mit Bedacht platziert; Echo und Hall drängen sich oft frech in den Vordergrund und erinnern ein wenig – wag‘ ich es zu sagen? – an die Dub-Techniken eines King Tubby, dessen größtes Asset ebenfalls eine gewisse Respektlosigkeit gegenüber der Musik und der Studiotechnik war. Guter Dub muss auch heute noch vom Dub-Mixer mit Verve umgesetzt und mit Leben erfüllt werden; andernfalls es zu Studio-Totgeburten kommt, die an Langweile, Lustlosigkeit und kalter Sterilität nicht zu überbieten sind. Es würde mich daher nicht wundern, wenn Baldini diese Dubs live erarbeitet hat: ganz old-school, sprich spontan und kreativ am analogen Board. 

Dass Dubblestandart ihre Tracks gern für Remixe aus der Hand geben, ist bekannt und wirkt sich oft wohltuend erfrischend auf ihre Musik aus. Man erinnere sich an die Remix-Schlacht rund um den Marcia Griffiths-Feature „Holding You Close“, der mit sage und schreibe 22 Versionen zu Buche schlägt, darunter der großartige Alpendub-Remix. In den großen Kreis der Dubblestandart-Kollaborateure reiht sich jetzt also auch Paolo Baldini ein und lässt es sich nicht nehmen, „Holding You Close“ einen weiteren Dub-Anstrich zu verpassen. Bei der restlichen Titel-Auswahl für „Paolo Baldini Dubfiles meets Dubblestandart“ beschränkt er sich auf Tracks der letzten vier regulären Dubblestandart-Releases – inklusive zwei der unglückseligen Aufnahmen mit der Firehouse Crew, die auch hier trotz offensichtlicher Bemühungen nur wie Wiedergänger wirken. Der Rest aber lebt auf, atmet sich frei und vibriert durch „Acres of Space“. Ein kleines, rettendes Dub-Wunder, dass die Messlatte für seinen Nachfolger hoch gelegt hat. 

Bewertung: 4 von 5.
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Five Star Review Zweite Meinung

Manasseh Meets Praise

Die Versuche, Reggae – insbesondere Dub – und klassische „E-Musik“ zu kreuzen, sind zwar rar – dafür aber umso spannender. Der Erste, der die Herausforderung meiner Meinung nach gemeistert hat, war 2006 Matthias Arfmann, als er für die Deutsche Grammophon das Oeuvre von Herbert von Karajan remixte. Seither ist viel geschehen. Ich erinnere nur an die Op’ra-Alben des Opernsängers Uli E. Neuens oder an Matos „Classical Dub“ aus dem letzen Jahr. Ging es bei diesen Alben stets um die Neuinterpretation klassischer Werke, so gibt es auch noch eine andere Form des Crossovers, bei der die Integration „klassischer“ Instrumente wie Geige, Querflöte oder Violine in die Dub-Soundsphäre im Vordergrund steht. Violinbwoy legte vor zwei Jahren ein düsteres Werk vor, das eher vom Kontrast zwischen Violine und Bass lebte, als von deren harmonischer Vereinigung. Aber jetzt gibt es eine neue Klassik/Dub-Benchmark: „Manasseh Meets Praise“ (Roots Garden). Unfassbar sanfte und doch druckvolle Reggae-Beats äußerst harmonisch, ja geradezu kongenial, umspielt von feinsten Violinen- und Viola-Klängen. Manchmal gesellen sich sogar noch eine Flöte und Harmoniegesang dazu. Klingt kitschig und sentimental? Aber nur auf dem Papier. Im Ohr ist es einfach nur schön. Ja, es ist eine im ursprünglichen Wortsinn sinfonische Musik – was sich selbst bei Arfmann nur mit Einschränkung behaupten lässt. Über Manasseh muss ich nicht viele Worte verlieren. Der Mann ist legendärer Dub-Veteran und Producer par excellence. Ich liebe seine Musik, seit ich in den 1990ern sein Album „Dub the Millennium“ gehört habe. Bei Praise handelt es sich um einen klassisch ausgebildeten Violinisten mit einem ausgeprägten Faible für Reggae. Seit rund zehn Jahren verschwinden Nick Manasseh und Praise regelmäßig im Studio und nehmen diese wunderbaren Instrumentals auf. Nun war es endlich an der Zeit, das entstandene Material in die Welt zu entlassen und Menschen wie mich damit zu beglücken. Ich bin mir sicher, dass die Meinungen über dieses Werk weit auseinander gehen werden. Aber wie immer man dazu stehen mag, so ist es doch wunderbar zu sehen, welche stilistischen Extreme unser Lieblingsgenre in sich aufnehmen kann.

Lest auch die Rezension von gtkriz.

Bewertung: 5 von 5.

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Pickout All Star Band: Revelation Dub

Im November letzten Jahres erschien Milton Blakes Album „Temporary Obstacle“ (Pickout), produziert von Lloyd Dennis. Dennis gründete 1987 „Pickout Recordings“ in Kingston und später „Pickout Records“ in London. Inzwischen scheint er komplett im UK tätig zu sein, jedenfalls wurde Blakes Album dort aufgenommen. Um genau zu sein: Im Conscious Sounds-Studio mit Dougie Wardrop im Control Tower und Mafia & Fluxy, und vor allem Russ Disciples, an Logic Pro. Während Blake klassische Reggae-Songs zum Besten gibt, lieferte vor allem Russ D. ordentlichen Steppers Style mit Schmackes und Wumms, der in den sechs Dubs des Showcase-Albums bestens zur Geltung kommt. Aber da war offenbar noch mehr möglich, weshalb nun auf der Basis von „Temporary Obstacle“ ein reines Dub-Album das Licht der Welt erblickte, das äußerlich alle Verbindungen zu Blakes Album negiert: Pickout All Star Band – „Revelation Dub“ (Pickout Recordings). Anderer Titel, völlig anderes Cover-Design (schrecklich übrigens) und alle Tracks tragen neue Titel, – obwohl ihre Reihenfolge beibehalten wurde. Immerhin handelt es sich nicht einfach um die gesammelten Dubs von „Temporary Obstacle“. Alle Dubs wurden neu gemischt – ich nehme an von Dougie Conscious – und liegen jeweils in zwei Cuts vor. Wirkt auf den ersten Blick alles recht lieblos, aber die Dubs haben es in sich. Fetter, fetter Sound, dynamisch, crisp und wuchtig, routiniertes aber effektvolles Dub-Mixing und superbes Mastering. Das Album erschien als rein digitaler Release, below the line und ohne PR-Begleitung. Die einzige Werbung besteht aus folgendem Satz auf Bandcamp: „This is a very good roots reggae dud album“ (sic). Aber deshalb gibt es ja den dubblog, damit ihr solche Dub-Perlen nicht einfach überseht.

Bewertung: 4 von 5.

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Tommy Guerrero feat. Chuck Treece: Dub Session

Ein weiterer Paradiesvogel gefällig? Es gibt Menschen, die leben ihr Leben und machen einfach alles aus Spaß an der Freud’. Tommy Guerrero, ein waschechter Straßenkünstler aus der Bay Area, ist so einer. Der in San Francisco geborene, charismatische Skater tauchte Ende der 1980er in der Szene als jüngstes Mitglied des legendären Skateboardteams „Bones Brigade” in Frisco auf. Als Street-Skater ist Tommy Guerrero in der Skateboard-Welt hochgeschätzt, aber auch als Designer (Levi’s; Vans; Converse) ist er enorm erfolgreich. Einige Jahre später startete er dann mit der Veröffentlichung seines Debütalbums „Loose Grooves & Bastard Blues“ (1998) seine Karriere als Musiker. Das Album verkaufte sich enorm gut und etablierte nun auch seine außerordentliche Stellung in der Musikszene. Guerrero gilt mittlerweile als versierter Bassist und Gitarrist mit extrem unterschiedlichen musikalischen Einflüssen wie John Coltrane, Joy Division, Bad Brains, Gabor Szabo, Augustus Pablo, King Tubby und viele andere.
2019 hat es Tommy Guerrero zusammen mit Chuck Treece, seinem Kumpel aus alten Skatertagen, gewagt, etwas völlig anderes als „das Herkömmliche” auszuprobieren. In einem Interview äußerte er sich auf die Frage, warum er jetzt ein Album wie „Dub Session” gemacht habe: „Ich bin es leid, jedes Mal das Gleiche zu tun. Ich habe es satt, Gitarre zu spielen und all das, was ich sonst so tue. Manchmal bin ich einfach müde von mir selbst und kann meine eigene Stimme nicht mehr hören.” Darum hat er seinem alten Freund und Weggefährten Chuck Treece vorgeschlagen: „Let’s make a dub album.” Und schwups, zogen sie sich für zwei Tage ins Studio zurück und werkelten daran. Chuck Treece übernahm Schlagzeug sowie Percussions und Tommy Guerrero spielte die Basslines, Gitarren und sämtliche Keyboards. „Um geistig fit zu bleiben, müssen wir immer kreativ sein. Dazu müssen wir uns stetig verändern, um nicht müde von uns selbst zu werden… Natürlich ist es immer schwierig, seine Komfortzone zu verlassen. Viele Menschen, die an die üblichen Klänge gewöhnt sind, werden immer kritisieren. Aber das ist mir egal.” Bei mir läuft Tommy Guerrero mit dieser – schon beinahe – sturen Haltung offene Türen ein. Er überschreitet damit weiterhin alle Grenzen und bewahrt gleichzeitig das Hippie-Erbe in und aus der San Francisco Bay.

Übrigens: Chuck Treece kennen wir Dubheads bereits vom hier besprochenen Album “Ras Asana“.

Bewertung: 3.5 von 5.
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Five Star Review

Tubby Isiah: Rising High

Ich bin hier ja bekanntlich derjenige, der die Steppers-Fahne hoch hält – und ich habe ein neues Lieblingsalbum: Tubby Isiah, „Rising High“ (Moonshine Recordings). Tubby who? Cooler Name, der sofort klar macht, worum es geht – um Dub nämlich. Aber wer steckt dahinter? Im Web findet sich die Info, dass es sich um das neue Projekt von Javon Ives und seinem Dad, Jason Ives handele. Javon Who? Das kann ein so engstirniger Dubhead wie ich natürlich nicht wissen: Javon Ives ist ein Soul-R ‚n’ B-Produzent und -Sänger. Vielleicht steht Paps ja auf Reggae und Dub, was der Grund für „Rising High“ sein könnte. Doch wie dem auch sei, die beiden haben ein wirklich gutes Dub-Album geschaffen. Offenbar wissen sie, was sie tun. Mit „Steppers“ ist übrigens keineswegs alles zu den Tracks gesagt. Es gibt auch schöne, sanfte One Drop-Beats. Sogar ein leicht Dub-Techno-inspiriertes Stück ist zu hören. Insgesamt aber alles maximal harmonisch, weich, warm und bassig. Da das Werk zudem noch ein schickes Cover ziert, vergebe ich hier guten Gewissens fünf Sterne.

Bewertung: 5 von 5.